Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 2

Part 16

Chapter 163,794 wordsPublic domain

»O, lassen Sie ihn doch, Doktor,« rief die Kranke ängstlich, »lassen Sie ihn doch, bringen Sie ihn nicht auf! Er ist mein Freund, Carlo wird mir nichts Böses tun, was ihm auch die schlechten Menschen wieder von mir gesagt haben.«

»Ha! Du wagst es noch zu spotten! Aber wisse, ein Blitzstrahl hat die Tore deines Geheimnisses gesprengt und hat die Nacht erhellt, in welcher ich wandelte. Also darum sollte ich nicht wissen, was du warst, woher du kamst? Darum verschlossest du mir den Mund mit deinen Küssen, wenn ich nach deinem Leben fragte? Ich Tor! Daß ich von einer Weiberstimme mich bezaubern ließ und nicht bedachte, daß sie nur Trug und Lug ist! Nur im Gesang des Mannes wohnt Kraft und Wahrheit. ~Ciel!~ Wie konnte ich mich von den Rouladen einer Dirne betören lassen!«

»O Carlo,« flüsterte die Kranke, »wenn du wüßtest, wie deine Worte mein Herz verwunden, wie dein schrecklicher Verdacht noch tiefer dringt als der Stahl des Mörders!«

»Nicht wahr, Täubchen,« schrie jener mit schrecklichem Lachen, »deine Amorosi sollten blind sein, da wäre gut mit ihnen spielen? Der Pariser muß doch ein wackerer Kerl sein, daß er endlich doch noch das fromme Täubchen fand!«

»Jetzt aber wird es mir doch zu bunt, Herr,« rief der Doktor und packte den Rasenden am Rock; »auf der Stelle marschier' Er sich zu dem Zimmer hinaus, sonst werde ich die Hausleute rufen, daß sie Ihn expedieren!«

»Ich gehe schon, Erdenwurm, ich gehe,« schrie jener und stieß den Medizinalrat zurück, daß er ganz bequem in einem Fauteuil niedersaß; »ja ich gehe, Giuseppa, um nimmer wiederzukehren. Lebe wohl oder stirb lieber, Unglückliche, verbirg deine Schmach unter der Erde. Aber jenseits verbirg deine Seele an einem Ort, wo ich dir nie begegnen möge; ich würde der Seligkeit fluchen, wenn ich sie mit dir teilte, weil du mich hier so schändlich um meine Liebe, um mein Leben betrogen.« Er rief es, indem er noch etwas weniges mit den Noten agierte, aber sein wildes, rollendes Auge schmolz in Tränen, als er den letzten Blick auf die Geliebte warf, und schluchzend rannte er aus dem Zimmer.

»Ihm nach, halten Sie ihn auf,« rief die Sängerin, »führen Sie ihn zurück, es gilt meine Seligkeit!«

»Mit nichten, Wertgeschätzte,« entgegnete Doktor Lange, indem er sich aus seinem Lehnstuhl aufrichtete; »diese Szene darf nicht fortgespielt werden. Ich will Ihnen etwas Niederschlagendes aufschreiben, das Sie alle Stunden zwei Eßlöffel voll einnehmen werden.«

Die Unglückliche war in ihre Kissen zurückgesunken, und ihre Kräfte waren erschöpft, sie verlor das Bewußtsein von neuem.

Der Doktor rief das Mädchen und suchte mit ihrer Hilfe die Kranke wieder ins Leben zurückzubringen, doch konnte er sich nicht enthalten, während er die Essenzen einflößte, das Mädchen tüchtig auszuschmälen. »Habe ich nicht befohlen, man solle niemand, gar niemand hereinlassen, und jetzt läßt man diesen Wahnsinnigen zu, der Ihr braves Fräulein beinahe zum zweitenmal ums Leben brachte.«

»Ich habe gewiß sonst niemand hereingelassen,« sprach die Zofe weinend; »aber _ihn_ konnte ich doch nicht abweisen; sie schickte mich ja heute schon dreimal in sein Haus, um ihn zu beschwören, nur auf einen kleinen Augenblick zu kommen; ich mußte ja sogar sagen, sie sterbe und wolle ihn vor ihrem Tode nur noch ein einziges Mal sehen!«

