Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 1

Part 21

Chapter 213,830 wordsPublic domain

»Vater!« sprach der junge Mann, der betroffen bald den Alten, bald den Obersten betrachtete, »Vater, Sie machen mich hier zum Zeugen eines Auftrittes, bei welchem ich vielleicht besser nicht zugegen gewesen wäre. Ich soll aber gezwungenerweise eine Rolle übernehmen, die mir nicht zusagt. Ich bin zum Expeditionsrat ernannt und weiß nicht warum; ich darf die Stelle nicht ablehnen, obgleich sie mich vor der Welt zum Schurken macht, und weiß nicht warum; es gehen Dinge vor im Staat und in meines Vaters Hause, man verhehlt sie mir, und ich weiß wieder nicht warum. Herr Oberst von Röder, Sie überreden mich, eine Stelle nicht auszuschlagen, die meines Vaters Namen beschimpft; von Ihnen glaube ich Gründe verlangen zu können, warum ich es nicht tun soll?«

»Gott weiß, er hat recht!« rief Röder, indem er den jungen Mann nachdenkend betrachtete. »Ich weiß auch nicht, Alter, warum Ihr ihm nicht längst den Schlüssel gegeben habt. Wenn Ihr ihm übrigens die Augen nicht öffnen wollt, so will ich ihm diesen Dienst tun, weil ich weiß, wie drückend es ist, ein wichtiges Geheimnis halb zu erraten und halb zu ahnen.«

»Es sei,« sagte der Vater, »setzet Euch wieder; wenn ich dich, mein Sohn, bis jetzt nicht mit Dingen dieser Art vertraut gemacht habe, so geschah es nur aus Furcht, für einen allzu stolzen Vater zu gelten, denn wir hatten uns das Wort gegeben, nur erprobten und ausgezeichneten Männern uns anzuvertrauen. Ich darf dir nicht erst sagen, was in den drei Jahren, seit Alexander regiert, aus Württemberg geworden ist. Man soll von einem Lanbek nicht sagen können, daß er gegen seinen Herrn gemurrt hätte, er ist ein tapferer Mann und nach Prinz Eugenius vielleicht der erste Feldherr unserer Zeit, aber das Feldregiment taugt wohl im Lager und vor dem Feind, nicht so in der Kanzlei. Er sieht die Regierung des _Ländchens_, wie er sagt, etwas zu heldenmäßig an, das heißt, er sieht darüber hinweg und läßt andere dafür sorgen.«

»Dieses Ländchen!« rief der Oberst bitter. »Dieses schöne Württemberg! Es heißt wohl ein alter Spruch, daß, wenn man auch sich alle Mühe gebe, dieses Land doch nicht könne zu Grunde gerichtet werden; aber ~nous verrons~! Wenn es so fortgeht, wenn man es durch Verkauf der Aemter, durch Verhöhnung der Besseren, durch Erhebung der niederträchtigsten Bursche geflissentlich verderbt, wenn man seine Kräfte bis aufs Mark aussaugt --«

»Kurz, mein Freund,« fuhr der Alte fort, »es kann nicht so fortgehen. Nach und nach kann es nicht besser werden, denn schon jetzt sitzen bei uns in der Landschaft fünf Schurken, die nicht einmal der Gott-sei-bei-uns für sich repräsentieren ließe, alle Aemter sind verkauft oder für Süßsche Kreaturen käuflich, also kann es nur schlechter werden. Aber es sind zwei Parteien, die da sagen: ›Es muß anders werden.‹ Die eine Partei ist Süß, der schnöde Jude, der General Römchingen, der feinste von diesen Burschen, Hallwachs, dein neuer Kollege, Metz und noch einige von der Landschaft. Wir wissen, was sie wollen, und es ist nichts Geringeres, als die Stände und den Landtag völlig aufzuheben.«

»Und, Gott sei's geklagt,« sagte Herr von Röder, »den Herzog haben Sie von seiner edelmütigen Seite gepackt, er ist mit allem zufrieden. Das Land sei aufgebracht über die Stände, sagen sie ihm, man murre über die Landschaft, und nun hat er sich entschlossen, das Institut wie ein Korps Invaliden aufzulösen, dem Lande die jährlichen Kosten der Stände edelmütig zu schenken und allein zu regieren.«

