Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 1

Part 18

Chapter 183,787 wordsPublic domain

Der Glanzpunkt dieses Abends war der Moment, als die Flügeltüren aufflogen, eine erwartungsvolle Stille über der Versammlung lag, und endlich ein Mann von etwa vierzig Jahren, mit auffallenden, markierten Zügen, mit glänzenden, funkelnden Augen, die lebhaft und lauernd durch die Reihen liefen, in den Saal trat. Er trug einen weißen Domino, einen weißen Hut mit purpurroten Federn, auf welchen er die schwarze Maske nachlässig gesteckt hatte; es war nichts Prachtvolles an ihm als ein ungewöhnlich großer Solitär, welcher am Hals die purpurrote Bajute von Seidenflor, die über den Domino herabfiel, zusammenhielt. Er führte eine schlanke, zartgebaute Dame, die, in ein mit Gold und Steinen überladenes orientalisches Kostüm gekleidet, aller Augen auf sich zog.

»Der Herr Finanzdirektor, der Herr Minister,« flüsterte die Menge, als er vornehm grüßend durch die Reihen ging, die sich ihm willig öffneten; und als er in der Mitte des Hauptsaales angekommen war, begrüßten ihn Trompeten und Pauken und ein nicht unbeträchtlicher Teil der Masken klatschte ihm Beifall, während man andere wie von einem unzüchtigen Schauspiele sich abwenden sah. Aber allgemein schien die Teilnahme, womit man die schöne Orientalin betrachtete, die mit dem Minister gekommen war. Seine Lebensweise war zu bekannt, als daß nicht die meisten unter der Larve der reich geschmückten Dame eine seiner Freundinnen geahnet hätten, nur darüber schien man uneinig, welcher von diesen solche Auszeichnung zu teil geworden sei; die eine schien zu klein für diese Figur, die andere zu korpulent für diese zierliche Taille, die dritte zu schwerfällig, um so leicht und beinahe schwebend über den Boden zu gleiten, und einer vierten, bei welcher man endlich stille stehen wollte, konnte nicht dieses glänzend schwarze Haar, das in reichen Locken um den stolzen Nacken fiel, nicht dieses herrliche, dunkle Auge gehören, das man aus der Maske hervorleuchten sah.

Die Menge pflegt, wenn ihre Neugier nicht sogleich befriedigt wird, bei Gelegenheiten von so glänzender und rauschender Art, wie dieser Karneval war, nicht lange bei _einem_ Gegenstand stille zu stehen. »Wenn sie die Maske abnimmt, wird man ja sehen!« sprach man, ohne der Dame noch längere Aufmerksamkeit zu schenken, als nötig war, um zu bemerken, wie sie zum Menuett antrat. Aber drei junge Männer, die müßig hinter den Reihen der Tanzenden standen, schienen diese Erscheinung noch immer unablässig zu verfolgen.

»Wer sie nur sein mag?« rief der eine ungeduldig. »Ich wollte gern dem verzweifelten Juden fünfzig Eintrittskarten abkaufen, wenn er mir sagte, woher dieses Mädchen kommt, das er wie eine Fürstin in den Saal führte.«

»Herr Bruder!« erwiderte der zweite, indem er unter dem Sprechen kein Auge von der Orientalin abwandte: »Herr Bruder, ~Parole d'honneur~! Diese Widersprüche kann ich nicht vereinigen, und wenn ich bei Cartesius selbst die Logik samt dem ›~cogito, ergo sum~‹ studiert hätte; eine so ungewöhnliche feine Gestalt, diese Haltung, diese nach den neuesten und vornehmsten Regeln abgemessene Bewegung, diese Art, das Handgelenk rund und spielend zu bewegen, wie ich sie nur in den bedeutendsten Zirkeln zu Wien und Paris sah, dieser Anstand, womit sie den Nacken trägt --«

»Gott verdamm' mich, du hast recht, Herr Bruder!« unterbrach ihn der dritte. »Dieses alles und -- mit Süß auf den Ball zu kommen! Nein, ein solcher Kontrast ist mir in meinem Leben nicht vorgekommen!«

