Wie wir einst so glücklich waren!
Part 2
Eine Dame mit einem ungeheuren Hut betrat den Empfangsraum, ruderte durch die Luft auf Frau Seyderhelm zu, erfüllte das Gemach mit ihren Begrüßungen, ihren schnellen Handbewegungen, ihrer Rührung über die frohe Schar, legte die Arme auf Frau Seyderhelms Schultern, küßte ihr jede Wange und sagte oftmals: »Meine liebe Lina.« Sie wurde von den Jungen mit ehrfürchtigen und ungeschickten Verbeugungen gegrüßt, von Wolfgang empfing sie einen Handkuß und von zwei Mädchen, vermutlich ihren Töchtern, sehr rasche und oberflächliche Umarmungen.
Ein junger Herr, ein Student, wie man annehmen durfte, ging quer durch den Raum, trug mit steifem Arm die Öffnung seines Zylinderhutes nach Außen in der mit braunem Glacé bekleideten Hand, erschreckte jedermann durch seine ruckartigen Verbeugungen, saß kurze Zeit darauf von einer lauten Gesellschaft umgeben an einem Tisch und versuchte sich in einem Kunststück mit zwei Gläsern, einer Teetasse und einem silbernen Löffel.
* * * * *
Eine Dame in einem schwarzen, bis an den Hals geschlossenen Kleide, die blaß und hübsch war und hungrige graue Augen hatte, wahrscheinlich die Gesellschaftsdame irgend eines der jungen Mädchen, ließ sich am Flügel nieder und begann einen Walzer zu spielen. Die Mädchen bekamen rote Köpfe und setzten sich ziemlich nervös auf die Stühle an der Wand. Die Knaben standen in den Türrahmen, ordneten ihre Krawatten, ihre Schuhbänder, ihre Frisuren und bemühten sich sorglos auszusehen.
Irgendeiner von ihnen, ein kecker Bursche, der den Teufel nach Rotwerden und Schüchternsein fragte, forderte als erster eines der Mädchen auf. Andere folgten. Wolfgang trat von irgendwoher auf Nina zu, lächelte, ohne sich zu verbeugen, und zog sie mit sich fort. Die Jungen tanzten mit vielen Sprüngen und Witzen, schlugen die Beine nach hinten aus, so daß man ihre Stiefelsohlen zu sehen bekam, und hielten ihre Tänzerinnen mit steifen Armen, da sie die Berührung des Fleisches fürchteten. Die Mädchen bewegten sich ruhiger und hatten versonnene Augen und ein süßliches Lächeln auf den Lippen. Wolfgang und Nina sahen jugendlich und glücklich aus; sie schienen schon oft miteinander getanzt zu haben, und waren ihrer Bewegungen sicher. Nina neigte ihr Haupt ein wenig zu Boden, was ihrem schlanken, hochgestellten Körper etwas Verträumtes und zugleich Preziöses gab.
Es war recht heiß. Ich fühlte mich elend und doch glücklich und trank sehr viel Limonade. Frau Seyderhelm stand mit einem Male vor mir, wie stets sehr gerade und beinah mädchenhaft schlank, die edlen Hände über der Gürtelschnalle gekreuzt, mit heiteren Augen und reiner Stirn. Sie nannte mich oftmals »mein lieber Herr Regnitz« und blickte, da ich verwirrte Antworten gab, mütterlich lächelnd über die froh sich bewegenden Kinder hin.
Der Student tanzte jetzt mit Nina, nannte sie »mein gnädigstes Fräulein« und benahm sich in jeder Beziehung wie ein Student, der zu einer Backfischgesellschaft geladen ist und dort mit der einzigen erwachsenen jungen Dame tanzt. Sein Zylinder stand irgendwo in der Ecke auf einem Stuhl und schwankte grinsend hin und her.
Der geistliche Herr erzählte der Dame mit dem großen Hut, daß Ihre Hoheit Prinzessin Clementine am vorigen Sonntag in der Kirche sehr blaß ausgesehen habe und augenscheinlich an Kopfschmerzen leide; welche Bemerkung seine Dame mit einem kurzen, nervösen Gähnen, einem verlegenen Hinunterschlucken und einem ehrfurchtsvollen »Gewiß, Herr Pastor« erwiderte.