»Wie? Verstehe ich recht?« rief der junge Lanbek. »Also unsern letzten Schutz gegen den übeln Willen oder gegen die unrichtige Ansicht eines Herrn will man uns rauben? Auf die Verfassung ist es abgesehen? Doch das ist nicht möglich, Alexander hat sie ja beschworen, und mit welchen Mitteln will er dies wagen? Meinen Sie wirklich, Herr Oberst, der württembergische Soldat werde seine eigenen Rechte unterdrücken?«

»Hier sind die Hunde,« erwiderte der Oberst, indem er auf den Brief zeigte, »die man bei diesem Treibjagen hetzen will.«

»Nur ruhig,« sprach der Landschaftskonsulent, »höre mich ganz. Der Herzog ist aufs abscheulichste getäuscht; er glaubt fest, daß es ihn nur ein Wort koste, so werden die Stände nicht mehr sein, und alle Herzen werden ihm zufliegen. So haben es der Jude und Römchingen ihm vorgeschwatzt; aber sie kennen uns besser und wissen, daß Gewalt zu einem solchen Schritt gehört. Hier ist ein Brief an den Erzbischof von Würzburg, den der General Römchingen geschrieben: man wolle zum Besten des Landes einige Aenderungen vornehmen, man könne sich aber auf die Truppen im Lande nicht verlassen, daher solle der Bischof bewirken, daß die Truppen des fränkischen Kreises an einem bestimmten Tag an unserer Grenze seien. Auch an einige Reichsstände in Oberschwaben hat er ähnliche Schreiben erlassen.«

»Und im Namen des Herzogs?« fragte der junge Mann.

»Nein, sie lassen ihn nur so durchblicken, aber eine andere Lockspeise haben sie dem Bischof hingeworfen; man sagt nicht umsonst, daß unser alter Reformator Brenz seit einigen Nächten aus seinem Grab aufstehe und die Kanzel besteige -- katholisch wollen sie uns machen. Du staunst? Du willst nicht glauben? Auch ich glaube, daß sie es nicht aus Religiosität tun wollen, sondern entweder soll es den Bischof und die Oberschwaben enger für die Sache verbinden, oder sie meinen, dem Herzog gefällig zu sein, wenn sie in vierundzwanzig Stunden den Glauben reformieren, wie sie das alte Recht reformieren wollen.«

»Es kann, es darf nicht sein!« rief der junge Mann. »Die Grundpfeiler unseres Glückes und unserer Zufriedenheit mit _einem_ Schlag umstürzen? Es ist nicht möglich, der Herzog kann es nicht dulden.«

»Er weiß und denkt nicht, daß sie dies alles vorhaben,« sagte der Oberst; »sein Ruhm ist ihm zu teuer, als daß er ihn auf diese Weise beflecken möchte; aber wenn es geschehen ist, ohne daß die Schuld auf ihn fällt, dann, fürchte ich, wird er das Alte nicht wiederherstellen. Zu welchem Zweck, glaubt Ihr denn, habe der Jude dem Herzog das Edikt von gestern abgeschwatzt, worin er für Vergangenheit und Zukunft von aller Verantwortlichkeit freigesprochen wird? Das soll ihn schützen in dem kaum denkbaren Fall, wenn der Herzog über die treuen und ergebenen Herren Räte erbost würde, die ihm die unumschränkte Macht zu Füßen legen und in der Stiftskirche einen Krummstab aufpflanzen.«

»Und gegen diese wollt ihr kämpfen?« fragte Gustav besorgt und zweifelhaft.

