Wie wir einst so glücklich waren!

Part 4

Chapter 43,558 wordsPublic domain

Am Nachmittag lag ich irgendwo im Wald auf dem Rücken und träumte in den blauen Himmel hinein. Manchmal streichelte ich den schönen Malatesta, der mich begleitet hatte. Es war sehr heiß. Der Hund hob zeitweise den Kopf, stieß, von Wärme bedrückt, den Atem aus der Kehle, ließ die Zunge hängen und hatte feurige Augen. Mich plagten die summenden und stechenden Mücken. Ich begann unruhig und gestört zu schlafen. Böse Träume von großer Leidenschaft und überquellender Sehnsucht verfolgten mich. Ich sah, wie Nina zu mir, dem Schlafenden, trat, ihr mokantes Lächeln lächelte und mit einem Male mütterlich, mit drängenden Händen und junger weißer Brust sich neigte.

Der nahe Gong, der zum Tee rief, weckte mich auf. Die Sonne war tiefer herabgesunken; unter ihren schrägen Strahlen beruhigte sich die Welt und wurde kühl. Ein Wind ging durch die Bäume, der in den Blättern flüsterte und schluchzte. Der Hund war fortgelaufen. Ich fühlte, daß alles nutzlos sei und ich ewig einsam bleiben müsse.

* * * * *

Gegen Abend spielten wir Tennis.

Nina war biegsam, schmal in den Fesseln und schnellfüßig. Ihre Hand war sicher, der Schlag ihres Rackets ruhig.

Wolfgang, ihr Partner, war weißgekleidet, hatte den rechten Ärmel seines Hemdes aufgeschlagen und zeigte einen braungebrannten, schmalen und kräftigen Arm.

Ich gab streng auf das Spiel acht und hatte den brennenden Ehrgeiz, mich gut zu halten. Ich verlor das erste Match, trat beim Wechseln an das Netz, beglückwünschte Nina und küßte ihre Hand. Wolfgang sah mich ein wenig befremdet an. Nina lächelte, war unendlich liebenswürdig, legte einmal beim Gespräch ihre Hand auf meinen Arm und nannte mich Walter. Ich war rasend vor Glück, machte ein hochmütiges Gesicht und verdoppelte meine Anstrengungen.

Mir war, als ständen Nina und Wolfgang in abendrotem Dunst und rosafarbenem Nebel. Jedermann von uns spielte mit streng geschlossenen Lippen. Nichts unterbrach das Schweigen als nur das Aufschlagen des Balles, das Summen des festgespannten Rackets und zeitweis ein kleiner Ausruf der Überraschung oder des Ärgers. Niemand zählte laut, denn jeder von uns wußte, wie wir standen. Frau Seyderhelm trat ans Gitter; wir grüßten flüchtig und spielten weiter. Frau Seyderhelm sprach mit einem Gärtner, deutete einmal mit der Hand auf ein Blumenbeet und wandte sich über unsern Eifer lächelnd zum Gehen. Ich wurde gewahr, daß sich mein Spiel von Minute zu Minute verbesserte. Im letzten entscheidenden Set gewann ich alle sechs Spiele und war somit Sieger im Match. Nina sagte uff und fächelte sich mit ihrem Tuch kühle Luft ins Antlitz. Als wir uns die Hände schüttelten, sah sie mich wie zum erstenmal an. In ihren Augen leuchtete mir etwas Verlockendes und Gefährliches entgegen.

»Sie spielen gut,« sagte Nina. »Reiten Sie?«

»Gewiß.«

»Wolfgang, wir werden morgen früh reiten.«

»O Nina, rede keinen Unsinn, das hast du schon zehnmal gesagt. Du stehst ja doch nicht um sieben Uhr auf.«

»Doch, ich werde ganz bestimmt um sieben Uhr aufstehen.«

Sie sah mich wieder mit ihren lockenden Augen an, wobei sie die Lider ein wenig zusammenzog. Mir war, als liebkosten mich die goldfarbenen seidenen Wimpern.

»Was wird Herr Regnitz für ein Pferd reiten?«

O weh, sie sagte wieder Herr Regnitz!

