Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 1

Part 12

Chapter 123,630 wordsPublic domain

Unter diesen Worten hatte sie das Teegeschirr unsanft von sich gerückt, war aufgestanden und -- nach einer kurzen Verbeugung verließ sie den erstaunten Gast. Fröben wollte ihr nach, wollte abbitten, was er getan, wollte alles auf einmal gut machen, aber sie war schon in der Türe verschwunden, ehe er nur Fassung genug hatte, sich vom Sofa aufzuraffen. Unmutig ging er hinab in den Garten; er wußte nicht, sollte er sich selbst grollen oder der Empfindlichkeit der Dame, die ihm in diesem Augenblick übergroß erschien. Doch wie es in solchen Fällen zu geschehen pflegt, sein aufgeregtes Blut wallte nach und nach ruhiger und sein Geist gewann Raum, über sich selbst nachzusinnen. Und hier fand er nun manches, was Josephen zur Entschuldigung diente. »Sie liebt ihn nicht,« sagte er zu sich, »er behandelt sie vielleicht roh, zeigt sich mehr als Herr denn als Gatte. Sie wurde weich, als ich mit ihr über höhere Genüsse des Lebens sprach, ich sah, wie sie erschrak, als sie sich gegen mich verraten hatte, als sie aussprach, welcher Mangel selbst mitten im äußeren Glück sie drücke. Und mußte sie sich nicht ängstlich berührt fühlen, daß sie diesen Mangel einem Freunde ihres Gatten verriet? Und weiter, als ich ihr alles, alles sagte, als ich mit einer gewissen Bestimmtheit von ihrer Abstammung sprach, als ich, vielleicht etwas unzart, Saiten berührte, die sonst niemand bei ihr antastete, mußte sie nicht dadurch schon außer sich selbst geraten? Und als sie vollends den Argwohn, die Zweifelsucht des Barons bedachte, wurde sie nicht immer ängstlicher, immer verlegener, und ich,« fuhr er fort, indem er sich vor die Stirne schlug, »ich konnte ihr zumuten, ein Geheimnis mit mir zu teilen, das sie ihrem nächsten Freund, ihrem Gatten, nicht verraten dürfte? Mußte sie nicht fürchten, wenn sie es verheimlichte, ganz in meiner Hand zu sein? Mußte ihr nicht das ganze Anerbieten sonderbar, unzart vorkommen?« Wie hoch, wie edel erschien ihm jetzt erst der Charakter dieser Frau, wo nahm sie bei dieser Jugend, denn sie konnte höchstens neunzehn zählen, solche Stärke, solche Umsicht, solche ungewöhnliche Bildung, solche feine geselligen Formen her? Er fühlte, vielleicht zum erstenmal in seinem Leben, daß den Frauen etwas von Feinheit, Schlauheit, Kraft, Ueberwindung, kurz, daß ihnen ein Geheimnis innewohne, dem der Mann, selbst der stolze, gewichtige, nicht gewachsen sei.

16.

Der Baron von Faldner war zum Mittagessen zurückgekommen und Josephe hatte ihn mit der gewohnten Anmut, vielleicht ein wenig ernster als gewöhnlich, empfangen. Aber hastig riß er sich aus ihrer Umarmung. »Ist es nicht, um toll zu werden, Fröben?« rief er, ohne seine Frau weiter zu beachten. »Mit horrenden Kosten lasse ich mir eine Dampfmaschine aus England kommen, lasse sie, auf die Gefahr hin, daß alles zu Grunde gehe, ausschwärzen -- du kennst ja die Gesetze hierüber --, und jetzt, da ich meine, im Trockenen zu sein, da ich schon achtzig, ja hundert Prozent berechnete, jetzt geht sie nicht!«

»Franz!« rief Josephe erbleichend.

»Sie geht nicht?« rief ihr Fröben nach.