Irgendein Mädchen, ein braves Kind mit dickem lustigen Gesicht und roten Händen forderte mich auf, mit ihr zu tanzen; ich lehnte mit strenger Stirne und finsteren Blicken ab. Sie schüttelte den Kopf, lachte leis, so daß sich ihre Nase in viele Falten zog, sagte: »Nein, so etwas!« und verschwand mit einem andern, wobei sie den Hals ihres Tänzers mit den Armen umschloß und die guten dicken Finger auf seinem Nacken faltete.
Wolfgang bat die Dame mit dem großen Hut und den exzentrischen Bewegungen um einen Tanz. Die Dame sträubte sich ein wenig, sprach sehr viel von ihrem Alter und vom Muttersein in die leere Luft und sagte endlich zu. Man klatschte im Takt zu ihrem Tanze und bereitete sich alsdann zur Quadrille vor.
Ich begann mich mit irgend jemandem über unsere Lehrer zu unterhalten; ich war witzig, der Bengel lachte und verbeugte sich darauf vor mir.
Wolfgang trat auf mich zu.
»Du tanzt nicht?«
»Nein. Danke.«
»Nie?«
»O doch.«
»Magst du heute nicht?«
»Nein. Danke.«
Nina stand neben ihm.
Sie sah mich neugierig an.
»Sie tanzen nicht?«
»Nein, heute nicht.«
Ninas Augen waren stetig auf mich gerichtet. Ich betrachtete das kastanienbraune Haar und bemerkte, daß es im Schein der kristallenen Lustres leuchtete.
»Sie werden jetzt mit mir Quadrille tanzen. Warum stehen Sie immer an der Wand? Das schickt sich doch nicht für einen jungen Herren von Ihren Qualitäten!«
»Wollen Sie sich bitte nicht um mich bekümmern, wie?«
Wolfgang bekam große Augen.
»Aber Regnitz, bitte, was ist denn --?«
Nina lachte herzlich, zeigte ihre weißen Zähne, legte die elfenbeinerne Hand auf Wolfgangs Arm und sagte:
»Du, der ist aber grob!«
Darauf wandte sie sich mir zu, machte ein hochmütiges Gesicht, senkte die Lider, so daß es aussah, als ob sie schliefe, und sagte in einem näselnden Ton:
»Also bitte, -- wollen Sie jetzt meinen Arm nehmen?«
Ich fühlte eine Schwäche in den Gliedern, während ich den rechten Arm bog.
»O, das ist nett!« sagte Wolfgang mit seinem liebenswürdigen Lächeln. »Wir werden in einem Karree tanzen.«
Wir gingen in den Saal.
Der Student stürzte auf Nina zu.
»Aber, gnädigstes Fräulein haben _mir_ ja ... das heißt, wenn Sie vorziehen ...«
Er schwitzte und verbeugte sich. Ich bemerkte, daß er nach Mediziner im zweiten Semester roch.
»Ach, Herr Doktor, ... ich hatte schon Herrn Regnitz vorher versprochen, die Quadrille mit ihm zu tanzen. Verzeihen Sie.«
Wir gingen weiter. Der Student war von diesem Augenblick an in jeder Beziehung erledigt. Er war fertig, hingerichtet, gleichsam mausetot ...
Die Dame am Klavier mit den hungrigen Augen spielte die Aufforderung zur Quadrille. Das Karree bildete sich. Ich steckte eine Hand in die Hosentasche und machte ein gleichgültiges Gesicht.
»Entschuldigen Sie,« sagte ich.
»Bitte?«
Nina begann sich mit dem Geistlichen zu unterhalten, der plötzlich neben ihr stand. Sie schauspielerte Ehrfurcht und war sehr schüchtern. Ich wurde rot. Sie wandte sich um:
»Was sagten Sie eben?«
»Vielleicht hören Sie zu, wenn ich mit Ihnen spreche!«
»Sie sind manierlos.«
»Ich bat um Entschuldigung wegen vorhin.«
»Sie können gleich um Entschuldigung bitten >wegen jetzt<.«
Ich schwieg. Mein Gott, warum war ich nur so ungezogen! Ein weinerliches Etwas stieg in meine Nase empor.