»Willst du einen ruhigen Gaul, Walter?«

»Nein, im Gegenteil.«

»Gut, du sollst die Moissi haben. Eine Rappstute, weißt du. Du bekommst den neuen Sattel, den mir Mama geschenkt hat.«

»Hören Sie zu, Walter, das ist eine unerhörte Gnade.«

O -- sie sagte wieder Walter!

Ich spürte in diesem Augenblick den einzigartigen Duft von Ninas mädchenhaftem Körper. Ich sog ihn wissend und gekräftigt ein.

Der Teufel wird mir an diesem Abend wenig anhaben können. Ich habe mein Match gewonnen und morgen reite ich Moissi.

* * * * *

Die Damen zogen sich bald nach dem Abendessen zurück.

Wolfgang und ich, wir saßen noch eine Weile auf der Terrasse, fühlten eine angenehme Ermüdung in unsern Gliedern und tranken ein wenig _Black and White_ mit sehr viel Sodawasser gemischt.

Wir sprachen nicht viel, sondern sahen zum reichbesternten Himmel empor und beobachteten die Sternschnuppen. Der Diener setzte einen Eiskühler neben den Tisch und verschwand.

»Nina reitet gut,« sagte Wolfgang. »Ich werde ihr mal morgen den >Sekt< geben. Da kann sie was erleben.«

Und dann, nach einer Weile:

»Mama hat im vergangenen Jahr viel Sorge mit dem Stall gehabt. Weißt du, der Rotz ... Na, jetzt ist es vorbei ...«

»So?«

»Ja, jetzt sind sie wieder alle gesund. Einer ging ein. Na, meinetwegen, mir lag nichts an ihm. Ein Wallach.«

Ein Knecht schritt mit einer Laterne durch den Garten. Wir sahen dem unruhigen Licht nach.

»Komisch,« sagte Wolfgang plötzlich, »wir kennen uns erst seit sechs Tagen.«

»Ja.«

Eine Stille.

»Du bist immer so hochmütig. Hast du was?«

»Nein. Garnichts.«

Eine Stille.

»Du mußt in den Herbstferien herkommen und hier mit uns jagen.«

»Danke. Ja.«

Mir stieg ein Gedanke auf.

»Jagt Nina auch?«

»Ja, sie schießt sehr gut. Sie hat gar keine Angst.«

»Wie schön.«

Ich sah ein Bild vor mir: Nina mit dem unvergleichlichen Gang der Kosakenmädchen durch den Wald schreitend, die Büchse in der Hand, mit spähenden Augen und grausamen Lippen.

»Wie schön,« wiederholte ich.

Ein Stern glitt in mächtiger und graziöser Bewegung durch den erleuchteten Raum.

»Hast du dir etwas gewünscht?« fragte Wolfgang.

»Ja.«

»Was denn?«

»Mehr Whisky.«

Wolfgang lachte und schenkte ein.

»Na, Mama wird morgen Augen machen über unsere Sauferei. Prost!«

»Prost!«

Wir schwiegen lange.

»Man muß das Leben mit gesunden Händen anfassen.«

Wolfgang sah mich unsicher an. Dann sagte er verlegen:

»Ja.«

Wir beobachteten zwei Fledermäuse.

»Was denkst du über die Frauen?« fragte ich.

»Über welche Frauen?«

»Ich meine ... fändest du etwas dabei, wenn Jungens wie wir ... ein Verhältnis haben?«

»Nein ... ja, das heißt ... es kommt darauf an!«

Wolfgang lachte ein wenig hilflos.

Ich stand auf und bot ihm die Hand.

»Wir sollten recht lange Zeit Freunde bleiben,« sagte ich sehr herzlich.

Auch Wolfgang erhob sich. Er schüttelte meine Hand kräftig, und es lag in dieser Bewegung etwas eigentümlich Ritterliches.

»Ja, das sollten wir wirklich,« erwiderte er in demselben Ton.

»Gute Nacht, Wolfgang.«

»Gute Nacht, Walter, -- und danke für alles.«

Ich ging in mein Zimmer.

