Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 1

Part 14

Chapter 143,918 wordsPublic domain

›Hat Ihre Mutter einen Arzt?‹ fragte ich wieder nach einiger Weile. ›Sie hatte einen; aber als wir keine Arznei mehr kaufen konnten, wollte er sie ins Spital des Incurables bringen lassen, und -- das konnte ich nicht ertragen. Ach Gott, meine arme Mutter ins Spital!‹ Wieviel tiefer Schmerz lag in den letzten Worten dieses Mädchens!

Sie weinte, sie führte ihr Tuch unter dem Schleier ans Auge, und Laterne und Teller, die sie in der andern Hand trug, verhinderten sie, den Mantel zusammenzuhalten; der Wind wehte ihn weit auseinander und ich sah, daß ich mich nicht betrogen hatte; sie war von feiner schlanker Taille, sie trug ein einfaches, soviel mein flüchtiger Blick bemerkte, sehr reinliches Kleid. Sie haschte nach dem Mantel, und indem ich ihr behilflich war, ihn wieder umzulegen, fühlte ich ihre weiche, zarte Hand.

Wir waren schon durch die Straßen Mazarin, St. Germain, Ecole de Médecine und von dort durch einige kleine Seitenstraßen gegangen, als sie auf einmal stehen blieb und klagte, sie habe den Weg verfehlt. Ich fragte sie, in welcher Gegend sie wohne, und sie gab St. Severin an. Ich war in Verlegenheit, denn diese Straße wußte ich selbst nicht zu finden. Machte es Angst oder Kälte, ich sah sie heftiger zittern. Ich sah mich um; ich bemerkte noch Licht in einem Souterrain, wo Branntwein verkauft wurde, ich bat sie, zu warten, stieg hinab und erkundigte mich. Man wies mich zurecht, und ich glaubte mich hinfinden zu können. Als ich heraufkam, hörte ich in der Nähe laut reden; ich sah beim schwachen Schein einer Laterne, wie sich das Mädchen heftig gegen zwei Männer wehrte, von denen der eine ihre Hand, der andere den Mantel gefaßt hatte; sie lachten, sie sprachen ihr zu; ich ahnete, was vorging, sprang herzu und riß dem einen die Hand weg, die er gefaßt hatte; sprachlos, weinend klammerte sie sich fest an meinen Arm.

›Meine Herren,‹ sagte ich, ›ihr sehet, ihr seid hier im Irrtum, ihr werdet im Augenblick den Mantel von Mademoiselle loslassen!‹

›Ach, Verzeihung, mein Herr!‹ erwiderte der, welcher ihren Mantel gefaßt hatte. ›Ich sehe, Sie haben ältere Rechte auf Mademoiselle!‹ Und lachend zogen sie weiter.

Wir gingen weiter, das arme Kind zitterte heftig, sie hielt noch immer meinen Arm fest, sie war nahe daran, niederzusinken.

›Nur Mut!‹ sagte ich zu ihr, ›St. Severin ist nicht mehr ferne, Sie werden bald zu Hause sein.‹ Sie antwortete nicht, sie weinte noch immer. Als wir in der Straße waren, die nach der Beschreibung St. Severin sein mußte, blieb sie wieder stehen. ›Nein, Sie dürfen nicht weiter mit mir gehen, mein Herr!‹ sagte sie. ›Es darf nicht sein.‹ -- ›Aber warum denn nicht, da Sie mich so weit mitgenommen haben; ich bitte, trauen Sie mir keine schlechten Absichten zu!‹ Ich hatte bei diesen Worten, ohne es zu wissen, ihre Hand ergriffen und vielleicht gedrückt; sie entzog sie mir hastig und sagte: ›Vergeben Sie, daß ich die Unschicklichkeit beging, Sie so weit mitzuführen; bitte, verlassen Sie mich jetzt!‹ Ich fühlte, daß der Auftritt vorhin sie tief verletzt hatte, daß er ihr vielleicht gegen mich selbst Mißtrauen einflößte, und eben dies rührte mich unbeschreiblich; ich nahm das Silber, das mir Faldner gegeben, und wollte es ihr hinreichen; aber der Gedanke, wie wenig diese kleine Gabe ihr helfen könne, zog meine Hand zurück, und ich gab ihr das wenige Gold, das ich bei mir trug.

