Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 1

Part 23

Chapter 233,818 wordsPublic domain

Sein Freund blickte schweigend hinauf, schlug aber plötzlich wieder die Augen nieder, denn ihm war, als sähe er Leas feine, liebliche Gestalt klagend unter dem Galgen sitzen. »Fest genug ist diese Schandsäule aus Eisen,« fuhr der Kapitän fort, »um alle Schurken im Lande zu tragen; aber wollte man das Gold mit aufhängen, das sie eingesackt haben, würde selbst dieser Galgen wie ein morscher Stab zusammenbrechen! Wie diese Raben schaurige Melodien singen! Doch wie? -- ~Dieu nous garde~, Kamerad! Gib deinem Roß die Sporen, wahrhaftig, dort sitzt ein Gespenst am Galgen!«

Es war, als ob die Pferde selbst diesen Ort des Schreckens fürchteten, denn auf diesen Ruf jagten sie mit Sturmeseile den Berg hinan und waren nicht mehr ruhig, bis man das Gekreisch der Raben nicht mehr hörte.

Es liegt eine kleine Brücke zwischen Stuttgart und Ludwigsburg, von welcher das Volk viel Schauerliches zu erzählen weiß; so viel ist gewiß, daß schon Unerklärliches dort vorgefallen ist, und daß mancher Mann sein Gebet spricht, wenn er nachts allein über diese Stelle reitet. Die Sage sagt, daß der Sohn des Konsulenten und sein Freund, der muntere Kapitän, glücklich und in kurzer Zeit bis an jene Brücke gekommen seien; dort aber seien ihre Pferde nicht mehr von der Stelle gegangen und haben geschnaubt und gezittert. Die jungen Leute spornten und gebrauchten ihre Peitschen, als eine alte, zitternde Stimme rief: »Gebt einem alten Mann doch ein Almosen!«

»Wer wird bei Nacht und Nebel den Beutel ziehen? Zurück, Alter, von der Brücke weg, unsere Pferde scheuen vor Euch, zurück, sag' ich, oder Ihr sollt meine Peitsche fühlen!«

»Nicht so rasch, junges Blut! Nicht so rasch!« sagte der Alte, dessen dunkle Gestalt sie jetzt auf dem Brückengeländer sitzen sahen. »Eile mit Weile! Kommet noch früh genug, gebet einem alten Mann ein Almosen!«

»Jetzt ist meine Geduld zu Ende,« rief der Kapitän und schwang seine Peitsche in der Luft. »Ich zähle drei, wenn du nicht weg bist, hau' ich zu.«

Der Alte hüstelte und kicherte, Gustav kam es vor, als wachse seine dunkle Gestalt ins Unendliche und -- ein langer Arm streckte einen großen Hut heran, und zum drittenmal, aber drohend und mit furchtbarer Stimme krächzte der Mann von der Brücke: »Einem alten Mann gib ein Almosen! Es wird dir Glück bringen, und reite nicht so schnell; vor zwölf Uhr darfst du nicht dort sein.«

Reelzingen ließ kraftlos und zitternd seinen Arm sinken; er gestand nachher, daß ihn eine kalte Hand angefaßt habe. Gustav aber zog mit pochendem Herzen die Börse und warf ein Silberstück in den großen Hut. »Wieviel Uhr ist's, Alter?« fragte er.

»Weiß keine Stund' als zwölf Uhr,« sprach die Gestalt, die wieder auf dem Geländer zusammenkauerte, mit dumpfer Stimme. »Dank dir, sollst Glück haben; reit' zu!« Er sagte es und stürzte rücklings mit einem dumpfen Fall in den Sumpf, über den die Brücke führte. Entsetzt gab Reelzingen seinem Pferde die Sporen, daß es sich hoch aufbäumte und dann in zwei Sprüngen über die Brücke setzte. Gustav aber hielt erschrocken sein Pferd an, stieg ab und blickte über das Geländer der Brücke. Es rührte sich nichts. »Alter!« rief er hinab, »hast du Schaden genommen? Kann ich dir helfen?« -- Keine Antwort, und alles war still unten wie im Grabe. Jetzt faßte auch den jungen Lanbek eine unerklärliche Angst; er fühlte, als er aufstieg, wie sein Pferd zitterte; er wagte es nicht, sich noch einmal nach dem grauenvollen Ort umzusehen, als er seinem Freund nachjagte.

