Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 1
Part 4
Es gibt gewisse Weinstuben, wo sich ältere Herren versammeln und nicht gerne einen »Jungen«, einen »Fremden« unter sich sehen. Diese pflegen schon besser zu erzählen; dadurch, daß sie diesen oder jenen Straßenraub, die geheimnisvolle, unerklärliche Flucht eines vornehmen Herrn, einen plötzlichen Sterbefall, wobei man »allerlei gemunkelt« habe, schon fünfzigmal erzählten, haben ihre Geschichten einen Schmuck, ein stattliches Kleid bekommen, und schreiten ehrbar fürder, während die Geschichten der Restaurationsmenschen wie Schatten hingleiten. Solche Herren haben auch eine Art von historischer Gründlichkeit, und es gereicht mir immer zu hoher Freude, wenn einer spricht: »Da bringen Sie mich auf einen sonderbaren Vorfall,« sich noch eine halbe Flasche geben läßt und dann anhebt: »In den siebziger Jahrgängen lebte in meiner Vaterstadt ein Kavalier von geheimnisvollem Wesen.« -- Solche Herren trifft man allenthalben, und sie werden von mehreren unserer neueren Novellisten stark benützt. Der bekannte ** versicherte mir, daß er einen ganzen Band seiner Novellen solchen alten Nachtfaltern verdanke, und erst aus diesem Geständnis konnte ich mir erklären, warum seine Novellen so steif und trocken waren; sie kamen mir nachher allesamt vor wie alte, verwelkte Junggesellen, die sich ihre Liebesabenteuer erzählen, welche sämtlich anfangen: »Zu meiner Zeit.«
Die ergiebigste Quelle aber für Novellisten unserer Art sind Frauen, die das fünfundsechzigste hinter sich haben. Die Welt nennt Medisance, was eigentlich nur eine treffliche Weise zu erzählen ist; junge Mädchen von sechzehn, achtzehn pflegen mit solchen Frauen gut zu stehen und sich wohl in acht zu nehmen, daß sie ihnen keine Blöße geben, die sie in den Mund der alten Novellistinnen bringen könnte; Frauen von dreißig und ihre Hausfreunde gehen lieber eine Ecke weiter, um nicht ihren Gesichtskreis zu passieren, oder wenn sie der Zufall mit der Jugendfreundin ihrer seligen Großmutter zusammenführt, pflegen sie das gute Aussehen der Alten zu preisen und hören geduldig ein beißendes Lob der alten Zeiten an, das regelmäßig ein sanftes Exordium, drei Teile über Hauswesen, Kleidung und Kinderzucht, eine Nutzanwendung nebst einem frommen Amen enthält. Solche ältere Frauen pflegen gegen jüngere Männer, die ihnen einige Aufmerksamkeit schenken, einen gewissen geheimnisvoll-zutraulichen Ton anzunehmen. Sie haben für junge Mädchen und schöne Frauen, die jetzt dieselbe Stufe in der Gesellschaft bekleiden, welche sie einst selbst behauptet hatten, feine und bezeichnende Spitznamen, und erzählen den Herren, die ihnen ein Ohr leihen, allerlei »kuriose« Sachen von dem »Eichhörnlein und seiner Mutter«, auch »wie es in diesem oder jenem Hause zugeht«, »galante Abenteuer von jenem ältlichen, gesetzten Herrn, der nicht immer so gewesen«, und sind sie nur erst in dem abenteuerlichen Gebiet geheimer Hofgeschichten und schlechter Ehen, so spinnen sie mit zitternder Stimme, feinem Lächeln und den teuersten Versicherungen Geschichten aus, die man (natürlich mit veränderten Namen) sogleich in jeden Almanach könnte drucken lassen.