»Aus unserer Bekanntschaft,« fuhr der erste fort, »aus unsern Kreisen kann sie nicht sein; denn wenn es auch wahr ist, was man flüstert, daß schon mancher elende Kerl von einem Vater seine Tochter mit einer Bittschrift zum Juden schickte, so laut läßt keiner seine Schande werden, daß er sein leibliches Kind mit dieser Mazette auf den Ball schickt!«

»Bitte dich ums Himmels willen, Herr Bruder, nicht so laut, er hat überall seine Spione, und uns ist er ohnedies nicht grün; denk an deine Familie, willst du dich unglücklich machen? Aber wahr ist's, es kann kein Mädchen aus bessern Ständen sein, und doch ist ihr Wesen für eine Bürgerstochter zu anständig. Doch halt, wer ist der Sarazene, der dort auf uns zukommt? Die Farbe seines Turbans ist ja dieselbe, wie ihn die Scharmante des Juden hat!«

Die jungen Männer wandten sich um und sahen einen schlanken, schöngewachsenen Mann, der, als Sarazene gekleidet, sich durch die einfache Pracht seines Kostüms wie durch Gang und Haltung vor gemeineren Masken auszeichnete. Auch er schien die jungen Männer ins Auge gefaßt zu haben, denn er ging langsam an sie heran und zögerte, an ihnen vorüber zu schreiten.

»Was ist deine Parole?« fragte der eine der jungen Männer, der in der Maske einen Freund zu erkennen glaubte. »Hast du nur dein _Allah_ zum Feldgeschrei, oder weißt du sonst ein Sprüchlein?«

»~Gaudeamus igitur, juvenes dum sumus~,« erwiderte der Sarazene, indem er stille stand.

»Er ist's, er ist's,« riefen zwei dieser jungen Herren und schüttelten die Hand des Sarazenen. »Gut, daß wir die Parole gaben, ich hätte sonst kein Erkennungszeichen für dich gehabt, denn ich war meiner Sache so gewiß, du seiest als Bauer hier, daß ich mit dem Kapitän eine Flasche gewettet habe, du müßtest ein Bauer sein!«

»Laßt uns ans Büffet treten,« sagte der zweite, »ich habe dir hier jemand vorzustellen, Bruder Gustav, der sich auf deine Bekanntschaft freut, und du weißt, in Larven erkennt man sich schlecht.«

»Freund,« erwiderte Gustav, »ich nehme die Larve nicht ab, ich habe Gründe; so angenehm mir die Bekanntschaft dieses Herrn wäre, so muß ich sie doch bis morgen versparen.«

»Und wenn es nun Pinassa wäre, nach welchem du so oft gefragt?« antwortete jener.

»Pinassa? Mit dem du dich geschlagen? Nein, das ändert die Sache, den will ich sehen und begrüßen; aber -- meine Maske nehme ich nur auf zwei Augenblicke und im fernsten Winkel des Speisesaals ab.«

»Wir sind's zufrieden, Bruder Sarazene,« antwortete der Kapitän. »Aber laß uns nur erst an die zweite Flasche kommen, dann sollst du auch die Gründe beichten, warum du dein Angesicht nicht leuchten lassen willst vor den Freunden!«

2.

In dem Speisesaal, welchen sie wählten, waren nur wenige Menschen, denn man verkaufte hier nur ausgesuchte Weine, feine Früchte und warme Getränke, während die größeren Trinkstuben, wo Landwein, Bier und derbere Speisen zu haben waren, die größere Menge an sich zogen. In einer Ecke des Zimmers war ein Tischchen leer, wo der Sarazene, wenn er dem übrigen Teil des Saales den Rücken kehrte, ohne Gefahr, erkannt zu werden, die Maske abnehmen konnte. Sie wählten diesen Platz, und als die vollen Römer vor ihnen standen, legten die zwei jungen Krieger die Masken ab, und der Kapitän begann: »Herr Bruder, ich habe die Ehre, dir hier den unvergleichlichen Kavalier Pinassa vorzustellen, den berühmtesten Fechter seiner Zeit; denn es gelang ihm, durch eine unbesiegliche Terz-Quart-Terz, _mich_, bedenke, mich den Senior des Amicistenordens, in Leipzigs unvergeßlichem Rosenthal ~hors de combat~ zu machen. Er hat gleich mir die Musen verlassen, hat gesungen: ›Will mich Minerva nicht, so mag Bellona raten‹, und hat den alten Hieber und sein ungeheures Stichblatt, worauf er sein Frühstück zu verzehren pflegte, mit dem Paradedegen eines herzoglich württembergischen Leutnants vertauscht.«