Wolfgang trat uns gegenüber und sprach mit seiner Cousine, einem schüchternen Mädchen von außergewöhnlicher Schönheit. Er winkte uns mit der Hand zu.
Die Quadrille begann.
Nina verbeugte sich tief vor ihrem Nachbarn, darauf vor mir. Ihre Lider bedeckten wiederum die Augen, die langen Wimpern berührten die roten und weißen Wangen, das feurige Haar warf seinen Duft zu mir, die elfenbeinernen Hände lagen wie unbeseelt in den Falten des blitzenden Kleides. Sie war im Augenblick, da sie sich neigte, ein Götterbild, das in Betrachtung zum Buddha versunken ist, eine indische Statue aus farbigem Stein ... Ich beugte mich noch tiefer, sah ihre blauen schmalen Schuhe und dachte: Süße Nina, süße Nina.
Ich gab fleißig acht und tanzte gut. Ich tat keine überflüssige Geste und bewegte mich ruhig. Von Zeit zu Zeit sagte Nina:
»_Visite à gauche!_« oder »Jetzt dort!« oder »Passen Sie auf, Sie können nur grob sein!« Aber sie schien zufrieden.
»Es geht ja ganz gut,« bemerkte sie einmal.
»Gewiß,« erwiderte ich stolz.
Ich sah, daß Nina und Wolfgang sich beim _moulinet des dames_ zulächelten, sobald sie sich trafen. Wolfgang sprach viel zu uns hin und unterhielt das ganze Karree. Er hatte das Aussehen eines vornehmen Pagen, der bei Hof die Schleppe der Königin hält.
Mich überfluteten, sobald ich Nina die Hand reichen mußte, Ströme von Zärtlichkeit und Anbetung. Ich beobachtete, daß ihr Fuß beim Auftreten die Form nicht veränderte. Ich liebte sie, -- o mein Gott, _wie_ ich sie liebte! Ich begann zu fiebern und wurde von Angst ergriffen. Ich dachte daran, daß ich heute abend allein in meinem Zimmer sein würde. Irgend etwas müßte bis dahin geschehen, irgend etwas, das mich mit einem unerhörten Glück erfüllte, ein Blick von ihr, ein Wort, ein Kuß ...
»Sie sind unaufmerksam. Passen Sie auf -- _vis-à-vis_!«
Ich sah einem blonden Mädchen in die Augen, verbeugte mich und trat mit Nina zurück.
»Was spielen Sie?«
»Wie?«
Wir wurden getrennt.
»Ich meine, was Sie im Theater spielen?«
Ich tanzte an drei jungen Mädchen vorbei, gab einer jeden die Hand und verbeugte mich wieder vor Nina.
»Hebbels Clara.«
»Ah ...«
Ich kannte Hebbel.
Ich verbeugte mich vor Wolfgangs Tänzerin.
Dann stand ich wieder vor Nina.
»Kennen Sie Maria Magdalena?« fragte Nina.
»Ja.«
Ich ging mit den drei Herren _en avant_ und verneigte mich vor Nina.
»Sie sollten lieber Ihre Schulaufgaben machen.«
Ich begann zu lachen, wie verrückt zu lachen, zog das Tuch hervor, bekam Tränen in die Augen, fand mich albern, mußte aus der Reihe treten und störte den ganzen Tanz. Nina hob die Lider, und es war, als ginge der Vorhang im Theater auf.
»Was haben Sie?«
Ich begann zu beben und zu frieren, meine Zähne schlugen aneinander, ich hatte das Gefühl, daß ich totenblaß sei.
»Sie sind herrlich!« sagte ich.
Ich wußte nicht mehr, was ich sprach. Ich hatte Fieber, nichts als Fieber, und Angst vor meinem einsamen Zimmer ...
Die Reihen ordneten sich wieder, man lachte, ärgerte sich und tanzte weiter. Die letzten Takte spielte die Dame am Klavier in rasendem Tempo. Man fand sich nicht mehr zurecht, und alles verwirrte sich. Ich lief umher, fühlte Schauer in meinem Körper und hatte das Bedürfnis, etwas zu zerbrechen. Der Quadrillenwalzer ertönte, man schloß sich in die Arme. Ich verbeugte mich vor Nina, aber sie dankte.