Niemand weiß so trefflich wie sie das Kostüm, das Gespräch, die Sitten »vor fünfzig Jahren« wiederzugeben; ich glaubte einst bei einer solchen Unterhaltung die Reifröcke rauschen, die hohen Stelzschuhe klappern, die französischen Brocken schnurren zu hören, die ganze Erzählung roch nach Ambra und Puder wie die alten Damen selbst. Und so frisch und lebhaft ist ihr Gedächtnis und Mienenspiel, daß ich einmal, als mir eine dieser Damen von einer längst verstorbenen Frau Ministerin erzählte und ihren Gang und ihren schnarrenden Ton nachahmte, unwillkürlich mich erinnerte, daß ich diese Frau als Kind gekannt, daß sie mir mit derselben schnarrenden Stimme ein Zuckerbrot geschenkt habe. Mehrere Novellen, die ich aufgeschrieben, beziehen sich auf geheime Familiengeschichten oder sonderbare, abenteuerliche Vorfälle, deren wahre Ursachen wenig ins Publikum kamen, und ich kann versichern, daß ich sie alle, teils in Berlin, teils in Hannover, Kassel, Karlsruhe, selbst in Dresden eben von solchen alten Frauen, den Chroniken ihrer Umgebung, gehört und oft wörtlich wiedererzählt habe.
Nur so ist es möglich, daß wir, auch ohne jenen Schlüssel zum Feenreich, gegenwärtig in Deutschland eine so bedeutende Menge Novellen zu Tage fördern. Die wundervolle Märchenwelt findet kein empfängliches Publikum mehr, die lyrische Poesie scheint nur noch von wenigen geheiligten Lippen tönen zu wollen, und vom alten Drama sind uns, sagt man, nur die Dramaturgen geblieben. In einer solchen miserablen Zeit, Verehrter, ist die Novelle ein ganz bequemes Ding. Den Titel haben wir, wie eine Maske, von den großen Novellisten entlehnt, und Gott und seine lieben Kritiker mögen wissen, ob die nachstehenden Geschichten wirkliche und gerechte Novellen sind.
Ich habe, mein werter Herr, dies alles gesagt, um Ihnen darzutun, wie ich eigentlich dazu kam, Novellen zu schreiben, wie man beim Novellenschreiben zu Werke gehe, und -- daß alles _getreue_ Wahrheit sei, wenn auch keine poetische, was ich niedergeschrieben. Sie werden sich noch der guten Frau von Welkerlohn erinnern, die immer ein Kleid von verblichenem gelben Samt trug, das nur eine weiche Fortsetzung ihrer harten, gelben Züge schien? Von ihr habe ich die Geschichte, »Othello« betitelt. Sie war viel zu diskret, um Namen und die Residenz zu nennen, wo diese sonderbaren Szenen vorfielen, aber wenn ich bedenke, daß sie zur selben Zeit Hofdame in Scherau war, als Jean Paul dort lebte, so kann ich nicht anders glauben, als die Geschichte sei an jenem Hofe vorgefallen. Die zweite Novelle habe ich aus dem Mund der alten Gräfin Nelkenroth; man hält sie allgemein für eine böse Frau, aber ich kann versichern, daß ich sie über Josephens Schicksal Tränen vergießen sah. Man will zwar behaupten, daß sie oft in Gesellschaften weinerliche Geschichten erzähle, weil ihr vor zwanzig Jahren ein Maler versicherte, sie habe etwas von einer ~Mater dolorosa~; aber soviel ist gewiß, daß sie mehrere Personen des Stücks gekannt haben will, und die Frau, bei welcher Herr von Fröben in S. gewohnt hat, erzählte mir manche Sonderbarkeiten von ihm. Ich und viele Leute in S., welchen ich die Geschichte wiedererzählte, gaben sich vergebliche Mühe über Herrn von Fröben und die Personen, mit welchen er in Berührung kam, etwas Näheres zu erfragen. Wir erfuhren nur, daß das Bild der Dame nach dem Gemälde in der Boisseréeschen Galerie von Strixner lithographiert worden sei. In Ostende, wo ich durch mehrere Briefe nachforschte, konnte ich nichts erfahren, als daß allerdings ein englisches Schiff, die »Luna«, Kapitän Wardwood, im August Passagiere nach Portugal an Bord genommen habe, und daß sich im Register des Hafendirektors ein Don Petro de Montanjo nebst Nichte und Dienerschaft befinde. Am Rhein, wo ich mich nach Herrn von Faldner und seiner Familie erkundigte, und erzählte, warum ich nachfrage, erklärte man mir alles für Erfindung, denn es gäbe am ganzen Rhein hinab nur gesittete Landwirte, die mit ihren Frauen wie die Engel im Himmel leben.
