West-östlicher Divan

Part 1

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West-östlicher Divan

Johann Wolfgang Goethe

Inhalt:

Buch des Sängers Buch Hafis Buch der Liebe Buch der Betrachtungen Buch des Unmuts Buch der Sprüche Buch des Timur Buch Suleika Das Schenkenbuch Buch der Parabeln Buch des Parsen Buch des Paradieses

Buch des Sängers

Moganni Nameh: Buch des Sängers

Zwanzig Jahre ließ ich gehn Und genoß, was mir beschieden; Eine Reihe völlig schön Wie die Zeit der Barmekiden.

Hegire

Nord und West und Süd zersplittern, Throne bersten, Reiche zittern: Flüchte du, im reinen Osten Patriarchenluft zu kosten, Unter Lieben, Trinken, Singen Soll dich Chisers Quell verjüngen.

Dort im Reinen und im Rechten Will ich menschlichen Geschlechten In des Ursprungs Tiefe dringen, Wo sie noch von Gott empfingen Himmelslehr' in Erdesprachen Und sich nicht den Kopf zerbrachen.

Wo sie Väter hoch verehrten, Jeden fremden Dienst verwehrten; Will mich freun der Jugendschranke: Glaube weit, eng der Gedanke, Wie das Wort so wichtig dort war, Weil es ein gesprochen Wort war.

Will mich unter Hirten mischen, An Oasen mich erfrischen, Wenn mit Karawanen wandle, Shawl, Kaffee und Moschus handle; Jeden Pfad will ich betreten Von der Wüste zu den Städten.

Bösen Felsweg auf und nieder Trösten, Hafis, deine Lieder, Wenn der Führer mit Entzücken Von des Maultiers hohem Rücken Singt, die Sterne zu erwecken Und die Räuber zu erschrecken.

Will in Bädern und in Schenken, Heilger Hafis, dein gedenken, Wenn den Schleier Liebchen lüftet, Schüttelnd Ambralocken düftet. Ja, des Dichters Liebesflüstern Mache selbst die Huris lüstern.

Wolltet ihr ihm dies beneiden Oder etwa gar verleiden, Wisset nur, daß Dichterworte Um des Paradieses Pforte Immer leise klopfend schweben, Sich erbittend ewges Leben.

Segenspfänder

Talisman in Karneol, Gläubgen bringt er Glück und Wohl; Steht er gar auf Onyx' Grunde, Küß ihn, mit geweihtem Munde! Alles übel treibt er fort, Schützet dich und schützt den Ort: Wenn das eingegrabne Wort Allahs Namen rein verkündet, Dich zu Lieb und Tat entzündet. Und besonders werden Frauen Sich am Talisman erbauen.

Amulette sind dergleichen Auf Papier geschriebne Zeichen; Doch man ist nicht im Gedränge Wie auf edlen Steines Enge Und vergönnt ist frommen Seelen, Längre Verse hier zu wählen. Männer hängen die Papiere Gläubig um als Skapuliere.

Die Inschrift aber hat nichts hinter sich, Sie ist sie selbst und muß dir alles sagen, Was hintendrein mit redlichem Behagen Du gerne sagst: Ich sag' es! Ich!

Doch Abraxas bring ich selten! Hier soll meist das Fratzenhafte, Das ein düstrer Wahnsinn schaffte, Für das Allerhöchste gelten. Sag' ich euch absurde Dinge, Denkt, daß ich Abraxas bringe.

Ein Siegelring ist schwer zu zeichnen; Den höchsten Sinn im engsten Raum; Doch weißt du hier ein Echtes anzueignen, Gegraben steht das Wort, du denkst es kaum.

Freisinn

Laßt mich nur auf meinem Sattel gelten! Bleibt in euren Hütten, euren Zelten! Und ich reite froh in alle Ferne, über meiner Mütze nur die Sterne.

Er hat euch die Gestirne gesetzt Als Leiter zu Land und See, Damit ihr euch daran ergetzt, Stets blickend in die Höh'.

Talismane

Gottes ist der Orient! Gottes ist der Occident! Nord- und südliches Gelände Ruht im Frieden seiner Hände!

Er, der einzige Gerechte, Will für jedermann das Rechte. Sei von seinen hundert Namen Dieser hochgelobet! Amen.

Mich verwirren will das Irren, Doch du weißt mich zu entwirren. Wenn ich handle, wenn ich dichte, Gib du meinem Weg die Richte!