Ihre Hand zuckte, als sie es nahm; sie schien es für Silber zu halten, dankte mir aber mit zitternder, rührender Stimme und wollte gehen.

›Noch ein Wort,‹ sagte ich und hielt sie auf; ›ich hoffe, Ihre Mutter wird gesund werden, aber es könnte ihr doch noch an etwas gebrechen, und Sie, mein Kind, sind nicht für solche Abendgänge, wie der heutige, gemacht. Wollen Sie nicht heute über acht Tage um dieselbe Zeit vor der Ecole de Médecine sein, daß ich mich nach Ihrer Mutter erkundigen kann?‹ Sie schien unschlüssig, endlich sagte sie: ›Ja.‹ -- ›Und setzen Sie doch den Hut mit dem grünen Schleier wieder auf, daß ich Sie erkenne,‹ fügte ich hinzu; sie bejahte es, dankte noch einmal, ging eilend die Straße hin und war schnell in der Nacht verschwunden.

23.

Als ich am Morgen nach dieser Begebenheit erwachte, schien es mir, als hätte mir von diesem allen nur geträumt. Aber Faldner, der bald herbeikam und mich nach seiner zarten Manier zu schrauben anfing, riß mich aus meinem Zweifel. Die Sache schien mir, so recht deutlich am Morgenlicht betrachtet, doch allzu fabelhaft, als daß ich sie dem ungläubigen Freund hätte erzählen mögen. Man ist in neuerer Zeit zu jenem Grad der Sittenverfeinerung gekommen, die schon ins Gebiet der Unsittlichkeit hinüberstreift; man will in manchen Fällen lieber wild, etwas liederlich und schlecht erscheinen, man gibt lieber eine Zweideutigkeit zu, nur um nicht als ein Tor, als ein Sonderling, als ein Mensch von schwachem Verstand und beschränkten Lebensansichten zu gelten.

Im Innern kränkte mich aber noch mehr als Faldners Schraubereien eine Unruhe, ein Etwas, was ich nicht zu deuten wußte. Ich machte mir Vorwürfe, daß ich nicht einmal ihr Gesicht gesehen hatte. ›Wozu,‹ sagte ich mir, ›wozu diese übertriebene Diskretion? Wenn ich ein paar Napoleons hingebe, so kann ich doch um die Gunst bitten, den Schleier etwas zu lüften?‹ Und doch, wenn ich mir das ganze Betragen des Mädchens, das, so einfach es war, doch von Gemeinheit auch nicht im geringsten etwas an sich hatte, zurückrief, wenn ich bedachte, wie mich ihre edle Haltung, der gebildete Ton ihrer Antworten anzog, so mußte ich mich, halb zu meinem Aerger, rechtfertigen. Es liegt etwas in der menschlichen Stimme, das uns, ehe wir Züge und Auge, ehe wir den Stand der Sprechenden kennen, den Ton angibt, in welchem wir mit ihm sprechen müssen. Wie unendlich, nicht sowohl in der Form als im Klang der Sprache, unterscheidet sich der Gebildete vom Ungebildeten, und des Mädchens Töne waren so weich und zart, ihre kurzen Antworten oft so aus der tiefsten Seele gesprochen. Den ganzen Tag konnte ich diese Gedanken nicht los werden, sogar abends, in eine glänzende Gesellschaft von Damen begleitete mich das arme Mädchen mit dem schwarzen Hütchen, dem grünen Schleier und dem unscheinbaren Mantel.

In den nächsten Tagen ärgerte ich mich über meine Torheit, welche schuld war, daß ich das Mädchen erst nach acht Tagen wiedersehen konnte: ich zählte die Stunden ab bis zu dem nächsten Freitag, und es war, als hätte jene Hauptstadt der Welt, wie sie ihre Bewohner nennen, nichts Reizendes mehr in sich als die Bettlerin vom Pont des Arts. Endlich, endlich erschien der Freitag. Ich brauchte alle mögliche List, um mich auf diesen Abend von Faldner und den übrigen Freunden los zu machen, und trat, als es dunkel wurde, meinen Weg an. Ich hatte über eine Stunde zu gehen, und Zeit genug, über meinen Gang nachzudenken. ›Heute‹, sagte ich zu mir, ›heute, wirst du ins reine kommen, was du von dieser Person zu denken hast; du wirst ihr anbieten, mit ihr zu gehen, nimmt sie es an, so hast du dich schon das erste Mal betrogen. Auch das Gesicht muß sie heute zeigen.‹