Sie sehen, ich habe keine Mühe gescheut, die Geschichten, die ich erzähle, so glaubwürdig als möglich zu machen. Es gibt freilich Leute, die mir dieser historischen Wahrheit wegen gram sind und behaupten, der echte Dichter müsse keine Straße, keine Stadt, keine bekannten Namen und Gegenstände nennen; alles und jedes müsse rein erdichtet sein, nicht durch äußern Schmuck, sondern von innen Wahrheit gewinnen, und wie Mohammeds Sarg müsse es in der schönen lieben, blauen Luft zwischen Himmel und Erde schweben. Andere halten es vielleicht auch für »_eine rechtswidrige Täuschung des Publikums_« und können mich darüber belangen wollen, daß ich behaupte, dies und jenes habe sich da und dort zugetragen, und ich könne doch keine stadtgerichtlichen Zeugnisse beibringen. Aber ist denn hier von echter Poesie, von echten Dichtern die Rede? Man lege doch nicht an die Erzählungen einiger alten Damen diesen erhabenen Maßstab! Goethe erzählte in Dichtung und Wahrheit, er habe in der Frankfurter Stadtmauer eine Türe und einen wunderschönen Garten gesehen. Noch heute laufen alle Fremden hin (ich selbst war dort) und beschauen die Mauer und wundern sich, daß man nicht wenigstens die Reparatur schauen könne, wenngleich das Loch nur geträumt und nie in der Mauer war. Solchen poetischen Frevel gegen ein gesetztes Publikum mag man einem Goethe vorrücken; armen Menschen, _ohne_ den Kammerherrnschlüssel der Poesie, der die Mauern aufschließt, wenn sie auch keine Türen haben, muß man solche Freiheiten zugute halten.
Darum lesen Sie, verehrter Herr, diese Geschichten, so abenteuerlich sie sein mögen, als reine, treue _Wahrheit_; es wird Sie weniger ärgern, als wenn Sie _Dichtungen_ vor sich zu haben meinten, und Ihr scharfes Auge ein wirres Gewebe unwahrscheinlicher Lügen fände.
W. H.
Othello.
1.
Das Theater war gedrängt voll, ein neuangeworbener Sänger gab den _Don Juan_. Das Parterre wogte, von oben gesehen, wie die unruhige See, und die Federn und Schleier der Damen tauchten wie schimmernde Fische aus den dunkeln Massen. Die Ranglogen waren reicher als je, denn mit dem Anfang der Wintersaison war eine kleine Trauer eingefallen und heute zum erstenmal drangen wieder die schimmernden Farben der reichen Turbans, der wehenden Büsche, der bunten Schals an das Licht hervor. Wie glänzend sich aber auch der reiche Kranz von Damen um das Amphitheater zog, das Diadem dieses Kreises schien ein herrliches, liebliches Bild zu sein, das aus der fürstlichen Loge freundlich und hold die Welt um und unter sich überschaute. Man war versucht, zu wünschen, dieses schöne Kind möchte nicht so hoch geboren sein, denn diese frische Farbe, diese heitere Stirne, diese kindlich-reinen, milden Augen, dieser holde Mund war zur Liebe, nicht zur Verehrung aus der Ferne geschaffen. Und wunderbar, wie wenn Prinzessin Sophie diesen frevelhaften Gedanken geahnet hätte -- auch ihr Anzug entsprach diesem Bilde einfacher natürlicher Schönheit; sie schien jeden Schmuck, den die Kunst verleiht, dem stolzen Damenkreis überlassen zu haben.
