Chapter 2
Le Beau. Mein guter Herr, ich rat aus Freundschaft Euch Verlaßt den Ort; wiewohl Ihr hohen Preis Euch habt erworben, Lieb und echten Beifall, So steht doch so des Herzogs Stimmung jetzt, Daß er mißdeutet, was Ihr nun getan. Der Fürst ist launisch; was er ist, in Wahrheit, Ziemt besser Euch zu sehn, als mir zu sagen.
Orlando. Ich dank Euch, Herr, und bitt Euch, sagt mir dies: Wer war des Herzogs Tochter von den beiden, Die hier beim Ringen waren?
Le Beau. Von beiden keine, wenn's nach Sitten gilt; Doch wirklich ist die kleinste seine Tochter, Die andre, Tochter des verbannten Herzogs, Von ihrem Oheim hier zurückbehalten Zu seiner Tochter Umgang; ihre Liebe Ist zärtlicher als schwesterliche Bande. Doch sag ich Euch: seit kurzem hegt der Herzog Unwillen gegen seine holde Nichte, Der auf die Ursach bloß gegründet ist, Daß sie die Welt um ihre Gaben preist Und sie beklagt um ihres Vaters willen; Und, auf mein Wort, sein Ingrimm auf das Fräulein Bricht einmal plötzlich los.--Lebt wohl, mein Herr! Dereinst in einer bessern Welt als diese Wünsch ich mir mehr von Eurer Lieb und Umgang.
Orlando. Ich bleib Euch sehr verbunden; lebet wohl!
(Le Beau ab.)
So muß ich aus dem Dampf in die Erstickung, Von Herzogs Druck in Bruders Unterdrückung.-- Doch Engel Rosalinde!--
(Ab.)
Dritte Szene
Ein Zimmer im Palast
(Celia und Rosalinde treten auf)
Celia. Ei, Mühmchen! ei, Rosalinde! Cupido sei uns gnädig, nicht ein Wort?
Rosalinde. Nicht eins, das man einem Hunde vorwerfen könnte.
Celia. Nein, deine Worte sind zu kostbar, um sie den Hunden vorzuwerfen; wirf mir einige zu. Komm, lähme mich mit Vernunftgründen.
Rosalinde. Da wär es um zwei Muhmen geschehen, wenn die eine mit Gründen gelähmt würde und die andre unklug ohne Grund.
Celia. Aber ist das alles um deinen Vater?
Rosalinde. Nein, etwas davon ist um meines Vaters Kind. O wie voll Disteln ist diese Werktagswelt!
Celia. Es sind nur Kletten, Liebe, die dir bei einem Festtagsspaß angeworfen werden. Wenn wir nicht in gebahnten Wegen gehen, so haschen unsre eigenen Röcke sie auf.
Rosalinde. Vom Rocke könnt ich sie abschütteln; diese Kletten stecken mir im Herzen.
Celia. Huste sie weg.
Rosalinde. Das wollte ich wohl tun, wenn ich ihn herbeihusten könnte.
Celia. Ei was! ringe mit deinen Neigungen.
Rosalinde. Ach, sie nehmen die Partei eines bessern Ringers, als ich bin.
Celia. Helfe dir der Himmel! Du wirst dich zu seiner Zeit mit ihm messen, gilt es auch eine Niederlage.--Doch laß uns diese Scherze abdanken und in vollem Ernste sprechen. Ist es möglich, daß du mit einem Male in eine so gewaltige Zuneigung zu des alten Herrn Roland jüngstem Sohn verfallen konntest?
Rosalinde. Der Herzog, mein Vater, liebte seinen Vater über alles.
Celia. Folgt daraus, daß du seinen Sohn über alles lieben mußt? Nach dieser Folgerung müßte ich ihn hassen, denn mein Vater haßt seinen Vater über alles, und doch hasse ich den Orlando nicht.
Rosalinde. Nein gewiß, hasse ihn nicht, um meinetwillen!
Celia. Warum sollte ich? verdient er nicht alles Gute?
(Herzog Friedrich kommt mit Herren vom Hofe.)
Rosalinde. Um deswillen laß mich ihn lieben, und liebe du ihn, weil ich es tue. --Sieh, da kommt der Herzog.
Celia. Die Augen voller Zorn.
Herzog Friedrich. Fräulein, in schnellster Eile schickt Euch an und weicht von unserm Hof.
