Wenn Landsleute sich begegnen, und andere Novellen
Part 6
Ruth bejaht und nimmt fröstelnd einen Schluck heißen Tee. Sie sprechen von Dresden, von Kunstschätzen und der königlichen Familie, von allen möglichen Dingen, die Ruth unsagbar gleichgültig sind -- dann erscheint Marianne und meldet den Wagen, zugleich bringt sie Mantel und Kapotte für ihre Gnädige.
»Also adieu, kleine Ruth. Mach' nicht so ein betrübtes Gesichtel, es geht wirklich nicht anders. Morgen plaudern wir weiter. Marianne wird für dich sorgen. Willst du etwas lesen? Dort im Regal liegen Bücher, die neuesten Journale. -- Hast du die Noten, Jacques? -- Marianne, meinen Fächer!«
Noch eine graziöse Kußhand, dann ist Ruth abermals allein. Sie sieht sich um wie betäubt -- aus allen Himmeln gerissen. Das also war das Wiedersehen mit Mama, worauf sie all die langen, langen Jahre gewartet; das sie sich hundertmal in den glühendsten Farben ausgemalt; wovon sie seit dem Sommer Tag und Nacht geträumt hatte. Und das ist nun alles: kaum eine Viertelstunde -- ein Dutzend flüchtigster Worte -- geteilte Aufmerksamkeit zwischen ihrer Toilette, Jacques und ihrem Kinde -- das sie seit fünfzehn Jahren nicht gesehen!
Und nach diesem Wiedersehen, das Ruth bis in die tiefste Seele hinein erschüttert, fährt Mama in Gesellschaft und wird fremden gleichgültigen geputzten Menschen ihre Lieder vorsingen -- -- und Ruth liegt in der Diwanecke, wo sie vorhin neben Mama gesessen, und schluchzt, als solle ihr das Herz brechen. Nicht mit Worten oder Begriffen macht sie sich die Grausamkeit ihrer Enttäuschung klar -- aber sie fühlt diese tief und schwer wie einsame Kinder fühlen.
Sie rührt auch das appetitlich servierte kleine Souper kaum an, trinkt nur auf Mariannens Zureden einen Schluck Wein und läßt sich willenlos von dem Mädchen, das teilnehmender als ihre Herrin ist, in einem engem, eiskalten Zimmerchen, dem Badekabinett, auskleiden und in das schnell hergerichtete Bett legen.
Keine zärtliche Mutterhand, die sie zudeckt und den ungemütlichen kleinen Raum in ein Paradies umgewandelt hätte; keine »engelssüße« Stimme, die ihr Gutenacht sagt -- keine Lippen, die sie küssen -- und wie ein gescholtenes Kind weint Ruth sich in den Schlaf.
Aber Kinderherz ist sanguinisch und so leicht läßt Ruth mit ihrem zärtlichen Liebesverlangen sich nicht einschüchtern.
Am nächsten Morgen darf sie der Mama beim Frühstück Gesellschaft leisten.
Sie sind allein. Herr van Eigersloh, der sich beginnender Korpulenz wegen trainiert, macht seinen Morgenspaziergang.
Ruth hat allerlei erzählt, während die Mama gleichmütig in ihrer Schokolade rührt.
»Also in Inowrazlaw lebt dein Vater jetzt. _Inowrazlaw_ -- guter Gott! -- Verkehr habt ihr wohl nicht?«
»Doch, Papa hat ein paar gute Freunde, den Doktor und den Amtsgerichtsrat, der furchtbar lustig ist. Und Töchter sind auch da, sehr nette Mädchen.«
»Hm, kann mir's denken. Blond gescheitelt natürlich und können malen und sticken und Klavierspielen. Und warten wohlerzogen und geduldig auf einen Mann. -- Sag' mal, Ruth, dein Kleid ist natürlich auch in Inowrazlaw gearbeitet. Wie viel zahlt ihr eigentlich Fasson?«
»Neun Mark fünfzig,« sagt Ruth erstaunt und treuherzig. Sie trägt ein leidlich gutsitzendes dunkelblaues Tuchkleid von sehr jugendlichem Schnitt, das ihr vorzüglich steht, und weiß nicht recht, was sie aus Mamas Bemerkungen machen soll.
