Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 1
Part 16
Der junge Mann glaubte noch immer oder aufs neue zu träumen; er sah sich mißtrauisch um, ob seine Phantasie ihn denn so ganz verführt habe, daß er in einer Traumwelt lebe; aber alle Gegenstände um ihn her, die wohlbekannte Laube, die Bank, die Bäume, das Schloß in der Ferne, alles stand noch wie zuvor, er sah, er wachte, er träumte nicht. Und diese Zeilen waren also wirklich vorhanden, waren nicht ein Traumbild seiner Phantasie? »Hat man vielleicht einen Scherz mit mir machen wollen?« fragte er sich dann; »ja gewiß; es kommt wohl alles von Josephe; vielleicht war auch jene Erscheinung nur eine Maske?« Indem er das Papier zusammenrollte, fühlte er den Ring, der in dem Briefchen verborgen gewesen, in seiner Hand. Neugierig zog er ihn hervor, betrachtete ihn und erblaßte. Nein, das wenigstens war keine Täuschung, es war derselbe Ring, den er dem Mädchen in jener Nacht gegeben, als er auf immer von ihr Abschied nahm. So sehr er im ersten Augenblick versucht war, hier an übernatürliche Dinge zu glauben, so erfüllte ihn doch der Gedanke, daß er ein Zeichen von dem geliebten Wesen habe, daß sie ihm nahe sei, mit so hohem Entzücken, daß er nicht mehr an die Worte des Briefes dachte, er zweifelte keinen Augenblick, daß er sie finden werde, er drückte den Ring an die Lippen, er stürzte aus der Laube in den Garten, und seine Blicke streiften auf allen Wegen, in allen Büschen nach der teuren Gestalt. Aber er spähte vergebens; er fragte die Arbeiter im Garten, die Diener im Schlosse, ob sie keine Fremde gesehen haben; man hatte sie nicht bemerkt; bestürzt, beinahe keiner Ueberlegung fähig, kam er zu Tische; umsonst forschte Faldner nach dem Grund seiner verstörten Blicke, umsonst fragte ihn Josephe, ob er denn vielleicht von gestern her noch so trübe gestimmt sei. »Es ist mir etwas begegnet,« antwortete er, »das ich ein Wunder nennen müßte, wenn nicht meine Vernunft sich gegen Aberglauben sträubte.«
29.
Dieser sonderbare Vorfall und die Worte des Briefchens, das er wohl zehnmal des Tages überlas, hatten den jungen Mann ganz tiefsinnig gemacht. Er fing an nachzusinnen, ob es denn möglich sei, daß überirdische Wesen in das Leben der Sterblichen eingreifen können. Wie oft hatte er über jene Schwärmer gelacht, die an Erscheinungen, an Boten aus einer andern Welt, an Schutzgeister, die den Menschen umschweben, wie an ein Evangelium glaubten. Wie oft hatte er ihnen sogar die physische Unmöglichkeit dargetan, daß körperlose Wesen dennoch sichtbar erscheinen, daß sie dies oder jenes verrichten können. Aber was ihm selbst begegnet war, wie sollte er es deuten? Oft nahm er sich vor, alles zu vergessen, gar nicht mehr daran zu denken, und im nächsten Augenblick quälte er sich ab, seine Erinnerung recht lebhaft vor das Auge treten zu lassen; deutlicher als je erschienen dann wieder ihre Züge, er hatte sie ja gesehen, als sie sich an der Ecke noch einmal umwandte; er hatte den holden Mund, diese rosigen Wangen, dieses Kinn, diesen schlanken Hals wiedergesehen! Er holte jenes Bild herbei, er verglich Zug um Zug, er deckte die Hand auf Augen und Stirne der Dame, und es war das holde Gesichtchen, wie es unter der Halbmaske hervorschaute!
Er hatte sich, weil Josephe am nächsten Morgen im Hause allzusehr beschäftigt war, um ihn zu unterhalten, wieder in die Laube gesetzt. Er las, und während des Lesens beschäftigte ihn immer der Gedanke, ob sie ihm wohl wieder erscheinen werde. Die Hitze des Mittags wirkte betäubend auf ihn; mit Mühe suchte er sich wach zu halten, er las eifriger und angestrengter, aber nach und nach sank sein Haupt zurück, das Buch entfiel seinen Händen, er schlief.
