Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 1
Part 3
Das Sakrileg, ich will's gestehen, nannte Ich ein Gesetz für Sklaven nur gemacht; Der Menschheit Schmach und des Jahrhunderts Schande, Und P..., ihn, der es ausgedacht, Schalt ich den Mörder aller freien Seelen. »Mein Sohn, das war ein derber Schimpf. Allein Du irrtest menschlich, irren heißt nicht fehlen; Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.«
Und als ich diese arme Welt bedachte Und sah, wie alles schief und irrig geht, Wie man die Tugend und das Recht verlachte, Und wie jetzt Trug und Laster oben steht, Da -- hielt ich Gott für einen leeren Namen! »Mein Sohn, du hast dich schwer verfehlt. Allein Gott ist barmherzig gegen Sünder, Amen; Du sollst entschuldigt und versöhnet sein.«
Ich liebte Eintracht in Palast und Hütten; Doch als ich schleichend wiederkehren sah Die Zwietracht an der Hand der Jesuiten, Da schwur ich ew'gen Haß _Sankt Loyola_, Und ew'gen Haß und Rache seinen Söhnen! »Mein Sohn, ich bin die Langmut selbst! Allein Das heißt fürwahr das Heiligste verhöhnen! Vor _uns_ und Gott kannst du nicht schuldlos sein!«
Regel für Kranke.
Hast du mit dem Apotheker Streit, Es dem Arzt zu klagen vermeid'; Hast du über den Arzt zu klagen, Sollst du's nicht dem Apotheker sagen; Denn sind sie auch Feinde immerdar,
So werden sie Freund' am neuen Jahr, Verkünden: der hat dies gesagt, Und mir hat er von dir geklagt. Wirst du nun krank in den ersten Wochen, _Die_ Arznei sie zusammenkochen:
»~Recipe~: Was er uns getan, Rühren wir ihm jetzt doppelt an; Zwanzig Drachmen von seinen Klagen Mit ~Asa foetida~ für den Magen. ~Misceatur~, ~detur~, nebst unsrem Groll, Alle zwei Stunden zwei Löffel voll.«
Und stirbst du nicht in der Blütezeit Ihrer neuen Herzinnigkeit, Lassen sie dich so lange liegen, Bis sie selbst wieder Händel kriegen.
* * * * *
Merke: zweier Gegner Klagen Mußt du nicht hin und wieder tragen; Weißt nicht, ob, die geschieden scheinen, Sich nachmals gegen dich vereinen.
Schriftsteller.
Es ist kein Autor so gering und klein, Der nicht dächt', etwas Recht's zu sein; Und wär' er noch so ein armer Wicht, Geht er doch stolz und aufgericht't, Daß man glaubt, der leere Hut Noch zu dem Kleinen gehören tut. Auch kein Autor auf den andern baut; Denn sei ein Paar noch so vertraut, Darfst heut den einen heruntersetzen, Willst du den andern höher schätzen, Und morgen, auf des zweiten Kösten, Läßt sich der erste nennen den Besten.
Lehre aus Erfahrung.
Hat dir ein Autor Geld geliehn Und kommt und will den Wechsel ziehn, Und kannst doch nicht sogleich bezahlen, Ihm auch keinen andern Trug vormalen, So sprich getrost: »Jetzt weiß ich schon, 's war, als die treffliche Rezension, Wie Euer letztes Werk gelungen, Stund in den Literaturzeitungen; Waret gelobt übern Schellenkönig, Und dennoch, deucht es mir, zu wenig. Aber könntet Ihr nicht noch borgen Einige Zeit?« -- »Seid ohne Sorgen,« Der Autor darauf ganz freundlich spricht, »Nach meinem Geld verlangt mich nicht, Bleibet mein Freund; 's hat kein' Gefahr Könnt mich bezahlen bis übers Jahr.«
Amor der Räuber.
(Nach dem Italienischen.)
