Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 1
Part 19
»Wahrlich,« rief er, »du gleichst der Zauberin Armida, und so denke ich mir die Töchter deines Stammes, als ihr noch Kanaan bewohntet. So war Rebekka und die Tochter Jephthas.«
»Wie oft schon habe ich dies gesagt,« bemerkte Sara, »wenn ich mein Kind, meine Lea in ihrer Pracht anblickte; die Poschen und Reifröcke, die hohen Absatzschuhe und alle Modewaren stehen ihr bei weitem nicht wie diese Tracht.«
»Du hast recht, gute Sara,« erwiderte der junge Mann; »doch setze dich hier an den Tisch; du hast zu lange unter Christen gelebt, um vor diesem Punsch und diesem Backwerke zurückzuschaudern; unterhalte dich gut mit diesen Dingen.«
Sara, welche den Sinn und die Weise des Nachbars kannte, sträubte sich nicht lange und erbarmte sich über die Kunstprodukte der Zuckerbäcker; der junge Mann aber setzte sich einige Schritte vor ihr neben die schöne Lea. »Und nun aufrichtig, Mädchen,« sagte er, »du hast Kummer, du hast gestern kaum das Weinen unterdrückt, und auch heute wieder ist eine Wolke auf dieser Stirne, die ich so gern zerstreuen möchte. Oder glaubst du etwa nicht, ungläubiges Kind, daß ich dein Freund bin und gern alles tun möchte, um dich aufzuheitern?«
»Ich weiß es ja, o, ich sehe es ja immer und auch heute wieder,« sagte sie, mühsam ihre Tränen bekämpfend, »und es macht mich ja glücklich. Als Sie mich das erste Mal an unserem Gartenzaun grüßten, als Sie nachher, es war Anfang Oktober, mit mir über den Zaun hinübersprachen, und nachher und immer so freundlich und traulich waren, gar nicht wie andere Christen gegen uns, da wußte ich ja wohl, daß Sie es gut mit mir meinen, und -- es ist ja mein einziges, mein stilles Glück!« Sie sagte es, und einzelne Tränen stahlen sich aus den schönen Augen, indem sie sich bemühte, ihn freundlich und lächelnd anzusehen.
»Aber dennoch --« fragte Gustav.
»Aber dennoch bin ich nicht glücklich, nicht ganz glücklich. In Frankfurt hatte ich meine Gespielinnen, hatte meine eigene Welt, wollte nichts von der übrigen. Ich dachte nicht nach über unsere Verhältnisse, es kränkte mich nicht, daß uns die Christen nicht achteten, ich saß in meinem Stübchen unter Freunden, und wollte nichts von allem, was draußen war. Mein Bruder ließ mich zu sich nach Stuttgart bringen. Man sagte mir, er sei ein großer Herr geworden, er regiere ein Land, in seinem Hause sei es herrlich und voll Freude, und die Christen leben mit ihm, wie wir unter uns; ich gestehe, es freute mich, wenn meine Freundinnen meine Zukunft so glänzend ausmalten; welches Mädchen hätte sich an meiner Stelle nicht gefreut?«
Tränen unterbrachen sie aufs neue, und der junge Mann, voll Mitleid mit ihrem Kummer, fühlte, daß es besser sei, ihre Tränen einige Augenblicke strömen zu lassen. Es gibt ein Gefühl in der menschlichen Brust, das wehmütiger macht als jeder andere Kummer; ich möchte es Mitleiden mit uns selbst heißen, es übermannt uns, wenn wir am Grabe zerstörter Hoffnungen in die Tage zurückgehen, wo diese Hoffnungen noch blühten, wenn wir die fröhlichen Gedanken zurückrufen, mit welchen wir einer heiteren Zukunft entgegengingen; wahrlich, dieser bittere Kontrast hat wohl schon stärkere Herzen in Wehmut aufgelöst als das Herz der schönen Jüdin.