»Das ist das zweite Mal, daß er mir begegnet ist,« flüsterte Reelzingen tief aufatmend, als Lanbek wieder an seiner Seite war.

»Wer?« fragte dieser betroffen.

»Der Teufel,« antwortete der Kapitän.

Lanbek gab ihm keine Antwort auf die sonderbare Rede, und sie jagten weiter durch die Nacht hin. In Zuffenhausen schlug es Viertel vor zwölf Uhr, als sie durchritten; in den meisten Häusern brannten noch die Kerzen und da und dort hörte man geistliche Lieder aus den Stuben. Der Nachtwächter stieß eben ins Horn und rief die Stunde; der Kapitän hielt an und fragte ihn, was die späten Gesänge und Gebete zu bedeuten haben.

»Ach Herr! Das ist eine arge Nacht,« antwortete dieser, »es hat ein Mann an vielen Häusern gepocht und befohlen, die Leute sollen die ganze Nacht bis zwölf Uhr beten.«

»Wer ist der Mann?« fragte Lanbek staunend.

»Alte Leute, Herr, die ihn gesehen haben, versichern, es sei unser alter Pfarrer gewesen; Gott hab' ihn selig, er ist seit zwanzig Jahren tot; aber es war ja nichts Unchristliches, was er verlangte, drum beten und singen sie in den Lichtkarzstuben und spinnen dazu.«

»Diese Nacht kann mich noch wahnsinnig machen!« rief der Kapitän, indem sie wegritten. »Gustav, ich glaube, heute nacht geht er leibhaftig auf der Erde um; ich denke, es wäre jetzt gerade die beste Zeit, den alten Burschen zu zitieren, wenn man etwa schnell Oberst werden oder zweimalhunderttausend spanische Quadrupel haben möchte.«

»Tor!« antwortete der Freund. »Der, den du meinst, hat mit dem Gebet nichts gemein.«

Es war, als ob ihre Pferde nur zum Schein die Beine aufhöben, denn jede Viertelstunde, die sie zurücklegten, schien zu einer neuen anzuwachsen. Noch immer wollte Ludwigsburg nicht erscheinen und die Nacht war so finster, daß sie auch an der Gegend nicht erkennen konnten, ob sie fehlgeritten oder ob sie der Stadt schon nahe seien. Endlich, nachdem sie etwa wieder eine halbe Stunde geritten sein mochten, sahen sie in der Entfernung von etwa tausend Schritten Lichter schimmern, fanden aber auch zugleich ihren Weg durch vier Pferde versperrt, die, an einen Reisewagen gespannt, quer über die Landstraße standen.

»Führ' deine Pferde hinweg, Fuhrmann!« rief der Kapitän, »oder meine Peitsche wird sie bald weggetrieben haben; warum versperrst du den Weg?«

»Gemach, ihr Herren, soll gleich geschehen,« antwortete ein Mann, der von dem Wagen stieg. Aber die Zeit, die er dazu brauchte, die herabgefallenen Zügel aufzunehmen und zu ordnen, dauerte dem raschen Soldaten zu lange, er versuchte über die schlaff liegenden Stränge des vordersten Gespanns wegzusetzen, und forderte seinen Freund auf, ein gleiches zu tun; doch wie es in solchen Fällen blinder Eile zu geschehen pflegt, in demselben Augenblick zog der Mann am Wagen die Zügel an, und das Pferd des Kapitäns blieb mit einem Fuß in den straff aufgerichteten Strängen hängen.