Ob ich Ird'sches denk' und sinne, Das gereicht zu höherem Gewinne. Mit dem Staube nicht der Geist zerstoben, Dringet, in sich selbst gedrängt, nach oben.

Im Atemholen sind zweierlei Gnaden: Die Luft einziehn, sich ihrer entladen. Jenes bedrängt, dieses erfrischt; So wunderbar ist das Leben gemischt. Du danke Gott, wenn er dich preßt, Und dank ihm, wenn er dich wieder entläßt!

Vier Gnaden

Daß Araber an ihrem Teil Die Weite froh durchziehen, Hat Allah zu gemeinem Heil Der Gnaden vier verliehen.

Den Turban erst, der besser schmückt Als alle Kaiserkronen; Ein Zelt, daß man vom Orte rückt, Um überall zu wohnen;

Ein Schwert, das tüchtiger beschützt Als Fels und hohe Mauern; Ein Liedchen, das gefällt und nützt, Worauf die Mädchen lauern.

Und Blumen sing ich ungestört Von ihrem Shawl herunter; Sie weiß recht wohl, was ihr gehört, Und bleibt mir hold und munter,

Und Blum und Früchte weiß ich euch Gar zierlich aufzutischen; Wollt ihr Moralien zugleich, So geb ich von den frischen.

Geständnis

Was ist schwer zu verbergen? Das Feuer! Denn bei Tage verrät's der Rauch, Bei Nacht die Flamme, das Ungeheuer. Ferner ist schwer zu verbergen auch Die Liebe: noch so stille gehegt, Sie doch gar leicht aus den Augen schlägt. Am schwersten zu bergen ist ein Gedicht: Man stellt es untern Scheffel nicht. Hat es der Dichter frisch gesungen, So ist er ganz davon durchdrungen; Hat er es zierlich nett geschrieben, Will er, die ganze Welt soll's lieben. Er liest es jedem froh und laut, Ob es uns quält, ob es erbaut.

Elemente

Aus wie vielen Elementen Soll ein echtes Lied sich nähren, Daß es Laien gern empfinden, Meister es mit Freuden hören?

Liebe sei vor allen Dingen Unser Thema, wenn wir singen; Kann sie gar das Lied durchdringen, Wird's um desto besser klingen.

Dann muß Klang der Gläser tönen Und Rubin des Weins erglänzen: Denn für Liebende, für Trinker Winkt man mit den schönsten Kränzen.

Waffenklang wird auch gefodert, Daß auch die Drommete schmettre; Daß, wenn Glück zu Flammen lodert, Sich im Sieg der Held vergöttre.

Dann zuletzt ist unerläßlich, Daß der Dichter manches hasse; Was unleidlich ist und häßlich, Nicht wie Schönes leben lasse.

Weiß der Sänger, dieser Viere Urgewalt'gen Stoff zu mischen, Hafis gleich wird er die Völker Ewig freuen und erfrischen.

Erschaffen und Beleben

Hans Adam war ein Erdenkloß, Den Gott zum Menschen machte, Doch bracht' er aus der Mutter Schoß Noch vieles Ungeschlachte.

Die Elohim zur Nas' hinein Den besten Geist ihm bliesen, Nun schien er schon was mehr zu sein Denn er fing an zu niesen.

Doch mit Gebein und Glied und Kopf Blieb er ein halber Klumpen, Bis endlich Noah für den Tropf Das Wahre fand--den Humpen.

Der Klumpe fühlt sogleich den Schwung, Sobald er sich benetzet, So wie der Teig durch Säuerung Sich in Bewegung setzet.

So, Hafis, mag dein holder Sang, Dein heiliges Exempel Uns führen bei der Gläser Klang Zu unsres Schöpfers Tempel.

Phänomen

Wenn zu der Regenwand Phöbus sich gattet, Gleich steht ein Bogenrand Farbig beschattet.

Im Nebel gleichen Kreis Seh ich gezogen, Zwar ist der Bogen weiß, Doch Himmelsbogen.

So sollst du, muntrer Greis, Dich nicht betrüben: Sind gleich die Haare weiß, Doch wirst du lieben.

Liebliches

Was doch Buntes dort verbindet Mir den Himmel mit der Höhe? Morgennebelung verblindet Mir des Blickes scharfe Sehe.

