Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 1
Part 6
»Ich könnte Ihnen noch einige anführen,« erwiderte der Alte mit Ruhe, »doch Sie langweilen sich bei dieser sonderbaren Unterhaltung; nur aus der neuesten Zeit noch einen Fall. _Rossini_ schrieb seine herrliche Oper Othello, worin er, was man bezweifelt hatte, zeigte, daß er es verstehe, auch die tieferen, tragischen Saiten der menschlichen Brust anzuschlagen. Er wurde hier höheren Orts nicht _verlangt_, daher wurde er auch nicht fürs Theater einstudiert. Die Kapelle aber unternahm es, diese Oper für sich zu studieren, es wurden einige Szenen in Konzerten aufgeführt, und diese wenigen Proben entzündeten im Publikum einen so raschen Eifer für die Oper, daß man allgemein in Zeitungen, an Wirtstafeln, in Singtees und dergleichen von nichts als Othello sprach, nichts als Othello verlangte. Von den grauenvollen Begebenheiten, die das Schauspiel Othello begleitet hatten, war gar nicht die Rede; es schien, man denke sich unter der Oper einen ganz andern Othello. Endlich bekam der damalige Regisseur (ich war noch auf dem Theater und sang den Othello), er bekam den Auftrag, sage ich, die Oper in die Szene zu setzen. Das Haus war zum Ersticken voll, Hof und Adel war da, das Orchester strengte sich übermenschlich an, die Sängerinnen ließen nichts zu wünschen übrig, aber ich weiß nicht -- uns alle wehte ein unheimlicher Geist an, als Desdemona ihr Lied zur Harfe spielte, als sie sich zum Schlafengehen rüstete, als der Mörder, der abscheuliche Mohr, sich nahte. Es war dasselbe Haus, es waren dieselben Bretter, es war dieselbe Szene wie damals, wo ein liebliches Geschöpf in derselben Rolle so greulich ihr Leben endete. Ich muß gestehen, trotz der Teufelsnatur meines Othello befiel mich ein leichtes Zittern, als der Mord geschah, ich blickte ängstlich nach der fürstlichen Loge, wo so viele blühende, kräftige Gestalten auf unser Spiel herübersahen. ›Wirst du wohl durch die Töne, die deinen Tod begleiten, dich besänftigen lassen, blutdürstiges Gespenst der Gemordeten?‹ dachte ich. Es war so; fünf, sechs Tage hörte man nichts von einer Krankheit im Schlosse; man lachte, daß es nur der Einkleidung in eine Oper bedurfte, um jenen Geist gleichsam irre zu machen; der siebente Tag verging ruhig, am achten wurde Prinz Ferdinand auf der Jagd erschossen.«
»Ich habe davon gehört,« sagte der Major, »aber es war Zufall; die Büchse seines Nachbars ging los, und --«
»Sage ich denn, das Gespenst bringe die Höchstseligen selbst um, drücke ihnen eigenhändig die Kehle zu? Ich spreche ja nur von einem unerklärlichen, geheimnisvollen Zusammenhang.«
»Und haben Sie uns nicht noch zu guter Letzt ein Märchen erzählt? Wo steht denn geschrieben, daß acht Tage vor jener Jagd Othello gegeben wurde?«
»Hier,« erwiderte der Regisseur kaltblütig, indem er auf eine Stelle in seiner Chronik wies; der Graf las: »_Othello_, Oper von Rossini, den 12. März;« und auf dem Rande stand dreimal unterstrichen: »den 20. _fiel Prinz Ferdinand auf der Jagd_.«
