Wie wir einst so glücklich waren!

Part 3

Chapter 33,716 wordsPublic domain

Schon war ich in die neue Landschaft eingebogen. Es hatte wohl die Wochen vorher geregnet, denn überall standen kleine schwarze Teiche, aus denen einzelne Bäume, Fichten und Birken, hervortauchten. Endlos langgezogene violette Abendwolken spiegelten sich in diesen Teichen und gaben ihnen von ihrer Farbe. Soweit mein Blick reichte, sah ich nichts anderes als bunte, prächtige Wiesen mit großen Blumen und die schwarzen und violetten Teiche, aus denen einsame Bäume hervorwuchsen. Krähen flogen zuweilen schreiend darüber hin, um noch vor Nacht die fernen Wälder zu erreichen.

Als ich durch Strelow kam, läutete die Glocke den Abend ein. Ich blickte durch ein Fenster; ein alter Bauer saß da, hatte die Brille auf der Nasenspitze und las in einer Zeitung. Eine Frau trug eine Bank in ihr Haus. Der Pfarrer ging durch den Ort und ward von allen gegrüßt; auch ich grüßte. Ein Trupp Jungens lief zu Gott weiß welchem Abendstreifzug ...

In einigen Zimmern brannte ein Licht. Sollte ich hier rasten? Es begann zu dunkeln. Draußen konnte ich nicht gut schlafen, der Boden schien feucht, auch war es ein wenig kühl. Aber die Lichter in den Häusern machten mich traurig, und ich fühlte, daß mich im Zimmer wieder meine Angst ergreifen würde.

Ich eilte zum Dorf hinaus. Allein bei den letzten Häusern blieb ich beklommen stehen: über die Landschaft hatte sich die Dämmerung gesenkt und mit tiefem, dunklem Blau die gespenstischen Bäume, das Weidengesträuch an den blinkenden Teichen und die Getreidefelder umhüllt; von oben leuchteten durch blaues Licht einige Sterne; nichts unterbrach die Stille als das trostlose Quaken der Frösche und das Flüstern des Kornes, wenn der Wind darin rauschte.

Ich ging durch die Dämmerung und fühlte mich liebevoll von der Straße fortgelockt, umsponnen mit einem blauen Netz. Ein Traum von großer Innigkeit berührte mich, mir war, als sei er alt und von jedermann zu irgendeiner Zeit geträumt. Um meine Augen legte sich ein Flor, meine Füße strauchelten oft ...

>Könnt' ich doch viele Stunden dieses blaue Licht durchschreiten! Wenn nur die Füße nicht ermüden wollten ...!<

Aber ach, schon winkten ja am Wegesrand nächtliche Kastanien zu Schlummer und Traum! ... Ein Park begann, umgittert, ... eine Allee ... Und hier, -- waren hier nicht bronzene Löwen, die in dreifach geteilte Becken silbernes Wasser spieen? War es nicht einschläfernd und süß?

Wie, stand dort nicht ein Haus vor mir, ein Schloß, mit einer erleuchteten Altane und bläulich schimmernden Stufen?

Bin ich nicht neugierig herangeschlichen, ... leise, ... ganz leise, ... und sah ich dort nicht all die Menschen, die ich liebte? ... Die Mutter ... mit dem Sohn ... und meine schöne Freundin Nina?

8

Mit pochendem Herzen und heißen Wangen stand ich im Dunkeln und blickte auf die Veranda. Nina arbeitete an einer festgespannten Stickerei und sprach dabei mit Wolfgang, der die Hände um ein Knie geschlungen hatte, eine Zigarette rauchte und zeitweise aus einem Glase trank. Frau Seyderhelm schrieb einen Brief. Manchmal hob sie den Kopf und warf einige Worte in die Unterhaltung der beiden ein. Ich konnte nicht verstehen, was gesprochen wurde.

Ich sah Ninas Profil und ihre Hände. Wie zart sie war! Ja, war sie nicht anbetungswürdig? Süße Nina! ... Ich machte eine Bewegung.

Da rief Nina laut:

»Wolfgang, ich bitte dich, -- draußen steht jemand.«

Ich hielt den Atem an.