Ich war so eilends gegangen, daß es noch nicht einmal zehn Uhr war, als ich auf der Place de l'Ecole de Médecine anlangte, und -- auf elf Uhr hatte ich sie ja erst bestimmt. Ich trat noch in ein Café, durchblätterte gedankenlos eine Schar von Zeitungen --; endlich schlug es elf Uhr.

Auf dem Platz waren wenige Menschen, und so weit ich mein Auge anstrengte, kein grüner Schleier zu sehen. Ich hielt mich immer auf der Seite der Arzneischule, weil dort mehrere Laternen brannten. Die Momente solchen Erwartens sind peinlich. ›Wenn sie an deinem Golde genug hätte und gar nicht käme? Wenn sie deine Gutherzigkeit verlachte?‹ dachte ich, als ich den Platz wohl schon zehnmal auf und ab gegangen war. Es schlug halb zwölf, schon fing ich an, über meine eigene Torheit zu murren, da wehte im Schein einer Laterne etwa dreißig Schritte von mir etwas Grünes; mein Herz pochte ungestümer, ich eilte hin -- sie war es. ›Guten Abend,‹ sagte ich, indem ich ihr die Hand bot, ›schön, daß Sie doch Wort halten; schon glaubte ich, Sie würden nicht mehr kommen.‹ Sie verbeugte sich, ohne meine Hand zu fassen, und ging an meiner Seite hin; sie schien sehr gerührt: ›Mein Herr, mein edler Landsmann,‹ sprach sie mit bewegter Stimme, ›ich muß ja Wort halten, um Ihnen zu danken. Ich komme heute gewiß nicht, um Ihre Güte aufs neue in Anspruch zu nehmen. Ach, wie reich, wie freigebig haben Sie uns beschenkt! Kann Sie der innige Dank einer Tochter, können die Gebete und Segenswünsche meiner kranken Mutter Sie entschädigen?‹

›Sprechen wir nicht davon,‹ erwiderte ich. ›Wie geht es Ihrer Mutter?‹ -- ›Ich glaube wieder Hoffnung schöpfen zu dürfen,‹ antwortete sie, ›der Arzt spricht zwar nichts Bestimmtes aus, aber sie selbst fühlt sich kräftiger. O, wie danke ich Ihnen! Von Ihrem Geschenk konnte ich ihr wieder kräftige Speisen bereiten, und glauben Sie mir, der Gedanke, daß es noch so gute Menschen gibt, hat sie beinahe ebensosehr gestärkt.‹

›Was sagte Ihre Mutter, als Sie zu Hause kamen?‹ -- ›Sie war sehr in Sorgen um mich, weil es schon so spät war,‹ erwiderte sie, ›ach, sie hatte so ungern mir die Erlaubnis zu diesem Gang gegeben und malte sich jetzt irgend ein Unglück vor, das mir begegnet sei. Ich erzählte ihr alles, aber als ich mein Tuch öffnete, und die Gaben, die ich gesammelt hatte, hervorzog und Gold dabei war, Gold unter den Kupfer- und Silberstücken, da erstaunte sie, und --‹ Sie stockte und schien nicht weiter reden zu können; ich dachte mir, die Mutter habe sie arger Dinge beschuldigt, und forschte weiter, aber mit rührender Offenheit gestand sie: die Mutter habe gesagt, der großmütige Landsmann müsse entweder ein Engel oder ein Prinz gewesen sein.

›Weder das eine noch das andere,‹ sagte ich ihr. ›Aber wie weit haben Sie ausgereicht? Haben Sie noch Geld?‹

›O wir haben noch,‹ erwiderte sie mutig, wie es scheinen sollte, aber mir entging nicht, daß sie vielleicht unwillkürlich dabei seufzte.

›Und was haben Sie noch?‹ sagte ich etwas bestimmter und dringender.

