Wenn Landsleute sich begegnen, und andere Novellen
Part 2
Die Scham brannte in ihrem Herzen und mehr noch der Schmerz -- ein so wunderlich heißer Schmerz, um so unbegreiflicher, als sie selbst doch seit Jahren nicht mehr an das kleine Erlebnis ihrer Jugend gedacht hatte.
Aber damals -- damals -- --!
Was wir Jahr um Jahr liebevoll und andächtig mit uns herumgetragen, das wächst uns unmerklich ans Herz, bleibt uns heilig, und würden wir auch alt wie Methusalem -- und rüttelt eine unberufene Hand daran, tut's uns weh, und wir spüren dann erst, wie tief und fest die Erinnerung saß.
All die Jahre, wo sie ihn nicht vergessen konnte, wo sie bei Tage an ihn gedacht und nachts von ihm geträumt, standen wieder auf wie Tote, die aus ihrer Gruft gerufen werden, um Zeugnis zu geben. Die langen Ferienwochen, wo ihr kleines sehnsüchtiges Herz von einem Tag zum andern gehofft und gewartet; frühmorgens freudig den jungen Sommertag begrüßte: Heut kommt er, heut kommt er ganz gewiß! -- und abends vor sehnsüchtigem Klopfen und bitterster Enttäuschung keine Ruhe in Großmutters schneeweißem weichen Gastbette fand.
O, über das erste holde Erwachen der jungen Seele, wo sie noch ahnend und unbewußt ihre Flügel regt; wo ein Blick zum Erlebnis, ein Wort oder Kuß zum welterschütternden Drama wird! Und dies alles, dies erste Aufwachen, dies zagende Sicherschließen der Knospe war mit ihm verknüpft -- o wie teuer, wie über alles teuer war er damals ihrem Herzen!
Sie dachte an die Jahre in der Pension, wenn die Klostermädel einander ihre kleinen Ferienerlebnisse anvertrauten; wo ihre eigenen allerschönsten Geschichten immer mit dem Satz begannen: »Als ich zu den Großeltern in die Ferien fuhr ...« Aber von dem Kuß nie ein einziges Wort! Das war ihr alleiniges, ihr heiliges und süßestes Geheimnis, von dem selbst ihr Beichtvater, der alte liebe Pater Regens, nichts erfuhr. Küssen war doch keine Sünde? Die Großen taten's ja alle, und beichten brauchte man das wahrlich nicht! Und _Er_ wollte ja kommen, er wußte doch, daß sie bei den guten Nönnchen in Mariahilf war -- und er _mußte_ ganz sicher einmal kommen, hatte er's nicht versprochen? Und hatte er sie nicht geküßt?
Heimlich sparte sie sich Groschen für Groschen von ihrem Taschengelde ab, und als sie nach einem Vierteljahr -- während dessen sie kein einziges Mal zum Konditor gegangen war, sich nicht _eine_ seidene Zopfschleife gekauft und immer die weggeworfenen Federn der andern heimlich aus dem Papierkorb »geklaubt« hatte, um nur ja jeden Pfennig zu sparen -- endlich so viel beisammen hatte, wechselte sie das Kleingeld um und trug ihren Taler immer bei sich, ganz blitzblank gerieben und in ein blauseidenes Säckchen eingebeutelt, damit sie ihn gleich bei der Hand hätte, wenn er käme.
* * * * *
Die achtundzwanzigjährige Leonie, die am Fenster stand und ihre heiße Stirn an die kühle Scheibe drückte -- während auf dem finstern Hintergrund der mondlosen Frühlingsnacht all diese Jugendbilder licht und hell an ihrem Geiste vorüberzogen -- die klug und kühl und vernünftig gewordene Leonie, die alleinstehende wohlhabende Waise, die zehnmal schon hätte heiraten können und an jedem Bewerber etwas auszusetzen fand -- wandte sich hastig ab, damit ihre dummen Tränen die klargeputzte Scheibe nicht trüben sollten.
Sie zündete ihr Licht an und begann sich auszukleiden. Jählings kam ihr ein wunderlicher Einfall, und ehe sie sich dessen versah, kniete sie vor ihrer Kommode und suchte im untersten Schubfach zwischen altem vergessenen Kram, welken Kotillonsträußchen und kleinen Andenken aus der Jugendzeit, nach einem eingelegten Ebenholzkästchen. Und als sie es gefunden hatte und auf das kleine Vexierschloß drückte, sprang der Deckel mit einem schwachen Laut auf -- wie ein Seufzer klang's -- und ein verstaubtes zerknittertes Seidenbeutelchen kam zum Vorschein. Sie zog die Schnur auseinander und mußte beinah' lächeln: da lag ihr gesparter Taler aus der Pensionszeit, der fünfzehn Jahre lang treu und pietätvoll aufgehobene!
Nun konnte sie ihn seinem Besitzer ja wiedergeben!
Und sie mußte es wohl -- über kurz oder lang würden die Taler außer Kurs sein, hatte neulich jemand gesagt -- und auch dieser hatte dann keinen Wert mehr.