>Wenn ich hier entdeckt werde, ersteche ich mich.<

Wolfgang beugte sich hinaus und rief:

»Es ist niemand hier ... Du bist recht schreckhaft!«

O -- gerettet!

Frau Seyderhelm hatte ihren Brief beendet, man plauderte angeregt. Ich sah, wie die Mutter einmal ihrem Sohne lächelnd mit dem Finger drohte. Nach einer Weile legte Nina ihren Stickrahmen fort, packte ihre Nähsachen in einen Pompadour und stand auf. Sie gab erst Frau Seyderhelm die Hand, dann wechselte sie einige Worte mit Wolfgang, -- sie schienen etwas zu verabreden, -- ließ ihre Hände auf seinen Schultern ruhen, gab ihm einen leichten Backenstreich und trat in die Zimmer hinein. Wolfgang küßte seine Mutter, die ihm über das Haar strich; mir war, als sprächen sie von Nina, denn sie sahen nach der Türe; dann gingen beide hinaus. -- Eine Magd erschien einige Augenblicke später auf der Veranda, räumte die Sachen auf, zog die Markise in die Höhe und stellte die Gartenmöbel zur Seite. Sie nahm die Lampe und verschwand.

Alles war finster um mich herum. Oben im Schloß sah ich mehrere erleuchtete Fenster. Ich hörte zuweilen Schritte, dann wurde alles still.

Langsam löste ich mich aus meiner Erstarrung und ging durch den Park. Ich empfand nicht viel: ein wenig Erstaunen, ein wenig Schmerz, ein wenig Müdigkeit und ein wenig Glück ... Ich wollte weiter wandern. Was sollte ich hier? Niemand würde mir glauben, daß ich zufällig hierher gekommen sei, ... aber da hörte ich wieder die süße, einschläfernde Melodie der plätschernden Brunnen. Gedankenlos legte ich mich nieder, zu Füßen eines bronzenen Löwen. Ich faltete die Hände hinter dem Kopf und blickte in den Himmel, wo die Milchstraße ihren Triumphbogen über das Firmament spannte. Ich fühlte, daß der Schlaf mich übermannen würde, und wollte doch wachen und nachdenken. Ich ward traurig und erinnerte mich der Worte des Herrn: »Könnet ihr denn nicht Eine Stunde mit mir wachen?« -- Noch einmal sah ich zu den erleuchteten Fenstern im Schloß, dann fiel ich in Traum. Schlafend spürte ich die Kälte der Nacht und zog mein Cape eng um mich. Und in meinen Traum drang immer wieder das Plätschern des Wassers, ... das Plätschern des Wassers.

9

Es mochte gegen fünf Uhr morgens sein, als ich erwachte. Mein erster Blick galt dem Schloß vor mir, in dessen Fensterscheiben die Morgensonne purpurrot leuchtete. Ich sprang empor; mein Gesicht und meine Kleider waren naß vom Tau. Ich machte einige Bewegungen mit den Armen und stampfte mit den Füßen, denn meine Glieder waren wie erstarrt. Dann wusch ich mich in einem der bronzenem Becken und klopfte die Kleider ab. Nur weiter, immer weiter, fort von hier ...

Als ich bereit war zu marschieren, lehnte ich mich an einen Baum; ich wollte noch einmal mit einem langen Blick dieses geliebte Schloß umfangen.

Da ... was war das? ... Ein Fenster öffnete sich, ... ich trat zurück ... Wolfgang, ... im leichten Morgenkleid. Er beschattete mit der Hand die Augen, sah zum Himmel und reckte die Arme in die junge Luft hinein. Dann verschwand er; bald jedoch erschien er wieder, nahm einen Stock und klopfte leise mit der metallenen Spitze an das benachbarte Fenster. Lange Stille ... Dann öffnete sich das Fenster ... Nina ... Sie gaben einander die Hände. Wolfgang setzte sich auf das Fensterbrett und deutete nach dem Horizont. Nina gähnte ein wenig und beide lachten.

Da war mir, als müsse ich einen Panzer von meiner Brust reißen. Ich bog mit beiden Händen die Sträucher auseinander, und meine helltönende Stimme rief den Aufhorchenden zu:

»An jedem Morgen, eh des Hahnen Krähn Die Menschheit weckt, steh ich im tiefen Grunde, Muß durch die Luft nach Burg und Felsen spähn.