Lanbek sprang ab, um dem Freund zu helfen, der Kutscher lief bedauernd herzu, und eben war der Fuß des unbezahlten Rosses frei, als man einige Reiter in aller Eile von der Stadt herbeijagen hörte. Der erste mochte einen Vorsprung von fünfhundert Schritten, aber kein gutes Pferd haben, denn der Kapitän unterschied deutlich, daß es kurzen Paradegalopp ging, die Tritte der nachfolgenden Pferde schlugen zwar minder kräftig auf, waren aber flüchtiger. »Platz -- ~allons!~ -- Platz!« rief der erste Reiter; aber in demselben Augenblick hörten auch die beiden jungen Männer eine bekannte Stimme, die mit dem wildesten Ausdruck rief: »Halt, Jude! oder ich schieß' dich mitten durch den Leib!«

Unter dem Volke in Württemberg hört man zuweilen noch einen Reim, der diesen merkwürdigen Moment bezeichnet, er heißt:

Da sprach der Herr von Röder: Halt oder stirb entweder!

Und der alte Oberst war es auch, der in diesem Augenblick seinen Begleitern weit voran, eine Pistole in der Hand, ansprengte, den ersten Reiter wütend am Arme packte und schrie: »Wo hinaus, Jude? Warum so schnell zu Roß, als ich dir nachrief zu warten?«

»Mäßigt Euch, Herr Oberst,« erwiderte der erste mit stolzem Ton, in welchem aber doch einige Angst durchzitterte; »ich gehe nach Stuttgart, der Frau Herzogin Durchlaucht zu sagen, was in diesem Augenblick für Maßregeln --«

»Das ist auch mein Weg, Herr!« erwiderte der Oberst mit furchtbarer Stimme; »und keinen Augenblick geht Ihr von meiner Seite, sonst werde ich mit meiner Pistole Beschlag auf Euch legen. Platz da, wer steht hier im Weg?«

»Der Kapitän von Reelzingen von der dritten Kompagnie und der Expeditionsrat Lanbek.«

»Guten Abend, meine Herren!« fuhr Röder fort. »Habt Ihr geladene Pistolen, Kapitän?«

»Ja, mein Herr Oberst,« war die Antwort des Soldaten, indem er sie aus den Halftern losmachte.

»Ich kommandiere Euch, in welchem Auftrag Ihr jetzt auch sein möget, auf der linken Seite des Herrn Ministers Süß zu reiten. Bei Eurem Dienst und Eurer Ehre als Edelmann, sobald er Miene macht zu entfliehen, jagt ihm eine Kugel nach. Die Verantwortung nehme ich auf mich.«

»Herr Expeditionsrat,« rief Süß, »ich nehme Euch zum Zeugen, daß mir hier schändliche Gewalt geschieht. Oberst Röder, ich warne Sie noch einmal; dieser Auftritt soll gerächt werden!«

»Aber Herr von Röder,« flüsterte Gustav; »ums Himmels willen, übereilen Sie nichts, bedenken Sie, was daraus entstehen kann. Bedenken Sie,« setzte er lauter hinzu, »den furchtbaren Zorn des Herzogs.«

»Der Herzog ist tot,« sagte Röder laut genug, daß es alle hören konnten.

»Karl Alexander tot?« rief der Kapitän, auf den alle Begebenheiten dieser Nacht mit einemmal in schrecklichen Erinnerungen hereinstürzten.

»Hat man sichere Nachricht? Gott! welch ein Fall!« sagte Gustav besorgt. »War er in Kehl?«

»Er ist in Ludwigsburg vor einer Viertelstunde schnell und plötzlich gestorben. Drum ist es unsere Pflicht, diesen Herrn da, der sich mit der Regierung sehr stark beschäftigte, schnell an das verwaiste Staatsruder zu bringen.«

»Wie, in Ludwigsburg, sagt Ihr,« rief Lanbek, »und schnell gestorben? O, ewige Vorsicht!«

»In diesem Ludwigsburg hier,« sagte Röder wehmütig, »und im Bette am Schlag gestorben. Friede mit seiner Asche! Er war ein tapferer Herr. Aber jetzt weiter, ihr Freunde, daß die Nachricht nicht vor uns nach Stuttgart kommt!«

»Meine Herren,« rief Süß mit einer Stimme, die Zorn und Angst beinahe erstickte, »noch bin ich Minister, und erinnere Sie an das Edikt des Herzogs, das mich von aller Verantwortung freispricht; ich sage Ihnen, es kann Ihnen allen schlimm gehen, wenn Sie sich mit Herrn von Röder verbinden. Im Namen des Herzogs und seines Erben befehle ich Ihnen, von mir abzulassen.«