Ich führte sie aus dem Saal hinaus. Darauf ward es dunkel vor meinen Augen. Ich wurde schwindlig und hielt mich an einem Türpfosten. Mit einem Male war ein Bild vor mir: die Mittagssonne über einer teppichfarbenen Landschaft des mittleren Deutschlands, der Duft von Korn und gemähten Wiesen, und blaue Berge in der Ferne.
Nina lachte, ein singendes, verstehendes, unendlich grausames und süßes Lachen:
»Sie taumeln, Herr Regnitz! -- Ist Ihnen schlecht?«
»Nina, ich liebe Sie.«
Ich sah sie an, -- sie, dieses indische Götterbild mit den gesenkten, zur Betrachtung geneigten Augen, mit der unvergleichlich bleichen und edlen Stirne, mit den elfenbeinernen Händen und dem farbigen, wie von Edelstein und Gold blitzendem Gewande, sah diese Lippen aufeinander gepreßt, süß und streng, -- bereit, Worte zu sprechen, die den Gläubigen vernichten oder aufheben:
»Sie sind verrückt.«
Sie ging fort, mit elastischem stolzem Schritt, wandte plötzlich den Kopf um, zeigte mir ein entzückend frisches und amüsiertes Mädchengesicht, lachte, lachte eine Reihe makelloser Töne, zog eine kleine goldene Uhr aus dem Gürtel, ließ den Deckel aufspringen und sagte:
»Es ist übrigens schnell gegangen. Sie sind um fünf Uhr gekommen; jetzt ist es vier Minuten vor sechs.«
Aus der Ferne, aus einer Schar lärmender Menschen heraus hörte ich sie noch einmal lachen ...
Wolfgang trat schnell auf mich zu.
»Ist dir etwas? Du siehst nicht wohl aus. Willst du den Wagen haben?«
Ich sah mich um und lächelte matt.
»Lieber, welch ein Gefühl!«
Ich gab ihm wie im Traum die Hand.
Plötzlich ermannte ich mich, stürmte hinaus, ohne Gruß, ohne Blick, riß den Hut im Korridor vom Riegel und erreichte den Park. Ich lief wie gejagt durch die Straßen und hielt mich endlich an einem Gitter fest. Atemlos, die Brust erfüllt von einem qualvollen Glück, begann ich wie ein Kind zu schluchzen, wie ein kleines, ungezogenes Kind.
6
Am nächsten Tage wachte ich um fünf Uhr morgens auf. Ich lief im Hemd ans Fenster. Die Straßen waren leer, aber auf den Dächern lag warmes Morgenlicht und in den Bäumen am Rande des Bürgersteiges zwitscherten die Spatzen.
O mein Gott, welch ein Gedanke, ich hatte Ferien, ich hatte fünf Wochen Ferien!
Ich eilte in das Badezimmer und öffnete dort die Brause. Da fiel mir mitten im kalten Wasser etwas ein ... Was war denn gestern geschehen? ... War nicht gestern etwas Besonderes vorgefallen? ... Ich war auf einer Gesellschaft gewesen ... bei Wolfgang Seyderhelm, ... dort befand sich eine junge Dame ... mit goldfarbenen Augen und feurigem Haar ... eine Art Gottheit ... ein Backfisch ... Wie hieß doch gleich diese Dame? ... Nun, wir wollen keine Komödie spielen, wir wissen sehr gut, wie diese Dame hieß ... Nina, ... jawohl, Nina hieß sie, ... und dann war ich aus der Gesellschaft weggelaufen ... und hatte mich blamiert, ... O weh! o weh!
Verwirrt streckte ich die Arme nach dem Kelch der Brause aus, ließ mir das Wasser ins Gesicht laufen und rief beglückt in das Geplätscher hinein: Süße Nina, süße Nina.
Ich sprang in das Badetuch und zog mich an. Ich sah das Sonnenlicht sich langsam über die Häuser senken. Hallo, war ich nicht jung? Meine Heimat, -- ach, meine Heimat war überall da, wo es warme Landstraßen gab mit schönem weißem Staub, Kirschbäume, schwere Kornfelder. Nina, -- ach, Nina war irgend eine junge Dame, ein Spuk, ein Ding ohne Zusammenhang mit meinem Leben ...