»Sie geht nicht!« wiederholte der unglückliche Landwirt. »Die Fugen greifen nicht ein, das Räderwerk steht, es muß irgend etwas verloren gegangen sein. Ich ließ, wie du weißt, Josephe, ich ließ es mich ja alles kosten, mit teurem Gelde ließ ich einen Mechanikus aus Mainz kommen; ich legte ihm die Zeichnung vor. ›Nichts leichter als dies,‹ sagte der Hund, und jetzt, da ich ihm A zu A, B zu B gebe, denn es ist alles numeriert und beschrieben, jetzt kann es kein Teufel zusammensetzen; o, es ist um rasend zu werden!«

Man setzte sich verstimmt zu Tische. Der Baron verbiß seinen inneren Grimm über die fehlgeschlagene Hoffnung und den wahrscheinlichen Verlust des Kapitals, er trank viel Wein und exaltierte sich zu schlechten Scherzen. Josephe war noch bleicher als gewöhnlich; sie besorgte still ihr Amt als Hausfrau, und nur Fröben wußte einigermaßen ihre Gefühle zu deuten, denn sie vermied es, ihn anzusehen. Ihm quoll der Bissen im Munde; er sah den Unmut einer getäuschten Hoffnung in den Mienen seines Freundes, er sah den Mut, die Entschlossenheit und doch wieder die unverkennbare Angst auf den Mienen der schönen Frau, es war ihm zuweilen, als sei mit ihm erst das Unglück über dieses Haus hereingebrochen. Das Gespräch schlich während der Tafel nur mühsam und stockend hin, doch als das Dessert aufgetragen war und die Diener auf Josephens Wink sich entfernt hatten, holte sie einigemal mühsam Atem, ihre Wangen färbten sich röter, und sie sprach:

»Du hast heute früh eine recht sonderbare Unterhaltung zwischen mir und deinem Freunde versäumt. Schon oft, wie du weißt, klagten wir über Mangel an Verwandtschaft von meiner Seite, jetzt scheint mir auf einmal ein neues Licht aufzugehen, denn er bringt uns ja viele und angesehene Verwandte ins Haus.«

Verwundert und fragend sah Faldner seinen Freund an; dieser war im ersten Augenblicke etwas betroffen, doch hier galt es, mit Umsicht zu handeln. Wunderbar fühlte er in diesem Augenblicke das Uebergewicht eines Mannes von Welt über die niedere, beinahe rohe Denkungsart eines Baron Faldner, und mit mehr Gelassenheit, mit weiser Benützung der Umstände erzählte er die sonderbare Geschichte des Bildes und seiner Bekanntschaft mit Don Pedro.

Gegen alle Erwartung wurde der Baron zusehends heiterer während der Erzählung. »Ei -- sonderbar,« waren die einzigen Worte, die ihm hie und da entschlüpften, und als Fröben geendet hatte, rief er: »Was ist klarer als dies? Donna Laura Tortosi und Laura von Tortheim, der Schweizer Kapitän Tannensee und dein Vater sind dieselben. Und reich sagst du, lieber Fröben, reich ist der Haushofmeister? Begütert, unverheiratet und hegt noch die alte Vorliebe für seine Dulcinea von Valencia? Ei der Tausend! Josephchen, da könnte es ja noch eine reiche Erbschaft von Piastern geben!«

Josephe hatte wohl diese Aeußerung nicht erwartet; der Gast sah ihr an, daß sie dieses gemeine Wort lieber ohne Zeugen gehört hätte; aber eine drückende Last schien sich dennoch ihrem Busen zu entladen, sie drückte die Hand ihres Gatten, vielleicht nur, weil er ihr diesmal weniger Bitteres gesagt hatte als sonst, und ziemlich aufgeheitert sagte sie: »Mir selbst scheint in dem sonderbaren Zusammentreffen unseres Freundes mit dem Spanier eine eigene Fügung des Schicksals zu liegen; ja ich glaube sogar, daß es spanische Lieder waren, die hie und da meine Mutter, wenn sie einsam war, zur Laute sang. Ja vielleicht kommt es eben daher, daß ich nicht in eurem Glauben erzogen wurde, obgleich mein Vater, wie ich bestimmt weiß, reformierten Glaubens war. Nun, das beste ist, unser Freund schreibt an Don Pedro.«

