Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 1
Part 20
»Nein!« fuhr jener gütig lächelnd fort, »dies war nur zur Abkühlung auf Euer Rendezvous veranstaltet.« Er weidete sich einige Augenblicke an der Verlegenheit des Jünglings und fuhr dann fort: »Das gute Kind, wie hat sie mich gefleht und auf den Knieen gebeten, Euch zu retten! Sie glaubte nicht anders, als Ihr seiet wegen irgend eines Kapitalverbrechens gefangen. Wie? Und habt Ihr mir gar nichts zu sagen, Herr Lanbek?«
»Ihr kanntet mich nicht,« erwiderte Gustav, »und es ist mir nun wohl begreiflich, warum Ihr so hart mit mir verfuhret; aber Leas Charakter hätte Euch wohl dafür bürgen können, daß nichts Strafbares in diesem Verhältnis liege.«
»Wirklich? ~Mort de ma vie!~« rief der Minister. »Nichts Strafbares? Meinen Sie, wenn ich etwas Strafbares in diesem Verhältnis ahnete, Sie hätten es mit einer Nacht auf der Wache abgebüßt? Bei den Gebeinen meiner Väter! Wenn ich -- auf Neuffen oder Asperg gibt es Keller und Kasematten, wo kein Mond und keine Sonne scheint, da hätte ich den Herrn Sarazenen sitzen lassen, bis er sein Schwabenalter erreicht hätte. Oder meint Ihr etwa in Eurem christlichen Hochmut, einem Israeliten gelte die Ehre seiner Familie nicht ebenso hoch als einem Nazarener?«
Der junge Mann erschrak vor dieser Drohung, denn er bedachte, daß es dem Allgewaltigen ein leichtes gewesen wäre, ihn spurlos von der Erde verschwinden zu lassen, aber sein mutiger Sinn lehnte sich auf gegen den Uebermut dieses Mannes, der seine Privatsache zu einer öffentlichen machte, und zur Wahrung seines Hausrechtes mit den Festungen des Landes drohte. »Exzellenz,« sagte er mit Blicken, vor welchen der Minister die Augen niederschlug, »wie Sie über Ihre eigene Ehre denken, weiß ich nicht, doch scheint es mir nicht sehr ehrenvoll zu sein, solche Drohungen auszustoßen. Mein Vater ist zwar nur ein geringer Mann im Vergleich mit einem so gewaltigen und hohen Herrn; aber der Landschaftskonsulent Lanbek weiß, wo man in Deutschland Gerechtigkeit findet. Wien ist nicht so fern von Stuttgart, und Euern Gnadenbrief von gestern hat der Kaiser nicht unterzeichnet; was aber die Ehre Eurer Schwester betrifft, so kann ich Euch versichern, daß sie mir nicht minder teuer ist als meine eigene.«
»Ihr habt hübsche Anlagen zu einem Landschaftskonsulenten,« sagte der Jude ruhig lächelnd; »übrigens im Vertrauen gesagt, auf den Kaiser müßt Ihr nicht zu sehr pochen; wegen eines württembergischen Schreibers fängt man in Wien mit uns keine Händel an. Aber Ihr gefallt mir, mein Schatz; ich habe Eure Arbeiten loben hören, und Köpfe wie der Eure kann man zu etwas Besserem brauchen, als Akten zu heften und Fascikel zu binden; Ihr seid Expeditionsrat mit sechshundert Gulden Besoldung, und es freut mich, daß ich der erste bin, der Euch hierzu gratuliert.«
Der junge Mann sprang von seiner Bank auf und wollte reden, aber Ueberraschung und Schrecken schlossen ihm den Mund. Hundert Gedanken kreuzten sich in seinem Kopf. Es war nicht die Freude, vier Stufen, durch welche man sich sonst lange und mühevoll schleppte, nun in einem Augenblicke übersprungen zu haben, was seine Seele füllte; es war der schreckliche Gedanke, vor der Welt für einen Günstling dieses Mannes zu gelten, vor seinem Vater, vor allen guten Männern gebrandmarkt dazustehen.