11

Wir reiten zu dritt im abgekürzten Galopp -- von Hans Kietschmann gefolgt -- über eine jüngst gemähte Wiese, deren Heu naß und ohne Duft ist. Wir reiten Schulter an Schulter und achten streng darauf, daß die Linie eingehalten wird. Jeder von uns beschäftigt sich schweigend mit seinem Pferde, beobachtet den gebogenen Tierhals und übt auf jeden Druck den Gegendruck der Schenkel aus.

Manchmal sehe ich zu Nina hin. Das feurige Haar lodert wie eine Flamme, wie ein Triumph unter dem schwarzen Hut hervor; die weißen Kinderzähne beißen auf die feuchte Unterlippe, die unbedeckten Hände erfassen die Zügel des unruhigen Pferdes mit freudiger Kraft. Unausgesetzt richtet Nina die verliebten Blicke auf den Kopf des Pferdes, das in großzügiger Bewegung galoppiert. Ich sehe mit Vergnügen, daß der schlanke Körper mit den säulenstarken hohen Beinen und der jugendlichen weichen Brust sich entzückt der Bewegung des schnaubenden und wiehernden Tieres hingibt und niemals die Verbindung mit ihm verliert.

Es geschieht einige Male, daß Sekt sich nahe an meine Stute drängt und Ninas Fuß den meinen berührt.

Hatte ich nicht die ganze Nacht von der einen Minute geträumt, in der Nina ihren Fuß auf meine Hand setzen würde, um das Pferd zu besteigen? Und war ich nicht, als sie es wirklich getan, verwirrt und mit pochendem Herzen davongestürzt?

Sekts Gangart wird von Augenblick zu Augenblicke länger. Der Schimmel und seine Herrin freuen sich des wie unbegrenzten Raumes, der morgendlichen Luft und der würzigen Gerüche des Feldes.

Ich sehe unsicher zu Wolfgang hin, der immerfort mit tiefer Stimme auf den Schimmel einspricht:

»Ruhe! -- Sekt! -- Ruhe! -- Ohlala -- Ohlala!«

Meine Moissi geht leichtfüßig mit. Wolfgangs nicht so belebtem Fuchs wird es schwer, die Linie einzuhalten.

»Ruhe, Fräulein Nina!« sage auch ich jetzt. »Bitte abgekürzter Galopp!«

Aber Nina hört nichts. Sie sieht verzückt, mit nassem, erregtem Munde und blinkenden Augen auf den Schimmel und beißt mit den weißen Zähnen auf die Lippe.

»Gib auf die Sporen acht!«

In diesem Augenblick tut Sekt, den irgend etwas erschreckt hat, einen kleinen Sprung, Nina kommt mit den Sporen an die Weichen, der Schimmel wirft den Kopf mit einer schmerzlichen Gebärde in die Höhe und geht durch.

Moissi folgt sofort. Wolfgang und Hans Kietschmann bleiben zurück.

* * * * *

»So, Fräulein Nina ... jetzt Ruhe, nur Ruhe!«

Die Pferde rasen über das Feld. Die Morgensonne erhebt sich gelbstrahlend über einem Hügel und blendet uns.

»Rechte Kandare ziehen! ... Sekt, Ruhe!«

Nina richtet das Tier mit allen Kräften nach rechts.

Wenn ihr nur nichts geschieht! ... Nein, sie ist ruhig. Es geschieht ihr nichts.

»Mehr rechts, immer mehr rechts! ... Fort vom Stall! ...«

Sieh da, sie ist zufrieden, sie ist hingegeben dieser einzigartigen Geschwindigkeit, dieser goldenen Flucht durch den Morgendunst.

»Noch mehr rechts! ... Bravo, Fräulein Nina! Noch mehr!«

Wir beschreiben mit unserem Ritt eine Kurve.

»Reitpeitsche fortwerfen!«

Nina läßt die Peitsche fallen.

Ich bekomme über meine Stute Gewalt, meine Knie und Schenkel sind unausgesetzt an den Sattel gepreßt. Ich drücke den Rappen an Nina heran.