»Ja, tu mir den Gefallen,« sagte Faldner; »schreibe an den alten Don, seine Laura habest du nicht gefunden, aber offenbar ihre Tochter; es könnte doch zu etwas führen, du verstehst mich schon; wem will er auch seinen Mammon vermachen als dir, du Goldkind? Ich habe es ja immer gesagt, und auch zur Gräfin Landskron sagt' ich es, als ich um dich anhielt, wenn sie auch nicht viel, eigentlich gar nichts hat, mit ihr kommt Segen in mein Haus. Und haben wir da nicht den Segen? Wie hoch, sagtest du, daß du den Spanier schätzest?«

17.

Der Baron hatte frische Flaschen befohlen, und Josephe stand bei den letzten Worten auf und entfernte sich. Unbegreiflich war Fröben, wie unzart sein Freund mit dem holden, edlen Wesen verfuhr, er fühlte, wie sie sich vor ihm der Gemeinheit ihres Gatten schäme, er fühlte es und antwortete daher ziemlich unmutig: »Was weiß ich; meinst du denn, ich frage die Leute, mit denen ich umgehe, wie ein Engländer. Wieviel wiegst du?«

»Ach, ich kenne ja deine sonderbaren Grillen über diesen Punkt,« lachte der Baron, »dir ist ein armseliger Geselle, wenn er nur das sogenannte Sentiment und ~Savoir vivre~ besitzt, so gut als einer, der zweimalhunderttausend Pfund Renten hat; aber ernstlich, mit dem Don müssen wir ins reine kommen, und ich rechne ganz auf dich.«

»Ja doch; du kannst gänzlich auf mich rechnen. Aber wie war es denn mit der Gräfin Landskron? Du sagtest mir ja noch nicht einmal, wie du deine Frau kennen lerntest.«

»Nun, das ist eigentlich eine kurze Geschichte,« erwiderte Faldner, indem er sich und dem Freunde von neuem Wein in das Glas goß. »Du kennst meinen praktischen Sinn, meinen richtigen Takt in dergleichen Dingen. Es stand mir die Wahl frei unter den Töchtern des Landes; reiche, bemittelte, schöne, hübsche, alles stand mir zu Gebot. Aber ich dachte: Nicht alles ist Gold, was glänzt, und suchte mir eine tüchtige Hausfrau. So kam ich durch Zufall auch auf das Gut der Gräfin Landskron. Josephe war damals noch als Fräulein von Tannensee ihre Gesellschaftsdame. Das emsige, geschäftige Kind gefiel mir; Tee eingießen, Aepfel schälen, Bohnen brechen, Blumen begießen, kurz alles wußte sie so zierlich und nett zu machen, daß ich dachte, diese oder keine wird eine gute Hausfrau werden. Ich sprach mit der Gräfin darüber. Zwar schreckten mich anfangs die kurzgefaßten Nachrichten wieder ab, die mir die Landskron über Josephens Verhältnisse geben konnte. Sie sagte mir, daß sie Josephens Mutter gekannt und nach ihrem Tode das Mädchen zu sich genommen habe; Vermögen hatte sie nicht, aber die Gräfin gab eine anständige Ausstattung. Das Kopulationszeugnis ihrer Eltern, ihr Taufschein war richtig -- nun, man ist ja in der Liebe gewöhnlich ein Narr, und so nahm ich sie zu mir.«

»Und bist gewiß unendlich glücklich mit diesem holden Wesen?«

»Nun, nun, das geht so; praktisch ist sie nun einmal gar nicht, und ich muß ihr die dummen Bücher ordentlich konfiszieren, nur daß ich sie an Haus und Garten gewöhne; denn wie will man am Ende hier auf dem Lande auskommen, wenn die Hausfrau sich vornehm in das Sofa setzt, Romane und Almanachs liest, empfindelt, wozu sie ohnedies großen Hang hat, und weder Küche noch Garten besorgt?«

»Aber mein Gott, dazu könntest du ja Mägde halten?« bemerkte Fröben, den der Wein und das Gespräch noch wärmer und unmutiger gemacht hatten.

