Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 1

Part 13

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Der junge Mann fühlte sich übrigens, ohne daß er es sich selbst recht gestand, angenehm berührt, geschmeichelt von Josephens Anhänglichkeit an ihn. Schien ihr nicht jeder Morgen, jeder Abend ein neues Fest zu sein? Wenn er herabkam zum Frühstück, hatte sie schon alles zierlich und nett bereitet; bald wählte sie den Saal, der eine herrliche Aussicht auf den fernen Rhein öffnete, bald die Terrasse, von wo sie das ländliche Gemälde der Arbeiter in den Feldern und an den Weinbergen vor sich hatten, so nah, um alles, wie ein treues Tableau, zu betrachten, und doch ferne genug, um im stillen Genuß des Morgens nicht gestört zu sein, bald hatte sie eine Laube im Garten ausgesucht, wo die Welt ringsum von dichten Platanen abgeschlossen und nur der frischen Morgenluft oder dem Frührot der Zutritt gestattet war. So erschien sie immer neu und überraschend, und wenn der Freund herzutrat, wie freudig stand sie auf, wie hold bot sie ihm die Hand zum Gruß, wie lebhaft wußte sie, wenn er noch ganz in ihren Anblick versunken ohne Worte war, das Gespräch anzuknüpfen, dies und jenes zu erzählen, durch Laune und feine Beobachtung allem, was sie sagte, ein eigenes Gewand, einen eigentümlichen Reiz zu geben! Und wenn sie dann nachher schnell und emsig das Geräte des Frühstücks auf die Seite räumte, wenn er sein Buch hervorzog, wenn sie mit der Arbeit, die sie selten beiseite legte, ihm sich gegenübersetzte und erwartungsvoll an seinen Lippen hing, da war es ihm oft, als müsse er alles, die ganze Welt vergessen, und einen kleinen, kurzen, seligen Augenblick träumte er, er sei ein glücklicher Gatte und sitze hier an der Seite eines geliebten Weibes.

19.

Es gereichte Josephen in den Augen ihres Freundes zu keinem geringen Ruhm, daß sie gerade jenen Dichter zu ihrem Liebling erwählt hatte, der auch ihn vor allen anzog. Zwar mußte er ihr oft bei Vorlesungen aus Jean Pauls herrlichen Dichtungen zu Hilfe kommen, um dieses oder jenes dunklere Gleichnis zu erklären; aber sie faßte schnell, ihr natürlicher Takt und ihr zarter Sinn, der so ganz in dem Dichter lebte, ließ sie manches erraten, ehe ihr noch der Freund Gewißheit gegeben hatte.

»Es liegt doch,« sagte sie eines Tages, »eine Welt voll Gedanken in diesem Hesperus! Jede menschliche Empfindung bei Freude und Schmerz, bei Liebe und Gram liegt zergliedert vor uns da; er weiß uns, indem wir den süßen Duft einer Blume einsaugen, ihre innersten Teile, ihre zarten Blätter, ihre feinsten Staubfäden zu beschreiben, ohne daß er sie zerstört, entblättert. Denn das, glaube ich, ist ja das große, tiefe Geheimnis dieses Meisters, daß er jede tiefere Empfindung nicht beschreibt, sondern andeutet, und doch wieder nicht flüchtig andeutet, sondern wie durch das feine Mikroskop eines Gleichnisses uns einen tiefen Blick in die Menschenseele tun läßt, wo Gedanke an Gedanke aufsteigt und das Auge überrascht, aber entzückt über die wundervolle Schöpfung, in eine Träne übergeht.«

»Sie haben,« erwiderte der Gastfreund, »wie es mir scheint, in diesen Worten sein Geheimnis wirklich ausgesprochen. Mir ist sonst, ich gestehe es offen, nichts so in der innersten Seele zuwider, als das sichtbare Abmühen eines Autors, dem Leser recht klar und deutlich zu machen, was sein Held oder die Heldin oder eine dritte, vierte Person da oder dort empfunden oder gedacht. Aber unser Dichter! Wie herrlich, wie reich ist auch hierin seine Erfindung; wir leben, wir denken, wir weinen unwillkürlich mit Viktor, und Klothildens bleichere Wangen, ihre klaglose Trauer trifft uns tiefer, als jede Beschreibung es sagen kann, und im warmen, weichen Glück der Liebenden möchten wir ein Strahl der Abendsonne sein, der in der Laube um ihre Umarmung spielt, jene Nachtigall, die ihnen die fromme Feier ihrer Seligkeit mit ihrer glockenhellen Stimme einläutete.«

