Wie Wiselis Weg gefunden wird Erzählung

Chapter 1

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Wie Wiselis Weg gefunden wird Erzählung

Johanna Spyri

1. Kapitel (Auf dem Schlittenweg)

Draußen vor der Stadt Bern liegt ein Dörflein an einem Berghang. Ich kann hier nicht sagen, wie es heißt, aber ich will es ein wenig beschreiben. Wer dann dahinkommt, der kann es gleich erkennen. Oben auf der Anhöhe steht ein einzelnes Haus mit einem Garten daran, voll schöner Blumen von allen Arten. Das gehört dem Oberst Ritter und heißt Auf dem Hang. Von da geht es hinunter. Dann stehen auf einem kleinen, ebenen Platz die Kirche und daneben das Pfarrhaus. Dort hat die Frau des Obersten als Pfarrerstochter ihre fröhliche Kindheit verlebt.

Etwas weiter unten kommen das Schulhaus und noch einige Häuser, und dann steht links am Weg noch ein Häuschen ganz allein. Davor liegt auch ein Gärtchen mit ein paar Rosen und ein paar Nelken und ein paar Resedastöckchen, daneben aber sind Beete mit Zichorien und Spinat bepflanzt, mit einer niederen Hecke von Johannisbeersträuchern umgeben. Alles ist da immer in bester Ordnung und kein Unkraut zu sehen. Dann geht der Weg wieder bergab den ganzen langen Hang hinunter bis auf die große Straße, die an der Aare entlang ins Land hinausführt.

Dieser ganze lange Hang bildete zur Winterszeit den herrlichsten Schlittenweg, der weit und breit zu finden war. Zehn Minuten lang konnte man da auf dem Schlitten sitzen bleiben, ohne abzusteigen. Denn war man vom Haus des Obersten an bei diesem ersten, steilen Absatz einmal recht in Fahrt gekommen, so gingen die Schlitten vorwärts ohne Nachhilfe bis hinunter auf die Aarestraße.

Diese unvergleichliche Schlittenbahn machte auch das Lebensglück einer großen Schar von Kindern aus, die alle, sobald nur die alte Schulstubentür sich öffnete, herausstürzten, ihre Schlitten vom Haufen rissen, den sie im Vorhof bildeten, und mit Windeseile zum Schlittenweg rannten, wo die Stunden verflogen, man wußte nicht, wie. Denn unten am Berg war man immer so schnell und beim Hinaufsteigen dachte man so eifrig ans nächste Hinunterfahren, daß man rasch wieder oben war.

So brach immer zum großen Schrecken der Kinder die Nacht viel zu früh herein, denn dies war die Zeit, da fast alle nach Hause gehen mußten. Da folgte dann gewöhnlich noch ein ziemlich stürmisches Ende, denn da wollte man schnell noch einmal fahren und dann noch einmal und dann nur noch ein einziges Mal. Und so mußte dann alles noch in größter Eile zugehen, das Aufsitzen und das Abfahren und wieder die Rückkehr den Berg hinauf. Da war auch ein Gesetz errichtet worden, daß keiner hinunterfahren sollte, während die anderen hinaufstiegen, sondern hintereinander sollten alle abfahren und miteinander alle zurückkehren, damit kein Gedränge und Schlittenverwickelungen entstehen könnten. Manchmal aber gab es doch allerlei ungesetzliche Verwirrungen, besonders auf diesen drangvollen Schlußfahrten, da dann keiner zuletzt sein und etwa noch zu kurz kommen wollte.

So war es auch an einem hellen Januarabend, da vor Kälte die Schlittenbahn laut knisterte unter den Füßen der Kinder und der Schnee nebenan auf den Feldern so hart gefroren war, daß man hätte darauf fahren können wie auf einer festen Straße. Die Kinder aber waren alle glühend rot und heiß dazu, denn eben waren sie im angestrengten Lauf den ganzen Berg hinaufgelaufen und hatten ihre Schlitten nachgezogen. Und nun wurden die Schlitten rasch gewendet, die Kinder stürzten sich darauf, denn es hatte Eile. Drüben stand schon hell der Mond am Himmel, und die Betglocke hatte auch schon geläutet.