Rosalinde. Ich, Oheim?
Herzog Friedrich. Ja, Ihr, Nichte. Wenn in zehn Tagen du gefunden wirst Von unserm Hofe binnen zwanzig Meilen, Bist du des Todes.
Rosalinde. Ich ersuch Eur Gnaden, Gebt mir die Kenntnis meines Fehlers mit. Wenn ich Verkehr pfleg mit dem eignen Selbst, Ja irgend meine eignen Wünsche kenne, Wenn ich nicht träum und nicht von Sinnen bin, Wie ich nicht hoffe: nie, mein werter Oheim, Selbst nicht mit ungeborenen Gedanken Beleidigt ich Eur Hoheit.
Herzog Friedrich. So sprechen stets Verräter; Beständ in Worten ihre Reinigung, So sind sie schuldlos wie die Heiligkeit. Laß dir's genügen, daß ich dir nicht traue.
Rosalinde. Doch macht Eur Mißtraun nicht mich zum Verräter; Sagt mir, worauf der Anschein denn beruht?
Herzog Friedrich. Genug, du bist die Tochter deines Vaters.
Rosalinde. Das war ich, als Eur Hoheit ihm sein Land nahm; Das war ich, als Eur Hoheit ihn verbannte. Verräterei wird nicht vererbt, mein Fürst, Und überkämen wir von Eltern sie, Was geht's mich an? Mein Vater übte keine. Drum, bester Herr, verkennt mich nicht so sehr, Zu glauben, meine Armut sei verrätrisch.
Celia. Mein teuerster Gebieter, hört mich an!
Herzog Friedrich. Ja, Celia, dir zulieb ließ ich sie bleiben, Sonst irrte sie umher mit ihrem Vater.
Celia. Ich bat nicht damals, daß sie bleiben möchte, Ihr wolltet es, Ihr waret selbst erweicht. Ich war zu jung um (die) Zeit, sie zu schätzen: Jetzt kenn ich sie; wenn sie verrätrisch ist, So bin ich's auch; wir schliefen stets beisammen, Erwachten, lernten, spielten miteinander, Und wo wir gingen, wie der Juno Schwäne, Da gingen wir gepaart und unzertrennlich.
Herzog Friedrich. Sie ist zu fein für dich, und ihre Sanftmut, Ihr Schweigen selbst und ihre Duldsamkeit Spricht zu dem Volk, und es bedauert sie. Du Törin, du! Sie stiehlt dir deinen Namen, Und du scheinst glänzender und tugendreicher, Ist sie erst fort. Drum öffne nicht den Mund; Fest und unwiderruflich ist mein Spruch, Der über sie erging: sie ist verbannt.
Celia. Sprecht denn dies Urteil über mich, mein Fürst! Ich kann nicht leben außer ihrer Nähe.
Herzog Friedrich. Du bist 'ne Törin.--Nichte, seht Euch vor! Wenn Ihr die Zeit versäumt--auf meine Ehre Und kraft der Würde meines Worts: Ihr sterbt.
(Herzog und Gefolge ab.)
Celia. O arme Rosalinde, wohin willst du? Willst du die Väter tauschen? So nimm meinen. Ich bitt dich, sei nicht trauriger als ich!
Rosalinde. Ich habe ja mehr Ursach.
Celia. Nicht doch, Muhme. Sei nur getrost! Weißt du nicht, daß der Herzog Mich, seine Tochter, hat verbannt?
Rosalinde. Das nicht.
Celia. Das nicht? So fehlt die Liebe Rosalinden, Die dich belehrt, daß du und ich nur eins. Soll man uns trennen? Solln wir scheiden, Süße? Nein, mag mein Vater andre Erben suchen. Ersinne nur mit mir, wie wir entfliehn, Wohin wir gehn und was wir mit uns nehmen; Und suche nicht, die Last auf dich zu ziehn, Dein Leid zu tragen und mich auszuschließen. Bei diesem Himmel, bleich von unserm Gram, Sag, was du willst, ich gehe doch mit dir.
Rosalinde. Wohl! wohin gehn wir?
Celia. Zu meinem Oheim im Ardenner Wald.
Rosalinde. Doch ach, was für Gefahr wird es uns bringen, So weit zu reisen, Mädchen wie wir sind? Schönheit lockt Diebe schneller noch als Gold.
