Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 2
Part 14
Der Stallmeister war in jeder Hinsicht eine so gute und anständige Partie, daß der alte Wicklow, als der Geheimrat von Rempen für seinen Neffen warb, keinen Anstand nahm, seine Zusage zu geben. Der junge Mann selbst war so von seinem süßen Glück erfüllt, daß er lange nicht an die Begebenheiten dachte, die diesem wichtigen Schritt vorangegangen waren. Endlich erinnerte ihn ein Zufall an Palvi; so unangenehm diese Erinnerung war, so fühlte er doch als Mann und als künftiger Gatte Elisens, daß er diesem Menschen, mochte er sich auch wirklich schlecht gezeigt haben, Erklärung schuldig sei. Und wie bebte seine Hand, als er ihm in wenigen Zeilen sagte, daß Elisens Widerwille unüberwindlich sei, daß er ihn versichern könne, daß sie niemals einen Mann mehr lieben werde, welchen sie aufzugeben nicht unrecht gehabt, daß er selbst versuchen wolle, Palvis Stelle bei ihr zu ersetzen. Ja, seine Hand, sein Herz bebte, als er diese Buchstaben niederschrieb; es konnte ihn nicht beruhigen, daß er sich ins Gedächtnis recht lebhaft zurückrief, wie niedrig und elend dieser Mensch an einer so zarten, heiligen Liebe, wie sie Elise gab, gefrevelt habe. Die edeln Züge, das Auge dieses Mannes standen vor ihm; sein so hoher und liebenswürdiger Geist, so fein in Urteil und Benehmen, und dennoch so wenig sittliche Würde? Die Erinnerung an jenen Abend, wo sich ihm dieser Mensch so ernst und doch so herzlich genähert hatte, wo er ihm sein inneres Leben aufschloß und ein verarmtes Herz bei solchem Reichtum der Gedanken, eine tief verwundete Seele bei solcher Gesundheit des Geistes zeigte, machte ihn so wehmütig, daß er nahe daran war, die kaum geschriebenen Zeilen zu zerreißen; aber der Gedanke an Elise, die Vermutung, daß dieser Palvi so schöne Empfindung, so tiefe Rührung nur geheuchelt haben müsse, erkälteten schnell seine warme Teilnahme. Entschlossen schickte er den Brief ab, und doch deuchte es ihm, als er seinen Boten verschwinden sah, er habe einen Todespfeil auf ein edles Herz entsendet.
10.
Der alte Herr von Rempen erinnerte sich mehrerer Fälle, wo die feierliche Verlobung gräflicher, sogar fürstlicher Paare gleich den andern oder dritten Tag, nachdem die Werbung angenommen worden, vor sich gegangen war. Er stand daher um so weniger an, seinen Neffen und Elisens Vater zu gleicher Eilfertigkeit zu treiben, als er selbst gleich nach dieser Szene, wobei, seiner Meinung nach, sein Segen notwendig war, auf mehrere Wochen auf das Land gehen wollte. So kam es, daß sich der Stallmeister durch den verhängnisvollen Zug der Umstände in die ruhige Bucht eines schönen, häuslichen Glückes versetzt sah, als er sich kaum noch auf hoher See glaubte oder wenigstens von Klippen träumte, an welchen seine Hoffnung auf immer scheitern könnte. Am Morgen jenes festlichen Tages, der zu seiner Verlobung angesetzt war, brachte ihm ein Knabe einen Brief; die Hand, die ihn geschrieben, war ihm unbekannt. Er öffnete und fand den Namen des Magisters Bunker unterzeichnet. So unangenehm auch die Erinnerungen sein mochten, mit welchen dieser Name in Verbindung stand, so machte doch das Andenken an diesen alten Mann und die wenigen rührenden Worte des Briefes tiefen Eindruck auf ihn. Er bat, der Stallmeister möchte dem Knaben zu ihm folgen; er habe ihm notwendig etwas zu eröffnen und sei selbst zu schwach und angegriffen, als daß er über die Straße gehen könnte. Rempen fürchtete anfangs ein Zusammentreffen mit Palvi. Als aber der Knabe auf seine Frage, ob Herr von Palvi bei dem Alten sei, antwortete: »Ach nein! der ist ganz schnell weggereist und kommt nimmer wieder, und der alte Herr Magister hat geweint wie ein Kind,« nahm er eilends seinen Hut und folgte.