»Jetzt hat dein Reich ein Ende, Jude!« rief der Kapitän, lachte wild, riß ihm den Zaum aus der Hand und schlug sein Pferd mit der langen Peitsche auf den Rücken; der Oberst ritt an der rechten Seite, seine Pistole in der Hand; der Zug setzte sich in Galopp, und Gustav folgte halb träumend durch das singende Dorf, an dem alten Mann, der heiser lachend wieder auf der Brücke saß, und an dem Galgen vorüber, wo die Raben krächzten und mit den Flügeln schlugen. Erst hier, als er einen scheuen Blick nach der Richtstätte warf, fiel ihm mit ängstlicher Ahnung Lea und ihr unglückliches Schicksal bei.

14.

Als die Stuttgarter am Morgen nach dieser verhängnisvollen Nacht erwachten, wurden sie von zwei beinahe ganz unglaublichen Nachrichten überrascht. Der Herzog sei, statt außer Landes verreist zu sein, in dieser Nacht zu Ludwigsburg schnell gestorben. Er war ein gesunder, kräftiger Mann gewesen, dem mancher, der ihn gesehen, wohl noch zwanzig bis dreißig Jahre gegeben hätte. Die Klagen um seinen Tod verstummten beinahe vor der Freude über eine andere Nachricht: der Jude Süß sei mit mehreren der höchsten Hofherren im Ludwigsburger Schloß gewesen, als der Herzog so plötzlich starb; er habe sich alsobald, nachdem er die Leiche gesehen, aufs Pferd geschwungen und sei wie wahnsinnig Stuttgart zu geritten; Herr von Röder aber, ein Mann, mit dem sich nicht spaßen lasse, habe ihn eingeholt und bewacht nach Stuttgart geführt. Man lachte über die sonderbare Verblendung des Juden; als er nämlich von der Frau Herzogin, welcher er noch in der Nacht aufgewartet hatte, um zu kondolieren, heraustrat und eine Eskorte nach Haus verlangte, weil er wichtige Akten holen müsse, schloß sich ein Leutnant mit sechs Mann an ihn an. Am Ende des Korridors machte ihm ein Hauptmann das Kompliment und folgte mit zwölf Mann; jener meinte zwar lächelnd, »es sei zuviel Ehre,« als er aber an Lanbeks Haus um die Ecke bog, und vier Schildwachen vor seinem Palais bemerkte, als er oben an der Treppe Bajonette blitzen sah und Lea bleich, verstört und weinend ihm entgegenstürzte, da merkte er, welche Stunde geschlagen habe, und rief: »~Ciel, je suis perdu!~«

