Wie wir einst so glücklich waren!

Part 1

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Wie wir einst so glücklich waren!

Von Willy Speyer erschien bei Bruno Cassirer, Berlin 1907:

Ödipus, Roman

Wie wir einst so glücklich waren!

Novelle von Willy Speyer

Albert Langen Verlag für Litteratur und Kunst München

1

Auf meinem Lande ist es Herbst geworden. Ungefähr um drei Uhr morgens beginnt ein kalter Regen nieder zu gehen, der erst um fünf Uhr nachmittags aufhört. Zur Vesperzeit kommt plötzlich und kampflos die Sonne hervor; ein leichtes Blau webt mit einem Male in den herbstlichen Bäumen, deren genäßte Blätter von der Sonne farbenreich durchleuchtet werden. Am Spätabend ziehen über die feuchte Erde Nebel dahin, die des Nachts die verblassenden, leise rauschenden Wälder umfangen. Auf diesen Nebeln ruht zuweilen Mond- und Sternenlicht; goldene und silberne Wolken fließen unaufhörlich durch das Dunkel dahin, bis es zu einem nassen und schleichenden Morgen tagt.

Es ist seltsam zu sagen: Ich ziehe den Regen meinen anmutigen Herbstabenden vor. Während des ganzen Tages bleiben meine Fenster fest geschlossen, und ich finde ein Vergnügen darin, stundenlang im Zimmer auf und ab zu gehen, mit der Papierschere zu spielen, meine und meines Vaters Tagebücher zu lesen und immer wieder in hundertfachen Pausen dem Regen, dem grausamen, dem gänzlich hoffnungslosen zuzusehen. Keine Stimme redet zu mir aus dem strömenden Wasser, wie es bisweilen den Dichtern geschieht, und belustigt mich durch ihre Geschichten, -- vielleicht durch kleine rührende Märchen, die meine Brust mit süßen Hoffnungen erfüllen könnten und dann ganz trostlos endigen, ... o nein, was mich unwiderstehlich zu dem erbarmungslosen Freunde dieser Tage hinzieht, ist nichts anderes als die nackte, von jeder Kunst entblößte Trauer und ihr schwermütiges Gefolge.

Es gibt Tage, wo der Regen auch vor der Vesperstunde nicht Halt macht, sondern in die finstere Nacht hineinrauscht und nimmer ruhen mag. Dann kommt die Zeit meiner tiefsten Ängste, und es erfassen mich Gefühle, die ich längst vergessen wähnte: Meine vollkommene, durch keine Gunst des Schicksals je gestörte Vereinsamung, meine frevelhafte, durch keinen leuchtenden Gedanken je geweihte Eigenmächtigkeit und meine tödliche, tödliche Sehnsucht.

* * * * *

Es ist wahr, ich bin grenzenlos einsam. Daß ich dies erst jetzt fühle, bereitet mir eine gewisse Genugtuung, zumal wenn ich daran denke, daß es Menschen gibt, die Tag für Tag an ihrer Einsamkeit leiden.

Aber nun, hier auf meinem Landsitz, ist es eingetreten, daß ich in den Regen schaue, eine ganze Weile, geruhig, mit einer leichten Traurigkeit im Herzen, und dann plötzlich der Gedanke mich zu Boden schmettert, daß es auf der ganzen Welt keine einzige Seele gibt, die mir am Tage oder in der dunklen Nacht je vertraut wäre.

O, ich weiß, daß viele Menschen ebenso wie ich zu sprechen pflegen, -- aber bedenken diese auch, daß sie noch von der Kindheit her eine alte, gebrechliche Haushälterin besitzen, die sie rührend eifrig bedient und mit mürrischer Zärtlichkeit an ihnen hängt, oder einen Hund, einen kranken vielleicht, der mit guten, getrübten Augen zu ihnen emporsieht? Aber ich, ich kann nicht einmal solche Geschöpfe, die Geschöpfe des unteren Daseins, mein Eigen nennen. Meine Haushälterin versieht ihren Dienst mit gleichgültiger Sorgfalt, und die Hunde des Gutes lieben meinen Inspektor, nicht mich.