›Wir haben eine Rechnung in der Apotheke davon bezahlt und einen Monat am Hauszins, und der Mutter habe ich davon gekocht, es ist aber immer noch übrig geblieben.‹

›Wie ärmlich mußten Sie wohnen, wenn Sie von diesem Gelde eine Apothekerrechnung, einen Monat Hauszins bezahlen und acht Tage lang kochen konnten? Ich will aber genau wissen,‹ fuhr ich fort, ›was und wieviel Sie noch haben.‹

›Mein Herr!‹ sagte sie, indem sie beleidigt einen Schritt zurücktrat.

›Mein gutes Kind, das verstehen Sie nicht,‹ erwiderte ich, indem ich ihr näher trat; ›oder Sie wollen es sich aus übertriebenem Zartgefühl nicht gestehen; ich frage Sie ernstlich: wenn Sie mit den paar Franken zu Rande sind, haben Sie Hilfe zu erwarten?‹

›Nein!‹ sagte sie schüchtern und weich; ›keine!‹

›Denken Sie an Ihre Mutter und verschmähen Sie meine Hilfe nicht!‹ Ich hatte ihr bei diesen Worten meine Hand geboten; sie ergriff sie hastig, drückte sie an ihr Herz und pries meine Güte.

›Nun wohlan, so kommen Sie,‹ fuhr ich fort, indem ich ihren Arm in den meinigen legte; ›ich kam leider nicht gerade von Hause, als ich mich hierher begab, und hatte mich nicht versehen; Sie werden daher die Güte haben, mich einige Straßen zu begleiten bis in meine Wohnung, daß ich Ihnen für die Mutter etwas mitgebe.‹ Sie ließ sich schweigend weiterführen, und so angenehm mir der Gedanke war, sie noch ferner unterstützen zu können, so war doch mein Gefühl beinahe beleidigt, als sie so ganz ohne Sträuben mitging; nachts in die Wohnung eines Mannes; aber wie ganz anders kam es, als ich dachte. Wir mochten wohl etwa zwei- oder dreihundert Schritte fortgegangen sein, da stand sie stille und entzog mir ihren Arm. ›Nein, es kann, es darf nicht sein,‹ rief sie, in Tränen ausbrechend. ›Was betrübt Sie auf einmal?‹ fragte ich verwundert, ›was darf nicht sein?‹

›Nein, ich gehe nicht mit, ich darf nicht mit Ihnen gehen.‹

›Aber mein Gott,‹ erwiderte ich, indem ich mich etwas aufgebracht stellte. ›Sie haben doch wahrhaftig sehr wenig Vertrauen zu mir; wenn nicht Ihre Mutter wäre, gewiß ich ginge jetzt von Ihnen, denn Sie kränken mich.‹

Sie nahm meine Hand, sie drückte sie bewegt. ›Habe ich Sie denn beleidigt?‹ rief sie. ›O, Gott weiß, das wollte ich nicht; verzeihen Sie einem armen unerfahrenen Mädchen; Sie sind so großmütig, und ich sollte Sie beleidigen?‹

›Nun denn, so komm,‹ sagte ich, indem ich sie weiterzog, ›es ist keine Zeit zu verlieren, es ist spät, und der Weg ist weit.‹ Aber sie blieb stehen, weinte und flüsterte: ›Nein, um keinen Preis gehe ich weiter.‹

›Aber vor wem fürchten Sie sich denn? Es kennt Sie ja kein Mensch, es sieht Sie ja keine Seele; Sie können getrost mit mir kommen.‹

›Ich bitte Sie um Gottes willen, lassen Sie mich! Nein, nein, es darf nicht sein, dringen Sie nicht weiter in mich!‹ Sie zitterte; ich fühlte wohl, wenn ich ihr die Not der Mutter noch einmal recht dringend vorstellte, so ging sie mit, aber die Angst des Mädchens rührte mich tief.

›Gut, so bleiben Sie hier,‹ sprach ich. ›Aber sagen Sie mir, können Sie vielleicht arbeiten?‹

›O ja, mein Herr,‹ erwiderte sie, ihre Tränen trocknend.