»Ich habe alles anders gefunden,« fuhr Lea nach einer Weile fort. »In meines Bruders Hause bin ich einsamer als in meiner Kindheit. Ich darf nicht kommen, wenn er Bälle und große Tafeln gibt. Die Musik tönt in mein einsames Zimmer, man schickt mir Kuchen und süße Weine wie einem Kinde, das noch nicht alt genug ist, um in Gesellschaft zu gehen. Und wenn ich meinen Bruder bitte, mich doch auch einmal, nur in seinem Hause wenigstens, teilnehmen zu lassen, so schlägt er es entweder ganz kalt ab, oder wenn er gerade in sonderbarer Laune war, erschreckte er mich durch seine Antwort.«
»Was antwortete er denn?« fragte der Jüngling gespannt.
»Er sieht mich dann lange und seufzend an, seine Augen werden trüber, seine Züge düster und melancholisch, und er antwortet: Ich dürfe nicht auch verloren gehen; ich solle unablässig zu dem Gott unserer Väter beten, daß er mich fromm und rein erhalte, auf daß meine Seele ein reines Opfer werde für _seine_ Seele.«
»Törichter Aberglaube!« rief der junge Mann unmutig. »Darum also sollst du, armes Kind, allen Freuden des Lebens entsagen, damit er --«
»Hat er sich denn so arg versündigt?« fragte Lea, als ihr Freund, wie bei einer unbesonnenen Rede, schnell abbrach. »Was soll ich denn büßen? Solche hingeworfenen Worte machen mich so unglücklich: es ist mir, als schwebe irgend ein Unglück über meinem Bruder, auch sei nicht alles recht, was er tut. Niemand steht mir darüber Rede, auch Saras Worte kann ich nicht deuten, denn wenn ich sie darüber befrage, weicht sie aus oder nennt ihn geheimnisvoll den Rächer unseres Volkes.«
»Sie ist nicht klug,« erwiderte der junge Mann befangen; »dein Bruder hat, wie es überall geht, eine mächtige Gegenpartei; manche seiner Finanzoperationen werden getadelt. Aber wegen seiner darfst du ruhig schlafen,« setzte er bitter lachend hinzu, »der Herzog hat ihm heute einen Freibrief geschenkt, der ihn vor jeder Gefahr und Verantwortung sichert.«
»O, wie danke ich dies dem guten Herzog!« sagte sie aufgeheitert, indem sie die dunklen Locken aus der weißen Stirne strich. »So hat er also gar niemand zu fürchten? Die Christen können ihn nicht verfolgen? -- Sie antworten nicht? Gestehen Sie nur, Gustav, Sie sind meinem armen Bruder gram?«
»Deinem _armen_ Bruder? -- Wenn er arm wäre, könnte ich ihn vielleicht um seines Verstandes willen ehren! Aber was geht uns dein Bruder an,« fuhr Lanbek düster lächelnd fort; »ich liebe dich, und hättest du alle bösen Engel zu Brüdern; aber _eines_ versprich mir, Lea, die Hand darauf.«
Sie sah ihn erwartungsvoll und zärtlich an, indem sie ihre Hand in die seinige legte.
»Bitte deinen Bruder niemals wieder,« fuhr er fort, »dich zu seinen Zirkeln zuzulassen. Mag er nun Gründe haben, welche er will, es ist gut, wenn du nicht dort bist. So viel kann ich dir versichern,« setzte er mit blitzenden Augen hinzu, »wenn ich wüßte, daß du ein einzigesmal dort gewesen, kein Wort mehr würde ich mit dir sprechen!«
Befangen und mit Tränen im Auge wollte sie eben um Aufschluß über dieses neue Rätsel bitten, als ein lauter Zank im Nebenzimmer die Liebenden aufstörte. Mehrere Männer schienen mit der Polizei sich zu streiten, man hatte die Türe des Kabinetts gesprengt, und über diesen Eingriff in die Rechte des Karnevals wurde schnell und mit Heftigkeit gestritten.