»Es ist sonderbar,« bemerkte Josephe, »der Faden dieses Romans, was man sein Gerippe nennt, würde uns bei andern nicht im mindesten interessant, vielleicht sogar gesucht, langweilig dünken. Sechs verlorene, vertauschte, wiedergefundene Söhne, statt daß z. B. Walter Scott gewöhnlich nur _einen_ hat und sogar der Verfasser des _Walladmor_ in seiner Parodie mit zweien sich begnügt; eine junge Dame, die zu ihrer Qual von ihrem Bruder geliebt wird, selbst aber seinen Freund liebt; ein kleiner, simpler Hof in Duodez, ein Pfarrhaus voll Ratten und Kinder, und ein Edelsitz, wo Unedle wohnen; denken Sie sich diese gewöhnlichen Dinge in einer Reihenfolge, so haben Sie einen unserer gewöhnlichen Romane von verlorenen Söhnen etc. und nicht einmal einen rechten Jammer, um mich so auszudrücken, als etwa La Beaus Ermordung durch den Hofjunker oder das tragische Ende des Lords im fünften Akt. Aber welch ein Leben, welch eine Welt wird aus dieser Geschichte, wenn ihr jener Dichter seinen Blumenmantel umhängt! Welche geistreiche Luft, höher und reiner als jede irdische, kommt uns aus der verehrenden Liebe Viktors und Klothildens zu ihrem Lehrer Emanuel, welche Wehmut aus den Täuschungen eines kalten Lebens, wenn Viktor und jenes liebenswürdige Wesen sich verkennen, nicht finden; welche Wonne endlich, wenn ihre Seelen unter dem nächtlichen, gestirnten Himmel im Schmerz der Trennung sich aufschließen und überströmen in Liebe!«

»Ja,« rief der junge Mann, »unser Dichter ist ein großer Musiker! Er hat ein ausgespieltes, altes, längst gehörtes Thema vor sich; aber indem er den Gang des alten Liedchens beibehält, führt er die Gedanken auf eine Weise aus, die uns so überraschend, so neu erscheint, daß wir das Thema vergessen und nur auf die Wendungen horchen, in die er übergeht, in welchen er die Himmelsleiter der Töne wie ein Engel auf und ab geht und uns einen geöffneten seligen Himmel im Traume zeigt, während wir vielleicht wie Jakob in der Wirklichkeit auf recht hartem Lager liegen. Dann ist er bald weich wie eine Flöte, durchdringend wie die Hoboe, bald voll, rührend wie das Waldhorn aus der Ferne, bald braust er daher wie mit den mächtigsten tiefsten Bässen, majestätisch, erhaben, bald nur sanft lispelnd wie die Aeolsharfe oder in Wehmut aufgelöst wie die Töne der Harmonika.«

»Wie danke ich es ihm,« sagte Josephe weich, »daß er versöhnt, daß er die Wunden unserer Wehmut heilt! Es hätte ja in seiner Macht gestanden, Klothilden untergehen zu lassen im Schmerz unerwiderter Liebe, vor ihrem Tode hätte ihr Viktor noch zugerufen: ›Ich liebte dich ja über alles,‹ und sie wäre lächelnd eingeschlafen. Denken Sie sich den ungeheuren Schmerz, die Bitterkeit gegen das Geschick, wenn wir diese Menschen so hätten untergehen sehen, ohne Hoffnung, ohne Trost! Aber es wäre ja nicht möglich gewesen; Viktor hätte nicht so lange geliebt, hätte sich an Joachime oder die Fürstin hingegeben, denn ein Mann kann ja ohne erwiderte Liebe nicht lange lieben!«