Ich habe freilich mit vielen Männern Handschlag und freundlichen Blick gewechselt, habe Umarmungen und Küsse mit manchen Frauen getauscht und bin in vieler Herren Dienst gestanden, -- was blieb mir von alledem? Das Herz des Söldners, seine ruchlose Einsamkeit und seine undeutliche Erinnerung. Denn meinem Geist sind alle Geschehnisse zerronnen, wie der Regen zerrinnt auf den Schieferdächern meiner Scheunen.

* * * * *

Ich stehe ein wenig abseits vom Sinn und Gefüge der Natur, das sei zugestanden, auch trage ich eine spöttische Unbekümmertheit um ihren Gang zur Schau. Ich befinde mich außerhalb der Kreise, die von der Natur um die Dinge dieser Welt, um Menschen, Tiere, Blumen, ja, um die starre Öde des Gesteins gezogen ward und -- ich will es nur aussprechen -- ich befinde mich dort nicht allzu wohl. Ich fühle mich ausgeschlossen von der mütterlichen Güte der Natur, die selbst dann meine tiefste Sehnsucht erweckt, wenn sie den andern nur grausam und sinnlos erscheint. Ich zöge es vor, als ihr niedrigster Knecht in Ketten zu schmachten, als, ach -- so frei zu sein, wie ich bin ...

* * * * *

Ich gehe an meine Bibliothek und nehme die römischen Elegien heraus. In dem Kupferstich auf der ersten Seite finde ich die Worte: »Wie wir einst so glücklich waren.«

Ich lese es und habe Tränen in meinen Augen.

»Wie wir einst so glücklich waren, Müssen's nun durch Euch erfahren.«

Es war auf einem deutschen Rittergut im Sommer, in einem Sommer voll gesegneter Tage; das Getreide stand hoch, vortreffliches Heu lag auf den Wiesen; der Himmel war am Morgen blau, mit einer glasigen Mondsichel über den Scheunen, und nachts leuchteten viel Sterne wie aus einem dunkeln, reichen und kostbaren Stoff. Ich liebte dort alle Menschen und ich betete mit einer jungglühenden Leidenschaft eine gewisse Dame an, -- vielleicht war es ein Taugenichts von einer Dame. O, ich habe dies alles nie vergessen, ich entsinne mich sehr gut. Ich will diese Geschichte aufschreiben und sie dann einem Mädchen vorlesen, das irgendwo in der Welt lebt, einem schlanken Mädchen etwa von blondem Haar und weißen, milden Händen, und dieser Gedanke hat etwas unendlich Beruhigendes für mich. Ich erinnere mich dabei an gewisse Abendspaziergänge über die sanften Felder eines deutschen Rittergutes, an gewisse zärtliche und gütige Nächte und an die verworrenen Laute eines Fuhrmannes, der in der Dunkelheit den Hof erreichte und seine Pferde beim Schein der Laterne aus der Deichsel führte.

2

Ich schauderte, als ich zum ersten Mal mit einem Wagen durch die Straßen dieser Stadt fuhr, in der ich die zwei letzten Jahre meiner Schulzeit verbringen sollte. Von den häßlichen, kalkig-weißen oder gelben Mietshäusern, die mit dem läppischen Stuck einer nur auf die Nützlichkeit gerichteten Baukunst verziert waren, wandte sich der gekränkte Blick zu modischen Villen, die mitten in Arbeitervierteln durch ihren Prunk aufgeblasen, durch ihre ärmliche Umgebung unschicklich, ja frech erscheinen mußten. Ein verachteter, oftmals bespöttelter Fluß, das Zerrbild eines Flusses, führte sein dünnes, unruhiges und stets getrübtes Wasser durch das Weichbild der Stadt. In den lichtlosen Gassen aber duckten sich zuweilen jahrhundertalte ängstliche Giebelhäuser, die einer seelenvollen und klaräugigen Vergangenheit entstammten.

