Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 1
Part 5
»Und Sie sollen ihn dennoch sehen,« flüsterte Sophie zu ihm hin, »ich muß mein Desdemonalied noch einmal hören, so recht sehen und hören auf der Bühne, und sollte ich selbst darüber zum Opfer werden!«
»Sie selbst?« fragte der Fremde betroffen; »ich höre ja, der gespenstige Mohr soll nur _brennen_, nicht _töten_?«
»Ach, das war ja nur das Gleichnis der Mutter!« flüsterte sie noch viel leiser, »die Sage ist noch viel schauriger und viel gefährlicher.«
Der Kapellmeister pochte, die Introduktion des zweiten Akts begann, und der Fremde stand auf, die fürstliche Loge zu verlassen. Die Herzogin hatte ihn gütig entlassen, aber vergebens sah er sich nach dem Gesandten um, er war wohl längst in seine Loge zurückgekehrt. Unschlüssig, ob er rechts oder links gehen müsse, stand er im Korridor, als eine warme Hand sich in die seinige legte; er blickte auf, es war der Graf Zronievsky.
3.
»So habe ich doch recht gesehen?« rief der Graf, »mein Major, mein tapferer Major! Wie lebt alles wieder in mir auf! Ich werfe diese unglücklichen dreizehn Jahre von mir; ich bin der frohe Lancier wie sonst! ~Vive Poniatowsky, vive l'emp--~«
»Um Gottes willen, Graf!« fiel ihm der Fremde in das Wort; »bedenken Sie, wo Sie sind! Und warum diese Schatten heraufbeschwören? Sie sind hinab mit ihrer Zeit; lasset die Toten ruhen!«
»_Ruhen?_« entgegnete jener; »das ist ja gerade, was ich nicht kann; o daß ich unter jenen Toten wäre! Wie sanft, wie geduldig wollte ich ruhen! Sie schlafen, meine tapfern Polen, und keine Stimme, wie mächtig sie auch rufe, schreckt sie auf. Warum darf ich allein nicht rasten?«
Ein düsteres, unstätes Feuer brannte in den Augen des schönen Mannes, seine Lippen schlossen sich schmerzlich; sein Freund betrachtete ihn mit besorgter Teilnahme, er sah hier nicht mehr den fröhlichen, heldenmütigen Jüngling, wie er ihn an der Spitze des Regiments in den Tagen des Glückes gesehen; das zutrauliche, gewinnende Lächeln, das ihn sonst so angezogen, war einem grämlichen, bittern Zuge gewichen, das Auge, das sonst voll stolzer Zuversicht, voll freudigen Mutes, frei und offen um sich blickte, schien mißtrauisch jeden Gegenstand zu prüfen, durchbohren zu wollen, das matte Rot, das seine Wangen bedeckte, war nur der Abglanz jener Jugendblüte, die ihm in den Salons von Paris den Namen des _schönen_ Polen erworben hatte, und dennoch, auch nach dieser großen Veränderung, welche Zeit und Unglück hervorgebracht hatten, mußte man gestehen, daß Prinzessin Sophie sehr zu entschuldigen sei.