»Neun Mark fünfzig, dacht' ich's doch!« lacht die Mama hell heraus und zupft die ockergelben Valenciennesspitzen an ihrer eleganten Matinee zurecht; gleich darauf streichelt sie Ruths Wange: »~Poor little darling!~«
Ruth hält die Hand fest. »O Mama!«
»Was denn, ~dearest~?«
»Denkst du noch manchmal an die kleine Mausel?« fragt Ruth, die es nicht erwarten kann, von Mamas Lippen das heißersehnte Wort zu hören.
»Welche Mausel, Kind?«
Ruth sieht sie mit großen Augen an. »Die Wanken sagte, du hättest mich immer ›süße kleine Mausel‹ genannt,« sagt sie zögernd.
»Ach ja, richtig -- also Mausel -- gewiß denk' ich an dich.«
»Und hast mich lieb, Mama?«
»Aber natürlich, Kleines.« Die großen ernsthaften grauen Augen, die so unverwandt und eindringlich fragen können, verursachen ihr ein leises Unbehagen.
»Weißt du was, du mußt dich anders frisieren. So ...« sie lockert ein paar Haarsträhne und schiebt den Kamm, der Ruths Frisur hält, etwas tiefer. »Laß dich ansehen, siehst du?« sie hält Ruth einen Handspiegel vor, »so kleidet's dich zehnmal besser. Du studierst also Musik? Hast du denn Talent, Kleines?«
»Professor Brehmer meint es,« sagt Ruth bescheiden.
»Das hast du natürlich von mir, dein Vater besitzt nicht so viel ...« Die Mama schnippt mit den Fingerspitzen.
»Darf ich dir etwas vorspielen, Mama?«
»Später. Jetzt hab' ich Kopfweh. Und Marianne räumt den Salon auf.« Auch das noch! denkt Liane Eigersloh schaudernd, als ob Gesang und Geigenspiel nicht grad des Guten genug wäre! Sie lehnt sich hintenüber, spielt mit dem Teelöffel und gähnt verstohlen. Mama spielen ist nicht so leicht, wenn man jahrelang ganz aus der Übung ist. Dann fällt ihr etwas anderes ein. »Sag' mal, kommt dein Gepäck nach?«
»Mein Korb ist nach Inowrazlaw gegangen.«
Zum erstenmal denkt Ruth an ihren Vater und was der wohl sagen wird.
»Und du hast gar nichts weiter bei dir?«
»Nichts als mein Nachtzeug, Mama. Ich dachte, wenn ich etwas brauchte ... ich hab' ja noch Geld, Papa schickte mir reichlich.«
»Natürlich brauchst du. Wir müssen nachher gleich ausgehen und das besorgen,« sagt Liane lebhaft interessiert und richtet sich aus ihrer halbliegenden Stellung auf.
»Aber ist mein Tuchkleid nicht gut genug? Es ist noch ganz neu und in der Pension fanden alle, es stände mir gut.«
»Nein, Kind, du brauchst eine helle seidene Bluse. Oder besser noch ein weißes Kleid. Wir haben morgen eine kleine Gesellschaft.«
»Am heiligen Abend?«
»Nun natürlich. Du glaubst doch wohl nicht, daß Jacques und ich »familiensimpeln« wollen? Uns bei der Hand fassen und um den Baum tanzen, wie zwei artige Kinder und dazu singen ›O Tannebaum, o Tannebaum ...?‹«
Und Liane van Eigersloh lacht aus vollem Halse.
Ruth wagt nicht zu sagen, daß sie einfältig genug war, zu träumen, sie höre eine süße Stimme »Stille Nacht, heilige Nacht« singen. Sie kommt sich entsetzlich dumm und kindisch vor. Was für spießbürgerliche Begriffe hat sie sich eigentlich von der Mama gemacht, die eine große Künstlerin ist, eine Dame von Welt, die seit fünfzehn Jahren in der Großstadt Berlin lebt.