Beinahe um dieselbe Zeit wie gestern erwachte er, aber keine Gestalt mit grünem Schleier war weit und breit zu sehen; er lächelte über sich selbst, daß er sie erwartet habe, er stand traurig und unzufrieden auf, um ins Schloß zu gehen, da erblickte er neben sich ein weißes Tuch, das er sich nicht erinnern konnte, hingelegt zu haben; er sah es an, es mußte wohl dennoch ihm gehören, denn in der Ecke war sein Namenszug eingenäht. »Wie kommt dies Tuch hierher?« rief er bewegt, als er bei genauerer Besichtigung entdeckte, daß es eines jener Tücher sei, die ihm das Mädchen hatte fertigen müssen, und die er wie Heiligtümer sorgfältig verschloß. »Soll dies aufs neue ein Zeichen sein?« Er entfaltete das Tuch, und suchte, ob nicht vielleicht wieder einige Zeilen eingelegt seien? Es war leer; aber in einer andern Ecke des Tuches entdeckte er noch einige Lettern, die wie sein Name eingenäht waren; zierlich und nett standen dort die Worte: _Auf immer!_ »Also dennoch hier gewesen!« rief der junge Mann unmutig. »Und ich konnte ihre liebliche Erscheinung schnöderweise verschlafen? Warum gibt sie mir wohl ein neues Zeichen? Warum diese traurigen Worte wiederholen, die mich schon damals und erst gestern wieder so unglücklich machten?« Auch heute befragte er nach der Reihe die Domestiken, ob nicht eine fremde Person im Garten gewesen sei? Sie verneinten es einstimmig, und der alte Gärtner sagte, seit drei Stunden sei gar niemand durch den Garten gegangen als nur die gnädige Frau. »Und wie war sie angezogen?« fragte Fröben, auf sonderbare Weise überrascht. »Ach, Herr, da fragt Ihr mich zu viel,« antwortete der Alte; »sie ist halt angezogen gewesen in vornehmen Kleidern, aber wie, das weiß ich nicht zu beschreiben; als sie vor mir vorbeiging, nickte sie freundlich und sagte: ›Guten Tag, Jakob!‹«
Der junge Mann führte den Alten beiseite: »Ich beschwöre dich,« flüsterte er; »trug sie einen grünen Schleier? Hatte sie nicht eine große schwarze Brille auf?«
Der alte Gärtner sah ihn mißtrauisch und kopfschüttelnd an. »Eine schwarze Brille?« fragte er. »Die gnädige Frau eine große schwarze Brille? Ei, du Herrgott, wo denken Sie hin, sie hat so scharfe, klare Augen wie eine Gemse und soll eine Brille auf der Nase tragen, mit Respekt zu melden, eine große schwarze Brille, wie sie die alten Weiber in der Kirche auf die Nase klemmen, daß es feiner schnarrt, wenn sie singen? Nein, gnädiger Herr, solche schlechte Gedanken müssen Sie sich aus dem Kopf schlagen, das ist nichts; und nehmen Sie es nicht ungütig, aber eine Mütze sollten Sie doch aufsetzen bei dieser Hitze, es ist von wegen des Sonnenstichs.« So sprach der Alte und ging kopfschüttelnd weiter; den übrigen Dienstboten aber deutete er mit sehr verdächtiger Bewegung des Zeigefingers ans Hirn an, daß es mit dem jungen Herrn Gast hier oben nicht ganz richtig sein müsse.
30.