Der Knabe führte ihn durch mehrere Seitenstraßen in einen abgelegenen Teil der Stadt, wo arme Leute und Handwerker wohnten, bis vor ein kleines, aber reinliches Haus. Dort stieg er eine Treppe hinan und öffnete dem Stallmeister eine Türe. Es war ein Zimmer voll Verwirrung und Unordnung, in das sie traten. Papiere und Bücher lagen am Boden zerstreut, und die Trümmer einer Gitarre mischten sich mit ausgeleerten Flaschen und alten Schuhen. Auf den Stühlen lagen Kleidungsstücke, auf dem schlechten Kanapee aber saß, den Kopf in die Hand gestützt, ein Mann, in welchem Rempen den Alten erkannte. Beim Geräusch, das ihr Eintritt verursachte, wandte er den Kopf um und hatte Tränen in den alten Augen.
»Vergeben Sie mir!« sagte er, indem er mit Mühe sich aufraffte. »Meine Füße trugen mich nicht mehr zu Ihnen, und meine Hand zittert -- ich mußte meine Botschaft mündlich geben.«
»Was ist vorgegangen!« rief der junge Mann bestürzt. »Sie sind krank, Sie weinen, um wen? Und von wem eine so feierliche Botschaft?«
Der Alte trocknete sich die Augen. »Er hat viel auf Sie gehalten,« sprach er, »noch gestern und vorgestern hat er immer von Ihnen gesprochen und innig bedauert, daß er Sie so spät erst kennen gelernt hat. Sie hätten können herzliche Freunde werden, denn Sie sind keiner von den schuftigen Gesellen, die er verabscheute.«
»Mein Gott, Sie sprechen von Palvi? Wo ist er?«
»Möge ihn ein gütiger Arm vor den Wellen des Flusses bewahrt haben!« erwiderte der Alte sehr ernst; »doch nicht wahr, junger Mann, es gehört größere Kraft dazu, einen Kummer zu tragen, als sich von ihm zerbrechen zu lassen? Nicht wahr? Ich glaube es wenigstens, und er ist eine kräftige Seele, er kann nicht zum Selbstmörder werden.«
Rempen verhüllte sein Gesicht, er konnte den tiefen Gram des Alten nicht länger sehen. Aber dieser zog ihm ängstlich die Hand von den Augen. »O lesen Sie doch,« sagte er; »lesen Sie genau, prüfen Sie jedes Wort, nicht wahr, es steht nichts darin, daß er sich töten wolle?«
Rempen nahm das Blatt; es war in wenigen Worten ein kurzer, aber ergreifender Abschied an den Alten. Er müsse ihn und diese Stadt verlassen, schrieb er. Als Grund gab er nur flüchtig sein unglückliches Verhältnis zu Elisen an, von welchem der Alte völlig unterrichtet schien.
Rempen suchte den Alten zu trösten; »es sei so natürlich,« sagte er, »daß Palvi sich zerstreuen wolle, daß er vielleicht nur eine kleine Reise mache!«
Aber der Alte schüttelte mit bitterem Lächeln den Kopf. »Er kommt nicht wieder; und ach! ich habe keine Freude und keinen Freund mehr! Er hat alle seine kleinen Rechnungen bezahlt, und mir,« setzte er weinend hinzu, »mir hat er seine Bücher und alles hinterlassen. -- Doch mein Auftrag. Sie sehen, wie sehr er Sie schätzte, hier ist ein Paket mit Büchern an Sie, die Adresse schrieb er noch heute morgen, und in einem kleinen Zettelchen, das er darauf gelegt hat, bittet er mich, Sie bei allem, was heilig sei, zu versichern, daß er kein schlechter Mensch gewesen sei, daß er Sie liebe und in Ihrem Glück sein eigenes finde.«
Indem der Magister noch diese Worte sprach, hörte man ein Geräusch auf der Treppe, eilende Schritte nahten dem Zimmer, die Türe ging auf, und ein Zeitungsblatt in der Hand stürzte der Buchhändler Kaper in das Zimmer. »Wo ist er?« rief er erhitzt und atemlos; »wo ist der große und unvergleichliche Hüon, unser Scott, unser letzter Ritter! Wo ist Blüte und Kern unserer Literatur? Ich meine den Herrn Referendär von Palvi, der hier logiert, wenn ich nicht irre,« setzte er hinzu, als er den Gesuchten nicht im Zimmer fand.
