Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 1

Part 10

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Nach seiner Gewohnheit ging Fröben den Tag nachher in die Galerie; er stand lange vor dem Bilde, und wirklich dachte er an diesem Tage mehr an den Alten denn an die gemalte Dame; aber er wartete über eine Stunde -- der Alte kam nicht. Er ging mit dem Schlag zwei Uhr in die Anlagen, ging langsamen Schrittes um den See, zog oft sein Fernglas und schaute die lange Promenade hinab, aber die ehrwürdige Gestalt seines alten Freundes wollte sich nicht zeigen; umsonst schaute er nach den dünnen, schwarzen Beinen, nach dem spitzen Hut, umsonst nach Diego und den bunten Kleidern, mit Sonnenschirm und Regenmantel, er war nicht zu sehen. »Sollte er krank geworden sein?« fragte er sich, und unwillkürlich ging er nach dem Schloßplatz hin und nach dem Gasthof zum König von England, um Don Pedro zu besuchen. »Fort ist die ganze Wirtschaft, auf und davon;« antwortete auf seine Frage der Oberkellner, »gestern abend noch bekam der Prinz Depeschen, und heute vormittag sind Seine Hoheit nebst Gefolge in sechs Wagen nach W. abgereist; der Haushofmeister, er fuhr im zweiten, hat für Sie eine Karte hier gelassen.«

Begierig griff Fröben nach diesem letzten Freundeszeichen. Es war nur _Don Pedro di San Montanjo Ligez, Major Rio di S. A._ etc. darauf zu lesen. Verdrießlich wollte Fröben diesen kalten Abschied einstecken, da gewahrte er auf der Rückseite noch einige Worte mit der Bleifeder geschrieben, er las: »Lebt wohl, teurer Don Fröbenio; Eure Geschichte müßt Ihr mir schuldig bleiben; grüßet und küsset Donna Laura.«

Er lächelte über den Auftrag des alten Herrn, und doch als er in den nächsten Tagen wieder vor dem Bilde stand, war er wehmütiger als je, denn es war in seinem Leben eine Lücke entstanden durch Don Pedros Abreise. Er hatte sich so gerne mit dem guten Alten unterhalten, er hatte seit langer Zeit zum erstenmal wieder in einem genaueren Verhältnis mit Menschen gelebt, und deutlicher als je fühlte er jetzt, daß nur der Einsame, der Hoffnungslose ganz unglücklich ist. Wäre das Bild nicht gewesen, das ihn mit seinem eigentümlichen Zauber zurückhielt, schon längst hätte er Stuttgart verlassen, das sonst keine Reize für ihn hatte. Als ihm daher eines Tages die Herren Boisserée die treue Kopie jenes lieben Bildes, ein lithographiertes Blatt, zeigten und ihn damit beschenkten, nahm er es als einen Wink des Schicksals auf, verabschiedete sich von dem Urbild, packte die Kopie sorgfältig ein und verließ diese Stadt so stille, als er sie betreten hatte.

9.

Sein Aufenthalt in Stuttgart hatte nur dem Bilde gegolten, das er in jener Galerie gefunden. Er war, als er die Hauptstadt Württembergs berührte, auf einer Reise nach dem Rhein begriffen, und dahin zog er nun weiter. Er gestand sich selbst, daß ihn die letzten Monate beinahe allzuweich gemacht hatten. Er fühlte nicht ohne Beschämung und leises Schaudern, daß sein Trübsinn, sein ganzes Dichten und Trachten schon nahe an Narrheit gestreift hatten. Er war zwar unabhängig, hatte dieses Jahr noch zu Reisen bestimmt, ohne sich irgend einen festen Plan, ein Ziel zu setzen und wollte diese lange Unterbrechung seiner Reise auf die angenehme Lage der Stadt, auf die herrlichen Umgebungen schieben. Aber hatte er denn wirklich jene Stadt so angenehm gefunden? Hatte er Menschen aufgesucht, kennen gelernt? Hatte er sie nicht vielmehr gemieden, weil sie seine Einsamkeit, die ihm so lieb geworden, störten? Hatte er die herrlichen Umgebungen genossen? »Nein,« sagte er lächelnd zu sich, »man wäre versucht, an Zauberei zu glauben! Ich habe mich betragen wie ein Tor! Habe mich eingeschlossen in mein Zimmer, um zu lesen. Und habe ich denn wirklich gelesen? Stand nicht ihr Bild auf jeder Seite? Gingen meine Schritte weiter als zu _ihr_ oder um einmal unter dem Gewühl der Menge auf und ab zu gehen? Ist es nicht schon Raserei, auf so langen Wegen einem Schatten nachzujagen, jedes Mädchengesicht aufmerksam zu betrachten, ob ich nicht den holden Mund der unbekannten Geliebten wiedererkenne?«