Celia. Ich stecke mich in arme, niedre Kleidung Und streiche mein Gesicht mit Ocker an; Tu ebendas, so ziehn wir unsern Weg Und reizen keine Räuber.
Rosalinde. Wär's nicht besser, Weil ich von mehr doch als gemeinem Wuchs, Daß ich mich trüge völlig wie ein Mann? Den schmucken kurzen Säbel an der Hüfte Den Jagdspieß in der Hand, und--läg im Herzen Auch noch so viele Weiberfurcht versteckt-- Wir sähen kriegerisch und prahlend drein, Wie manche andre Männermemmen auch, Die mit dem Ansehn es zu zwingen wissen.
Celia. Wie willst du heißen, wenn du nun ein Mann bist?
Rosalinde. Nicht schlechter als der Page Jupiters; Denk also dran, mich Ganymed zu nennen. Doch wie willst du genannt sein?
Celia. Nach etwas, das auf meinen Zustand paßt: Nicht länger Celia, sondern Aliena.
Rosalinde. Wie, Muhme, wenn von Eures Vaters Hof Wir nun den Schalksnarrn wegzustehlen suchten, Wär er uns nicht ein Trost auf unsrer Reise?
Celia. Oh, der geht mit mir in die weite Welt, Um den laß mich nur werben. Laß uns gehn Und unsern Schmuck und Kostbarkeiten sammeln, Die beste Zeit und sichern Weg bedenken Vor der Verfolgung, die nach meiner Flucht Wird angestellt. So ziehn wir denn in Frieden, Denn Freiheit ist uns, nicht der Bann beschieden.
(Ab.)
Zweiter Aufzug
Erste Szene
Der Ardenner Wald
(Der Herzog, Amiens und andre Edelleute in Jägerkleidung)
Herzog. Nun, meine Brüder und des Banns Genossen, Macht nicht Gewohnheit süßer dieses Leben Als das gemalten Pomps? Sind diese Wälder Nicht sorgenfreier als der falsche Hof? Wir fühlen hier die Buße Adams nur, Der Jahrszeit Wechsel; so den eisgen Zahn Und böses Schelten von des Winters Sturm; Doch, wenn er beißt und auf den Leib mir bläst, Bis ich vor Kälte schaudre, sag ich lächelnd: "Dies ist nicht Schmeichelei; Ratgeber sind's, Die fühlbar mir bezeugen, wer ich bin." Süß ist die Frucht der Widerwärtigkeit, Die gleich der Kröte, häßlich und voll Gift, Ein köstliches Juwel im Haupte trägt. Dies unser Leben, vom Getümmel frei, Gibt Bäumen Zungen, findet Schrift im Bach, In Steinen Lehre, Gutes überall.
Amiens. Ich tauscht es selbst nicht; glücklich ist Eur Hoheit, Die auszulegen weiß des Schicksals Härte In solchem ruhigen und milden Sinn.
Herzog. Kommt, wolln wir gehen und uns Wildbret töten? Doch schmerzt's, daß wir den armen fleckgen Narren, Die Bürger sind in dieser öden Stadt, Auf eignem Grund mit hakgen Spitzen blutig Die runden Hüften reißen.
Erster Edelmann. Ja, mein Fürst, Den melancholschen Jacques kränkt dieses sehr; Er schwört, daß Ihr auf diesem Weg mehr Unrecht Als Euer Bruder übt, der Euch verbannt. Heut schlüpften ich und Amiens hinter ihn, Als er sich hingestreckt an einer Eiche, Wovon die alte Wurzel in den Bach Hineinragt, der da braust den Wald entlang; Es kam dahin ein arm verschüchtert Wild, Das von des Jägers Pfeil beschädigt war, Um auszuschmachten; und gewiß, mein Fürst, Das arme Tier stieß solche Seufzer aus, Daß jedesmal sein ledern Kleid sich dehnte Zum Bersten fast, und dicke runde Tränen Längs der unschuldgen Nase liefen kläglich Einander nach; und der behaarte Narr, Genau bemerkt vom melancholschen Jacques, Stand so am letzten Rand des schnellen Bachs, Mit Tränen ihn vermehrend.
Herzog. Nun, und Jacques? Macht er dies Schauspiel nicht zur Sittenpredigt?