»Er ist verreist,« antwortete der Alte.
»Himmel! komme ich zu spät?« fuhr Kaper fort, »wissen Sie nicht, hat Hüon schon einen Verleger zum nächsten Historischen? Daß wir es erst heute erfahren müssen! -- Ei! ei! gratuliere, Herr Stallmeister, zu meiner schönen Nachbarin -- aber wer hätte das gedacht, daß wir den göttlichen Hüon in den eigenen Mauern hätten, daß es dieser Herr von Palvi wäre!«
»Wie!« rief der Stallmeister, indem er den Alten staunend anblickte. »Er wäre Hüon?«
»Da steht's, da steht's gedruckt im Konversationsblatt,« schrie der Buchhändler, seine Zeitung dem jungen Rempen überreichend.
»Hüon,« sagte der Alte, »er war Hüon. Wohl hat er den Ungläubigen die Backenzähne ausgezogen, und vergebens kämpften sie gegen meinen edlen, jugendlichen Paladin, aber sein Geschick wollte, er sollte Hüon ohne Rezia sein.«
Noch einmal öffnete sich die Türe und spie, wie das Tor im Löwengarten des Königs Franz, zwei Leoparden auf einmal aus. Es waren der Hofrat und der dramatische Professor, die hereinstürzten. »Wo ist er?« riefen sie. »Vergessen sei alle Fehde! Wir hatten ja einen ganz andern im Verdacht, der Autor dieses Romans zu sein; darum, gewiß nur darum haben wir ihn gehauen. Ins Freitagskränzchen soll er kommen, Mitarbeiter soll er werden am belletristischen Vergnügen! Den Zundler soll er uns ersetzen, der treffliche Hüon.« So schrieen sie durcheinander, aber mit Hohn und Verachtung blickte sie der Alte an. »Ihr findet ihn nicht mehr,« sagte er. »Er ist hinweg für immer.«
»Hat er etwa einen Ruf bekommen?« rief der Professor.
»Ha!« rief ihm der Hofrat nach, »das ist ja wohl Zundlers rätselhafter Magister. Herrlicher Fund! Wir zahlen zehn Taler pro Bogen, Wertgeschätzter; arbeiten Sie mit an unserm Blatt, was Sie wollen; Gedichte, Novellen, Rezensionen, Kunstgefühle, wir nehmen alles auf!«
»Zurück!« entgegnete der alte Mann mit mehr Hoheit, als ihm Rempen zugetraut hatte; »ich habe einen Freund verloren, eine große, schöne Seele, und bin nicht gesonnen, ihn mit euch und euren Talern zu ersetzen. Dort am Boden liegen Palvis Papiere -- teilt euch in seinen poetischen Nachlaß.«
Er sprach es, nahm den Stallmeister unter den Arm und verließ mit ihm langsam das Zimmer. Kaper, der Hofrat und der Professor stürzten wie Drachen auf den Boden und über die Papiere her, und mitten in seinem Kummer mußte der Stallmeister lächeln, als ihm der Alte auf der Treppe entdeckte, jene werden nur Fragmente von juristischen Relationen und unbedeutende Kriminalakten finden. Als aber der Alte an der Türe des Hauses, mühsam und auf seinen Stab gestützt, an den Häusern hinschleichen wollte, ergriff Rempen seinen Arm von neuem und führte ihn trotz seiner Widerrede bis zu seiner Wohnung. Dort setzte sich der Magister auf einen Stein, um Kräfte zu gewinnen; denn sein Stübchen lag fünf Stockwerke hoch.
11.
