Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 1
Part 22
»Du hast sehr gefehlt, Gustav,« sagte Hedwig, seine ältere Schwester, ein ruhiges und vernünftiges Mädchen. »Da du nie, auch nur entfernt, an eine Verbindung mit diesem Mädchen denken konntest, so war es deine Pflicht als redlicher Mann, dich gar nicht mit ihr einzulassen. Auch darin hast du sehr gefehlt, daß du nicht gleich damals schon deinem Vater alles anvertraut hast; aber so hast du jetzt deine ganze Familie unglücklich und zum Gespött der Leute gemacht; denn meinst du, der Süß werde nicht halten, was er gedroht? Ach, er wird sich an Papa, an dir, an uns allen rächen.«
»Geh, bitte den Vater um Verzeihung!« sprach das schöne Käthchen weinend. »Du mußt ihm nicht noch Vorwürfe machen, Hedwig, er ist unglücklich genug. Komm, Gustav,« fuhr sie fort, indem sie seine Hand ergriff und ihn zu dem Vater führte, »bitte, daß er dir vergibt; ja, wir werden recht unglücklich werden, der böse Mann wird uns verderben, wie er das Land verdorben hat, aber dann lasset doch wenigstens Frieden unter _uns_ sein. Wenn wir uns noch haben, so haben wir viel, wenn er uns alles übrige nimmt.«
Der Alte blickte seinen Sohn lange, doch nicht unwillig an. »Du hast gehandelt wie ein eitler junger Mensch, und die Aufmerksamkeit, die dir diese Jüdin schenkte, hat dich verblendet. Du hast, ich fühle es für dich, vielleicht schon seit geraumer Zeit, gewiß aber diesen Abend dafür gebüßt. Katharine hat recht; ich will dir nicht länger grollen; wir müssen uns jetzt gegen einen furchtbaren Feind waffnen. Glaubst du, daß er Wort halten wird mit den vierzehn Tagen Frist, die er dir nachrief?«
»Ich glaube und hoffe es,« antwortete der junge Mann.
»Um jene Zeit muß sich mehr entscheiden als nur das Schicksal unsers Hauses,« fuhr der Alte fort; »Römchingen und Süß -- oder wir; wer verliert, bezahlt die Zeche. Jetzt gelobe mir aber, Gustav, die Jüdin nie mehr, weder im Garten noch sonstwo aufzusuchen, und unter dieser Bedingung will ich deine Torheit verzeihen.«
Gustav versprach es mit bebenden Lippen und verließ dann das Zimmer, um seine Bewegung zu verbergen. Noch lange und mit unendlicher Wehmut dachte er dort über das unglückliche Geschöpf nach, dessen Herz ihm gehörte, und das er nicht lieben durfte. Er teilte zwar alle strengen religiösen Ansichten seiner Zeit, aber er schauderte über dem Fluch, der einen heimatlosen Menschenstamm bis ins tausendste Glied verfolgte und jeden ins Verderben zu ziehen schien, der sich auch den Edelsten unter ihnen auf die natürlichste Weise näherte. Er fand zwar keine Entschuldigung für sich und seine verbotene Neigung zu einem Mädchen, das nicht auch seinen Glauben teilte, aber er gewann einigen Trost, indem er sein eigenes Schicksal einer höheren Fügung unterordnete.
Sein Vater und die Schwestern unterhielten sich noch lange über ihn und diese Vorfälle, und die Erinnerung an so manche schöne Tugend des jungen Mannes versöhnte nach und nach den Alten, so daß er selbst das Geheimhalten jener Vorschläge des Ministers einigermaßen entschuldigte. Als aber spät abends die beiden Schwestern allein waren, sagte Käthchen: »Wahr ist es doch, Gustav hat zwar gefehlt. Ich habe sie einmal am Fenster und einmal im Garten gesehen; so schön und anmutig sah ich in meinem ganzen Leben nichts. Was sind alle Gesichter in Stuttgart, was ist selbst die schöne Marie, von der man so viel Wunder macht, gegen dieses herrliche Gesicht! Nein, Hedwig, ich hätte mich ganz in sie verlieben können!«
»Wie magst du nur so töricht schwatzen!« erwiderte Hedwig unwillig. »Mag sie sein, wie sie will, sie ist und bleibt doch nur eine Jüdin.«
11.