Mama erzählt von ihrer Gesellschaft, wer alles eingeladen ist: Künstlerinnen, Offiziere, ein paar steinreiche Junggesellen, alles distinguierte Namen, o sie verkehren in sehr guter Gesellschaft, Jacques ist Mitglied eines vornehmen Klubs. Zahllose Festlichkeiten haben sie in dieser Saison schon mitgemacht, eine Pracht und Eleganz -- Ruth würde Augen machen, wenn sie das sehen könnte; von so was hätte ~poor little darling~ natürlich keine Ahnung. Und wie man Jacques und Liane van Eigersloh feierte ...
Ruth hört staunend und geduldig zu und wartet, ob nicht endlich, endlich diese hunderttausend zärtlich vertraulichen Fragen kommen werden, die eine Mutter für ihr Kind haben muß, das sie so viele Jahre nicht gesehen, das sie eigentlich noch gar nicht kennt.
Aber nichts von alledem. Keine Hand, die sich in liebevollem Verstehen auf das in banger Sehnsucht klopfende Herz, auf den heimlichsten zartesten Pulsschlag ihres Innenlebens legt -- und nach einer halben Stunde wird Ruth hinausgeschickt, weil Mama Toilette machen will.
Sie geht in den zwei großen Vorderzimmern umher, betrachtet die Bilder und Statuen, die sie gestern nur flüchtig gesehen und die ihr heute noch viel weniger gefallen, sucht vergebens nach einer Photographie von Mama, die nicht so schrecklich ausgeschnitten ist, blättert in den Büchern und legt sie mit hochrotem Gesicht hastig, als hätte sie sich die Finger daran verbrannt, wieder hin. Die gehören sicher Herrn Jacques van Eigersloh, wenn Mama wüßte, was alles darin steht ... Zuletzt schaut sie zum Fenster hinaus auf die breite stille vornehme Straße. Die blasse Dezembersonne scheint auf die verschneiten Vorgärten; eilige Menschen hasten paketbeladen vorüber, ein Dienstmann schleppt einen großen Christbaum, und Ruth erinnert sich, was sie fast vergessen hat, daß morgen heiliger Abend ist.
Da kommen von nebenan aus Herrn van Eigerslohs kleinem Privatzimmer Geigentöne. Ruth fährt herum und bleibt lauschend auf ihrem Platz stehen. Wie festgebannt. Atemlos -- ihre Augen glänzen, ihr Herz beginnt zu klopfen. Gott im Himmel, wie der Mann spielt! Ja -- nun glaubt sie's wirklich, daß sein Spiel die arme Mama verzaubert hat. Sie selber, Ruth, wäre ihm vielleicht auch nachgefolgt ...
Wie die Geige singt und weint und bittet! Ein Lied der Sehnsucht, ein Lied der Einsamkeit, das Ruth weinen macht. Und plötzlich muß sie an ihren Vater denken. Sie sieht ihn vor sich, wie er in seinem Zimmer sitzt, am Schreibtisch, den Kopf in die Hand gestützt. Und die Geige singt dazu. Mit einer süßen klagenden Menschenstimme singt sie ein Lied von Menschenleid. Deutlich hört Ruth die Worte. Den Text zu dem Bilde, das ihre Augen innerlich schauen: Verlassen von seinem Weibe. Fünfzehn Jahre des Grams und der Einsamkeit. Fünfzehn Jahre der Arbeit und Sorge. Und verlassen von seinem Kinde. Ganz allein. Ärmer als der ärmste Fabrikarbeiter. Allein -- allein -- allein --
Längst hat die Geige das Thema gewechselt und ist zu einem rauschenden Impromptu übergegangen -- noch steht Ruth leidversunken. Ihre Lippen zittern, das Herz tut ihr so weh. Nie hat sie gewußt, daß es so viel Jammer auf Erden geben könnte. Daß das Leben so schwer sei! O Vater und Mutter, was habt ihr getan, daß euer Kind um euch so leiden muß! Das Kind, das ihr liebhabt -- und dem ihr doch das Herz zerreißt!