So schalt sich der junge Mann, glaubte recht feste Vorsätze zu fassen, und wie oft, wenn sein Pferd langsamer bergan geschritten war, vergaß er oben es anzutreiben, weil seine Seele auf andern Wegen schweifte; wie oft, wenn er abends sein Gepäck öffnete und ihm die Rolle in die Hände fiel, entfaltete er unwillkürlich das Bild der Geliebten und vergaß, sich zur Ruhe zu legen.

Aber die reizenden Gebirgsgegenden am Neckar, die herrlichen Fluren von Mannheim, Worms, Mainz verfehlten auch auf ihn den eigentümlichen Eindruck nicht. Sie zerstreuten ihn, sie füllten seine Seele mit neuen, freundlichen Bildern. Und als er eines Morgens von Bingen aufbrach, stand nur ein Bild vor seinem Auge, ein Bild, das er noch heute erblicken sollte. Fröben hatte mit einem Landsmann Frankreich und England bereist, und aus dem Gesellschafter war ihm nach und nach ein Freund erwachsen. Zwar mußte er, wenn er über ihre Freundschaft nachdachte, sich selbst gestehen, daß Uebereinstimmung der Charaktere sie nicht zusammenführte; doch oft pflegt es ja zu geschehen, daß gerade das Ungleiche sich heißer liebt als das Aehnliche. Der Baron _von Faldner_ war etwas roh, ungebildet, selbst jene Reise, das bewegte Leben zweier Hauptstädte, wie Paris und London, hatte nur seine Außenseite etwas abschleifen und mildern können. Er war einer jener Menschen, die, weil sie durch fremde oder eigene Schuld, gewählte Lektüre, feinere tiefere Kenntnisse und die bildende Hand der Wissenschaften verschmähten, zur Ueberzeugung kamen, sie seien praktische Menschen, d. h. Leute, die in sich selbst alles tragen, um was sich andere, es zu erlernen, abmühen, die einen natürlichen Begriff von Ackerbau, Viehzucht, Wirtschaft und dergleichen haben, und sich nun für geborene Landwirte, für praktische Haushälter ansehen, die auf dem natürlichsten Wege _das_ zu erreichen glauben, was die Masse in Büchern sucht. Dieser Egoismus machte ihn glücklich, denn er sah nicht, auf welchen schwachen Stützen sein Wissen beruhte; noch glücklicher wäre er wohl gewesen, wenn diese Eigenliebe bei den Geschäften stehen geblieben wäre, aber er trug sie mit sich, wohin er ging, erteilte Rat, ohne welchen anzunehmen, hielt sich, was man ihm nicht gerade nachsagte, für einen _klugen Kopf_, und ward durch dieses alles ein unangenehmer Gesellschafter und zu Hause vielleicht ein kleiner Tyrann, aus dem einfachen Grunde, weil er klug war und immer recht hatte.