Sind es Zelte des Wesires, Die er lieben Frauen baute? Sind es Teppiche des Festes, Weil er sich der Liebsten traute?

Rot und weiß, gemischt, gesprenkelt Wüßt ich Schönres nicht zu schauen. Doch wie, Hafis, kommt dein Schiras Auf des Nordens trübe Gauen?

Ja, es sind die bunten Mohne, Die sich nachbarlich erstrecken Und dem Kriegesgott zu Hohne Felder streifweis freundlich decken.

Möge stets so der Gescheute Nutzend Blumenzierde pflegen Und ein Sonnenschein wie heute Klären sie auf meinen Wegen!

Zwiespalt

Wenn links am Baches Rand Cupido flötet, Im Felde rechter Hand Mavors drommetet, Da wird dorthin das Ohr Lieblich gezogen, Doch um des Liedes Flor Durch Lärm betrogen. Nun flötet's immer voll Im Kriegestunder, Ich werde rasend, toll-- Ist das ein Wunder? Fort wächst der Flötenton, Schall der Posaunen, Ich irre, rase schon-- Ist das zu staunen?

Im Gegenwärtigen Vergangnes

Ros' und Lilie morgentaulich Blüht im Garten meiner Nähe; Hintenan, bebuscht und traulich, Steigt der Felsen in die Höhe; Und mit hohem Wald umzogen Und mit Ritterschloß gekrönet, Lenkt sich hin des Gipfels Bogen, Bis er sich dem Tal versöhnet.

Und da duftet's wie vor Alters, Da wir noch von Liebe litten Und die Saiten meines Psalters Mit dem Morgenstrahl sich stritten; Wo das Jagdlied aus den Büschen Fülle runden Tons enthauchte, Anzufeuern, zu erfrischen, Wie's der Busen wollt und brauchte.

Nun die Wälder ewig sprossen, So ermutigt euch mit diesen: Was ihr sonst für euch genossen, Läßt in andern sich genießen. Niemand wird uns dann beschreien, Daß wir's uns alleine gönnen; Nun in allen Lebensreihen Müsset ihr genießen können.

Und mit diesem Lied und Wendung Sind wir wieder bei Hafisen, Denn es ziemt, des Tags Vollendung Mit Genießern zu genießen.

Lied und Gebilde

Mag der Grieche seinen Ton Zu Gestalten drücken, An der eignen Hände Sohn Steigern sein Entzücken.

Aber uns ist wonnereich, In den Euphrat greifen Und im flüss'gen Element Hin und wieder schweifen.

Löscht ich so der Seele Brand, Lied, es wird erschallen: Schöpft des Dichters reine Hand, Wasser wird sich ballen.

Dreistigkeit

Worauf kommt es überall an, Daß der Mensch gesundet? Jeder höret gern den Schall an, Der zum Ton sich rundet.

Alles weg, was deinen Lauf stört! Nur kein düster Streben! Eh' er singt und eh' er aufhört, Muß der Dichter leben.

Und so mag des Lebens Erzklang Durch die Seele dröhnen! Fühlt der Dichter sich das Herz bang, Wird sich selbst versöhnen.

Derb und tüchtig

Dichten ist ein übermut, Niemand schelte mich! Habt getrost ein warmes Blut Froh und frei wie ich.

Sollte jeder Stunde Pein Bitter schmecken mir, Würd ich auch bescheiden sein Und noch mehr als ihr.

Denn Bescheidenheit ist fein, Wenn das Mädchen blüht, Sie will zart geworben sein, Die den Rohen flieht.

Auch ist gut Bescheidenheit, Spricht ein weiser Mann, Der von Zeit und Ewigkeit Mich belehren kann.

Dichten ist ein übermut! Treib es gern allein. Freund' und Frauen, frisch von Blut, Kommt nur auch herein!

Mönchlein ohne Kapp und Kutt, Schwatz nicht auf mich ein! Zwar du machest mich kaputt, Nicht bescheiden, nein!

Deiner Phrasen leeres Was Treibet mich davon, Abgeschliffen hab ich das An den Sohlen schon.

Wenn des Dichters Mühle geht, Halte sie nicht ein: Denn wer einmal uns versteht, Wird uns auch verzeihn.

All-Leben

Staub ist eins der Elemente, Das du gar geschickt bezwingest, Hafis, wenn zu Liebchens Ehren Du ein zierlich Liedchen singest.