»Sehen Sie, wie lebendig, wie heiter sie ist,« sprach in einer der ersten Ranglogen ein fremder Herr zu dem russischen Gesandten, der neben ihm stand, und beschaute die Prinzessin durch das Opernglas; »wenn sie lächelt, wenn sie das sprechende Auge ein klein wenig zudrückt, und dann mit unbeschreiblichem Reiz wieder aufschlägt, wenn sie mit der kleinen, niedlichen Hand dazu agiert -- man sollte glauben, aus so weiter Ferne ihre witzigen Reden, ihre naiven Fragen vernehmen zu können.«
»Es ist erstaunlich!« entgegnete der Gesandte.
»Und dennoch sollte dieser Himmel von Freudigkeit nur Maske sein? Sie sollte fühlen, schmerzlich fühlen, sie sollte unglücklich lieben, und doch so blühend, so heiter sein? Gnädige Frau,« wandte sich der Fremde zu der Gemahlin des Gesandten, »gestehen Sie, Sie wollen mich mystifizieren, weil ich einiges Interesse an diesem Götterkinde genommen habe.«
»~Mon Dieu!~ Baron,« sagte diese mit dem Kopfe wackelnd, »Sie glauben noch immer nicht? Auf Ehre, es ist wahr, wie ich Ihnen sagte; sie liebt, sie liebt unter ihrem Stande, ich weiß es von einer Dame, der nichts dergleichen entgeht. Und wie, meinen Sie, eine Prinzessin, die von Jugend auf zur Repräsentation erzogen ist, werde nicht Tournüre genug haben, um ein so unschickliches Verhältnis den Augen der Welt zu verbergen?«
»Ich kann es nicht begreifen,« flüsterte der Fremde, indem er wieder sinnend nach ihr hinsah; »ich kann es nicht fassen; diese Heiterkeit, dieser beinahe mutwillige Scherz -- und stille, unglückliche Liebe? Gnädige Frau, ich kann es nicht begreifen!«
»Ja, warum soll sie denn nicht munter sein, Baron? Sie ahnet wohl nicht, daß jemand etwas von ihrer meschanten Aufführung weiß; der Amoroso ist in der Nähe --«
»Ist in der Nähe? O bitte, Madame! Zeigen Sie mir den Glücklichen, wer ist er?«
»Was verlangen Sie! Das wäre ja gegen alle Diskretion, die ich der Oberhofmarschallin schuldig bin; mein Freund, daraus wird nichts. Sie können zwar in Warschau wiedererzählen, was Sie hier gesehen und gehört haben, aber Namen? nein, Namen zu nennen in solchen Affären ist sehr unschicklich; mein Mann kann dergleichen nicht leiden.«
Die Ouverture war ihrem Ende nahe, die Töne brausten stärker aus dem Orchester herauf, die Blicke der Zuschauer waren fest auf den Vorhang gerichtet, um den neuen Don Juan bald zu sehen; doch der Fremde in der Loge der russischen Gesandtschaft hatte kein Ohr für Mozarts Töne, kein Auge für das Stück, er sah nur das liebliche, herrliche Kind, das ihm um so interessanter war, als diese schönen Augen, diese süßen, freundlichen Lippen heimliche Liebe kennen sollten. Ihre Umgebungen, einige ältere und jüngere Damen, hatten zu sprechen aufgehört; sie lauschten auf die Musik; Sophiens Augen gleiteten durch das gefüllte Haus, sie schienen etwas zu vermissen, zu suchen. »Ob sie wohl nach dem Geliebten ihre Blicke aussendet?« dachte der Fremde; »ob sie die Reihen mustert, ihn zu sehen, ihn mit einem verstohlenen Lächeln, mit einem leisen Beugen des Hauptes, mit einem jener tausend Zeichen zu begrüßen, welche stille Liebe erfindet, womit sie ihre Lieblinge beglückt, bezaubert?« Eine schnelle, leichte Röte flog jetzt über Sophiens Züge, sie rückte den Stuhl mehr seitwärts, sie sah einigemal nach der Türe ihrer Loge: die Türe ging auf, ein großer, schöner junger Mann trat ein und näherte sich einer der älteren Damen, es war die Herzogin F., die Mutter der Prinzessin. Sophie spielte gleichgültig mit der Brille, die sie in der Hand hielt, aber der Fremde war Kenner genug, um in ihrem Auge zu lesen, daß _dieser_ und kein anderer der Glückliche sei.