»Ob er wohl sein Sprichwort noch an sich hat,« fragte sich Fröben lächelnd, »das unabwendbare: ›Das habe ich ja gleich gesagt!‹ Wie oft, wenn er am wenigsten daran gedacht hatte, daß etwas gerade so geschehen werde, wie oft faßte er mich da bei der Hand und rief: ›Freund Fröben, sag' an, hab' ich es nicht schon vor vier Wochen gesagt, daß es so kommen würde? Warum habt Ihr mir nicht gefolgt?‹ Und wenn ich ihm so sonnenklar bewies, daß er zufällig gerade das Gegenteil behauptet habe, so ließ er sich unter keiner Bedingung davon abbringen und grollte drei, vier Tage lang.«

Fröben hoffte, Erfahrung und die schöne Natur um ihn her werden seinen Freund weiser gemacht haben. An einer der reizendsten Stellen des Rheintals, in der Nähe von Caub, lag sein Gut, und je näher der Reisende herabkam, desto freudiger schlug sein Herz über alle diese Herrlichkeit der Berge und des majestätischen Flusses, um so öfter sagte er zu sich: »Nein! er _muß_ sich geändert haben; in diesen Umgebungen kann man nur hingebend, nur freundlich und teilnehmend sein, und im Genuß dieser Aussicht muß man vergessen, wenn man auch wirklich recht hat, was bei ihm leider der seltene Fall ist.«

10.

Gegen Abend langte er auf dem Gute an; er gab sein Pferd vor dem Hause einem Diener, fragte nach seinem Herrn und wurde in den Garten gewiesen. Dort erkannte er schon von weitem Gestalt und Stimme seines Freundes. Er schien in diesem Augenblick mit einem alten Mann, der an einem Baum mit Graben beschäftigt war, heftig zu streiten. »Und wenn Ihr es auch hundert Jahre nach dem alten Schlendrian gemacht habt, statt fünfzig, so _muß_ der Baum doch so herausgenommen werden, wie ich sagte. Nur frisch daran, Alter; es kommt bei allem nur darauf an, daß man klug darüber nachdenkt.« Der Arbeiter setzte seufzend die Mütze auf, betrachtete noch einmal mit wehmütigem Blick den schönen Apfelbaum und stieß dann schnell, wie es schien unmutig, den Spaten in die Erde, um zu graben. Der Baron aber pfiff ein Liedchen, wandte sich um, und vor ihm stand ein Mensch, der ihn freundlich anlächelte und ihm die Hand entgegenstreckte. Er sah ihn verwundert an. »Was steht zu Dienst?« fragte er kurz und schnell.

»Kennst du mich nicht mehr, Faldner?« erwiderte der Fremde. »Solltest du bei deiner Baumschule London und Paris so ganz vergessen haben?«

»Ist's möglich, mein Fröben!« rief jener und eilte, den Freund zu umarmen. »Aber, mein Gott, wie hast du dich verändert, du bist so bleich und mager; das kommt von dem vielen Sitzen und Arbeiten; daß du auch gar keinen Rat befolgst, ich habe dir ja doch immer gesagt, es tauge nicht für dich.«

»Freund!« entgegnete Fröben, den dieser Empfang unwillkürlich an seine Gedanken unterwegs erinnerte: »Freund, denke doch ein wenig nach; hast du mir nicht immer gesagt, ich tauge nicht zum Landwirt, nicht zum Forstmann und dergleichen, und ich müßte eine juridische oder diplomatische Laufbahn einschlagen?«

»Ach, du guter Fröben!« sagte jener zweideutig lächelnd, »so laborierst du noch immer an einem kurzen Gedächtnis? sagte ich nicht schon damals --«

»Bitte, du hast recht, streiten wir nicht!« unterbrach ihn sein Gast, »laß uns lieber Vernünftigeres reden, wie es dir erging, seit wir uns nicht sahen, wie du lebst?«

Der Baron ließ Wein in eine Laube setzen und erzählte von seinem Leben und Treiben. Seine Erzählung bestand beinahe in nichts als in Klagen über schlechte Zeit und die Torheit der Menschen. Er gab nicht undeutlich zu verstehen, daß er es in den wenigen Jahren mit seinem hellen Kopf und den Kenntnissen, die er auf Reisen gesammelt, in der Landwirtschaft weit gebracht habe. Aber bald hatten ihm seine Nachbarn unberufen dies oder jenes abgeraten, bald hatte er unbegreifliche Widerspenstigkeit unter seinen Arbeitern selbst gefunden, die alles besser wissen wollten als er und in ihrer Verblendung sich auf lange Erfahrung stützten. Kurz, er lebte, wie er gestand, ein Leben voll ewiger Sorgen und Mühen, voll Hader und Zorn, und einige Prozesse wegen Grenzstreitigkeiten verbitterten ihm noch die wenigen frohen Stunden, die ihm die Besorgung seines Gutes übrig ließ. »Armer Freund!« dachte Fröben unter dieser Erzählung, »so reitest du noch dasselbe Steckenpferd, und es geht, wie der wildeste Renner, mit dir durch, ohne daß du es zügeln kannst.«