Die Männer sahen einander schweigend einige Augenblicke an; sie schienen lächeln zu wollen, und doch hatte sie der Ernst des alten Mannes, das sonderbare Zusammentreffen jener furchtbaren Ereignisse tiefer ergriffen, als sie sich selbst gestehen mochten. Der Major blätterte in der Chronik und pfiff vor sich hin, der Graf schien über etwas nachzusinnen, er hatte Stirne und Augen fest in die Hand gestützt. Endlich sprang er auf. »Und dies alles kann Ihnen dennoch nicht helfen!« rief er, »die Oper muß gegeben werden. Der Hof, die Gesandten wissen es schon, man würde sich blamieren, wollte man durch diese Zufälle sich stören lassen. Hier sind vierhundert Taler, mein Herr! Es sind einige Freunde und Liebhaber der Kunst, welche sie Ihnen zustellen, um Ihren Othello recht glänzend auftreten zu lassen. Kaufen Sie davon, was Sie wollen,« setzte er lächelnd hinzu, »lassen Sie Geisterbanner, Beschwörer kommen, kaufen Sie einen ganzen Hexenapparat, kurz, was nur immer nötig ist, um das Gespenst zu vertreiben -- nur geben Sie uns Othello.«
»Meine Herren,« sagte der Alte, »es ist möglich, daß ich in meiner Jugend selbst über dergleichen gelacht und gescherzt hätte; das Alter hat mich ruhiger gemacht, ich habe gelernt, daß es Dinge gibt, die man nicht geradehin verwerfen muß. Ich danke für Ihr Geschenk, ich werde es auf eine würdige Weise anzuwenden wissen. Aber nur auf den strengsten Befehl werde ich Othello geben lassen. Ach Gott und Herr!« rief er kläglich, »wenn ja der Fall wieder einträte, wenn das liebe, herzige Kind, Prinzessin Sophie, des Teufels wäre!«
»Sein Sie still,« rief der Graf erblassend, »wahrhaftig, Ihre wahnsinnigen Geschichten sind ansteckend, man könnte sich am hellen Tage fürchten! Adieu! Vergessen Sie nicht, daß Othello auf jeden Fall gegeben wird; machen Sie mir keine Kunstgriffe mit Katarrh und Fieber, mit Krankwerdenlassen und eingetretenen Hindernissen. Beim Teufel, wenn Sie keine Desdemona hergeben, werde ich das Gespenst der Erwürgten heraufrufen, daß es diesmal selbst eine Gastrolle übernimmt.«
Der Alte kreuzigte sich und fuhr ungeduldig auf seinen Schuhen umher. »Welche Ruchlosigkeit,« jammerte er, »wenn sie nun erschiene wie der steinerne Gast? Lassen Sie solche Reden, ich bitte Sie; wer weiß, wie nahe jedem sein eigenes Verderben ist!«
Lachend stiegen die beiden die Treppe hinab und noch lange diente der musikalische Prophet mit der Florentiner Mütze und den Pelzschlittschuhen ihrem Witz zur Zielscheibe.
6.
Es gab Stunden, worin der Major sich durchaus nicht in den Grafen, seinen alten Waffenbruder, finden konnte. War er sonst fröhlich, lebhaft, von Witz und Laune strahlend, konnte er sonst die Gesellschaft durch treffende Anekdoten, durch Erzählungen aus seinem Leben unterhalten, wußte er sonst jeden, mochte er noch so gering sein, auf eine sinnige feine Weise zu verbinden, so daß er der Liebling aller, von vielen angebetet wurde, so war er in andern Momenten gerade das Gegenteil. Er fing an, trocken und stumm zu werden, seine Augen senkten sich, sein Mund preßte sich ein. Nach und nach ward er finster, spielte mit seinen Fingern, antwortete mürrisch und ungestüm. Der Major hatte ihm schon abgemerkt, daß dies die Zeit war, wo er aus der Gesellschaft entfernt werden müsse, denn jetzt fehlten noch wenige Minuten, so zog er mit leicht aufgeregter Empfindlichkeit jedes unschuldige Wort auf sich, und fing an zu wüten und zu rasen.