Die Buben hatten aber alle gerufen: “Noch einmal! Noch einmal!” Und die Mädchen waren einverstanden. Aber beim Aufsitzen gab es eine Verwirrung und einen großen Lärm. Drei Buben wollten durchaus auf demselben Platz mit ihren Schlitten stehen, und keiner wollte auch nur einen Zentimeter zurückweichen und später abfahren. So drückten sie einander auf die Seite hin, und der breite Chäppi wurde von den beiden anderen so gegen den Rand des Weges hin gestoßen, daß er ganz in den Schnee hineinsank mit seinem schweren Schlitten und fühlte, daß er unter ihm stecken blieb.

Eine große Wut ergriff ihn bei dem Gedanken, daß die anderen nun abfahren würden. Er schaute um sich. Da fiel sein Blick auf ein kleines, schmales Mädchen, das neben ihm im Schnee stand. Es war ganz bleich und hielt beide Arme in seine Schürze gewickelt, um es wärmer zu haben. Aber es zitterte doch vor Frost an seinem ganzen dünnen Körperchen. Das schien dem Chäppi ein passendes Wesen zu sein um seine Wut daran auszulassen.

“Kannst du einem nicht aus dem Weg gehen, du lumpiges Ding? Du brauchst nicht hier zu stehen, du hast ja nicht einmal einen Schlitten. Wart nur, ich will dir schon aus dem Weg helfen.” Damit stieß der Chäppi seinen Stiefel in den Schnee hinein, um dem Kind eine Schneewolke entgegenzuwerfen.

Es floh zurück, so daß es bis an die Knie in den Schnee sank, und sagte schüchtern: “Ich wollte nur zusehen.”

Der Chäppi stieß eben seinen Stiefel noch einmal in den Schnee, als ihn von hinten eine so erschütternde Ohrfeige traf, daß er fast vom Schlitten fiel. “Wart du!” rief er außer sich vor Erbitterung, denn sein Ohr sauste, wie es noch kaum je gesaust hatte. Mit geballter Hand drehte er sich um, seinen Feind zu treffen.

Da stand einer hinter ihm, der hatte eben seinen Schlitten zum Abfahren zurecht gestellt. Er schaute nun ganz ruhig auf den Chäppi nieder und sagte: “Probier’s!” Es war Chäppis Klassengenosse, der elfjährige Otto Ritter, der öfter mit dem Chäppi kleine Meinungsverschiedenheiten auszutragen hatte. Otto war ein schlanker, aufgeschossener Junge, lange nicht so breit wie der Chäppi. Aber dieser hatte schon mehr als einmal erfahren, daß Otto eine merkwürdige Gewandtheit in Händen und Füßen besaß, gegen die der Chäppi sich nicht zu helfen wußte.

Er schlug nicht zu, aber die geballte Hand hielt er immer noch hoch, und wuterfüllt rief er: “Laß du mich gehen, ich habe nichts mit dir zu tun!”

“Aber ich mit dir”, entgegnete Otto kriegerisch. “Was brauchst du das Wiseli dorthinein zu jagen und es noch mit Schnee zu überschütten? Ich habe es gesehen, du Feigling. Fällt über ein kleines Kind her, das sich nicht wehren kann!” Damit kehrte er verächtlich dem Chäppi den Rücken und wandte sich dem Schneefeld zu, wo das bleiche Wiseli noch immer stand und zitterte. “Komm heraus aus dem Schnee, Wiseli”, sagte Otto mit Beschützermiene. “Siehst du, du klapperst ja vor Frost. Hast du wirklich gar keinen Schlitten, und hast du nur zusehen müssen? Da, nimm meinen und fahr einmal hinunter, schnell, siehst du, da fahren sie schon.”