»Sie sehen mich an, Major?« sagte jener nach einigem Stillschweigen, »Sie betrachten mich, als wollten Sie die alten Zeiten aus meinen Zügen herausfinden? Geben Sie sich nicht vergebliche Mühe; es ist so manches anders geworden, sollte nicht der Mensch mit dem Geschick sich ändern?«
»Ich finde Sie nicht sehr verändert,« erwiderte der Fremde, »ich erkannte Sie bei dem ersten Anblick wieder. Aber eines finde ich nicht mehr wie früher, aus diesen Augen ist ein gewisses Zutrauen verschwunden, das mich sonst so oft beglückte. Alexander Zronievsky scheint mir nicht mehr zu trauen. Und doch,« setzte er lächelnd hinzu, »und dennoch war mein Geist immer bei ihm, ich weiß sogar die tiefsten Gedanken seines Herzens.«
»Meines armen Herzens!« entgegnete der Graf wehmütig; »ich wüßte kaum, ob ich noch ein Herz habe, wenn es nicht manchmal vor Unmut pochte! Welche Gedanken wollen Sie aufgespürt haben, als die unwandelbare Freundschaft für Sie, Major? Schelten Sie nicht mein Auge, weil es nicht mehr fröhlich ist; ich habe mich in mich selbst zurückgezogen, ich habe mein Vertrauen in meine Rechte gelegt, ihr Druck wird Ihnen sagen, daß ich noch immer der alte bin.«
»Ich danke; aber wie, ich sollte mich nicht auf die Gedanken Ihres Herzens verstehen? Sie sagen, es pocht nur vor Unmut; was hat denn ein gewisses Fürstenkind getan, daß Ihr Herz so gar unmutig pocht?«
Der Graf erblaßte; er preßte des Freundes Hand fest in der seinigen: »Um Gottes willen, schweigen Sie; nie mehr eine Silbe über diesen Punkt! Ich weiß, ich verstehe, was Sie meinen, ich will sogar zugeben, daß Sie recht gesehen haben; der Teufel hat Ihre Augen gemacht, Major! Doch warum bitte ich einen Ehrenmann wie Sie, zu schweigen? Es hat ja noch keiner vom achten Regiment seinen Kameraden verraten.«
»Sie haben recht, und kein Wort mehr darüber; doch nur dies eine noch: vom achten verratet keiner den Kameraden, ob aber der gute Kamerad sich selber nicht verrät?«
»Kommen Sie hier in diese Treppe,« flüsterte der Graf, denn es nahten sich mehrere Personen; »Jesus Maria, sollte außer Ihnen jemand etwas ahnen?«
»Wenn Sie Vertrauen um Vertrauen geben werden, wohlan, so will ich beichten.«
»O, foltern Sie mich nicht, Major! Ich will nachher sagen, was Sie haben wollen, nur geschwind, ob jemand außer Ihnen --«
Der Major von Larun erzählte, er sei heute in dieser Stadt angekommen, seine Depeschen seien bei dem Gesandten bald in Richtigkeit gewesen, man habe ihn in die Oper mitgenommen, und dort, wie er entzückt die Prinzessin aus der Ferne betrachtet, habe ihm die Gesandtin gesagt, daß Sophie in ein Verhältnis unter ihrem Stande verwickelt sei. »Sie traten ein in die fürstliche Loge, ein Blick überzeugte mich, daß niemand als Sie der Geliebte sein könne.«
»Und die Gesandtin?« rief der Graf mit zitternder Stimme.
»Sie hat es bestätigt. Wenn ich nicht irre, sprach sie auch von einer Oberhofmarschallin, von welcher sie die Nachricht habe.«
Der Graf schwieg, einige Minuten vor sich hinstarrend; er schien mit sich zu ringen, er blickte einigemal den Fremden scheu von der Seite an -- »Major,« sprach er endlich mit klangloser, matter Stimme, »können Sie mir hundert Napoleon leihen?«
Der Major war überrascht von dieser Frage; er hatte erwartet, sein Freund werde etwas weniges über sein Unglück jammern, wie bei dergleichen Szenen gebräuchlich, er konnte sich daher nicht gleich in diese Frage finden, und sah den Grafen staunend an.
»Ich bin ein Flüchtling,« fuhr dieser fort; »ich glaubte endlich eine stille Stätte gefunden zu haben, wo ich ein klein wenig rasten könnte, da muß ich lieben -- muß geliebt werden, Major, wie geliebt werden!« Er hatte Tränen in den Augen, doch er bezwang sich und fuhr mit fester Stimme fort: »Es ist eine sonderbare Bitte, die ich hier nach so langem Wiedersehen an Sie tue, doch ich erröte nicht, zu bitten; Kamerad, gedenken Sie des letzten ruhmvollen Tages im Norden, gedenken Sie des Tages von Mosaisk?«
»Ich gedenke!« sagte der Fremde, indem sein Auge glänzte und seine Wangen sich höher färbten.