Der Major war viel um ihn, er hatte aus früherer Zeit eine gewisse Gewalt und Herrschaft über ihn, die er jetzt geltend machte, um ihn vor diesen Ausbrüchen der Leidenschaft in Gesellschaft zu bewahren, desto greulicher brachen sie in seinen Zimmern aus; er tobte, er fluchte in allen Sprachen, er klagte sich an, er weinte. »Bin ich nicht ein elender, verworfener Mensch?« sprach er einst in einem solchen Anfall; »meine Pflichten mit Füßen zu treten, die treueste Liebe von mir zu stoßen, ein Herz zu martern, das mir so innig anhängt! Leichtsinnig schweife ich in der Welt umher, habe mein Glück verscherzt, weil ich in meinem Unsinn glaubte, ein Kosciuszko zu sein, und bin nichts als ein Schwachkopf, den man wegwarf. Und so viele Liebe, diese Aufopferung, diese Treue so zu vergelten!«
Der Major nahm zu allerlei Trostmitteln seine Zuflucht. »Sie sagen ja selbst, daß die Prinzessin Sie zuerst geliebt hat; konnte sie je eine andere Liebe, eine andere Treue von Ihnen erwarten als die, welche die Verhältnisse erlauben?«
»Ha, woran mahnen Sie mich!« rief der Unglückliche, »wie klagen mich Ihre Entschuldigungen selbst an! Auch _sie_, auch _sie_ betört! Wie kindlich, wie unschuldig war sie, als ich Verruchter kam, als ich sie sah mit dem lieblichen Schmelz der Unschuld in den Augen, da fing mein Leichtsinn wieder an; ich vergaß alle guten Vorsätze, ich vergaß, wem ich allein gehören dürfte; ich stürzte mich in einen Strudel von Lust, ich begrub mein Gewissen in Vergessenheit!« Er fing an zu weinen, die Erinnerung schien seine Wut zu besänftigen. »Und konnte ich,« flüsterte er, »konnte ich so von ihr gehen? Ich fühlte, ich sah es an jeder ihrer Bewegungen, ich las es in ihrem Auge, daß sie mich liebte; sollte ich fliehen, als ich sah, wie diese Morgenröte der Liebe in ihren Wangen aufging, wie der erste leuchtende Strahl des Verständnisses aus ihrem Auge brach, auf mich niederfiel, mich aufzufordern schien, ihn zu erwidern?«
»Ich beklage Sie,« sprach der Freund und drückte seine Hand; »wo lebt ein Mann, der so süßer Versuchung widerstanden wäre?«
»Und als ich ihr sagen durfte, wie ich sie verehre, als sie mir mit stolzer Freude gestand, wie sie mich liebe, als jenes traute, entzückende Spiel der Liebe begann, wo ein Blick, ein flüchtiger Druck der Hand mehr sagt, als Worte auszudrücken vermögen, wo man tagelang nur in der freudigen Erwartung eines Abends, einer Stunde, einer einsamen Minute lebte, wo man in der Erinnerung dieses seligen Augenblicks schwelgte, bis der Abend wieder erschien, bis ich aus dem Taumelkelch ihrer süßen Augen aufs neue Vergessenheit trank; wie reich wußte sie zu geben, wieviel Liebe wußte sie in _ein_ Wort, in _einen_ Blick zu legen; und ich sollte fliehen?«
»Und wer verlangt dies?« sagte der Freund gerührt. »Es wäre grausam gewesen, eine so schöne Liebe, die alle Verhältnisse zum Opfer brachte, zurückzustoßen. Nur Vorsicht hätte ich gewünscht; ich denke, noch ist nicht alles verloren!«
Er schien nicht darauf zu hören; seine Tränen strömten heftiger, sein glänzendes Auge schien tiefer in die Vergangenheit zu tauchen. »Und als sie mit holdem Erröten sagte, wie ich zu ihr gelangen könne, als sie erlaubte, ihre fürstliche Stirne zu küssen, als der süße Mund, dessen Wünsche einem Volk Befehle waren, _mein_ gehörte, und die Hoheit einer Fürstin unterging im traulichen Flüstern der Liebe -- da, da sollte ich sie lassen?«