»So? Und wer ist denn dieser --«

Die Kranke schlug die Augen auf. Sie sah bald den Doktor, bald das Mädchen an, ihre Blicke irrten suchend durchs Zimmer. »Er ist fort, er ist auf ewig hin,« flüsterte sie; »ach, lieber Doktor, gehen Sie zu Bolnau!«

»Aber, mein Gott, was wollen Sie nur von meinem unglücklichen Kommerzienrat, er hat sich über Ihre Geschichte schon genug alteriert, daß er zu Bette liegen muß; was kann denn er Ihnen helfen?«

»Ach, ich habe mich versprochen,« erwiderte sie, »zu dem fremden Kapellmeister sollen Sie gehen, er heißt Boloni und logiert im Hotel de Portugal.«

»Ich erinnere mich, von ihm gehört zu haben,« sprach der Doktor, »aber was soll ich bei diesem tun?«

»Sagen Sie ihm, ich wolle ihm alles sagen, er soll nur noch einmal kommen -- doch nein, ich kann es ihm nicht selbst sagen; Doktor, wenn Sie -- ja ich habe Vertrauen zu Ihnen, ich will Ihnen alles sagen, und dann sagen Sie es wieder dem Unglücklichen, nicht wahr?«

»Ich stehe zu Befehl; was ich zu Ihrer Beruhigung tun kann, werde ich mit Freuden tun.«

»Nun, so kommen Sie morgen frühe, ich kann heute nicht mehr so viel sprechen. Adieu, Herr Medizinalrat; doch noch ein Wort; Babette, gib dem Herrn Doktor sein Tuch!«

Das Mädchen schloß einen Schrank auf und reichte dem Doktor ein Tuch von gelber Seide, das einen starken, angenehmen Geruch im Zimmer verbreitete.

»Das Tuch gehört nicht mir,« sprach jener, »Sie irren sich, ich führe nur Schnupftücher von Leinwand.«

»Unmöglich!« entgegnete das Mädchen; »wir fanden es heute nacht am Boden, ins Haus gehört es nicht, und sonst war noch niemand da als Sie.«

Der Doktor begegnete den Blicken der Sängerin, die erwartungsvoll auf ihm ruhten. »Könnte nicht dieses Tuch jemand anderem entfallen sein?« fragte er mit einem festen Blick auf sie.

»Zeigen Sie her,« erwiderte sie ängstlich, »daran hatte ich noch nicht gedacht.« Sie untersuchte das Tuch und fand in der Ecke einen verschlungenen Namenszug; sie erbleichte, sie fing an zu zittern.

»Es scheint, Sie kennen dieses Tuch und die Person, die es verloren hat,« fragte Lange weiter; »es könnte zu etwas führen; darf ich es nicht mit mir nehmen? Darf ich Gebrauch davon machen?«

Giuseppa schien mit sich zu kämpfen; bald reichte sie ihm das Tuch, bald zog sie es ängstlich und krampfhaft zurück. »Es sei,« sagte sie endlich; »und sollte der Schreckliche noch einmal kommen und mein wundes Herz diesmal besser treffen, ich wage es; nehmen Sie, Doktor. Ich will Ihnen morgen Erläuterungen zu diesem Tuche geben.«

5.

Man kann sich denken, wie ausschließlich diese Vorfälle die Seele des Medizinalrats Lange beschäftigten. Seine sehr ausgebreitete Praxis war ihm jetzt ebensosehr zur Last, als sie ihm vorher Freude gemacht hatte, denn verhinderten ihn nicht die vielen Krankenbesuche, die er vorher zu machen hatte, die Sängerin am andern Morgen recht bald zu besuchen und jene Aufschlüsse und Erläuterungen zu vernehmen, denen sein Herz ungeduldig entgegenpochte? Doch zu etwas waren diese Besuche in dreißig bis vierzig Häusern gut, er konnte, wie er zu sagen pflegte, hinhorchen, was man über die Bianetti sage, vielleicht konnte er auch über ihren sonderbaren Liebhaber, den Kapellmeister Boloni, eines oder das andere erfahren.