Auch jetzt kam Fröben zu keinem andern Resultat, als daß das Betragen jenes Mädchens, das er so innig liebte, unbegreiflich sei, und dieses rätselhafte Spiel mit seinem Schmerz, mit seiner Sehnsucht, beschäftigte ihn so ganz ausschließlich, daß ihm vieles entging, was ihm sonst wohl hätte auffallen müssen. Josephe kam mit verweinten Augen zu Tische; der Baron war verstimmt und einsilbig und schien seinem inneren Unmut, der ihm um die Stirne lag und deutlich aus den Augen sprach, hie und da durch einen Fluch über die schlechte Küche und die noch schlechtere Haushaltung Luft machen zu müssen. Die unglückliche Frau ließ alles still und geduldig über sich ergehen, sie schickte zuweilen, als wolle sie Hilfe und Trost suchen, einen flüchtigen Blick nach Fröben hinüber; ach, sie bemerkte nicht, wie ihr Gatte diese Blicke belauerte, wie seine Stirne sich röter färbte, wenn er ihre Augen auf diesem Wege traf.
An Fröbens Auge und Ohr ging dies vorüber als etwas, an das er sich schon gewöhnt hatte; er gab sich nicht einmal die Mühe, Josephe um die Ursache dieses Aufbrausens zu befragen. Es fiel ihm nicht auf, daß sie zurückhaltender gegen ihn war im Beisein Faldners; er schrieb es der gewöhnlichen Geschäftigkeit seines Freundes zu, daß ihn dieser in den nächsten Tagen nötigte, mit ihm da- und dorthin auf das Gut zu gehen und in Wald und Feld oft einen großen Teil des Tages mit Messungen und Berechnungen hinzubringen. Als er aber eines Morgens, als ihn Faldner schon gestiefelt und gespornt erwartete, eine kleine Unpäßlichkeit vorschützte, um diesen unangenehmen Feldbesuchen zu entgehen, als er arglos hinwarf, daß er doch Josephen auch einmal wieder vorlesen müsse, da wollte es ihm doch auffallend dünken, daß der Baron unmutig rief: »Nein, sie soll mir nichts mehr lesen, gar nichts mehr. Es geht ohnedies seit einiger Zeit alles konträr. Das könnte ich vollends brauchen, wenn sie den ganzen Morgen mit Lesen zubrächte und solche Romanideen im Kopfe trüge, wie ich schon welche habe spuken sehen. Lies dir in Gottes Namen selbst vor, lieber Fröben, und nimm mir nicht übel, wenn ich mein Weib anders placiere. Du gehst in den Garten nach dem Frühstück, Josephe, es soll heute Gemüse ausgestochen werden, nachher bist du so gütig und gehst zu Pastors, du bist dort seit lange einen Besuch schuldig.« Mit diesen Worten nahm er seine Reitpeitsche vom Tische und schritt davon.
»Was soll denn das? Was hat er denn heute?« fragte Fröben staunend die junge Frau, die kaum ihre Tränen zurückzuhalten vermochte.
»O, er ist so ziemlich wie sonst,« erwiderte sie ohne aufzublicken. »Ihre Anwesenheit hat ihn einige Zeitlang aus dem gewöhnlichen Geleise gebracht; Sie sehen, er ist jetzt wieder wie zuvor.«
»Aber mein Gott,« rief er unmutig, »so schicken Sie doch eine Magd in den Garten!«
»Ich darf nicht,« sagte sie bestimmt, »ich muß selbst zusehen; er will es ja haben.«
»Und den Besuch bei Pastors --?«
»Muß ich machen, Sie haben es ja gehört, daß ich ihn machen _muß_; lassen wir das, es ist einmal so. Aber Sie,« fuhr Josephe fort, »Sie, mein Freund, scheinen mir seit einigen Tagen verändert, gar nicht mehr so munter, so zutraulich wie früher. Sollten Sie sich vielleicht nicht mehr hier gefallen? Sollte mein Mann, sollte vielleicht ich Ursache Ihrer Verstimmung sein?« --
Fröben fühlte sich verlegen; er war auf dem Punkt, der Freundin jene sonderbaren Vorfälle im Garten zu gestehen, aber der Gedanke, sich vor der klugen jungen Frau eine Blöße zu geben, hielt ihn zurück. »Sie wissen,« sagte er ausweichend, »daß ich in den letzten Tagen Briefe aus S. bekam. Und wenn ich verstimmt erscheine, so tragen diese Briefe allein die Schuld.« Sie sah ihn zweifelnd an; eine Antwort schien auf ihren Lippen zu schweben, aber wie wenn sie den Mangel an Vertrauen in dem Blicke des jungen Mannes gelesen und sich dadurch gekränkt gefühlt hätte, zuckten ihre schönen Lippen und drängten die Antwort zurück; sie zog schweigend die Glocke, befahl ihrer Zofe, ihr Hut und Schirm zu bringen, und ging dann, ohne ihn zu diesem Gang einzuladen, in den Garten an die Arbeit.