Doch die Reihe zu erzählen kam auch an den Gast, und er konnte seinem Freund in wenigen Worten sagen, daß er an einigen Höfen bei Gesandtschaften eingeteilt gewesen sei, daß er sich überall schlecht unterhalten, einen langen Urlaub genommen habe und jetzt wieder ein wenig in der Welt umherziehe.

»Du Glücklicher!« rief Faldner. »Wie beneide ich dir deine Verhältnisse; heute hier, morgen dort kennst keine Fesseln und kannst reisen, wohin und wie lange du willst. Es ist etwas Schönes um das Reisen! Ich wollte, ich könnte auch noch einmal so frei hinaus in die Welt!«

»Nun, was hindert dich denn?« rief Fröben lachend; »deine große Wirtschaft doch nicht? Die kannst du alle Tage einem Pächter geben, läßt dein Pferd satteln und ziehest mit mir!«

»Ach, das verstehst du nicht, Bester!« erwiderte der Baron verlegen lächelnd. »Einmal, was die Wirtschaft betrifft, da kann ich keinen Tag abwesend sein, ohne daß alles quer geht, denn ich bin doch die Seele des Ganzen. Und dann -- ich habe einen dummen Streich gemacht -- doch laß das gut sein; es geht einmal nicht mehr mit dem Reisen.«

In diesem Augenblicke kam ein Bedienter in die Laube, berichtete, daß die gnädige Frau zurückgekommen sei und anfragen lasse, wo man den Tee servieren solle?

»Ich denke oben im Zimmer,« sagte er, leicht errötend, und der Diener entfernte sich.

»Wie, du bist verheiratet?« fragte Fröben erstaunt. »Und das erfahre ich jetzt erst! Nun, ich wünsche Glück; aber sage mir doch -- ich hätte mir ja eher des Himmels Einfall träumen lassen als diese Neuigkeit; und seit wann?«

»Seit sechs Monaten,« erwiderte der Baron kleinlaut und ohne seinen Gast anzusehen; »doch wie kann dich dies so in Erstaunen setzen; du kannst dir denken, bei meiner großen Wirtschaft, da ich alles selbst besorge, so --«

»Je nun! ich finde es ganz natürlich und angemessen; aber wenn ich zurückdenke, wie du dich früher über das Heiraten äußertest, da dachte ich nie daran, daß dir je ein Mädchen recht sein würde.«

»Nein, verzeihe!« sagte Faldner, »ich sagte ja immer und schon damals --«

»Nun ja, du sagtest ja immer und schon damals,« rief der junge Mann lächelnd, »und schon damals und immer sagte ich, daß du nach deinen Prätensionen keine finden würdest, denn diese gingen auf ein Ideal, das ich nicht haben möchte, und wohl auch nicht zu finden war. Doch noch einmal meinen herzlichen Glückwunsch. Da aber eine Dame im Hause ist, die uns zum Tee ladet, so kann ich doch wahrlich nicht so in Reisekleidern erscheinen; gedulde dich nur ein wenig, ich werde bald wieder bei dir sein. Auf Wiedersehen!«

Er verließ die Laube, und der Baron sah ihm mit trüben Blicken nach. »Er hat nicht unrecht,« flüsterte er.