Erster Edelmann. O ja, in tausend Gleichnissen. Zuerst Das Weinen in den unbedürftgen Strom: "Ach, armer Hirsch!" so sagt' er, "wie der Weltling Machst du dein Testament: gibst dem den Zuschuß, Der schon zuviel hat."--Dann, weil er allein Und von den samtnen Freunden war verlassen: "Recht!" sagt' er, "so verteilt das Elend stets Des Umgangs Flut."--Alsbald ein Rudel Hirsche, Der Weide voll, sprang sorglos an ihm hin, Und keiner stand zum Gruße. "Ja", rief Jacques, "Streift hin, ihr fetten, wohlgenährten Bürger! So ist die Sitte eben; warum schaut ihr Nach dem bankrotten, armen Schelme da?" Auf diese Art durchbohrt er schmähungsvoll Den Kern vom Lande, Stadt und Hof, ja selbst Von diesem unserm Leben; schwört, daß wir Nichts als Tyrannen, Räuber, Schlimmres noch, Weil wir die Tiere schrecken, ja sie töten In ihrem eignen heimatlichen Sitz.
Herzog. Und ließet ihr in der Betrachtung ihn?
Erster Edelmann. Ja, gnädger Herr, beweinend und besprechend Das schluchzende Geschöpf.
Herzog. Zeigt mir den Ort, Ich lasse gern in diesen düstern Launen Mich mit ihm ein; er ist dann voller Sinn.
Erster Edelmann. Ich will Euch zu ihm bringen.
(Ab.)
Zweite Szene
Ein Zimmer im Palaste
(Herzog Friedrich, Herren vom Hofe und Gefolge treten auf)
Herzog Friedrich. Ist es denn möglich, daß sie niemand sah? Es kann nicht sein! nein, Schurken hier am Hof Sind im Verständnis mit und gaben's zu.
Erster Edelmann. Ich hörte nicht, daß irgendwer sie sah. Die Fraun im Dienste ihrer Kammer brachten Sie in ihr Bett und fanden morgens früh Das Bett von ihrem Fräulein ausgeleert.
Zweiter Edelmann. Mein Herzog, der Hanswurst, den Euer Hoheit Oft zu belachen pflegt', wird auch vermißt. Hesperia, der Prinzessin Kammerfräulein, Bekennt, sie habe insgeheim belauscht, Wie Eure Nicht' und Tochter überaus Geschick und Anstand jenes Ringers lobten, Der jüngst den nervgen Charles darniederwarf; Sie glaubt, wohin sie auch gegangen sind, Der Jüngling sei gewißlich ihr Begleiter.
Herzog Friedrich. Schickt hin zum Bruder, holt den Braven her; Ist der nicht da, bringt mir den Bruder selbst: Der soll ihn mir schon finden. Tut dies schnell; Laßt Nachsuchung und Forschen nicht ermatten, Die törichten Verlaufnen heimzubringen.
(Ab.)
Dritte Szene
Vor Olivers Hause
(Orlando und Adam begegnen sich)
Orlando. Wer ist da?
Adam. Was? Ihr, mein junger Herr?--O edler Herr! O mein geliebter Herr! O Ihr, Gedächtnis Des alten Roland! Sagt, was macht Ihr hier? Weswegen übt Ihr Tugend? schafft Euch Liebe? Und warum seid Ihr edel, stark und tapfer? Was wart Ihr so erpicht, den stämmgen Kämpfer Des launenhaften Herzogs zu bezwingen? Eur Ruhm kam allzu schnell vor Euch nach Haus. Wißt Ihr nicht, Junker, daß gewissen Leuten All ihre Gaben nur als Feinde dienen? So, bester Herr, sind Eure Tugenden An Euch geweihte, heilige Verräter. O welche Welt ist dies, wenn das, was herrlich, Den, der es hat, vergiftet!
Orlando. Nun denn, was gibt's?
Adam. Oh, unglückselger Jüngling! Geht durch dies Tor nicht; unter diesem Dach Lebt aller Eurer Trefflichkeiten Feind: Eur Bruder--nein, kein Bruder, doch der Sohn-- Nein, nicht der Sohn; ich will nicht Sohn ihn nennen Des, den ich seinen Vater heißen wollte-- Hat Euer Lob gehört und denkt zu Nacht Die Wohnung zu verbrennen, wo Ihr liegt, Und Euch darinnen. Schlägt ihm dieses fehl, So sucht er andre Weg, Euch umzubringen; Ich habe ihn belauscht und seinen Anschlag. Kein Wohnort ist dies Haus, 'ne Mördergrube; Verabscheut, fürchtet es, geht nicht hinein.