»Mägde?« fragte Faldner lachend und sah ihn groß an. »Mägde! Da sieht man wieder den Theoretiker! Freund, davon verstehst du nichts! Würden mir nicht die Mägde hinterrücks den halben Garten, die schönen Gemüse, Obst und Salat verkaufen? Und vollends in der Küche. Woher nur Holz und Butter genug nehmen, wenn alles den Mägden anvertraut ist! Nein, die Frau muß da schalten und walten, und leider! bin ich da mit Josephen schlecht gefahren; doch komm, stoß an; der Don soll alles gut machen!«

Fröben, so sehr sein Herz, sein zarterer Sinn durch alles, was er hier sah und hörte, verletzt wurde, wagte nichts entgegenzureden. Er folgte dem Hausherrn, als dieser jetzt aufstand, hielt seine Umarmung geduldig aus und nahm sogar, mehr um Josephen so bald nach diesem Vorfall nicht zu sehen, als aus Freude an des Barons Gesellschaft, seine Einladung an, ihn nach der neuen Dampfmühle zu begleiten. Die Pferde wurden vorgeführt, die Männer schwangen sich auf, und schon wollte Fröben um die Ecke biegen, als er noch einen Blick zurückwarf und Josephens Gestalt im Fenster erblickte; sie zog ihr Tuch von dem Auge, sie blickte ihnen wehmütig nach, sie grüßte mit der zierlichen Hand. »Deine Frau winkt uns noch, um Abschied zu nehmen,« rief er Faldner zu; aber dieser lachte ihn aus. »Was meinst du denn?« sagte er im Weiterreiten. »Glaubst du, ich habe sie so zart und weich gewöhnt, daß wir auf einen Nachmittag mit Küssen und Drücken, mit Grüßen und Schnupftuchwedeln Abschied nehmen? Gott bewahre mich, dadurch verwöhnt man die Weiber, und, wenn es dir einmal begegnen sollte, daß du auch heiratest, so mache es um Gottes willen wie ich. Kein Wort von einer Reise oder einem Spazierritt vorher. Das Pferd wird vorgeführt -- ›Wohin, mein Lieber?‹ fragt sie dann das erste oder zweite Mal. Keine Antwort, sondern die Handschuhe angezogen. ›Aber wirst du mich denn so allein lassen?‹ fragt sie weiter und streichelt dir die Wangen; du nimmst getrost die Reitpeitsche und sagst: ›Ja, ich will heute abend noch auf das Vorwerk, es ist dies und das zu tun. Adieu! und wenn ich bis neun Uhr nicht zu Hause bin, brauchst du mit der Suppe nicht zu warten.‹ Sie erschrickt, du achtest es nicht; sie will nach, du winkst ihr mit der Reitgerte zurück; sie stürzt ans Fenster, hängt sich und das Tränentüchlein heraus und ruft adieu! und wedelt hin und her mit dem weißen Fahnen. Laß wehen und achte nicht darauf. Drück dem Gaul die Sporen in den Leib und davon; ich kann dir schwören, das setzt die Weiber in Respekt. Das dritte Mal fragte die meine nicht mehr, und gottlob! das Gewinsel hat ein Ende!«