»Kämpfen oder zusammen untergehen,« sprach der Alte. »Wer mit uns verbunden ist, mußt du jetzt nicht wissen; es genüge dir zu erfahren, daß es die Trefflichsten des Adels und die Wackersten der Bürger sind. Wir wollten den Kaiser um Schutz anflehen, aber die Umstände sind ungünstig, die Zeit ist zu kurz, um durch alle Umwege zu ihm zu gelangen, und überdies hat der Herzog einen gewaltigen Stein im Brett seit den letzten Kriegen; man würde uns abweisen. Uns bleibt nichts übrig als --«

»Wir müssen,« rief der Oberst mutig und entschlossen, »das Prävenire müssen wir spielen; St. Joseph, den neunzehnten März, haben sie sich zum Ziel gesteckt; aber einige Tage zuvor müssen wir die Feinde des Landes gefangen nehmen, die treuen Truppen nach Stuttgart ziehen, das Landvolk zu unserer Hilfe aufrufen, und wenn es gelungen ist, dem Herzog von neuem huldigen und ihm zeigen, an welchem furchtbaren Abgrund er und wir gestanden. Und dann -- er ist ein tapferer Soldat und ein Mann von Ehre, dann wird er erröten vor der Schande, zu welcher ihn jene Elenden verführen wollten.«

»Aber der Herzog,« fragte der junge Mann, »wo soll er sein und bleiben, während ihr diese furchtbare Gegenmine auffliegen lasset?«

»Das ist es ja gerade, was uns zur Eile zwingt,« erwiderte der Oberst; »sie haben ihn überredet, im nächsten Monate die Festungen Kehl und Philippsburg zu bereisen, und hinter seinem Rücken wollen sie reformieren. Den elften will er abreisen; schon sind die Adjutanten ernannt, die ihn begleiten sollen, und, wenn ich es sagen darf, mit solchem Gepränge und so viel und laut wird von dieser Reise gesprochen, daß ich fürchte, die ganze Fahrt ist nur Maske und der Herzog wird nicht über die Grenze gehen.«

»Du kennst jetzt unsere Pläne,« sprach der alte Herr zu seinem Sohn, »sei klug und vorsichtig. _Ein_ Wort zuviel kann _alles_ verraten. Darum, wie es unter uns gebräuchlich ist, lege deine Hand in die deines Vaters und dieses tapfern Mannes und schwöre uns, zu schweigen.«

»Ich schwöre,« sagte Lanbek mit fester Stimme, aber bleich und mit starren Augen; und sein Vater und der Oberst zogen ihn an ihre Brust und begrüßten ihn als einen der Ihrigen.

9.

Ein drückender, trüber Nebel lag über Stuttgart und gab den Bergen umher und der Stadt ein trauriges, ödes Ansehen; gerade so lag auch ein trüber, ängstlicher Ernst auf den Gesichtern, die man auf den Straßen sah, und es war, als hätte ein Unglück, das man nicht vergessen konnte, oder ein neuer Schlag, den man fürchtet, alle Herzen wie die sonst so lieblichen Berge umflort und in Trauer gehüllt. Am Abend eines solchen Tages schlich der junge Lanbek durch die feuchten Gänge des Gartens. Sein Gesicht war bleich, sein Auge trübe, sein Mund heftig zusammengepreßt, seine hohe Gestalt trug er nicht mehr so leicht und aufgerichtet wie zuvor, und es schien, als sei er in den letzten acht Tagen um ebenso viele Jahre älter geworden. Was er vorausgesehen hatte, war eingetroffen; niemand, der die Lanbeks auch nur dem Rufe nach kannte, konnte die schnelle Erhebung des jungen Mannes begreifen oder rechtfertigen. Die Günstlinge und Kreaturen des mächtigen Juden traten ihm mit jener lästigen Traulichkeit, mit jener rohen Freude entgegen, wie etwa Diebe und falsche Spieler einem neuen Genossen ihrer Schlechtigkeit beweisen, und des jungen Lanbeks Gefühl bei solchen neuen, werten Bekanntschaften läßt sich am besten mit den unangenehmen und wehmütigen Empfindungen eines Mannes vergleichen, den das Unglück in _einen_ Kerker mit dem Auswurf der Menschen warf, und der sich von Räubern und gemeinen Weibern als ihresgleichen begrüßen lassen muß.

