Wie es Licht geworden!

Part 5

Chapter 53,639 wordsPublic domain

Doktor Vogler stimmte ihm durch Kopfnicken bei. Doch äußerte er Zweifel, daß dies durchführbar sei. Sein College sah mich mitleidig an. „Dann versuchen wir es mit dem Lagerungsapparat. Wenn Sie vielleicht sehen wollen“, und er schob den Vorhang etwas zur Seite. Es war ein Ungetüm aus Holz, Leder und Eisen. „Was, da drin soll ich schlafen?“ Ich begriff nicht, daß man mir im Ernste so etwas zumutete.

„Ja, wenn es sein muß.“ Mama war nur besorgt, daß die Kosten zu bedeutend wären; das Andere schien sie kühl zu lassen.

Ich brach in Tränen aus. Doktor Vogler fuhr mir tröstend über das Haar: „Es sieht nur so schrecklich aus. Man gewöhnt sich bald daran und lange wird es ja hoffentlich nicht nötig sein.“

Ach, war das eine Marter: Kerzengerade auf dem Rücken liegen, den Kopf in einer Linie mit dem Körper; die rechte Seite auf einem steinharten Holzviereck, die linke halb in der Luft, an Gurten aufgezogen. Gewöhnlich schlummerte ich erst um 4 Uhr morgens ein und drei Stunden später mußte ich aufstehen. Oft vermochte ich mich nicht aufrecht zu halten vor Müdigkeit und war kaum imstande die Tränen zurückzudrängen. Weshalb mußte ich das durchmachen? -- Warum war ich nicht wie Andere? Wenn ich Papa bat, mich wieder wie früher im Bett schlafen zu lassen, geriet er in Zorn und nannte mich „ein boshaftes Ding“. Und Gott half mir auch nicht, der böse, alte Mann.

* * * * *

Weihnachten stand vor der Thüre. Wir hielten täglich eine Andacht im Studiensaal, vor der kleinen, leeren Holzkrippe. Mère Walter hatte uns in einer etwas unverständlichen Rede aufgefordert, dem Verheißenen ein Lager zu bereiten in unserem Herzen. Wir sollten unser Inneres läutern und mit Tugenden schmücken. Jede mußte in den Krieg ziehen gegen ihren Hauptfehler und hatte sie am Ende des Tages einen Erfolg zu verzeichnen, durfte sie einen Strohhalm in die Krippe legen.

Meine schwache Seite war die „Geduld“. Ich beschloß mich ins Unvermeidliche zu fügen. Da die Himmlischen mir gegenüber so wenig Zuvorkommenheit zeigten, wollte ich sie verblüffen, beschämen. Nein, sie sollten wenigstens nicht triumphieren; dieser Gedanke erfüllte mich mit Genugtuung. Ohne Murren legte ich mich in den harten Apparat und stand mit einem überlegenen Lächeln auf. Nicht Liebe war mein Führer, viel eher Trotz und Hohn.

Wir verfertigten Kleidungsstücke für die Armen und sollten die würdige Mutter mit einer Summe für die Afrikamissionäre überraschen. Papa machte ein saueres Gesicht, enthielt sich jedoch jeder Äußerung, um den Respekt vor den Klosterfrauen nicht zu beeinträchtigen.

Die Abende waren mit den Vorbereitungen für das Christfest ausgefüllt. Wir Drei, Doktor Vogler und ein Maler, Pitz mit Namen, verfertigten kleine Bonbonnièren, wickelten Chokolade ein und befestigten am Zuckerwerke Fäden.

Pitz, seines schwarzen Krauskopfes halber auch „Mohr“ genannt, zeigte für diese Beschäftigung bei Weitem mehr Interesse als für seinen eigentlichen Beruf. Er war durchaus nicht talentlos, aber von einer Trägheit, einer Indolenz! Flogen ihm die gebratenen Tauben zu, dann gut, wenn nicht, er kümmerte sich gewiß nicht weiter darum. Ein Bild „auszustellen“ hätte ihm Entwürdigung geschienen. Bedürften die Leute seiner, so würden sie ihn schon holen in seinem Dachstübchen, hinter der Staffelei, wie die Sachsen ihren König, vom Vogelfang. Es holte ihn aber Keiner, da eben Niemand von ihm wußte.