Der Knabe hatte seine erste Jugend auf einer Landschule zugebracht und war dort von erfahrenen Männern zusammen mit einer Schar unermüdlicher und redlicher Jungen erzogen worden. Nun stand er, einem begründeten Wunsche seines Vaters folgend, allein in dieser Stadt, ohne daß ihn irgend ein freundliches Gefühl an ihre Menschen gebunden hätte, dazu von einer auf dem Lande erlernten und geübten Sittlichkeit beschwert, die den Verkehr mit den leichtgesinnten Bewohnern der Städte verbot. So verschloß er sich nicht ohne einen gewissen Starrsinn den Freuden der Geselligkeit, gedachte mit Trauer der vergangenen Zeit und fand ein großes Gefallen daran, den alten Freunden in langen Briefen seine augenblickliche Lage mit den trostlosesten Worten zu schildern. Seine Stimmung ward durch den Umstand nicht verbessert, daß der Vater ihm Geldmittel von bedeutender Höhe zur Verfügung stellte, die weder dem Alter noch dem Verdienst des Sohnes ziemten.

Er verachtete mit zusammengepreßten Lippen und immer strengen Zügen die Lehrer und Schulkameraden des Gymnasiums und sprach mit keinem von ihnen mehr, als die Stunde verlangte. Ihre unerzogenen Körper und die schlechte Artung ihrer Seelen erschreckten ihn auf das heftigste und stießen ihn ab. Er, nur er allein war edlen, bis zu den Sternen erhobenen Geistes und nur er besaß die Schönheit schnellbewegter Glieder. Wer von ihnen erfaßte mit so reger Seele die donnernden Strophen engländischer Königsdramen, die knabenhaften und verwegenen Reden eines jungen Prinzen vor der Versammlung von Lancasterschen Herzögen oder den aufrührerischen Hohn der französischen Herolde? Wer ward beseligt durch das tönende Gold der achäischen Panzer, durch den silbernen Hufschlag der streitenden, leichtberittenen Götter und durch das blaue, blaue Griechenland?

Wie sehnte sich der bislang an Freiheit gewöhnte Knabe nach den Nachmittagen, die ihm durch keinen Zwang verfinstert waren! Ich denke besonders an gewisse regnerische Nachmittage des Herbstes. In einen trotzigen, der Kleidersitte widersprechenden Überwurf gehüllt, eine phantastische Mütze tief in das Gesicht gezogen, mit hohen schweren Stiefeln bekleidet, verließ er seine Wohnung und wanderte zum Stadttor hinaus. Bald gelangte er an den armseligen, im Regen blinden Fluß, an dessen Ufer er durch Weidengebüsch und dürftige Birkenwäldchen geradeaus schritt, um endlich die ersehnten Felder, die trüben, häßlichen und doch geliebten zu erreichen. Peitschte ihm der Sturm das Wasser in das emporgerichtete Antlitz, dann fühlte er, wie das heiß ersehnte und angebetete Leben seiner einsamen Brust günstig genähert war. Er warf die Kleider von sich, breitete den schützenden Mantel über sie und badete im kalten Fluß, während der Himmel seine frischen Regenstrahlen herniedersandte; vor Frost zitternd schwang er sich vielleicht auf einen Baum, um von dort in einer großartigeren als der gewöhnlichen Stellung Cassius in den verhängten Himmel zu heulen:

Und so umgürtet, Casca, wie ich bin, Hab ich die Brust dem Donnerkeil entblößt,

um endlich mit geschundenem Körper, blau und naß in die Kleider zu steigen und gedrückt, traurig und fast ein wenig weinerlich über die eigene Narrheit im dunkelnden Nachmittag seinem Hause zuzuwandeln. In seinem Zimmer fand er dann bereits die Dämmerung vor, die vom Laternenschein am Fenster in zerrissenen Stücken erhellt war. Während vom unteren Stockwerk eine musikstudierende junge Dame ihre gleichmäßigen und süßen Variationen und Fugen erklingen ließ, schickte er sich an, den Tee zu bereiten und die Pfeife in Gang zu bringen. Von wundervollen Gefühlen überschlichen ließ er sich in einen Sessel nieder, eine angenehme Wärme durchströmte seinen Körper und seine Augenlider wurden schwer von Träumen. Aber sein der Wirklichkeit ebenso leidenschaftlich wie der Phantasie zugetaner Sinn richtete ihn bald aus seinen Träumen empor. Er setzte sich an den Schreibtisch, schlug seine Schulbücher auf und arbeitete, ohne seinen Gedanken eine Ablenkung zu gestatten, ernst und streng bis zum Abend.