Denn der Staub auf ihrer Schwelle Ist dem Teppich vorzuziehen, Dessen goldgewirkte Blumen Mahmuds Günstlinge beknieen.

Treibt der Wind von ihrer Pforte Wolken Staubs behend vorüber, Mehr als Moschus sind die Düfte Und als Rosenöl dir lieber.

Staub, den hab ich längst entbehret In dem stets umhüllten Norden, Aber in dem heißen Süden Ist er mir genugsam worden.

Doch schon längst, daß liebe Pforten Mir auf ihren Angeln schwiegen! Heile mich, Gewitterregen, Laß mich, daß es grunelt, riechen!

Wenn jetzt alle Donner rollen Und der ganze Himmel leuchtet, Wird der wilde Staub des Windes Nach dem Boden hingefeuchtet.

Und sogleich entspring ein Leben, Schwillt ein heilig heimlich Wirken, Und es grunelt und es grünet In den irdischen Bezirken.

Selige Sehnsucht

Sagt es niemand, nur den Weisen, Weil die Menge gleich verhöhnet: Das Lebendige will ich preisen, Das nach Flammentod sich sehnet.

In der Liebesnächte Kühlung, Die dich zeugte, wo du zeugtest, überfällt dich fremde Fühlung, Wenn die stille Kerze leuchtet.

Nicht mehr bleibest du umfangen In der Finsternis Beschattung, Und dich reißet neu Verlangen Auf zu höherer Begattung.

Keine Ferne macht dich schwierig, Kommst geflogen und gebannt, Und zuletzt, des Lichts begierig, Bist du Schmetterling verbrannt.

Und so lang du das nicht hast, Dieses: Stirb und werde! Bist du nur ein trüber Gast Auf der dunklen Erde.

Tut ein Schilf sich doch hervor, Welten zu versüßen! Möge meinem Schreiberohr Liebliches entfließen!

Buch Hafis

Hafis Nameh: Buch Hafis

Sei das Wort die Braut genannt, Bräutigam der Geist; Diese Hochzeit hat gekannt, Wer Hafisen preist.

Beiname

Dichter

Mohammed Schemseddin, sage, Warum hat dein Volk, das hehre, Hafis dich genannt?

Hafis

Ich ehre, Ich erwidre deine Frage. Weil in glücklichem Gedächtnis Des Korans geweiht Vermächtnis Unverändert ich verwahre, Und damit so fromm gebare, Des gemeinen Tages Schlechtnis Weder mich noch die berühret, Die Propheten-Wort und Samen Schätzen, wie es sich gebühret-- Darum gab man mir den Namen.

Dichter

Hafis, drum, so will mir scheinen, Möcht ich dir nicht gerne weichen: Denn, wenn wir wie andre meinen, Werden wir den andern gleichen. Und so gleich ich dir vollkommen, Der ich unsrer heil'gen Bücher Herrlich Bild an mich genommen, Wie auf jenes Tuch der Tücher Sich des Herren Bildnis drückte, Mich in stiller Brust erquickte Trotz Verneinung, Hindrung, Raubens Mit dem heitern Bild des Glaubens.

Anklage

Wißt ihr denn, auf wen die Teufel lauern In der Wüste, zwischen Fels und Mauern? Und wie sie den Augenblick erpassen, Nach der Hölle sie entführend fassen? Lügner sind es und der Bösewicht, Der Poete, warum scheut er nicht, Sich mit solchen Leuten einzulassen!

Weiß denn der, mit wem er geht und wandelt, Er, der immer nur im Wahnsinn handelt? Grenzenlos, von eigensinnigem Lieben, Wird er in die öde fortgetrieben, Seiner Klagen Reim', in Sand geschrieben, Sind vom Winde gleich verjagt; Er versteht nicht, was er sagt, Was er sagt, wird er nicht halten.

Doch sein Lied, man läßt es immer walten, Da es doch dem Koran widerspricht. Lehret nun, ihr des Gesetzes Kenner, Weisheit-fromme, hochgelahrte Männer, Treuer Mosleminen feste Pflicht.

Hafis insbesondre schaffet ärgernisse, Mirza sprengt den Geist ins Ungewisse: Saget, was man tun und lassen müsse!