»Der Tausch ist nicht übel, Herr von Pinassa, und mein Vaterland kann sich dazu Glück wünschen,« sagte der Sarazene, indem er sich vor dem neuen Leutnant verbeugte. »Wolltet Ihr einmal in unsern Dienst treten, so war diese Laufbahn die angenehmste. Der Zivilist hat zu dieser Zeit wenig Aussicht, wenn er nicht ein Amt für fünftausend Gulden oder für sein Gewissen und ehrlichen Namen beim Juden kaufen will. Doch diese dünnen Bretterwände haben Ohren -- stille davon, es ist doch nicht zu ändern. Wie anders sind Eure Verhältnisse! Der Herzog ist ein tapferer Herr, dem ich einen Staat von zweimalhunderttausend Kriegern gönnen möchte; für uns -- ist er zu groß. Der Krieg ist sein Vergnügen, ein Regiment im Waffenglanz seine Freude; leider fällt für uns andere selten eine müßige Stunde ab, und daher kommt es, daß diese Juden und Judenchristen das Zepter führen. Er gilt für einen großen General, er hat mit Prinz Eugen schöne Waffentaten verrichtet, und ein schlanker, junger Mann, mit einer Narbe auf der Stirne, Mut in den Blicken, wie Ihr, Herr von Pinassa, ist ihm jederzeit in seinem Heere willkommen.«

»Was der Sarazene altklug sprechen kann über Juden und Christen!« sprach der Kapitän. »Doch öffne dein Visier und zeige deine Farben, mein Kamerad soll nun auch wissen, mit wem er spricht: das ist der umsichtige, rechtskundige, fürtreffliche Herr ~Juris utriusque~ Doctor Lanbek, leiblicher Sohn des berühmten Landschaftskonsulenten Lanbek, welchem er als Aktuarius substituiert ist; ein vortrefflicher Junge, ~Parole d'honneur~, wenn er sich nicht in neuerer Zeit hin und wieder durch sonderbare Melancholie prostituierte, noch trefflicher, wenn ihm der Herr auch einen Sinn für das schöne Geschlecht eingepflanzt hätte.«

Lanbek nahm bei diesen Worten die Maske ab und zeigte dem neuen Bekannten ein errötendes Gesicht von hoher Schönheit. Unter dem Turban stahlen sich gelbe Locken hervor und umwallten kunstlos und ungepudert die Stirne. Eine kühn gebogene Nase und dunkle, tiefblaue Augen gaben seinem Gesicht einen Ausdruck von unternehmender Kraft und einen tiefen Ernst, der mit den weichen Haaren und ihrer sanften Farbe in überraschendem Widerspruch war. Doch das Strenge dieser Züge und dieser Augen milderte ein angenehmer Zug um den Mund, als er antwortete: »Ich öffne mein Visier und zeige Euch ein Gesicht, das Euch recht herzlich bei uns willkommen heißt. Ich trinke auf Euer Wohl dieses Glas, dann aber werdet Ihr entschuldigen, wenn ich aufbreche.«

»~Pro poena~ trinkst du zwei,« rief der Kapitän mit komischem Pathos, indem er einen ungeheuren Hausschlüssel aus der Tasche nahm und ihn als Zepter gegen den Sarazenen senkte. »Hast du so wenig Ehrfurcht vor deinem Senior, daß du dich erfrechst, ~in loco~ Gläser zu trinken, ohne daß sie dir ordentlich vom Präses diktiert sind? ~O tempora, o mores!~ Wo ist Zucht und Sitte dieser Füchse hin? Pinassa! Zu unserer Zeit war es doch anders!«

Die jungen Männer lachten über diese klägliche Reminiszenz des ehemaligen Amicistenseniors; der Kapitän aber faßte Lanbek schärfer ins Auge und sagte: »Herr Bruder, nimm mir's nicht übel, aber in dir steckte schon lange etwas wie ein Fieber, und heute abend ist die Krisis; ich setze meine verlorene Flasche, davon geht nichts ab, aber ich wette zehn neue; sei ehrlich, Gustav -- du warst heute abend schon als Bauer hier, und dein Alter weiß nichts vom Sarazenen.«

Gustav errötete, reichte dem Freunde die Hand und winkte ihm ein Ja zu.