»Exzellenz!« sprach er befangen. »Ich darf, ich kann diese Gnade nicht annehmen! Bedenken Sie, was wird man sagen, so viele ältere, verdiente Männer --«
»Was da! Ich habe Euch Platz gemacht,« antwortete der Jude in befehlendem Ton, »ich habe Euch zum Rat ernannt und Ihr seid es. Keinen Dank, keine übergroße Delikatesse, ich liebe das nicht. Nun,« fuhr er gütig, beinahe zärtlich fort, »und wie steht Ihr mit meiner Lea? Ihr habt mir ja das stille blöde Kind ganz verzaubert. Fürchtet Euch nicht vor mir, junger Herr, ich bin nicht der Mann, der gerade so sehr auf Reichtum sieht; Eure Familie gehört unter die ältesten und angesehensten Bürgerfamilien, und das gilt mir in diesem Fall so viel oder mehr als Reichtum. Euer Vater wird Euch zwar nicht viel mitgeben, aber mit mir sollt Ihr zufrieden sein; fürstlich will ich meine Lea ausstatten.«
Die Felsenkeller von Neuffen und die tiefen Kasematten von Asperg wären in diesem Augenblick dem jungen Manne willkommener gewesen als diese Versicherung; er dachte an seinen stolzen Vater, an seine angesehene Familie, und so groß war die Furcht vor Schande, so tief eingewurzelt damals noch die Vorurteile gegen jene unglücklichen Kinder Abrahams, daß sie sogar seine zärtlichen Gefühle für die schöne Tochter Israels in diesem schrecklichen Augenblick übermannten. »Herr Minister!« sprach er zögernd, »Lea kann keinen wärmeren Freund als mich haben; aber ich fürchte, daß Sie dieses Gefühl falsch deuten, mit einem andern verwechseln, das -- ich möchte nicht, daß Sie mich falsch verstehen, und Lea wird Ihnen nie gesagt haben, daß ich jemals davon gesprochen hätte --«
Der stolze Mann errötete, warf seine Lippen auf, drückte die Augen beinahe zu, und an seiner Stirne begann eine Ader hoch anzuschwellen. »Was ist das?« sagte er streng. »Wie soll ich diese Redensart deuten?«
»Herr Minister,« erwiderte Gustav gefaßter, »bedenken Sie doch den Unterschied der Religion.«
»Habt Ihr diesen bedacht, Herr! als Ihr meiner Schwester diese Liebeleien in den Kopf setztet? Aber ich kann Euch darüber trösten, Lea wird Euch in dieser Hinsicht kein Hindernis geben. Ihr schweigt?« fuhr er heftiger fort, »soll ich mit Eurem Vater darüber reden, junger Mensch? War etwa meine Schwester gut genug dazu, Eure müßigen Stunden auszufüllen, zur Gattin aber wollt Ihr sie nicht? Wehe Euch, wenn Ihr so dächtet! Dich und deinen ganzen Stamm würde ich verderben! Euer Vater ist gestern eines schweren Verbrechens schuldig worden, es steht in meiner Hand, ihn zur Verantwortung zu ziehen; in Eure Hand lege ich nun das Schicksal Eures Vaters; entweder -- Ihr macht Eure Unvorsichtigkeit gegen mein Haus gut und heiratet meine Schwester, oder ich erkläre Euch öffentlich für einen Schurken und lasse den Herrn Konsulenten in Ketten legen. Vier Wochen gebe ich Euch Bedenkzeit; mein Haus steht Euch offen, Ihr könnt Eure Braut besuchen, so oft Ihr wollt; vier Wochen, versteht Ihr mich? Jetzt seid Ihr frei, und morgen, Herr Expeditionsrat, werdet Ihr Euer Amt antreten.«
Nach diesen Worten verbeugte er sich kurz und verließ stolzen Schrittes das Zimmer; dem Kapitän, den er im Vorzimmer traf, befahl er, Kleider für den Herrn Expeditionsrat herbeischaffen zu lassen und ihm seine Freiheit anzukündigen.