3

Die letzte Unterrichtsstunde vor den großen Ferien war beendet. Plötzlich, ja scheinbar ganz ohne Zusammenhang begann man ungeheuer laut und angeregt zu reden, man lachte, sah einander in die Augen, schüttelte sich die Hände, und ein jeder wünschte dem andern in weitschallenden und überaus herzlichen Zurufen einen fröhlichen Sommer.

Ich stand wie immer abseits. Mir ward bei all dieser Freude, die wie ein heller Strom an mir vorbeifloß, ein wenig bedenklich zumute.

Ich nahm zerstreut meinen Strohhut vom Kleiderriegel und betrachtete mit Interesse meine Stiefelspitzen.

>Jawohl,< dachte ich, >ich kann mir gut heute Nachmittag ein Paar neue Schuhe kaufen. Morgen reise ich ja fort. Wohin eigentlich? In meine Heimat? Zu meinem Vater? Er kreuzt mit seiner Jacht auf den nordischen Gewässern in Begleitung der schönen Anny Döring, und er hatte in seinem letzten Brief die Einladung für mich wohl vergessen, ... eigentlich hatte er einen ausgezeichneten Brief geschrieben, einen höflichen, zurückhaltenden und etwas frivolen Brief, und beigefügt war eine Bankanweisung von erstaunlicher Höhe. Jawohl, so war mein Vater. Übrigens war er ein vortrefflicher Herr.<

Ich schickte mich an, den leeren Schulkorridor zu verlassen, als ein blonder, vornehm gekleideter Knabe auf mich zutrat.

Da er mein abweisendes Gesicht bemerkte, blieb er zögernd stehen und senkte die Augen. Darauf glitt ein Lächeln von großer Anmut über sein Antlitz, gleich als sei er über die eigene Schüchternheit belustigt.

»Meine Mutter und ich, wir würden uns sehr freuen, ... das heißt, wenn du Lust hast ...«

Eine Stille.

»Ich verstehe nicht, -- wie?«

Der Knabe schlug sich mit der flachen Hand auf den Schenkel und begann sehr herzlich und sehr laut zu lachen.

»Zum Teufel, das war eine prachtvolle Einleitung!«

Er legte ungezwungen und weltmännisch seine Hand auf meinen Arm.

»Lieber Regnitz, man gibt heute nachmittag bei uns eine Gesellschaft. Es wird vermutlich ganz witzig werden ... Jungens und Mädchen ... Schokolade, Tanz und so ... Meine Mutter liebt das sehr, ... willst du uns das Vergnügen machen?«

Ich sah den Jungen erstaunt an; er gefiel mir außerordentlich. Aber ich hatte es mir bislang in solchem Maße zur Pflicht gemacht, die Schulkameraden abweisend und hochmütig zu behandeln, daß ich auch jetzt nicht vermochte, mein gewöhnliches Betragen mit einem freundlicheren zu vertauschen.

»Du bist sehr liebenswürdig ... Entschuldige mich, ich habe deinen Namen vergessen.«

»Ich heiße Wolfgang Seyderhelm.«

»Ich danke dir sehr für deine Einladung, Wolfgang Seyderhelm. Leider ist es mir nicht möglich, sie anzunehmen, da ich heute bereits eingeladen bin.«

Wolfgang Seyderhelm wurde etwas rot.

»Sehr schade,« sagte er.

Er steckte eine Hand in die Hosentasche und wies mit der andern höflich auf die Schultreppe:

»Wir haben denselben Weg.«

Wir gingen die Stufen hinunter.

»Dein Bruder war Militärattaché in Athen, nicht wahr?« fragte Wolfgang. »Meine Mutter glaubt, ihn dort kennen gelernt zu haben.«

»Jawohl, er war Militärattaché in Athen.«

Ich sah zur Seite.