»Und gedenken Sie, wie die russische Batterie an der Redoute auffuhr, wie ihre Kartätschen in unsere Reihen sausten und der Verräter Piolsky zum Rückzug blasen ließ?«
»Ha!« fiel der Fremde mit dröhnender Stimme ein, »und wie Sie ihn herabschossen, Oberst, daß er keine Ader mehr zuckte, wie die Husaren rechts abschwenkten, wie _Sie_ ›vorwärts!‹ riefen, ›vorwärts, Lanciers vom achten!‹ und die Kanonen in fünf Minuten unser waren!« --
»Gedenken Sie?« flüsterte der Graf mit Wehmut; »wohlan! ich kommandiere wieder vor der Front. Es gilt, einen Kameraden herauszuhauen, werdet Ihr ihn retten? ~En avant~, Major! vorwärts, tapferer Lancier! wirst du ihn retten, Kamerad?«
»Ich will ihn retten!« rief der Freund, und der Graf Zronievsky schlug seinen Arm um ihn, preßte ihn heftig an seine Brust und eilte dann von ihm weg, den Korridor entlang.
4.
»Gut, daß ich Sie treffe,« rief der Graf Zronievsky, als er am nächsten Morgen dem Major auf der Straße begegnete, »ich wollte eben zu Ihnen und Sie um eine kleine Gefälligkeit ansprechen --«
»Die ich Ihnen schon gestern zusagte,« erwiderte jener; »wollen Sie mich in mein Hotel begleiten? es liegt längst für Sie bereit.« --
»Um Gottes willen! jetzt nichts von Geld,« fiel der Graf ein, »Sie töten mich durch diese Prosa; ich bin göttlich gelaunt, selig, überirdisch gestimmt. O Freund, ich habe es dem Engel gesagt, daß man uns bemerkt, ich habe ihr gesagt, daß ich fliehen werde, denn in ihrer Nähe zu sein, sie nicht zu sprechen, nicht anzubeten, ist mir unmöglich.«
»Und darf ich wissen, was sie sagte?«
»Sie ist ruhig darüber, sie ist größer als diese schlechten Menschen. ›Was ist es auch?‹ sagte sie, ›man kann uns gewiß nichts Böses nachsagen, und wenn man auch unser Verhältnis entdeckte, so will ich mir gerne einmal einen dummen Streich vergeben lassen; wo lebt ein Mensch, der nicht einmal einen beginge?‹«
»Eine gesunde Philosophie,« bemerkte der Major; »man kann nicht vernünftiger über solche Verhältnisse denken; denn gerade die sind meist am schlechtesten beraten, die glauben, sie können alle Menschen blenden. Doch ist mir noch eine Frage erlaubt? Wie es scheint, so sehen Sie Ihre Dame _allein_? denn was Sie mir erzählten, wurde schwerlich gestern im Don Juan verhandelt.«
»Wir sehen uns,« flüsterte jener, »ja, wir sehen uns, aber wo, darf ich nicht sagen, und so wahr ich lebe, das sollen auch jene Menschen nicht ausspähen. Aber lange, ich sehe es selbst ein, lange Zeit kann es nicht mehr dauern. Drum bin ich immer auf dem Sprung, Kamerad, und Ihre Hilfe soll mich retten, wenn indes meine Gelder nicht flüssig werden. ›Doch gilt es morgen, so laß uns heut noch schlürfen die Neige der köstlichen Zeit;‹ ich will noch glücklich, selig sein, weil es ja doch bald ein Ende haben muß.«
»Und wozu kann ich Ihnen dienen?« fragte der Major, »wenn ich nicht irre, wollten Sie mich aufsuchen.«
»Richtig, das war es, warum ich kommen wollte,« entgegnete jener nach einigem Nachsinnen. »Sophie weiß, daß Sie mein Freund sind, ich habe ihr schon früher von Ihnen erzählt, hauptsächlich die Geschichte von der Beresinabrücke, wo Sie mich zu sich auf den Rappen nahmen. Sie hat gestern mit Ihnen gesprochen und von _Othello_, nicht wahr? Die Fürstin will nicht zugeben, daß er aufgeführt werde, wegen irgend eines Märchens, das ich nicht mehr weiß.« --