Staunend über diesen ganzen Vorfall, besonders über die letzten Worte des Ministers, trat Reelzingen in sein Zimmer. Er fand den Freund bleich und verstört, die Arme über die Brust gekreuzt, das Haupt kraftlos auf die Brust herabgesunken. »Nun, sag mir ums Himmels willen,« fing der Kapitän an, indem er vor Gustav stehen blieb, »was wollte er bei dir? warum ließ er dich verhaften? Was hat sein Besuch zu bedeuten?«
»Er kam, um mir zu gratulieren,« antwortete er mit sonderbarem Lächeln.
»Zu gratulieren? Wozu? Daß du eine Nacht auf der Wache zubrachtest?«
»Nein, weil ich in dieser Nacht Expeditionsrat geworden bin.«
»Du?« rief der Kapitän lachend. »Gottlob, daß du so heiter bist und scherzen kannst; als ich hereintrat und dich sah, glaubte ich dich nicht so spaßhaft zu finden; aber im Ernst, Freund, was wollte der Jude?«
»Ich sagte es ja, und es ist Ernst; zum Rat hat er mich gemacht. Ist das nicht ein schönes Avancement?«
Der Kapitän sah ihn mit zweifelhaften Blicken lange an; endlich sagte er gerührt: »Nein, du kannst nicht auch zum Schurken werden, Gustav; Gott weiß, wie dies zusammenhängen mag! Aber siehe, wenn ich dich nicht so lange und so genau kennte -- glaube mir, die Welt wird dich hart beurteilen; doch nein, du lächelst, gestehe, es ist alles Scherz. Expeditionsrat! Ebensogut könntest du seine Schwester heiraten.«
»Ei, das wird ja auch geschehen,« sagte Lanbek düster lächelnd; »in vier Wochen, meint mein Schwager, soll die Hochzeit sein.«
»Tod und Hölle!« fuhr der Kapitän auf, »mach mich nicht rasend mit diesen Antworten. Wahrhaftig, mit solchen Dingen ist nicht zu spaßen.«
»Wer sagt dir denn, daß ich spaße?« erwiderte Lanbek, indem er langsam aufstand. »Es ist alles so, wie ich sagte, auf Ehre!«
Dem Kapitän schwamm eine Träne im Auge, als er den Freund, den er geliebt hatte, also sprechen hörte; doch nur einen Augenblick gab er diesen weichern Empfindungen nach, dann trat er heftig auf den Boden, setzte seinen Hut auf und rief: »So sei der Tag verflucht, an welchem ich dich zum erstenmal sah und Bruder nannte. Geh, hilf deinem Juden, dem armen Land das Fell vollends vom Leibe ziehen, schinde dir auch ein Stück herunter und mach dich reich. O Lanbek, Lanbek! Aber mein Portepee, ja ein Jahr meines Lebens wollte ich verhandeln, um einem meiner Kameraden die Wache abzukaufen; ich selbst will die Exekution kommandieren, wenn man dich und den Juden zum Galgen führt.«
»So hoch werde ich mich wohl nicht poussieren,« erwiderte Gustav ruhig und ernst; »aber meiner Leiche kannst du folgen, wenn sie mich morgen um Mitternacht neben der Kirchhofsmauer einscharren.«
Der Kapitän sah ihn erschrocken an; er mochte tiefen Ernst auf der Stirne des jungen Mannes lesen, denn er wiederholte diesen Blick und begegnete Gustavs Auge. »Willst du mich fünf Minuten lang anhören, Reelzingen?« fragte er. »Du wirst dann über die Uneigennützigkeit dieses Ministers staunen. Sonst war doch der Preis einer Amtei zweitausend und ein Expeditionsrat galt seine dreitausend Gulden unter Brüdern; aber ich Glückskind bekomme ihn umsonst, rein ~pour rien~! Denn das Glück meines Lebens, die Ruhe meiner Familie, der heitere Frieden meines Vaters -- daß diese bei dem Handel verloren gehen, ist ja gering zu achten. Doch höre.«
Staunend vernahm der Kapitän diese Worte; aufmerksam setzte er sich neben Gustav nieder. Je höher der Glaube an seinen Freund während seiner Erzählung stieg, desto ängstlicher wurde er für ihn und seine Familie besorgt. Er schloß ihn in seine Arme, er versuchte es, ihm Trost einzusprechen, obgleich er selbst an diese Trostgründe nicht glaubte. »Der Jude ist ein feiner Spieler,« sagte er, »deine besten Tarocks hat er dir abgejagt und das Spiel scheint in seiner Hand zu liegen; aber -- er könnte sich verrechnet haben, wir wollen sehen, wie er beschlagen ist, wenn wir -- Spadi anspielen.«
7.