Orlando. Sag, wohin willst du, Adam, daß ich gehe?
Adam. Gleichviel wohin, ist es nur hieher nicht.
Orlando. Was? willst du, daß ich gehn und Brot soll betteln? Wohl gar mit schnödem, tollem Schwert erzwingen Als Straßenräuber meinen Unterhalt? Das muß ich tun, sonst weiß ich nichts zu tun; Doch will ich dies nicht, komme, was da will. Ich setze mich der Bosheit lieber aus Des abgefallnen Bluts und blutgen Bruders.
Adam. Nein, tut das nicht! ich hab fünfhundert Kronen, Sorgsam ersparten Lohn von Eurem Vater; Ich legt ihn bei, mein Pfleger dann zu sein, Wann mir der Dienst erlahmt in schwachen Gliedern Und man das Alter in die Ecke wirft. Nehmt das, und der die jungen Raben füttert, Ja, sorgsam für den Sperling Vorrat häuft, Sei meines Alters Trost! Hier ist das Gold; Nehmt alles, laßt mich Euren Diener sein. Seh ich gleich alt, bin ich doch stark und rüstig; Denn nie in meiner Jugend mischt ich mir Heiß und aufrührerisch Getränk ins Blut. Noch ging ich je mit unverschämter Stirn Den Mitteln nach zu Schwäch und Unvermögen. Drum ist mein Alter wie ein frischer Winter, Kalt, doch erquicklich. Laßt mich mit Euch gehn! Ich tu den Dienst von einem jüngern Mann In aller Eurer Notdurft und Geschäften.
Orlando. O guter Alter, wie so wohl erscheint in dir der treue Dienst der alten Welt, Da Dienst um Pflicht sich mühte, nicht um Lohn! Du bist nicht nach der Sitte dieser Zeiten, Wo niemand mühn sich will als um Befördrung, Und kaum daß er sie hat, erlischt sein Dienst Gleich im Besitz. So ist es nicht mit dir. Doch, armer Greis, du pflegst den dürren Stamm, Der keine Blüte mehr vermag zu treiben Für alle deine Sorgsamkeit und Müh. Doch komm wir brechen miteinander auf; Und eh wir deinen Jugendlohn verzehrt, Ist uns ein friedlich kleines Los beschert.
Adam. Auf, Herr! und bis zum letzten Atemzug Folg ich Euch nach, ergeben ohne Trug. Von siebzehn Jahren bis zu achtzig schier Wohnt ich, nun wohn ich ferner nicht mehr hier. Um siebzehn ziemt's, daß mit dem Glück man buhle, Doch achtzig ist zu alt für diese Schule. Könnt ich vom Glück nur diesen Lohn erwerben, Nicht Schuldner meines Herrn und sanft zu sterben!
(Ab.)
Vierte Szene
Der Wald
(Rosalinde als Knabe, Celia, wie eine Schäferin gekleidet, und Probstein treten auf)
Rosalinde. O Jupiter! wie matt sind meine Lebensgeister!
Probstein. Ich frage nicht nach meinen Lebensgeistern, wenn nur meine Beine nicht matt wären.
Rosalinde. Ich wäre imstande, meinen Mannskleidern eine Schande anzutun und wie ein Weib zu weinen. Aber ich muß das schwächere Gefäß unterstützen, denn Wams und Hosen müssen sich gegen den Unterrock herzhaft beweisen. Also Herz gefaßt, liebe Aliena!
Celia. Ich bitte dich, ertrage mich, ich kann nicht weiter.
Probstein. Ich für mein Teil wollte Euch lieber ertragen als tragen. Und doch trüge ich kein Kreuz, wenn ich Euch trüge; denn ich bilde mir ein, Ihr habt keinen Kreuzer in Eurem Beutel.
Rosalinde. Gut, dies ist der Ardenner Wald.
Probstein. Ja, nun bin ich in den Ardennen, ich Narr; da ich zu Hause war, war ich an einem bessern Ort, aber Reisende müssen sich schon begnügen.
Rosalinde. Ja, tut das, guter Probstein.--Seht, wer kommt da? Ein junger Mann und ein alter in tiefem Gespräch.
(Corinnus und Silvius treten auf.)
Corinnus. Dies ist der Weg, daß sie dich stets verschmäht.