Elise saß zu derselben Stunde vor der Toilette. Gedankenvoll sah sie vor sich hin, indem das Kammermädchen ihre Haare ordnete. Vielleicht hatte der tägliche Anblick dieser Zofe den Stachel entheiligter Liebe nur immer noch tiefer in das Herz gedrückt; und dennoch vermochte sie es nicht über sich, dieses Mädchen wegzuschicken; es war der Stolz einer erhabenen Seele, was sie von diesem Schritt abhielt, der vielleicht auch von ihren Eltern getadelt worden wäre, denn das Mädchen diente treu und geschickt. Doch so tief diese Wunde sein mochte, Elise suchte in diesem Augenblick ihren Schmerz zu übertäuben. Wenn nach den Gesetzen der Natur das Wesen in uns zu derselben Zeit verschiedentlich beschäftigt sein könnte, wenn es möglich wäre, in dem nämlichen Moment in dem Herzen so ganz anders zu fühlen, als man oben hinter den Augen denkt, so müßte Elisens Seele in dieser Stunde nach verschiedenen Richtungen sich geteilt haben. Im Hintergrund ihres Herzens flüsterten tiefe, wehmütige Töne die Erinnerung einer schönen Zeit, sie sangen in klagenden Weisen jene Tage, wo Elise auf der ersten Stufe der Jugend das Auge des Geliebten verstand. In volleren Akkorden rauschten diese Erinnerungen, als sie von Stunden seliger Liebe, von Trennung und der Wonne des Wiederfindens sprachen. »Verloren, verloren durch seine eigene Schuld!« weinte dann ihre Seele. »Untergegangen ein so großer, schöner Geist in Leichtsinn und Niedrigkeit!« Doch diese Gefühle schlichen nur gleich Schatten vorbei; sie suchte mit aller Gewalt des Geistes den Blick von diesen Erinnerungen abzuwenden, sie dachte an das ruhige, klare Wesen ihres zukünftigen Gatten, sein bescheidenes und doch so würdiges Betragen, seine reine Herzensgüte. Sie rief sich alles dies hervor, ja, sie versuchte zu lächeln, um freundlichere Gefühle dadurch zu erringen, aber -- es gelang ihr, ruhig, doch nicht, heiter zu werden.
Der Putz war vollendet, sie richtete sich vor dem hohen Spiegel auf, und die Freude an ihrer eigenen hübschen Gestalt verdrängte auf Augenblicke jene düsteren, wehmütigen Bilder. »Nein, und wenn er noch so proper angetan wäre,« sagte in diesem Augenblick das Kammermädchen, »mich soll er nicht mehr anreden dürfen!«
»Ich habe dir gesagt, du sollst nicht mehr von solchen Dingen reden,« rief Elise mit der Röte des Unmutes auf den Wangen.
»Ach Gott! gnädiges Fräulein, ich will ja auch gar nichts mehr von dem schlechten Menschen wissen, aber ich sagte nur so, weil er wieder in Herrn Kapers Laden steht.«
Elise zitterte, sie wollte von dem Spiegel hinwegeilen, aber unwiderstehlich zog es sie an das Fenster. Sie warf einen Blick hinüber, und unter jener Türe stand Zundler.
»Wie!« rief sie, kaum ihrer Worte mächtig, der Zofe zu, »ist es denn dieser?«
»I, freilich! aber werden Sie mir nur nicht böse!«
»Und dieser ist derselbe, den du _damals_ meintest?« fuhr sie mit bebenden Lippen fort.
»Wer denn anders?« entgegnete jene ruhig; »aber ich weiß jetzt, er ist ein schlechter Mensch, und jetzt weiß ich auch, wie er heißt, Doktor Zundler.«
»Geh, geh, bringe die Kleider weg,« flüsterte Elise, indem sie ihr glühendes Gesicht halb bewußtlos in die Kissen des Sofas drückte; das Mädchen eilte erschrocken hinweg, und die unglückliche Braut war mit ihrem Gram allein. Welche Gefühle stürmten auf sie ein! Beschämung, Liebe, Unmut über sich selbst. Sie sprang auf; ein Gang durch das Zimmer machte sie mutiger. Sie wollte Rempen alles gestehen, sie war einen Augenblick überzeugt, er werde so edel sein, zurückzutreten, Palvi werde leicht zu versöhnen sein. Aber die Stadt wußte, daß heute ihre Verlobung sei. Ihr Vater hatte dem Geliebten sogar das Haus verboten, würde er jemals einwilligen, sie glücklich zu machen? Nein! -- Scham vor der Welt, Reue, Angst warfen sie nieder. Bleich, erschöpft und zitternd fand sie der Stallmeister, als er bald darauf ernster, als zu diesem fröhlichen Tag sich schickte, in Elisens Zimmer trat.