»Wie glücklich sind Sie! Gerade in dem Geheimnis dieses Verhältnisses muß ein eigener Reiz liegen; und warum wollen Sie diese Liebe so tief verdammen? Fassen Sie sich! Das Urteil der Welt kann Ihnen gleichgültig sein, wenn Sie glücklich sind; denn im ganzen trägt ja wahrhaftig dies Verhältnis nichts so Schwarzes, Schuldiges an sich, wie Sie es selbst sich vorstellen!«
Der Graf hatte ihm zugehört; seine Augen rollten, seine Wangen färbten sich dunkler, er knirschte mit den Zähnen. »Nicht so mild müssen Sie mich beurteilen,« sagte er mit dumpfer Stimme, »ich verdiene es nicht. Ich bin ein Frevler, vor dem Sie zurückschaudern sollten. O -- daß ich Vergessenheit erkaufen könnte, daß ich Jahre auslöschen könnte aus meinem Gedächtnis! -- Ich will vergessen, ich muß vergessen, ich werde wahnsinnig, wenn ich nicht vergesse: schaffen Sie Wein, Kamerad; ich will trinken, mich dürstet, es wütet eine Flamme in mir, ich will mein Gedächtnis, meine Schuld versäufen!«
Der Major war ein besonnener Mann; er dachte ziemlich ruhig über diese verzweiflungsvollen Ausbrüche der Reue und Selbstanklage. »Er ist leichtsinnig, so habe ich ihn von jeher gekannt,« sagte er zu sich; »solche Menschen kommen leicht aus einem Extrem in das andere. Er sieht jetzt große Schuld in seiner Liebe, weil sie der Geliebten in ihren Verhältnissen schaden kann, und im nächsten Augenblick berauscht ihn wieder die Wonne der Erinnerung.« Der Wein kam, der Major goß ein; der Graf stürzte schnell einige Gläser hinunter; er ging mit schnellen Schritten schweigend im Zimmer auf und nieder, blieb vor dem Freunde stehen, trank und ging wieder. Dieser mochte seine stillen Empfindungen nicht unterbrechen, er trank und beobachtete über das Glas hin aufmerksam die Mienen, die Bewegungen seines Freundes.
»Major!« rief dieser endlich und warf sich auf den Stuhl nieder; »welches Gefühl halten Sie für das schrecklichste?«
Dieser schlürfte bedächtig den Wein in kleinen Zügen, er schien nachzusinnen, und sagte dann: »Ohne Zweifel, das, was das freudigste Gefühl gibt, muß auch das traurigste werden -- Ehre, gekränkte Ehre.«
Der Graf lachte grimmig. »Lassen Sie sich die Taler wiedergeben, Kamerad, die Sie einem schlechten Psychologen für seinen Unterricht gaben. Gekränkte Ehre! Also tiefer steigt Ihre Kunst nicht hinab in die Seele? Die gekränkte Ehre fühlt sich doch selbst noch; es lebt doch ein Gefühl in des Gekränkten Brust, das ihn hoch erhebt über die Kränkung, er kann die Scharte auswetzen am Beleidiger; er hat noch die Möglichkeit, seine Ehre wieder fleckenlos und rein zu waschen, aber tiefer, Herr Bruder,« rief er, indem er die Hand des Majors krampfhaft faßte, »tiefer hinab in die Seele! welches Gefühl ist noch schrecklicher?«
»Von _einem_ habe ich gehört,« erwiderte jener, »das aber Männer wie wir nicht kennen -- es heißt Selbstverachtung.«
Der Graf erbleichte und zitterte, er stand schweigend auf und sah den Freund lange an. »Getroffen, Kamerad!« sagte er, »das sitzt noch tiefer. Männer wie wir _pflegen_ es nicht zu kennen, es heißt Selbstverachtung. Aber der Teufel legt auch gar feine Schlingen auf die Erde; ehe man sich versieht, ist man gefangen. Kennen Sie die Qual des Wankelmutes, Major?«
»Gottlob, ich habe sie nie erfahren; mein Weg ging immer geradeaus aufs Ziel!«