Fetwa

Hafis' Dichterzüge, sie bezeichnen Ausgemachte Wahrheit unauslöschlich; Aber hie und da auch Kleinigkeiten Außerhalb der Grenze des Gesetzes. Willst du sicher gehn, so mußt du wissen Schlangengift und Theriah zu sondern-- Doch der reinen Wollust edler Handlung Sich mit frohem Mut zu überlassen Und vor solcher, der nur ew'ge Pein folgt, Mit besonnenem Sinn sich zu verwahren, Ist gewiß das Beste, um nicht zu fehlen. Dieses schrieb der arme Ebusuud, Gott verzeih' ihm seine Sünden alle!

Der Deutsche dankt

Heilger Ebusuud, hast's getroffen! Solche Heil'ge wünschet sich der Dichter: Denn gerade jene Kleinigkeiten Außerhalb der Grenze des Gesetzes Sind das Erbteil, wo er übermütig, Selbst im Kummer lustig, sich beweget. Schlangengift und Theriak muß Ihm das eine wie das andre scheinen. Töten wird nicht jenes, dies nicht heilen: Denn das wahre Leben ist des Handelns Ewge Unschuld, die sich so erweiset, Daß sie niemand schadet als sich selber. Und so kann der alte Dichter hoffen, Daß die Huris ihn im Paradiese Als verklärten Jüngling wohl empfangen. Heiliger Ebusuud, hast's getroffen!

Fetwa

Der Mufti las des Misri Gedichte, Eins nach dem andern, alle zusammen, Und wohlbedächtig warf sie in die Flammen. Das schöngeschriebne Buch, es ging zunichte. "Verbrannt sei jeder", sprach der hohe Richter, "Wer spricht und glaubt wie Misri--er allein Sei ausgenommen von des Feuers Pein: Denn Allah gab die Gabe jedem Dichter. Mißbraucht er sie im Wandel seiner Sünden, So seh er zu, mit Gott sich abzufinden."

Unbegrenzt

Daß du nicht enden kannst, das macht dich groß, Und daß du nie beginnst, das ist dein Los. Dein Lied ist drehend wie das Sterngewölbe, Anfang und Ende immerfort dasselbe, Und, was die Mitte bringt, ist offenbar Das, was zu Ende bleibt und Anfangs war.

Du bist der Freuden echte Dichterquelle Und ungezählt entfließt dir Well' auf Welle. Zum Küssen stets bereiter Mund, Ein Brustgesang, der lieblich fließet, Zum Trinken stets gereizter Schlund, Ein gutes Herz, das sich ergießet.

Und mag die ganze Welt versinken, Hafis mit dir, mit dir allein Will ich wetteifern! Lust und Pein Sei uns, den Zwillingen, gemein! Wie du zu lieben und zu trinken, Das soll mein Stolz, mein Leben sein.

Nun töne Lied mit eignem Feuer! Denn du bist älter, du bist neuer.

Nachbildung

In deine Reimart hoff ich mich zu finden, Das Wiederholen soll mir auch gefallen, Erst werd ich Sinn, sodann auch Worte finden; Zum zweitenmal soll mir kein Klang erschallen, Er müßte denn besondern Sinn begründen, Wie du's vermagst, Begünstigter vor allen! Denn wie ein Funke fähig, zu entzünden Die Kaiserstadt, wenn Flammen grimmig wallen, Sich winderzeugend glühn von eignen Winden, Er, schon erloschen, schwand zu Sternenhallen: So schlang's von dir sich fort mit ew'gen Gluten, Ein deutsches Herz von frischem zu ermuten.

Zugemeßne Rhythmen reizen freilich, Das Talent erfreut sich wohl darin, Doch wie schnelle widern sie abscheulich, Hohle Masken ohne Blut und Sinn. Selbst der Geist erscheint sich nicht erfreulich, Wenn er nicht, auf neue Form bedacht, Jener toten Form ein Ende macht.

Offenbar Geheimnis

Sie haben dich, heiliger Hafis, Die mystische Zunge genannt Und haben, die Wortgelehrten, Den Wert des Worts nicht erkannt.

Mystisch heißest du ihnen, Weil sie Närrisches bei dir denken Und ihren unlautern Wein In deinem Namen verschenken.

Du aber bist mystisch rein, Weil sie dich nicht verstehn, Der du, ohne fromm zu sein, selig bist! Das wollen sie dir nicht zugestehn.