Doch in demselben Augenblick trat eine hohe weibliche Gestalt in die Laube. »Wer ging soeben von dir?« fragte sie schnell und hastig. »Wer sprach dies _auf Wiedersehen_?«

Der Baron stand auf und sah seine Frau verwundert an; er bemerkte, wie die sonst so zarte Farbe ihrer Wangen in ein glühendes Rot übergegangen war. »Nein! das ist nicht auszuhalten,« rief er heftig; »Josephe, wie oft muß ich dir sagen, daß Hufeland Leuten von deiner Konstitution jede allzurasche Bewegung streng untersagt; wie du jetzt glühst! Du bist gewiß wieder eine Strecke zu Fuß gegangen und hast dich erhitzt und gehst jetzt gegen alle Vernunft noch in den Garten hinab, wo es schon kühl ist. Immer und ewig muß ich dir alles wiederholen wie einem Kind; schäme dich!«

»Ach, ich wollte dich ja nur abholen,« sagte Josephe mit zitternder Stimme; »werde nur nicht gleich so böse; ich bin gewiß den ganzen Weg gefahren und bin auch gar nicht erhitzt. Sei doch gut.«

»Deine Wangen widersprechen,« fuhr er mürrisch fort. »Muß ich denn auch dir immer predigen? Und den Schal hast du auch nicht umgelegt, wie ich dir sagte, wenn du abends noch herab in den Garten gehst; wozu werfe ich denn das Geld zum Fenster hinaus für dergleichen Dinge, wenn man sie nicht einmal brauchen mag? O Gott! ich möchte oft rasend werden. Auch nicht das geringste tust du mir zu Gefallen; dein ewiger Eigensinn bringt mich noch um. O ich möchte oft --«

»Bitte, verzeihe mir, Franz!« bat sie wehmütig, indem sie große Tränen im Auge zerdrückte; »ich habe dich den ganzen Tag nicht gesehen und wollte dich hier überraschen; ach, ich dachte ja nicht mehr an das Tuch und an den Abend. Vergib mir, willst du deinem Weib vergeben?«

»Ist ja schon gut, laß mich doch in Ruhe, du weißt, ich liebe solche Szenen nicht; und gar vollends Tränen! Gewöhne dir doch um Gottes willen die fatale Weichlichkeit ab, über jeden Bettel zu weinen. -- Wir haben einen Gast, Fröben, von dem ich dir schon erzählte, er reiste mit mir. Führe dich vernünftig auf, Josephe, hörst du? Laß es an nichts fehlen, daß ich nicht auch die Sorgen der Haushaltung auf mir haben muß. Im Salon wird der Tee getrunken.«

Er ging schweigend ihr voran die Allee entlang nach dem Schlosse. Trübe folgte ihm Josephe; eine Frage schwebte auf ihren Lippen, aber so gern sie gesprochen hätte, sie verschloß diese Frage wieder tief in ihre Brust.

11.

Als der Baron spät in der Nacht seinen Gast auf sein Zimmer begleitete, konnte sich dieser nicht enthalten, ihm zu seiner Wahl Glück zu wünschen. »Wahrhaftig, Franz!« sagte er, indem er ihm feurig die Hand drückte, »ein solches Weib hat dir gefehlt. Du warst ein Glückskind von jeher, aber das hätte ich mir nicht träumen lassen, daß du bei deinen sonderbaren Maximen und Forderungen ein solch liebenswürdiges, herrliches Kind heimführen werdest.«

»Ja, ja, ich bin mit ihr zufrieden,« erwiderte der Baron trocken, indem er seine Kerze heller aufstörte; »man kann ja nicht alles haben. An diesen Gedanken muß man sich freilich gewöhnen auf dieser unvollkommenen Welt.«

»Mensch! ich will nicht hoffen, daß du undankbar gegen so vieles Schöne bist. Ich habe viele Frauen gesehen, aber weiß Gott, keine von solch untadelhafter Schönheit wie dein Weib. Diese Augen! Welch rührender Ausdruck! Glaubt man nicht liebliche Träume auf ihrer schönen Stirne zu lesen? Und diese zarte, schlanke Gestalt! Und ich weiß nicht, ob ich ihren feinen Takt, ihr richtiges Urteil, ihren gebildeten Geist nicht noch mehr bewundern soll.«

»Du bist ja ganz bezaubert,« lächelte Faldner; »doch von jeher hast du zu viel gelesen und weniger aufs Praktische gesehen; ich sagte es ja immer -- mit den Weibern ist es ein eigenes Ding,« fuhr er seufzend fort, »glaube mir, in der Wirtschaft ist oft eine, die es versteht und die Sache flink umtreibt, besser als ein sogenannter gebildeter Geist. Gute Nacht; sei froh, daß du noch frei bist und -- wähle nicht zu rasch.«