»Geradeaus aufs Ziel? Wer auch so glücklich wäre! Erinnern Sie sich noch des Morgens, als wir aus den Toren von Warschau ritten? Unsere Gefühle, unsere Sinne gehörten jenem großen Geiste, der sie gefangen hielt; aber wem gehörten die Herzen der polnischen Lanciers? Unsere Trompeten ließen jene Arien aus den _Krakauern_ ertönen, jene Gesänge, die uns als Knaben bis zur Wut für das Vaterland begeistert hatten; diese wohlbekannten Klänge pochten wieder an die Pforte unserer Brust; Kamerad, wem gehörten unsere Herzen?«
»Dem Vaterland!« sagte der Major gerührt; »ja, damals, _damals_ war ich freilich wankelmütig!«
»Wohl Ihnen, daß Sie es sonst nie waren, der Teufel weiß das recht hübsch zu machen; er läßt uns hier empfinden, glücklich werden, und dort spiegelt er noch höhere Wonne, noch größeres Glück uns vor!«
»Möglich; aber der Mann hat Kraft, _dem_ treu zu bleiben, was er gewählt hat.«
»Das ist es,« rief der Graf, wie niedergedonnert durch dies _eine_ Wort, »das ist es, und daraus -- die Selbstverachtung; und warum besser scheinen, als ich bin? Kamerad, Sie sind ein Mann von Ehre, fliehen Sie mich wie die Pest, ich bin ein Ehrloser, ein Ehrvergessener, Sie sind ein Mann von Kraft, verachten Sie mich, ich muß mich selbst verachten, wissen Sie, ich bin --«
»Halt, ruhig!« unterbrach ihn der Freund, »es pochte an der Türe -- herein!«
7.
»Bedaure, bedaure unendlich,« sprach der Regisseur der Oper und rutschte mit tiefen Verbeugungen ins Zimmer, »ich unterbreche Hochdieselben?«
»Was bringen Sie uns?« erwiderte der Major, schneller gefaßt als der unglückliche Freund. »Setzen Sie sich und verschmähen Sie nicht unsern Wein; was führt Sie zu uns!«
»Die traurige Gewißheit, daß Othello doch gegeben wird. Es hilft nichts; alles Bitten ist umsonst. Ich will Ihnen nur gestehen, ich ließ die Oper einüben, hatte aber unsere Primadonna schon dahin gebracht, daß sie mir feierlich gelobte, heiser zu werden; da führt der Satan gestern abend die Sängerin Fanutti in die Stadt; sie kommt vom ...ner Theater, bittet die allerhöchste Theaterdirektion um Gastrollen, und stellen Sie sich vor, man sagt ihr auf nächsten Sonntag Othello zu. Ich habe beinahe geweint, wie es mir angezeigt wurde; jetzt hilft kein Gott mehr dagegen, und doch habe ich schreckliche Ahnungen!«
»Alter Herr!« rief der Graf, der indessen Zeit gehabt hatte, sich zu sammeln. »Geben Sie doch einmal Ihren Köhlerglauben auf; ich kann Sie versichern, es soll keiner der allerhöchsten Personen ein Haar gekrümmt werden; ich gehe hinaus auf den Kirchhof, lasse mir das Grab der erwürgten Desdemona zeigen, mache ihr meine Aufwartung und bitte sie, diesmal ein Auge zuzudrücken und _mich_ zu erwürgen. Freilich hat sie dann nur einen Grafen und kein fürstliches Blut; doch einer meiner Vorfahren hat auch eine Krone getragen!«
»Freveln Sie nicht so erschrecklich,« entgegnete der Alte, »wie leicht kann Sie das Unglück mit hinabziehen! Mit solchen Dingen ist nicht zu scherzen. Ueberdies habe ich heute nacht im Traum einen großen Trauerzug mit Fackeln gesehen, wie man Fürsten zu begraben pflegt.«
»Schreckliche Visionen, guter Herr!« lachte der Major. »Haben Sie vielleicht vorher ein Gläschen zuviel getrunken? Und was ist natürlicher, als daß Sie solches Zeug träumen, da Sie den ganzen Tag mit Todesgedanken umgehen!«