Die gnädigen Blicke, die ihm der Minister hin und wieder öffentlich, beinahe zum Hohn, zuwarf, bezeichneten ihn als einen neuen Günstling. Jetzt erst sah er, wie viele gute Menschen ihm sonst wohlgewollt hatten; denn so manches bekannte Gesicht, das sonst dem Sohne des alten Lanbek einen »guten Tag« zugelächelt hatte, erschien jetzt finster, und selbst wackere Bürgersleute und jene biederen, ehrlichen Weingärtner, die sich bei ihm und dem Alten so oft Rats erholt hatten, wandten jetzt die Augen ab und gingen vorüber, ohne den Hut zu rücken.

Der Gedanke an Lea erhöhte noch sein Unglück. Er wußte genau, wie unglücklich sein alter Vater, er selbst und die Seinigen werden könnten, wenn der verzweifelte Schlag, den sie führen wollten, mißlang; und doch, so groß der Frevel war, den jener fürchterliche Mann auf sich geladen hatte, dennoch graute ihm, wenn er sich die Folgen überlegte, die sein Sturz nach sich ziehen würde. Was sollte aus der armen Lea werden, wenn der Bruder vielleicht monatelang gefangen saß? Konnte der Herzog, ein so strenger Herr, Vergehungen und Pläne, wie die des Juden, vergeben, selbst wenn er ihm durch jenes Edikt Straflosigkeit zugesichert hatte?

Und dann durchzuckte ihn wieder die Erinnerung an jene schreckliche Drohung, die Süß gegen ihn ausgestoßen, als er das Verhältnis des jungen Mannes zu seiner Schwester berührte. Alle Angst vor seinem alten Vater, vor der Schande, die eine solche Verbindung, wenn sie auch nur besprochen würde, brächte, kam über ihn. Es gab Augenblicke, wo er seine Torheit, mit der schönen Jüdin auch nur ein Wort gewechselt zu haben, verwünschte, wo er entschlossen war, den Garten zu verlassen, sie nie wieder zu sehen, seinem Vater alles zu sagen, ehe es zu spät wäre; aber wenn er sich dann das schöne Oval ihres Hauptes, die reinen, unschuldigen und doch so interessanten Züge und jenes Auge dachte, das so gerne und mit so unnennbarem Ausdruck auf seinen eigenen Zügen ruhte, da war es, ich weiß nicht ob Eitelkeit, Torheit, Liebe oder gar der Einfluß jenes wunderbaren Zaubers, der sich, aus Rahels Tagen, unter den Töchtern Israels erhalten haben soll -- es zog ihn ein unwiderstehliches Etwas nach jener Seite hin, wo ihn, seit die Dämmerung des ersten Märzabends finsterer geworden war, die schöne Lea erwartete.

»Endlich, endlich!« sagte Lea mit Tränen, indem sie ihre weiße Hand durch die Staketen bot, welche die beiden Gärten trennten. »Wenn nicht der Frühling indes hätte kommen müssen, wahrhaftig, ich hätte gedacht, es sei schon ein Vierteljahr vorüber. Ich bin recht ungehalten; wozu denn auch in den Garten gehen bei dieser schlimmen Jahreszeit, wenn Ihr frei und offen durch die Haustüre kommen dürft? Wisset nur, Herr Nachbar, ich bin sehr unzufrieden.«

»Lea,« erwiderte er, indem er die schöne Hand an seine Lippen zog, »verkenne mich nicht, Mädchen! Ich konnte wahrhaftig nicht kommen, Kind! Zu dir durfte ich nicht kommen, und in die Zirkel deines Bruders gehe ich nicht; und wenn ich wüßte, daß du ein einzigesmal da warst, würde ich dich nicht mehr sprechen.« Trotz der Dunkelheit glaubte der junge Mann dennoch, eine hohe Röte auf Leas Wangen aufsteigen zu sehen. Er sah sie zweifelhaft an; sie schlug die Augen nieder und antwortete: »Du hast recht, ich darf nicht in die Zirkel meines Bruders gehen.«

»So bist du da gewesen? Ja, du bist dort gewesen!« rief Lanbek unmutig. »Gestehe nur, ich kann jetzt doch schon alles in deinen Augen lesen.«