Wink

Und doch haben sie recht, die ich schelte: Denn, daß ein Wort nicht einfach gelte, Das müßte sich wohl von selbst verstehn. Das Wort ist ein Fächer! Zwischen den Stäben Blicken ein paar schöne Augen hervor, Der Fächer ist nur ein lieblicher Flor, Er verdeckt mir zwar das Gesicht, Aber das Mädchen verbirgt er nicht, Weil das Schönste, was sie besitzt, Das Auge, mir ins Auge blitzt.

An Hafis

Was alle wollen, weißt du schon Und hast es wohl verstanden: Denn Sehnsucht hält, von Staub zu Thron Uns all in strengen Banden.

Es tut so weh, so wohl hernach, Wer sträubte sich dagegen? Und wenn den Hals der eine brach, Der andre bleibt verwegen.

Verzeihe, Meister, wie du weißt, Daß ich mich oft vermesse, Wenn sie das Auge nach sich reißt, Die wandelnde Cypresse.

Wie Wurzelfasern schleicht ihr Fuß Und buhlet mit dem Boden, Wie leicht Gewölk verschmilzt ihr Gruß, Wie Ost-Gekos' ihr Oden.

Das alles drängt uns ahndevoll, Wo Lock an Locke kräuselt, In brauner Fülle ringelnd schwoll, Sodann im Winde säuselt.

Nun öffnet sich die Stirne klar, Dein Herz damit zu glätten, Vernimmst ein Lied so froh und wahr, Den Geist darin zu betten.

Und wenn die Lippen sich dabei Aufs niedlichste bewegen, Sie machen dich auf einmal frei, In Fesseln dich zu legen.

Der Atem will nicht mehr zurück, Die Seel zur Seele fliehend, Gerüche winden sich durchs Glück Unsichtbar wolkig ziehend.

Doch wenn es allgewaltig brennt, Dann greifst du nach der Schale: Der Schenke läuft, der Schenke kömmt Zum erst- und zweiten Male.

Sein Auge blitzt, sein Herz erbebt, Er hofft auf deine Lehren, Dich, wenn der Wein den Geist erhebt, Im höchsten Sinn zu hören.

Ihm öffnet sich der Welten Raum, Im Innern Heil und Orden, Es schwillt die Brust, es bräunt der Flaum, Er ist ein Jüngling worden.

Und wenn dir kein Geheimnis blieb, Was Herz und Welt enthalte, Dem Denker winkst du treu und lieb, Daß sich der Sinn entfalte.

Auch daß vom Throne Fürstenhort Sich nicht für uns verliere. Gibst du dem Schah ein gutes Wort Und gibst es dem Wesire.

Das alles kennst und singst du heut Und singst es morgen eben: So trägt uns freundlich dein Geleit Durchs rauhe, milde Leben.

Buch der Liebe

Ushk Nameh: Buch der Liebe

Sage mir, Was mein Herz begehrt?

"Mein Herz ist bei dir, Halt es wert!"

Musterbilder

Hör und bewahre Sechs Liebespaare! Wortbild entzündet, Liebe schürt zu: Rustan und Rodawu. Unbekannte sind sich nah: Jussuph und Suleika. Liebe, nicht Liebesgewinn: Ferhad und Schirin. Nur für einander da: Medschnun und Leila. Liebend im Alter sah Dschemil auf Boteinah. Süße Liebeslaune: Salomo und die Braune! Hast du sie wohl vermerkt? Bist im Lieben gestärkt.

Noch ein Paar

Ja, Lieben ist ein groß Verdienst! Wer findet schöneren Gewinst?-- Du wirst nicht mächtig, wirst nicht reich, Jedoch den größten Helden gleich. Man wird so gut wie vom Propheten Von Wamik und von Asra reden.-- Nicht reden wird man, wird sie nennen: Die Namen müssen alle kennen. Was sie getan, was sie geübt, Das weiß kein Mensch! Daß sie geliebt, Das wissen wir. Genug gesagt, Wenn man nach Wamik und Asra fragt!

Lesebuch

Wunderlichstes Buch der Bücher Ist das Buch der Liebe. Aufmerksam hab ich's gelesen: Wenig Blätter Freuden, Ganze Hefte Leiden; Einen Abschnitt macht die Trennung. Wiedersehn! ein klein Kapitel, Fragmentarisch. Bände Kummers, Mit Erklärungen verlängert, Endlos, ohne Maß. O Nisami!--doch am Ende Hast den rechten Weg gefunden: Unauflösliches, wer löst es? Liebende, sich wiederfindend.