Obgleich das Testament des verstorbenen Herzogs im Fall seines Todes eine Administration bestellt hatte, welche seinen Ministern angenehmer gewesen wäre, so übernahm doch Herzog Rudolf von Neustadt, trotz seines hohen Alters, als der nächste Agnat, die Administration, und das Land fühlte sich erleichtert und zufrieden dabei. Er ließ, außer anerkannt schlechten Menschen, jeden in der Würde, in der er unter der vorigen Regierung stand, und es war dies wirklich eine Art von Gnadenakt, wenn man bedenkt, daß früher zwei Dritteile aller Aemter im Lande gekauft worden waren. Nur _einer_ war nicht zufrieden mit dem Amt, das ihm der Herzog Administrator mit den huldreichsten Ausdrücken bestätigt hatte; es war der junge Lanbek. Er wurde nicht nur als Expeditionsrat aufs neue ernannt, sondern, als der alte Röder, im Feuer der Freundschaft für den Landschaftskonsulenten, dessen Sohn als einen klugen Kopf und trefflichen Juristen schilderte, wählte ihn der Herzog sogar in die Kommission, die den Prozeß gegen den Juden Süß zu führen hatte. Der alte Lanbek fühlte sich dadurch nicht wenig geehrt und nannte seinen Sohn mehreremal den Stolz und die Stütze seines Alters; aber Gustav machte diese Wahl unaussprechlich unglücklich. Nicht als ob er nicht, wie jeder andere Bürger, den Mann verdammt hätte, der das Land in so tiefes Elend gestürzt; nicht als ob es gegen sein Gewissen gewesen wäre, Verbrechen ans Licht zu ziehen, die man so künstlich verborgen hatte; aber Lea, es war ja ihr Bruder, den er richten sollte, und der Gedanke war es, der ihm dieses Geschäft zum Abscheu machte. Kleine Seelen sättigen sich gerne an Rache, und manchem wäre es eine innige Freude gewesen, einen Mann, der noch vor kurzem so hoch stand, jetzt in der tiefsten Kasematte der Festung zu besuchen, mit herrischer Stimme ihn von seinem Lager aufzujagen und ihn zu martern und zu peinigen. Dieser Mann hatte sich noch überdies gegen Gustav persönlich verfehlt, er hatte ihn mit dem empörendsten Uebermut behandelt, ihm sogar mit demselben Gefängnis gedroht, in welchem er jetzt selbst, bange um künftige Freiheit, vielleicht selbst um sein Leben, schmachtete. Aber das Herz des jungen Mannes war zu groß, als daß es hätte freudig pochen sollen, als er zum erstenmal als Richter in den Kerker des Mannes trat, der jetzt, entblößt von aller irdischen Herrlichkeit, angetan mit zerlumpten Kleidern, bleich, verwildert, sich langsam aus seinen rasselnden Ketten aufrichtete. Erinnerte ihn doch jetzt noch dieses Gesicht an die Züge eines unglücklichen, geliebten Wesens; und er konnte sich kaum der Tränen enthalten, als nach dem Schlusse des Verhörs der Gefangene sprach: »Herr Lanbek, es gibt ein unglückliches, unschuldiges Mädchen, das wir beide kennen; als man in meinem Hause versiegelte, haben sie die rohen Menschen auf die Straße gestoßen -- sie war ja eine Jüdin und verdiente also kein Mitleid. -- Mir, Herr, ist kein Pfennig geblieben, womit ich ihr Leben fristen könnte; ich weiß nicht, wo sie ist -- wenn Sie etwas von ihr hören sollten -- sie hat nichts als das Kleid, das sie trug, als man sie von der Schwelle stieß -- geben Sie ihr aus Barmherzigkeit ein Almosen.«

Der junge Mann ließ seinen Tränen freien Lauf, als er allein den Berg von Hohenneuffen herabstieg; er erfuhr zwar nachher, daß ihn der Jude belogen habe, daß er, obgleich man über fünfmalhunderttausend Gulden in Gold und Juwelen in seinem Hause fand, doch beinahe hunderttausend in Frankfurt in sichern Händen habe, und Gustav konnte leicht einsehen, daß ihn Süß durch diese Vorstellungen von Elend nur habe weich stimmen wollen; aber dennoch konnte er den Gedanken nicht entfernen, daß Lea verlassen und unglücklich sei, und dieser Gedanke wurde immer peinlicher, als er trotz seiner Nachforschungen keine Spur von ihr entdecken konnte.

Der Frühling, Sommer und Herbst waren vorüber gegangen und noch immer dauerte der Prozeß. Es waren Dinge zur Sprache gekommen, wovor selbst den kältesten Richtern graute; aber obgleich der junge Lanbek der Kommission mit edlem Unwillen vorstellte, daß noch vier andere Männer nicht minder schuldig seien als Süß, so schien man doch nur gegen diesen ernstlich verfahren zu wollen, weil ihn der allgemeine Haß als den Schuldigsten bezeichnete.