»Was ist's mit ihm?« fragte Seyderhelm, der mich beobachtete.

»Er fiel in Südwest gegen die verdammten Schwarzen.«

»Oh.«

Vor dem Schulgebäude stand ein leichtgefügter eleganter Wagen mit zwei lebhaften Apfelschimmeln. Eine junge Dame saß darin; sie trug einen silbergrauen Schleier, der den weichen großen Hut an den Seiten niederbog und auf der Brust zu einem Knoten verschlungen war. Ihre schmalen Hände waren mit dänischem Leder bekleidet, und ihre von den Wimpern tief beschatteten Augen sahen etwas mokant zu Wolfgang hin.

»Ah, der Wagen!« sagte Wolfgang Seyderhelm, der zögernd stehen blieb.

»Ah, deine Schwester!« sagte ich beklommen.

»Nein, nicht meine Schwester.«

»Nicht deine Schwester?«

»Eine junge Dame unserer Bekanntschaft. Adieu, Walter Regnitz.«

Wolfgang Seyderhelm grüßte. Ich dankte nicht, sondern sah auf den Wagen. Der Kutscher legte die Hand an den Hut, Wolfgang sprach lächelnd einige Worte, warf seine Schulmappe auf den Bock und stieg ein. Die Schimmel zogen an und das Gefährt bog im Augenblicke um die Ecke ...

Ich eilte in den heftigsten Gedanken nach Haus.

4

An diesem Nachmittag ging ich nicht spazieren. Ich schritt unruhig in meinem Zimmer auf und ab. Ich hatte weder Lust zu arbeiten noch zu lesen. Immer wieder kam mir Wolfgang Seyderhelms Einladung in den Sinn. Und mit einem Male trat aus der Wirrnis widerstreitender Gefühle ein leuchtender Gedanke hervor: Die Sehnsucht nach Gesprächen, nach scherzhafter Rede und Gegenrede, nach Tanz und Schokolade und nach einer gewissen jungen Dame mit einem silbergrauen Schleier und mokanten, von den langen Wimpern tief beschatteten Augen.

Ohne Zögern kleidete ich mich um, lief zum Schuldiener und ließ mir Wolfgang Seyderhelms Adresse sagen. Bald fand ich mich abseits der Stadt vor einer großen, mitten in einem Park gelegenen Villa. Ich schellte, ward vom Diener ohne Verwunderung empfangen, durcheilte einige hellerleuchtete Gemächer und stand endlich im Eßzimmer.

Eine stattliche Anzahl von Knaben und Mädchen, unter ihnen einige Erwachsene, saßen an drei runden Tischen, vollführten den heitersten Lärm, und tranken mit großem Appetit Schokolade, wozu sie ungeheuer viel Kuchen aßen. Ich blieb befangen stehen und suchte Wolfgang Seyderhelm. Die Herrschaften verstummten allmählich, man begann mich zu bemerken. Da sah ich am Ende des letzten Tisches Wolfgang sich erheben, der mich verwundert anstarrte. Von einem andern Tisch her rief eine Dame:

»Nun, Wolfgang, willst du nicht deinen Gast begrüßen?«

Über Wolfgang Seyderhelms Gesicht glitt ein Zug von unendlicher Liebenswürdigkeit und fast frauenhafter Güte. Schnell kam er auf mich zu:

»Wie lieb, daß du kommst!«

Ich erwiderte kein Wort, drückte aber stürmisch und begeistert seine Hand. Er faßte mich am Arm und führte mich zu der Dame, die ihm vorhin zugerufen hatte. Glücklicherweise begann man an den Tischen sich wieder zu unterhalten.

»Dies hier ist mein Schulkamerad Walter Regnitz.«

Die Mutter, eine noch junge Frau von schlankem Wuchs, heiteren italienischen Augen und hoher reiner Stirne begrüßte mich lebhaft.

»Es freut mich sehr, daß Sie gekommen sind. Wolfgang hat mir viel von Ihnen erzählt.«

Wolfgang errötete.