Noch lieget Dunkelheit auf meinem Tal, Da gibt von Osten das Gestirn mir Kunde, Und in dem Fenster oben spielt ein Strahl.

Es taucht in Licht das trotzige Gestein, Und wächst und starrt und höhnet meiner Qual, Bald reckt es in den Himmel sich hinein --

Willst du dich heute nicht am Fenster zeigen, In Morgenklarheit dich vom Traum befrein? Willst du das Haupt nicht freundlich zu mir neigen?

Mich tötet dieses dunklen Tales Schweigen.«

Kaum hatte ich geendigt, als Nina ihrem Freunde mit hochgezogener Stirne langsam, ja perfide langsam das Antlitz über die Schultern zuwandte und die beiden Handflächen fragend, chokiert und spöttisch nach außen bog. Wolfgang aber schien sich nicht darum zu kümmern; er warf das Fenster heftig zu, ich hörte ihn eine Treppe herunterstürmen, und einen Augenblick später kam er -- notdürftig mit einem Hemde, einer Hose und einem Paar Sandalen bekleidet -- durch den Garten auf mich zugelaufen.

»Walter Regnitz! Lieber Walter Regnitz!«

Er umarmte mich stürmisch; er war blaß vor Erregung.

»Wo hast du nur die ganze Zeit gesteckt? Wir erwarten dich schon seit drei Tagen!«

Wie? Man erwartete mich?

Wir wandten uns zum Schloß.

»Ich habe eine Fußwanderung gemacht und diese Nacht im Garten geschlafen.«

Wolfgang legte erschrocken seine Hand auf meinen Arm.

»Du hast in unserm Garten geschlafen? Bist du toll?«

Und dann nach einer Pause, die er mit ratlosen Gebärden ausfüllte:

»Ja, warum bist du aber nicht ins Haus gekommen?«

Ich wurde etwas rot.

»Ja ... weißt du, ... ich kam spät hier an ... und da wollte ich nicht stören ...«

Ich grüßte zu Nina hinauf.

»Ah, sieh da!« rief sie vom Fenster herunter. »Ein Dichter! Ein Troubadour! Sie verlangen gewiß Ihren Lohn!«

Sie nahm aus einem Wasserglas helle Rosen und zerblätterte sie mit den weißen Fingern. Mir fielen diese Blätter auf Kopf, Schultern und Hände, der ich betroffen, glücklich und verlegen in einem duftenden Blumenregen stand.

»Denk' dir, Nina, er hat diese Nacht im Garten geschlafen!«

Nina lachte, -- ihr singendes, gefährliches und verstehendes Lachen.

»Sie sind ein echter Minnesänger, Herr Walter von der Regnitz!« rief sie und warf vier volle weiße Rosen zu mir herab. Ich fing eine von ihnen auf und führte sie höflich und gefaßt an meine Lippen.

»Und Sie, gnädiges Fräulein, eine echte Herzenskönigin.«

Ich hörte noch einmal, wie Nina tief belustigt lachte und darauf das Fenster schloß.

Wolfgang zog mich ungeduldig die Stufen zur Veranda hinauf.

* * * * *

Wolfgang stand halb angekleidet vor seinem Eimer und putzte sich eifrig und andauernd die Zähne.

»Wie findest du sie?« fragte er mich, der ich auf einem Stuhl saß und ihm zusah.

»Wen?«

»Nina.«

Er nahm einen Schluck Wasser, gurgelte und spuckte kräftig.

Ich schwieg.

»Nun?« fragte er.

»Oh, ganz nett!« sagte ich endlich.

»Sie ist herrlich!« rief er begeistert und begann von neuem zu gurgeln.

Plötzlich warf er die Zahnbürste fort, drehte sich schnell um und legte seine Hände auf meine Schultern.

»Was hast du neulich gesagt?« fragte er.

»Ich? Wann?«

»Neulich, bei unserer Gesellschaft.«

»Ich habe vermutlich viel gesagt.«

»Nein, du hast gar nicht viel gesagt. Du lehntest dich an einen Türpfosten und fragtest mich, wie alt Nina sei. Und plötzlich ...«

»Nun?«

»Und plötzlich sagtest du, als ob du geistesabwesend seiest: Du liebst sie ja!«

Er wandte sein Gesicht schnell dem Spiegel zu und zog Kamm und Bürste aus der Lade.