Er verstand sich vorzüglich auf das Restaurieren; er copierte hübsch, aber eigene Ideen -- keine Spur. Seine ältesten Bekannten konnten sich nicht entsinnen, daß ihm seine Phantasie mehr als zwei Sujets vorgezaubert hätte, die er bis zum Überdruß verwertete. „Zechende Jäger in der Schänke“ und „ein Bachantenzug von kleinen Kindern“. Selbst auf der Decke seiner Stube schwebten blütenbekränzte Amoretten und die Innenseiten seiner Kleiderkästen zeigten die altbekannten, verwitterten Gesichter unter den grünen Filzhüten.

Papa hatte sich einmal einen Scherz erlaubt und ihn „Herr Zimmermaler“ genannt. Das aber faßte Pitz schief auf: „Der Herr Baron darf sich nicht lustig machen über mich“, erklärte er mit drohender Miene. „Ich habe kein Glück gehabt; bei mir stellte sich der Zufall nicht ein, der einen Makart, einen Canon gemacht. Und mich den Leuten aufdrängen, ah nein, dazu bin ich zu stolz“ und er warf mit herausfordernder Miene den Kopf in den Nacken. Mit der, bornierten Leuten eigenen Zähigkeit, beharrte er bei seinem Standpunkt. Es wäre total fruchtlos gewesen, sich in eine vernünftige Diskussion mit ihm einzulassen, ihm begreiflich machen zu wollen, daß die großen Meister niemals berühmt geworden wären, hätten sie die Hände in den Schoß gelegt und würdevoll gesagt: „Ich warte“.

Aber ebenso wie er jeden harmlosen Spaß, jeden leichten Tadel für bare Münze hielt, ebenso nahm er jede Anerkennung, jedes Lob wörtlich. Er deklamierte für sein Leben gern und man brauchte ihn nur zu bitten, etwas zum Besten zu geben, so war aller Groll im Nu verraucht. Der Künstler verschwand, um in wenigen Minuten mit gepudertem Gesicht in ein weißes Leinentuch gehüllt, zu erscheinen. Mir wurde unheimlich dabei zu Mute. Das verdunkelte Zimmer, der weiße Schatten und die schaurige Geschichte der „Moritaterei“ „Lenore fuhr ums Morgenrot“. „-- Dann gieng er in einen heiteren Ton über, sang den „Chevauxlegers“, den „Gondolier“ und „Ich wollt’, ich könnt ein Kätzchen sein“. -- Immer dasselbe Repertoire, nie eine Abwechslung. Sein Steckenpferd aber war die Parodie auf den „Handschuh“. Er hatte sich beim Einstudieren seiner Rollen so sehr in die stampfenden, wildbrüllenden Tiere hineingedacht, daß die Nebenparteien den Hausmeister zu Hilfe riefen: „Der Maler muß übergeschnappt sein; er treibt es furchtbar“. Und da auf wiederholtes Klopfen keine Antwort erfolgte, sprengte er die Türe und dem erstaunten Publikum bot sich ein Anblick dar, wie jener, wo Cervantes „Don Quichote“ mit unsichtbaren Mächten kämpft. Pitz kroch auf allen Vieren herum, schlug mit Händen und Füßen um sich und gab die schauerlichsten Töne von sich. -- Es kam zur Erklärung der Situation, und von nun an regnete es Einladungen auf ihn „zur Jause“, zu einer „deklamatorischen Soirée“ im 4. Stock, wo er die einzige deklamatorische Kraft war. Was Wunder da, wenn Pitz die Huldigungen zu Kopfe stiegen. Er ließ es sich gut sein bei Braten und Wein und erklärte höchst selbstbewußt: „Jetzt ist so ein Geriß um mich, daß ich ans Malen gar nicht mehr denken kann.“

* * * * *

Hell prangt der Christbaum im Kerzenschmuck. Es funkelt und glitzert von Goldstaub und Walkürenhaar und die Äste neigen sich unter der schweren Last.