Das bleiche, schüchterne Wiseli wußte gar nicht, wie ihm geschah. Zwei-, dreimal hatte es zugeschaut, wie eines nach dem andern auf seinem Schlitten saß, und gedacht: Wenn ich nur ein einziges Mal ganz hinten aufsitzen dürfte. Nun sollte es allein hinunterfahren dürfen und dazu auf dem allerschönsten Schlitten mit dem Löwenkopf vorn, der immer allen anderen zuvorkam, weil er so leicht und hoch mit Eisen beschlagen war.

Vor lauter Glück stand Wiseli ganz unschlüssig da und schaute nach dem Chäppi, ob er es nicht vielleicht zu prügeln gedenke zur Strafe für sein Glück. Aber der saß jetzt ganz abgekühlt da, so als wäre gar nichts geschehen. Und Otto stand so schutzverheißend daneben, daß das Wiseli seinen Mut zusammennahm, um sein Glück zu erfassen. Es setzte sich wirklich auf den schönen Schlitten, und da nun Otto mahnte: “Schnell, Wiseli, fahr ab”, so gehorchte es, und hinunter ging’s wie vom Wind getragen.

In der kürzesten Zeit hörte Otto die ganze Gesellschaft wieder herankeuchen, und er rief der Kleinen entgegen: “Wiseli, bleib unter den Vordersten und sitz gleich noch einmal auf und fahr zu! Nachher müssen wir gehen.” Das glückliche Wiseli setzte sich noch einmal hin und genoß noch einmal die langersehnte Freude. Dann brachte es den Schlitten zurück und dankte ganz schüchtern seinem Wohltäter und rannte eilig davon.

Otto fühlte sich sehr befriedigt. “Wo ist das Miezi?” rief er in die Gesellschaft hinein, die sich allmählich zerstreute.

“Da ist es”, ertönte eine fröhliche Kinderstimme, und aus dem Knäuel heraus trat ein rundes, kleines Mädchen, das der Bruder Otto als kräftiger Schutzmann bei der Hand faßte und nun mit ihm zum väterlichen Haus lief. Denn es war heute spät geworden. Die erlaubte Zeit des Schlittenfahrens war lange überschritten.

2. Kapitel (Daheim, wo’s gut ist)

Als Otto und seine Schwester durch den langen, steinernen Hausflur hereinstürmten, trat die alte Trine aus einer Tür und hielt ihr Licht in die Höhe, um besser zu sehen, was dahergetrappelt kam. “So, endlich!” sagte sie, halb zankend, halb wohlgefällig. “Die Mutter hat schon nach euch gefragt, aber da war kein Bein zu sehen. Und acht Uhr hat’s geschlagen--vor wer weiß wie langer Zeit.” Die alte Trine war schon Magd in der Familie gewesen, als die Mutter der beiden Kinder zur Welt kam. So hatte sie große Rechte im Haus und fühlte sich durchaus als Familienmitglied, eigentlich als Oberhaupt, denn an Alter und Erfahrung war sie die erste. Die alte Trine war vernarrt in beide Kinder ihrer Herrschaft und sehr stolz auf alle ihre Anlagen und Eigenschaften. Das ließ sie aber nicht merken, sondern sprach immer in entrüstetem Ton mit ihnen, denn das fand sie erzieherisch.

“Schuhe aus, Pantoffeln an!” rief sie jetzt. Der Befehl wurde aber gleich darauf von ihr selbst vollzogen, denn sofort kniete sie vor Otto hin, der sich auf einem Sessel niedergelassen hatte, und zog ihm die nassen Schuhe aus. Die kleine Schwester stand inzwischen mitten in der Stube und rührte sich nicht, was sonst nicht ihre Art war, so daß die alte Trine während ihrer Arbeit ein paarmal hinüberschielte. Jetzt war Otto gerüstet, und Miezchen sollte auf dem Sessel sitzen. Aber es stand noch auf demselben Platz.

“Nun, wollen wir warten, bis es Sommer wird, dann trocknen die Schuhe von selbst”, sagte die Trine.