»Mein Gott! das ist meines Vaters Stimme,« rief der junge Lanbek, »schleiche dich mit Sara in den Saal, Mädchen; nehmet den Schlüssel dieser Türe zu euch, vielleicht können wir später uns wiedersehen.« Er drückte der überraschten Lea schnell einen Kuß auf die Stirne, nahm seine Maske vor, und noch ehe sie sich über diesen schnellen Wechsel besinnen konnte, war der Aktuarius schon aus der Tür gestürzt. Im Korridor, den er jetzt betrat, stand schon eine dichte Menschenmasse um die geöffnete Tür des Nebenzimmers versammelt. Deutlicher vernahm er die gewichtige, tiefe Stimme seines Vaters; er stieß und drängte sich wie ein Wütender durch und kam endlich in das Gemach. Fünf alte Herren, die ihm als ehrenwerte Männer und Freunde seines Vaters wohlbekannt waren, standen um den alten Landschaftskonsulenten Lanbek; die einen zankten, die andern suchten zu beruhigen. Es war damals eine gefährliche Sache, mit der Polizei in Streit zu geraten; sie stand unter dem besondern Schutz des jüdischen Ministers, und man erzählte sich mehrere Beispiele, daß biedere, ruhige Bürger und Beamte, vielleicht nur weil sie einem Diener dieser geheimen Polizei widersprochen oder Gewalttätigkeiten verhindert hatten, mehrere Wochen lang ins Gefängnis geworfen und nachher mit der kahlen Entschuldigung es sei aus Versehen geschehen, entlassen worden waren. Doch der alte Lanbek schien keine Furcht vor diesen Menschen zu kennen; er bestand darauf, daß die Häscher das Zimmer sogleich verlassen müßten, und es wäre vielleicht zu noch schlimmeren Händeln als einem Wortwechsel gekommen, wenn nicht in diesem Augenblick ein ganz anderer Gegenstand die Aufmerksamkeit des Anführers der Häscher auf sich gezogen hätte. Der junge Lanbek hatte sich beinahe bis an die Seite seines Vaters vorgedrängt, bereit, wenn es zu Tätlichkeiten kommen sollte, den alten Herrn kräftig zu unterstützen. Er hatte eben seine Maske fester gebunden, damit sie ihm im Handgemenge nicht verloren gehen möchte, als ihn der Polizeidiener erblickte und mit lauter Stimme, indem er auf ihn deutete, rief: »Im Namen des Herzogs, diesen greift, den Türken dort, der ist der Rechte!«
Die Ueberraschung und sechs Arme, die sich plötzlich um ihn schlangen, machten ihn wehrlos. So nahe seinem Vater, der ihn hätte retten können, wagte er doch nicht, sich auch nur durch einen Laut zu erkennen zu geben, weil er den Zorn seines Vaters noch mehr fürchtete als die Gewalt des Juden.
Die alten Herren waren stumm vor Staunen über diesen Vorfall, der Anführer der Häscher wurde, als er seinen Zweck erreicht hatte, artiger und entschuldigte sich, worauf jene kalt und abgemessen dankten. Willenlos ließ sich der junge Mann dahinführen. Die Menge, die sich vor der Tür versammelt hatte, teilte sich, aber manche schauten ihm neugierig in die Augen, um zu erraten, wer es sein möchte, den man hier mitten aus der öffentlichen Lust herausriß. Gustav hörte, als er weiter hingeführt wurde, einen schwachen Schrei; er sah sich um, und beim schwachen Schein der Lampen glaubte er, den Turban der schönen Orientalin gesehen zu haben. Schmerzlich bewegt ging er weiter, und erst, als die kalte Winternacht schneidend auf ihn zuwehte, erwachte er aus seiner Betäubung und übersah nicht ohne Besorgnis die Folgen, die seine Gefangennehmung haben könnte.
5.
Die Polizeidiener hatten den Sarazenen, wahrscheinlich aus Rücksicht auf seine feine und reiche Kleidung, in das Offizierszimmer der Hauptwache gebracht. Der wachhabende Offizier wies ihm mit einer mürrischen Verbeugung eine Bank, die in der fernsten Ecke des Zimmers stand, zu seiner Schlafstätte an, und ermüdet von dem langen Umherirren auf dem Ball, fand der junge Mann dieses Lager nicht zu hart, um nicht bald einzuschlafen.