Rings an den Wänden auf weißgedeckten Tischen die Geschenke. Mein Platz ist überfüllt, und es währt geraume Zeit, bis ich die vielen Gaben in Augenschein genommen. Am meisten freut mich das Perlenhalsband, das mir Tante Laura sammt einem lieben Brief gesandt. „Sei glücklich“, schloß das Schreiben, und diese Worte machten mich traurig, ohne daß ich recht wußte warum. Wann ist man glücklich? Wenn man nichts entbehrt, keine ungestillte Sehnsucht mit sich herumträgt, -- oder aber wenn man sich mit den Dingen zufriedengiebt, wie immer sie auch seien. Zu ersterem gehört Fortunas ganz spezielle Protektion, zu letzterem ein so hoher Grad von Philosofie, wie er nur wenig Auserwählten eigen ist.

Auch ich war nicht glücklich. Ich stellte die schönen Sachen in meinem Zimmer auf, und in diesem öden grauen Zimmer dachte ich an Hannerl und wie schön es wäre, das Alles mit ihr zu teilen. Ob sie wohl wußte, mit welchem Opfer ich die Süßigkeiten erkauft, die ich ihr geschickt. Die Nacht des Sonntag blieb ich vom Apparat befreit. Papa stellte mir aber einen Gulden in Aussicht, wenn ich auch da viermal hindurch darin schliefe. Es fiel mir schwer, aber Hannerl zu Liebe tat ich es.

Um Mitternacht gieng sie wohl in die Mette. Knirschender Schnee, Sternenhimmel, der Lichtschimmer ungezählter Laternen, vermummte Männer und Frauen. Aus allen Dörfern strömen sie zusammen, um dem Heiland der Welt ein Wiegenlied zu singen: „Stille Nacht, heilige Nacht.“

Brausend fällt die Orgel ein, Weihrauchduft erfüllt den Raum -- sie Alle beten.

Wie feierlich! Wie schön!

* * * * *

Olga hatte das Pensionat verlassen, nachdem es mehr als einen heftigen Auftritt zwischen ihr und der würdigen Mutter abgesetzt. Obwohl wir einander nicht näher gekommen, that es mir doch leid. Sie hatte Leben und Abwechslung in das öde Einerlei gebracht. Welchen Unfug sie in den „Anstands-Stunden“ getrieben! Ihr Lachen wirkte ansteckend und versetzte den Tanzlehrer -- das einzig männliche Element in unserem Unterricht in helle Wut.

Kaum wandte er sich um, warf sie ihm Kußhände zu, preßte die Hände aufs Herz und einmal ertappte er sie dabei, wie sie den Zipfel seines Taschentuches aus seinem Rocke zog. Von nun an kam Mère Walter selbst, um uns an Stelle der alten, kurzsichtigen Mère Schale zu beaufsichtigen. Wir standen da, als ob wir Ladstöcke verschluckt hätten und mucksten nicht. Es war unerträglich.

Olga hatte laut geäußert, daß bei Tisch nur deshalb Missionsberichte vorgelesen würden, um einem den Hunger zu benehmen. Sie hatte nicht so Unrecht; diese unappetitlichen Schilderungen mußten Einem übel machen. Der Eine briet am Spieß, den Anderen tranchierten sie bei lebendigem Leibe und ein Dritter war derart Feinschmecker, daß er sich bloß vom widerlichsten Ungeziefer nährte. In der Regel hörte auch außer den beiden jungen Altgräfinnen Niemand zu, und die schienen völlig abgehärtet gegen die Schauderberichte. Sie verschlangen mit durchdrungener Miene doppelte Extraportionen, während ihr Geist, von der Materie losgelöst, in höheren Regionen schwebte. Dünn wie Sardellen, half ihnen selbst die Mastkur nichts -- sie aßen nur aus Pflichtgefühl, um ihre Körper widerstandsfähig zu machen, für die Anforderungen der Seele.