»Ich muß Ihnen eine sonderbare Nachricht geben,« sagte er bewegt, indem er sich zu ihr setzte und, beschäftigt mit seinen Gedanken, ihre Verwirrung nicht bemerkte. »Palvi ist weggereist, und zwar auf immer.«
»Er ist tot!« rief sie. »Gewiß, schnell, sagen Sie es nur heraus, er hat sich getötet!«
»Nein,« erwiderte Rempen, »er hat mir einen Brief zurückgelassen, worin er Sie und mich zum letztenmal begrüßt; er ist nach Frankreich gegangen. Dorthin lautet auch sein Paß, wie mir soeben mein Onkel erzählte.«
Elise schwieg; sie fühlte, daß sie ihn erst in diesem Augenblick ganz verloren habe; aber sie hatte Kraft genug, jeden Laut des Kummers zu unterdrücken.
»Doch was Sie noch mehr befremden wird,« fuhr er fort, »jenen Roman, den Sie uns letzthin erzählt haben, hat uns der Autor selbst vorgelesen.«
»Palvi!« rief sie in so eigenem Ton, daß der Stallmeister erschrak. »Er wäre --«
»Hüon, der Autor der ›letzten Ritter von Marienburg‹. Es steht schon in öffentlichen Blättern, und hier schickt er mir und Ihnen dieses Werk.« Der Stallmeister öffnete ein Paket und gab Elisen die Bücher. Sie öffnete eines derselben; ihr Blick fiel auf das Märchen, woraus Palvi mit so sonderbarem Accent einige Reime gelesen, und jetzt erst stieg eine längst verbleichte Erinnerung in ihr auf. Es war ein Märchen, das Palvis Vater den Kindern so oft erzählt hatte. Eine große Träne schwamm in ihrem schönen Auge und fiel herab auf diese Zeilen.
In diesem Augenblick öffneten sich die Flügeltüren. Mit feierlichem Gesicht und überladen mit seinen Orden trat der Geheimrat von Rempen herein. Mit Anstand trat er vor das Fräulein, ihr den Arm zu bieten. »Die Familien sind im Salon versammelt,« sprach er; »ist es gefällig, die Ringe zu wechseln? Doch wie? Sind Sie so sehr in unsere Literatur verliebt, daß Sie sogar gerade vor der Verlobung Lesestunden mit meinem Neffen halten? Was lesen Sie denn, wenn man fragen darf?«
Mit einem schmerzlichen Lächeln stand Elise auf und nahm seinen Arm. »Etwas Altes in neuer Form,« erwiderte sie, »ein Märchen von untergegangener Liebe!«
»Ei! ei!« setzte der Oheim lächelnd und mit dem Finger drohend hinzu. »Etwas solches vor der Verlobung? und wie heißt denn der Titel?« fragte er, indem er sie in den Saal führte.
»Er heißt: _Die letzten Ritter von Marienburg_.«
Des Verfassers eigene Kritik über vorstehende Novelle.
(Litteraturblatt des Morgenblatts 1827 Nr. 92 u. ff.)
_Die letzten Ritter von Marienburg_, Novelle von W. Hauff. Auch wieder einmal eine Novelle, doch gottlob keine historische, wie wir beim ersten Anblick geargwöhnt hatten; lieber wäre es uns gewesen wenn Herr Hauff seinen Stoff, wie es im ersten Kapitel geschieht, durchaus zu einer Satire der historischen Romane, nicht aber zu einer ziemlich unnötigen Belobung derselben benützt hätte. Auch ist es nicht sehr bescheiden, daß der Herr Verfasser den Roman »Die letzten Ritter von Marienburg« so oft als trefflich und unvergleichlich schildert, da er doch selbst es ist, der die Skizze davon entworfen hat.