›Könnten Sie vielleicht meine feinere Wäsche besorgen?‹

›Nein,‹ antwortete sie sehr bestimmt. ›Dazu sind wir nicht eingerichtet.‹

›Hier ist ein weißes Tuch,‹ fuhr ich fort. ›Können Sie mir vielleicht ein halb Dutzend besorgen und fertig machen?‹

Sie besah das Tuch und sagte: ›Mit Vergnügen, und recht fein will ich es nähen!‹ Zu meiner eigenen Beschämung mußte ich jetzt dennoch Geld hervorziehen, obgleich ich es vorhin verleugnet hatte.

›Kaufen Sie sechs solcher Tücher,‹ fuhr ich fort, ›und können Sie wohl drei davon bis Sonntagabend fertig machen?‹ Sie versprach es; ich gab ihr noch etwas für die Mutter, und sagte ihr, daß ich heute darauf nicht eingerichtet sei, aber Sonntag mehr tun könne. Sie dankte innig; es schien sie zu freuen, daß ich ihr Arbeit gegeben, denn noch einmal plauderte sie davon, wie schön sie die Tücher machen wolle, ja wenn ich nicht irre, so fragte sie mich sogar, ob sie nicht einen englischen Saum einnähen dürfe? Ich sagte ihr alles zu, aber als sie nun Abschied nehmen wollte, hielt ich sie noch fest. ›Eines müssen Sie mir übrigens noch zu Gefallen tun,‹ sprach ich, ›Sie können es gewiß und leicht.‹

›Und was?‹ fragte sie. ›Wie gern will ich alles für Sie tun.‹

›Lassen Sie mich diesen neidischen Schleier aufheben und Ihr Gesicht sehen, daß ich doch _eine_ Erinnerung an diesen Abend habe.‹

Sie wich mir aus und hielt ihren Schleier fester.

›Bitte, lassen Sie das,‹ erwiderte sie und schien ein wenig mit sich selbst zu kämpfen; ›Sie haben ja die schöne Erinnerung an Ihre Wohltaten; die Mutter hat mir streng verboten, den Schleier zu lüften, und ich versichere Ihnen,‹ setzte sie hinzu, ›ich bin häßlich wie die Nacht, Sie würden nur erschrecken!‹

Aber dieser Widerstand reizte mich nur noch mehr; ein wirklich häßliches Mädchen, dachte ich, spricht nicht so von ihrer Häßlichkeit, ich wollte den Schleier fassen, aber wie ein Aal war sie entwischt: ›~Dimanche à revoir!~‹ rief sie und eilte davon. Erstaunt blickte ich ihr nach, etwa fünfzig Schritte von mir blieb sie stehen, winkte mir mit meinem weißen Tuch und rief mit ihrer silberhellen Stimme: ›Gute Nacht!‹

24.

In den nächsten Tagen beschäftigte mich der Gedanke, welchem Stande das Mädchen wohl angehören könnte. Je lebhafter ich mir ihre gebildete Sprache, ihren zarten Sinn zurückrief, desto höher steigerte ich sie in meinen Gedanken. Darüber wenigstens mußte sie mir Gewißheit geben, nahm ich mir vor, und beschloß, mich nicht wieder so abspeisen zu lassen wie mit dem Schleier. Der Sonntag kam; du wirst dich noch jenes Nachmittags erinnern, Faldner, wo wir mit den Freunden in Montmorency im Garten des großen Dichters saßen. Ihr wolltet spät in der Nacht zu Hause fahren, und ich trieb immer zu einer frühen Rückfahrt, und als ihr dennoch bliebet, da machte ich mich trotz eures Scheltens davon. Freilich glaubtest du damals nicht, was ich vorgab, ich könnte die Nachtluft nicht vertragen, aber daß ich zu einem Rendezvous mit der Bettlerin vom Pont des Arts eile, konntest du auch nicht denken? Sie war diesmal die erste auf dem Platz, und weil sie mir die Tücher zu bringen hatte, war sie schon bange geworden, ich könnte sie verfehlt haben und glauben, sie werde nicht Wort halten. Mit beinahe kindischer Freude und, wie es mir schien, noch größerem Zutrauen als früher plauderte sie, indem sie mir beim Schein einer Straßenlaterne die Tücher zeigte.

Sie schien es gern zu hören, daß ich ihre feine Arbeit lobte. ›Sehen Sie, auch Ihren Namen habe ich herein gezeichnet,‹ sagte sie, indem sie das zierliche E. v. F. in der Ecke vorwies. Dann wollte sie mir eine Menge Silbergeld als Ueberschuß zurückgeben, und nur meine bestimmte Erklärung, daß sie mich dadurch beleidige, konnte sie bewegen, es als Arbeitslohn anzunehmen.