Den Ausschlag aber hatte gegeben, daß Olga die fehlenden Seiten ihrer Naturgeschichte verlangte. „Ich weiß ja so, was drin steht. Warum soll denn der Mensch nicht vom Affen abstammen. Die Affen sind oft gescheiter wie die Menschen.“ Bei der Taschenbesichtigung fand sich ein kleines Bändchen „Goethe-Gedichte“ vor. Sie hatte es zu Weihnachten von ihrem Schwager erhalten. Höchste Entrüstung. Mère Walter spielte alle Farben. Sie aber sagte so ganz obendrein: „Warum haben Sie diese schlechten Bücher gelesen? Hat Sie wahrscheinlich doch auch mehr interessiert als die „Nachfolge Christi.“ Ich finde gar nichts so Schreckliches daran.“

Damit war die Sache erledigt und Olga ausgestoßen. Mère Walter legte uns anheim, für sie zu beten: „~Ce n’est peut-être pas tellement de sa faute. C’est une excellente enfant, elle a un cœur d’or, mais elle est malade, oh elle est malade la pauvre!~“

Olga krank, es war zum Lachen. Solch zweiten kerngesunden Kobold gab es gar nicht mehr. Aber Mère Walter fand offenbar, daß man bei so unerhörtem Benehmen einer Entschuldigung bedürfe.

* * * * *

Ein entfernter Verwandter war gestorben und hatte Papa zum Universalerben eingesetzt. Ich durfte Trauer tragen und fühlte mich furchtbar interessant. Des Abends beim Gebete, fügte Papa ein Gesetzlein für den Verstorbenen bei und Mère Walter behandelte mich von nun an mit einer gewissen Zuvorkommenheit.

Die altväterische Einrichtung unserer Wohnung wich einer modernen, und an Stelle der häßlichen Ripsgarnitur im Salon trat eine kirschrote Seidenpracht, die mein Auge blendete. Auch mein Zimmer erfuhr eine Bereicherung, d. h. man schob das hinein, wofür man anderswo keinen Platz fand.

Sonst trat keine wesentliche Änderung ein. Papa behielt die alte Lebensweise bei und meine Hoffnung auf Erhöhung des Monatsgeldes erwies sich als trügerisch.

Zwischen meinen Eltern herrschte eine Spannung, die mich überaus peinlich berührte. Bei den Mahlzeiten saßen sie sich stumm gegenüber und ~Dr.~ Vogler mußte die Unterhaltung führen.

Großmama war zum Begräbnis gekommen, hatte uns aber nicht besucht. Als ich meinem Bedauern darüber Ausdruck gab, versetzte Mama mit großer Schärfe: „Ich hoffe, daß sie sich’s überlegt, uns aufzusuchen: ich verlange mir durchaus keinen Verkehr mit dieser Sippe.“

Ich blickte sie erstaunt und mit stummem Vorwurf an.

„Ja,“ versetzte sie, gezwungen lachend, „Du bist auch eine echte Steindorf; das ist eine alte Geschichte. Man braucht Dich nur anzuschauen; Deiner Großmutter wie aus dem Gesicht geschnitten.“

„Da wäre ich wirklich nur stolz“, konnte ich mich nicht enthalten, zu bemerken und verließ das Zimmer. Schon einigemale hatte mich Mama’s Art, Leute anzugreifen, die mir nahe standen, verletzt; in Steindorf war dies nicht Brauch und ich fand es unpassend und wenig zartfühlend.

Die Scheidewand, die mich von Mama trennte, türmte sich immer höher auf. Sie fand nicht den rechten Herzenston und mich kostete es Überwindung, ihr die Hand zu küssen, sie bei dem Namen zu nennen, der jedem Kinde heilig sein sollte: „Mutter.“

* * * * *

„Der Erzherzog kommt mit seiner Braut.“ Also endlich ein Ereignis. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Neuigkeit im Pensionat.

Man hatte in aller Eile eine kleine Vorstellung eingeübt, und die Rollen den hübschesten Aristokratinnen -- es war gegen alle Regel -- zugedacht.

Wir Anderen bildeten Spalier und gaben nur den dunklen Hintergrund ab, von dem die farbenreichen Kostüme sich vorteilhaft abhoben. Die würdige Mutter war selbst erschienen, um uns die nötigen Verhaltungsmaßregeln zu erteilen: „~Surtout baissez les yeux. Il faut toujours avoir quelque chose de modeste dans la tenue. Cela fait une si bonne impression et c’est à cela aussi qu’on reconnait les enfants du Sacré -- Cœur dans le monde.~“

Ich wagte nur verstohlen nach den Hoheiten zu blinzeln. Die Prinzessin nahm lächelnd die Blumen entgegen, die ihr von einer Hofdame abgenommen wurden. Sie war eine liebreizende Erscheinung und die Blicke des Bräutigams ruhten mit Zärtlichkeit und Stolz auf ihr.