»Ich denke, Herr Regnitz, Sie setzen sich neben mich. Hier ist noch ein Stuhl frei.«

Ich saß und fühlte meinen Sinn ein wenig umnebelt.

»Sind Sie verwandt mit einem Herrn Regnitz, der vor zwei Jahren in Athen Attaché war?«

»Das war mein Bruder, gnädige Frau.«

»Nicht möglich! ... Ihr Bruder ...!«

Und sie sprach von meinem Bruder, den sie in Athen vor zwei Jahren kennen gelernt hatte.

»Eigentümlich, wie Sie sich Schokolade eingießen!« klang eine singende Stimme neben mir, während ich mich mit Frau Seyderhelm über meinen Bruder unterhielt, der in Athen vor zwei Jahren Attaché gewesen war. Ich wandte mich nicht um und konnte nicht erkennen, woher diese Stimme kam und ob sie mir galt. Ich sah viele Gesichter, darunter das von Wolfgang Seyderhelm, dessen Blick sich stets abwandte, sobald er den meinen traf. Ich empfand es sehr wohltuend, daß ich mich vorhin beim Eintreten nicht allzu ungeschickt benommen hatte und nun in ungezwungenem Tone mit Wolfgangs Mutter redete.

»Wo ist Ihr Herr Bruder jetzt?«

»Er ist im Kampf gegen die Neger gefallen.«

»Oh wie traurig! Als Offizier?«

»Jawohl, als Offizier.«

»Eigentümlich, wie Sie sich Schokolade eingießen!« sang irgendwo eine Stimme.

»Und Sie sind hier in unsere Stadt gekommen, um das Abiturium zu machen?«

»Jawohl, ich war jahrelang auf dem Lande, nun will ich hier das Abiturium machen.«

»Wolfgang erzählt, Sie seien sehr fleißig.«

»Ich will mit der Schule schnell zu Ende kommen.«

»So --?«

Frau Seyderhelm wandte den Kopf nach einer anderen Richtung, da sie von dort gerufen wurde. Nun konnte auch ich mich umsehen.

Neben mir saß eine junge Dame, die auf ihrem hellblauen Kleid Schokoladenflecke mit der Serviette abrieb. Diese junge Dame hatte golden schimmernde, von den Wimpern tiefbeschattete Augen, kastanienbraunes Haar, einen spöttisch verzogenen Mund und lange schmale Finger, die auf irgendeine Art an die Kälte des Winters erinnerten, an Elfenbein und an die Heiligtümer indischer Völker.

5

Ich schwieg beklommen, seufzte tief auf und gewann endlich den Mut zu fragen: »Habe ich Ihr Kleid ...? Das heißt, bin ich daran schuld, daß Sie ...?«

Die junge Dame antwortete nicht, sondern reinigte emsig mit einer kleinen Serviette, die sie in warmes Wasser getaucht hatte, ihr hellblaues Kleid.

»Ich meinte nur ...« sagte ich ratlos.

Da hob die junge Dame den Kopf in die Höhe, sah mir in die Augen, wobei sie sich ein wenig zur Seite neigte, und begann eine Tonreihe von silberhellem Klang zu lachen mit listigen, schmalen Augen, mit offenem Munde und vielen weißen Zähnen.

»Nein, _zu_ dumm! Sie haben eine Art, sich Schokolade einzugießen! Sehen Sie, man macht es nicht so --«

Sie nahm eine Porzellankanne und ließ den Strahl von solcher Höhe in die Tasse fallen, daß alles um sie herum erschrocken und lachend zurückwich.

»-- sondern so.«

Sie verkleinerte den Strahl und ließ ihn manierlich fließen.

Ich ward einem Sturm des Gelächters preisgegeben. Ein geistlicher Herr, der an einem andern Tisch seinen Platz gefunden hatte, beugte sich mit fröhlichem Augenblinzeln zur Seite und begann so herzlich zu lachen, daß er sein Taschentuch hervorziehen mußte. Einige Backfische kicherten und flüsterten, ein paar Jungens brüllten. Ja, die junge Dame mir zur Seite schien ein Tausendsassa zu sein, die eine ganze Gesellschaft mit ihren Späßen zu erheitern vermochte.