Die _Unschuld_ saß in grüner Laube, Sie hielt ein Täubchen in dem Schoß; Und Amor kam: Gib mir die Taube, Ein Weilchen nur gib deine Taube! Die Unschuld ließ sie lächelnd los, Doch hielt sie Täubchen an dem Band, Das sich um Täubchens Flügel wand.
Doch kaum hat er die weiße Taube, So schneidet er den Faden ab; Und höhnisch lachend, mit dem Raube Entflieht der Räuber aus der Laube, Und nimmer kehrt der lose Knab'; Und als ihr Täubchen nimmer kam, Ward sie dem Räuber ewig gram.
Stille Liebe.
O dürft' ich fragen, was aus ihrem Auge Oft so entzückend mir entgegenstrahlt, Was, wenn ich schnell mich ihrer Seite nahe, Die Wangen ihr mit hoher Röte malt! Ahnt sie, was meine Lippen ihr verschweigen, Was meine Brust mit stiller Sehnsucht füllt? Hofft' ich zu kühn? Ist es der Strahl der Liebe, Der so entzückend ihrem Blick entquillt?
Warum hat doch ihr Händchen so gezittert, Als ich ihr gestern guten Abend bot, Und als ich ihr recht tief ins Auge schaute, Was machte sie auf einmal doch so rot? Sie hat die Rose, die ich ihr gegeben, So sorgsam ins Gebetbuch eingelegt; Warum wohl? da sie sonst so gerne Rosen Am Busen und am Sommerhütchen trägt.
Warum schwieg sie auf einmal heute stille Und wußte nicht mehr, was ich sie gefragt? Hat sie gemerkt, was ich ihr gerne sagte? Ich hab' ihr's doch mit keinem Wort gesagt. O hätt' ich Mut! dürft' ich Luisen sagen, Was mich so still, was mich so tief beglückt! O dürft' ich fragen, was aus ihrem Auge Oft so entzückend mir entgegenblickt!
Hoffe!
Stimme von dem braunen Hügel, Die du oft ins stille Tal Widertönst die lauten Worte, Lieben trauten Widerhall, Stimme, die du meine Lieder, Die Akkorde meiner Zither Widertönst, erschalle, Gib nicht neckend meine Frage wieder, Gib mir Antwort, Stimm' im stillen Tale.
Stiller Strom im grauen Bette, Eile nicht so schnell davon, Daß mein Ohr einmal verstände Deiner Wellen leisen Ton; Deine schönen Silberquellen Sollen traulich mir erzählen, Rausche lauter, rausche, Sprich zu meinem Ohr aus deinen Wellen, Daß ich deine Sagen mir erlausche.
Die ihr an dem alten Turme Oft im Mondesschimmer webt Und in nächtlich-stiller Stunde Durch den blassen Hain entschwebt, Nebelschatten alter Helden, Ach, daß sie mir doch erzählten, Steht mir Red', ich frage, Wollt ihr nichts aus euren Tagen melden, O wie gerne lauscht' ich eurer Sage.
Von den alten, öden Zinnen Schauen düster sie herab, Ach, sie blicken von den Türmen Schweigend in ein ödes Grab; Alles Edle ist verklungen, Alles hat die Zeit verschlungen, Dem Geschlecht hienieden, Das so tief in seinem Fluch gesunken, Haben keine Antwort sie beschieden!
Auch des Stromes stille Wellen Haben schönre Zeit gesehen. Als noch edlere Geschlechter Bauten auf der Berge Höhen, Stolz verachtet er die Frage, Uebertönet meine Klage, Seine blauen Wogen Denken schweigend jener schönen Tage, Schweigend sind durchs Tal sie hingezogen.
Und so steh' ich denn alleine In der stillen Mondesnacht, Weine um die trüben Zeiten, Ob kein neu Geschlecht erwacht? Ach, daß sich mein Volk ermannte, Daß es sprengte seine Bande! Ob ich wohl noch hoffe? Lautlos fließt der Strom vom grauen Strande, Nur das leise Echo ruft mir: Hoffe!