Nicht die unglückliche Liebe ihres Bruders allein war es, was in den folgenden Tagen die schönen Töchter des Landschaftskonsulenten Lanbek ängstigte; nein, es war das sonderbare und drückende Verhältnis, das zwischen Vater und Sohn zu herrschen schien, was den vier schönen blauen Augen im stillen so manche Träne kostete. Man konnte nicht sagen, daß sie sich finster angeblickt, mürrisch gefragt oder kalt geantwortet hätten; aber dennoch sah man ihnen beiden an, daß Gram und Sorgen sie beschäftigten, und die Mädchen wurden immer wieder in ihren Vermutungen über den Grund dieses Grämens irre geleitet, wenn sie zuweilen den alten Mann und seinen Sohn in einer Fensternische beisammenstehen und zutraulicher, aber auch ernster als je zusammen flüstern sahen. Endlich wurden sie sogar für drei Abende in der Woche förmlich aus dem großen Familienzimmer, das winters allen zum Aufenthalt diente, verwiesen, und, was ihres Wissens nie geschehen war, Papas kleines Bibliothekzimmer wurde ihnen für solche Abende besonders geheizt und ihnen die Erlaubnis gegeben, sich an den trefflichen Juristen und Philosophen zu amüsieren.
Freilich bedachten bei solchem Exil weder Vater noch Sohn, daß man von der Bibliothek im oberen Stock in das Studierzimmer, von diesem in das Gastzimmer und von dem Gastzimmer in die sogenannte Rumpelkammer kommen könne, von welcher eine viereckige Oeffnung, mit einem kleinen Deckel versehen, in das Wohnzimmer hinabging, um Luft oder Wärme in dieses Gemach zu leiten; sie bedachten auch nicht, daß weibliche Neugierde wohl noch stärkere Schranken durchbrochen haben würde als diese, die zwischen jener Kammer und der Bibliothek lagen. Einige Abende hatte übrigens doch noch ein mächtigeres Gefühl als Neugierde die Mädchen in der Bibliothek zurückgehalten, nämlich Furcht. Hedwig behauptete, schon öfters oben in jener Kammer Fußtritte und ein schreckliches Stöhnen gehört zu haben, und dem schönen Käthchen graute dort hinzugehen, weil jenes Gemach nur eine dünne Wand aus Holz und Backsteinen von den Zimmern des gefürchteten Juden Süß trennte.
Eines Abends jedoch, als man die Mädchen schon längst weggeschickt hatte, sah Käthchen, die sich bis auf die Mitte der Treppe hinabgeschlichen hatte, drei Männer bei ihrem Vater eintreten, die ihre Neugierde aufs höchste trieben. Der erste, der sich langsam und schnaubend die untere Treppe heraufschob und auf der Hausflur einige Minuten stehen blieb, um Atem zu sammeln, war niemand Geringeres als der lutherische Prälat Klinger. Seine schneeweiße Perücke, seine Prälatenkette, die gerade auf dem Magen ruhte, und seine alten verwitterten Züge flößten dem Mädchen ungemeine Ehrfurcht ein; ihm folgte hastigen Schrittes der Oberst und Stallmeister von Röder, ein Mann, den man für sehr klug und tapfer, aber zugleich auch in seinen Sitten für sehr unheilig hielt, und über den dritten hätte sie beinahe laut aufgelacht, es war der fröhliche Kapitän Reelzingen, der so drollige Geschichten und Schnurren zu erzählen wußte, und sie schon auf manchem Ball beinahe