»Höre mich an,« erwiderte sie, indem sie bewegt seine Hand drückte, »die Amme hat dir gesagt, was nach dem Karneval vorging, und wie ich ihn bat und flehte, dich frei zu lassen. Seit jener Zeit hat sich sein Betragen ganz geändert; er ist freundlicher, behandelt mich, wie wenn ich auf einmal um fünf Jahre älter geworden wäre, und läßt mich zuweilen sogar mit sich ausfahren. Vor einigen Tagen befahl er mir, mich so schön als möglich anzukleiden, legte mir ein schönes Halsband in die Hand, und abends führte er mich die Treppe herab in seine eigenen Zimmer. Da waren nur wenige, die ich kannte, die meisten Herren und Damen waren mir fremd. Man spielte und tanzte, und von Anfang gefiel es mir sehr wohl, nachher freilich nicht, denn --«

»Denn?« fragte Lanbek gespannt.

»Kurz, es gefiel mir nicht, und ich werde nicht mehr hingehen.«

»Ich wollte, du wärest nie dort gewesen,« sagte der junge Mann.

»Ach, konnte ich denn wissen, daß die Gesellschaft nicht für mich passen würde?« erwiderte Lea traurig. »Und überdies sagte mein Bruder ausdrücklich, es werde meinen Herrn Bräutigam freuen, wenn ich auch unter die Leute komme.«

»Wen hat er gesagt, _wen_ werde es freuen?« rief Lanbek.

»Nun dich,« antwortete Lea; »überhaupt, Lanbek, ich weiß gar nicht, wie ich dich verstehen soll; du bist so kalt, so gespannt; gerade jetzt, da wir offen und ohne Hindernis reden können, bist du so ängstlich, beinahe stumm; statt ins Haus zu uns zu kommen, bestellst du mich heimlich in den Garten, ich weiß doch nicht, vor wem man sich so sehr zu fürchten hat, wenn man einmal in einem solchen Verhältnis steht?«

»In welchem Verhältnis?« fragte Lanbek.

»Nun, wie fragst du doch wieder so sonderbar! Du hast bei meinem Bruder um mich angehalten, und er sagte dir zu, im Fall ich wollte und der Herzog durch ein Reskript das Hindernis wegen der Religion zwischen uns aufhöbe. Ich bin nur froh, daß du nicht Katholik bist, da wäre es nicht möglich, aber ihr Protestanten habt ja kein kirchliches Oberhaupt und seid doch eigentlich so gut Ketzer wie wir Juden.«

»Lea! Um Gottes willen, frevle nicht!« rief der junge Mann mit Entsetzen. »Wer hat dir diese Dinge gesagt? O Gott, wie soll ich dir diesen furchtbaren Irrtum benehmen?«

»Ach, geh doch!« erwiderte Lea. »Daß ich es wagte, mein verhaßtes Volk neben euch zu stellen, bringt dich auf. Aber sei nicht bange; mein Bruder, sagen die Leute, kann alles, er wird uns gewiß helfen, denn was er sagt, ist dem Herzog recht. Doch eine Bitte habe ich, Gustav: willst du mich nicht bei den Deinigen einführen? Du hast zwei liebenswürdige Schwestern; ich habe sie schon einigemal vom Fenster aus gesehen; wie freut es mich, einst so nahe mit ihnen verbunden zu sein! Bitte, laß mich sie kennen lernen.«

Der unglückliche junge Mann war unfähig, auch nur _ein_ Wort zu erwidern; seine Gedanken, sein Herz wollten stille stehen. Er blickte wie einer, der durch einen plötzlichen Schrecken aller Sinne beraubt ist, mit weiten, trockenen Augen nach dem Mädchen hin, das, wenn auch nicht in diesem Augenblick, doch bald vielleicht, noch unglücklicher werden mußte als er, und das jetzt lächelnd, träumend, sorglos wie ein Kind an einem furchtbaren Abgrund sich Blumen zu seinem Kranze pflückte.