Silvius. O wüßtest du, Corinnus, wie ich liebe!
Corinnus. Zum Teil errat ich's, denn einst liebt ich auch.
Silvius. Nein, Freund: alt wie du bist, errätst du's nicht, Warst du auch jung ein so getreuer Schäfer, Als je aufs mitternächtge Kissen seufzte; Allein, wenn deine Liebe meiner gleich-- Zwar glaub ich, keiner liebte jemals so-- Zu wieviel höchlich ungereimten Dingen Hat deine Leidenschaft dich hingerissen?
Corinnus. Zu Tausenden, die ich vergessen habe.
Silvius. O dann hast du so herzlich nie geliebt! Entsinnst du dich der kleinsten Torheit nicht, In welche dich die Liebe je gestürzt, So hast du nicht geliebt; Und hast du nicht gesessen, wie ich jetzt, Den Hörer mit der Liebsten Preis ermüdend, So hast du nicht geliebt; Und brachst du nicht von der Gesellschaft los Mit eins, wie jetzt die Leidenschaft mich heißt, So hast du nicht geliebt.--O Phöbe! Phöbe! Phöbe!
(Ab.)
Rosalinde. Ach, armer Schäfer! deine Wunde suchend, Hab ich durch schlimmes Glück die meine funden.
Probstein. Und ich meine. Ich erinnre mich, da ich verliebt war, daß ich meinen Degen an einem Stein zerstieß und hieß ihn das dafür hinnehmen, daß er sich unterstände, nachts zu Hannchen Freundlich zu kommen; und ich erinnre mich, wie ich ihr Waschholz küßte und die Euter der Kuh, die ihre artigen, rissigen Hände gemolken hatten. Ich erinnre mich, wie ich mit einer Erbsenschote schön tat, als wenn sie es wäre, und ich nahm zwei Erbsen, gab sie ihr wieder und sagte mit weinenden Tränen: "Tragt sie um meinetwillen." Wir treuen Liebenden kommen oft auf seltsame Sprünge; wie alles von Natur sterblich ist, so sind alle sterblich Verliebten von Natur Narren.
Rosalinde. Du sprichst klüger, als du selber gewahr wirst.
Probstein. Nein, ich werde meinen eignen Witz nicht eher gewahr werden, als bis ich mir die Schienbeine daran zerstoße.
Rosalinde. O Jupiter! o Jupiter! Dieses Schäfers Leidenschaft ist ganz nach meiner Eigenschaft.
Probstein. Nach meiner auch, aber sie versauert ein wenig bei mir.
Celia. Ich bitte Euch, frag einer jenen Mann, Ob er für Gold uns etwas Speise gibt. Ich schmachte fast zu Tode.
Probstein. Heda, Tölpel.
Rosalinde. Still, Narr! Er ist dein Vetter nicht.
Corinnus. Wer ruft?
Probstein. Vornehmere als Ihr.
Corinnus. Sonst wären sie auch wahrlich sehr gering.
Rosalinde. Still, sag ich Euch!--Habt guten Abend, Freund!
Corinnus. Ihr gleichfalls, feiner Herr, und allesamt.
Rosalinde. Hör, Schäfer, können Geld und gute Worte In dieser Wildnis uns Bewirtung schaffen, So zeigt uns, wo wir ruhn und essen können. Dies junge Mädchen ist vom Wandern matt Und schmachtet nach Erquickung.
Corinnus. Lieber Herr, Sie tut mir leid, und ihretwillen mehr Als meinetwillen wünscht ich, daß mein Glück Instand mich besser setzt', ihr beizustehn. Doch ich bin Schäfer eines andern Manns Und schere nicht die Wolle, die ich weide. Von filziger Gemütsart ist mein Herr Und fragt nicht viel danach, den Weg zum Himmel Durch Werke der Gastfreundlichkeit zu finden. Auch stehn ihm Hütt und Herd und seine Weiden Jetzt zum Verkauf; und auf der Schäferei Ist, weil er nicht zu Haus, kein Vorrat da, Wovon ihr speisen könnt; doch kommt und seht! Von mir euch alles gern zu Dienste steht.
Rosalinde. Wer ist's, der seine Herd' und Wiesen kauft?
Corinnus. Der junge Schäfer, den ihr erst gesehn, Den es nicht kümmert, irgendwas zu kaufen.