zum Lachen gebracht hatte. Heute hatte er sein Gesicht in ganz ehrbare Falten gelegt und sah gerade aus wie damals, als er ihr auf ~Parole d'honneur~ schwur, daß er sie ~vraiment~ liebe. Sie sah ihm lächelnd nach, bis sein ungeheurer Degen in der Türe verschwunden war, und eilte dann in das Bibliothekzimmer, wo sie die blonde Hedwig traf, welche die Augen fest zugeschlossen hatte, um nicht über ein Gespenst zu erschrecken, wenn etwa zufällig eines in der Bibliothek auf und ab wandelte. »Heute _müssen_ wir hinuntergucken!« erklärte Käthchen. »Und komm nur jetzt gleich mit; denke dir, die Leute kommen hier zusammen wie beim Karneval. Hast du je sonst den Prälaten Klinger und den Kapitän Reelzingen in _einem_ Zimmer gesehen, und dazu den Oberst Röder und« -- setzte sie hinzu, als die Schwester zauderte -- »ich müßte mich sehr irren, wenn ich nicht, als die Tür einmal aufging, auch Blankenberg gesehen hätte.«
Dieser letzte Name entschied; Käthchen nahm das Licht und ging mit pochendem Herzen voran, Hedwig folgte ihr, so nahe als möglich an die mutigere Schwester gedrängt, und als jene die verhängnisvolle Kammertür aufschloß, hielt sie sich fest an ihrem Kleide. Die Oeffnung war gerade über dem Ofen des Wohnzimmers, das einen Stock tiefer lag, angebracht, und Käthchen konnte, als sie die Klappe aufzog, selbst wenn sie sich auf die Knie legte und den Kopf tief herabbeugte, doch nicht mehr als vier oder fünf der versammelten Männer sehen; auch Hedwig beugte sich jetzt herab und versuchte es, noch tiefer zu blicken als ihre Schwester, aber verdrießlich stand sie wieder auf und sagte: »Nichts als den breiten Rücken des Prälaten, einige Perücken und die Uniform des Obersten kann ich sehen; weißt du denn gewiß, daß Blankenberg zugegen ist?«
»Sicher!« erwiderte Käthchen, schalkhaft lächelnd. »Doch laß uns horchen, was sie sprechen; vielleicht kennst du deinen Liebhaber an der Stimme.«
Sie setzten sich auf den Fußboden neben der Oeffnung und lauschten; die angenehme Wärme, die von dem Ofen heraufdrang, und ihre Neugierde ließen sie eine Zeitlang die empfindliche Kälte der Märznacht vergessen; endlich richtete sich Hedwig unmutig auf. »Meinst du, wir werden klug werden aus diesem Geplauder, wovon man nur die Hälfte versteht? Sie schwatzen wieder, wie immer, vom Wohl des Landes, vom Herzog, von Süß, von allem; was geht das uns an! Komm! Es ist gar schaurig hier und kalt. Mädchen, so steh doch auf!«
Aber Käthchen winkte ihr zu schweigen; man hörte jetzt eben den Oberst Röder mit bestimmter und vernehmlicher Stimme etwas vorlesen; die tiefe Stille umher unterbrach nur zuweilen ein schnell verrauschendes Murmeln des Unwillens. Jetzt sprach der alte Lanbek; Käthchens fröhliche Züge gingen nach und nach in Staunen und Angst über; endlich, als die Männer unten wieder laut, aber beifällig zusammensprachen und die Gläser anstießen, flog eine hohe Röte über das Gesicht des Mädchens, ihre Augen leuchteten, als sie vorsichtig die Klappe schloß, die Lampe ergriff und mit ihrer Schwester den Rückweg einschlug.