Ich nahm meinen Ranzen, stopfte Hemden, Strümpfe, die »Versuchung des Pescara«, Taschentücher, zwei alte Brötchen hinein und lief die Treppe hinunter.
Noch waren die Straßen leer. Hier und da zeigte sich ein verschlafen aussehender Bäckergeselle mit listigem Gesicht, ein mürrischer Arbeiter auf dem Rad, ein von der Nachtkälte durchfrorener Polizist, sonst niemand. In den einsamen Gassen hörte ich nur den Klang meiner Schritte und meines Stockes.
Bald hatte ich die letzten Häuser erreicht und sah meine Felder sich im Sommermorgenlicht ausbreiten.
Ich ging mit leichtem Fuß und leichtem Herzen die Landstraße hinunter. Es kamen Bauernwagen, die zum Markte in die Stadt fuhren, und neben den Kutschern saßen eifrig bellende Hunde, es kamen ganz, ganz kleine Mädchen, die sich an der Hand hielten und mit putziger Eilfertigkeit in ihre Schule trabten; eine Bäuerin tauchte auf, trug einen Korb mit Eiern auf dem Kopf und sah wie eine Bäuerin aus dem Bilderbuche aus; darauf eine Horde Jungens, die alle ohne Ausnahme nackte Füße und geflickte Hosen hatten, und endlich auch ein Mann mit einer Kuh und einem Hündchen.
Schon war ich im ersten Dorf. Dort war bereits jedermann auf den Beinen. Ein Fuhrmann kam mit der Peitsche in der Hand aus der Schenke, wischte sich den Bart und kletterte mit vielen unverständlichen Worten auf den Bock; ein schlanker Terrier lief bellend auf mich zu, -- als ich ihm ein Stück meines Brots zeigte, sprang er an mir hoch; ein Kind lachte irgendwo, und ich wanderte weiter.
Die Sonne stieg. Mir zur Seite erschienen Dörfer mit Kirchtürmen und leuchtend weißen Grabsteinen und verschwanden hinter teppichweichen Hügeln.
In einem schönen Kirchdorfe machte ich Halt. Ich ging zu einem Bäcker, der am Laden eine eiserne Brezel hatte, und kaufte mir Brot und Kuchen.
»Wohin geht's, junger Herr?«
»Nach Fürstenau und immer weiter.«
»Und immer weiter -- das ist ein gutes Stück Wegs. Na, wenn man junge Beine hat!«
Ich errötete, ich weiß nicht, warum, bezahlte, schüttelte ihm die Hand, sprang an den Brunnen, trank mit Begierde das kräftigschmeckende Wasser und marschierte weiter.
Es wurde heiß. Ich schlief einige Stunden im Schatten eines Baumes und wanderte dann in den schönen Nachmittag hinein. Über das weite hügelige Land glitten zeitweis tiefe und schnelle Wolkenschatten. Ein ganz leichter Wind erhob sich und kühlte mich wunderbar. Mir war, als trügen mich die Lüfte des Nachmittags über abwechselnd beglänzte und beschattete Gefilde. Lag ich nicht auf einer weichen Wolke und trug mich diese Wolke nicht in entferntere und schönere Gebiete?
Kurz nachdem die Sonne hinter einem Hügel entschwunden war und mit einem Mal die des Sonnenantlitzes beraubte Landschaft wie in einem ungeheueren Schrecken zu erbleichen, ja zu sterben schien, erblickte ich, der ich auf einem Berge stand, zu meinen Füßen eine Stadt. Ein alter Turm ragte in die starr-silberne Luft hinein, und seine Wächter schienen silbergraue Vögel, die mit bösem, hastigem Flügelschlage ihn umkreisten. Flache Hügel umgaben die Stadt, niedere Weinberge, die ein bescheidenes Landgetränk erzeugten; mitten unter den Reben lag der umgitterte Friedhof. Meinem Auge gegenüber wandte sich die Straße, die Stadt verlassend, nach Westen, lief an den hellen Bergen entlang und durch gläserne Wälder, stieg empor in den erblaßten Himmel und verlor sich in der offenen Landschaft, andere Städte mit neuen Türmen und späterem Lichte zu erreichen. Zwischen Kornfeldern und gleißenden Wiesen, die der zweiten Mahd harrten, sah ich Erntewagen der Stadt zustreben. Eine Glocke läutete, läutete unablässig, und es war, als sei diese Stadt, diese Höhenzüge, diese silberne Spätnachmittagsluft wie überschwemmt von schwellenden, sich auflösenden und wieder schwellenden Tönen.