Wir führen unsere Leser aus dem Offizierszimmer der Hauptwache in Stuttgart nach dem Hause des Landschaftskonsulenten Lanbek. In einem weiten, geräumigen Zimmer, dessen Hausrat nicht überladen und prächtig, aber solid und stattlich ist, finden wir einen ältlichen Mann von mehr als mittlerer Größe. Sein Gesicht und seine Gestalt beweisen, daß er, als er in den Fünfzigen stand, wohlbeleibt gewesen sein mochte, jetzt, zehn Jahre später, hatten sich Falten um Mund und Stirne gelegt, und der weite Schlafrock von feinem grünen Tuch, mit Pelz verbrämt, war für eine reichliche Fülle gefertigt und schlug jetzt weite Falten um den Leib; aber die rötlichen Wangen, die klaren grauen Augen, der feste Schritt, womit er im Zimmer auf und ab ging, ließen, noch ehe man seine volle, sonore Stimme vernahm, ahnen, daß der alte Konsulent an Geist und Körper noch frisch und rüstig sei.
In der Vertiefung des breiten Fensters saßen zwei schöne Mädchen von achtzehn bis zwanzig Jahren, die dem Alten, so oft er ihnen den Rücken wandte, besorglich und ängstlich nachschauten, wohl auch untereinander flüsterten, so lange sie von ihm nicht gesehen wurden. Die eine war bemüht, des Vaters ungeheure Allongeperücke in Ordnung zu bringen, und trotz dem Kummer, der aus ihren Blicken sprach, schien sie doch Freude an dem schönen Kontrast zu finden, welchen die schwarzen Locken dieses Haargebäudes mit ihren zarten, weißen Händchen bildeten. Die dunkelblauen Augen der andern jungen Dame schienen mehr mit der Straße als mit der feinen Arbeit, an welcher sie nähte, beschäftigt, doch waren ihre Züge zu ernst, als daß man es müßiger Neugier hätte zuschreiben dürfen.
Sie hatten mehrere Minuten lang geschwiegen, denn die Mädchen waren viel zu streng erzogen, als daß sie den Vater, der seinen Gedanken nachhing, mit Fragen belästigt hätten; plötzlich sprang die junge Nähterin auf, ließ ihre schöne Arbeit zu Boden fallen, beugte den schlanken Hals näher ans Fenster und sah gespannt nach der Straße. Der Vater sah diese Bewegungen, hielt seine Schritte an, blickte aufmerksam nach seiner Tochter und fragte nur mit Blicken; Käthchen, die jüngere Schwester, vollendete schnell noch eine Stirnlocke der Perücke, setzte dann das Prachtwerk behutsam auf eine Kommode und kam eben noch zeitig an, um mit Hedwig zu rufen: »Er ist's, er hat heraufgesehen, Vater; er geht sehr schnell; sieh doch, was er für einen sonderbaren Rock anhat!«
»Das ist Blankenbergs Jagdkleid;« sagte Hedwig leise zu ihrer Schwester.
»Geh doch, was weißt du von Blankenbergs Garderobe?« erwiderte die jüngere, bedeutungsvoll lächelnd.
»Er hat Gustav schon oft in diesem Kleid besucht,« antwortete sie, indem eine dunkle Röte über ihre Wangen flog.