Als der junge Mann einige Stunden nachher ebenfalls in den Garten hinabstieg und nach Josephe fragte, hieß es, sie sei zu Pastors gegangen. Er eilte der Laube zu, er setzte sich mit pochendem Herzen nieder. Heute hatte er sich vorgenommen, nicht einzuschlafen. »Ich will doch sehen,« sagte er zu sich, »ob dieses Wesen, das mich so geheimnisvoll umschwebt, noch ein drittes Zeichen für mich hat? Ich will mich wie zum Schlummer niederlegen, und so wahr ich lebe, wenn es wieder erscheint, will ich es haschen und schauen, welcher Natur es sei.« Er las, bis der Mittag herangekommen war, dann legte er sich nieder und schloß die Augen. Oft wollte sich der Schlummer wirklich über ihn herabsenken, aber Erwartung, Unruhe und sein fester Wille, der die Mohnkörner von ihm ferne hielt, ließen ihn wach bleiben. Er mochte wohl eine halbe Stunde so gelegen haben, als die Zweige der Laube rauschten. Er öffnete die Augen kaum ein wenig und sah, wie zwei weiße Hände die Zweige behutsam teilten, vermutlich um eine Aussicht auf den Schlummernden zu öffnen. Dann knisterten leise, leise Schritte im Sand. Er blickte verstohlen nach dem Eingang der Laube, und sein Herz wollte zerspringen voll freudiger Ungeduld, als er sein Mädchen sah im schwarzen Mantel und Hut, den grünen Schleier zurückgeschlagen, die schwarzen Maskenaugen vor den obern Teil des schönen Gesichts gebunden.
31.
Sie nahte auf den Zehenspitzen. Er sah, wie auf ihrem Gesicht ein höheres Rot aufstieg, als sie näher trat. Sie betrachtete den Schläfer lange; sie seufzte tief und schien Tränen abzutrocknen. Dann trat sie nahe heran; sie beugte sich über ihn herab, ihr Atem berührte ihn wie ein Himmelsbote, der die Nähe ihrer süßen Lippen ansagte, sie senkte sich tiefer und ihr Mund legte sich auf den seinigen so sanft, wie das Morgenrot sich auf den Hügel senkt.
Da hielt er sich nicht länger; schnell schlang er seinen Arm um ihren Leib, und mit einem kurzen Angstschrei sank sie in die Kniee. Er sprang erschrocken auf, er glaubte sie ohnmächtig, aber sie war nur sprachlos und zitterte heftig; er hob sie auf, er zog sie, erfüllt von der Wonne des Wiedersehens, an seiner Seite auf die Bank nieder, er bedeckte ihren Mund mit glühenden Küssen, er drückte sie fest an sich: »O, so habe ich dich wieder, endlich, endlich wieder, du geliebtes Wesen!« rief er; »du bist kein Trugbild, du lebst, ich halte dich in meinen Armen wie damals und liebe dich wie damals und bin glücklich, selig, denn du liebst ja auch mich!« Eine hohe Glut bedeckte ihre Wangen, sie sprach nicht, sie suchte vergebens sich aus seinen Armen zu winden. »Nein, jetzt lasse ich dich nicht mehr,« sprach er, und Tränen, Tränen des Glücks hingen an seinen Wimpern; »jetzt halte ich dich fest und keine Welt darf dich von mir reißen. Und komm, hinweg mit dieser neidischen Maske, ganz will ich dein schönes Antlitz schauen, ach, es lebte ja immer in meinen Träumen!« Sie schien mit der letzten Kraft die Hand von der Halbmaske abhalten zu wollen, sie atmete schwer, sie rang mit ihm, aber die trunkene Lust des jungen Mannes, nach so langer Entbehrung sich so unaussprechlich glücklich zu wissen, gewährte ihm einen leichten Sieg. Er hielt ihre Arme mit der einen Hand, zitternd stieß er mit der andern den Hut zurück, band die Maske los und erblickte -- die Gattin seines Freundes.