Ich war erschrocken.

»Habe ich das wirklich gesagt?«

Wolfgang beschrieb mit dem Kamm eine weite phantastische Figur und erklärte begeistert:

»Du bist ein großer Menschenkenner, Walter! Ich habe sie wirklich sehr gern ... Hör' mal, wie der Kamm knistert.«

Und er hielt seinen Kamm dicht an mein Ohr. Ja, wahrhaftig, der Kamm knisterte.

Wolfgang war mit seiner Toilette fertig. Er trug ein hellgraues, eng an den Hüften liegendes Sommerjackett mit schwarzen Kniehosen, dazu schmale Halbschuhe, ein weißes Sportshemde und eine leichte, seidene Krawatte. Er sah sehr frisch, sehr jugendlich und sehr vornehm aus.

Wir gingen durch einige Gemächer und betraten das Speisezimmer. Es fiel mir auf, daß dieses Schloß mit einer nahezu bäuerischen Freude an bunten Farben eingerichtet war.

Ein Diener erschien. Wolfgang bestellte Tee.

»Du bist hungrig, Walter?« fragte er.

»O ja!«

»Also: hier ist Honig, Gelee, Sumpfdotterblumen, Schinken, Brot ... ach ...«

Er stand plötzlich auf, warf dabei seinen Stuhl hin und umarmte mich noch einmal:

»Wie schön, daß du hier bist!«

Natürlich errötete er, sprang an die Tür und schrie, der Tisch sei schlecht gedeckt. Der Diener kam und Wolfgang schlug sich an den Kopf.

»Ich Esel! Willst du ein Beefsteak?«

»Ein Beefsteak?«

»Es dauert gar nicht lange. Fritz, wie lange dauert ein Beefsteak?«

»Eine Viertelstunde«, war die Antwort.

»Ach, Unsinn«, protestierte ich. »Was soll ich denn jetzt um halb sechs mit einem Beefsteak?«

Wolfgang lachte und goß sich ein Glas Fachinger ein.

»Prost, Walter! Du kennst unsern Stil noch nicht. Wir leben nämlich hier den Stil englischer Peers. Morgens _you take your steak_,« -- er bediente sich hierbei einer manirierten Aussprache, -- »mittags hungert man, das nennt man _luncheon_ und abends ißt man im _dinnerjackett_ alles das, was man am Mittag versäumt hat. Das hat Nina hier so eingeführt.«

Nina, immer Nina!

Ich fragte unvermittelt:

»Aus welcher Familie stammt sie eigentlich? Hat sie noch Eltern?«

Wolfgang warf nachdenklich zwei Stück Zucker in seine Teetasse.

»Weißt du, bei Nina muß man nicht fragen, woher sie kommt und wohin sie geht. Nina ist einfach _da_, -- verstehst du? -- einfach _da_.«

Ich sah Wolfgang aufmerksam an. Schau an, dachte ich, wie klug er ist! Was er da eben gesagt hatte, war mir nicht fremd. Nina war einfach da, ... sie war eigentlich ... seelenlos.

»Sie ist eigentlich seelenlos,« sagte ich.

Wolfgang trank seinen Tee. Er stöhnte einige Male wie ein Kind in die Tasse hinein, setzte sie dann ab, sprang vom Tische auf und sagte:

»Jawohl, seelenlos, aber herrlich! -- Bist du fertig?«

»Ja.«

»Gut. Wie wäre es, wenn wir jetzt aufs Feld gingen und arbeiteten? Ich lasse mir nämlich jeden Abend von unserm Inspektor ein Feld anweisen.«

Ich willigte in diesen Vorschlag ein. Wir zündeten uns jeder eine Zigarette an und gingen in den Hof. Dort holten wir uns aus einem Schuppen lange Forken und zogen darauf munter durch den Park.

Einmal wandte ich mich um und blickte zu Ninas Fenstern hinauf. Sie waren fest verschlossen und die Vorhänge heruntergelassen.