„Erzherzogin, Prinzessin sein, von Allen gefeiert, bewundert, welch’ beneidenswertes Los.“

Phantasien eines Kinderkopfes! So mancher Kaiser stöhnt unter seinem Hermelin und risse gern die Krone von der Stirn, die ihn gleich Dornen schmerzt. Und wie manches Arbeiterherz schlägt freudig unter dem zerfetzten Kittel. Er bettet sein Haupt auf Gottes freie Erde: er lacht, er weint, wenn ihm darnach zu Mute ist. Was schert den die Zwangsjacke der Konvention, in der die Großen dieser Welt geboren werden.

* * * * *

Zweiter Abschnitt.

„Sie wird jetzt vierzehn Jahre alt und ist im Lernen weit hinter ihren Gefährtinnen zurück. Es ist Indolenz oder böser Wille. Was halten Sie davon, Doktor?“

„Ich glaube keins von beiden, lieber Baron; viel eher geht ihr das rasche Fassungsvermögen ab; sie kann einfach nicht. Derlei Fälle sind mir schon in meiner Praxis untergekommen, da hilft eben kein „Muß“.“

Ich war, ohne es zu beabsichtigen, Zeuge dieses Gespräches gewesen. Doktor Vogler’s Verteidigungsrede erweckte das Selbstgefühl in mir. Hätte er Papa recht gegeben, mich träge, boshaft genannt, -- aber schwachköpfig, borniert, -- da durfte er nicht Recht behalten. Nein, um keinen Preis. Er sollte mich ganz anders beurteilen. Mein Entschluß stand fest und ich machte mich mit einem Fleiß und einer Energie an’s Studium, daß Alle staunten. Oft saß ich bis in die sinkende Nacht vor meinen Büchern, um das Versäumte nachzuholen und wurde in der Classe irgend eine schwierige Frage aufgeworfen, ich wußte stets Bescheid. Mein Stil besserte sich und die Schrift nahm einen bestimmten Charakter an.

Papa wußte sich diese plötzliche Umwandlung nicht zu erklären und Mère Walter sagte ihm: „Wenn sich ihrem Lerneifer auch noch die Frömmigkeit hinzugesellt, bleibt nichts zu wünschen übrig. Vorläufig fehlt ihr noch die Freude am Gebet, die Sehnsucht nach dem lieben Gott.“

Frommsein auf Commando, das schien mir eine hohe Forderung. Ob mein Gesicht dann auch einen so „glatten“ Ausdruck bekäme, wie das der Altgräfinnen! Leicht würde es mir keineswegs fallen, aber versuchen wollte ich’s. Mein einmal geweckter Ehrgeiz, zu excellieren in allen Dingen, nahm immer größere Dimensionen an.

Die Verhältnisse kamen mir zu Hilfe. Die Zeit war gekommen, zu der wir alljährlich „Exerzitien“ hielten. Es war eine Art beschaulicher Einkehr, eine Zeit des Schweigens, der Kasteiung, der Sühne und der Bitte um Erleuchtung.

Ein Jesuitenpater, ein anerkannt guter Redner, hielt uns Predigten, um uns in die nötige Weihestimmung zu versetzen. Mit Donnerstimme sprach er von den vier letzten Dingen: Tod, Gericht, Himmel und Hölle.

„Das Leben hienieden ist nur eine Pilgerfahrt, eine vorübergehende Reise, und töricht handeln Jene, die nur der Welt leben, vergessend des eigentlichen Zieles, das uns die göttliche Weisheit gesetzt, der eigentlichen Heimat, zu der dies Jammertal nur eine Brücke bildet.