»Sie waren sehr geheimnisvoll damit,« unterbrach ihn der Freund, »und wie mir schien, wird es die Fürstin auch nicht zugeben.«
»Und doch; ich habe sie durch ein Wort dahin gebracht. Die Prinzessin bat und flehte, und das kann ich nun einmal nicht sehen, ohne daß ich ihr zu Hilfe komme; ich nahm also eine etwas ernste Miene an und sagte: ›Sonderbar ist es doch, wenn so etwas ins Publikum kommt, ist es wie der Wind in den Gesandtschaften, und kam es einmal so weit, so darf man nicht dafür sorgen, daß es in acht Tagen als ~Chronique scandaleuse~ an allen Höfen erzählt wird.‹ Die Fürstin gab mir recht; sie sagte, wiewohl mit sehr bekümmerter und verlegener Miene zu, daß das Stück gegeben werden sollte; doch als sie wegging, rief sie mir noch zu: sie gebe das Spiel dennoch nicht verloren, denn wenn auch _Othello_ schon auf dem Zettel stehe, lasse sie die _Desdemona_ krank werden.«
»Das haben Sie gut gemacht!« rief der Major lachend, »also die Furcht vor der ~Chronique scandaleuse~ hat die Gespensterfurcht und das Grauen vor den Geheimnissen der Natur überwunden?«
»Jawohl, Sophie ist außer sich vor Freuden, daß sie ihren Willen hat. Ich bin gerade auf dem Weg zum Regisseur der Oper; ich soll ihm vierhundert Taler bringen, daß die Aufführung auch in pekuniärer Hinsicht keiner Schwierigkeit unterworfen sein möchte, und Sie müssen mich zu ihm begleiten.«
»Aber wird es nicht auffallen, wenn Sie im Namen der Prinzessin diese Summe überbringen?«
»Dafür ist gesorgt; wir bringen es als Kollekte von einigen Kunstfreunden; stellen Sie einen Dilettanten oder Enthusiasten vor oder was in unseren Kram paßt. Der Regisseur wohnt nicht weit von hier und ist ein alter, ehrlicher Kauz, den wir schon gewinnen wollen. Nur hier um die Ecke, Freund; sehen Sie dort das kleine grüne Haus mit dem Erker?«
5.
Der Regisseur der Oper war ein kleiner, hagerer Mann, er war früher als Sänger berühmt gewesen und ruhte jetzt im Alter auf seinen Lorbeeren. Er empfing die Freunde mit einer gewissen künstlerischen Hoheit und Würde, welche nur durch seine sonderbare Kleidung etwas gestört wurde; er trug nämlich eine schwarze Florentiner Mütze, welche er nur ablegte, wenn er zum Ausgehen die Perücke auf die Glatze setzte. Auffallend stachen gegen diese bequeme Hauskleidung des Alten ein moderner, enge anliegender Frack und weite, faltenreiche Beinkleider ab; sie zeigten, daß der Herr Regisseur trotz der sechzig Jährchen, die er haben mochte, dennoch für die Eitelkeit der Welt nicht abgestorben sei; an den Füßen trug er weite, ausgetretene Pelzschuhe, auf denen er künstlich im Zimmer herumfuhr, ohne sichtbar die Beine aufzuheben; es kam den Freunden vor, als fahre er auf Schlittschuhen.
»Ist mir bereits angezeigt worden, der allerhöchste Wunsch,« sagte der Regisseur, als ihn der Graf mit dem Zweck ihres Besuches bekannt machte, »weiß bereits um die Sache; an mir soll es nicht fehlen, mein einziger Zweck ist ja, die allerhöchsten Ohren auf ergötzliche Weise zu delektieren, aber -- aber ich werde denn doch submissest wagen müssen, einige Gegenvorstellungen zu exhibitieren.«
»Wie? Sie wollen diese Oper nicht geben?« rief der Graf.