Trost.
Die Mißgunst lauscht auf allen Wegen, Daß sie der Liebe Glück verrät, Doch treue, zarte Liebe geht Auf tausend unbewachten Stegen; Ein Druck der Hand, ein flücht'ger Blick Sagt mir der Liebe süßes Glück.
Und zog ich auch in weite Ferne, Es zog mit mir mein stilles Glück, Denn schau' ich nicht der Liebe Blick, So blick' ich auf zum Abendsterne; Wie ihres Auges stille Glut Strahlt er ins Herz getrosten Mut.
Und wallen meine Tage trüber, Und dringt kein Trost von ihr zu mir, Und dringt mein Sehnen nicht zu ihr, Kein Wort von ihr zu mir herüber; -- Mein stilles Glück ist nicht getrübt, Ich weiß ja doch, daß sie mich liebt.
Drum klag' ich nicht in weiter Ferne, Weil Neid der Liebe Weg belauscht, Wenn auch nicht Wort mit Wort sich tauscht, Mir strahlt ein Trost im Abendsterne: Aus seinen milden Strahlen quillt Mir meiner Liebe trautes Bild.
Sehnsucht.
Die Sonne grüßt Tubingas Höhn, Der Berge Morgennebel fallen, Und leichte Frühlingslüfte wehn, Im Tal die Herdenglocken schallen, Des Neckars sanfte Welle quillt An der Gestade Rebenhügel, Es taucht die alte Burg ihr Bild In seinen silberreinen Spiegel. Wie wär' der Morgen doch so schön, Könnt' ich mit _dir_ mich da ergehn!
Und reger wogt's am Ufer hin, Wenn Mittag zu den Schatten ladet, Wenn sich durch frisches Blättergrün Die Sonne in dem Strome badet; Der Hirte zieht den Linden zu, Der Winzer steigt vom Berge nieder, Und in des kühlen Strandes Ruh' Erwachen ihre Kräfte wieder; Am Neckarstrand ruht' ich so gerne, Wär' nicht Luise in der Ferne.
Der Abend senket seinen Strahl, Die Herden ziehen von den Weiden, Und fernhin durch das holde Tal Die Dörfer zu der Ruhe läuten; Da kommen Mädchen Hand in Hand Den Wiesenplan heraufgezogen; Es wölbt für sie am grünen Strand Der Lindengang die hohen Bogen; Doch jenen Linden fehlt das eine, Ich wandle ohne _sie_ -- alleine!
Auf geht des Mondes Silberstrahl, Er malt den Berg mit falbem Glanze, Er ruft die Geister in das Tal, Er leuchtet ihrem Reigentanze; Ihr Berge all von Duft umhüllt, Du Tal am Strome auf und nieder, Du wärst so hold, du wärst so mild, Dir weiht' ich meine frohsten Lieder -- Du wärst so schön im Abendscheine, Schlüg' _sie_ ihr Aug' hier in das meine.
Ihr Auge.
Ich weiß wo einen Bronnen Voll hellem Himmelstau, Es glänzt der Strahl der Sonnen Aus seines Spiegels Blau; Er ladet klar und helle Zu süßer Wonne ein, Es winkt aus seiner Quelle Der Sonne milder Schein.
Mir war, als sollte drunten In seiner klaren Flut Das arme Herz gesunden Von seinem bangen Mut. Ich tauchte freudig nieder Ins klare Blaue hinab, Mein Herz, das kam nicht wieder, Fand in dem Quell sein Grab.
Kennst du den süßen Bronnen, So klar und silberhell? Kennst du den Strahl der Sonnen Aus seinem blauen Quell? Das ist des Liebchens Auge, _Ihr_ süßer Silberblick, -- Aus seiner Tiefe tauche Ich nie zum Licht zurück.
Serenade.