Ehe ich noch etwas erwidern konnte, wurden die Stühle mit großem Lärm gerückt und man erhob sich. Die junge Dame tat mit der Hand noch schnell eine sonderbare Geste, die ich mir nur so deuten konnte: »Ein dummer Junge, nicht wahr?« Darauf hatte sie plötzlich, als sie von ihrem Stuhl aufstand, ernste und unbewegliche Züge. Die strengen Linien ihrer goldfarbenen Augenbrauen und Wimpern, der kunstvolle geschlossene Aufbau ihres kastanienbraunen Haares beherrschten mit einem Male das Antlitz. Die herabhängenden Arme waren eng an das Kleid gehalten und die Hände lagen wie erstarrt in den Falten.

Wolfgang Seyderhelm trat auf mich zu und bot mir sehr herzlich die Hand. Ich bemerkte, daß er enganliegende graue Hosen trug, Lackstiefel, ein Jackett, ähnlich wie es die englischen Midshipmen zu tragen pflegen, und einen umgebogenen Kragen, der seinen braunen Hals freiließ. Er schien stolz und glücklich zu sein und hatte das Aussehen und Betragen eines jungen Engländers und Weltmannes.

»Hast du dich mit deiner Tischnachbarin unterhalten?« fragte er.

»Du meinst, mit deiner Mutter?«

»Nein, ich meine mit dieser jungen Dame dort.«

Er zeigte in den Salon.

»Kaum. -- Wie heißt sie?«

»Nina.«

Ich mußte plötzlich an die Schneeberge und Weintrauben Kaukasiens denken, an die reine Stirne und den unvergleichlichen Gang der Kosakenmädchen.

»Was ist's mit ihr?« fragte ich.

»Sie ist Schauspielerin am Stadttheater. Eine Protegé meiner Mutter.«

»Wie alt?«

»Achtzehn.«

Ich sah, daß man im Speisezimmer die Stühle an die Wand schob und den Teppich aufrollte. Ich blickte zerstreut an den Gobelins hinauf, deren streitende Helden sich in übermenschlichen Triumphen und Schmerzen gegenüberstanden. Wolfgang sprach noch, aber ich verstand nicht, was er eigentlich sagte. So, so ... so ... sie hieß Nina, ... welch ein süßer Gleichklang in ihrem Namen, ... welch ein Duft von ihrem Haar, ... ich begann Kopfschmerzen zu bekommen, ... wie zärtlich Wolfgang zu ihr hinblickte ...

»Du liebst sie ja!« sagte ich laut und wußte nicht, ob ich wirklich gesprochen hatte.

Wolfgangs Antlitz sah plötzlich aus wie überströmt von Blut.

»Was sagst du?«

Frau Seyderhelm stand neben uns und unterhielt sich mit dem geistlichen Herrn. Frau Seyderhelm stand sehr gerade da, sprach achtungsvoll, mit verbindlich zur Seite geneigtem Haupt, gebrauchte sehr oft die Anrede: Herr Pastor und hatte zu gleicher Zeit ein etwas mitleidiges Lächeln um den Mund, da der geistliche Herr verlegen war und nicht ganz ungezwungene Bewegungen zeigte.

»Und morgen gehen Sie auf ihr Rittergut, meine liebe gnädige Frau?« fragte der geistliche Herr.

»Ja, stellen Sie sich vor, Herr Pastor, -- dieser Trubel! Alle Koffer sind schon gepackt ... es ist ja immer wie ein Umzug! ... Aber Wolfgang tut das Landleben so wohl ...!«

Frau Seyderhelm strich mit der Hand über ihr schwarzes Haar.

»Nina geht diesmal auch mit,« sagte sie, lächelte dem Pastor sehr liebenswürdig zu und schritt ins Nebenzimmer.

»Wie schön von dir, daß du mich eingeladen hast,« sagte ich zu Wolfgang, wurde ganz heiß vor Begeisterung und ging weg.