»Noch einmal nach rechts ... sehr gut! ... Noch einmal! ... Ah, er läßt nach ...«

Ich beuge mich vor und greife in Ninas Zügel. Der Schimmel erschrickt, bäumt sich, -- ich packe den Halfter und der Schimmel steht.

Nina lacht, ein nervöses, schreiendes, jubelndes Lachen.

Ich steige von meinem Pferd, um Sekt liebkosend zu beruhigen. Ein unerklärlicher Gram erfaßt mich, ich spreche kein Wort, sehe Nina nicht an und bebe vor Schmerz und Zorn ...

Wolfgang erreichte uns endlich. Er lacht.

»Bravo Nina! -- Nichts geschehen?«

Nina schüttelt den Kopf.

»Ein schöner Unsinn, dieses Biest da mit Sporen reiten zu lassen!« sage ich scharf und böse.

Wolfgang zieht ein beleidigtes Gesicht.

»Nehmen Sie die Sporen ab!« herrsche ich Nina an, ohne hinaufzusehen.

Wolfgang und Hans steigen von den Pferden.

»O -- Sie sind zornig, Walter!« ruft Nina.

Ich blicke auf. Ninas Augen lachen, aber sie ist blaß, sehr blaß, und ihre Lippen zittern nervös.

»Nehmen Sie jetzt bitte die Sporen ab.«

Hans befreit Nina von den Sporen und reitet zurück, um auf der Wiese die Reitpeitsche zu suchen. Ich stecke die Sporen in meine Tasche.

Wir reiten im Schritt weiter und erreichen ein belichtetes Gehölz. Unsere Tiere sind ermüdet und zufrieden. Sie gehen in großen Schritten durch den Wald und spähen an den stolzen Fichtenstämmen stolz vorbei. Wir sind schweigsam und schlecht gelaunt.

Mit einem Male streckt Nina die Hand nach mir hin. Da ich nicht in ihrer Nähe bin, fingert sie ungeduldig in der Luft herum. Ich nehme ihre Hand, beuge mich tief nach unten und küsse sie lange.

Wie ich mich emporrichte, sehe ich, daß Nina mit lächelndem Antlitz und feuchten goldenen Wimpern nach der andern Seite blickt. Wolfgang ist blaß geworden und hält die Augen gesenkt. Hans reitet irgendwo hinterher.

Wir erreichen, ohne ein Wort zu sprechen, nach einer Stunde den Gutshof. Die Pferde sind naß und wollen ihr Futter. Ich grüße Nina mit dem Hut und gehe ins Haus.

12

Wir fuhren am Abend mit einem leichten Jagdwagen ins Gebirge. Frau Seyderhelm war im Schloß geblieben, da sie Besuch erwartete.

Wir saßen auf der Terrasse eines vornehmen und einsam am Fluß gelegenen Hotels. Vor unseren Blicken zerflossen die kupferbraunen Abhänge und goldenen Bergeshäupter, die ein unaufhörlich gleitendes Licht belebte.

Ich stand, noch ehe die Mahlzeit bereitet war, im Stalle bei den Pferden und sorgte dafür, daß sie ihr Futter bekamen. Mein Kopf war benommen, und meine Augen brannten. Den ganzen Tag in Ninas Kreise zu leben, den Hauch ihrer Lippen zu spüren, im Wagen ihren Knieen nahe zu sein und ihrem duftenden Haar, zu sehen, wie der Wind das helle, sich innig an den Körper schmiegende Sommerkleid berührte, und mit verwirrten Sinnen zu ahnen, vieles zu ahnen, -- ah, das alles war nicht ganz leicht zu ertragen.

Ein Kellner meldete, das Essen sei angerichtet. Ich stieg die steinerne Treppe der Terrasse langsam hinauf. Die unaufhörlich wechselnden Farben des Abends quälten mich; ein drohendes Verhängnis war in dieser Bewegung, eine Unruhe ohnegleichen, eine süße und unsäglich schmerzliche Hast, eine Flucht und ein Jammer ohne Trost ...

Als ich oben angelangt war, sah ich, wie Nina ihre Hand auf Wolfgangs Arm gelegt hatte. Sie schien ihn etwas zu fragen. Er beantwortete Ninas Frage, und sein Gesicht bekam den überaus liebenswürdigen und ritterlichen Zug, den ich an ihm liebte. Ein kindliches, verhaltenes Schluchzen stieg in mir empor.