»Glauben Sie das wirklich?« erwiderte Fröben wehmütig lächelnd. »O, wie wenig müssen Sie uns kennen, wie klein müssen Sie von uns denken, wenn wir nicht einmal den Mut besäßen, dieses kurze Leben hindurch treu zu lieben, auch ohne geliebt zu werden!«

»Ich halte es bei Frauen für möglich,« sagte die schöne Frau; »Liebe ohne Gegenliebe ist ein tiefes Unglück, und Frauen sind ja mehr dazu gemacht, stille Leiden zu tragen ein Erdenleben lang als ihr. Der Mann würde einen solchen Gram von sich werfen, oder der glühende Kummer müßte ihn verzehren!«

»Beides nicht -- ich lebe ja noch und liebe,« sagte Fröben, zerstreut vor sich hinblickend.

»Sie lieben!« rief Josephe, und mit so eigenem Ton, daß der junge Mann erschrocken aufblickte; sie schlug die Augen nieder, als ihr sein Blick begegnete, eine tiefe Röte überflog ihr Gesicht und ging ebenso schnell wieder in tiefe Blässe über.

»Ja,« sagte er, indem es ihm mit Mühe gelang, es scherzhaft zu sagen; »der Fall, den Sie setzten, ist der meinige, und noch liebe ich, vielleicht ruhiger, aber nicht minder innig als am ersten Tag, ich liebe sogar beinahe ohne Hoffnung, denn die Dame meines Herzens weiß nicht um meine Liebe, und dennoch, wie Sie sehen, hat mich der Kummer noch nicht getötet.«

»Und darf man wissen,« sagte sie zutraulich, aber, wie es Fröben schien, mit zitternder Stimme, »darf man wissen, wer die Glückliche ist?«

»Ach, sehen Sie, das ist gerade das Unglück, ich weiß ja nicht, wer sie ist, noch wo sie sich aufhält, und liebe dennoch; ja Sie werden mich für einen zweiten Don Quichotte halten, wenn ich gestehe, daß ich sie nur einigemal flüchtig sah, mich nur noch einiger Partien ihres Gesichtes erinnern kann, und dennoch in der Welt umherstreife, um sie zu finden, weil es mir zu Hause keine Ruhe läßt.«

»Sonderbar,« bemerkte Josephe, indem sie ihn nachdenklich ansah, »sonderbar; es ist wahr, ich kann mir einen solchen Fall denken, aber dennoch machen Sie eine seltene Ausnahme, lieber Fröben; wissen Sie denn, ob Sie geliebt werden? Ob das Mädchen Ihnen treu ist?«

»Nichts weiß ich von diesem allen,« erwiderte er ernst und mit verschlossenem Gram, »ich weiß nichts, als daß ich glücklich wäre, wenn ich jenes Wesen mein nennen könnte, und weiß nur allzugut, daß ich vielleicht auf immer verzichten muß und nie ganz glücklich werde!«

Je seltener sonst der junge Mann über diese Gefühle sich aussprach, desto mächtiger kamen in diesem Augenblicke alle Schmerzen der Erinnerung an gramvolle Stunden und eine Wehmut über ihn, der er sich nicht gewachsen fühlte. Er stand schnell auf und ging aus der Laube dem Schlosse zu. Aber Josephe sah ihm mit Blicken voll unendlicher Liebe nach, Träne um Träne löste sich aus den zuckenden Wimpern, und erst als sie wie ein Quell auf ihre schöne Hand herabfielen, erweckten sie Josephen aus ihren Träumen. Und beschämt, als hätte sie sich bei einer geheimen Schuld belauscht, errötete sie und preßte ihr Tuch vor diese verräterischen Augen.

20.