»Alle Tausend!« rief der Kapitän. »Junge, was treibst du? Wer hätte das hinter dem stillen Aktuarius gesucht? Auf dem Karneval das Kostüm zu ändern! Und so ängstlich, so geheimnisvoll, so abgebrochen; willst du etwa dem Juden zu Leibe gehen?«

Der Gefragte errötete noch tiefer und nahm schnell die Maske vor; ehe er noch antworten konnte, sagte Reelzingen: »Herr Bruder, du bringst mich auf die rechte Fährte. Wo habt ihr beide, du und die Orientalin, die der Finanzdirektor führte, das Zeug zu euren Turbanen gekauft? Gustav, Gustav!« setzte er, mit einem Finger drohend, hinzu. »Du wohnst dem Juden gegenüber, ich wette, du weißt, wer die stolze Donna ist, die er führt.«

»Was weiß ich!« murmelte Lanbek unter seiner Larve.

»Nicht von der Stelle, bis du es sagst,« rief der Kapitän; »und wenn du auf deinem Trotz beharrst, so schleiche ich mich an die Orientalin und flüstere ihr ins Ohr, der Sarazene habe mich in sein Geheimnis eingeweiht.«

»Das wirst du nicht tun, wenn ich dich ernstlich bitte, es zu unterlassen,« erwiderte der junge Mann, wie es schien, sehr ernst; »wenn ich übrigens Vermutungen trauen darf, so ist es Lea Oppenheimer, des Ministers Schwester. Und nun adieu! Wenn ihr mir im Saal begegnen solltet, kennt ihr mich nicht, und Reelzingen, wenn mein Vater fragt --«

»So weiß ich nichts von dir, versteht sich,« erwiderte dieser. Der Sarazene erhob sich und ging. Die Freunde aber sahen einander an, und keiner schien zu wissen, ob er recht gehört habe, oder wie er dies alles deuten sollte. »Hat denn der Jude eine Schwester?« fragte Pinassa.

»Man sprach vor einiger Zeit davon, daß er eine Schwester zu sich genommen habe, doch hielt man sie für noch ganz jung, weil sie sich nirgends sehen läßt;« erwiderte Reelzingen nachdenklich. »Und wie er errötete, Herr Bruder, du wirst sehen, da läßt auch einmal wieder der Satan einen vernünftigen Jungen einen dummen Streich machen.«

3.

Lanbek irrte, als er die Freunde verlassen hatte, in den Sälen umher; seine Blicke gleiteten unruhig über die Menge hin, sein Gesicht glühte unter der Larve, und mühsam mußte er oft nach Atem suchen, so drückend war die Luft in dem Saale und so schwer lag Erwartung, Sehnsucht und Angst auf seinem Herzen. Dichter und stürmischer drängte sich die Menge, als er in die Mitte des zweiten Saales kam; mit Mühe schob er sich noch eine Zeitlang durch, aber endlich riß ihn unwillkürlich der Strom fort, der sich nach einer Seite hindrängte, und ehe er sich dessen versah, stand er an einem Spieltisch, wo _Süß_ mit einigen seiner Finanzräte Karten spielte. Große Haufen Goldes lagen auf dem Tische, und die neugierige Menge beobachtete den berühmtesten Mann ihres Landes und teilte sich flüsternd und murmelnd Bemerkungen mit über die ungeheuren Summen, die er, ohne eine Miene zu verändern, hingab oder gewann.