Ich setzte mich an den Tisch, Nina und Wolfgang sahen mich an.

»Na Lieber? Wie gehts?« fragte Wolfgang.

»Danke, die Pferde fressen.«

Nina lachte und blickte fort.

Ich wurde rot.

Nina sprach in näselndem Ton von Trüffeln.

»Sieh mal, Wolfgang, wie witzig, hier gibt es gefüllte Trüffel. Raffiniert -- nicht?«

»Nina, du redest wie ein Kavallerieoffizier,« sagte Wolfgang, wandte mir sein Gesicht schräg zu und fragte in seinem kindlichen Ton:

»Spricht sie nicht wie ein Gardekürassier?«

Wir aßen danach Forellen. Nina verstand es gut, das zarte rosige Fleisch der Fische von den Gräten loszulösen. Die weißen, nun der Seele beraubten Tieraugen starrten ausdruckslos zu uns herauf. Nur um die Mäuler lag ein böser Zug, der von Todespein und letztem Kampf erzählte.

Um die Zeit der späten Dämmerung trat ein Hirsch aus dem Wald des gegenüberliegenden Berges hervor, äugte mit einer kühnen Gebärde des Kopfes nach dem Hotel hin und trank aus dem Fluß.

Der Geruch von Bergwasser und nassem Sand stieg zu uns empor. Allmählich entfaltete der dunkelnde Himmel die Schönheit der beginnenden Nacht vor unsern Augen. Die stolzen Gestirne wurden sichtbar; vor ihrer urweltlichen Starrheit wichen die wechselnden Farben des Abends besiegt zurück. Das Gebirge ward im funkelnden Schein groß und ehern.

Wir standen nach beendetem Mahle auf und gingen über die hölzerne Brücke des Flusses dem andern Ufer zu. Die Nacht gab mir mitleidsvoll von ihrer Kühle und besänftigte mich wunderbar. Nina schien mir schöner denn je, aber ihre Schönheit war meinen Sinnen und meinem undeutlichen Verlangen entfernt. Sie ging mit ihrem weißen Sommerkleid wie durchsichtig durch die Nacht dahin. Auf ihren Schultern lag ein bläuliches Orenburger Tuch. Ihr Haar war unbedeckt und bewegte sich ein wenig im Nachtwind.

Ein leises, sehnsüchtiges Tönen rief uns in den Wald. War es eine Flöte oder eines Mundes Klage? Wir folgten neugierig der oft entschwindenden und dann wieder genäherten Musik.

Vor einem Bretterverschlag, dem Sammelplatz der Tiere, machten wir Halt. Wir sahen die Gestalt eines Mannes zwischen sternhellen Bäumen einhergehen, wir sahen ihn in seine Schürze greifen und -- einem Sämann gleich -- Eicheln und Kastanien mit einer weiten Bewegung seines Armes über den Waldboden streuen. Dazu pfiff er eine Melodie, eine kleine, sentimentale, unbeholfene und doch unendlich rührende, süße, zärtlich lockende Melodie. Nach einer Weile schien es, als bewege sich der Wald. Unhörbar, aber mit großzügigen Bewegungen und bei jedem Schritt ein wenig mit den Häuptern nickend, kamen wie aus einem dunkel gewebten Teppich Hirsche und Rehe aus der Nacht hervor, beugten sich zu Boden und näherten sich langsam dem lockenden Freund der Tiere. Allmählich entfernte sich der Mann, umdrängt von seinen zärtlichen Geschöpfen, ferner und ferner klang die Musik seines Mundes und löste sich endlich auf im Rauschen des Waldes.

* * * * *

Wolfgang eilte voraus, um mit Hans die Pferde anzuschirren. Es zeigten sich Wolken am Himmel.

Ich ging mit Nina langsam den jäh erleuchteten Waldweg entlang. Nina hatte wieder ihren Schnupfen und führte das kleine Tuch oftmals an den Mund.