Trommeln weckten ihn am nächsten Morgen; schlaftrunken sah er sich in dem öden Gemach um, blickte bald auf sein hartes Lager, bald auf seine Kleidung, und nach einer geraumen Weile erst konnte er sich besinnen, wo er sei und wie er hierhergekommen. Er trat ans Fenster, noch war alles still auf dem Platze vor der Hauptwache, und nur die Kompagnie, die gerade vor seinem Fenster zur Ablösung aufzog, unterbrach die Stille des trüben Februarmorgens. Indem die Trommeln auf der Straße schwiegen, hörte er von der Stiftskirche acht Uhr schlagen, und der Ton dieser Glocke rief ihm alles Unangenehme und Besorgliche seiner Lage zurück. »Bald wird er nach dir fragen,« dachte er, »und wie unangenehm wird es ihn überraschen, wenn er hört, ich sei in der Nacht nicht zu Hause gekommen!« --
Im Hause des alten Landschaftskonsulenten Lanbek ging alles einen so geordneten Gang, daß dieses Ereignis allerdings sehr störend erscheinen mußte. Zu dieser Stunde pflegte der alte Herr, seit vielen Jahren, sein Frühstück zu nehmen; mit dem ersten Glockenschlag erschien dann, zugleich mit dem Diener, der den Kaffee auftrug, sein Sohn; man besprach sich über Tagesneuigkeiten, über den Gang der Geschäfte, und zu jener Zeit ließ es der allgewaltige Minister nicht an Stoff zu solchen Gesprächen fehlen. Das Gespräch war regelmäßig mit dem Frühstück zu Ende; der Aktuarius küßte dem Alten die Hand und ging dann, einen Tag wie den andern, ein Viertel vor neun Uhr nach seiner Kanzlei. Diese langjährige Sitte des Hauses rief sich Gustav in diesen Augenblicken zurück. »Jetzt wird Johann die Tassen bringen,« sagte er zu sich, »jetzt wird er erwartungsvoll nach der Türe sehen, weil ich noch nicht eingetreten bin, jetzt wird er mich rufen lassen; daß ich doch dem guten alten Herrn solchen Aerger bereiten mußte!« Er warf unwillig seinen Turban weg, stützte die Stirne in die Hand, und beschloß, den Offizier, sobald er wieder erscheinen würde, um die Ursache seiner Verhaftung zu fragen.
Die Trommeln ertönten wieder, die Abgelösten zogen weiter, er hörte die Gewehre zusammenstellen und bald darauf trat ein Offizier in das halbdunkle Gemach. Er warf einen flüchtigen Blick nach seinem Gefangenen in der Ecke, legte Hut und Degen auf den Tisch und setzte sich nieder. Lanbek, der jenen nicht zuerst anreden mochte, bewegte sich, um anzudeuten, daß er nicht mehr schlafe. »~Bonjour~, mein Herr,« sagte der Offizier, als er ihn sah, »wollen Sie vielleicht mein Dejeuner mit mir teilen?«
Die Stimme schien Gustav bekannt; er stand auf, trat höflich grüßend näher, und mit einem Ausruf des Staunens standen sich die beiden jungen Männer gegenüber. »~Parole d'honneur~, Herr Bruder!« rief der Kapitän von Reelzingen, »_dich_ hätte ich hier nicht gesucht! Wie kommst du in Arrest? Weiß Gott, Blankenberg hat nicht unrecht, als er prätendierte, du werdest irgend etwas ~contra rationem~ riskieren.«
»Ich möchte dich fragen, Kapitän,« entgegnete der junge Mann, »warum ich hier sitze? Mir hat kein Mensch den Grund angegeben, warum man mich gefangen nehme; du hast die Wache, Reelzingen; bitte dich, du mußt doch wissen --«
»~Dieu me garde!~ Ich?« rief der Kapitän lächelnd. »Meinst du, er habe mich mit seiner besondern Aestimation beehrt und in seine Konfidenz gezogen? Nein, Herr Bruder! Als ich ablöste, sagte mir der Leutnant von gestern: ›Oben sitzt einer, den sie vom Karneval auf ausdrücklichen Befehl hergebracht haben.‹ Er pflegt es gewöhnlich so zu machen.«
»Wer pflegt es so zu machen?« fragte Lanbek erblassend.