Wenn vom Berg mit leisem Tritte Luna wandelt durch die Nacht, Eil' ich zu des Liebchens Hütte, Lausche, ob die Holde wacht. Seh' ich dort die Lampe glühen In dem stillen Kämmerlein, Möcht' ich, wie der Lampe milder Schein, Spielend um die zarten Wangen ziehen.
Mit des Lichtes schönsten Strahlen Zög' ich um mein liebes Kind, Farben wollt' ich um sie malen, Wie sie nur am Himmel sind; Sänke Schlummer ihr aufs Auge, Löschte sie des Lämpchens Schein, Wär' ihr letzter, süßer Blick noch mein, Und ich stürbe sanft in ihrem Hauche.
Nimmer darf ich um sie weben Wie der Lampe milder Schein, Doch mein Lied darf zu ihr schweben, Darf der Liebe Bote sein. Schwebt denn, Töne meiner Laute, Zu des Liebchens Kämmerlein, Wieget sie in süße Träume ein Und dann flüstert: »Denke mein, du Traute!«
Lied aus der Ferne.
Ihr Töne meiner Saiten, Ihr tönt so sanft, so mild, Mit Träumen ferner Freuden Habt ihr mein Herz erfüllt. Des Liebchens Kuß, des Liebchens Blick, Führt mir der sanfte Ton zurück, Der eurem Hauch entquillt! O lispelt leise, leise! Dann träum' ich schönre Zeiten Und meiner Liebe Bild.
Wenn auf der Berge Höhen Der Strahl des Morgens fällt, Möcht' ich mit Windeswehen Zu meiner Jugendwelt, Möcht' eilen mit des Morgens Strahl Zum blauen Berg, zum fernen Tal, Das sie umfangen hält. Vergebens, ach, vergebens! Mir blüht kein Wiedersehen In meiner Jugendwelt.
Die Freundinnen an der Freundin Hochzeittage.
In deines Festes fröhliche Gesänge Mischt sich ein trauter Ton aus alter Zeit, Es lockt dich aus dem jubelnden Gedränge Zurück noch einmal zur Vergangenheit; Die Freundschaft ist's, es sind der Schwestern Tritte, Sie pochen schüchtern an der Pforte an, Sie nahen dir, sie flüstern ihre Bitte Und fragen freundlich: Denkst du noch daran?
Denkst du daran, wie wir uns einst gefunden In unsrer Kindheit holder Blumenwelt? Es waren unsres Lebens Morgenstunden, Vom Frührot reiner Freuden schön erhellt; Der Schule Mühen, alle frohen Spiele Und aller Jubel von der Kindheit Bahn, Sie steigen auf in freudigem Gewühle Und fragen mit uns: Denkst du noch daran?
Denkst du daran, wie an der Kindheit Grenzen Uns eine schönre Freudenwelt empfing? Wie uns ein Leben, voll Gesang und Tänzen, Gefaßt in seinen wundervollen Ring? Und wie auch ernste deutungsvolle Tage Des Lebens Ernst und Züge zeigten an? Es war der Jugend Frühlingstag; o sage, Die Schwestern bitten: Denkst du noch daran?
Wohl trittst du jetzt in ernster Frauen Kreise, Die Myrte schmückt zum letztenmal dein Haar, Du tändelst nicht mehr nach der Mädchen Weise, Du nimmst jetzt Abschied von der Jungfraun Schar. Doch blickst du künftig ernst in unsern Reigen, Schilt unsre Freuden dann nicht leeren Wahn; Denn die Erinn'rung wird dir Bilder zeigen Und lächelnd sagen: Denkst du noch daran?
Du denkst daran -- und zum Gedächtnismale, Als eine reine, jungfräuliche Zier, Nimm von den Schwestern die kristallne Schale, Wir reichen sie mit frommen Wünschen dir. So werden wir in deinem Herzen leben, Denn siehst du einmal diese Schale an, Dann wird dich die Erinnerung umschweben, Und freundlich sagst du: »Ja, ich denk' daran.«
An Emilie.