»Hast du was verstanden?« fragte Hedwig. »Du schienst auf einmal so aufmerksam; was haben sie denn Besonderes gesprochen?«
»Ich weiß nicht alles, ich kann nicht alles sagen,« erwiderte Käthchen nachdenkend; »mir ist's, als hätte mir alles geträumt. Höre -- aber schweig! Es könnte uns alle unglücklich machen. Das sind gefährliche Menschen in Vaters Zimmer unten. Mir graut, wenn ich daran denke, was daraus entstehen kann.«
»So sprich doch, einfältiges Kind! Ich bin zwei Jahre älter als du, und du sollst keine Geheimnisse vor mir haben.«
»Denke dir,« fuhr Käthchen mit leiser Stimme fort, »der Süß will uns katholisch machen und die Landschaft umstürzen; da verlöre der Vater und alle andern verlören ihre Stellen!«
»Katholisch!« rief Hedwig mit Entsetzen. »Da müßten wir ja Nonnen werden, wenn wir ledig blieben? Nein, das ist abscheulich!«
»Ach, warum nicht gar,« erwiderte Käthchen, lächelnd über den Jammer ihrer Schwester, »da müßte es viele Nonnen geben, wenn alle, die keine Männer bekommen, ins Kloster gingen; aber sei ruhig, es kommt nicht so weit. In drei Tagen, sagte Röder, werde der Herzog verreisen, und während er in Philippsburg ist, wollen die Männer da unten den Juden und alle seine Gehilfen im Namen der Landschaft gefangen nehmen und dann dem Herzog beweisen, wie schlecht seine Minister waren.«
»Ach Gott, ach Gott! Das geht nicht gut,« sagte Hedwig weinend. »Alles werden sie verlieren, denn der Herzog traut allen eher als denen von der Landschaft; ich weiß ja, was mir einmal die Oberstjägermeisterin über den Vater sagte. Du wirst sehen, es geht unglücklich!«
»Und wenn auch,« antwortete Käthchen, »so sind wir die Töchter eines Mannes, der, was er tut, zum Besten seines Vaterlandes tut. Das kann uns trösten.« Das mutige Mädchen holte aus dem Schranke eine mit vielen schönen Kupfern geschmückte Bibel. Sie gab der weinenden Schwester das neue Testament, um sich an den Kupfern und Reimsprüchen zu zerstreuen. Sie selbst schlug sich das Alte Testament auf. Sie verbarg ihre eigene Besorgnis um ihren Vater unter einem Liedchen, das sie leise vor sich hinsang, während ihre schönen Fingerchen emsig die vergilbten Blätter von einem Bilde zum andern durcheilten.
12.
Es gibt im Leben einzelner Staaten Momente, wo der aufmerksame Beschauer noch nach einem Jahrhundert sagen wird, hier, gerade hier mußte eine Krise eintreten; ein oder zwei Jahre nachher wären dieselben Umstände nicht mehr von derselben Wirkung gewesen. Es ist dann dem endlichen Geist nicht mehr möglich, eine solche Fügung der Dinge sich hinwegzudenken, und aus der unendlichen Reihe von möglichen Folgen diejenigen aneinander zu knüpfen, die ein ebenso notwendig verkettetes Ganze bilden als ein verflossenes Jahrhundert mit allen seinen historischen Wahrheiten. Hier zeigt sich der Finger Gottes, pflegt man zu sagen, wenn man auf solche wichtige Augenblicke im Leben eines Staates stößt. Es hat aber zu allen Zeiten Männer gegeben, die, mochte ihr eigener Genius, mochte das Studium der Geschichte sie leiten, solche Momente geahnet, berechnet haben, und sie wirkten dann am überraschendsten, wenn sie sich nicht begnügten, solche Krisen vorhergesehen zu haben, sondern wenn sie Mut genug besaßen, zu rechter Zeit selbst einzuschreiten, Kraft genug, um eine Rolle durchzuführen. Die Geschichte hat längst über die kurze Regierung der Minister Karl Alexanders entschieden. Sie flucht keinem Sterblichen, sonst müßte sie die Tränen und Seufzer Württembergs in schwere Worte gegen die Urheber seines Unglücks im Jahre 1737 verwandeln; aber sie gedenkt mit Liebe einiger Männer, die sich nicht von dem Strome der allgemeinen Verderbnis hinreißen ließen, die ahneten, es müsse anders kommen, die vor dem Gedanken nicht zitterten, eine Aenderung der Dinge herbeizuführen, und die auch dann mit Ruhe und Gelassenheit die Sache ihres Landes führten, als ein _Höherer_ es übernommen hatte, einen unerwartet schnellen Wechsel der Dinge herbeizuführen, indem er zwei feurige Augen schloß und ein tapferes Herz stille stehen hieß.