Ueber die Sängerin zuckte man die Achseln. Man urteilte um so unfreundlicher über sie, je ärgerlicher man darüber war, daß so lange nichts Offizielles und Sicheres über ihre Geschichte ins Publikum kam. Ihre Neider -- und welche ausgezeichnete Sängerin, wenn sie dazu schön und achtzehn alt ist, hat deren nicht genug? -- ihre Neider gönnten ihr alles und machten hämische Bemerkungen; die Gemäßigten sagten: so ist es mit solchem Volke; einer Deutschen wäre dies auch nicht passiert. Ihre Freunde beklagten sie und fürchteten für ihren Ruf beinahe noch mehr als für ihre Gesundheit. Das arme Mädchen! dachte Lange und beschloß, um so eifriger ihr zu dienen.

Vom Kapellmeister wußte man wenig, weder Schlechtes noch Gutes. Er war vor etwa drei Vierteljahren nach B. gekommen, hatte sich im Hotel de Portugal ein Dachstübchen gemietet und lebte sehr eingezogen und mäßig. Er schien sich von Gesangstunden und musikalischen Kompositionen zu nähren. Alle wollten übrigens etwas Ueberspanntes, Hochfahrendes an ihm bemerkt haben; die, welche ihn näher kennen gelernt hatten, fanden ihn sehr interessant, und schon mancher Musikfreund soll sich ein Couvert an der Abendtafel im Hotel de Portugal bestellt haben, nur um seine herrliche Unterhaltung über die Musik zu genießen. Aber auch diese kamen darin überein, daß es mit Boloni nicht ganz richtig sei, denn er vernachlässige, verachte sogar den weiblichen Gesang, während er mit Entzücken von Männerstimmen, besonders von Männerchören spreche Er hatte übrigens keine näheren Bekannten, keinen Freund; von seinem Verhältnis zur Sängerin Bianetti schien niemand etwas zu wissen.

Den Kommerzienrat Bolnau fand er noch immer unwohl und im Bette; er schien sehr niedergeschlagen und sprach mit unsicherer, heiserer Stimme allerlei Unsinn über Dinge, die sonst gänzlich außer seinem Gesichtskreise lagen. Er hatte eine Sammlung berühmter Rechtsfälle um sich her, in welcher er eifrig studierte; die Frau Kommerzienrätin behauptete, er habe die ganze Nacht darin gelesen und hie und da schrecklich gewinselt und gejammert. Seine Lektüre betraf besonders die unschuldig Hingerichteten, und er äußerte gegen den Medizinalrat, es liege eigentlich für den Menschenfreund ein großer Trost in der Langsamkeit der deutschen Justiz; denn es lasse sich erwarten, daß, wenn ein Prozeß zehn und mehrere Jahre daure, die Unschuld doch leichter an den Tag komme, als wenn man heute gefangen und morgen gehangen werde.

Die Sängerin Bianetti, für welche der Doktor endlich ein Stündchen erübrigt hatte, war düster und niedergeschlagen, als sei keine Hoffnung mehr für sie auf Erden. Ihr Auge war trübe, sie mußte viel geweint haben, die Wunde war über alle Erwartung gut; aber mit ihrem zunehmenden körperlichen Wohlbefinden schien die Ruhe und Gesundheit ihrer Seele zu schwinden. »Ich habe lange darüber nachgedacht,« sagte sie, »und fand, daß Sie, lieber Doktor, doch auf höchst sonderbare Weise in mein Schicksal verwebt werden. Ich kannte Sie vorher nicht; ich gestehe, ich wußte kaum, daß ein Medizinalrat Lange in B. existiere. Und jetzt, da ich mit einem Schlage so unglücklich geworden bin, sendet mir Gott einen so teilnehmenden, väterlichen Freund zu.«

»Mademoiselle Bianetti,« erwiderte Lange, »der Arzt hat an manchem Bette mehr zu tun, als nur den Puls an der Linken zu fühlen, Wunden zu verbinden und Mixturen zu verschreiben. Glauben Sie mir, wenn man so allein bei einem Kranken sitzt, wenn man den innern Puls der Seele unruhig pochen hört, wenn man Wunden verbinden möchte, die niemand siehet, da wird auf wunderbare Weise der Arzt zum Freunde, und der geheimnisvolle Zusammenhang zwischen Körper und Seele scheint auch in diesem Verhältnis auffallend zu wirken.«