Rosalinde. Ich bitte dich, besteht's mit Redlichkeit, Kauf du die Meierei, die Herd' und Weiden; Wir geben dir das Geld, es zu bezahlen.
Celia. Und höhern Lohn; ich liebe diesen Ort Und brächte willig hier mein Leben hin.
Corinnus. Soviel ist sicher, dies ist zu Verkauf. Geht mit! Gefällt euch auf Erkundigung Der Boden, der Ertrag und dieses Leben, So will ich euer treuer Pfleger sein Und kauf es gleich mit eurem Golde ein.
(Alle ab.)
Fünfte Szene
Ein anderer Teil des Waldes
(Amiens, Jacques und andere)
Lied.
Amiens. Unter des Laubdachs Hut Wer gerne mit mir ruht Und stimmt der Kehle Klang Zu lustger Vögel Sang: Komm geschwinde! geschwinde! geschwinde! Hier nagt und sticht Kein Feind ihn nicht Als Wetter, Regen und Winde.
Jacques. Mehr, mehr, ich bitte dich, mehr!
Amiens. Es würde Euch melancholisch machen, Monsieur Jacques.
Jacques. Das danke ich ihm. Mehr, ich bitte dich, mehr! Ich kann Melancholie aus einem Liede saugen, wie ein Wiesel Eier saugt. Mehr! mehr! ich bitte dich.
Amiens. Meine Stimme ist rauh; ich weiß, ich kann Euch nicht damit gefallen.
Jacques. Ich verlange nicht, daß Ihr mir gefallen sollt; ich verlange, daß Ihr singt. Kommt, noch eine Strophe! Nennt Ihr's nicht Strophen?
Amiens. Wie es Euch beliebt, Monsieur Jacques.
Jacques. Ich kümmre mich nicht um ihren Namen; sie sind mir nichts schuldig. Wollt Ihr singen?
Amiens. Mehr auf Euer Verlangen als mir zu Gefallen.
Jacques. Gut, wenn ich mich jemals bei einem Menschen bedanke, so will ich's bei Euch; aber was sie Komplimente nennen, ist, als wenn sich zwei Affen begegnen. Und wenn sich jemand herzlich bei mir bedankt, so ist mir, als hätte ich ihm einen Pfennig gegeben und er sagte: "Gotteslohn dafür." Kommt singt, und wer nicht mag, halte sein Maul!
Amiens. Gut, ich will das Lied zu Ende bringen.--Ihr Herren, deckt indes die Tafel; der Herzog will unter diesem Baum trinken--er ist den ganzen Tag nach Euch aus gewesen.
Jacques. Und ich bin ihm den ganzen Tag aus dem Wege gegangen. Er ist ein zu großer Disputierer für mich. Es gehn mir so viele Gedanken durch den Kopf als ihm; aber ich danke dem Himmel und mache kein Wesens davon. Kommt, trillert eins her.
Lied. (Alle zusammen.) Wer Ehrgeiz sich hält fern, Lebt in der Sonne gern, Selbst sucht, was ihn ernährt, Und es mit Lust verzehrt: Komm geschwinde geschwinde geschwinde! Hier nagt und sticht Kein Feind ihn nicht Als Wetter, Regen und Winde.
Jacques. Ich will Euch einen Vers zu dieser Weise sagen, den ich gestern meiner Dichtungsgabe zum Trotz gemacht habe.
Amiens. Und ich will ihn singen.
Jacques. So lautet er:
Besteht ein dummer Tropf Auf seinem Eselskopf, Läßt seine Füll und Ruh Und läuft der Wildnis zu: (Duc ad me! duc ad me! duc ad me!) Hier sieht er mehr So Narrn wie er, Wenn er zu mir will kommen her.
Amiens. Was heißt das: (duc ad me?)
Jacques. Es ist eine griechische Beschwörung, um Narren in einen Kreis zu bannen. Ich will gehn und schlafen, wenn ich kann; kann ich nicht, so will ich auf alle Erstgeburt in Ägypten lästern.
Amiens. Und ich will den Herzog aufsuchen, sein Mahl ist bereitet.
(Von verschiedenen Seiten ab.)
Sechste Szene
Ein anderer Teil des Waldes
(Orlando und Adam treten auf)
Adam. Liebster Herr, ich kann nicht weitergehn; ach, ich sterbe vor Hunger! Hier werfe ich mich hin und messe mir mein Grab. Lebt wohl, bester Herr!