Der Alte ließ sich nicht aus seinem Ernst herausschwatzen. »Gerade _Sie_, verehrter Herr, sollten nicht Spott damit treiben,« sagte er. »Ich habe Sie nie gesehen bis zu jener Stunde, wo Sie mich mit dem Herrn Grafen besuchten, und doch gingen wir beide heute nacht miteinander dem Sarge nach, Sie weinten heftig.«
»Immer köstlicher! wie lebhaft Sie träumen; darum mußte ich hierher kommen, um mit Ihnen, lieber Mann, im Traume spazieren zu gehen!«
»Brechen wir ab,« erwiderte jener, »was kommen muß, wird kommen, und wir würden vielleicht viel darum geben, hätten wir alles nur geträumt. Ich komme aber hauptsächlich zu Ihnen, um Sie zur Probe einzuladen, Sie haben sich so generös gegen uns bewiesen, daß ich mir ein Vergnügen daraus mache, Ihnen unser Personal, namentlich die neue Sängerin zu zeigen.«
Die Freunde nahmen freudig den Vorschlag an. Der Graf schien wie immer seine Heftigkeit zu bereuen und diese Zerstreuung kam ihm erwünscht; auf dem Major hatten jene Ausbrüche einer Selbstanklage schwer und drückend gelegen; auch er nahm daher mit Dank diesen Ausweg an, um einer näheren Erklärung seines Freundes, die er eher fürchtete, als wünschte, zu entfliehen.
8.
Und wirklich schien auch seit jener Stunde der Graf diese Saite nicht mehr berühren zu wollen; er schien wohl hin und wieder düster, ja die Augenblicke des tiefen Grames kehrten wieder, aber nicht mit ihnen das Geständnis einer großen Schuld, das damals schon auf seinen Lippen schwebte; er war verschlossener als sonst. Der Major sah ihn sogar einige Tage beinahe gar nicht; die Geschäfte, die ihn in diese Stadt gerufen hatten, ließen ihm wenige Stunden übrig, und diese pflegte gerade der Graf dem Theater zu widmen; denn sei es aus Lust an der Sache selbst oder um im Sinne der Geliebten zu handeln und ihre Lieblingsoper recht glänzend erscheinen zu lassen, er war in jeder Probe gegenwärtig; sein richtiger Takt, seine ausgebreiteten Reisen, sein feiner, in der Welt gebildeter Geschmack verbesserten unmerklich manches, was dem Auge und Ohr selbst eines so scharfen Kritikers, wie der Regisseur war, entgangen wäre; und der alte Mann vergaß oft stundenlang die schwarzen Ahnungen, die seine Seele quälten, so sehr wußte Graf Zronievsky sein Interesse zu fesseln.
So war Othello zu einer Vollkommenheit fortgeschritten, die man anfangs nicht für möglich gehalten hätte; die Oper war durch die sonderbaren Umstände, welche ihre Aufführung bisher verhindert hatten, nicht nur dem Publikum, sondern selbst den Sängern neu geworden; kein Wunder, daß sie ihr möglichstes taten, um so großen Erwartungen zu entsprechen; kein Wunder, daß man mit freudiger Erwartung dem Tag entgegensah, der _den Mohren von Venedig_ auf die Bretter rufen sollte.
Es kam aber noch zweierlei hinzu, das Interesse des Publikums zu fesseln. Der Sängerin Fanutti war ein großer Ruf vorausgegangen, man war neugierig, wie sie sich vom Theater ausnehme, wie sie Desdemona geben werde, eine Rolle, zu der man außer schönem Gesang auch ein höheres tragisches Spiel verlangte. Hierzu kam das leise Gerücht von den sonderbaren Vorfällen, die jedesmal Othello begleitet hatten; die älteren Leute erzählten, die jüngeren sprachen es nach, zweifelten, vergrößerten, so daß ein großer Teil des Publikums glaubte, der Teufel selbst werde eine Gastrolle im Othello übernehmen.