»So ist es,« sprach Giuseppa, indem sie zutraulich seine Hand faßte; »so ist es, und auch meine Seele hat einen Arzt gefunden. Sie werden vielleicht viel für mich tun müssen. Es möchte sein, daß Sie sogar vor den Gerichten in meinem Namen handeln müssen. Wenn Sie einem armen Mädchen, das sonst gar keine Stütze hat, dieses große Opfer bringen wollen, so will ich mich Ihnen entdecken.«

»Ich will es tun,« sprach der freundliche Alte, indem er ihre Hand drückte.

»Aber bedenken Sie es wohl; die Welt hat meinen Ruf angegriffen, sie klagt mich an, sie richtet, sie verdammt mich. Wenn nun die Menschen auch auf Sie höhnisch deuten, daß Sie der verrufenen Sängerin, der schlechten Italienerin, ach! _meiner_ sich angenommen haben, werden Sie das ertragen können?«

»Ich will es!« rief der Doktor mit Ernst und Heftigkeit. »Erzählen Sie!«

6.

»Mein Vater,« erzählte die Sängerin, »war Antonio Bianetti, ein berühmter Violinspieler, der Ihnen aus jüngeren Jahren nicht unbekannt sein kann, denn sein Ruf hatte durch die Konzerte, die er an Höfen und in großen Städten gab, sich überall verbreitet. Ich kann mir ihn nur noch aus meiner frühesten Kindheit denken, wie er mir die Skala vorgeigte, die ich schon im dritten Jahre sehr richtig nachsang. Meine Mutter war zu ihrer Zeit eine vorzügliche Sängerin gewesen und pflegte in den Konzerten des Vaters einige Arien und Kanzonetten vorzutragen. Ich war vier Jahre alt, als mein Vater auf der Reise starb und uns in Armut zurückließ. Meine Mutter mußte sich entschließen, durch Singen uns fortzubringen. Sie heiratete nach einem Jahr einen Musiker, der ihr von Anfang sehr geschmeichelt haben soll, nachher aber zeigte es sich, daß er sie nur geheiratet, um ihre Stimme zu benützen. Er wurde Musikdirektor in einer kleinen Stadt im Elsaß, und da fing erst unser Leiden recht an.

»Meine Mutter bekam noch drei Kinder und verlor ihre Stimme so sehr, daß sie beinahe keinen Ton mehr singen konnte. Dadurch war die größte Geldquelle meines Stiefvaters versiegt, denn seine Konzerte waren nur durch meine Mutter glänzend und zahlreich gewesen. Er plagte sie von jetzt an schrecklich; mir wollte er gar nicht mehr zu essen geben, bis er endlich auf ein Mittel verfiel, mich brauchbar zu machen. Er marterte mich ganze Tage lang und geigte mir die schwersten Sachen von Mozart, Gluck, Rossini und Spontini ein, die ich dann Sonntagsabend mit großem Applaus absang; das arme Schepperl, so hatte man meinen Namen Giuseppa verketzert, wurde eines jener unglücklichen Wunderkinder, denen die Natur ein schönes Talent zu ihrem größten Unglück gegeben hat; der Grausame ließ mich alle Tage singen, er peitschte mich, er gab mir tagelang nichts zu essen, wenn ich nicht richtig intoniert hatte; die Mutter aber konnte meine Qualen nicht mehr lange sehen, es war, als ob ihr Leben in ihren stillen Tränen dahinfließe; an einem schönen Frühlingsmorgen fanden wir sie tot. Was soll ich Sie von meinen Marterjahren unterhalten, die jetzt anfingen? Ich war elf Jahre alt und sollte die Haushaltung führen, die kleinen Geschwister erziehen, und dabei noch singen lernen für die Konzerte! O, es war eine Qual der Hölle!