Wer sollte es diesem heiteren Stuttgart und seinen friedlichen Straßen ansehen, daß es einst der Schauplatz so drückender Besorgnisse war? Wie beruhigt über den Gang der Dinge sind die Enkel derer, die in jenem verhängnisvollen März jede Stunde für das Schicksal ihrer Familien, für die alten Rechte ihres Landes, selbst für ihren Glauben zittern mußten!
Wer den übermütigen Süß in seiner Karosse, mit sechs Pferden bespannt, durch die »reiche Vorstadt« fahren sah, wie er stolz lächelnd auf die bleichen, feindlichen Gesichter herabblickte, die ihm überall begegneten; wer den schrecklichen _Hallwachs_, seinen innigen Freund und Ratgeber, neben ihm sah und bedachte, wie viele verderbliche Pläne dieser Mann ersonnen, wie viele unerhörte Monopole er eingeführt habe und wie er immer neue zu erfinden trachte; wer das unbegrenzte Vertrauen kannte, das der Herzog in diese Menschen setzte, der mußte wohl an der Möglichkeit der Rettung verzweifeln.
Dazu kamen noch die sonderbaren und widersprechenden Gerüchte, die im Umlauf waren. Die einen sagten, der Herzog sei nach Philippsburg und Kehl gereist, habe aber das Regiment nicht an den Geheimenrat, sondern das Siegel dem Juden Süß gegeben; andere widersprachen und behaupteten, man habe den Herzog an einem Fenster des Ludwigsburger Schlosses gesehen, auch seien seine Pferde noch dort, und er sei nicht abgereist. In einem Dorf an der österreichischen Grenze im Oberland sollen die Katholiken plötzlich über die protestantischen Einwohner hergefallen sein, und als letztere den Kampfplatz behaupteten, sei eine Kompagnie Kreistruppen über die Grenze herein ins Dorf gerückt. Am sonderbarsten klang das Gerücht, das sich überdies noch bestätigte, der Oberfinanzrat Hallwachs habe ein kostbares Meßgewand beim Hofsticker bestellt und ihm befohlen, es bis zum achtzehnten März fertig zu machen und wenn er mit fünfzig Gesellen arbeiten müßte; bringe er es nicht fertig, so werde er eingesetzt. Ein lutherischer Geistlicher, den man mit Namen nannte, soll den Kindern in der Schule Kreuzchen, aus Holz geschnitzt, geschenkt haben, mit den Worten: »Nur wenn ihr diese in Händen haltet, könnet ihr recht beten.« Endlich erzählte man sich als etwas Verbürgtes, der Jude habe zum Herzog über der Tafel gesagt: »Ihre Stände, Durchlaucht, sind eigentliche Widerstände; aber sie stehen schon so lange, daß sie müde und matt sind.« Karl Alexander habe ihm lächelnd zur Antwort gegeben: »~C'est vrai; allons donc leur donner des chaises, et une fois assis, ils ne se leveront plus.~« Auch jene Männer, die entschlossen waren, dem drohenden Verderben zuvorzukommen, hörten diese Gerüchte. Aber sie waren dabei kalt und ruhig; wußten sie ja doch, Württemberg stehe eine solche Veränderung bevor, daß es entweder erleichtert oder so tief ins Unglück gestürzt werden würde, daß der Jammer des einzelnen davor verstummen müßte. Man erzählt sich, sie haben alles, was dazu gehört, einem mächtigen und bösartigen Feind mit Hilfe des Landvolks zu begegnen, vorbereitet gehabt, und wenn ihr Unternehmen gelingen sollte, so verdankten sie es nur den wenigen hellstrahlenden Namen einiger Männer aus der Landschaft; denn an diese war man in Württemberg gewöhnt, das Interesse des Landes zu ketten.