Ja, die Augen waren's

Ja, die Augen waren's, ja, der Mund, Die mir blickten, die mich küßten. Hüfte schmal, der Leib so rund, Wie zu Paradieses Lüsten! War sie da? Wo ist sie hin? Ja, sie war's, sie hat's gegeben, Hat gegeben sich im Fliehn Und gefesselt all mein Leben.

Gewarnt

Auch in Locken hab ich mich Gar zu gern verfangen. Und so, Hafis, wär's wie dir Deinem Freund ergangen.

Aber Zöpfe flechten sie, Nun aus langen Haaren; Unterm Helme fechten sie, Wie wir wohl erfahren.

Wer sich aber wohl besann, Läßt sich so nicht zwingen: Schwere Ketten fürchtet man, Rennt in leichte Schlingen.

Versunken

Voll Locken kraus ein Haupt so rund! Und darf ich dann in solchen reichen Haaren Mit vollen Händen hin und wider fahren, Da fühl ich mich von Herzensgrund gesund. Und küß ich Stirne, Bogen, Auge, Mund, Dann bin ich frisch und immer wieder wund. Der fünfgezackte Kamm, wo sollt er stocken? Er kehrt schon wieder zu den Locken. Das Ohr versagt sich nicht dem Spiel, Hier ist nicht Fleisch, hier ist nicht Haut, So zart zum Scherz, so liebeviel! Doch wie man auf dem Köpfchen kraut, Man wird in solchen reichen Haaren Für ewig auf und nieder fahren. So hast du, Hafis, auch getan, Wir fangen es von vornen an.

Bedenklich

Soll ich von Smaragden reden, Die dein Finger niedlich zeigt? Manchmal ist ein Wort von nöten, Oft ist's besser, daß man schweigt.

Also sag ich, daß die Farbe Grün und augerquicklich sei! Sage nicht, daß Schmerz und Narbe Zu befürchten nah dabei!

Immerhin! du magst es lesen! Warum übst du solche Macht! "So gefährlich ist dein Wesen Als erquicklich der Smaragd."

Liebchen, ach! im starren Bande Zwängen sich die freien Lieder, Die im reinen Himmelslande Munter flogen hin und wider. Allem ist die Zeit verderblich, Sie erhalten sich allein! Jede Zeile soll unsterblich, Ewig wie die Liebe sein.

Schlechter Trost

Mitternachts weint und schluchzt ich, Weil ich dein entbehrte. Da kamen Nachtgespenster Und ich schämte mich. "Nachtgespenster", sagt ich, "Schluchzend und weinend Findet ihr mich, dem ihr sonst Schlafende vorüberzogt. Große Güter vermiß ich. Denkt nicht schlimmer von mir, Den ihr sonst weise nanntet, Großes übel betrifft ihn!"-- Und die Nachtgespenster Mit langen Gesichtern Zogen vorbei, Ob ich weise oder törig, Völlig unbekümmert.

Genügsam

"Wie irrig wähntest du, Aus Liebe gehöre das Mädchen dir zu. Das könnte mich nun garnicht freuen, Sie versteht sich auf Schmeicheleien."

Dichter

Ich bin zufrieden, daß ich's habe! Mir diene zur Entschuldigung: Liebe ist freiwillige Gabe, Schmeichelei Huldigung.

Gruß

O wie selig ward mir! Im Lande wandl ich, Wo Hudhud über den Weg läuft. Des alten Meeres Muscheln Im Stein sucht ich, die versteinten; Hudhud lief einher, Die Krone entfaltend, Stolzierte, neckischer Art, über das Tote scherzend Der Lebendge. "Hudhud", sagt ich, "fürwahr! Ein schöner Vogel bist du. Eile doch, Wiedehopf! Eile, der Geliebten Zu verkünden, daß ich ihr Ewig angehöre. Hast du doch auch Zwischen Salomo Und Sabas Königin Ehemals den Kuppler gemacht!"

Ergebung

"Du vergehst und bist so freundlich, Verzehrst dich und singst so schön?"

Dichter

Die Liebe behandelt mich feindlich! Da will ich gern gestehn: Ich singe mit schwerem Herzen. Sieh doch einmal die Kerzen! Sie leuchten, indem sie vergehn.

Eine Stelle sucht der Liebe Schmerz, Wo es recht wüst und einsam wäre; Da fand er denn mein ödes Herz Und nistete sich in das leere.