»Gott soll mich behüten, das wäre ja ein offenbares Mordattentat auf die allerhöchste Familie! Nein! nein! wenn mein Wort in der Sache noch etwas gilt, wird dieses unglückliche Stück nie gegeben.«
»Hätte ich doch nie gedacht,« entgegnete der Graf, »daß ein Mann wie Sie von Pöbelwahn befangen wäre. Mit Staunen und Bewunderung vernahm ich schon in meiner frühesten Jugend in fernen Landen Ihren gefeierten Namen; Sie wurden die Krone der Sänger genannt, ich brannte vor Begierde, diesen Mann einmal zu sehen. Ich bitte, verkleinern Sie dieses ehrwürdige Bild nicht durch solchen Aberwitz.«
Der Alte schien sich geschmeichelt zu fühlen, ein anmutiges Lächeln zog über seine verwitterten Züge, er steckte die Hände in die Taschen und fuhr auf seinen Pelzschuhen einigemal im Zimmer auf und ab. »Allzugütig, allzuviel Ehre!« rief er; »ja, wir waren unserer Zeit etwas, wir waren ein tüchtiger Tenor! jetzt hat es freilich ein Ende. _Aberglaube_, belieben Sie zu sagen? ich würde mich schämen, irgend einem Aberglauben nachzuhängen; aber wo Tatsachen sind, kann von Aberglauben nicht die Rede sein.«
»Tatsachen?« riefen die Freunde mit _einer_ Stimme.
»O ja, verehrte ~messieurs~, Tatsachen. Sie scheinen nicht aus hiesiger Stadt und Gegend zu sein, da Sie solche nicht wissen?«
»Ich habe allerdings von einem solchen Märchen gehört,« sagte der Major; »es soll, wenn ich nicht irre, jedesmal nach Othello brennen, und --«
»Brennen? daß mir Gott verzeih'; ich wollte lieber, daß es allemal brennte; Feuer kann man doch löschen, man hat Brandassekuranzen, man kann endlich noch solch einen Brandschaden zur Not ertragen; aber sterben? nein, das ist ein weit gefährlicherer Casus.«
»Sterben? sagen Sie, wer soll sterben?«
»Nun, das ist kein Geheimnis!« erwiderte der Regisseur; »so oft Othello gegeben wird, muß acht Tage nachher jemand aus der fürstlichen Familie sterben.«
Die Freunde fuhren erschrocken von ihren Sitzen auf, denn der prophetische, richtende Ton, womit der Alte dies sagte, hatte etwas Greuliches an sich; doch sogleich setzten sie sich wieder und brachen über ihren eigenen Schrecken in ein lustiges Gelächter aus, das übrigens den Sänger nicht aus der Fassung brachte.
»Sie lachen?« sprach er; »ich muß es mir gefallen lassen; wenn es Sie übrigens nicht geniert, will ich Sie die Theaterchronik inspizieren lassen, die seit hundertundzwanzig Jahren der jedesmalige Souffleur schreibt.«
»Die Theaterchronik her, Alter, lassen Sie uns inspizieren,« rief der Graf, dem die Sache Spaß zu machen schien; und der Regisseur rutschte mit außerordentlicher Schnelligkeit in seine Kammer und brachte einen in Leder und Messing gebundenen Folianten hervor.