Es war spät abends den elften März, als der Landschaftskonsulent Lanbek mit seinem Sohne und dem Kapitän Reelzingen in seiner Wohnstube beim Weine saß. Die beiden Lanbek waren ernst und düster, der Kapitän aber konnte auch jetzt seinen fröhlichen Lebensmut nicht verbergen, denn er teilte seine Aufmerksamkeit und sein Gespräch zwischen der Fensternische, wo die beiden Schwestern Gustavs saßen, und zwischen den beiden Männern an seiner Seite. Hedwig sah bleich und still vor sich hin auf ihre Nadeln, aber auf Käthchens Gesichtchen lag eine höhere Röte als gewöhnlich und alle Augenblicke zeigte sie die weißen Zähne und die schönen Grübchen in ihren Wangen, denn der Kapitän wußte wieder wunderschöne Späße und Geschichten.
»Wie ist Euer Pferd, Kapitän?« fragte der alte Lanbek.
»Mein Fuchs ist ein besserer Infanterist als ich selbst,« erwiderte er. »Wenn ich die sechs ersten Stunden Trab und bergauf Schritt reite, so kann ich die nächsten sechs bequem Galopp reiten. Er hat nur _einen_ Fehler, den, daß er noch nicht bezahlt ist, und macht mir durch diese Untugend oft großen Jammer.«
»Ihr könnt,« fuhr der Alte fort, »wenn ihr von der Galgensteige an scharf Trab reitet, zwischen elf und zwölf Ludwigsburg passieren; um vier Uhr müßt ihr in Heilbronn sein und dort laßt ihr die Pferde ruhen; zwischen acht und zehn Uhr seid ihr morgen in Oehringen.«
»Aber Vater,« fiel Gustav ein, »wäre es nicht ratsamer, gegen Heidelberg zu reiten? Ich wollte darauf wetten, wir sind gegen Oehringen hin nicht mehr sicher. Bedenken Sie, daß der Deutschorden dort tief herein sich erstreckt, daß sie in Mergentheim gewiß von dem Bischof in Würzburg unterrichtet sind, daß --«
»Daß,« fuhr der Vater fort, »ihr auf der Straße nach Heidelberg viel mehr auffallet und daß ihr, wenn ihr etwa die Gegend nicht mehr rein fändet eine letzte Zuflucht bei meinem alten Herrn und Gönner, dem Herzog in Neustadt, habt, der euch gewiß in den ersten Tagen nicht herausgibt. Ist dann Karl Alexander zufrieden mit dem, was wir hier getan, so könnet ihr immer zurückkehren; wo nicht, so gehet ihr, wie schon gesagt, weiter nach Frankfurt.«
»Gott! daß ich euch in einer solchen Krisis zurücklassen soll!« rief Gustav mit Tränen. »Daß ich vielleicht an eurem Unglück schuld bin; daß alles schlecht gehen kann, wenn Süß meine Flucht erfährt und sich an Ihnen, Vater, rächt! Nein, ich kann, ich darf nicht gehen!«
»Nein, Vater,« fiel Hedwig ein, indem sie noch bleicher als zuvor herbeieilte und ihres Vaters Hand ergriff, »er darf uns nicht verlassen; o, ihr habt schreckliche Dinge vor, ich weiß es wohl, ihr wollt eine Verschwörung gegen diese mächtigen Menschen machen. Lassen Sie ab davon, Vater; Süß und die andern werden Ihnen verzeihen; ach, mich tötet die Angst!«
»Geh, Mädchen,« sprach Käthchen, die auch herangetreten war; »was Männer tun und was unser Vater tut, geht uns nichts an. Aber warum soll denn gerade jetzt Gustav so schnell hinweg? Er könnte uns allen so nützlich sein.«
»Weil ich keine Jüdin zur Tochter mag;« sagte der Alte streng, »darum soll er fort. Weil ich ein Briefchen seiner Scharmanten aufgefangen und mit Protest an den Juden geschickt habe, und weil dieser jetzt wütet und euren Bruder mit Gewalt zum Schwager haben oder auf Neuffen setzen will, darum soll und muß er ihm jetzt aus dem Wege gehen. Doch, ich wollte dir in dieser Stunde nicht wehe tun, Gustav; wir scheiden als Freunde, und alles andere soll vergessen sein, wer weiß, wann und wo wir uns wiedersehen!«
Indem der Alte die letzten Worte sprach und seinem Sohn die Hand reichte, wurde schnell und heftig an der Tür gepocht, und ehe noch jemand antwortete, trat plötzlich eine Gestalt, in einen Mantel gehüllt, ein. »Was soll dies?« fuhr der alte Lanbek auf. »Wer drängt sich so bei Nacht in mein Haus, wer sind Sie?«
»Blankenberg!« rief Hedwig, als jener den Mantel abwarf, und trat schnell und errötend einige Schritte vor.