Die letzten Partien der Novelle sind abgerissener und eilender als die ersten und verfehlen dadurch den Charakter der besonnenen Ruhe und Rundung, den die Novelle haben soll. Herr Hauff scheint sich zwar diesmal in Hinsicht auf Sprache und Anordnung mehr Mühe gegeben zu haben als im vorjährigen Frauentaschenbuch; aber auch hier sind die Figuren nur skizziert, flüchtig angedeutet und gelangen somit nicht zu echterm, farbigem Leben. Das Motiv, aus welchem Fräulein Elise den Dichter Palvi aufgibt, ist, wenn ein natürliches, doch jedenfalls kein poetisches.
Die Sängerin.
1.
»Das ist ein sonderbarer Vorfall!« sagte der Kommerzienrat Bolnau zu einem Bekannten, den er auf der breiten Straße in B. traf; »gesteht selbst, wir leben in einer argen Zeit.«
»Ihr meint die Geschichte im Norden?« entgegnete der Bekannte, »habt Ihr Handelsnachrichten, Kommerzienrat? Hat Euch der Minister des Auswärtigen aus alter Freundschaft etwas Näheres gesagt?«
»Ach, geht mir mit Politik und Staatspapieren; meinetwegen mag geschehen, was da will. Nein, ich meine die Geschichte mit der Bianetti.«
»Mit der Sängerin? Wie? Ist sie noch einmal engagiert? Man sagte ja, der Kapellmeister habe sich mit ihr überworfen --«
»Aber um Gottes willen,« rief der Kommerzienrat und blieb staunend stehen; »in welchen Spelunken treibet Ihr Euch umher, daß Ihr nicht wisset, was sich in der Stadt zuträgt? So wisset Ihr nicht, was der Bianetti arrivierte?«
»Kein Wort, auf Ehre! was ist es denn mit ihr?«
»Nun, es ist weiter nichts mit ihr, als daß sie heute nacht totgestochen worden ist.«
Der Kommerzienrat galt unter seinen Bekannten für einen Spaßvogel, der, wenn er morgens von elf bis Mittag seine Promenaden in der breiten Straße machte, die Leute gerne aufhielt und ihnen irgend etwas aus dem Stegreife aufband. Der Bekannte war daher nicht sehr gerührt von dieser Schreckensnachricht, sondern antwortete: »Weiter wisset Ihr also heute nichts, Bolnau? Ihr müßt doch nachgerade mit Eurem Witz zu Rande sein, weil Ihr die Farben so stark auftraget. Wenn Ihr mich übrigens ein andermal wieder stellet in der breiten Straße, so besinnt Euch auf etwas Vernünftigeres, sonst bin ich genötigt, einen Umweg zu machen, wenn ich von der Kanzlei nach Hause gehe.«
»Er glaubt's wieder nicht!« rief der Spaziergänger; »seht nur, er glaubt's wieder nicht! Wenn ich gesagt hätte, der Kaiser von Marokko sei erstochen worden, so hättet Ihr die Nachricht mit Dank eingesteckt und weitergetragen, weil sich dort schon Aehnliches zugetragen hat. Aber wenn eine Sängerin hier in B. totgestochen wird, da will keiner glauben, bis man den Leichenzug sieht. Aber, Freundchen, diesmal ist's wahr, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin.«
»Mensch! Bedenket, was Ihr sagt!« rief der Freund mit Entsetzen. »Die Sängerin erstochen? Tot, sagtet Ihr? Die Bianetti totgestochen?«
»Tot war sie vor einer Stunde noch nicht, aber sie liegt in den letzten Zügen, soviel ist gewiß.«
»Aber sprechet doch ums Himmels willen! Wie kann man denn eine Sängerin totstechen? Leben wir denn in Italien? Für was ist denn eine wohllöbliche Polizei da? Wie ging es denn zu? Totgestochen!«