Unmutig sah ihm Fröben nach, als er das Zimmer verlassen hatte. »Ich glaube, der Unmensch ist auch jetzt nicht mit seinem Lose zufrieden; hat einen Engel gewählt und schafft sich durch seine lächerlichen Prätensionen eine Hölle im Haus. Das arme Weib!«

Es war ihm nicht entgangen, wie ängstlich sie bei allem, was sie tat und sagte, an seinen Blicken hing, wie er ihr oft ein grimmiges Auge zeigte, wenn sie nach seinen Begriffen einen Fehler begangen, wie er ihr oft mit der Hand winkte, die Lippen zusammenbiß und stöhnte, wenn er glaubte, von dem Gast nicht gesehen zu werden. Und mit welcher Engelsgeduld trug sie dies alles! Sie hatte tiefen, wunderbaren Eindruck auf ihn gemacht. Das reiche blonde Haar, das um eine freie Stirn fiel, ließ blaue Augen, rote Wangen, vielleicht auch ein Näschen erwarten, das durch seine zierliche Keckheit Blondinen mehr als Brünetten ziert. Aber von alledem nichts. Unter den blonden Wimpern ruhte wie das Mondlicht hinter dünnen Wolken ein braunes Auge, das nicht durch Glut oder bloße Lebendigkeit, sondern durch ein gewisses Etwas von sinnender Schwermut überraschte, das Fröben bei schönen Frauen, so selten er es fand, so unendlich liebte. Ihre Nase näherte sich dem griechischen Stamm, die Wangen waren gewöhnlich bleich, nur von einem leisen Schatten von Rot unterlaufen, und das einzige, was in ihrem Gesichte blühte, waren statt der Rosen der Wangen die Lippen, bei deren Anblick man sich des Gedankens an zarte, rote Kirschen nicht erwehren konnte.

»Und diese herrliche Gestalt,« fuhr Fröben in seinen Gedanken weiter fort, »so zart, so hoch und, wenn sie über das Zimmer geht, beinahe schwebend! Schwebend? Als ob ich nicht gesehen hätte, daß sie recht schwer zu tragen hat, daß diese Lippen so manches Wort des Grams verschließen, daß diese Augen nur auf die Einsamkeit warten, um über den rohen Gatten zu weinen! Nein, es ist unmöglich,« fuhr er nach einigem Sinnen fort, »sie kann ihn nicht aus Liebe geheiratet haben. Die Welt, die hinter diesem Auge liegt, ist zu groß für Faldners Verstand, das Herz seines Weibes zu zart für den rohen Druck ihres Haustyrannen. Ich bedaure sie!«

Er war während dieser Worte an einen Schrank getreten, worin die Diener sein Reisegeräte niedergelegt hatten. Er schloß ihn auf, sein erster Blick fiel auf die wohlbekannte Rolle, und er errötete. »Bin ich dir nicht ungetreu gewesen diesen Abend?« fragte er. »Hat nicht ein anderes Bild sich in mein Herz geschlichen? Ja, und ertappe ich mich nicht auf Reflexionen über das Weib meines Freundes, die mir nicht ziemen, die ihr auf jeden Fall nichts nützen können?« Er entrollte das Bild der Geliebten und blieb betroffen stehen. Wie ein Gedanke, der bisher in ihm schlummerte und verworren träumte, erwacht es jetzt mit einemmal in ihm, daß Frau von Faldner wunderbare Aehnlichkeit mit diesem Bilde habe. Zwar waren ihre Haare, ihre Augen, ihre Stirn gänzlich verschieden von denen des Bildes, aber überraschende Aehnlichkeit glaubte er in Nase, Mund und Kinn, ja sogar in der Haltung des zierlichen Halses zu finden. »Und diese Stimme!« rief er. »Klang mir diese Stimme nicht gleich anfangs so bekannt? Wie ist mir denn? Wäre es möglich, daß die Gattin meines Freundes jenes Mädchen wäre, die ich nur einmal, nur halb gesehen und ewig liebe und, von jenem Augenblick an, vergebens suche? Die Gestalt -- ja auch sie war groß, und als ich ihr den Mantel umschlang, als sie an meinem Herzen ruhte, fühlte ich eine feine schlanke Taille. Und begegnete ich nicht heute abend so oft ihrem Auge, das prüfend auf mir ruhte? Sollte auch sie mich wiedererkennen? Doch -- ich Tor! wie könnte Faldner bei seinem Mißtrauen, bei seinen strengen Grundsätzen über Adel und unbescholtenen Ruf eine -- unbekannte Bettlerin geheiratet haben?«