»Was fehlt dir, Gustav?« sprach sie ängstlich, als er noch immer schwieg. »Deine Hand zittert in der meinigen: bist du krank? Du bist so verändert.« Doch -- noch ehe er antworten konnte, sprach eine tiefe Stimme neben Lea: »~Bon soir~, Herr Expeditionsrat; Sie unterhalten sich hier im Dunkeln mit Dero Braut? Es ist ein kühler Abend; warum spazieren Sie nicht lieber hinauf ins warme Zimmer? Sie wissen ja, daß mein Haus Ihnen jederzeit offen steht.«

»Mit wem sprichst du hier, Gustav?« sagte der alte Lanbek, der beinahe in demselben Augenblick herantrat. »Deine Schwestern behaupten, du unterhieltest dich hier unten mit einem Frauenzimmer.«

»Es ist der Minister,« antwortete Gustav beinahe atemlos.

»Gehorsamer Diener,« sprach der Alte trocken; »ich habe zwar nicht das Vergnügen, Ew. Exzellenz zu sehen in dieser Dunkelheit, aber ich nehme Gelegenheit, meinen gehorsamsten Dank von wegen der Erhebung meines Sohnes abzustatten; bin auch sehr scharmiert, daß Sie so treue Nachbarschaft mit meinem Gustav halten.«

»Man irrt sich,« erwiderte Süß, heiser lachend, »wenn man glaubt, ich bemühe mich, mit dem Herrn Sohn im Dunkeln über den Zaun herüber zu parlieren, ich kam nur, um meine Schwester abzuholen, weil es etwas kühles Wetter ist und die Nachtluft ihr schaden könnte.«

»Mit Ihrer Schwester?« sagte der Alte streng. »Bursche, wie soll ich das verstehen, sprich!«

»Echauffieren sich doch der Herr Landschaftskonsulent nicht so sehr!« erwiderte der Jude. »Jugend hat nicht Tugend, und er macht ja nur meiner Lea in allen Ehren die Cour.«

»Schandbube!« rief der alte Mann, indem er seine Hand um den Arm seines Sohnes schlang und ihn hinwegzog. »Geh auf dein Zimmer; ich will ein Wort mit dir sprechen; und _Sie_, Jungfer Süßin, daß Sie sich nimmer einfallen läßt, mit dem Sohn eines ehrlichen Christen, mit _meinem_ Sohn ein Wort zu sprechen, und wäre Ihr Bruder König von Jerusalem, es würde meinem Hause dennoch keine Ehre sein.« Mit schwankenden unsichern Schritten führte er seinen Sohn hinweg. Lea weinte laut, aber der Minister lachte höhnisch. »~Parole d'honneur!~« rief er. »Das war eine schöne Szene; vergessen Sie übrigens nicht, Herr Expeditionsrat, daß Sie nur noch vierzehn Tage Frist zu Ihrer Werbung haben; bis dahin und von dort an werde ich mein Wort halten.«

10.

Die an Furcht grenzende Achtung des jungen Lanbek hieß ihn geduldig und ohne Murren dem Vater folgen, und langjährige Erfahrungen über den Charakter des Alten verboten ihm in diesem Augenblick, wo der Schein so auffallend gegen ihn war, sich zu entschuldigen. Der Landschaftskonsulent warf sich in seinem Zimmer in einen Armsessel und verhüllte sein Gesicht. Besorgt und ängstlich stand Gustav neben ihm und wagte nicht zu reden; aber die beiden schönen Schwestern des jungen Mannes flogen herbei, als sie die Schwäche des Vaters sahen, fragten zärtlich, was ihm fehle, suchten seine Hände vom Gesicht herabzuziehen und benetzten sie mit ihren Tränen. -- »Das ist der Bube,« rief er nach einiger Zeit, indem sein Zorn über seine körperliche Schwäche siegte; »_der_ ist es, der das Haus eures Vaters, unsern alten guten Namen, euch, ihr unschuldigen Kinder, mit Elend, Schmach und Schande bedeckte; der Judas, der Vatermörder -- denn heute hat er den Nagel in meinen Sarg geschlagen.«

»Vater! Um Gottes willen! Gustav!« riefen die Mädchen bebend, indem sie ihren bleichen Bruder scheu anblickten und sich an den alten Lanbek schmiegten.