Noch konnte er sein Gesicht nicht sehen; aber die Gestalt, die Bewegungen des jungen Mannes hatten etwas Bekanntes für ihn; die Fürstin zog ihre Tochter ins Gespräch, sie blickte freundlich auf, sie schien etwas Pikantes erwidert zu haben, denn die Mutter lächelte, der junge Mann wandte sich um, und -- »Mein Gott! Graf _Zronievsky_!« rief der Fremde so laut, so ängstlich, daß der Gesandte an seiner Seite heftig erschrak, und seine Gemahlin den Gast krampfhaft an der Hand faßte, und neben sich auf den Stuhl niederriß.
»Ums Himmels willen, was machen Sie für Skandal!« rief die erzürnte Dame; »die Leute schauen rechts und links nach uns her; wer wird denn so mörderlich schreien? Es ist nur gut, daß sie da unten gerade ebenso mörderlich gegeigt und trompetet haben, sonst hätte jedermann Ihren »Zronievsky« hören müssen. Was wollen Sie nur von dem Grafen? Sie wissen ja doch, daß wir vermeiden, ihn zu kennen!«
»Kein Wort weiß ich,« erwiderte der Fremde; »wie kann ich auch wissen, wen Sie kennen und wen nicht, da ich erst seit drei Stunden hier bin? Warum vermeiden Sie es, ihn zu sehen?«
»Nun, seine Verhältnisse zu unserer Regierung können Ihnen nicht unbekannt sein,« sprach der Gesandte; »er ist verwiesen, und es ist mir höchst fatal, daß er gerade hier, und immer nur hier sein will. Er hat sich unverschämterweise bei Hofe präsentieren lassen, und so sehe ich ihn auf jedem Schritt und Tritt, und doch wollen es die Verhältnisse, daß ich ihn ignoriere. Ueberdies macht mir der fatale Mensch sonst noch genug zu schaffen; man will höheren Orts wissen, wovon er lebe, und so glänzend lebe, da doch seine Güter konfisziert sind; und ich weiß es nicht herauszubringen. Sie kennen ihn, Baron?«
Der Fremde hatte diese Reden nur halb gehört; er sah unverwandt nach der fürstlichen Loge, er sah, wie Zronievsky mit der Fürstin und den andern Damen sprach, wie nur sein feuriges Auge hin und wieder nach Sophien hingleitete, wie sie begierig diesen Strahl auffing und zurückgab. Der Vorhang flog auf; der Graf trat zurück und verschwand aus der Loge; Leporello hub seine Klagen an.
»Sie kennen ihn, Baron?« flüsterte der Gesandte. »Wissen Sie mir Näheres über seine Verhältnisse --«
»Ich habe mit ihm unter den polnischen Lanciers gedient.«
»Ist wahr; er hat in der französischen Armee gedient; sahen Sie sich oft? kennen Sie seine Ressourcen?«
»Ich habe ihn nur gesehen,« warf der Fremde leicht hin, »wenn es der Dienst mit sich brachte; ich weiß nichts von ihm, als daß er ein braver Soldat und ein sehr unterrichteter Offizier ist.«
Der Gesandte schwieg; sei es, daß er diesen Worten glaubte, sei es, daß er zu vorsichtig war, seinem Gast durch weitere Fragen Mißtrauen zu zeigen. Auch der Fremde bezeigte keine Lust, das Gespräch weiter fortzusetzen; die Oper schien ihn ganz in Anspruch zu nehmen; und dennoch war es ein ganz anderer Gegenstand, der seine Seele unablässig beschäftigte. »Also hierher hat dich dein unglückliches Geschick endlich getrieben?« sagte er zu sich, »armer Zronievsky! Als Knabe wolltest du dem Kosciuszko helfen, und dein Vaterland befreien; Freiheit und Kosciuszko sind verklungen und verschwunden! Als Jüngling warst du für den Ruhm der Waffen, für die Ehre der Adler, denen du folgtest, begeistert, man hat sie zerschlagen; du hattest dein Herz so lange vor Liebe bewahrt, sie findet dich endlich als Mann, und siehe -- die Geliebte steht so furchtbar hoch, daß du vergessen oder untergehen mußt!«
Das Geschick seines Freundes, denn dies war ihm Graf Zronievsky gewesen, stimmte den Fremden ernst und trübe, er versank in jenes Hinbrüten, das die Welt und alle ihre Verhältnisse vergißt, und der Gesandte mußte ihn, als der erste Akt der Oper zu Ende war, durch mehrere Fragen aus seinem Sinnen aufwecken, das nicht einmal durch das Klatschen und Bravorufen des Parterres unterbrochen worden war.