Gustav hatte den Gewaltigen noch nie so in der Nähe beobachtet wie jetzt, da er, festgehalten durch die Menge, die wie eine Mauer um ihn stand, zum unwillkürlichen Beobachter wurde. Er gestand sich, daß das Gesicht dieses Mannes von Natur schön und edel geformt sei, daß sogar seine Stirne, sein Auge durch Gewohnheit zu herrschen etwas Imponierendes bekommen haben; aber feindliche, abstoßende Falten lagen zwischen den Augenbrauen da, wo sich die freie Stirne an die schön geformte Nase anschließen wollte, das Bärtchen auf der Oberlippe konnte einen hämischen Zug um den Mund nicht verbergen; und wahrhaft greulich schien dem jungen Mann ein heiseres, gezwungenes Lachen, womit der jüdische Minister Gewinn oder Verlust begleitete.

Während die Herren, von der Menge umlagert, spielten und auf irgend etwas zu warten schienen, trat ein Mann in der Kleidung eines Bauern aus der Steinlach aus den Reihen der Neugierigen; ein alter Hut auf dem Kopf, eine grobe blaue Jacke, eine rote Weste mit großen Knöpfen von Zinn, Beinkleider von gelbem Leder und schwarze Strümpfe machten sein unscheinbares Kostüm aus; aber er trug eine sehr feine, gutgemalte Larve. Er stützte sich nach Art der Landleute mit der Hand auf den fünf Fuß hohen Knotenstock, legte sein Kinn auf die Hand und sprach in gut nachgeahmtem Dialekt des Steinlachtals: »Viel Geld habt Ihr daliegen, Herr! Und habt alles selbst verdient?«

Der Minister sah sich um und bemühte sich, über diese Maskenfreiheit zu lächeln. Vielleicht mochte ihm diese Gelegenheit erwünscht kommen, um sich ein populäres Ansehen zu geben, denn er antwortete freundlich: »Guten Abend, Landsmann.«

»Euer Landsmann bin ich gerade nicht,« erwiderte der Bauer mit großer Ruhe: »so wie ich tragen sich gewöhnlich die Mausche nicht.« Ein unterdrücktes Lachen flog durch die Reihen der Zuschauer. Der Minister schien es aber nicht zu bemerken, denn er fuhr ganz leutselig fort: »Du bist witzig, mein Freund.«

»Gott bewahr' mich, daß ich Euer Freund sei, Herr Süß,« entgegnete der Bauer. »Wär' ich Euer Freund, so ging' ich wohl nicht in dem schlechten Rock und durchlöcherten Hut; Ihr macht ja Eure Freunde reich.«

»Nun, dann muß ganz Württemberg mein Freund sein, denn ich mache es reich,« sagte Süß und begleitete seine Rede mit heiserem, unangenehmem Lachen.

»Ihr seid ein Allerweltsgoldmacher,« entgegnete der Bauer. »Wie schön diese Dukaten sind; wieviel Schweißtropfen armer Leute gehen wohl auf ein solches Goldstück?«

»Du bist ein kapitaler Kerl!« rief Süß, ganz ruhig weiter spielend.

Als der Bauer zu einer neuen Rede ansetzen wollte, zog eine neue Gestalt die Aufmerksamkeit auf sich. Es war ein Mann, dessen Kostüm beinahe ebenso war wie des Bauers, nur hatte er einen langen, spitzen Bart am Kinn, und trug einen Tressenrock. Der Bauer sah ihn eine Zeitlang verwundert an, schüttelte ihm dann die Hand und rief: »Ei Hans! Wo kommst du her, und so schmuck und stattlich! Gar nicht mehr wie unsereiner!«

»Das macht,« erwiderte Hans, indem er aus einer silbernen Dose schnupfte, »ich bin bei einem vornehmen Herrn in Dienst getreten.«

»Wer ist denn dein Herr?« fragte der Bauer.

»Ein Schinder, aber ein vornehmer. Meinst du, er schindet gemeines Vieh, Pferde, Hunde und dergleichen? Nein, ein Leuteschinder ist er und noch überdies ein Kartenfabrikant.«

»Ein Kartenfabrikant?« rief der Bauer.