Ich bestellte aufs neue wieder Arbeit, weil ich sah, daß dem zarten Sinn des Mädchens ein solcher Weg meiner Gaben mehr zusagte, und diesmal waren es Jabots und Manschetten, die ich bestellte. Ihre Mutter war nicht kränker geworden, konnte aber das Bett noch nicht verlassen; doch schon dieser Mittelzustand erschien ihr tröstlich. Als die Mutter abgehandelt war, wagte ich es, sie geradehin zu fragen, wie denn eigentlich ihre Verhältnisse seien.

Die Geschichte, die sie mir in wenigen Worten preisgab, ist in Frankreich so alltäglich, daß sie beinahe jedem Armen zum Aushängeschild dienen muß. Ihr Vater war Offizier in der großen Armee gewesen, war nach der ersten Restauration der Bourbons auf halben Sold gesetzt worden, hatte nachher während der hundert Tage wieder Partei ergriffen und war bei Mont St. Jean mit den Garden gefallen; seine Witwe verlor die Pension und lebte von da an ärmlich und elend. In den zwei letzten Jahren fristeten sie ihr Leben meist vom Verkauf ihrer geringen Habe, und waren jetzt eben an jenen äußersten Grad des Elends gekommen, wo dem Armen nichts übrig bleibt, als aus der Welt zu gehen.

Ich fragte das Mädchen, ob sie nicht ihr Verhältnis hätte bessern können, wenn sie etwa ihre Mutter auf andere Weise zu unterstützen gesucht hätte.

›Sie meinen, wenn ich einen Dienst genommen hätte?‹ erwiderte sie ohne alle Empfindlichkeit. ›Sehen Sie, das war nicht möglich. Vor der Krankheit der Mutter war ich viel zu jung, kaum vierzehn Jahre vorüber, und dann wurde sie auf einmal so elend, daß sie das Bett nicht verlassen konnte; da brauchte sie also immer jemand um sich, und konnte ich denn ihre Pflege einer Fremden überlassen? Ja, wenn sie gesund geblieben wäre, da hätte ich mit Freuden alle unsere früheren Verhältnisse verleugnet, wäre etwa in einen Putzladen gegangen oder als Gouvernante in ein anständiges Haus, denn ich habe manches gelernt, mein Herr! Aber so ging es ja nicht!‹

Auch diesmal bat ich vergeblich, den Schleier zu lüften. Die Andeutungen, die sie über ihr Alter gegeben, reizten mich, ich gestehe es, nur noch mehr, das Gesicht dieses Mädchens zu sehen, die wenig über sechzehn Jahre haben konnte; aber sie bat mich so dringend, davon abzulassen, ihre Mutter habe ihr so triftige Gründe angegeben, daß es nimmer geschehen könne.

Wir trafen uns von da an alle drei Tage. Ich hatte immer einige kleine Arbeiten für sie, und pünktlich war sie damit fertig. Je fester ich in dem Betragen blieb, das ich einmal gegen sie angenommen, je strenger ich mich immer in den Grenzen des Anstandes hielt, desto zutraulicher und offener wurde das gute Mädchen. Sie gestand mir sogar, daß sie zu Hause die drei Tage über immer an den nächsten Abend denke. Und ging es mir denn anders? Tag und Nacht beschäftigte ich mich mit diesem sonderbaren Wesen, das mir durch seinen gebildeten Geist, durch sein liebenswürdiges Zartgefühl, durch sein eigentümliches Verhältnis zu mir immer interessanter wurde.

Der Frühling war indessen völlig heraufgekommen, und die Zeit war da, die ich mit Faldner schon längst zu einer Reise nach England festgesetzt hatte. Mancher hält es vielleicht für töricht, was ich ausspreche, aber wahr ist es, daß ich an diese Reise nur mit Widerwillen dachte; Paris an sich hatte nichts Interessantes mehr für mich; aber jenes Mädchen hatte alle meine Sinne so gefangen genommen, daß ich einer längeren Trennung nur mit Wehmut entgegensah. Ausweichen konnte ich nicht, ohne mich lächerlich zu machen, denn es war sonst kein bündiger Grund vorhanden, die Reise aufzuschieben; ich schämte mich sogar vor mir selbst und stellte mir die ganze Torheit meines Treibens vor; ich beschloß die Abreise, aber gewiß hat sich wohl keiner je so wenig auf England gefreut als ich.