»Um diese Zeit kam oft ein Herr zu uns, der dem Vater immer einen Sack voll Fünffrankstücke mitbrachte. Ich kann nicht ohne Grauen an ihn denken. Es war ein großer, hagerer Mann von mittlerem Alter; er hatte kleine blinzelnde, graue Augen, die ihn durch ihren unangenehmen, stechenden Ausdruck vor allen Menschen, die ich je gesehen, auszeichnete. Mich schien er besonders liebgewonnen zu haben. Er lobte, wenn er kam, meine Größe, meinen Anstand, mein Gesicht, meinen Gesang. Er setzte mich auf seine Knie, obgleich mich ein unwillkürliches Grauen von ihm wegdrängte; er küßte mich trotz meines Schreiens, er sagte wohlgefällig: ›Noch zwei -- drei Jahr, dann bist du fertig, Schepperl!‹ Und er und mein Stiefvater brachen in ein wildes Lachen bei dieser Prophezeiung aus. An meinem fünfzehnten Geburtsfest sagte mein Stiefvater zu mir: ›Höre, Schepperl, du hast nichts, du bist nichts, ich geb' dir nichts, ich will nichts von dir, habe auch hinlänglich genug an meinen drei übrigen Rangen; die Christel (meine Schwester) wird jetzt statt deiner das Wunderkind. Was du hast, dein bißchen Gesang, hast du von mir, damit wirst du dich fortbringen. Der Onkel in Paris will dich übrigens aus Gnade in sein Haus aufnehmen.‹ -- ›Der Onkel in Paris?‹ rief ich staunend, denn bisher wußte ich nichts von einem solchen. ›Ja, der Onkel in Paris,‹ gab er zur Antwort, ›er kann alle Tage kommen.‹

»Sie können sich denken, wie ich mich freute; es ist jetzt drei Jahre her, aber noch heute ist die Erinnerung an jene Stunden so lebhaft in mir, als wäre es gestern gewesen. Das Glück, aus dem Hause meines Vaters zu kommen, das Glück, meinen Onkel zu sehen, der sich meiner erbarme, das Glück, nach Paris zu kommen, wo ich mir den Sitz des Putzes und der Seligkeit dachte, -- ich war berauscht von so vielem Glück; so oft ein Wagen fuhr, sah ich hinaus, ob nicht der Onkel komme, mich in sein Reich abzuholen. Endlich fuhr eines Abends ein Wagen vor unserem Hause vor. ›Das ist dein Onkel,‹ rief der Vater; ich flog hinab, ich breitete meine Arme aus nach meinem Erretter -- grausame Täuschung! Es war der Mann mit den Fünffrankenstücken.

»Ich war beinahe bewußtlos in jenen Augenblicken, aber dennoch vergesse ich die teuflische Freude nie, die aus seinen grauen Augen blitzte, als er mich hoch aufgewachsen fand; noch immer klingt mir seine krächzende Stimme in den Ohren: ›Jetzt bist du recht, mein Täubchen, jetzt will ich dich einführen in die große Welt.‹ Er faßte mich mit der Hand, mit der andern warf er einen Geldsack auf den Tisch; der Sack fuhr auf, ein glänzender Regen von Silber- und Goldstücken rollte auf den Boden; meine drei kleinen Geschwister und der Vater jubelten, rutschten auf dem Boden umher und lasen die Stücke auf, -- es war -- mein Kaufpreis.

»Schon den folgenden Tag ging es nach Paris. Der hagere Mann (ich vermochte es nicht, ihn Onkel zu nennen) predigte mir beständig vor, welch glänzende Rolle ich in seinen Salons spielen werde. Ich konnte mich nicht freuen, eine Angst, eine unerklärliche Bangigkeit waren an die Stelle meiner Freude, meines Glückes getreten. Vor einem großen, erleuchteten Hause hielt der Wagen; wir waren in Paris. Zehn bis zwölf schöne, allerliebste Mädchen hüpften die breiten Treppen herab uns entgegen. Sie herzten und küßten mich und nannten mich Schwester Giuseppa; ich fragte den Hagern: ›Sind dies Ihre Töchter, mein Herr?‹ -- ›~Oui, mes bonnes enfants!~‹ rief er lachend, und die Mädchen und die zahlreiche Dienerschaft stimmten ein mit einem rohen, schallenden Gelächter.