„Wie Mancher bedenkt nicht, daß er aus dem Nichts hervorgegangen, daß dereinst sein Körper zu Asche wird, zum Fraß der Würmer. Erwacht bisweilen die warnende Stimme des Gewissens, sucht er sie zu betäuben: er stürzt sich in den Strudel der Vergnügungen und speichert Schätze auf, die Rost und Motten verzehren. So lebt er in den Tag hinein, ohne sich zu bessern, ohne zu bereuen.

„Kommt aber das Alter mit seinen Gebrechen, fühlt er seine letzte Stunde herannahen, dann sieht er mit Schrecken zurück auf den Weg, den er gegangen, auf die Zeit, die er so schlecht benützt. Seine Phantasie ergeht sich in den düstersten Vorstellungen, seine Gedanken jagen dahin, durch eine Wüste ohne Oase: kein freundliches Bild, keine lichte Huldgestalt, kein Verdienst, kein gutes Werk. Und der Sünder zittert. Wenn er vor den Thron des Allerhöchsten tritt mit leeren Händen, wenn er nichts in die Wagschale zu legen hat, das zu seinen Gunsten spricht, dann lautet der göttliche Richterspruch: „Gewogen und zu leicht befunden.“ „Herrgott,“ so fleht der Sterbende, „sei barmherzig. Laß mich genesen und ich will Dir dienen als der niedrigste und getreueste Deiner Knechte.“ Aber es ist zu spät. Schon huschen die Schatten des Todes über das fahle Gesicht, der Atem geht schwer und eisige Kälte steigt von den Füßen, immer höher, immer höher. Die glanzlosen Augen weit geöffnet, das Gehör ins Unendliche verfeinert, so liegt er da, unfähig sich zu rühren, und hört, wie sie im Nebenzimmer flüstern. „Er lebt zu lange; er sollte sich beeilen,“ so meinen die lachenden Erben.

„Das Gefühl ohnmächtiger Schwäche, das Bewußtsein eines nutzlosen Lebens, pressen ihm heiße Thränen aus den Augen, die einzigen vielleicht, die er je geweint. „Nur noch einmal von vorn -- beginnen.“ Das Herz steht still und eine mitleidige Hand drückt ihm die Augen zu.

„Und glauben Sie mir, teuere Kinder in Christo,“ fährt der Pater fort, „es gibt keinen Menschen, der nicht im letzten Augenblick bereut, sofern der Allmächtige ihm die Gnade erweist, ihn nicht unvorbereitet abzurufen. Selbst Voltaire, jener Lästerer, jener berüchtigte Freigeist, der in Wort und Schrift seinen Gott verleugnet, ihn frech in den Staub gezerrt, der ein Ausgestoßener aus der kirchlichen Gemeinde, böses Beispiel gab, er schickte um den Priester, als er sein Ende herannahen fühlte.

„Betrachten Sie hingegen einen heiligen Aloysius, einen Stanislaus Kostka, die Jubellieder singend, ihren Geist aufgeben, um in die ewige Herrlichkeit einzugehen! Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört, und in keines Menschen Herz ist es gekommen, was Gott Jenen bereitet, die ihn lieben.“

In schwungvollen Worten schildert er die himmlischen Wonnen. Auf lichten Wolken schweben die Seligen dahin, und Cherubime spielen Harfe und streuen Weihrauch ihrem Herrn. Dann versetzt er uns in die Hölle und läßt die qualvollsten Martern vor unserem geistigen Auge vorüberziehen, daß wir uns fröstelnd in unsere Tücher hüllen.

„Tod und Hölle.“ Es klang furchtbar. Ich wollte nicht daran denken, und doch -- immer wieder drängte sich die Frage in den Vordergrund: „Und wenn Du jetzt stürbest, was dann?“ Schwere Sünden auf der Seele -- ewige Verdammnis. Ich sah die Flammen züngeln, hörte die Teufel höhnisch lachen und die Höllenuhr schaurig ticken: „Immer, nimmer.“ „Immer, nimmer.“