“Pst! pst! Trine, ich habe etwas gehört. Wer ist in der großen Stube?” fragte Miezchen und hob den Zeigefinger.

“Alles Leute mit trockenen Schuhen, und andere kommen nicht hinein. Jetzt setz dich”, mahnte Trine.

Aber anstatt zu sitzen, sprang Miezchen hoch und rief: “Jetzt habe ich’s wieder gehört, so lacht der Onkel Max.”

“Was?” schrie Otto und war mit einem Satz bei der Tür.

“Wart! wart!” schrie Miezchen nach und wollte gleich mit zur Tür hinaus. Aber jetzt wurde es abgefaßt und auf den Stuhl gesetzt, die alte Trine hatte jedoch einen schweren Stand mit den zappelnden Füßchen. Doch gelang die Arbeit, und nun stürzte Miezchen zur Tür hinaus und hinüber in die große Stube und direkt auf den Onkel Max los, der richtig dort im Lehnstuhl saß.

Da war nun ein großer Freudenlärm und ein Grüßen und ein Willkommenrufen in allen Tönen, und in das Lachen der Kinder stimmte der Onkel Max mit ein. Es dauerte einige Zeit, bis sich der Tumult etwas gelegt hatte und die Festfreude einen ruhigen Charakter annahm. Denn ein Fest für die Kinder war der Besuch des Onkels jedesmal und aus triftigen Gründen. Der Onkel Max war ihr besonderer Freund. Er war fast immer auf Reisen und kam nur alle paar Monate einmal zu Besuch. Dann gab er sich aber mit den Kindern ab, als gehörten sie ihm selber an. Und was er für wunderbar herrliche Sachen in allen Taschen für sie brachte, das war mit nichts zu vergleichen, denn es war alles ganz fremdartig und zauberhaft. Der Onkel Max war ein Naturforscher und reiste in allen Winkeln der Erde umher. Und aus jedem brachte er etwas Eigentümliches mit.

Endlich saß die Gesellschaft geordnet um den Tisch herum, und die dampfende Schüssel brachte völlige Besänftigung in die aufgeregten Gemüter. Denn von der Schlittenbahn wurde immer ein richtiger Appetit mitgebracht. “So”, sagte der Papa und blickte über den Tisch hinüber, wo an der Seite der Mutter das Töchterchen fleißig arbeitete. “So, so, heute hat also das Miezchen keine Hand für seinen Papa, noch habe ich keinen Gruß bekommen. Und jetzt ist keine Zeit mehr dazu.”

Etwas zerknirscht schaute das Miezchen von seinem Teller auf und sagte: “Aber Papa, aber ich habe es nicht mit Absicht getan, und jetzt will ich gleich...” Und damit stieß sie mit großer Anstrengung den Sessel zurück.

Aber der Papa rief: “Nein, nein, jetzt nur keine Ruhestörung! Da gib die Hand über den Tisch hin, das übrige wollen wir dann nachholen. So ist’s recht, Miezchen.”

“Wie hat man eigentlich das Kind getauft, Marie? Ich war zwar auch dabei, aber ich habe keine Ahnung, welcher Name in der Kirche ausgesprochen wurde, Miezchen doch nicht?” sagte der Onkel lachend.

“Du warst wirklich dabei, Max”, entgegnete seine Schwester, “da du der Pate des Kindes bist. Es erhielt damals den Namen Marie. Sein Papa machte daraus ein Miezchen, und Otto hat den Namen noch recht unnütz vervielfältigt.”

“O nein, Mama, wirklich nicht unnütz”, rief Otto ernsthaft. “Siehst du, Onkel, das geht nach ganz bestimmten Regeln. Wenn das kleine Ding ordentlich und sanftmütig ist, dann nenne ich es Miezchen. Das geschieht aber selten, und im gewöhnlichen Leben nenne ich es daher Miezi. Wird es aber böse, dann sieht es ganz aus wie ein kleiner wilder Kater und muß Miez genannt werden, der Miez.”

“Ja, ja, Otto”, tönte es nun zurück, “und wenn du böse wirst, dann siehst du ganz aus wie ein--wie ein...”