Der Baron hatte während dieser trefflichen Rede in größter Gemütsruhe eine Pfeife gestopft, Feuer angeschlagen und dampfte jetzt, indem er seine Felder und Wälder überschaute, ohne eine Antwort seines Gastes zu erwarten; aber dieser preßte die Lippen zusammen, und noch stärker preßte die Rede des rohen Mannes sein volles Herz. »O, du Hund von einem Menschen,« sprach er bei sich, »schlechter noch als ein Hund, denn der Herr hat dir ja Vernunft gegeben. Wie man ein Pferd zureitet oder einen Baum in bessere Erde setzt, hast du gelernt, aber eine schöne Seele zu behandeln, ein liebendes Herz zu verstehen, liegt außer deinen Grenzen. Wie sie ihm nachsah, so voll Wehmut, denn er hatte ja nicht von ihr Abschied genommen, so voll Engelsgeduld, sie hatte ihm ja seine rohen Worte schon wieder vergeben; mit einem Blick so voll von Liebe! Von Liebe? _Kann_ sie ihn denn lieben? Wird nicht ihr zarter Sinn tausendmal von ihm beleidigt? Sieht sie denn nicht, wie er seinem Jagdhund mehr Zärtlichkeit beweist als ihr? Oder wie?« fuhr er in seinem Hinträumen fort, »sollte sie, weil sie einmal sein Weib geworden ist, Zärtlichkeit für den fühlen, den sie an Geist so weit überragt und den sie dennoch -- fürchtet? Oder sollte es immer und ewig das Los dieser armen Wesen sein, daß unter Hunderten nur _eine_ wahrhaft lieben darf, daß die andern, von der Natur zu einem herrlichen Gefäß zärtlicher, hoher Liebe ausgerüstet, erwachsen, blühen, verwelken, ohne wahre Liebe zu kennen? Doch, dieser Gedanke wäre mir noch erträglicher als der, daß sie ihn wirklich lieben könnte! Nein, es kann, es darf nicht sein!« Unwillkürlich hatte er bei dem letzten Gedanken durch eine rasche Bewegung seinem Pferde die Sporen gegeben, es raffte sich auf und flog dahin. »Ho, ho, Junge! du willst mit mir in die Wette reiten?« rief ihm der Baron nach und steckte die Pfeife bei. »Zweihundert Schritte gebe ich dir vor und hole dich dennoch ein.« Kunstgerecht berechnete er dann den Zwischenraum, und als er dachte, Fröben habe die vorgegebenen Schritte zurückgelegt, ließ er sein Pferd weit ausstreichen und gelangte zu seinem nicht geringen Triumph in demselben Moment mit dem Freunde vor der Dampfmühle an.

18.

Der Mechanikus, ein bescheidener Mann, der aber allgemein den Ruf großer Geschicklichkeit genoß, empfing sie an der Türe. »Noch immer nicht weiter?« fragte Faldner, indem sein Gesicht sich verfinsterte. »Wahrhaftig, entweder ist mein Korrespondent in London ein Schurke und verdient gehangen zu werden, oder Ihr, Meister Fröhlich, versteht zwar Taschenuhren zusammen zu drechseln, aber keine Dampfmühle aufzuschlagen, wie Ihr mir vorgespiegelt.«

Der Mann schien tief gekränkt durch die Worte des Barons; eine hohe Röte überflog sein Gesicht und ein bitteres Wort schwebte auf seinen Lippen, aber er unterdrückte es und fuhr mit der Hand über sein schlichtes Haar, als wollte er seinen inneren Unmut wie seine Haare glätten. »Halten zu Gnaden, Herr Baron,« antwortete er; »wenn man mir Aufriß und Berechnung einer Maschine vorlegt und dazu Räderwerk und Schrauben so genau verzeichnet sind, so will ich eine Maschine zusammensetzen, wenn ich sie auch nie zuvor gesehen. Aber dann muß ich freies Spiel haben und dann steh' ich auch davor, daß alles recht wird, aber so --«

»Nun, daß ich selbst ein wenig mitgeholfen, meint Ihr? Darauf soll also alles geschoben werden? Ihr sagt selbst, daß Ihr in Eurem Leben noch keine solche Maschine gesehen, und ich habe eine gesehen, zwei, drei, in Frankreich und England, und weiß recht gut, daß die größeren Räder in der Mitte des Zylinders eingreifen und die kleineren oben angebracht sind --«