»Die Herzogin hat nach Ihnen gefragt,« sagte der Gesandte; »sie behauptet, Ihre Familie zu kennen; kommen Sie, wischen Sie diesen Ernst, diese Melancholie von Ihrer Stirne; ich will Sie in die Loge führen und präsentieren.«
Der Fremde errötete; sein Herz pochte, er wußte selbst nicht warum; erst als er den Korridor mit dem Gesandten hinging, als er sich der fürstlichen Loge näherte, fühlte er, daß es die Freude sei, was sein Blut in Bewegung brachte, die Freude, jenem lieblichen Wesen nahe zu sein, dessen stille Liebe ihn so sehr anzog.
2.
Die Herzogin empfing den Fremden mit ausgezeichneter Güte. Sie selbst präsentierte ihn der Prinzessin Sophie, und der Name _Larun_ schien in den Ohren des schönen Kindes bekannt zu klingen; sie errötete flüchtig und sagte, sie glaube gehört zu haben, daß er früher in der französischen Armee diente. Es war dem Baron nur zu gewiß, daß ihr niemand anders als Zronievsky dies gesagt haben konnte, es war ihm um so gewisser, als ihr Auge mit einer gewissen Teilnahme auf ihm wie auf einem Bekannten ruhte, als sie gerne die Rede an ihn zu richten schien.
»Sie sind fremd hier,« sagte die Herzogin, »Sie sind keinen Tag in diesen Mauern, Sie können also noch von niemand bestochen sein; ich fordere Sie auf, sein Sie Schiedsrichter; kann es nicht in der Natur geheimnisvolle Kräfte geben, die -- die, wie soll ich mich nur ausdrücken, die, wenn wir sie frevelhaft hervorrufen, uns Unheil bringen können?«
»Sie sind nicht unparteiisch, Mutter;« rief die Prinzessin lebhaft, »Sie haben schon durch Ihre Frage, wie Sie sie stellten, die Sinne des Barons gefangen genommen. Sagen Sie einmal, wenn zufällig im Zwischenraum von vielen Jahren von einem Hause nach und nach sechs Dachziegel gefallen wären und einige Leute getötet hätten, würden Sie nicht mehr an diesem Hause vorübergehen?«
»Warum nicht? es müßten nur in diesen Ziegeln geheimnisvolle Kräfte liegen, welche --«
»Wie mutwillig,« unterbrach ihn die Herzogin, »Sie wollen mich mit meinen geheimnisvollen Kräften nach Hause schicken, aber nur Geduld; das Gleichnis, das Sophie vorbrachte, paßt doch nicht ganz --«
»Nun, wir wollen gleich sehen, wem der Baron recht gibt,« rief jene; »die Sache ist so, wir haben hier eine sehr hübsche Oper, man gibt alles mögliche, Altes und Neues durcheinander, nur _eines_ nicht, die schönste, herrlichste Oper, die ich kenne; auf fremdem Boden mußte ich sie zum erstenmal hören, das erste, was ich tat, als ich hierher kam, war, daß ich bat, man möchte sie hier geben, und nie wird mir mein Wunsch erfüllt! Und nicht etwa, weil sie zu schwer ist -- sie geben schwerere Stücke -- nein, der Grund ist eigentlich lächerlich.«
»Und wie heißt die Oper?« fragte der Fremde.