»Josephe!« rief er, wie in einen Abgrund niedergeschmettert, und seine Gedanken drehten sich im Ringe. »Josephe!«
Bleich, erstarrt, tränenlos saß sie neben ihm und sagte wehmütig lächelnd: »Ja, Josephe.«
»_Sie_ haben mich also getäuscht?« sagte er bitter, indem alle Hoffnung, alle Seligkeit des vorigen Augenblicks an ihm vorüberflog. »O, dieses Possenspiel konnten Sie uns ersparen. Doch,« fuhr er fort, indem ein Gedanke ihn durchblitzte; »um Gottes willen, wo haben Sie den Ring her, woher das Tuch?«
Sie errötete von neuem, sie brach in Tränen aus, sie verbarg ihr Haupt an seiner Brust. »Nein,« rief er, »Antwort muß ich haben; es ist mein Ring, das Tuch -- ich beschwöre Sie, wie kam beides in Ihre Hände, woher haben Sie den Ring?«
»Von _dir_!« flüsterte sie, indem sie sich beschämt fester an ihn drückte.
Da fiel ein Lichtstrahl in Fröbens Seele; noch blendete ihn dies zu helle Licht, aber er hob sanft ihr Haupt in die Höhe und sah sie an mit Blicken voll Verwunderung und Liebe. »Du bist es? Träume ich denn wieder?« sprach er, nachdem er sie lange angeblickt. »Sagtest du nicht, du seiest mein süßes Mädchen? O Gott, welcher Schleier lag denn auf meinen Augen? Ja, das sind ja deine holden Wangen, das ist ja dein reizender Mund, der mich heute nicht zum erstenmal küßte!«
Eine hohe Glut bedeckte ihre Wangen. Sie sah ihn voll Wonne und Entzücken an. »Was wäre aus mir geworden ohne dich, du edler Mann!« rief sie, indem sich in Tränen der Schimmer ihrer Augen brach. »Ich bringe dir den Segen meiner guten Mutter, du hast ihre letzten Tage leicht gemacht und die Decke des Elends gelüftet, die so schwer auf ihrer kranken Brust lag. O! Wie kann ich dir danken? Was wäre ich geworden ohne dich! Doch --« fuhr sie fort, indem sie mit ihren Händen das Gesicht bedeckte, »was _bin_ ich denn geworden, das Weib eines andern, deines Freundes Weib!«
Er sah, wie ein unendlicher Schmerz ihren Busen hob und senkte, wie durch die zarten Finger ihre Tränen gleich Quellen herabrieselten. Er fühlte, wie innig sie ihn liebe, und kein Gedanke an einen Vorwurf, daß sie einem andern als ihm gehören könnte, kam in seine Seele. »Es ist so,« sagte er traurig, indem er sie fester an sich drückte, als könne er sie dennoch nicht verlieren. »Es ist so; wir wollen denken, es sollte so sein, es habe so kommen müssen, weil wir vielleicht zu glücklich gewesen wären. Doch in diesem Moment bist du mein, denke, du kommst herüber über den Platz der Arzneischule und ich erwarte dich: o komm, umarme mich so wie damals, ach, nur noch ein einziges Mal!«
In Erinnerung verloren, hing sie an seinem Hals; hinter ihren düsteren Blicken schien der Gedanke an die Wirklichkeit sich zu verlieren; heller und heller, freundlicher und immer freundlicher schien die Erinnerung aufzutauchen; ein holdes Lächeln zog um ihren Mund und senkte sich auf ihren Wangen in zarte Grübchen. »Und kanntest du mich denn nicht?« fragte sie lächelnd. »Und du kanntest mich nicht?« fragte er, sie voll Zärtlichkeit betrachtend. »Ach!« antwortete sie. »Ich hatte mir damals deine Züge recht abgelauscht und tief in mein Herz geschrieben, aber wahrlich, ich hätte dich nimmer erkannt. Es mochte wohl auch daher kommen, daß ich dich nur immer bei Nacht sah in den Mantel eingewickelt, den Hut tief in der Stirne, und wie konnt' ich auch denken -- Freilich, als du am ersten Abend Faldner zuriefst: ›Auf Wiedersehen!