»Aber mein Gott, erlauben Eure Gnaden,« entgegnete der Künstler ungeduldig, »diese _Ihre_ Dampfmühle ist nun einmal nach anderer Struktur, das kann man ja schon an der Zeichnung sehen --«

»Zeichnung hin, Zeichnung her, Dampfmaschinen sind Dampfmaschinen, und eine sieht aus wie die andere. Betrogen bin ich; von allen Seiten angeführt, das Geld zum Fenster hinausgeworfen!«

Fröben hatte indessen die Zeichnungen zur Hand genommen und sie durchgesehen. Er fand, daß die Struktur dieser Mühle sehr einfach und schön, und wenn die bezeichneten Räder und Schrauben paßten, sehr leicht aufzuschlagen sei. Er hatte in früheren Zeiten Mathematik und Physik gründlich studiert, er hatte zugleich mit dem Freunde die berühmtesten Maschinenwerke gesehen und kennen gelernt, kam aber, weil er sich selten darüber äußerte, bei dem Herrn von Faldner, der sich mit seinen Kenntnissen ungemein viel wußte, in den Verdacht, wenig oder nichts vom Maschinenwesen zu verstehen. Er wandte sich nun, als Faldners Unmut noch größer zu werden drohte, an den Mechanikus, fragte nach diesen und jenen Stücken, die auf der Zeichnung angegeben waren, und als jener sie vorwies, als man sah, wie richtig sie ineinander passen, sagte er zu Faldner: »Ich wollte wetten, du bist durchaus nicht betrogen, denn so gut hier F und H in P passen -- du siehst, es sind die Hauptzüge, wodurch die Stampfmühle mit der Oelpresse in Verbindung gesetzt wird --, so gut muß sich auch das übrige fügen.«

»Ach, Sie hat unser Herrgott hergesandt;« rief der Mechanikus freudig, »wie Sie doch dies gleich so wegbekamen! Ja, das F ist der Hauptzug, H hier greift in das Stangenwerk ein, hier wird das Rad KL befestigt.«

»Die Maschine ist sehr einfach,« fuhr Fröben fort, »und der ganze Irrtum meines Freundes kommt daher, daß er die Struktur größerer Werke vor Augen hat, die freilich anders aussehen. Du wirst dich übrigens erinnern, daß wir in Devonshire bei Sir Henry Smith eine Oelmühle sahen, die beinahe ganz nach diesem Plan gebaut war.«

Der Baron verbarg sein Staunen hinter einem ironischen Lächeln, womit er bald den Freund, bald den Mechanikus ansah. »Machet, was ihr wollt,« sagte er gleichgültig, »ich gebe die ganze Geschichte verloren; vernünftiger wäre es gewesen, ich hätte einen englischen Mechaniker mitkommen lassen. Versuche immer dein Heil an dem heillosen Schraubenwerk; ich denke, wenn ich dich in einigen Stunden abhole, wirst du dieses Maschinen-Abc schon satt haben; denn darin, ich weiß es ja, bist du doch nur ein Abcschütze.« Pfeifend verließ er das Gebäude, setzte sich auf und ritt in den Wald.