“Wie ein Mann”, ergänzte Otto, und da dem Miezchen eben kein Vergleich einfiel, so arbeitete es jetzt um so emsiger an seinem Brei herum.

Der Onkel lachte laut auf. “Das Miezchen hat recht”, rief er, “es ist besser, sich um seine Geschäfte zu kümmern, als auf Schmähungen zu antworten.” “Aber, Kinder”, setzte er nach einer Weile hinzu, “nun bin ich fast ein Jahr nicht hier gewesen, und ihr habt mir noch gar nichts erzählt. Was habt ihr denn inzwischen alles erlebt?”

Die neuesten Ereignisse erfüllten zunächst den Sinn der Kinder. So wurde gleich mit großer Lebhaftigkeit, meistens im Chor, die eben erlebte Geschichte erzählt, wie der Chäppi das Wiseli behandelt hatte, wie es fror und im Schnee stand und keinen Schlitten hatte und endlich doch noch zu zwei Fahrten kam.

“So ist’s recht, Otto”, sagte der Papa. “Du mußt deinem Namen Ehre machen, für die Wehrlosen und Verfolgten mußt du dich immer einsetzen. Wer ist das Wiseli?”

“Du kannst das Kind und seine Mutter kaum kennen”, sagte die Mama, zu ihrem Mann gewandt. “Aber der Onkel Max kennt Wiselis Mutter recht gut. Du kannst dich doch noch auf den mageren Leineweber besinnen, Max, der unser Nachbar war. Er hatte ein einziges Kind mit großen braunen Augen, das oft bei uns im Pfarrhaus war und so schön singen konnte. Erinnerst du dich?”

Bevor aber die weiteren Erinnerungen besprochen wurden, steckte die alte Trine ihren Kopf zur Tür herein und rief: “Der Schreiner Andres möchte gern der Frau Oberst einen Bericht abgeben, wenn er nicht stört.” Diese harmlosen Worte verursachten große Verwirrung in der Gesellschaft. Die Mutter legte den Servierlöffel, mit dem sie soeben dem Onkel entgegenkommen wollte, beiseite und sagte eilig: “Entschuldigt mich!” Rasch ging sie hinaus. Otto sprang so stürmisch auf, daß er seinen Stuhl umwarf und dann selbst darüber stürzte, als er davonlaufen wollte. Das Miezchen hatte ähnliche Taten vor, aber der Onkel hatte seine ersten Bewegungen zum Aufruhr gesehen und hielt es nun mit beiden Armen fest. Aber es zappelte jämmerlich und schrie: “Laß los, Onkel, laß los. Im Ernst, ich muß gehen.”

“Wohin denn, Miezchen?”

“Zum Schreiner Andres. Laß schnell los! Hilf mir, Papa.”

“Wenn du mir sagst, was du vom Schreiner Andres willst, so lasse ich dich los.”

“Das Schaf hat nur noch zwei Beine und keinen Schwanz, und nur der Schreiner Andres kann ihm helfen. Jetzt laß los.” Nun stürmte auch das Miezchen fort. Die Herren schauten einander an, und Onkel Max brach in Gelächter aus und rief: “Wer ist denn der Schreiner Andres, um den deine ganze Familie sich zu reißen scheint ?”

“Das mußt du besser wissen als ich”, entgegnete der Oberst. “Es wird wohl ein Jugendfreund von dir sein und das Fieber der Verehrung wird auch dich noch ergreifen. Es muß in eurer Familie sein, bei uns hat es die Mutter verbreitet. Ich kann dir so viel sagen, daß der Schreiner Andres der Grundstein meines Hauses ist, auf dem alles feststeht. Und sicher werde alles auseinanderbrechen, sollte das Haus diesen Halt verlieren. Der Schreiner Andres ist hier Rat, Trost, Heil und Hilfe in der Bedrängnis. Will meine Frau ein Hausgerät haben, von dem sie gar nicht weiß, wie es aussehen soll und wozu man es braucht--der Schreiner Andres erfindet es und fertigt es an. Bricht Feuers- oder Wassersnot in der Küche oder im Waschhaus aus, der Schreiner Andres greift in die Elemente und bringt das Feuer ins Stocken und das Wasser in Fluß. Macht mein Sohn einen recht dummen Streich, der Schreiner Andres bringt alles wieder in Ordnung. Schmeißt meine Tochter das sämtliche Hausgerät entzwei, der Schreiner Andres leimt es wieder zusammen. So ist der Schreiner Andres die stützende Säule meines Hauses, und wenn diese zusammenbrechen würde, so gingen wir alle in Trümmer.”