Es war an einem trüben Oktoberabend -- der alte Konsulent war seit einigen Tagen verreist und sein Sohn arbeitete im Bibliothekzimmer an einem neuen Verhör --, als seine jüngere Schwester, jetzt die glückliche Braut des Kapitäns Reelzingen, ernster als gewöhnlich zu ihm eintrat. Sie sprach anfangs Gleichgültiges, schien aber nur mit Mühe eine Träne unterdrücken zu können, die endlich wirklich in dem sanften Auge glänzte, als sie fragte, ob er ihr nicht zürnen werde, wenn sie eine bekannte Person zu ihm führe? Er sah sie staunend und verwundert an, doch noch ehe er eine Antwort zu geben vermochte, eilte Käthchen weinend aus dem Zimmer und trat bald darauf mit einem verschleierten Mädchen wieder ein. Noch ehe die trübe Kerze ihre Umrisse deutlich zeigte, noch ehe sie den Schleier zurückschlug, sagte ihm sein ahnendes Herz, wen er vor sich habe; errötend sprang er auf, aber schon hatte die Unglückliche sich vor ihm niedergeworfen, den Schleier zurückgeschlagen, und Lea war es, welche die einst so geliebten Augen düster und bittend zu ihm aufschlug und die bleichen, magern Hände ineinander gerungen, flehend nach ihm hinstreckte. »Barmherzigkeit!« rief sie. »Nur nicht sterben lassen Sie ihn; man sagt, er müsse sterben; seine einzige Hoffnung ruht noch auf Ihnen. Wo soll ich Worte nehmen, Ihr großmütiges Herz zu erweichen? Welche Sprache soll ich erdenken, an ein Ohr zu sprechen, das mich einst so wohl verstand?« -- Tränen ließen sie nicht weiterreden, und auch Käthchen weinte bitterlich. Voll von Schmerz und Ueberraschung faßte Gustav ihre kalten Hände und richtete sie auf; er sah sie an -- wie schmerzlich war ihm ihr Anblick! Ihre Wangen waren bleich und eingefallen, die schönen Augen lagen tief, und der Mund, der sonst nur zum Lächeln geschaffen schien, zeigte, daß er jenes süße Lächeln längst nicht mehr kenne. Das schwarze Haar, das um die weiße Stirne hing, und das bleiche Gesicht vollendeten das Gespenstische ihres Anblicks.

»Lea! Unglückliche Lea!« rief der junge Mann. »Wie lange haben Sie sich verborgen gehalten und Ihren Freunden den letzten Trost geraubt, zu wissen, ob es Ihnen an nichts gebricht, ob die Freunde etwas für Sie tun können?«

»Ach! Das ist es nicht, um was ich Ihre edelmütige Schwester gebeten habe, mich hierher zu führen;« sagte sie schmerzlich lächelnd. »Warum soll es mir denn nicht gut gehen? Ich habe alle meine Hoffnungen und Träume längst begraben, ich pflanzte die Erinnerungen als Blumen auf das Grab und begieße diese Blumen mit meinen Tränen. Nein! Sie waren immer so großmütig gegen Unglückliche, geben Sie mir nur den Trost, daß mein Bruder nicht sterben muß. Ach! es ist so bitter zu sterben, und was nützt sein Tod diesem Lande?«

»Lea,« antwortete der junge Mann verlegen, »gewiß, es ist bis jetzt noch nicht davon die Rede gewesen, und ich glaube auch nicht -- Sie dürfen sich trösten -- es wird nicht so weit kommen.«

»Es wird, und in Ihrer Hand liegt sein Schicksal,« flüsterte sie; »er hat es mir gesagt, ich habe ihn gesprochen: ›Wenn nur der Brief nicht wäre, der Brief kann mich verderben.‹ O Gustav! Halten Sie ihn jahrelang, auf immer im Gefängnis, was liegt an ihm, wenn er in Ketten sitzt? Nur nicht sterben; Gustav sein Sie edelmütig -- vergessen Sie den Brief, um den niemand weiß als Sie -- mit jener schwachen Kerze dort können Sie das Leben eines Menschen retten.«

»Bruder,« sagte Katharina, nähertretend, indem sie seine Hand faßte, »tu es, dein Gewissen kann nicht gefährdet werden, denn er ist ja auf immer unschädlich gemacht; verbrenne den Brief, er kann sich ja verloren haben.«