Zum Garten ging ich früh hinaus, Ob ich vielleicht ein Sträußchen finde? Nach manchem Blümchen schaut' ich aus, Ich wollt's für dich zum Angebinde; Umsonst hatt' ich mich hinbemüht, Vergebens war mein freudig Hoffen; Das Veilchen war schon abgeblüht, Von andern Blümchen keines offen.
Und trauernd späht' ich her und hin, Da tönte zu mir leise, leise Ein Flüstern aus der Zweige Grün, Gesang nach sel'ger Geister Weise; Und lieblich, wie des Morgens Licht Des Tales Nebelhüllen scheidet, Ein Röschen aus der Knospe bricht, Das seine Blätter schnell verbreitet.
»Du suchst ein Blümchen?« spricht's zu mir, »So nimm mich hin mit meinen Zweigen, Bring mich zum Angebinde ihr! Ich bin der _wahren_ Freude Zeichen. Ob auch mein Glanz vergänglich sei, Es treibt aus ihrem treuen Schoße Die Erde meine Knospen neu, Drum unvergänglich ist die Rose.
Und wie mein Leben ewig quillt Und Knosp' um Knospe sich erschließet, Wenn mich die Sonne sanft und mild Mit ihrem Feuerkuß begrüßet, So deine Freundin ewig blüht, Beseelt vom Geiste ihrer Lieben, Denn ob der Rose Schmelz verglüht -- Der Rose Leben ist geblieben.«
Der Kranke.
Zitternd auf der Berge Säume Fällt der Sonne letzter Strahl, Eingewiegt in düstre Träume Blickt der Kranke in das Tal, Sieht der Wolken schnelles Jagen Durch das trübe Dämmerlicht -- Ach, des Busens stille Klagen Tragen ihn zur Heimat nicht! Und mit glänzendem Gefieder Zog die Schwalbe durch die Luft, Nach der Heimat zog sie wieder, Wo ein milder Himmel ruft; Und er hört ihr fröhlich Singen, Sehnsucht füllt des Armen Blick, Ach, er sah sie auf sich schwingen, Und sein Kummer bleibt zurück. Schöner Fluß mit blauem Spiegel, Hörst du seine Klagen nicht? Sag' es seiner Heimat Hügel, Daß des Kranken Busen bricht. Aber kalt rauscht er vom Strande Und entrollt ins stille Tal, Schweiget in der Heimat Lande Von des Kranken stiller Qual. Und der Arme stützt die Hände An das müde, trübe Haupt; _Eins_ ist noch, wohin sich wende Der, dem aller Trost geraubt; Schlägt das blaue Auge wieder Mutig auf zum Horizont, Immer stieg ja Trost hernieder Dorther, wo die Liebe wohnt. Und es netzt die blassen Wangen Heil'ger Sehnsucht stiller Quell, Und es schweigt das Erdverlangen, Und das Auge wird ihm hell: Nach der ew'gen Heimat Lande Strebt sein Sehnen kühn hinauf, Sehnsucht sprengt der Erde Bande, Psyche schwingt zum Licht sich auf.
Grabgesang.
Vor des Friedhofs dunkler Pforte Bleiben Leid und Schmerzen stehn, Dringen nicht zum heil'gen Orte, Wo die sel'gen Geister gehn, Wo nach heißer Tage Glut Unser Freund in Frieden ruht.
Zu des Himmels Wolkentoren Schwang die Seele sich hinan, Fern von Schmerzen, neu geboren, Geht sie auf -- die Sternenbahn; Auch vor jenen heil'gen Höhn Bleiben Leid und Schmerzen stehn.
Sehnsucht gießet ihre Zähren Auf den Hügel, wo er ruht; Doch ein Hauch aus jenen Sphären Füllt das Herz mit neuem Mut; Nicht zur Gruft hinab -- hinan, Aufwärts ging des Freundes Bahn.