»Jawohl, denn alle Karten im Lande muß man von ihm kaufen, er stempelt sie; er ist aber auch ein Gerber.«

»Wie das?«

»Nun alle Gerber im Lande müssen die Häute gegerbt von ihm kaufen; er ist aber auch ein Prägestock.«

»Wie! ein Prägestock?«

»Ja, er macht alles Geld, was im Lande ist.«

»Das ist erlogen,« sagte der Bauer, »du willst sagen, er macht alles zu Geld, was im Lande ist; aber darum ist er noch kein Prägestock. Es gibt nur _einen_ Prägestock in Württemberg, der dem Land seinen Namenszug aufgedrückt hat.«

Die Menge hatte bisher nur ihren Beifall gemurmelt, aber bei der letzten Anspielung auf die Münze brach sie in lautes Gelächter aus; die Stirne des Gewaltigen verfinsterte sich etwas, aber noch immer spielte er ruhig weiter.

»Aber warum hast du dir den Bart so spitzig wachsen lassen?« fragte der Bauer weiter. »Das sieht ja ganz jüdisch aus.«

»Es ist halt so Mode,« erwiderte Hans, »seit die Juden Meister im Lande sind; bald will ich vollends ganz jüdisch werden.«

Als Hans diese letzten Worte sprach, rief eine vernehmliche Stimme aus dem dicksten Haufen: »Warte noch ein paar Wochen, Hans, dann kannst du gut katholisch werden.«

Wem je der schreckliche Anblick wurde, wie in einer volkreichen Straße, durch Unvorsichtigkeit oder Bedacht entzündet, eine Tonne Pulvers aufspringt, dem bot sich kaum eine so seltsame Szene dar, als die, welche diese wenigen geheimnisvollen Worte hervorbrachten. Der Minister, bleich wie eine Leiche, springt vom Sessel auf, er wirft die Karten mit wütendem Blick auf den Tisch: »Wer sagt dies? Greift ihn im Namen des Herzogs!« ruft er und stürzt, wie von einer unsichtbaren Macht getrieben, auf die Menge; seine Genossen, nicht weniger bestürzt, aber besonnener, ergreifen seinen Arm und ziehen ihn zurück, suchen ihn zu beschwichtigen -- sein dunkles Auge will sich durch die Menge bohren, um den Gegenstand seiner Wut zu fassen, die Masken murmeln unwillig und drängen sich; doch als der gefürchtete Mann seine Hand nach dem Bauer ausstreckt und ruft: »So sollst du mir für ihn haften,« da ist er plötzlich von einer drohenden Menge umringt. »Maskenfreiheit, Jude!« hört man in dumpfen, gefährlichen Tönen, der Bauer und sein Geselle sind in einem Augenblick von ihm getrennt, verschwunden, und so schnell als er vorhin umringt war, ist er wieder verlassen, denn die Menge zerstiebt, von geheimer Furcht gejagt, nach allen Seiten.

Das Gedränge riß Gustav Lanbek mit sich hinweg; seine Gedanken verwirrten sich, es war ihm noch nicht möglich, sich klar vorzustellen, was diesen seltsamen Auftritt verursacht haben könnte. So stand er einige Augenblicke in seinen Gedanken verloren, als er plötzlich seine Hand von einer andern ergriffen fühlte; er sah sich um, die Orientalin stand vor ihm.

4.

»Wo stammt die Rose her auf deinem Hut, Maske?« fragte die Orientalin mit zitternder Stimme.

»Vom See Tiberias,« war die Antwort des Sarazenen.

»Schnell! Folgen Sie mir!« rief die Dame und schlüpfte durchs Gedränge. Er folgte, mit Mühe sich durch die Massen schiebend, und nur ihr Turban zeigte ihm hin und wieder den Weg; sein Herz pochte lauter, sein Ohr trug noch die letzten Laute dieser süßen Stimme, und sein Auge sah keinen andern Gegenstand mehr als sie. In einer dunkleren Ecke des zweiten Saales hielt sie an und wandte sich um. »Gustav, ich beschwöre Sie, was ist mit meinem Bruder vorgefallen? Die Menschen flüstern allenthalben seinen Namen; ich weiß nicht, was sie sagen, aber ich denke, es ist nichts Gutes; hat er Streit gehabt? Ach, ich weiß wohl, diese Menschen hassen unser Volk.«