Die Vorhersagung des alten Mechanikus war eingetroffen, denn mit dem letzten Tage der Woche waren auch die Maschinen der Dampfmühle fertig aufgestellt. Der Baron, so unmutig er anfangs gewesen war, hatte in der Freude seines Herzens, als der erste Versuch glücklich gelungen war, den Alten und seine Gesellen reichlich beschenkt entlassen und auf Sonntag alle seine Nachbarn in der Umgegend eingeladen, um mit einem kleinen Feste seine Mühle einzuweihen. So glücklich und heiter er an diesem Tage war, so fröhlich und jovial er seine zahlreichen Gäste empfing, so entging es doch Fröbens beobachtenden Blicken nicht, daß er die arme Josephe mit hunderterlei Aufträgen und Anordnungen plagte, daß sie ihm nichts zu Dank machen konnte. Bald sollte sie in der Küche sein, um das Gesinde anzutreiben und selbst mitzuhelfen, bald besserte er dies oder jenes an ihrem Putz, bald wollte er vor Ungeduld verzweifeln, wenn sie nicht schnell genug die Treppe herabflog, um mit ihm am Portal die Ankommenden zu empfangen, bald wollte er die Tafel so oder anders gestellt haben, bald wollte er den Kaffee im Garten, bald im Salon trinken. Mit Engelsgeduld und einer Resignation, die dem Freunde unbegreiflich war, ertrug sie alle diese Unbilden. Sie war überall, sorgte für alles und wußte sogar einen Augenblick zu finden, um den Gastfreund zu fragen, warum er gerade heute so trübe sei, ihn aufzumuntern, an der allgemeinen Fröhlichkeit teilzunehmen.

Allgemein entzückte die Schönheit, die behende Aufmerksamkeit der Hausfrau; die Männer priesen den Baron glücklich, einen solchen Schatz im Hause zu haben, und mehrere der älteren Damen sagten ihm unverhohlen ihre Bewunderung über die seltenen Talente zur Wirtschaft, über die Einsicht und Ordnung einer so jungen Frau. »Siehst du,« flüsterte der Glückliche Fröben zu, »siehst du, was eine Zucht wie die meinige Wunder wirkt? Ich bin im ganzen heute recht zufrieden mit ihr, aber wenn ich nicht im geheimen überall selbst nachhülfe, wie stünde es dann um die wirtschaftliche Ehre der Hausfrau! Aber es macht sich, ich sagte es ja immer, es macht sich.« Die allgemeine Fröhlichkeit und der Wein steigerten Faldner immer höher, und es war endlich hohe Zeit, die Tafel aufzuheben, denn er und einige Herren aus der Nachbarschaft erlaubten sich schon Scherze und Anspielungen, welche jedes zartere Ohr beleidigten.

Man fuhr nach der neuen Dampfmühle, man weihte sie unter Scherz und Lachen förmlich ein, man ging wieder zurück und erstaunte aufs neue über die geschmackvollen und doch so bequemen Anordnungen, welche Josephe indessen im Garten getroffen hatte. Sie hatte es gewagt, nach ihrer eigenen Erfindung schnell eine große geräumige Laube errichten zu lassen; alle möglichen Erfrischungen erwarteten dort die Gäste, und ihr allgemeines Lob bewirkte ein Wunder: der Baron wurde nicht einmal ungehalten, daß man junge Eschen und Tannen aus seinem Walde zu der Laube verwendet, daß man seinen eigenen Plan, ein Zelt aus Brettern und Teppichen aufzuschlagen, nicht befolgt hatte. Er küßte seine Frau auf die Stirne und dankte ihr für die angenehme Ueberraschung.

Man setzte sich in bunten Reihen umher. Die Männer sprachen den alten Weinen des Hausherrn fleißig zu, und bald hatte eine allgemeine Fröhlichkeit die Gesellschaft erfaßt. Man spielte witzige, geistreiche Spiele, und als die mutwillige Laune der Männer noch höher stieg, wurden sogar Pfänderspiele nicht verschmäht. So kam es, daß bei ihrer Auslösung auch Fröben sein Pfand mit einer Strafe lösen sollte, und Josephe, welcher die Bestimmung dieser Strafe aufgelegt war, befahl ihm, eine _wahre_ Geschichte aus seinem Leben zu erzählen. Man gab ihrer Wahl allgemeinen Beifall, der Baron schlug vor Freuden über seine kluge Frau in die Hände, und als Fröben zauderte und sich besann, rief er: »Nun soll ich etwas für dich erzählen aus deinem Leben? Etwa die pikante Geschichte _von dem Mädchen vom Pont des Arts_?«