25.

Acht Tage zuvor sagte ich es dem Mädchen; sie erschrak, sie weinte. Ich bat sie, ihre Mutter zu fragen, ob ich sie nicht besuchen dürfe, sie sagte es zu. Das nächste Mal aber brachte sie mir sehr betrübt die Antwort, daß mich ihre Mutter bitten lasse, diesen Besuch aufzugeben, der für ihren Gemütszustand allzu angreifend sein würde. Ich hatte jenen Besuch eigentlich nur darum nachgesucht, um mein Mädchen bei Tag und ohne Schleier zu sehen; ich verlangte dies also aufs neue wieder; aber sie bat mich, am Abend vor meiner Abreise noch einmal zu kommen, sie wolle ihre Mutter so lange bestürmen, bis sie die Erlaubnis erhalte, den Schleier aufzuheben. Unvergeßlich wird mir immer dieser Abend sein. Sie kam, und meine erste Frage war, ob die Mutter es erlaubt habe; sie sagte ja und hob von selbst den Schleier auf. Der Mond schien helle, und zitternd, begierig blickte ich unter den Hut. Aber die Erlaubnis schien nur teilweise gegeben zu sein, denn meine Schöne trug sogenannte Venezianeraugen, die den oberen Teil ihres Gesichtes verhüllten. Doch wie schön, wie reizend waren die Partien, welche frei waren! Eine feine, zierliche Nase, schöngeformte, blühende Wangen, ein kleiner, lieblicher Mund, ein Kinn wie aus Wachs geformt, und ein schlanker, blendend weißer Hals. Ueber die Augen konnte ich nicht recht ins reine kommen, aber sie schienen mir dunkel und feurig.

Sie errötete, als ich sie lange, entzückt betrachtete. ›Werden Sie mir nicht böse,‹ flüsterte sie, ›daß ich diese Halbmaske vornahm; die Mutter wollte es von Anfang ganz abschlagen, nachher gestattete sie es nur unter dieser Bedingung; ich war selbst recht ärgerlich darüber, aber sie sagte mir einige Gründe, die mir einleuchteten.‹

›Und was sind das für Gründe?‹ fragte ich.

›Ach mein Herr,‹ erwiderte sie wehmütig. ›Sie werden ewig in unserem Herzen leben, aber Sie selbst sollen uns ganz vergessen; Sie sollen mich nie, nie wiedersehen, oder wenn Sie mich auch sehen, nicht erkennen.‹

›Und meinen Sie denn, ich werde Ihre schönen Züge nicht wiedererkennen, wenn ich auch Ihre Augen, Ihre Stirne nicht sehen darf?‹

›Die Mutter meint,‹ antwortete sie, ›das sei nicht wohl möglich; denn wenn man ein Gesicht nur zur Hälfte gesehen, sei das Wiedererkennen schwer.‹

›Und warum soll ich dich denn nicht wiedersehen, nicht wiedererkennen?‹

Sie weinte bei dieser Frage, sie drückte meine Hand und sagte: ›Es darf ja nicht sein! Was kann Ihnen denn daran liegen, ein unglückliches Mädchen wiederzuerkennen; und -- nein, die Mutter hat recht; es ist besser so.‹

Ich sagte ihr, daß meine Reise nicht lange dauern werde; daß ich vielleicht schon nach zwei Monaten wieder in Paris sein könne, daß ich sie wiederzusehen hoffe. Sie weinte heftiger und verneinte es. Ich drang in sie, mir zu sagen, warum sie glaube, ich werde sie nicht mehr sehen.

›Mir ahnt,‹ erwiderte sie, ›ich sehe Sie heute zum letztenmal; ich glaube, meine Mutter wird nicht lange mehr leben, der Arzt sagte es mir gestern, und dann ist ja alles vorbei! Und wenn sie auch länger lebt, in London werden Sie ein so armes Geschöpf, wie ich bin, lange vergessen.‹