»Wer?« erwiderte jener leise flüsternd; »dein Schwager ~in spe~, der Jude.«
»Wie?« fuhr jener errötend fort, »du glaubst, er selbst? Ich hoffte bisher, es sei vielleicht eine Verwechslung vorgefallen! Du hast wohl von dem Auftritte gehört, der, bald nachdem ich euch verlassen hatte, mit dem Juden vorfiel, man rief etwas von Katholischwerden, und da fuhr der Finanzminister auf --«
»Was sagst du?« unterbrach ihn der Kapitän mit ernster Miene, indem er näher zu dem Freund trat und seine Hand faßte. »Das war es also? Uns hat man es anders erzählt; wie ging es zu? Was hat man gerufen?«
Den Aktuarius befremdete der Ernst, den er auf den Zügen des sonst so fröhlichen und sorglosen Freundes las, nicht wenig; er erzählte den Vorfall, wie er ihn mit angesehen hatte, und sah, wie sich die Neugierde des Freundes mehr und mehr steigerte, wie seine Blicke feuriger wurden; als er aber beschrieb, wie Süß nach jenem geheimnisvollen Ausruf wütend geworden, aufgesprungen sei, da fühlte er die Hand des Kapitäns auf sonderbare Weise in der seinigen zucken. »Was bewegt dich so sehr?« fragte Gustav befremdet. »Wie nimmst du nur an solchen Karnevalsscherzen, die am Ende auf irgend eine Torheit hinauslaufen, solchen Anteil? Wenn ich nicht wüßte, daß du evangelisch bist, ich glaubte, mein Bericht habe dich beleidigt.«
»Herr Bruder,« erwiderte der Kapitän, indem er seinen Ernst hinter einem gleichgültigen Lächeln zu verbergen suchte, »du kennst mich ja, mich interessiert alles auf der Welt, und ich bin erstaunlich neugierig; überdies ist manches ernster, als man glaubt, und im Scherz liegt oft Bedeutung.«
»Wie verstehst du das?« sagte der Aktuarius verwundert. »Was macht dich so nachdenklich? Hast du wieder Schulden? Kann ich dir vielleicht mit etwas dienen?«
»Bruderherz,« entgegnete der Soldat, »du mußt in den letzten Wochen gewaltig verliebt gewesen sein, sonst wäre deinem klaren Blick manches nicht entgangen, was selbst an meinem leichten Sinn nicht vorüberschlüpfte. Sag einmal, was spricht der Papa von solchen Zeiten? Siehst du den Oberst von Röder nie bei ihm? Waren nicht am Freitagabend die Prälaten in eurem Hause?«
»Du sprichst in Rätseln, Kapitän!« antwortete der junge Mann staunend. »Was soll mein Vater mit einem Oberst von der Leibschwadron und mit Prälaten?«
»Freund, mach es kurz!« sagte Reelzingen. »Halte mich in solchen Dingen nicht für leichtsinnig; ich will mich nicht in euer Vertrauen eindrängen, aber ich kann dir sagen, daß ich dennoch schon ziemlich viel weiß, und -- ~Parole d'honneur!~« setzte er hinzu, »ich denke darüber, wie es einem Edelmann und meinem Portepee geziemt.«
»Was geht mich dein alter Adelsbrief und dein neues Portepee an?« erwiderte der Aktuar; »und wie kommst du dazu, dich mit diesen Dingen gegen mich breit zu machen? Ich sage dir, daß ich von allem, was du da so geheimnisvoll schwatzest, keine Silbe verstehe, und kann dir mein Wort darauf geben, und damit genug, Herr von Reelzingen!«
»~O mon Dieu!~« rief jener lächelnd; »Herr Bruder, wir sind nicht mehr in Leipzig, dies Zimmer ist nicht der göttliche Ratskeller, sondern eine Wachtstube; wir sind keine Musen mehr, sondern du bist herzoglicher Aktuar, und ich -- Soldat; aber Freunde sind wir noch in Not und Tod, und darum sei vernünftig und brause nicht mehr auf wie vorhin. Ich glaube dir ja aufs Wort, daß du nichts weißt, aber gut wäre es von deinem Vater gewesen, wenn er dich präveniert hätte. Deine Amour mit der Jüdin ist überdies jetzt ganz und gar nicht an der Zeit, wir alle bitten dich, laß deine Scharmante, mit der du doch niemals eine vernünftige und ehrenvolle Liaison treffen kannst --«
»Was wißt Ihr denn von diesem Verhältnis?« unterbrach ihn der junge Mann düster und erbittert. »Ich dächte, ehe ich Euch hierüber um Rat gefragt, könntet Ihr billigerweise mit Eurer Mahnung warten.«
Der feurige junge Soldat, um seinem Freunde zu nützen, wollte eben in derselben Sprache etwas erwidern, als man an der Türe pochte. Der Kapitän schloß auf, und einer seiner Sergeanten winkte ihm, herauszutreten. Gustav hörte sie einige Worte wechseln und sah den Freund bald darauf mit verstörter Miene wieder zurückkehren: »Du bekommst einen sonderbaren Besuch,« flüsterte er ihm zu, »er wird gleich selbst eintreten, und ich darf nicht zugegen sein.«
»Wer doch? Mein Vater?« fragte Gustav bestürzt.