Fröben errötete und sah ihn mißbilligend an; aber die Gesellschaft, die hier vielleicht ein lustiges Geheimnis ahnete, rief: »Die Geschichte von dem Mädchen, die Geschichte vom Pont des Arts!« und vielleicht nur, um der Indiskretion seines Freundes zu entgehen, den der Wein schon etwas über die gewöhnlichen Grenzen hinausgerückt hatte, bequemte er sich zu erzählen; der Baron aber versprach der Gesellschaft, sobald der Erzähler von der genauen Wahrheit abweichen würde, wolle er Noten zu der Geschichte geben, denn er sei selbst dabei gewesen.

21.

»Ich weiß nicht,« hub Fröben an, »ob der Gesellschaft bekannt ist, daß ich vor mehreren Jahren mit unserem Faldner reiste, namentlich in Paris mit ihm einige Zeit zusammenlebte, ja _ein_ Haus mit ihm bewohnte? Wir hatten so ziemlich gemeinschaftliche Studien, besuchten dieselben Zirkel, machten gegenseitig unsere früheren Bekannten mit dem Freunde bekannt und lebten auf diese Weise unzertrennlich. Wir hatten einen gemeinschaftlichen Freund, den ebenso liebenswürdigen als gelehrten Doktor M., einen Landsmann, der in der Rue Taranne wohnte, die bekanntlich in die Rue St. Dominique führt und auf dem linken Ufer der Seine liegt. Unser gewöhnlicher Abendspaziergang war durch die ~Champs elysées~ über die schöne Brücke ins Marsfeld und von da durch Faubourg St. Germain in die Wohnung unseres Freundes, wo wir oft noch bis tief in der Nacht vom Vaterlande, von Frankreich, von dem, was wir gesehen, von allem möglichen plauderten. Wir wohnten, um dies noch hinzuzusetzen, an der Place des Victoires, ziemlich entfernt von der Rue Taranne, und wählten zum Rückweg gewöhnlich den Pont des Arts, um das Louvre zu durchschneiden und uns einen Umweg durch die Seitenstraßen zu ersparen. Eines Abends, es mochte nach elf Uhr sein -- es hatte etwas geregnet und der Wind wehte besonders in der Nähe des Flusses sehr kalt und schneidend -- gingen wir auch vom Quai Malaquais über den Pont des Arts dem Louvre zu. Der Pont des Arts ist nur für Fußgänger zugänglich, und so kam es, daß um diese Zeit nicht mehr viel Leben um und auf der Brücke war. Wir gingen, die Mäntel fester um uns ziehend, stillschweigend über die Brücke; schon wollte ich die Brückenstufen auf der andern Seite hinabeilen, als ein überraschender Anblick mich festhielt.

An die Brücke gelehnt, stand eine schlanke, ziemlich hohe weibliche Gestalt. Ein schwarzes Hütchen war tief ins Gesicht geknüpft und zum Ueberfluß noch mit einem grünen Schleier versehen; ein schwarzer Mantel von Seide fiel um den Leib, und der Wind, der die Gewänder in diesem Augenblick fester anschmiegte, verriet eine ungemein zarte, jugendliche Taille; aus dem Mantel ragte eine kleine Hand hervor, die einen Teller hielt; vor ihr aber stand ein kleines Laternchen, dessen Licht unruhig flackerte, sein Schein fiel auf einen zierlichen Fuß. Es wohnt vielleicht nirgends so sehr als in jener Stadt das tiefste Elend neben dem höchsten Glanz und Wohlleben, aber dennoch sieht man verhältnismäßig wenige Bettler. Sie drängen sich selten unverschämt herzu, und nie wird man sehen, daß sie dem Fremden nachlaufen, ihn mit Bitten verfolgen. Alte Männer oder Blinde sitzen oder knien an den Ecken der Straßen, den Hut ruhig vor sich hinhaltend, und überlassen es dem Vorübergehenden, ob er ihren bittenden Blick beachten will.