»Schreiet doch nicht so mörderlich!« erwiderte Bolnau besänftigend; »die Leute fahren schon mit den Köpfen aus allen Fenstern und schauen nach dem Straßenlärm. Ihr könntet ja ~sotta voce~ jammern, so viel Ihr wollt. Wie es zuging? Ja sehet, da liegt es eben; das weiß bis jetzt kein Mensch. Gestern nacht war das schöne Kind noch auf der Redoute, so liebenswürdig, so bezaubernd wie immer, und heute nacht um zwölf Uhr wird der Medizinalrat Lange aus dem Bette geholt, Signora Bianetti liege am Sterben; sie habe eine Stichwunde im Herzen. Die ganze Stadt spricht schon davon, aber natürlich das tollste Zeug. Es sind allerdings fatale Umstände dabei, daß man nicht ins reine kommen kann; so darf z. B. niemand ins Haus als der Arzt und die Leute, die sie bedienen. Auch bei Hof weiß man es schon, und es kam ein Befehl, daß die Wache nicht am Haus vorbeiziehen dürfe; das ganze Bataillon mußte den Umweg über den Markt nehmen.«
»Was Ihr sagt! Aber weiß man denn gar nicht, wie es zuging? Hat man denn gar keine Spur?«
»Es ist schwer, sich aus den verschiedenen Gerüchten auf das Wahre durchzuarbeiten. Die Bianetti, das muß man ihr lassen, ist eine sehr anständige Person, der man auch nicht das geringste nachsagen kann. Nun, wie aber die Leute sind, besonders die Frauen, wenn man da von dem ordentlichen Lebenswandel des armen Mädchens spricht, zuckt man die Achsel und will von ihrem frühern Leben allerlei wissen. Von ihrem frühern Leben! Sie hat kaum siebzehn Jahre und ist schon anderthalb Jahre hier? Was ist das für ein früheres Leben!«
»Haltet Euch nicht so lange beim Eingang auf,« unterbrach ihn der Bekannte, »sondern kommt auf das Thema. Weiß man nicht, wer sie erstochen hat?«
»Nun, das sage ich ja eben; da soll es nun wieder ein abgewiesener oder eifersüchtiger Liebhaber sein, der sie umbrachte. Sonderbar sind allerdings die Umstände. Sie soll gestern auf der Redoute mit einer Maske, die niemand kannte, ziemlich lange allein gesprochen haben. Sie ging bald nachher weg, und einige Leute wollten gesehen haben, daß dieselbe Maske zu ihr in den Wagen stieg. Weiter weiß niemand etwas Gewisses; aber ich werde es bald erfahren, was an der Sache ist.«
»Ich weiß, Ihr habt so Eure eigenen Kanäle, und gewiß habt Ihr auch bei der Bianetti einen dienstbaren Geist. Es gibt Leute, die Euch die Stadtchronik nennen.«
»Zu viel Ehre, zu viel Ehre,« lachte der Kommerzienrat und schien sich ein wenig geschmeichelt zu fühlen. »Diesmal habe ich aber keinen andern Spion als den Medizinalrat selbst. Ihr müßt bemerkt haben, daß ich, ganz gegen meine Gewohnheit, nicht die ganze Straße hinauf und hinab wandle, sondern mich immer zwischen der Karls- und Friedrichsstraße halte.«
»Wohl habe ich dies bemerkt, aber ich dachte, Ihr macht Fensterparade vor der Staatsrätin Baruch.«
»Geht mir mit der Baruch! Wir haben seit drei Tagen gebrochen, meine Frau sah das Verhältnis nicht gerne, weil jene so hoch spielt. Nein, der Medizinalrat Lange kommt alle Tage um zwölf Uhr durch die breite Straße, um ins Schloß zu gehen, und ich stehe hier auf dem Anstand, um ihn sogleich aufs Korn zu nehmen, wenn er um die Ecke kommt.«
»Da bleibe ich bei Euch,« sprach der Freund, »die Geschichte der Bianetti muß ich genauer hören. Ihr erlaubt es doch, Bolnau?«
»Wertester, geniert Euch ganz und gar nicht,« entgegnete jener; »ich weiß, Ihr speiset um zwölf Uhr, lasset doch die Suppe nicht kalt werden. Ueberdies könnte Lange vor Euch nicht recht mit der Sprache heraus wollen; kommt lieber nach Tisch ins Kaffeehaus, dort sollet Ihr alles hören. -- Machet übrigens, daß Ihr fortkommt, dort biegt er schon um die Ecke.«
2.