»Die gnädige Frau wartet,« meldet Marianne und hält Ruths Hut und Jäckchen schon in der Hand.
Eine Besorgungsfahrt mit der Mama durch die menschenwimmelnden Straßen. Und die glänzenden Geschäfte, die prachtvollen Schaufenster -- Ruth, die in Dresden nicht viel hinaus kam, wird fast schwindlig vor lauter Schauen. Und was da alles gekauft wird! Ruth schaut und staunt: entzückende kleine Lackschuhe und ein feines weiches weißes Kleid mit Spitzen und blaßroten Schleifen, lange Handschuhe und ein gemalter Elfenbeinfächer an goldener Kette.
»Mein Weihnachtsgeschenk für ~little darling~.«
Ruth küßt der guten Mama verstohlen die Hand, doch ihr Herz will nicht recht froh werden.
Nach dem Mittagsschläfchen fragt die Mama: »Du singst auch, Ruth?«
»Nein, ich hab' leider keine Stimme.«
Lianens feines musikalisches Ohr hat es längst herausgehört, aber sie kann sich den heimlichen Triumph nicht versagen. Ruth muß mit an den Flügel, Mama sucht lange in den Noten, bis sie etwas Passendes findet: Hensels süßes kleines Frühlingslied. Sie beginnt die Begleitung. Ruths Stimmchen setzt schüchtern ein, noch unsicherer als sonst, zitternd, verängstigt. Mama läßt die Hände sinken. »Nein, wirklich nicht, keine Spur von Stimme,« sagt sie aufatmend. Fast befriedigt klingt es. Etwas kühl Abschätzendes liegt auch in dem Blick, mit dem sie Ruths lang aufgeschossene schmächtige Gestalt umfaßt. Sie schüttelt den Kopf, daß die blonden Stirnlöckchen fliegen, ihre Augen leuchten. Nein -- die wird ihr nicht gefährlich!
»Nun werde _ich_ singen.«
Ein italienisches Lied -- und die arme kleine Ruth, die musikliebend ist bis in die Fingerspitzen hinein, ist bezaubert, nein, hingerissen von dem Gesang ihrer Mutter. Eine Kraft, eine Höhe und Fülle, ein Schmelz ohnegleichen liegt in dieser herrlichen Stimme. Ruth fällt das naive Wort der alten Kinderfrau ein, weiß Gott, sie hat recht: wie Engelsgesang steigt der Mutter Lied von himmlischen Höhen herab, umfängt die selig lauschende Seele ihres Kindes und trägt sie empor.
»Mama, o Mama -- was bist du für eine herrliche Künstlerin!«
Das Kind kniet vor ihr, glühend vor stolzer Freude. Kniet wie vor einem Heiligenbild in der Kirche. Ein Augenblick reinster Wonne, wo die Seelen von Mutter und Kind eins sind in jenem überirdischen Entzücken, das nur drei Dinge hier auf Erden über unsere schauernden Herzen auszugießen vermögen: Liebe, Kunst und Natur.
Die große Künstlerin, die vielgefeierte, der das Beifallsklatschen von Tausenden etwas Alltägliches ist, strahlt vor Glück, ein stolzer Atemzug schwellt ihre Brust. Sie küßt das Kind, dann schiebt sie es sanft von sich. Sie will mehr, noch mehr Triumphe feiern, noch mehr der Anbetung aus diesen reinen zärtlichen Kinderaugen. Schier unersättlich ist sie, wie berauscht von diesem neuen Erleben. Was sie fünfzehn Jahre lang versäumt, möchte sie in einer einzigen Stunde nachholen. Alle Erden- und Himmelsseligkeit zugleich auskosten.
In ihrem heißhungrigen, ihrem ehrgeizigen Glücksverlangen vergißt sie alle Vorsicht, vergißt, wen sie vor sich hat.