»Walter.«

»Ja.«

»Wie alt sind Sie?«

»Siebenzehn Jahre.«

»Siebenzehn Jahre,« wiederholte Nina.

Eine Stille.

»Walter.«

»Nina?«

»Sie werden morgen fortreisen, -- nicht wahr?«

Und da sie mein Gesicht sah, hob sie beschwörend die bittenden Hände empor und sagte in unvergleichlich rührendem Ton:

»Walter, -- Sie sind _siebenzehn_ Jahre!«

Ich hatte wieder solche Angst.

Ich werde mich töten, dachte ich.

Eine lange Stille.

»Sie werden reisen, Walter?«

»Ja.«

»Danke.«

Ich werde mich töten. Es wird noch diese Nacht geschehen.

* * * * *

Wir fuhren über Felder. Wolfgang kutschierte, wobei er manchmal einige Worte mit Hans wechselte. Ich saß mit Nina in der Break. Nina sprach viel und war nervös.

Es erhob sich ein Wind und trieb große, von den Sternen erhellte Wolken über den Himmel. In der Ferne leuchteten Blitze.

Nina klagte über den Sturm, der ihr Kopfschmerzen verursachte, und bat, man solle die Verschläge herunterlassen. Der Wagen hielt, die Pferde stampften ängstlich auf dem undeutlichen Feldwege, und Hans spannte die leinenen Gardinen auf.

Wir waren nun von den andern durch eine Wand getrennt und sahen die Welt einzig durch die Öffnung über der Türe. Wir hörten von irgendwoher kleine Bäche rauschen, den Wind im Korn und in entfernten Wäldern blasen, und aufgescheuchte Enten, die schreiend nach irgend einem wohlgeborgenen Teiche zogen.

»Sie frieren, Walter?«

»Nein. Danke.«

Nina hüllte sich fester in das weiche blaue Gewebe ihres Tuches.

Ein Blitz zuckte.

»Haben Sie den Hasen gesehen, Walter?«

»Ja.«

Wir fuhren über eine Brücke. Das Holz dröhnte.

»Sie haben noch einen Vater, Walter?«

»Ja.«

»Wo ist er?«

»In Skandinavien.«

»Allein?«

»Anny Döring ist bei ihm.«

»Wie? -- Die Soubrette?«

»Ja.«

»Ach --!«

Nina blickte mich verwundert und ängstlich an.

Wie liebte sie in diesem Augenblick meinen Vater. O Nina, Nina!

Ich sah lange Zeit hinaus und träumte. Ich fühlte, daß mich Nina unausgesetzt betrachtete. Später vergaß ich es.

Eine Hand lag auf der Decke. Es war Ninas Hand.

»Darf ich sie küssen?« fragte ich.

Nina lachte mit einem hellen Ton. Es klang, als fiele ein kleiner silberner Hammer schnell auf Metall.

Ich küßte die Hand und dachte dabei an den Förster, der durch den Wald ging und Eicheln über die Erde streute. Ich küßte keine lebendige Haut, sondern Wildleder, dänisches Wildleder. Ich küßte dieses Leder noch einige Male und ließ die Hand dann fahren. Ich empfand kein besonderes Vergnügen dabei und wunderte mich. Wahrscheinlich träumte ich dies alles nur, sonst wäre ich doch wohl anders gewesen. Ich hätte vielleicht geschrieen ...?

Es begann langsam zu regnen. Ich streckte die Hand hinaus. Große warme Tropfen fielen hernieder.

»Wir werden morgen nicht Tennis spielen können,« sagte ich schläfrig.

»Ja,« erwiderte Nina verwundert.

Ach so, ich reise ja morgen fort, dachte ich. Wie ungeschickt!

Ich träumte fort, sah Steine, Wolken und Bäume vorbeieilen; oben sprach Wolfgang irgend etwas, was ich nicht verstand, und der Donner wurde stärker, immer stärker.

Nein, ich werde morgen nicht fortreisen. Ich werde mich heute Abend töten.