»Das gnädige Fräulein pflegt bis neun Uhr zu schlafen,« sagte Wolfgang, der meinen Blick bemerkt hatte.

Ich errötete und schwieg.

* * * * *

Wir sind auf dem Feld angelangt und ziehen unsere Jacken aus. Die Kornfelder stehen in der jungen gelbstrahlenden Sonne. Auf den heiteren grünen Wiesen und Weidegründen grasen die roten und braunen Kühe des Gutes und senden den Ton von tiefen Glocken durch das flüssige Licht. Am Horizont suchen auf noch beschattetem Hügel Schafe ihr Futter. Ein Schäfer mit einem großen Hut steht neben ihnen. Er hält den Hirtenstab in der ausgestreckten Hand auf die Erde gestützt, als sei er der Wächter dieses Tales und behüte seine Unschuld. Eine Wolke zieht langsam über den bleichen westlichen Himmel.

»So, nun stellen wir hier die Garbenbündel auf,« sagt Wolfgang. »Du bist ja früher auf dem Land gewesen und weißt, wie man das macht. Immer zu sechs auf einen Haufen.«

»Bei uns nahm man acht.«

»So ... na ja, wir nehmen immer sechs. Weiß der Teufel, warum. Bald kommen die ersten Leiterwagen vom Gut. Dann gehen wir dort auf das Feld, -- siehst du es? -- und packen das Korn auf. Das macht immer sehr viel Spaß.«

Wir arbeiten schweigend und mit gesammeltem Eifer. Die Ähren stechen unsere Hände wund und ihre Körner rieseln uns in Hemd und Hose. Wolfgang macht manchmal eine Bewegung, als habe ihm jemand kaltes Wasser in den Nacken gegossen.

Später singt er mit klarer Stimme und deutlicher Aussprache einen altfranzösischen Chanson. Da ist von einem Grafen die Rede, dem es nicht wohl erging, weil seine Gemahlin der Majestät von Frankreich allzusehr gefiel.

* * * * *

Bald vernehmen wir das Rollen und Klappern von Wagen, die über die Landstraße zu uns herauffahren. Wir haben unsere Arbeit gerade beendet, als wir die Rufe der Bauern hören, die mit ermunterndem Einsprechen ihre Pferde einige schwere Hügel erklimmen lassen. Dann ertönt das Dröhnen von Wagen, die über eine hölzerne Brücke fahren, und gleich darauf ziehen sie alle an uns vorbei. In einem der Wagen sind nur Frauen. Sie haben alle rote Tücher um die Köpfe geschlungen. Jedermann wünscht uns: »Guten Morgen!« worauf wir beinahe feierlich unsere Mützen lüften und den Gruß erwidern. In einem Gefährt sitzt ein hübsches junges Mädchen. Ich nicke ihr zu, worauf sie verlegen zu Boden sieht. Ich bin sehr stolz, das erreicht zu haben.

Der letzte Leiterwagen wird von einem Bauernjungen gelenkt, der auf dem linken Pferde sitzt. Er grüßt uns, wie ein Souverain zu grüßen pflegt.

»He Hans!« ruft Wolfgang. »Bleib du bei uns!«

Hans steigt vom Pferd. Wolfgang legt seinen Arm auf die Schultern des Jungen und führt ihn zu mir heran. Die beiden stehen der Sonne entgegen, blinzeln, sind wohlgestaltet, blond, und -- seltsam -- sie sehen einander ähnlich.

»Ich stelle dir hier meinen Freund Hänschen Kietschmann vor.«

Der Junge macht eine Verbeugung, eine leichte, weltmännische, garnicht zu tiefe Verbeugung, und bietet mir die Hand, die ich schüttle.

Er geht fort, um noch einige Bauern zu holen. Ich sehe ihm nach. Er ist schlank und groß gewachsen.

Wolfgang macht ein sonderbares Gesicht und lächelt.

»Nun?«

»Wie?«

»Ist dir etwas ... wie soll ich sagen ... aufgefallen?«

»Aufgefallen? ... Nein, ... das heißt ...«

Ich bin mit einem Male verwirrt.