Er sah wieder prüfend auf das Bild herab, er glaubte in diesem Augenblick Gewißheit zu haben, im nächsten zweifelte er wieder. Er klagte sein treuloses Gedächtnis an. Hatte nicht dieses Gemälde sich so ganz mit seinen früheren Erinnerungen vermischt, daß er die Unbekannte sich nicht mehr anders dachte als wie dieses Bild? Und nun, da er auf eine neue, auffallende Aehnlichkeit gestoßen, stand er nicht vor einem Labyrinth von Zweifeln? Er warf das Gemälde auf die Seite und verbarg seine heiße Stirn in die Kissen seines Bettes. Er wünschte sich tiefen Schlaf herbei, damit er diesen Zweifeln entgehe, daß ihm das wahre Bild mit siegender Kraft in seinen Träumen aufgehe.

12.

Als Fröben am andern Morgen in den Salon trat, wo er frühstücken sollte, war sein rastloser Freund schon ausgeritten, um eine Dammarbeit an der Grenze seines Gutes zu besichtigen. Der Diener, der ihm diese Nachricht gab, setzte mit wichtiger Miene hinzu, daß sein Herr wohl kaum vor Mittag zurückkommen dürfte, weil er noch seine neue Dampfmühle, einige Schläge im Wald, eine neue Gartenanlage, nebst vielem andern besichtigen müsse. »Und die gnädige Frau?« fragte der Gast.

»War schon vor einer Stunde im Garten, um Bohnen abzubrechen, und wird jetzt bald zum Frühstück hier sein.«

Fröben ging im Saal umher und musterte in Gedanken den vergangenen Abend. Wie anders erscheinen alle Bilder in der Morgenbeleuchtung, als sie uns im Duft des Abends erschienen! Auch mit den verworrenen Gedanken, die gestern in ihm auf und ab schwebten, ging es ihm so; er lächelte über sich selbst, über die Zweifel, die ihm seine rege Phantasie aufgeweckt hatte. »Der Baron,« sprach er zu sich, »ist am Ende doch ein guter Mensch; freilich viele Eigenheiten, einige Roheit, die aber mehr im Aeußern liegt. Aber wer länger mit ihm umgeht, gewöhnt sich daran, weiß sich darein zu finden. Und Josephe? wie vorschnell man oft urteilt! Wie oft glaubte ich rührenden Kummer, tiefe Seelenleiden, Resignation in den Augen, in den Mienen einer Frau zu lesen, ließ mich vom Teufel blenden, sie recht zart zu trösten und aufrichten zu wollen, und am Ende lag der ganze Zauber in meiner Einbildung: es war dann, näher betrachtet, eine ganz gewöhnliche Frau, die mit den sinnenden Augen, worin ich Wehmut sah, ängstlich die Augen an ihrem Strickstrumpf zählte, oder hinter der von Gram umwölkten Stirne bedachte, was sie auf den Abend kochen lassen wollte.« Er verfolgte diese Gedanken, um sich selbst mit Ironie zu strafen, um die zartere Empfindung, jene Nachklänge von gestern, zu verdrängen, die ihm heute töricht, überspannt erschienen. In diese Gedanken versunken, war er an den Spiegel getreten und hatte die Besuchskarten überlesen, die dort angesteckt waren. Da fiel ihm eine in die Hand, welche Faldners eigene Verlobung ankündigte. Er las die zierlich gestochenen Worte: »Freiherr F. von Faldner mit seiner Braut Josephe von Tannensee.«