Ein alter Mann stieg keuchend die Höhe zu mir herauf. Er trug einen schwarzen, eng anliegenden Taillenrock und eine graue großkarrierte Hose, die weit über die bestaubten Schuhe fiel. Er schien dem steilen Weg gram zu sein.
Ich lüftete den Hut.
»Ist dies da Fürstenau?«
Der alte Mann trocknete sich mit einem roten Tuch, einer Art Fahne, die Stirn.
»In der Tat, Herr, wenn ich mich recht erinnere, so ist es ganz bestimmt Fürstenau.«
Er lächelte böse und ging weiter.
>Welch eine sonderbare Art sich auszudrücken!< dachte ich. >Spricht man so in unserer Zeit? »In der Tat, Herr, wenn ich mich recht erinnere, so ist es ganz bestimmt Fürstenau.« So spricht man in einem Shakespeareschen Lustspiel!<
Ich eilte den Berg hinab und empfand dabei die Freude eines Wanderers, der von der Höhe das Ziel seines Tages sieht.
Als ich durch das Tor in die Stadt trat, war mit einem Mal der silberne Zauber wie zerbrochen, und Abendrot lag auf den Gassen. Hochbepackte Erntewagen, in der golden durchleuchteten Fülle leise schwankend, fuhren darüber hin und zeitweis bog einer von ihnen in den Hof ein. Auf den Pferden saßen hübsche, nacktfüßige Bauernjungen, die mit den Peitschen knallten, an den Häusern emporsahen und nachlässig zu den offenen Fenstern hinaufnickten, zu den Mädchen ...
>War es vor tausend Jahren hier anders?< dachte ich. >Ernte und Glockengeläut und Menschen? ... Die vor tausend Jahren waren, mich trennt nur ein weniges von ihnen, nur die Zeit ... Ach, was ist Zeit! ... Ich will hier bleiben! ...<
* * * * *
Bald saß ich in einem Garten vor meinem Abendbrot und erfreute mich, sobald ich den Blick hinwegwandte, an den rosigen Bergen und den tiefer beleuchteten Gassen. Ein Mädchen mit braunen, zum Kranz geflochtenen Strähnen schenkte mir den Wein ins Glas und lächelte dazu mit frischem Munde ... Ein Gedanke kam mir ... fort damit ... Gespenster! ...
Ich stand alsbald auf, bestellte mir eine Kammer für die Nacht und ging nachlässig, die Hände in den Hosentaschen, durch die Stadt. Ich wünschte jedem Mädchen einen guten Abend, und begann mit einigen von ihnen dadurch ein Gespräch, daß ich mich nach allerhand Dingen erkundigte, die mir völlig gleichgültig waren, -- wo der Schmied wohne, ob die Heuernte dieses Jahr gut gewesen sei. Ich war an diesem Abend ziemlich frech ...
Bei Anbruch der Nacht kehrte ich in mein Gasthaus zurück. Als ich die Stiege hinaufschritt, die von einem Windlicht schwach erhellt war, begegnete ich dem Mädchen mit dem Lächeln um die frischen, feuchten Lippen. Ich gab ihr die Hand, bezahlte gleich, da ich früh am Morgen aufbrechen wollte, und ging in mein Zimmer. Ich setzte mich auf den Rand des Bettes und grübelte. Mit einem Male kam eine tiefe Traurigkeit über mich, ich wußte nicht, woher. Ich trat ans Fensters. Da rauschte unter mir der tiefe Mühlbach, und über mir spannte sich der Sommerhimmel voll von Sternen. Noch hörte ich zwei Männer irgendwo miteinander sprechen, noch hörte ich eine Tür im Haus und einen späten Wagen auf der Gasse, dann ward es still um mich.