»Er sieht dir ähnlich.«

Wolfgang nickt, sieht zum Himmel, zieht die Nase kraus, blinzelt, schluckt herunter und sagt:

»Er ist mein Halbbruder.«

»Wie --?«

Wolfgang bewegt seine Hand in einer sehr sprechenden, etwas frivolen Art.

»Mein Gott, ... wir vergessen, daß unsere Väter auch jung waren ... Mein Vater lebte hier allein ... na und ... wie das so kommt.«

Er geht mit graziösem Schritt fort, um die Gabeln vom Graben zu holen.

Ich schüttle den Kopf, wundere mich und vergesse im nächsten Augenblick alles.

Wir arbeiten schweigsam fort.

Hans Kietschmann steht zusammen mit einem Bauern oben auf dem Wagen und packt das Korn auf. Neben uns sind Weiber, die von Zeit zu Zeit miteinander sprechen. Ein leichter, von der aufsteigenden Sonne gewärmter Wind trägt aus der Richtung der anderen Wagen den Schall von Reden und Gelächter zu uns herüber.

Es beginnt allmählich heiß zu werden. Die Augen schmerzen ein wenig; ich sehe nichts als flimmerndes Gelb. Die Weiber riechen nach Schweiß. Die Ochsen sind von Fliegen geplagt und schlagen mit den Schwänzen kräftig umher. Ich fühle mich sehr wohl. Nina ist vergessen, vollkommen vergessen. Wie süß es ist, daran zu denken, daß ich Nina so völlig vergessen habe.

Es schlägt zwölf Uhr, wir hören mit der Feldarbeit auf, trinken Wasser und ziehen die Jacken an.

Ich gebe Wolfgang die Hand.

»Danke für den Vormittag, Wolfgang.«

Wolfgang lächelt und nimmt meinen Arm. Wir gehen als Freunde zum Schloß. Wolfgang ist zärtlich und spricht sehr viel.

10

Nachdem wir in unsern Zimmern Gesicht und Hände erfrischt hatten, betraten wir die Veranda, um dort zu lunchen.

Nina saß am Tisch. Sie schien sich zu langweilen und benahm sich wie ein kleines Mädchen, das auf seine Mahlzeit wartet.

Ich betrachtete Nina von der Seite. Sie hatte ein steifes weißes Kattunkleid an. Ihr Hals und ihre Arme waren nackt. Auf ihrer Brust trug sie eine Brillantenbrosche, an der linken Hand, der elfenbeinernen mit den langen schmalen Fingern, leuchteten vier herrliche Saphire von mildem Blau. Das kastanienbraune Haar war eine Pracht, eine Krone, ein Akkord von rauschenden, dunklen Tönen.

>Mein Gott und dennoch, was ist denn Nina? Ein kleines Mädchen, das sich langweilt! Aber ein Mädchen, das ich liebe? Nun ja, was ist schon dabei? Viele Jungens lieben viele Mädchen. Da ist gar nichts dabei.<

Ich fühlte mich Nina überlegen.

Ich setzte mich an den Frühstückstisch. Obwohl es sehr heiß war, hatte Nina einen Schnupfen, was mir ganz sonderbar vorkam.

Sie führte ihr Tuch an den Mund und fragte mit einer Stimme, die heute noch näselnder klang als sonst:

»Wo habt ihr denn eigentlich so lange gesteckt?«

In diesem Augenblicke wurde es mir recht deutlich, daß Nina gar nichts anderes war als eine große faule schöne Katze. Ich beugte mich spöttisch vor bis auf die Tischplatte und sagte von unten zu ihr aufblickend:

»Wir haben gearbeitet, -- und Sie, was haben Sie getan?«

»Ich habe geschlafen.«

»Ah, Sie haben geschlafen ...«

»Jawohl; ich bin nämlich kein Troubadour, der wie ein Hase mit offenen Augen nachts im Felde schläft.«

Hier betrat Frau Seyderhelm die Veranda. Sie begrüßte mich sehr herzlich, schalt auf das freundlichste, daß ich die Nacht draußen zugebracht hatte, und sprach die Erwartung aus, daß ich nun doch die Ferien auf Wiesenau verleben würde.

Man frühstückte.