Sie beginnt ein neues Lied. Ein leidenschaftliches wildbegehrendes Liebeslied, glühendes Verlangen, stürmisches Drängen, ein Taumel der Liebesleidenschaft. Schleierlose Hingabe -- Mund an Mund, Herzen an Herzen -- gott- und welt- und menschenvergessen --
Ein Lied, das in der Gesellschaft wie ein zündender Blitz einschlug, die blasierten Menschen hinriß und entflammte und rasende nicht endenwollende Beifallssalven auslöste.
Und Ruth, die noch neben ihr kniet und die Worte hört und die Worte liest, die ihre Mutter singt, auf deren feinfühlige Seele die leidenschaftliche Musik fast intensiver noch als der Text wirkt, wird glühend rot bis in die dunklen Haarwurzeln. Und ihre Seele bebt und erschauert. Schleier um Schleier wird vor ihren keuschen Augen weggerissen. Hüllenlos schaut sie -- zitternd, entsetzt -- die Geheimnisse des Lebens.
_Und solche Lieder singt ihre Mutter!_
Ihre Gedanken verwirren sich, wie eine Nachtwandelnde, die im blassen keuschen Mondlicht einsam am hohen Dachfirst wanderte, über sich die Sterne und das große heilige Himmelszelt -- und jählings hinabgestoßen wird in den Staub und Dunst und die widerliche Schwüle der Gassen -- unter Menschen, die die Leidenschaft zu Tieren erniedrigt.
Und das tat ihre Mutter! --
Das Kind springt auf und läuft wie gejagt durchs Zimmer, wirft sich auf den Diwan und bohrt den Kopf in die Kissen, um nichts zu hören, nichts mehr zu sehen.
Bis zu dieser Stunde hat sie immer heimlich in ihrem Herzen dem Vater unrecht und der Mutter recht gegeben. Jetzt in diesem Augenblick wendet sich das Zünglein der Wage, die eine fliegt hinauf, die andere sinkt tief, tief hinab -- für das Kind ein erschütterndes Erleben!
Schmeichelnde Hände liebkosen sie, heiße weiche Lippen küssen sie. Sie rührt sich nicht, liegt still und stumm in den Mutterarmen.
»So sehr hat's dich mitgenommen, meine süße kleine Ruth?« flüstert eine erregte Stimme an ihrem Ohr. »Begreifst du's nun, daß ich hinaus mußte in die Welt? Daß eine Künstlerin wie ich sich nicht in dem entsetzlichen Inowrazlaw vergraben konnte?«
Ruth weiß gar nicht, ob und was sie geantwortet. Sie läßt alles Reden und Liebkosen wehrlos über sich ergehen. Über den jungen Baum, der so still im kühlen Waldesschatten aufwuchs, ist das erbarmungslose Leben hereingebrochen, wilde Stürme schütteln ihn, glühende Sommersonne versengt ihn.
Ruth liegt in den weichen Mutterarmen und ein Grauen läuft über sie hin. Und auf einmal schießt ein Wunsch in ihr auf, ein fast schmerzhaft heftiges Verlangen. Schießt empor, steil und aufrecht, wie der Schaft einer Sonnenblume, die ihr goldenes Antlitz sehnsüchtig gen Osten wendet: Ach, könnt' ich jetzt heim!
Heim in ihr stilles Mädchenstübchen mit dem schneeweißen schmalen Bett und der Defreggerschen Madonna darüber. Heim in die kleinen engen Gäßchen, wo die polnischen Juden an der Tür stehen und ihr freundlich zunicken; zu den niedrigen Kleinstadthäusern, hinter denen die verschneiten Gärten liegen. Und rings umher Wald und Feld in unberührter schneeiger Reinheit und tiefem Winterschweigen.
_Heim!_
Ihr graut vor der Gesellschaft am heiligen Abend, wo die Mama vielleicht wieder solch häßliche Lieder singen und Herr Jacques van Eigersloh lächelnd und strahlend und händereibend unter seinen geputzten Gästen umhergehen wird.
Aber wie soll sie es nur anfangen?