Er setzte eine große in Bein gefaßte Brille auf und blätterte in der Chronik. »Bemerken Sie,« sagte er, »wegen des Nachfolgenden, erstlich: hier steht: ›Anno 1740 den 8. Dezember ist die Actrice Charlotte Fandauerin in hiesigem Theater erstickt worden. Man führte das Trauerspiel Othello, der Mohr von Venedig, von Shakespeare auf.‹«
»Wie?« unterbrach ihn der Major, »Anno 1740 sollte man hier Shakespeares Othello gegeben haben? und doch war es, wenn ich nicht irre, Schröder, der zuerst und viel später das erste Shakespearsche Stück in Deutschland aufführen ließ?«
»Bitte um Vergebung,« erwiderte der Alte. »Der Herzog sah auf einer Reise durch England in London diesen Othello geben, ließ ihn, weil er ihm außerordentlich gefiel, übersetzen und nachher hier öfter aufführen. Meine Chronik fährt aber also fort: ›Obgedachte Charlotte Fandauerin hat die Desdemona gegeben und ist durch die Bettdecke, womit sie in dem Stücke selbst getötet werden soll, elendiglich umgekommen. Gott sei ihrer armen Seele gnädig!‹ Diesen Mord erzählt man sich hier folgendermaßen: die Fandauer soll sehr schön gewesen sein; bei Hof ging es damals unter dem Herzog Nepomuk sehr lasciv zu; die Fandauer wurde des Herzogs Geliebte. Sie aber soll sich nicht blindlings und unvorsichtig ihm übergeben haben; sie war abgeschreckt durch das Beispiel so vieler, die er nach einigen Monaten oder Jährchen verstieß und elendiglich herumlaufen ließ. Sie soll also ein schreckliches Bündnis mit ihm gemacht und erst, nachdem er es beschworen, sich ihm ergeben haben. Aber wie bei den andern, so war es auch bei der Fandauer. Er hatte sie bald satt und wollte sie auf gelinde Art entfernen. Sie aber drohte ihm, das Bündnis, das er mit ihr gemacht, drucken und in ganz Europa verbreiten zu lassen, sie zeigte ihm auch, daß sie diese Schrift schon in vielen fremden Städten niedergelegt habe, wo sie auf ihren ersten Wink verbreitet würde.
Der Herzog war ein grausamer Herr und sein Zorn kannte keine Grenzen. Er soll ihr auf verschiedenen Wegen durch Gift haben beikommen wollen, aber sie aß nichts, als was sie selbst gekocht hatte. Er gab daher einem Schauspieler eine große Summe Geld und ließ den Othello aufführen. Sie werden sich erinnern, daß in dem Shakespeareschen Trauerspiel die Desdemona von dem Mohren im Bette erstickt wird. Der Akteur machte seine Sache nur allzunatürlich, denn die Fandauerin ist nicht mehr erwacht.«
Der Graf schauderte. »Und dies soll wahr sein?« rief er aus.
»Fragen Sie von älteren Personen in der Stadt, wen Sie wollen, Sie werden es überall so erzählen hören. Es wurde nachher von den Gerichten eine Untersuchung gegen den Mörder anhängig gemacht, aber der Herzog schlug sie nieder, nahm den Akteur vom Theater in seine Dienste und erklärte, die Fandauerin habe durch Zufall der Schlag gerührt. Aber acht Tage darauf starb ihm sein einziges Söhnlein, ein Prinz von zwölf Jahren.«
»Zufall!« sagte der Major.
»Nennen Sie es immerhin so,« versetzte der Alte und blätterte weiter; »doch hören Sie, Othello wurde zwei Jahre lang nicht mehr gegeben, denn wegen der Erinnerung an jenen Mord mochte der Herzog dieses Trauerspiel nicht leiden. Aber nach zwei Jahren -- in diesem Buch steht jedes Lustspiel aufgezeichnet -- nach zwei Jahren war er so ruchlos, es wieder aufführen zu lassen. Hier steht's: ›Den 28. September 1742 Othello, der Mohr von Venedig‹; und hier am Rande ist bemerkt: ›_Sonderbarlich!_ am 5. Oktober ist Prinzessin Auguste verstorben, gerade auch acht Tage nach Othello, wie vor zwei Jahren der höchstselige Prinz Friedrich.‹ Zufall, meine werten Herren?«
»Allerdings Zufall!« riefen jene.