»Er kommt,« sagte der Kapitän, indem er eilends Hut und Degen vom Tische nahm, »_der Jud Süß_!«
6.
Vor der Tür des Offizierszimmers hatten seine Diener dem Minister den spanischen Mantel abgenommen, und er trat jetzt ein, stattlich geschmückt und vornehm gekleidet, wie es einem Günstling des Glücks und eines Herzogs in damaliger Zeit zukam. Er trug einen roten Rock mit goldenen Troddeln und Quasten besetzt; die goldgestickten Aufschläge seines Rocks gingen bis zum Ellbogen zurück, und die Weste von Goldbrokat reichte herab bis an das Knie. Ein kurzer, breiter Degen mit reichbesetztem Griff hing an seiner Seite, ein mächtiger Stock unterstützte seine Hand, und auf den reichen, hellbraunen Locken, die bis tief in den Nacken herabfielen, saß ein Hütchen von feinem schwarzen Wachstuch, mit Gold und weißen Federn verbrämt. Die Züge dieses merkwürdigen Mannes waren, in der Nähe betrachtet, zwar etwas zu kühn geschnitten, um schön und anmutig zu heißen, aber sie waren edler als sein Gewerbe und ungewöhnlich; sein dunkelbraunes Auge, das frei und stolz um sich blickte, konnte sogar für schön gelten; die ganze Erscheinung imponierte, und sie hätte sogar etwas Würdiges und Erhabenes gehabt, wäre es nicht ein hämischer, feindlicher Zug um die stolz aufgeworfenen Lippen gewesen, was diesen Eindruck störte und manchen, der ihm begegnete, mit unheimlichem Grauen füllte.
Der Kapitän stand fest und aufgerichtet an der Tür, den Hut in der einen, den Degengriff in der andern Hand, als der Minister Süß eintrat. Dieser nahm sein Hütchen ab, musterte, auf seinen Stock gestützt, den Soldaten mit scharfem Blick und sagte dann kurz und mit leiser Stimme: »Wie ist der Name?«
»Hans von Reelzingen, Kapitän im zweiten Grenadierbataillon, dritte Kompagnie.«
»Man hat studiert?« fuhr der Jude etwas artiger fort.
»Die Jurisprudenz in Leipzig,« antwortete der Kapitän mit militärischer Kürze.
»Wie lange dient der Herr Kapitän?«
»Ein Jahr und zwei Monate; zuerst bei --«
»Schon gut,« unterbrach ihn der Minister mit einer gnädigen Bewegung der Hand; »können abtreten.«
Der Kapitän Reelzingen verbarg seinen Verdruß über das stolze Wesen des Emporkömmlings unter einer tiefen Verbeugung und trat ab. Dem Aktuarius aber, obgleich er keine Menschenfurcht kannte, pochte das Herz, als er nun mit dem Mann allein war, vor dem ein ganzes Land mit abergläubischer Furcht zitterte. Er errötete unwillkürlich, als jener ihn lange und prüfend ansah und ihm Gelegenheit gab, auch seine Züge zu mustern und hin und wieder etwas zu finden, das ihn an die schöne Lea erinnerte. Der Minister setzte sich endlich in den Armstuhl, den die Offiziere der Garnison zur Bequemlichkeit dieses Zimmers gestiftet hatten, und winkte dem Sarazenen herablassend, sich auf einer Bank, die unfern stand, niederzulassen.