»Es ist Othello!«
»Othello? gewiß, ein herrliches Kunstwerk; auch mich spricht selten eine Musik so an wie diese, und ich fühle mich auf lange Tage feierlich, ich möchte sagen heilig bewegt, wenn ich Desdemonas Schwanengesang zur Harfe singen gehört habe.«
»Hören Sie es? Er kommt von Petersburg, von Warschau, von Berlin, Gott weiß woher -- ich habe ihn nie gesehen, und dennoch schätzt er Othello so hoch. Wir müssen ihn einmal wieder sehen. Und warum soll er nicht wieder gegeben werden? Wegen eines Märchens, das heutzutage niemand mehr glaubt.«
»Freveln Sie nicht!« rief die Fürstin; »es sind mir Tatsachen bekannt, die mich schaudern machen, wenn ich nur daran denke; doch wir sprechen unserm Schiedsrichter in Rätseln; stellen Sie sich einmal vor, ob es nicht schrecklich wäre, wenn es jedesmal, so oft Othello gegeben würde, brennte.«
»Auch wieder ein Gleichnis,« fiel Sophie ein, »doch es ist noch viel toller, das Märchen selbst!«
»Nein, es soll einmal brennen,« fuhr die Mutter fort. »Othello wurde zuerst als Drama nach Shakespeare gegeben, schon vor fünfzig Jahren; die Sage ging, man weiß nicht woher und warum, daß, so oft Othello gegeben wurde, ein gewisses Evenement erfolgte; nun also unser Brennen; es brannte jedesmal nach Othello. Man machte den Versuch, man gab lange Zeit Othello nicht; es kam eine neue geistreiche Uebersetzung auf, er wird gegeben -- jener unglückliche Fall ereignet sich wieder. Ich weiß noch wie heute, als Othello, zur Oper verwandelt, zum erstenmal gegeben wurde; wir lachten lange vorher, daß wir den unglücklichen Mohren um sein Opfer gebracht haben, indem er jetzt musikalisch geworden -- Desdemona war gefallen, wenige Tage nachher hatte der Schwarze auch ein weiteres Opfer. Der Fall trat nachher noch einmal ein, und darum hat man Othello nie wieder gegeben; es ist töricht, aber wahr. Was sagen Sie dazu, Baron, aber aufrichtig, was halten Sie von unserem Streit?«
»Durchlaucht haben vollkommen recht,« antwortete Larun in einem Ton, der zwischen Ernst und Ironie die Mitte hielt; »wenn Sie erlauben, werde ich durch ein Beispiel aus meinem eigenen Leben Ihre Behauptung bestätigen. Ich hatte eine unverheiratete Tante, eine unangenehme, mystische Person; wir Kinder hießen sie nur die Federntante, weil sie große schwarze Federn auf dem Hut zu tragen pflegte. Wie bei Ihrem Othello, so ging auch in unserer Familie eine Sage, so oft die Federntante kam, mußte nachher eins oder das andere krank werden. Es wurde darüber gescherzt und gelacht, aber die Krankheit stellte sich immer ein, und wir waren den Spuk schon so gewöhnt, daß, so oft die Federntante zum Besuch in den Hof fuhr, alle Zurüstungen für die kommende Krankheit gemacht und selbst der Doktor geholt wurde.«
»Eine köstliche Figur, Ihre Federntante!« rief die Prinzessin lachend; »ich kann mir sie denken, wie sie den Kopf mit dem Federhut aus dem Wagen streckt, wie die Kinder laufen, als käme die Pest, weil keines krank werden will, und wie ein Reitknecht zur Stadt sprengen muß, um den Doktor zu holen, weil die Federntante erschienen sei. Da hatten Sie ja wahrhaftig eine lebendige weiße Frau in Ihrer Familie!«
»Still von diesen Dingen,« unterbrach sie die Fürstin ernst, beinahe unmutig; »man sollte nicht von Dingen so leichthin reden, die man nicht leugnen kann, und deren Natur dennoch nie erklärt werden wird. So ist nun einmal auch mein Othello,« setzte sie freundlich hinzu. »Und Sie werden ihn nicht zu sehen bekommen, Baron, und müssen Ihr Lieblingsstück schon wo anders aufsuchen.«