»Weiter! ›Den 6. Februar 1748 Othello, der Mohr von Venedig.‹ Ob es wohl wieder eintrifft? Sehen Sie her, meine Herren! Das hat der Souffleur hingeschrieben, bemerken Sie gefälligst, es ist dieselbe Hand, die hier ~in margine~ bemerkt: ›Entsetzlich! die Fandauerin spukt wieder, Prinz Alexander den 14. plötzlich gestorben, acht Tage nach Othello.‹« Der Alte hielt inne und sah seine Gäste fragend an; sie schwiegen, er blätterte weiter und las: »›Den 16. Januar 1775, zum Benefiz der Mlle. Koller: Othello, der Mohr von Venedig.‹ Richtig wieder! ›Arme Prinzessin Elisabeth, hast du müssen so schnell versterben! † 24. Januar 1775.‹«
»Possen!« unterbrach ihn der Major; »ich gebe zu, es ist so; es soll einigemal der Eigensinn des Zufalls es wirklich so gefügt haben; geben Sie mir aber nur _einen_ vernünftigen Grund an zwischen Ursache und Wirkung, wenn Sie diese Höchstseligen am Othello versterben lassen wollen!«
»Herr!« antwortete der alte Mann mit tiefem Ernst, »das kann ich nicht; aber ich erinnere an die Worte jenes großen Geistes, von dem auch dieser unglückselige Othello abstammt: ›Es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, wovon sich die Philosophen nichts träumen lassen!‹«
»Ich kenne das,« sagte der Graf; »aber ich wette, Shakespeare hätte nie diesen Spruch von sich gegeben, hätte er gewußt, wie viel Lächerlichkeit sich hinter ihm verbirgt!«
»Es ist möglich,« erwiderte der Sänger; »hören Sie aber weiter. Ich komme jetzt an ein etwas neueres Beispiel, dessen ich mich erinnern kann, _an den Herzog selbst_.«
»Wie,« unterbrach ihn der Major; »eben _jener_, der die Actrice ermorden ließ?«
»Derselbe; Othello war vielleicht zwanzig Jahre nicht mehr gegeben worden, da kamen, ich weiß es noch wie heute, fremde Herrschaften zum Besuch. Unser Schauspiel gefiel ihnen, und sonderbarerweise wünschte eine der fremden fürstlichen Damen, _Othello_ zu sehen. Der Herzog ging ungern daran, nicht aus Angst vor den greulichen Umständen, die diesem Stück zu folgen pflegten, denn er war ein Freigeist und glaubte an nichts dergleichen; aber er war jetzt alt; die Sünden und Frevel seiner Jugend fielen ihm schwer aufs Herz, und er hatte Abscheu vor diesem Trauerspiel. Aber sei es, daß er der Dame nichts abschlagen mochte, sei es, daß er sich vor dem Publikum schämte, das Stück mußte über Hals und Kopf einstudiert werden, es wurde auf seinem Lustschloß gegeben. Sehen Sie, hier steht es: ›Othello, den 16. Oktober 1793 auf dem Lustschloß H... aufgeführt.‹«
»Nun, Alter, und was folgte? geschwind!« riefen die Freunde ungeduldig.
»Acht Tage nachher, den 24. Oktober 1793, ist der Herzog gestorben.«
»Nicht möglich,« sagte der Major nach einigem Stillschweigen; »lassen Sie Ihre Chronik sehen; wo steht denn etwas vom Herzog? Hier ist nichts ~in margine~ bemerkt.«
»Nein,« sagte der Alte und brachte zwei Bücher herbei; »aber hier seine Lebensgeschichte, hier seine Trauerrede, wollen Sie gefälligst nachsehen?«
Der Graf nahm ein kleines schwarzes Buch in die Hand und las: »Beschreibung der solennen Beisetzung des am 24. Oktober 1793 höchstselig verstorbenen Herzogs und Herrn -- Dummes Zeug,« rief er und sprang auf: »das könnte mich um den Verstand bringen! Zufall! Zufall! und nichts anders! Nun -- und wissen Sie noch ein solches Histörchen?«