Die Ankunft Gustavs verhinderte seine jüngere Schwester, Hedwig nach ihrer Gewohnheit noch länger zu quälen. Der Vater sah noch ernster aus als vorhin, er hatte sich in seinen Lehnstuhl gesetzt und die strengen Augen auf die Türe geheftet; bang und ängstlich pochte den Schwestern das Herz, als jetzt die Türe aufging und ihr Bruder hereintrat. -- Nach dem ersten »Guten Morgen« trat für alle drei Parteien eine peinliche Pause ein; endlich trat der Sohn bescheiden zum Vater. »Sie haben mich wohl diesen Morgen vermißt, Vater?« fragte er. »Es ist allerdings ein seltener Fall in unserm Hause, und Sie wurden vielleicht besorgt um mich.«
»Das nicht,« antwortete der Alte sehr ernst; »du bist alt genug, um nicht verloren zu gehen; aber zweierlei ist mir aufgefallen, nämlich, daß man dich nur eine Stunde auf dem Karneval sah, und daß du diese Nacht und ihre Lustbarkeiten so unregelmäßig lang bis morgens neun Uhr ausdehnst; du solltest schon seit einer halben Stunde in deiner Kanzlei sein.«
»Ich bin heute dort entschuldigt,« sagte Gustav lächelnd; »ich habe auch seit heute früh ein Uhr so schrecklich geschwärmt und so unordentlich gelebt, daß es kein Wunder ist, wenn man so spät zu Hause kommt; ratet einmal ihr Mädchen, wo ich gewesen bin!«
Die Schwestern sahen ihn unwillig an, denn sie befürchteten mit Recht, dieser leichtfertige Ton möchte dem alten Herrn mißfallen. »Wie können wir dies wissen?« erwiderte Hedwig. »Ich habe nie danach gefragt, wo du dich mit deinen Kameraden umtreibst; doch heute, Bruder, bist du mir ein Rätsel.«
»Und in einem Lustschloß bin ich gewesen,« fuhr der junge Mann fort, »wo weder ihr beide noch Papa jemals waren; ihr erratet es doch nie -- auf der Wache.«
»Auf der Wache!« riefen die Schwestern entsetzt.
»Das ist mir sehr unangenehm, Gustav,« setzte der Landschaftskonsulent hinzu; »meines Wissens bist du der erste Lanbek, den man auf die Wache setzte.«
»Mir ist es doppelt unangenehm,« antwortete sein Sohn, indem er den Vater fest anblickte, »weil es im Grunde eine Namensverwechslung zu sein scheint; denn meines Wissens bin nicht _ich_ jener Lanbek, der die Szene an dem Tisch des Juden aufführte.«
Der Alte sah ihn bleich und betroffen an. »Gehet ins Nebenzimmer, Mädchen!« rief er, und als sich die Schwestern staunend, aber schnell und gehorsam zurückgezogen hatten, faßte er die Hand seines Sohnes, zog ihn auf einen Stuhl neben sich nieder und fragte hastig, aber mit leiser Stimme: »Was ist das? Woher weißt du? Wer sagt dir davon?«
»Er selbst,« antwortete der Sohn.
»Der Jude?« fragte der Alte. »Wie ist dies möglich?«
»Er war bei mir auf der Wache; ich sehe, wie Sie staunen, Vater, aber bereiten Sie sich auf noch wunderlichere Dinge vor.« Der junge Mann hielt es für das beste, seinem Vater soviel als möglich zu entdecken; er erzählte ihm also, wie aufgebracht der Minister auf den Konsulenten und seine Partei sei, wie der Sohn ihm widersprochen, wie der Minister, statt in heftigeren Zorn zu geraten, ihn plötzlich zum Expeditionsrat ernannt habe. Nur Leas erwähnte er mit keiner Silbe, der Kapitän hatte ihm dies geraten, und er beschloß, davon zu schweigen, bis er seine Maßregeln getroffen hätte oder die Entdeckung des unglücklichen Verhältnisses unvermeidlich wäre.