Sie sitzt abends im Eßzimmer und bindet seidene Bändchen an allerhand raffinierte kleine Geschenke, die zwischen den Christbaumzweigen hängen sollen, während Herr und Frau van Eigersloh vorn im Salon den Baum putzen. Als Ruth fertig ist, will sie hinübergehen, um der Mama ihre Hilfe anzubieten. Keine Spur von Freude ist in ihrem Herzen, nur eine große Leere, eine unsäglich tiefe Traurigkeit. Sie möchte fort -- aber sie will der Mama, die doch so lieb und gut zu ihr ist, die Freude nicht verderben. So wird sie noch über die Feiertage bleiben und dann -- ach, hoffentlich! kommt der Papa und holt sie heim.
Die Salontür ist verschlossen. Da geht Ruth zurück und will durch das Zimmer des Hausherrn, das sie höchst ungern betritt, hineingelangen, als sie ihren Namen hört. Unwillkürlich bleibt sie stehen.
»Wie willst du sie vorstellen?«
»Natürlich als Ruth Hardenberg, meine Tochter erster Ehe.«
»Von der kein Mensch etwas weiß. Die Sache ist mir äußerst fatal.«
»Ach, Unsinn!«
»Eine so große Tochter. Völlig erwachsen. Man wird dir nachrechnen.«
»Jesus, ja« -- ein ungeduldiger Seufzer -- »es geht doch nicht anders, da sie nun einmal hier ist ...« Dann gedämpftes Lachen: »Du -- mit der Tochter nehm' ich's noch dreimal auf!«
»Aber selbstverständlich! Gib sie deshalb lieber als deine Nichte aus.«
»Das kann ich doch nicht. Was sollte das Kind wohl denken?«
»Sehr ~mal à propos~ -- dies hereingeschneite Kind!«
»Mein Weihnachtsgeschenk, Jacques!«
»Ich bitte dich, tu' nicht so -- Sentiments kleiden dich absolut nicht, ~ma chère~. Im Grunde deiner Seele wünschest du sie ja doch je eher je lieber nach diesem gesegneten Inowrazlaw zurück ...«
Und kein Wort aus Muttermund, das dieser harten Behauptung widerspricht -- nur ein halbverlegenes Auflachen! -- Im nächsten Augenblick ist Ruth allein in ihrem Badezimmerchen. Liegt auf den kalten Steinfließen, als hätte eine brutale Hand sie niedergeschlagen. Zu hart war die Enttäuschung für das zärtliche Kinderherz -- zu grausam die Ernüchterung. -- Eine Last ist sie für die Mama, ein ungebetener, unwillkommener Eindringling! Sie beißt sich die Lippen blutig, um nicht laut zu schreien. Zertrümmert ist der Altar, heruntergerissen ihr Heiligenbild, in den Staub getreten, beschmutzt, zerbrochen -- die Stücke in alle Winde zerstreut. O, was nun, was nun? Wie kann sie weiter leben ohne diese heilige Liebe, die fromme Verehrung, die heiße Sehnsucht? -- alles, was bis dahin ihr Denken und Leben ausgefüllt, ihm Inhalt und Wert gegeben -- -- --
»Ruth! Ruth! So komm doch, hilf die Kerzen aufstecken, ~mignonne~!«
Noch zwei, drei Abendstunden; oberflächliches Geplauder, Lachen, Zärtlichkeiten, die für Ruth eine Marter sind.
Noch eine letzte schlaflose Nacht in dem engen eiskalten Badezimmer. Und frühmorgens, ehe das Haus erwacht -- während Mama noch tief und fest in ihren gestickten Kissen schlummert -- schreibt Ruth auf einen Zettel: »Sei nicht bös, daß ich fortgehe. Papa ist so allein und ich hab' Heimweh« -- nimmt Tasche und Muff und schleicht sich wie ein Dieb aus dem Hause in das graue kalte Dämmern des Dezembermorgens hinein.
Und dann eine Droschke und zum Bahnhof.