»Schöne Kleider, prachtvolle Zimmer zerstreuten mich. Ich wurde am folgenden Abend herrlich gekleidet; man führte mich in den Salon. Die zwölf Mädchen saßen im schönsten Putz an Spieltischen, auf Kanapees, am Flügel. Sie unterhielten sich mit jungen und ältern Herrn sehr lebhaft. Als ich eintrat, brachen alle auf, gingen mir entgegen und betrachteten mich. Der Herr des Hauses führte mich zum Flügel, ich mußte singen; allgemeiner Beifall wurde mir zu teil. Man zog mich ins Gespräch, meine ungebildeten, halb italienischen Ausdrücke galten für Naivität; man bewunderte mich, ich erröte heute noch, mit welchen Worten man mir dieses sagte. So ging es mehrere Tage herrlich und in Freuden. Ich lebte ungeniert, ich hätte zufrieden leben können, wenn ich mich nicht höchst unbehaglich, beinahe bänglich in diesem Hause, in dieser Gesellschaft gefühlt hätte; in meiner naiven Unschuld glaubte ich, so sei nun einmal die große Welt, und man müsse sich in ihre Sitten fügen. Eines fiel mir jedoch auf; als ich an einem Abende zufällig an der Treppe vorbeiging, sah ich, daß die Herren, die uns besuchten, dem Portier Geld gaben, dafür blaue oder rote Karten bekamen und solche einem Bedienten vor dem Salon wieder übergaben. Ein junger Stutzer, der an mir vorüberkam, wies mir mit zärtlichen Blicken eine dieser roten Karten; ich weiß heute noch nicht, warum ich darüber errötete. Aber hören Sie weiter, was sich alsbald zutrug.

»Sehen Sie, lieber Doktor, hier habe ich ein kleines, unscheinbares Papier. Diesem bin ich meine Rettung schuldig. Ich fand es eines Morgens unter dem Brötchen meines Frühstücks, ich weiß nicht, von welcher gütigen Hand es kam, aber möge der Himmel das Herz belohnen, das sich meiner erbarmte. Es lautet:

›Mademoiselle!

Das Haus, welches Sie bewohnen, ist ein Freudenhaus; die Damen, die Sie um sich sehen, sind Freudenmädchen; sollten wir uns in Giuseppa geirrt haben? Wird sie einen kurzen Schimmer von Glück mit langer Reue erkaufen wollen?‹

»Es war ein schreckliches Licht, es drohte mich völlig zu blenden, denn es zerriß beinahe zu plötzlich meinen unschuldigen Kindersinn und den Traum von einer unbesorgten glücklichen Lage. Was war zu tun? Ich hatte in meinem Leben noch nicht gelernt, Entschlüsse zu fassen. Der Mann, dem dieses Haus gehörte, war mir ein fürchterlicher Zauberer, der jeden meiner Gedanken lesen könne, der jetzt schon darum wissen müsse, was ich erfahren. Und dennoch wollte ich lieber sterben, als noch einen Augenblick hier verweilen. -- Ich hatte ein Mädchen geradeüber von unserer Wohnung zuweilen Italienisch sprechen hören; ich kannte sie nicht -- aber kannte ich denn sonst jemand in dieser ungeheuren Stadt? Diese vaterländischen Klänge erweckten Zutrauen in mir; zu ihr wollte ich flüchten, ich wollte sie auf den Knieen anflehen, mich zu retten.

»Es war sieben Uhr frühe; ich war meiner ländlichen Gewohnheit treu geblieben, stand immer frühe auf und pflegte gleich nachher zu frühstücken, und dies rettete mich. Um diese Zeit schliefen noch alle, sogar ein großer Teil der Domestiken. Nur der Portier war zu fürchten. Doch konnte er denken, daß jemand aus diesem Tempel der Herrlichkeit entfliehen werde? Ich wagte es; ich warf mein schwarzes, unscheinbares Mäntelchen um mich, eilte die Treppe hinab; meine Kniee schwankten, als ich an der Loge des Portiers vorbeiging; er bemerkte mich nicht; drei Schritte, und ich war frei.