Der junge Mann sah die weinenden Mädchen an; ein unabweisbares Gefühl kämpfte in ihm, er schwankte einen Augenblick, und Lea, die diesen Kampf in seinen Mienen las, faßte seine Hand, drückte sie stürmisch an ihr Herz, zog sie zärtlich an ihre Lippen. »Er will!« rief sie entzückt. »O, ich wußte es wohl, er ist edel; er will sich nicht wie die andern, an dem Unglücklichen rächen, der ihn einst beleidigt hat, er läßt ihn nicht sterben, belastet mit Sünden, er läßt ihn leben und fromm und weise werden. Wie gütig bist du, o Gott, daß du noch deiner Engel einen gesendet hast auf diese öde Erde, der mit der offenen Hand der Barmherzigkeit segnet und nicht mit dem flammenden Schwert der Rache den Verbrecher zerschmettert!«

»Nein -- nein -- es ist nicht möglich!« sprach Lanbek mit tiefem Schmerz. »Sieh, Lea, mein Leben möchte ich hingeben, um deine Ruhe zu erkaufen, aber meine Ehre! Meinen guten Namen! Es ist nicht möglich! Sie wissen um diesen Brief, einige haben ihn gelesen und -- morgen soll ich ihn vortragen. Käthchen! Sprich, ich beschwöre dich, kann, darf ich es tun?«

Käthchen weinte, und eine leise Bewegung ihres Hauptes schien anzudeuten, daß es auch ihr unmöglich scheine. Lea aber hatte ihm mit starren Blicken zugehört; über die bleichen Wangen ergoß sich die Röte der Angst, sie beugte sich vor, als könne sie die schreckliche Verneinung nicht recht vernehmen; sie sah, als sich Gustav auf seine Schwester berief, mit einem Blick voll schmerzlicher Zuversicht nach dieser hin, sie streckte die Hand krampfhaft aus wie ein Ertrinkender, der nach dem schwachen Zweig am Ufer die Hand ausstreckt -- vergebens.

»So muß er sterben,« sagte sie nach einer Weile leise, »und du -- du brichst ihm den Stab? Das war es also, warum ich lebte -- und liebte? Es ist ein sonderbares Rätsel, das Leben! Hätte ich dies gedacht, als ich noch ein fröhliches Kind war? Hätte ich gedacht, daß wir so untergehen müßten?«

»Armes, unglückliches Mädchen!« sprach Käthchen und schloß sie in ihre Arme. »Ach, gewiß, er kann nicht anders handeln, ich sehe es selbst ein; und wenn es dich trösten kann, komm zu mir, so oft du willst, du sollst gewiß treue Teilnahme finden --«

»Lea,« unterbrach sie ihr Bruder, »wenn wir etwas für Sie tun können; Sie sind an Wohlstand gewöhnt -- dieses Kleid hier sagt mir, daß Sie in Not sind.«

»Komm, Lea,« fuhr Käthchen fort, »wir sind beinahe von derselben Größe, nimm von meinen Tüchern, von meinen Kleidern, du machst mir Freude, wenn du es tun willst.«

»Das Vermögen Ihres Bruders, das er außer Landes besitzt,« sagte Gustav, »soll und muß für Sie gerettet werden, Sie haben die nächsten Ansprüche, und ich will gewiß das Meinige tun.«

»Guter Gustav,« unterbrach sie ihn, indem sie sich zu einem Lächeln zwang; »lassen wir das; die Leute sagen, daß er sein Vermögen den Armen dieses Landes entzogen habe. Da hatte er unrecht, und es wäre besser, er hätte dieses Land nie gesehen; aber ebenso unrecht wäre es von mir, von diesem Golde Gebrauch zu machen, das ihm den Tod bringen wird. Aber von dir, liebes, schönes Mädchen, nehme ich ein Tuch an, weil es jetzt so kalt wird. Ich höre, du bist Braut; sei doch recht glücklich! Möchten dies die letzten Tränen sein, die jetzt in deinen Wimpern hängen; und wenn du weinen mußt, so sei es nur fremdes Unglück, um das dein schönes Herz trauert.«

»Lea,« sagte der junge Mann mit tiefem Schmerz, »ich kann dich nicht so hinweglassen; es ist die trügerische Ruhe der Verzweiflung die aus dir spricht. Besuche doch meine Schwester; sage, wo du wohnst. -- Ach, wenn du Mangel littest! -- Scheide nicht im Groll von mir, Lea! Gott weiß, daß ich nicht anders konnte!«