Der junge Mann war in peinlicher Verlegenheit. Sollte er mit einemmal den arglosen Wahn dieses liebenswürdigen Geschöpfes zerstören? Sollte er ihr sagen, daß auf ihrem Bruder der Fluch der Württemberger ruhe, daß sie für alle Menschen beten, und nur ihn aus dem Gebet ausschließen, daß es zur Sitte geworden sei, zu bitten: »Herr erlöse uns von dem Uebel und von dem Juden Süß.« -- »Lea,« antwortete er sehr befangen, »Ihr Bruder wurde von einigen Masken im Spiel gestört und hatte einen Wortwechsel, der vielleicht gerade an diesem Ort auffiel, ängstigen Sie sich nicht.«

»Was bin ich doch für ein törichtes Mädchen!« sagte sie. »Ich habe so schwere Träume, und dann bin ich den Tag über so traurig und niedergeschlagen. Und so reizbar bin ich, daß mich alles erschreckt, daß ich immer gleich an meinen Bruder denke und glaube, es könnte ihm Unglück zugestoßen sein.«

»Lea,« flüsterte der junge Mann, um diese Gedanken zu zerstreuen, »erinnerst du dich, was du versprachst, wenn wir uns auf dem Karneval träfen? Wolltest du mir nicht einmal eine einsame Stunde schenken, wo wir recht viel plaudern könnten?«

»Ich will,« sagte sie nach einigem Zögern; »Sara, meine Amme, steht am Ausgang und wird mich begleiten. Doch wo?«

»Dafür ist gesorgt,« erwiderte er; »folge mir, verliere mich nicht aus dem Auge; am Eingang rechts.«

Der erfinderische Sinn des jüdischen Ministers hatte, als er den Karneval in Stuttgart arrangierte und diese Säle schnell aus Holz aufrichten ließ, dafür gesorgt, daß, wie in großen Häusern und Schlössern, an diese Säle auch kleinere Zimmer stoßen möchten, wo kleine Zirkel ein Abendessen verzehren konnten, ohne gerade im allgemeinen Speisesaal ihr Inkognito abzulegen. Der Aktuarius hatte durch eine dritte Hand und hinlängliche Bezahlung sich den Schlüssel zu einem dieser Zimmer zu verschaffen gewußt, eine kleine Kollation stand dort bereit, und Lea freute sich über diese Artigkeit des jungen Christen, der sein möglichstes getan hatte, den Sinn einer in der Küche erfahrenen Dame zu befriedigen, obgleich das Zimmerchen, das nur einen Tisch und wenige Stühle von leichtem Holz enthielt, wenig Bequemlichkeit bot.

»Wie bin ich froh, endlich die lästige Larve ablegen zu können!« sagte sie, als sie mit ihrer Amme eintrat; sie sah sich nach einem Spiegel um, und als sie nur leere Bretterwände erblickte, setzte sie lächelnd hinzu: »Sie müssen mir schon statt eines Spiegels dienen, Gustav, und sagen, ob diese drängende Menge mir den Haarputz nicht verdorben hat?«

Entzückt und mit leuchtenden Augen betrachtete der junge Mann das schöne Mädchen. Man konnte ihr Gesicht die Vollendung orientalischer Züge nennen. Dieses Ebenmaß in den feingeschnittenen Zügen, diese wundervollen dunkeln Augen, beschattet von langen, seidenen Wimpern, diese kühngewölbten, glänzend schwarzen Brauen und die dunkeln Locken, die in so angenehmem Kontrast um die weiße Stirne und den schönen Hals fielen und den Vereinigungspunkt dieser lieblichen Züge, zarte rote Lippen und die zierlichsten weißen Zähne noch mehr hervorhoben; der Turban, der sich durch ihre Locken schlang, die reichen Perlen, die den Hals umspielten, das reizende und doch so züchtige Kostüm einer türkischen Dame -- sie wirkten, verbunden mit diesen Zügen, eine solche Täuschung, daß der junge Mann eine jener herrlichen Erscheinungen zu sehen glaubte, wie sie Tasso beschreibt, wie sie die ergriffene Phantasie der Reisenden bei ihrer Heimkehr malte.