Schafe standen zusammengedrängt und fürchteten sich ... Sieh da, Schafe ... »Und es waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihrer Herde. Und siehe, des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herren leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht, siehe, ich verkündige euch große Freude ...« wie schön, -- siehe, ich verkünde euch große Freude! Mir war mit einem Male, als sei mein Körper durchströmt von gutem warmem Blut. Es war ja alles gar nicht so schlimm! Denn ich verkünde euch große Freude ...

Da -- was war das? Eine bebende Hand griff nach meiner. Mein Traum zerriß -- --

»Nina!«

Ich schrie.

»Sei still, um Gottes willen ...«

»Hallo, was gibt's?« fragte Wolfgang.

»Nichts. Ninas Haar im Wind ...«

Ich riß Nina an mich, überflutete ihr Antlitz mit Küssen, umarmte ihre Kniee und biß in ihre Lippen und Hände ...

»Laß ... Laß ... Du bist verrückt.«

Sie stöhnte.

Ich flehte unverhüllt mit meinen fiebernden Lippen auf ihren Lippen, auf ihren Händen, ihrem Haar, ihren Augen und ihrer jungen, jungen Brust ...

O unerhörtes Glück des Aneinanderschmiegens, der verschlungenen Finger, der wirren, in die dunkle Luft hineingesprochenen Reden!

Und dann dieses wunderbare, einzigartige Ermatten, diese tränenreiche, gütige Müdigkeit, ... dieses bekümmerte Suchen der Hände, ... und endlich diese Ruhe, diese tiefe, tiefe Ruhe! ...

Wie wir einst so glücklich waren!

* * * * *

Um Mitternacht stürmten die gepeitschten nassen Pferde mit rasselndem Wagen in den Schloßhof. Frau Seyderhelm empfing uns in der Türe. Sie war ein wenig müde, aber freundlich und besorgt.

13

Ich stellte mich an das Fenster meines Zimmers und sah hinaus. Blitze spalteten Eichen und Kiefern, und über Wälder und weite Ebenen rollten ihre Donner. Aus den Ställen brüllten und wieherten geängstigte Tiere, und Malatesta saß mit glühenden Augen in seiner Hütte vor meinem Fenster und heulte.

Auch dies ging vorbei. Ein stetig und kühl strömender Regen spendete uns, den Fiebernden, Genesung. Gerüche von niegeahnter Kraft erfüllten die Luft, und die Tiere in den Ställen begannen ihren Schlaf. Zwei Uhr schlug die Glocke, aber der trübe Morgen war noch fern.

Ich setzte mich an den Tisch. Ich wollte etwas Unerhörtes schreiben, aber ach, -- es wurden nur diese einfachen Zeilen:

Ist es denn möglich, daß wir diese Nacht In einem Wagen über Felder fuhren? Hab' ich geträumt? Ich sah doch einen Wald! Eilten nicht Steine, Wolken, Bäume, Sterne An uns vorbei, und hast du später nicht -- So hab' ich _doch_ geträumt, -- und hast du nicht Mir abgewandten Blicks die Hand gereicht? ... Und küßte ich sie nicht? Ich habe nicht geträumt. Wir fuhren nachts In einem Wagen über weite Felder, Es eilten stille Wolken, Bäume, Sterne An uns vorbei ... Du gabst mir deine Hand ... ... Ich küßte sie ... So hab' ich _doch_ geträumt?

Ich packte meinen Ranzen, nahm das Blatt, stieg zu Ninas Zimmer hinauf, öffnete die erste ihrer beiden Türen und legte mein Gedicht auf ihre Diele. Dann schlich ich mich hinunter.

Ich trat auf den Hof, streichelte Malatesta und dachte: Frau Seyderhelm und Wolfgang ... ach, Frau Seyderhelm und Wolfgang!

Ich wanderte die Straße hinab, bis sich im Osten der bewölkte Tag ankündete. Auf einem Hügel blieb ich stehen und sah die verlassene bleiche Landschaft unter mir. Eine Starenkette flog durch die gereinigte Luft des Morgenrots.

Da schlug ich mit der Stirn auf einen Baum und stürzte nieder.

Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München

Karl Borromäus Heinrich

Karl Asenkofer

Geschichte einer Jugend

Zweites Tausend

Geheftet 3 Mark 50 Pf., geb. 5 Mark