»Rechts über die Straße hinüber wohnte das italienische Mädchen. Ich sprang über die breite Straße, ich pochte am Haus, ein Diener öffnete. Ich fragte nach der Signora mit dem schwarzen Lockenköpfchen, die Italienisch spreche. Der Diener lachte und sagte, ich meine wohl die kleine Exzellenza Seraphine; ›dieselbe, dieselbe,‹ antwortete ich, ›führen Sie mich geschwind zu ihr.‹ Er schien anfangs Bedenken zu tragen, weil es noch frühe am Tage sei, doch meine Bitten überredeten ihn. Er führte mich in dem zweiten Stock in ein Zimmer, hieß mich warten und rief dann eine Zofe, der Exzellenza mich zu melden. Ich hatte mir gedacht, das hübsche italienische Mädchen werde meines Standes sein; ich schämte mich, einer Höheren mich zu entdecken, aber man ließ mir keine Zeit, mich zu besinnen; die Zofe erschien, mich vor das Bett ihrer Gebieterin zu führen. Ja, sie war es, es war die schöne junge Dame, die ich hatte Italienisch sprechen hören. Ich stürzte vor ihr nieder und flehte sie um ihren Schutz an; ich mußte ihr meine ganze Geschichte erzählen. Sie schien gerührt und versprach, mich zu retten. Sie ließ den Diener, der mich heraufgeführt hatte, kommen und legte ihm das strengste Stillschweigen auf, dann wies sie mir ein kleines Stübchen an, dessen Fenster in den Hof gingen, gab mir zu arbeiten und zu essen, und so lebte ich mehrere Tage in Freude über meine Rettung, in Angst über meine Zukunft.

»Es war das Haus des Gesandten eines kleinen deutschen Hofes, in welches ich aufgenommen war. Die Exzellenza war seine Nichte, eine geborene Italienerin, die bei ihm in Paris erzogen worden war. Sie war ein gütiges, liebenswürdiges Geschöpf, dessen Wohltaten ich nie vergessen werde. Sie kam alle Tage zu mir und tröstete mich; sie sagte mir, daß der Gesandte durch seine Bedienten in dem Hause des argen Mannes nachgeforscht habe. Man sei sehr in Bestürzung, suche es aber zu verbergen. Die Diener drüben flüstern geheimnisvoll, es habe sich eine Mamsell aus einem Fenster des zweiten Stocks in den Kanal der Seine gestürzt. Sonderbare Fügung! Mein Zimmer war ein Eckzimmer und sah mit der einen Seite nach der Straße, die andere ging schroff hinab in einen Kanal. Ich erinnerte mich, an jenem Morgen ein Fenster dieser Seite geöffnet zu haben; wahrscheinlich war es _offen_ geblieben, und so mochte man sich mein Verschwinden erklären. Signora Seraphine sollte um diese Zeit nach Italien zurückkehren, sie war so gütig, mich mitzunehmen. Ja, sie tat noch mehr für mich; sie bewog ihre Eltern in Piacenza, daß sie mich wie ihr Kind in ihr Haus aufnahmen; sie ließ mein Talent ausbilden, ihr habe ich Freiheit, Leben, Kunst, o! vielleicht mehr, als ich weiß, zu danken. In Piacenza lernte ich den Kapellmeister Boloni, der übrigens kein Italiener ist, kennen; er schien mich zu lieben, aber er sagte es mir nicht. Ich nahm bald nachher den Ruf an das hiesige Theater an. Man schätzte mich hier, man hat mir sonst wohlgewollt, mein Leben und mein Ruf waren unsträflich; ach, ich habe in dieser langen Zeit nie einen Mann bei mir gesehen, als -- ich kann Ihnen dieses schöne Verhältnis ohne Erröten gestehen -- als Boloni, der mir bald hierher nachgereist war. Sie haben mein Leben jetzt gehört; sagen Sie mir, habe ich etwas getan, um so bittere Strafe zu verdienen? Habe ich so Entsetzliches verschuldet?«

7.