»Ich sehe, was ich sehe,« sprach der Konsulent nach einigem Nachdenken. »Meinst du, wenn er uns nicht gefürchtet hätte, er würde mich geschont und dich dafür ergriffen haben, um mich gleichsam durch seine Gnade zu beschämen? Er hat mich gefürchtet, und er hat alle Ursache dazu. Ich bin ihm zu populär, und auch du wirst ihm nach und nach zu bekannt mit den hiesigen Bürgern, weil du jetzt statt meiner die Armenprozesse führst. Der Expeditionsrat ist -- _eine Falle_, die er uns beiden legen wollte, der kluge Fuchs.«
»Wie verstehen Sie dies, Papa?« fragte Gustav, dem es leichter ums Herz wurde, seit er ahnte, wie sein Vater die Sache aufnehme.
»Sieh, Freund,« sprach der Alte zutraulicher, als er je getan, »du wirst das Opfer dieser Kabale; aber so wahr ich dein Vater bin, du sollst es nicht lange sein. Dieser Jude denkt aber also: Verwehre ich dir, diese Stelle anzunehmen, weil du dadurch in übeln Geruch kommen könntest, so macht er es zu seiner Ehrensache, beklagt sich beim Herrn und ergreift die einzige Gelegenheit, die sich bot, mich zu zwingen, auch _mein_ Amt aufzugeben. Er kennt mich, er weiß, daß er so wenig als der Herzog mich absetzen kann, er weiß auch, wer der alte Lanbek ist, nämlich -- sein Feind. Nehmen wir die Stelle an, kalkulierte er weiter, so werden wir verdächtig bei allen, die das Bessere wollen. Der Vater, Konsulent der Landschaft, würde man denken, der Sohn -- Expeditionsrat; gekauft hat ihm der Alte die Stelle nicht und der Süß gibt bekanntlich nichts ohne großen Gewinn an Geld oder geheimem Einfluß, folglich -- sind wir übergetreten zu dem Gewaltigen. So, glaubt er, werden die Leute urteilen, und er hat es recht klug gemacht, aber er kennt mich nicht ganz; noch weiß ich, gottlob! ein Mittel, uns das Vertrauen der Besseren zu erhalten, und du -- wirst und bleibst Expeditionsrat; ändern sich die Verhältnisse, so wirst du wieder Aktuarius und die Menschen erkennen dann deine Unschuld.«
»Aber Vater!« sagte der junge Mann zaudernd. »_Ihr_ Ruf ist felsenfest, aber der _meinige_? Wie lange wird es noch anstehen, bis die Verhältnisse sich ändern!«
»Sohn!« erwiderte der Alte nicht ohne Rührung. »Du siehst, wie dieses schöne Land bis in sein innerstes Mark zerrüttet ist; meinst du, es könne immer so fortgehen? -- Glaube mir, ehe der Frühling ins Land kommt, _muß_ es anders werden; schlechter kann es nimmer werden, aber besser. Darum glaube mir und vertraue auf Gott!«
8.
Während der alte Lanbek noch so sprach und seinem Sohn Mut einzureden suchte, wurde die Hausglocke heftig angezogen, und bald darauf trat ein Offizier in das Zimmer, dem der Konsulent freundlich entgegeneilte. Wenn man das dunkelrote Gesicht, die freien, mutigen Züge und das kleine, aber scharfblickende Auge des Mannes sah, so konnte man die Sage von kühner Entschlossenheit und beinahe fabelhafter Tapferkeit, die er unter dem Herzog Alexander und dem Prinzen Eugenius bewiesen haben sollte, glaublich finden.