Die Mutter war inzwischen wieder eingetreten, und ihr zuliebe schilderte der Vater die Verdienste des Schreiners Andres sehr eingehend. Onkel Max lachte schallend.

“Lacht ihr nur! Lacht ihr nur!” sagte die Mutter. “Ich weiß schon, was ich an dem Schreiner Andres habe.”

“Und ich auch”, bemerkte der Vater mit spöttischem Lächeln.

“Und ich auch!” behauptete das Miezchen herzhaft.

“Und ich auch!” sagte Otto seufzend, dem der Knöchel noch von seinem Sturz über den Stuhl hin weh tat.

“So, nun sind wir alle einer Meinung”, bemerkte die Mutter, “nun können die Kinder in Frieden zu Bett gehen.”

Auf diese Anzeige hin drohte dem Frieden gleich eine Störung. Aber es half nichts, die alte Trine stand schon vor der Tür und achtete darauf, daß die Hausordnung nicht überschritten wurde. Die Kinder mußten sich verabschieden, und gleich nachher verschwand die Mutter auch noch einmal, denn die Kinder schliefen nicht ein, ohne daß die Mutter zum Nachtgebet an ihre Betten gekommen war.

Als nun alles still und ruhig war, kam die Mutter wieder zu den Herren zurück und setzte sich gemütlich hin.

“Endlich”, sagte da der Oberst aufatmend, als habe er eine harte Schlacht hinter sich. “Siehst du, Max, erst gehört meine Frau dem Schreiner Andres, dann ihren Kindern und dann ihrem Mann, wenn noch etwas übrigbleibt.”

“Und siehst du, Max”, sagte die Mutter lachend, “wenn mein Mann noch so spottet--er mag unseren guten Schreiner Andres gerade so gern wie wir alle. Gestehe es nur ein, Otto! Eben hat mir Andres auch für dich noch einen Auftrag übergeben, er hat seine jährliche Summe gebracht und bittet um deine Hilfe.”

“Das ist wahr”, sagte der Oberst, “einen ordentlicheren, fleißigeren, zuverlässigeren Mann kenne ich nicht. Dem würde ich Weib und Kind und Hab und Gut und alles anvertrauen wie keinem anderen. Das ist der ehrlichste Mann in unserer ganzen Gemeinde und noch weit darüber hinaus.”

“Jetzt siehst du, Max”, sagte die Frau lachend, “ich konnte doch nicht mehr sagen.”

Ihr Bruder lachte mit über den Eifer, in den der Oberst unversehens gefallen war. Dann entgegnete er: “Nun habt ihr mir alle so viel von eurem Wundermann vorerzählt, daß ich wirklich wissen möchte, woher er stammt und wie er aussieht. Habe ich ihn denn noch nicht hier gesehen?”

“Ach, du hast ihn ja so gut gekannt, Max”, entgegnete seine Schwester. “Du mußt dich noch an den Andres erinnern, mit dem wir zur Schule gingen. Weißt du denn nicht mehr, wie zwei Brüder zusammen in derselben Klasse mit dir waren? Der ältere war damals schon ein rechter Taugenichts. Er war nicht dumm, aber tat nichts und blieb darum stecken und kam dann mit dem viel jüngeren Bruder in eine Klasse zusammen, in der du auch warst. Du mußt dich gewiß erinnern, er hieß Jörg und hatte ganz schwarzes, steifes Haar. Er bewarf uns, wo er konnte, mit irgend etwas, mit unreifen Äpfeln und Birnen und dann mit Schneebällen, und rief uns überall nach: ‘Aristokratenbrut!’”