In dieser Stille breitete die Liebe ihre Flügel aus. Sie drückte mich an ihre Brust. Ich taumelte und fühlte einen Schmerz wie nie zuvor.
* * * * *
Ich weiß nicht recht, wie alles gewesen war. Ich weiß nur, daß ich plötzlich an Nina dachte, die ich den ganzen Tag vergessen hatte. Ich sah sie vor mir, sah ihr Haar, ihre Augen, ihren Gang, ihre Hände, sah sie tanzen, mit Wolfgang Seyderhelm tanzen, ... ich hatte Angst, ... das Zimmer war so eng und heiß, ... tödliche Angst ... Ich nahm Stock, Hut und Ranzen und stürzte hinaus in die dunkle Luft. Die Haustür war noch offen. Ein Hund knurrte leise, aber ich entlief ihm schnell. Ich rannte durch die Gassen, durch das Stadttor, die Straße entlang, dann einen Seitenweg, durch Gebüsch, einen Hügel hinauf, ... ich keuchte sehr, ... ich fiel zu Boden und blieb liegen.
... Ich war müde und gehetzt, ich war so müde! Ich fühlte meine Jugend von mir gleiten und hatte qualvolle Träume. Ich weiß noch, daß ich einmal im Halbschlaf emporfuhr: da lag unter mir die Stadt und das dunkle Land, der Mühlbach leuchtete hier und dort im Mondlicht auf, ... um meinen Hügel ging ein leichter Wind, ... ich sank zurück ... in Traum und Schlummer. Aber schlummernd sah ich immer wieder das dunkle Land mit der Stadt, die silbernen Stücke des Baches, ... Sterne, viel Sterne ... und Nina ...
7
Ich bin noch einige Tage so gewandert, aber ich wurde nicht mehr fröhlich. Ein Sonntag kam, ich sah die Bauern zur Kirche gehen, trat mit ihnen ein und hörte die Predigt, ich sah die Burschen und Mädchen hernach in ihren übermütigen Tänzen und empfand am Abend auf der Straße die feierliche Stille des scheidenden Sonntages. Aber das alles freute mich nicht. Der verworrene Geist war von der Liebesleidenschaft erfaßt und kannte nur noch Trauer, Eifersucht, Haß und Träumerei. Ich wollte nicht mehr an Nina und Wolfgang denken, ich wollte nie mehr an sie denken. Ich sagte mir Gedichte auf, hielt als ein Prinz vor der Versammlung von Fürsten eine verwegene Rede, dichtete eine Ode an den Kaiser, -- aber selbst das erhabene Gewand der Majestät verwandelte sich mir bald, ward ein blitzendes, hellblaues ... mit Schokoladenflecken ...
Am vierten Abend meiner Wanderung zog ich mutloser denn je meine Straße entlang. Ich wollte an diesem Tage noch eine größere Stadt erreichen, dort einige Zeit verweilen, um dann dem nahen Gebirge zuzueilen. Aber irgend ein schöner Baum oder ein sehnsüchtig winkender Kirchturm hätte genügt, mich von meinem Wege abzulenken. Wer in der Welt fragte danach, ob ich einen Nachmittag unter schattigem Gesträuch verträumte und den »Pescara« las oder irgendwo auf staubbedecktem Wege schritt?
Ich blieb vor einem Weiser stehen, der mir zur Seite in das offene Land hindeutete. Da war geschrieben: Nach Strelow 3 km, nach Wiesenau 4,5 km. Ich las die Worte gedankenlos. Irgend etwas lockte mich, von meiner Straße abzubiegen. Was aber war es? Strelow? Ich hatte diesen Namen nie gehört. Wiesenau? Ich hatte diesen Namen nie ... Wie? ... Eine Erinnerung ... Wiesenau ... Wiesenau ... da war schon wieder alles entwichen ... ich schüttelte den Kopf. Wohl zwanzigmal sprach ich nun das Wort Wiesenau aus, in der Hoffnung, die Erinnerung möchte mich noch einmal erleuchten. Doch jede Mühe war vergebens: es war ein totes Wort.