»Mein Sohn, der vormalige Aktuarius Lanbek,« sprach der Alte, »der Oberst von Röder, den du wenigstens dem Namen nach kennen wirst.«
»Wie sollte ich nicht?« erwiderte Gustav, indem er sich verbeugte; »wenn unsere Truppen von Malplaquet und Peterwardein erzählen, so hört man diesen Namen immer unter die ersten und glänzendsten zählen.«
»Zu viel Ehre für einen alten Mann, der nur seine Schuldigkeit getan,« antwortete der Oberst. »Aber Konsulent, was sagt Ihr dazu, daß der Jude jetzt auch uns ins Handwerk greift? Ich komme zu Euch eigentlich nur, um zu fragen: soll ich, oder soll ich nicht?«
»Wie soll ich das verstehen?« fragte der Konsulent staunend; »Röder, nur jetzt keinen übereilten Streich!«
»Das ist es eben!« rief jener auf den Boden stampfend, »meine Ehre und die Ehre des ganzen Korps ist gekränkt! einen meiner talentvollsten Offiziere sollte ich nach Fug und Recht kassieren lassen um dieses Hundes willen, und tu' ich's, so bin ich morgen selbst außer Dienst.«
»Aber so sprecht doch, Oberst!« sagte der Alte, indem er seinem Sohn winkte, Stühle zu setzen, »setzt Euch, Ihr seid noch in der ersten Hitze.«
»Mein Regiment hat gestern und heute den Dienst,« fuhr jener eifrig fort; »da bringt man nun gestern nacht von der Redoute weg einen Menschen auf unsere Wache, mit dem ausdrücklichen Befehl vom Juden, ihn wohl zu bewachen, aber keinen weitern Rapport abzustatten; heute früh zieht der Kapitän Reelzingen auf, findet einen Gefangenen im Offizierszimmer, von welchem nichts im Rapport steht, und denkt Euch -- nach einer halben Stunde kommt der Minister selbst, schickt den Kapitän aus dem Zimmer, verhört auf unserer Wache den Gefangenen insgeheim, entläßt ihn dann und _befiehlt_ dem Kapitän noch einmal, keinen Rapport abzustatten und -- nimmt ihm das Ehrenwort ab -- er einem Offizier auf der Wache -- nimmt ihm das Wort ab, den Namen des Gefangenen nicht zu nennen; dahin also ist es gekommen, daß jeder Schreiber oder gar ein hergelaufener Jude uns kommandiert? Nach Kriegsrecht muß ich den Kapitän kassieren lassen; meine Ehre fordert, daß ich es nicht dulde, denn ich hatte den Dienst, und ich muß mich rühren, sollte es mich auch meine Stelle kosten.«
Die beiden Lanbek hatten sich während der heftigen Rede des Obersten bedeutungsvolle Blicke zugeworfen. »Der Jude ist listiger, als wir dachten,« sagte, als jener geendet hatte, der Vater; »also auch auf den Oberst war es abgesehen, auch für ihn war die Falle aufgestellt! Wer meint Ihr wohl, daß der Gefangene war? Da, seht ihn, mein leiblicher Sohn saß heute nacht auf Eurer Wache!«
Der Oberst fuhr staunend zurück, und so groß war der Unmut über den Eingriff in seine militärischen Rechte, daß er sich nicht enthalten konnte, einen unwilligen, finstern Blick auf den jungen Mann zu werfen. Als aber der alte Lanbek fortfuhr und ihm erzählte, wie er selbst eigentlich die Ursache dieses Vorfalls gewesen, und wie alles andere so sonderbar gekommen sei, als er ihm den arglistigen Plan des Ministers näher auseinandersetzte, da sprang Herr von Röder von seinem Stuhl auf. »Wohlan, Alter!« sagte er mit bewegter Stimme zu dem Konsulenten, »daß er _mich_ verfolgt und haßt, hat am Ende nichts zu bedeuten, und daran ist nur der General Römchingen schuld, der mich nie leiden konnte; aber über _dir_ soll er den Hals brechen, oder ich will nicht selig werden! Herr Aktuarius! Die Stelle müßt Ihr annehmen, das ist jetzt keine Frage mehr! Denn Euer Vater darf jetzt nicht von seinem Amt kommen, oder Verfassung und Religion stehen auf dem Spiel. Aber zum Herzog will ich gehen, will sprechen, und sollt' es mich mein Leben kosten.«
»Das werdet Ihr _nicht_ tun, Oberst!« sagte der Alte mit Nachdruck und Ernst. »Leset diesen Brief, den man uns aus Würzburg schickt, und sagt mir dann, ob Ihr noch waget, zum Herzog zu gehen und zu sprechen.« Der Oberst nahm aus seiner Hand ein Schreiben und fing an zu lesen; doch je weiter er las, desto bestürzter wurden seine Züge, bis er staunend, aber mit zornsprühenden Augen den Alten anblickte und die Arme sinken ließ.