“Oh, der!” rief Onkel Max lachend, “ja, nun weiß ich auf einmal alles. Richtig, ‘Aristokratenbrut’ rief er uns beständig nach. Ich möchte nur wissen, wie ihm das Wort in den Sinn kam. Er war ein widerwärtiger Kerl. Da sah ich ihn einmal einen viel kleineren Jungen ganz unbarmherzig durchprügeln. Dem half ich aber, dafür rief er mir mindestens zwölfmal nach: ‘Aristokratenbrut!’ Ach, nun weiß ich auch auf einmal, wer der andere war. Das war der magere, kleine Andres, sein Bruder, das ist gewiß euer Andres. Und dann ist das auch der Andres mit den Veilchen, nicht wahr, Marie? Oh, jetzt verstehe ich schon die dicke Freundschaft.” Onkel Max lachte aufs neue auf.

“Was für Veilchen? Das muß ich wissen”, fiel der Oberst ein.

“Oh, die Geschichte ist mir auf einmal vor Augen, als wäre sie gestern geschehen”, sagte der Onkel ganz angeregt von seinen Erinnerungen. “Die muß ich dir erzählen, Otto. Du weißt vielleicht durch deine Frau, daß wir hier im Dorf in jenen glücklichen Zeiten unserer Kindheit einen alten Schullehrer hatten, der fand, daß alle Mängel der Schulkinder aus ihnen heraus- und alle Fähigkeiten und guten Eigenschaften in sie hineingeprügelt werden könnten. So war er gezwungen, sehr viel zu prügeln, um den einen oder andern guten Zweck zu erreichen, manchmal auch beide auf einmal. Einmal nun war ihm der magere Andres unter die Hand gekommen. Dem schlug er nun so kräftig seine wohlgemeinte Ermahnung auf den Rücken, daß der Andres laut aufschrie. In diesem Augenblick stand meine kleine Schwester, die kürzlich in die Schule eingetreten war und sich noch nicht so recht in die dort herrschenden Gebräuche eingelebt hatte, plötzlich auf von ihrem Sitz in der ersten Bank. Sie lief eilig zur Tür. Der Schullehrer hielt inne mit seiner Arbeit und rief ihr nach: ‘Wohin läufst du?’ Marie kehrte sich um. Die hellen Tränen liefen ihr über die Backen, und sie sagte ganz aufrichtig: ‘Ich will heimgehen und es dem Papa sagen.’ ‘Wart, ich will dir!’ rief jetzt der Schullehrer überrascht und stürzte vom Andres weg auf die kleine Marie los. Die prügelte er aber nicht, er nahm sie nur beim Arm und setzte sie ziemlich fest auf ihren Platz hin. Dann sagte er noch einmal: ‘Wart, ich will dir!’ Damit war aber alles abgetan. Auch der Andres wurde in Ruhe gelassen, und so nahm alles einen friedlichen Ausgang. Aber die Tränen, die meine Schwester für den Andres vergossen hatte, und ihr Einschreiten gegen den Tyrannen wurden nicht vergessen. Von dem Tag an lag jeden Morgen ein Strauß Veilchen auf ihrem Platz und durchduftete den ganzen Schulraum. Und nachher kam noch ein anmutigerer Duft von dem Platz her, denn da lagen große Erdbeersträuße mit den prächtigsten dunkelroten Beeren, wie sie sonst nirgends zu sehen waren. Und so ging es das ganze Jahr durch immerfort. Wie sich dann aber die Freundschaft zu dem erstaunlich hohen Grad entwickelt hat, wo sie nun angelangt ist, das muß meine Schwester wissen und uns mitteilen.”

Der Oberst hatte seine Freude an der Geschichte der Tränen und der Veilchen und forderte seine Frau auf, weiter zu erzählen.