Und die endlos lange Eisenbahnfahrt mit den trostlosen Gedanken, dem bettelarm gewordenen Herzen.
Und endlich ein verschneites Städtchen an der russischen Grenze.
* * * * *
Ein müder Mann sitzt im Dunkel des Weihnachtsabends in seinem Zimmer am Schreibtisch, den Kopf in die Hand gestützt, und denkt daran, daß heute der vierundzwanzigste Dezember ist. Und daß Weib und Kind ihn verlassen haben -- daß ihm nun auf der Welt nichts mehr übrigbleibt als eine Kugel vor den Kopf oder ein Sprung in das rauschende schwarze Wasser -- damit sein Kind nicht zugrunde gehe an der harten Wahl zwischen Vater und Mutter.
Draußen schlägt der Hund an. Lautes Bellen, ein freudiges Winseln, dann geht die Haustür -- leise, zaghafte Schritte über den Flur. Der einsame Mann hört es nicht -- vor seinen Ohren gurgeln schon die rauschenden Wasser, die ihm das letzte Lied singen werden -- das ihn Jacques Eigerslohs falsche lockende Geigentöne vergessen läßt für immer.
Die Tür knarrt, der Hund springt herein -- ein hastiger Schritt kommt über den Teppich -- zwei Arme legen sich um des Einsamen Hals, ein schneenasses kaltes Gesichtchen schmiegt sich an seine Wange. »Papa!«
Und dann ein wirres wildes Schluchzen und Stammeln, abgebrochene Laute, die sein Ohr nicht versteht und sein Herz doch errät und richtig deutet: Klagen, Anklagen, die das Vaterherz zerreißen -- der ganze trost- und fassungslose Jammer einer allerersten allerbittersten Enttäuschung.
Er hält das Kind in seinen Armen und Gott selber vielleicht gibt ihm die Worte ein, die er dem beraubten, zerrissenen Herzen sagen muß, das sein Heiligstes verloren.
Und im Finstern tastet und sucht das verirrte, das verwaiste, heimatlos gewordene Seelchen, und findet zum erstenmal den Weg zum Vaterherzen. Und schlüpft hinein, schauernd, zitternd. Wie sie sich noch nie gefunden, so ergießt sich Seele in Seele in dieser heiligen Weihnachtsnacht.
Eine Uhr schlägt. Da fährt der Vater auf und wird sich des Tages und der Stunde bewußt. »Sieben Uhr, Ruth -- und ich hab' nicht mal einen Baum für dich; der steht noch ungeputzt draußen im Garten.«
Enger schmiegen sich die Arme um seinen Hals -- und ein bettelndes Stimmchen an seinem Ohr: »Sag' _einmal_ ›kleines süßes Mausel,‹ Papa!«
Pause -- während der man die Atemzüge beider hört. Dann sagt eine tiefe zärtliche Stimme: »Ich weiß etwas Besseres: Ruth -- mein kleiner treuer Kamerad!«
»Papa!«
»Ruth -- Liebling!«
Ein allerletztes verlorenes Schluchzen. Dann ein tiefes Atemholen. »Jetzt brauch' ich keinen Baum mehr. Den putzen wir morgen. Oder zu Neujahr -- oder wann sonst. Ich bleib' jetzt bei dir, Papa. Immer! Ich geh' nicht mehr fort.«
»Und deine Musik?«
»Ich mag sie nicht mehr, Papa! Den ganzen langen Weg hab' ich nur einen Gedanken, nur einen Wunsch gehabt ...«
»Und der heißt?«
»Heim!«
_Ende._
Inhalt.
Seite
Wenn Landsleute sich begegnen 3
Unser gemeinsamer Mann 46
Heim! 62
_Auf Kriegspapier gedruckt._
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
Korrekturen:
S. 48: Nichtraucher → Raucher sitzen Sie Ihrer fünf im {Raucher}
S. 74: Porzellanschilden → Porzellanschildchen auf dem {Porzellanschildchen} stand
End of Project Gutenberg's Wenn Landsleute sich begegnen, by Jassy Torrund