Drum auf des Gesanges Schwingen Steigen wir zu ihm empor, Unsre Trauertöne dringen Aufwärts zu der Sel'gen Chor, Tragen ihm in stille Ruh' Unsre letzten Grüße zu.
Aus dem Stammbuche eines Freundes.
Und wird dir einst die Nachricht zugesandt, Daß zu den Vätern ich versammelt wäre, So trink und sprich: »Ich hab' ihn auch gekannt!« Mach hier ein Kreuz -- und gib mir eine Zähre.
Logogryph.
Kennst du das Wort, das Herzen mächtig bindet? Kennst du der Liebe trauliches Symbol? Das feste Band, das sich um Freunde windet, Des Fürsten Heil, des Vaterlandes Wohl?
An Stärke muß ihm Stahl und Eisen weichen; Doch hat es einen mächt'gen stillen Feind; Streichst du des hohen Wortes erstes Zeichen, Hast du die finstre Macht, die ich gemeint.
So lang die Welt steht, liegen diese beiden Im Kampf um höchstes Leid und höchste Lust; Halt fest am _Ganzen_, laß sie nimmer streiten In deiner stillen und zufriednen Brust.
Drei Rätsel.
1.
Es ist ein Wort, dreideutig dem Germanen; Einst war das _Erste_ furchtbar seinen Ahnen; Der schwere Zeiger der Geschichte rückt, Der Deutsche erbt das Zepter; ihr erblickt, Wie dem erwählten deutschen Sohne Im _Zweiten_ die gewicht'ge Krone Der Bischof auf die Stirne drückt. Es kreist im hochgewölbten Saale Das _Dritte_ bei dem Krönungsmahle.
2.
Noch sitzt auf halbzerfallnem Throne, Noch hält die längst bestrittne Krone Die alte Königin der Welt. Ob sie wohl je vom Throne fällt? Vielleicht; doch liest du sie von hinten, So wirst du einen König finden, Der herrscht, seitdem die Welt besteht, Des Reich nur mit der Welt vergeht; _Sie_ schießt nicht ew'ge Donnerkeile, Doch ewig treffen _seine_ Pfeile.
3.
Einst hieß man mich die schönste aller Frauen, Selbst Könige entzweite meine Macht. Zehntausend Krieger aus Europas Gauen, Von Asiens Landen schlugen manche Schlacht, Und eher nicht war ihres Kampfes Ziel, Als bis erschlagen alle Heldensöhne Und bis ein stolzes Königshaus zerfiel; Und dennoch pries man die unsel'ge Schöne.
Und wieder tönte jüngst mein alter Namen, Doch bin ich häßlich und verlassen nun, Von allen, die des Weges zu mir kamen, Will keiner lang an meiner Seite ruhn; Nur einer kam, der erste, dem nicht graut, An meinem Herd für immer still zu liegen, Der lange mir ins blasse Antlitz schaut Und bitter lacht ob meinen düstern Zügen.
»Ach, darum also,« sprach er, »läßt du feiern Dein unheilvoll Gedächtnis bis auf heut, Damit du reihtest zu den alten Freiern Auch einen Heros aus der neuen Zeit? Doch lockst du mich mit keinem Erdentand, Denn Zeus zerschlug _dein_ Ilium in Scherben; Wohlan! auch meine Trojer deckt der Sand, So laß mich denn in deinen Armen sterben.«
Scharade.
Der _ersten_ Silb' entströmen Wein und Lieder, Und was du einsam denkst, macht sie bekannt, Oft geht sie mit dem Zwang auch Hand in Hand, Schlägt selbst in Fesseln deine freien Glieder! Doch gibt das _zweite_ Paar dir Hoffnung wieder; Sein Feueratem weht von Land zu Land, Sprengt deines Kerkers festgetürmte Wand, Wirft deine Häscher, deine Fesseln nieder. Scheint _Zwei_ mit _Eins_ sich nimmer zu vertragen. So ist _das Ganze_ doch ein hohes Wort, Woran man nur den Widerspruch getadelt; Doch hat sein Widerspruch manch großen Geist geadelt! Fürwahr! es starb des _Letzten_ letzter Hort, Wär' es gestorben jüngst in unsern Tagen.