Es stellte sich im Lauf des Gesprächs heraus, daß Frau Seyderhelm mir am Tag nach der Gesellschaft einen Brief mit der Einladung nach Wiesenau in die Wohnung geschickt hatte, der nicht mehr in meine Hände gekommen war.

Nina begann mit einer Geschichte, die so komisch war, daß wir alle fürchterlich lachen mußten. Sie sprach lebhaft, mit vielen Gesten, erzählte vorzüglich und ward durch ihren Erfolg so angeregt, daß sich der Schnupfen zu verlieren schien.

Wolfgang machte seiner Mutter kopfschüttelnd Vorwürfe, daß die Gänseleberpastete schon seit einigen Tagen nicht mehr genügend auf Eis liege. Dann wandte er sich zu mir und fragte mit einer kindlich hohen, liebenswürdigen Stimme:

»Ißt du Radieschen gern?«

Man hörte von Frau Seyderhelm, daß die Gräfin Königsmarck heute morgen dagewesen sei; man sprach dann sehr lange über die Gräfin Königsmarck. Nina schien sie nicht zu lieben. Wolfgang behauptete, diese Dame röche nach wilden Tieren.

»Wolfgang, so spricht man nicht von einer Dame!« sagte Frau Seyderhelm.

Nina jubelte und begann ohne den mindesten Zusammenhang eine Schilderung zu entwerfen, wie sie auf der Treppe meinen Ranzen gefunden und aufgemacht habe.

»Stellen Sie sich vor, Frau Seyderhelm: er reist mit einem zerrissenen Hemde, einer Zahnbürste, zwei alten Brötchen und dem Werther; den Werther hat er in seine Socken gepackt!«

Man lachte sehr. Mich erfaßte mit einem Mal der unbezähmbare Drang, Ninas Hand, die elfenbeinerne mit den spitzen Nägeln und der kühlen Haut, zu küssen. Ich bückte mich nach einer Serviette und berührte wie zufällig Ninas Finger mit meinen Lippen. Nina ließ es ruhig geschehen; sie tat, als habe sie nichts gespürt.

»Es war übrigens gar nicht der Werther,« sagte ich, als ich wieder aufrecht saß. »Es war die Versuchung des Pescara.«

Ich bediente mich mit einer kalten Reisspeise und war von meinem Abenteuer so aufgeregt, daß ich kaum schlucken konnte.

»Oh, die Versuchung des Pescara,« sagte Frau Seyderhelm. Und sie fing an, sich des längeren über »Huttens letzte Tage« auszulassen.

Wolfgang zog ein gelangweiltes Gesicht und schlug Nina für den Nachmittag eine Tennispartie vor. Sobald er mit Nina sprach, war seine Stimme zart und fast unterwürfig.

Frau Seyderhelm hob die Tafel auf.

»Schreiben Sie mir später den Namen Ihrer Wirtin auf, lieber Walter,« sagte sie. »Man soll uns Ihre Sachen nachschicken.«

Ich küßte Frau Seyderhelm die Hand und verbeugte mich vor Nina.

»Spielen Sie Tennis?« fragte Nina.

»Ja, ein wenig.«

Sie fuhr mit ihrer Zunge zwischen den Lippen einher.

»Du reitest heute nicht mehr, Wolfgang?«

»Nein; es ist zu heiß.«

Ich spürte plötzlich den Duft von Ninas Körper. Ich sah ihren weißen Hals und erbebte.

Nina lächelte.

»Addio, meine Herren. Ich gehe in den Wald.«

»Addio.«

Wolfgang zog sich in die kühlen Räume zurück.

Ich blieb auf der Veranda und sah in den Park. Nina ging langsam die kiesbedeckte Allee entlang, blieb zuweilen stehen, betrachtete mütterlich ein Blättchen, das sie mit der kühlen Hand liebkoste, pflückte eine Rose vom Blumenbeet und befestigte sie an ihrer jugendlichen Brust. Darauf verlor sie sich -- unvergleichlich ebenmäßig ausschreitend -- im mittäglichen Gehölz.

Die Gutsglocke schlug ein Uhr. Malatesta, der Hofhund, dehnte sich schläfrig, beroch mißtrauisch seine Pfote und legte sich auf den Rasen. Der Diener räumte den Frühstückstisch ab.

* * * * *