‹ da kam mir der Ton so bekannt vor, als hätte ich ihn schon gehört; aber ich lachte mich immer selbst aus über die törichten Vermutungen. Nachher war es mir hie und da, als müßtest du der sein, den ich meinte; doch zweifelte ich immer wieder; aber als du am Sonntag nur erst Pont des Arts genannt hattest, da ging auf einmal eine eigene Sonne auf deinem Gesicht auf; du schienest ganz in Erinnerung zu leben und mit den ersten Worten ward es mir klar, daß du, du es bist! Aber freilich, mich konntest du nicht wiedererkennen, nicht wahr, ich bin recht bleich geworden?«
»Josephe,« erwiderte er; »wo waren meine Sinne? Wo mein Auge, mein Ohr, daß ich dich nicht erkannte? Gleich bei deinem ersten Anblick flog ein freudiger Schreck durch meine Seele, du glichst ja ganz jenem Bilde, das ich, durch einen wahrhaften Kreislauf der Dinge, als dir ähnlich gefunden und geliebt hatte; aber die Entdeckung über das Geschlecht der Mutter führte mich in eine Irrbahn; ich sah in dir nur noch die ähnliche Tochter der schönen Laura, und oft, während ich neben dir saß, streifte mein Geist ferne, weithin nach -- dir!«
»O Gott!« rief Josephe, »ist es denn wahr, ist es möglich? Kannst du mich denn noch lieben?«
»Ob ich es kann? -- Aber darf ich denn? Gott im Himmel, du heißt ja Frau von Faldner; sage mir nur um des Himmels willen, wie fügte sich dies alles? Wie hast du auch nicht ein einzigesmal mehr mich erwarten mögen?«
32.
Sie stillte ihre Tränen, sie faßte sich mit Mühe, um zu sprechen. »Siehe,« sagte sie, »es war, als ob ein feindliches Geschick alles nur so geordnet hätte, um mich recht unglücklich zu machen. Als du weg warst, hatte ich keine Freude mehr. Jene Abende mit dir waren mir so unendlich viel gewesen. Siehe, schon von dem ersten Moment an, als du in der lieben Muttersprache deinen Begleiter um Geld batest, von da an schlug mein Herz für dich; und als du mit so unendlichem Edelmut, mit so viel Zartsinn für uns sorgtest, ach, da hätte ich dich oft an mein Herz schließen und dir gestehen mögen, daß ich dich wie ein höheres Geschöpf anbete. Ich weiß nicht, was mir für dich zu tun zu schwer gewesen wäre; und wie groß, wie edel hast du dich gegen mich benommen! Du gingst, ich weinte lange, denn ein schmerzliches Gefühl sagte mir, daß es auf immer geschieden sei; acht Tage nachdem du abgereist warst, starb meine arme Mutter sehr schnell. Was du mir damals noch gegeben, reichte hin, meine Mutter zu beerdigen und ihr Andenken nicht in Unehre geraten zu lassen. Eine Dame, es war die Gräfin Landskron, die in unserer Nachbarschaft wohnte und von uns Armen hörte, ließ mich zu sich kommen. Sie prüfte mich in allem, sie durchschaute die Papiere meiner Mutter, die ich ihr geben mußte, genau; sie schien zufrieden und nahm mich als Gesellschaftsfräulein an. Wir reisten; ich will dir nicht beschreiben, wie mein Herz blutete, als ich dieses Paris verlassen mußte; es fehlten nur noch vierzehn Tage, bis die Zeit um war, die du zu deiner Rückkehr bestimmtest; dann wäre ich am Ersten auf den Platz gegangen, hätte dich noch einmal gesprochen, noch einmal von dir Abschied genommen! Es sollte nicht so sein; als wir aus der St. Severinstraße über den wohlbekannten Platz der Ecole de Médecine hinfuhren, da wollte mein Herz brechen, und ich sagte zu mir: ›Auf immer!