Novellen.
Erster Teil.
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Vertrauliches Schreiben an Herrn W. A. Spöttlich 57
Othello 63
Die Bettlerin vom Pont des Arts 104
Jud Süß 200
Vertrauliches Schreiben
an
Herrn W. A. Spöttlich,
Vizebataillonschirurgen a. D. und Mautbeamten in Tempelhof bei Berlin.
Sie werden mich verbinden, verehrter Herr, wenn Sie diese Vorrede lesen, welche ich einer kleinen Sammlung von Novellen vordrucken lasse. Ich ergreife nämlich diesen Weg, einiges mit Ihnen zu besprechen, teils weil mir nach sechs unbeantwortet gebliebenen Briefen das Porto bis Tempelhof zu teuer deuchte, teils aber auch, weil Sie vielleicht nicht begreifen, warum ich diese Novellen gerade so geschrieben habe und nicht anders.
Sie werden nämlich nach Ihrer bekannten Weise, wenn Sie »Novellen« auf dem Titel lesen, die kleinen Augen noch ein wenig zudrücken, auf geheimnisvolle Weise lächeln und, sollte er gerade zugegen sein, Herrn Amtmann Kohlhaupt versichern: »Ich kenne den Mann, es ist alles erlogen, was er schreibt;« und doch würden Sie sich gerade bei diesen Novellen sehr irren. Die besten und berühmtesten Novellendichter Lopez de Vega, Boccaz, Goethe, Calderon, Tieck, Scott, Cervantes und auch ein Tempelhofer haben freilich aus einem unerschöpflichen Schatz der Phantasie ihre Dichtungen hervorgebracht, und die unverwelklichen Blumensträuße, die sie gebunden, waren nicht in Nachbars Garten gepflückt, sondern sie stammten aus dem ewig grünenden Paradies der Poesie, wozu, nach der Sage, Feen ihren Lieblingen den unsichtbaren Schlüssel in die Wiege legen. Daher kommt es auch, daß durch eine geheimnisvolle Kraft alles, was sie gelogen haben, zur schönsten Wahrheit geworden ist.
Geringere Sterbliche, welchen jene magische Springwurzel, die nicht nur die unsichtbaren Wege der Phantasie erschließt, sondern auch die festen und undurchdringlichen Pforten der menschlichen Brust aufreißt, nicht zu teil wurde, müssen zu allerlei Notbehelf ihre Zuflucht nehmen, wenn sie -- Novellen schreiben wollen. Denn das eben ist das Aergerliche an der Sache, daß oft ihre Wahrheit als schlecht erfundene Lüge erscheint; während die Dichtung jener Feenkinder für treue, unverfälschte Wahrheit gilt.
So bleibt oft uns geringen Burschen nichts übrig, als nach einer Novelle zu _spionieren_. Kaffeehäuser, Restaurationen, italienische Keller und dergleichen sind für diesen Zweck nicht sehr zu empfehlen. Gewöhnlich trifft man dort nur Männer, und Sie wissen selbst, wie schlecht die Restaurationsmenschen erzählen. Da wird nur dieses oder jenes Faktum schnell und flüchtig hingeworfen; reine Nebenbemerkungen, nichts Malerisches; ich möchte sagen, sie geben ihren Geschichten kein Fleisch, und wie oft habe ich mich geärgert, wenn man von einer Hinrichtung sprach, und dieser oder jener nur hinwarf »geköpft«, »hingerichtet«, statt daß man, wie bei ordentlichen Erzählungen gebräuchlich, den armen Sünder, seinen Beichtvater, den roten Mantel des Scharfrichters, sein blinkendes Schwert sieht, ja selbst die Luft pfeifen hört, wenn sein nerviger Arm den Streich führt.