Fröben aber ließ sogleich wieder auseinanderlegen, was nach des Barons eigenmächtigem Plan bisher zusammengefügt war. Die Nummern wurden geordnet, und er wurde unter diesem Geschäft nach und nach heiterer, denn es zerstreute die düsteren Bilder in seiner Seele, und nicht ohne Lächeln bemerkte er, wie ihn der Mechanikus mit leuchtenden Blicken betrachtete, wie ihn seine Gesellen und Jungen gleich einem Altmeister ihrer Kunst ehrfurchtsvoll ansahen. Freude und Leben war in die Werkstätte gekommen, wo man diesen Morgen nur die Befehle, die Flüche des Barons, die Bitten und Gegenreden des Meisters gehört hatte; bald war alles in Ordnung gebracht, und als der Baron abends aus dem Wald zurückkam, seinen Gast abzuholen, erstaunte er und schien sich im ersten Augenblick nicht einmal über das sichtbare Fortschreiten des Werkes zu freuen. Er hatte erwartet, alles in Bestürzung und Konfusion zu treffen, aber der Mechanikus überreichte ihm lächelnd die Zeichnung, führte ihn an den Zylinder und zeigte ihm, indem er bald auf das Papier, bald auf das Werk hindeutete, mit stolzer Freude, was sie bis jetzt schon geleistet haben. »Wenn es so fortgeht,« setzte der Mechanikus hinzu, »und wenn der fremde Herr dort uns auch morgen so trefflich an die Hand geht, so garantiere ich, daß wir noch vor Sonntag fertig werden.«

»Tolles Zeug!« war alles, was der Baron antwortete, indem er die Zeichnung zurückgab, und Fröben war ungewiß, ob es Flüche oder Danksagungen seien, was sein Freund hin und wieder murmelte, als sie zusammen nach dem Schloß zurückritten.

Der glückliche Fortgang des Maschinenbaues, vielleicht auch die schimmernde Aussicht auf Don Pedros spanische Quadrupeln, hatte den Baron in den nächsten Tagen fröhlicher gestimmt. Fröben hatte an den Spanier nach W. geschrieben, und sein Gastfreund nahm ihm das Versprechen ab, so lange bei ihm zu verweilen, bis aus W. eine Antwort angelangt sei. Auch gegen Josephe betrug er sich etwas menschlicher, und er hatte ihr, wahrscheinlich mehr aus Rücksicht auf den Freund als auf sie, sogar erlaubt, daß sie ihre Haushaltungsgeschäfte abkürzen und vormittags oder abends, wenn ihn selbst Geschäfte abhielten, sich von Fröben vorlesen lassen oder Spaziergänge mit ihm machen dürfe. Und sie lebte in diesen wenigen Tagen zusehends auf. Ihre Haltung wurde kräftiger, ihre Wangen rötete ein Schimmer von stillem Vergnügen, und in manchen Augenblicken, wenn ein holdes Lächeln um ihre Lippen zog, wenn jene feinen Grübchen in den Wangen erschienen, gestand sich Fröben, daß er selten eine schönere Frau gesehen habe, ja ihr Anblick verwirrte ihn oft so ganz, daß er ein geliebtes Bild seiner Träume verwirklicht glaubte, daß halbversunkene Erinnerungen wieder in ihm auftauchten, daß ihm sogar ihre Stimme, wenn sie bewegt, gerührt war, so bekannt deuchte, als hätte er sie nicht hier zum erstenmal gehört. Seltener zog er in jenen Tagen das Bild hervor, das er sonst stundenlang betrachtet hatte, und wenn es ihm zufällig in die Hände fiel, wenn er es aufrollte, wenn er in das Auge der unbekannten Geliebten sah, so fühlte er sich beschämt, er glaubte, ihrem leblosen Bilde diese Vernachlässigung abbitten zu müssen. »Doch,« sprach er dann zu sich, als müßte er sich entschuldigen, »ist es denn unrecht, der armen Freundin einige Tage ihres freudelosen Lebens angenehmer zu machen? Und wie wenig gehört dazu, dieses holde Wesen zu erfreuen, sie glücklicher zu stimmen! Ein schönes Buch mit ihr zu lesen, mit ihr zu sprechen, sie auf einem Spaziergang an ihre Lieblingsplätzchen zu begleiten -- dies ist ja alles, was sie braucht, um heiter und froh zu sein. Welchen Himmel könnte Faldner in seinem Hause haben, wenn er nur zuweilen die eine oder andere dieser kleinen Freuden mit ihr teilte!«