Der Major von Larun hatte Gelegenheit, an manchen Orten über diese Dinge sprechen zu hören; am auffallendsten war ihm, daß man bei Hof, wo er noch einige Abende zubrachte, kein Wort mehr über Othello sprach; nur Prinzessin Sophie sagte einmal flüchtig und lächelnd zu ihm: »Othello hätten wir denn doch herausgeschlagen, Ihrer Krankheitstante, Baron, und der diplomatischen Drohung des Grafen haben wir es zu danken. Wie freue ich mich auf Sonntag, auf mein Desdemonaliedchen; wahrlich, wenn ich einmal sterbe, es soll mein Schwanengesang werden.«
»Gibt es Ahnungen?« dachte der Major bei diesen flüchtig hingeworfenen Worten, die ihm unwillkürlich schwer und bedeutungsvoll klangen; »die Sage von der gespenstigen Desdemona, die Furcht des alten Regisseurs, seine Träume vom Trauergeleite und dieser Schwanengesang!« Er sah der holden, lieblichen Erscheinung nach, wie sie froh und freundlich durch die Säle gleitete, wie sie, gleich dem Mädchen aus der Fremde, jedem eine schöne Gabe, ein Lächeln oder ein freundliches Wort darreichte -- wenn der Zufall es wieder wollte, dachte er, wenn sie stürbe! Er verlachte sich im nächsten Augenblicke selbst, er konnte nicht begreifen, wie ein solcher Gedanke in seine vorurteilsfreie Seele kommen könne -- er suchte mit Gewalt dieses lächerliche Phantom aus seiner Erinnerung zu verdrängen -- umsonst! dieser Gedanke kehrte immer wieder, überraschte ihn mitten unter den fremdartigsten Reden und Gegenständen, und immer noch glaubte er, eine süße Stimme flüstern zu hören; »Wenn ich sterbe -- sei es mein Schwanengesang.«
Der Sonntag kam und mit ihm ein sonderbarer Vorfall. Der Major war nachmittags mit dem Grafen und mehreren Offizieren ausgeritten. Auf dem Heimweg überfiel sie ein Regen, der sie bis auf die Haut durchnäßte. Die Wohnung des Grafen lag dem Tore zunächst, er bat daher den Major, sich bei ihm umzukleiden; einen Hut des Freundes auf dem Kopf, in einen seiner Ueberröcke gehüllt, trat der Major aus dem Hause, um in seine eigene Wohnung zu eilen. Er mochte einige Straßen gegangen sein, und immer war es ihm, als schleiche jemand allen seinen Tritten nach. Er blieb stehen, sah sich um, und dicht hinter ihm stand ein hagerer, großer Mann in einem abgetragenen Rock. »Dies an Sie Herr!« sagte er mit dumpfer Stimme und durchdringendem Blick, drückte dem Erstaunten ein kleines Billett in die Hand und sprang um die nächste Ecke. Der Major konnte nicht begreifen, woher ihm, in der völlig fremden Stadt, solche geheimnisvolle Botschaft kommen sollte? Er betrachtete das Billett von allen Seiten, es war feines, glänzendes Papier, in eine Schleife künstlich zusammengeschlungen, mit einer schönen Kamee gesiegelt. Keine Aufschrift. »Vielleicht will man sich einen Scherz mit dir machen,« dachte er und öffnete es sorglos auf der Straße, er las und wurde aufmerksam, er las weiter und erblaßte, er steckte das Papier in die Tasche und eilte seiner Wohnung, seinem Zimmer zu.
Es war schon Dämmerung gewesen auf der Straße, er glaubte nicht recht gelesen zu haben, er rief nach Licht. Aber auch beim hellen Schein der Kerzen blieben die unseligen Worte fest und drohend stehen.
»Elender! Du kannst dein Weib, deine kleinen Würmer im Elende schmachten lassen, während du vor der Welt in Glanz und Pracht auftrittst? Was willst du in dieser Stadt? Willst du ein ehrwürdiges Fürstenhaus beschimpfen, seine Tochter so unglücklich machen, als du dein Weib gemacht hast? Fliehe, in der Stunde, wo du dieses liest, weiß _Pr. Sph._ das schändliche Geheimnis deines Betrugs.«