Am schauerlichsten, wenigstens für mein Gefühl, waren immer jene verschämten Bettler, die nachts mit verhülltem Haupt eine brennende Kerze vor sich, regungslos, fast schon wie erstorben in einer Ecke stehen; viele meiner Bekannten in Paris hatten mir versichert, daß man darauf rechnen könne, daß dies meistens Leute aus besseren Ständen seien, die durch Unglück so tief herabgekommen sind, daß sie entweder Arbeit suchen müssen, oder sind sie zu verschämt, vielleicht zu schwach, um für Brot zu arbeiten, so ergreifen sie diesen letzten Ausweg, ehe sie, wie so viele Unglückliche, ihr Leben in der Seine der Vergessenheit übergeben.

Von dieser Klasse der Bettelnden war die weibliche Gestalt an dem Pont des Arts, deren Anblick mich unwiderstehlich fesselte. Ich sah sie näher an; ihre Glieder schienen vor Frost noch heftiger zu zittern als das Flämmchen in der Laterne, aber sie schwieg und ließ ihr Elend und den kalten Nachtwind für sich reden. Ich suchte in der Tasche nach kleinem Gelde, aber es wollte sich kein Sou, sogar kein einzelner Frank finden. Ich wandte mich an Faldner und bat ihn um Münze; aber unmutig, durch mein Zögern der schneidenden Kälte ausgesetzt zu sein, rief er mir in unserer Sprache zu: ›So laß doch das Bettelvolk und spute dich, daß wir zu Bette kommen, mich friert!‹ -- ›Nur ein paar Sous, Bester!‹ bat ich; aber er packte mich am Mantel und wollte mich wegziehen.

Da rief die Verhüllte mit zitternder, aber wohltönender Stimme und zu unserer Verwunderung auf gut deutsch: ›O meine Herren! sein Sie barmherzig!‹ Diese Stimme, diese Worte und unsere Sprache hatten etwas so Rührendes für mich, daß ich nochmals um einige Münze bat. Er lachte: ›Nun wohlan, da hast du ein paar Franken,‹ sagte er, ›versuche dein Heil mit der Jungfer, aber laß mich aus dem Zug treten.‹ Er drückte mir das Geld in die Hand und ging lachend weiter. Ich war in diesem Augenblick wirklich verlegen, was ich tun sollte; sie mußte ja gehört haben, was Faldner sagte, und beleidigen mag ich am wenigsten einen Unglücklichen. Ich trat unschlüssig näher. ›Mein Kind,‹ sagte ich, ›Sie haben hier einen schlechten Standpunkt gewählt, hier werden heute abend nicht mehr viele Menschen vorübergehen.‹ Sie antwortete nicht gleich. ›Wenn nur,‹ flüsterte sie nach einer Weile kaum hörbar, ›diese wenigen Gefühl für Unglück haben!‹ Diese Antwort überraschte mich, sie war so ungesucht und doch so treffend. Die edle Haltung des Mädchens, der Ton, womit sie jene Worte gesagt, verrieten Bildung. ›Wir sind Landsleute,‹ fuhr ich fort, ›darf ich Sie nicht bitten, daß Sie mir sagen, ob ich vielleicht mehr für Sie tun kann, als so im Vorübergehen zu geschehen pflegt?‹ -- ›Wir sind sehr arm,‹ antwortete sie, wie mir schien, etwas mutiger, ›und meine Mutter ist krank und ohne Hilfe.‹ Ohne weitere Ueberlegung, nur von dem unbestimmten Gefühl, daß mich das Mädchen sehr anzog, getrieben, sagte ich: ›Führen Sie mich zu ihr!‹ Sie schwieg, der Vorschlag schien sie zu überraschen. ›Halten Sie dieses für nichts anders,‹ fuhr ich fort, ›als für meinen redlichen Willen, Ihnen zu helfen, wenn ich kann.‹ -- ›So kommen Sie,‹ erwiderte die Verschleierte, hob ihr Laternchen auf, löschte es aus und verbarg es samt dem Teller unter dem Mantel.« --

22.