»Ich weiß,« sagte der unglückliche junge Mann, »ich weiß, daß der Schein gegen mich --«

»Willst du schweigen!« fuhr der Konsulent mit glühenden Augen und einer drohenden Gebärde auf. »Schein? Meinst du, du könntest meine alten Augen auch wieder blenden wie damals nach dem Karneval? Nicht wahr, es wäre weit bequemer, wenn sich diese beiden Augen schon ganz geschlossen, wenn sie den alten Lanbek so tief verscharrt hätten, daß keine Kunde von der Schande seines Namens mehr zu ihm dringt. Aber verrechnet hast du dich, Elender! Enterben will ich dich; hier stehen meine lieben Kinder, du aber sollst ausgestoßen sein, meines ehrlichen Namens beraubt, verflucht --«

»Vater!« riefen seine drei Kinder mit _einer_ Stimme; die Töchter stürzten sich auf ihn und zum erstenmal wagte es Hedwig, ihre Lippen auf die geheiligten Lippen des Vaters zu legen, indem sie ihm den zum Fluch geöffneten Mund mit Küssen verschloß. Die jüngere hatte sich unwillkürlich vor Gustav gestellt, seine Hand ergriffen, als wollte sie ihn verteidigen, der junge Mann aber riß sich kräftig los; nie so als in diesem Augenblick glich sein Gesicht, sein drohendes Auge den Zügen seines Vaters, und die beengte Brust weit vorwerfend, sprach er: »Ich habe alles ertragen, was möglicherweise ein Sohn von seinem Vater ertragen darf, ich habe aber noch andere Pflichten, meine eigene Ehre muß ich wahren, und wäre es mein eigener Vater, der sie antastet. Es hätte Ihnen genügen können, wenn ich bei allem, was mir heilig ist, versichere, daß ich nicht das bin, wofür Sie mich halten. Wenn _Sie_ keinen Glauben mehr an mich haben, wenn Sie mich aufgeben, dann bleibt nichts mehr übrig. _Lebet_ wohl -- ich will euch nur noch _eine_ Schande machen.«

»Du bleibst!« rief ihm der Alte, mehr ängstlich und bebend als befehlend nach. »Meinst du, dies sei der Weg, einen gekränkten Vater zu versöhnen? Hast du so sehr Eile, mir voranzugehen, und einen Weg einzuschlagen, wo ich dich nie mehr träfe? Denn ich habe redlich und nach meinem Gewissen gelebt, dich aber und deine Absicht verstand ich wohl.«

»Aber Vater,« sprach seine jüngste Tochter mit sanfter Stimme, »wir hatten ja alle Gustav immer so lieb, und Sie selbst sagten so oft, wie tüchtig er sei; was kann er denn so Schreckliches verbrochen haben, daß Sie so hart mit ihm verfahren?«

»Das verstehst du nicht, oder ja, du kannst es verstehen: des Juden Schwester liebt er, und mit ihr und mit seinem Herrn Schwager Süß hat er sich am Gartenzaun unterhalten. Jetzt sprich! Kannst du dich entschuldigen? O, ich Tor, der ich mir einbildete, man habe ihn, um mir eine Falle zu legen, erhoben und angestellt! Seine jüdische Scharmante hat ihn zum Expeditionsrat gemacht!«

»Der Vater will mich nicht verstehen,« sprach der junge Mann mit Tränen in den Augen, »darum will ich zu euch sprechen. Euch, liebe Schwestern, will ich redlich erzählen, wie die Umstände sich verhalten, und ich glaube nicht, daß ihr mich verdammen werdet.« Die Mädchen setzten sich traurig nieder, der Alte stützte seine gefurchte Stirne auf die Hand und horchte aufmerksam zu. Gustav erzählte anfangs errötend und dann oft von Wehmut unterbrochen, wie er Lea kennen gelernt habe, wie gut und kindlich sie gewesen sei, wie gerne sie mit ihm gesprochen habe, weil sie sonst niemand hatte, mit dem sie sprechen konnte. Er wiederholte dann das Gespräch mit dem jüdischen Minister und dessen arglistige Anträge; er versicherte, daß er nie dem Gedanken an eine Verbindung mit Lea Raum gegeben habe, und daß er diesen Abend dem Minister es selbst gesagt haben würde, wäre nicht der Vater so plötzlich dazwischen gekommen.