‹ Eduard! ich habe nie wieder von dir gehört, dein Name war mir unbekannt, du mußtest ja die Bettlerin längst vergessen haben; ich lebte von der Gnade fremder Leute, ich hatte manches Bittere zu tragen, ich trug es, es war ja nicht das Schmerzlichste. Als aber die Gräfin in diese Gegend auf ihr Gut zog, als Faldner sich um mich bewarb, als ich merkte, daß sie es gutmütig für eine gute Versorgung halte, vielleicht auch meiner überdrüssig war -- nun ich war ja nur ein einzigesmal glücklich gewesen, konnte nimmer hoffen, es wieder zu werden; das übrige war ja so gleichgültig -- da wurde ich seine Frau.«
»Armes Kind! an diesen Faldner, warum denn gerade du mit so weicher Seele, mit so zartem Sinn, mit so viel gültigem Anspruch auf ein zum mindesten edleres Los, warum gerade du seine Frau? Doch es ist so; Josephe, ich kann, ich darf keinen Tag mehr hier sein; ich habe ihn bei allem, was er Rohes haben mag, einst Freund genannt, bin jetzt sein Gastfreund, und wenn auch alles nicht wäre, wir dürfen ja nicht zusammen glücklich sein!« Es lag ein unendlicher Schmerz in seinen Worten; er küßte die Augen der schönen Frau, nur um durch den Gram, der in ihnen wohnte, nicht noch weicher zu werden. »O, nur noch _einen_ Tag,« flüsterte sie zärtlich; »hab' dich ja jetzt eben erst gefunden, und du denkst schon zu entfliehen. Siehe, wenn du weg bist, da verschließt sich wieder die Türe meines Glücks auf immer; ich werde Hartes ertragen müssen, und da muß ich doch ein wenig Erinnerung mir aufsparen, von der ich zehren kann in der endlosen Wüste.«
»Höre, ich will Faldner alles gestehen,« sprach nach einigem Sinnen der junge Mann, »ich will es ihm alles vormalen, daß es ihn selbst rühren muß; er liebt dich doch nicht, du ihn nicht und bist unglücklich; er soll dich _mir_ abtreten. Mein Haus liegt nicht so schön wie dieses Schloß; meine Güter kannst du vom Belvedere auf dem Dache übersehen, du verließest hier großen Wohlstand, aber wenn du einzögest in mein Haus, wollte ich dir meine Hände als Teppich unterlegen, auf den Händen wollte ich dich tragen, du solltest die Königin sein in meinem Hause und ich dein erster treuer Diener!«
Sie blickte schmerzlich zum Himmel auf, sie weinte heftiger. »Ach ja, wenn ich deines Glaubens wäre, dann ginge es wohl, aber wir sind ja gut katholisch getraut worden, und das scheidet nur der Tod! O du großer Gott, wie unglücklich machen oft diese Gesetze! Welch eine Seligkeit mit dir, bei dir zu sein, immer für dich zu sorgen, an deinen Blicken zu hängen und alle Tage dir durch zärtliche Liebe ein Tausendteil von dem heimzugeben, was du an meiner lieben Mutter und an mir getan.«
»Also dennoch auf immer,« erwiderte er traurig; »also nur noch morgen, und dann für immer scheiden?«
»Für immer!« hauchte sie kaum hörbar, indem sie ihn fester an ihre Lippen schloß.
»Hier also findet man dich, du niederträchtige Metze!« schrie in diesem Augenblick ein dritter, der neben dieser Gruppe stand. Sie sprangen erschreckt auf; zitternd vor Zorn, knirschend vor Wut stand der Baron, in der einen Hand ein Papier, in der andern die Reitpeitsche haltend, die er eben aufhob, um sie über den schönen Nacken der Unglücklichen herabschwirren zu lassen. Fröben fiel ihm in den Arm, entwand ihm mit Mühe die Peitsche und warf sie weit hinweg. »Ich bitte dich,« sagte er zu dem Wütenden; »nur hier keine Szene; deine Leute sind im Garten, du schändest dich und dein Haus durch einen solchen Auftritt.«