Wenn ich aber meine Fehler in der Einbildung übertrieb, wenn es nur läßliche Sünden wären, die ein frommer Stoßseufzer, eine kleine Überwindung reinwaschen können? Und bei der Vorstellung des Himmels stieg es mir wohlig warm zum Herzen. Ja, dorthin wollte ich kommen. „Maria und Ihr lieben Heiligen weist mir den Weg.“ Der Pater sprach mit bebender Begeisterung von der unbefleckten Gottesmutter. „Sie blickt voll Liebe auf ihre Kinder herab, möchte sie allesamt in ihre schützenden Arme nehmen, ihnen helfen, ihnen beistehen. Könnte sie weinen, welch’ bittere Thränen würde sie vergießen, wenn Eines ihrer Schutzbefohlenen vom rechten Pfade abweicht. Und hätt’ ich alles Gold, alle Edelsteine der Welt,“ schloß er mit Feuer, „ich wollt’ sie Dir zu Füßen legen, Du immerdar gebenedeite Jungfrau, Du süße Himmelskönigin.“ Eine Weile blieb es ganz still, dann tönte lautes Schluchzen durch den Saal.

Lächelnd sieht ~Mater admirabilis~ vom Bild auf uns hernieder. Wie schön es ist, das junge unberührte Mädchen im Tempel zu Jerusalem. Sie sitzt da, im schlichten Rosakleid, sinnend, traumverloren. Den Fuß hat sie auf einen Schemel gestützt; ihr zur Seite stehen Spinnrocken und Arbeitskorb. Ob sie wohl freundliche Bilder sieht, ob düsteres Ahnen sie beschleicht, davon sagen die kindlich frommen Züge nichts. Du zarte Rosenknospe -- in einem armen Stall zu Bethlehem, und auf dem Berge Golgotha. Welch’ namenloses Leid!

In gehobener Stimmung traf ich meine Vorbereitungen zur Beichte. Wie leichtsinnig war ich bis dahin gewesen, wie wenig galten mir Reue und Vorsätze. Das mußte sich nun ändern. Eine entsetzliche Angst stieg in mir auf. Wie, wenn ich das Sakrament ungültig empfangen hätte! Ein Glück noch, daß ich bisher nicht zur Communion gegangen. Judas Ischariot hatte seinen Herrn verraten. Tod -- Hölle!! Ich warf mich vor Mère Walter auf die Knie: „Mutter, ich weiß nicht, wie mir ist und was ich tun soll?“

„Die Gnade Gottes hält ihren Einzug in Dein Herz, mein Kind. Ich sah es kommen und danke dem Herrn. Betrachte Deinen jetzigen Zustand als wohlverdiente Prüfung, denn, wen Gott liebt, den züchtigt er. Was Deine Befürchtungen anbelangt, so war es ja nicht absichtliche Herausforderung, böser Wille“, tröstete sie. „Ich glaube, Du wirst Dich nun würdig vorbereiten auf Deine erste Communion.“

Augenblicklich beruhigt verließ ich Mère Walter. Aber die Windstille war trügerisch und die Skrupel ließen sich nicht bannen. Die Prüfungen hielten an und böse Zeiten kamen für mich, da ich es nie vermocht, die goldene Mittelstraße einzuhalten, sondern stets von einem Extrem ins andere verfiel.

* * * * *

Mir war zu Mute, als gienge ich über eine steinige, unebene Straße und ich blickte bei jedem Schritt ängstlich zu Boden, um nicht zu stolpern. Und je mehr ich Acht gab, desto ängstlicher wurde mein Gang, desto unsicherer mein Blick. Ich sah Gespenster am helllichten Tage, Fehler dort, wo selbst die größte Heiligkeit keine gefunden hätte. Des Sonntags saß ich stundenlang müßig auf dem Canapee und quälte mich mit Betrachtungen über meine Sündhaftigkeit ab. Schreiben, nähen -- meine überspannte Phantasie spiegelte mir das als „knechtische Arbeit“ vor. Ja nicht einmal die Goldfische bekamen Futter und die Blumen blieben ohne Wasser. Lesen? Es hätte mich verlockt, aber Mère Walter, der ich meinen Büchervorrat zur Controlle übergeben, hatte ihn als „mauvais genre“ bezeichnet und konfisciert. Und schon in den frommen Erzählungen fanden sich Dinge vor, die meinen Geist unwillkürlich beschäftigten und das waren -- Vergehen gegen das sechste Gebot.