»Junger Mann,« sprach er, »wenn Euch Eure eigene Ruhe und Wohlfahrt lieb ist, so antwortet mir auf das, was ich Euch fragen werde, offen und ehrlich; denn Ihr könnet leichtlich denken, daß es mir nicht schwer werden kann, Euch jeder Lüge, die Ihr wagtet, zu überweisen.«
»Ich bin herzoglich württembergischer Aktuar,« erwiderte der junge Mann, »und der Eid, den ich als Christ und Bürger --«
»~Laissez cela~,« fiel ihm der Jude ins Wort, »Ihr wäret nicht der erste, der seinen Eid gebrochen. Wer waren gestern, frag' ich, die beiden Masken, die sich an meinem Tisch zur Belustigung des Publikums unterhielten? Ihr wißt es, Ihr standet zunächst bei mir.«
»Das ist mir nicht bekannt, Ew. Exzellenz,« sagte Gustav mit fester Stimme.
»Nicht bekannt?« rief der Minister. »Bedenket wohl, was Ihr gesagt, ich stehe hier als Euer Richter; habt Ihr keinen an der Stimme gekannt?«
»Keinen.«
»Keinen?« fuhr jener heftiger fort. »Und Euren Vater solltet Ihr nicht an der Stimme kennen?«
»_Meinen Vater!_« rief der junge Mann erblassend; doch besonnen setzte er nach einer Weile hinzu: »Ihr irrt Euch, Herr Finanzdirektor, oder vielmehr, Ihr seid schlecht berichtet; mein Vater ist ein ruhiger, gesetzter Mann, und sein Charakter, sein Amt, seine Jahre verbieten ihm, das Publikum auf einem Maskenball zu amüsieren.«
»_Sie sollten_ es ihm verbieten,« erwiderte jener mit blitzenden Augen, »und ich werde Mittel finden, es ihm zu verbieten. Ich weiß recht wohl, daß ich diesen Herren von der Landschaft ein Dorn im Auge bin, und zwar aus dem einzigen Grund, weil die Herren nicht rechnen können; verständen sie das Einmaleins so gut wie ich, sie würden sehen, was dem Lande frommt. Noch ist aber nicht aller Tage Abend, und ich will diesen Rebellen zeigen, wer _sie_ sind und wer _ich_ bin!«
»Herr Finanzdirektor!« rief der junge Mann mit der Röte des Unmutes auf den Wangen.
»Herr Aktuarius?« erwiderte Süß mit spöttischem Lächeln.
»Mein Vater ist ein Ehrenmann,« fuhr Gustav fort, ohne sich von der stolzen Miene des Gewaltigen einschüchtern zu lassen; »Sie sprechen von Rebellen? Wie können Sie sagen, daß mein Vater dem Herzog nicht immer treu gedient hat? Wie können Sie wagen, ihn einen Rebellen zu schimpfen?«
»Wagen?« lachte Süß. »Hier ist von keiner Wagnis die Rede, Herr Aktuarius, aber Rebell ist jeder, der nur dem Land und nicht dem Herzog dient; er ist des Herzogs Diener, aber er dient ihm schlecht; doch das soll nicht lange mehr so bleiben. Das mögt Ihr übrigens dem Herrn Landschaftskonsulenten, Eurem Vater, sagen, daß ich recht wohl weiß, was die beiden Masken wollten, und daß sie es mit dem dritten abgekartet hatten; ich konnte ihn gestern nacht so gut wie Euch verhaften lassen, und wenn ich es _nicht_ tat, so verdankt er diese Schonung nur Euch!«
»Mir?« antwortete der junge Mann staunend. »Mir? Und ist dies etwa auch Schonung, daß ich, ohne ein Verbrechen begangen zu haben, diese Nacht in diesem Zimmer zubringen durfte?«