»Wie?« rief der Baron laut lachend, als Fröben schwieg, »weiter willst du nicht erzählen? Willst es auch heute wieder machen, wie du es mir schon damals machtest? Nämlich bis hierher, meine Herren und Damen, hat er ganz nach reiner historischer Wahrheit erzählt. Er glaubte mich vielleicht weit weg, und ich stand keine zehn Schritte von der erbaulichen Samariterszene unter dem Portal des Palais und sah ihm zu; ob der Dialog wirklich so vor sich gegangen, weiß ich nicht, denn der schändliche Wind verwehte die Worte, aber ich sah, wie die Dame ihr Lämpchen auslöschte, und mit ihm zurück über die Brücke ging. Die Nacht war mir zu kalt, um ihm bei seinem galanten Abenteuer zu folgen, aber am Ende, ich wollte wetten, sah er weder eine kranke Mama noch dergleichen, sondern die Dame vom Pont des Arts hatte das alte Sirenenlied nur auf andere Weise gesungen.«

Er belachte seinen eigenen Witz, und die Männer stimmten ein in das rohe Gelächter, die Damen aber sahen vor sich nieder, und Josephe schien mit den Worten ihres Gatten so unzufrieden als mit der sonderbaren Erzählung ihres Freundes, denn bleich wie der Tod hielt sie ihre Tasse in den Händen, daß sie klirrte, und sandte dem jungen Mann nur _einen_ Blick zu, für den er in diesem Augenblick keine andere als eine tief beschämende Deutung wußte. »Ich glaube zwar,« sprach er, mit starker Stimme das Gelächter der Männer unterbrechend, »mein Pfand gelöst zu haben, aber mein eigener Vorteil will, daß ich eine Deutung dieses Vorfalls nicht zulasse, die mein Freund ihm unterzulegen scheint; Sie erlauben mir daher, daß ich fortfahre, und bei meinem Leben,« setzte er hinzu, indem er errötete und sein Auge höher leuchtete, »ich will Ihnen die reine Wahrheit sagen.

Das Mädchen bog über die Brücke ein, woher ich gekommen war. Während ich schweigend mehr hinter als neben ihr ging, hatte ich Zeit, sie zu betrachten. Ihre Gestalt, so weit sie der Mantel sehen ließ, ihre ganze Haltung, besonders aber ihre Stimme war sehr jugendlich. Ihr Gang schnell, aber leicht und schwebend. Sie hatte meinen Arm abgelehnt, als ich ihn zur Führung angeboten. Am Ende der Brücke bog sie nach der Rue Mazarin ein. ›Ist Ihre Mutter schon lange krank?‹ fragte ich, indem ich wieder an ihre Seite trat und versuchte, durch den Schleier etwas von ihren Zügen zu erspähen. ›Seit zwei Jahren,‹ antwortete sie seufzend, ›aber seit acht Tagen ist sie recht elend geworden.‹ -- ›Waren Sie schon öfter an jenem Ort?‹ -- ›Wo?‹ fragte sie. -- ›Auf der Brücke.‹ -- ›Diesen Abend zum erstenmal,‹ erwiderte sie. -- ›Dann haben Sie sich keinen guten Platz gesucht, andere Passagen sind frequenter.‹ Doch schon, indem ich dies sagte, bereute ich, es gesagt zu haben, denn es mußte sie ja verletzen. Mit unterdrücktem Weinen flüsterte sie: ›Ach, ich bin ja hier so unbekannt und -- ich schämte mich, so ins Gedränge zu gehen.‹

Wie grenzenlos mußte das Elend sein, das dieses Geschöpf zwang, zu betteln. Zwar wollten auch mir, ich gestehe es, einigemal solche Gedanken kommen, wie sie Faldner hatte, aber immer verschwanden sie wieder, weil sie widersinnig, unnatürlich waren; wenn sie zu jener verworfenen Klasse von Mädchen gehörte, warum sollte sie sich verhüllt an einen einsamen Ort stellen? Warum geflissentlich eine Gestalt verbergen, die, soviel die Umrisse flüchtig zeigten, gewiß zu den schöneren zu zählen war? Nein, es war gewiß wirkliches Elend und jene zarte Verschämtheit vor unverschuldeter Armut da, die das Unglück so unbeschreiblich rührend macht.