»Verzeihung, Herr Konsulent,« sprach der junge Mann eilend, »die Not muß mich entschuldigen. Gustav, du mußt im Augenblick fort; der Leutnant Pinassa schrieb mir soeben, daß er dich auf Befehl des General Römchingen heute nacht zwischen elf und zwölf Uhr aufheben müsse. Der ehrliche Junge möchte dich nicht gern im Nest treffen.«
»Dank, Dank,« erwiderte der Alte, indem er Blankenberg die Hand drückte. »Trinket aus, Kinder, und macht den Abschied schnell; hier, mein lieber Reelzingen,« fuhr er fort und drückte dem überraschten Kapitän einen großen Beutel in die Hand; »man kann nicht wissen, ob sich euer Weg nicht teilt. Sie sind so edelmütig, meinen Sohn zu begleiten.«
»Und mit Geld wollen Sie dies lohnen?« unterbrach ihn der Kapitän unmutig. »~Parole d'honneur~, Herr! ich begleite meinen Bruder, weil wir alte Amicisten sind, und nicht wegen Ihrer Spieße. Da soll mich doch --«
»Reelzingen,« sagte Käthchen mit ihrer süßen Stimme, »Ihr versteht doch gar keinen Scherz; es sind lauter Kupfermünzen, und ich habe dem Vater den Beutel gegeben, Euch in April zu schicken.«
»Ich verstehe,« flüsterte der Kapitän, indem er errötend dem schönen Mädchen die Hand küßte. »Ich will Euch dafür etwas Schönes von Frankfurt mitbringen.«
»Bringet mir,« antwortete sie, indem sie die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte, »nur unsern Gustav wohlbehalten zurück, und,« setzte sie, durch Tränen lächelnd, hinzu, »machet mir keine tollen Streiche, die euch verraten könnten.«
»Die Pferde sind vor dem Seetor,« sprach der Alte zu Reelzingen und seinem Sohn. »Ihr dürft nicht das Tor selbst passieren; denn die erste Runde ist schon vorüber. Begleiten Sie meinen Sohn, Herr von Blankenberg, durch die Gärten und bringen Sie mir Nachricht, wie sie fortgekommen sind.«
Der junge Lanbek umarmte Vater und Geschwister, die Schwestern folgten ihm und seinen Freunden weinend bis unter die Gartentüre, und als nachher Hedwig ihre jüngere Schwester bitter tadelte, weil sie erlaubt habe, daß der Kapitän sie auf den Mund küsse, antwortete jene: »Du hast gefehlt, nicht ich, daß du es unterlassen hast; solche Höflichkeit waren wir einem Manne schuldig, der für unsern Bruder so viel tut.«
»Ei,« erwiderte Hedwig errötend, »Blankenberg hat ihn eigentlich doch auch gerettet.«
13.
Die beiden jungen Männer ritten schweigend durch die finstere Nacht hin. Kein Stern war am Himmel und der Wind heulte um die Berge. »Hu! Siehst du dort?« flüsterte Reelzingen, als sie an dem eisernen Galgen vorbeiritten, den einst (1597) Herzog Friedrich dem Alchimisten Honauer aus dem Metall errichten ließ, das er in Gold zu verwandeln versprochen hatte. »Schau, diese ungeheure Menge Raben, es ist, als witterten sie eine neue Beute.«