Gedankenvoll hielt sie ihn in der Hand, den alten, alten Taler, an dem soviel süße und traurige Erinnerungen hingen. Der einst so blank geputzt gewesen -- unwillkürlich griff sie nach einem Zipfel ihrer weichen Flanellmatinee und rieb und putzte an der alten Silbermünze -- und mußte nun wirklich lachen. Schnell steckte sie das Beutelchen zwischen Handschuh und Schleier oben im ersten Fach, wo's ihr bequem zur Hand war -- bei erster Gelegenheit sollte Doktor Erdmann seinen Taler wiederhaben.
Als sie längst im Bette lag, zerbrach sie sich noch den Kopf, wie sie's anstellen sollte, ihm unbemerkt das geliehene Geld zurückzugeben.
Nun -- die Gelegenheit würde sich schon finden. Sie und ihr Vetter Luz Neuhaus, Großvaters rechte Hand und dereinstiger Nachfolger, waren ja dringend eingeladen, die Geschwister Erdmann in Groß-Lutschine zu besuchen. Luz -- das Lächeln ihrer Lippen wandelte sich zu einem Seufzer, wie sie an diesen Luz dachte, den smarten Geschäftsmann, den Großmutter ihr so gern zum Mann geben wollte, und den sie nicht leiden mochte; zu dem -- obwohl sie ihn von klein auf kannte -- sie so gar kein rechtes Zutrauen fassen konnte. Kalt wie 'ne Hundeschnauze, dachte sie, der richtige Engländer -- ihr Leben lang hatte sie für die Englishmen nicht viel übrig gehabt, obgleich sie nicht viel mehr von ihnen wußte, als was sie aus den langweiligen Tauchnitzbänden ihrer Pensionszeit herausgelesen hatte.
* * * * *
»Lieselott, wo steckst du denn?«
~Dr.~ Richard Erdmann kam breitbeinig in die Laube gestiefelt, wo seine Schwester sich den seltenen Genuß gönnte, ein Stündchen -- das feiernde Strickzeug im Schoß, in den Journalen zu blättern.
»Komm nur, du mußt gleich Medizin machen!«
»Schon wieder mal? -- Ach, du lieber Himmel!« seufzte die Schwester.
»Hilft nix, mein Döchting --« Schwerfällig ließ er sich auf einen Gartenstuhl fallen und strich seufzend mit der Hand über das bei seinen sechs- oder siebenunddreißig Jahren schon bedenklich gelichtete Haupt.
»Haste Haarweh, schöner Jüngling?« fragte Lieselott mit heuchlerischem Bedauern. »Ja ja -- dreie war's heut früh, als du aus dem ›Bären‹ heimkamst. Ich hab's wohl gehört.«
»Still, altes Scheusal -- laß mich nachdenken. Ach -- der verdammte Brummschädel!« Er zog ein paar Rezeptformulare aus der Tasche und begann seine Formeln niederzuschreiben, wobei er jedes Wort halblaut vor sich hinsprach.
»Kodeïn 0,4.«
Lieselott blickte ihm über die Hand aufs Papier.
»Ist nicht mehr da,« sagte sie ruhig. »Gestern abend das letzte verbraucht.«
»Na, dann geben wir Phenazetin -- ist auch egal. 2,0 also -- tut genau dieselben Dienste.«
»~Nux vomica~ ...«
»Du -- _nein_, Richard!« Lieselott hielt die schreibende Hand fest. »Nicht ~Nux vomica~ -- auch noch Medizin kochen heut zum Sonntag? Fällt mir ja im Traum nicht ein!«
Wieder rieb der Doktor seinen schmerzenden Schädel.
»Laß ihn, er ist blank genug,« sagte Lieselott hartherzig.
»Ja, -- was soll ich denn sonst geben?«
Die gewandte Apothekerin schlug ein anderes Mittel vor, das nicht erst gekocht zu werden brauchte.
»Hm --« machte der Bruder nachdenklich. Dann riß er sich energisch zusammen.
»Nein, nein -- das sind Weiberfisimatenten! Mit so was darfst du mir nicht kommen, das weißt du,« sagte er kurz -- in diesem Punkte verstand er keinen Spaß und schrieb sein ~Nux vomica~ nur desto kräftiger hin. »So --!« tief aufatmend hob er die Augen, -- da saß Lieselott über ihre Zeitschriften gebeugt und kümmerte sich nicht mehr um ihn. Jetzt galt's, sie herumzukriegen.
»Lieseken?!«
Keine Antwort. Er langte über den Tisch und zupfte die Lesende derb-liebevoll am Ohr: »Jesses, jesses, was sollt' ich wohl machen, wenn du mal heiratest, altes Scheusal?«
»Dasselbe -- schöner Jüngling!« gab sie prompt zurück -- und las weiter.
»Geh schon und mach die Rezepte!« bat er.
»Mach du sie doch selbst, mein Lieber -- hast ja ohnehin nichts zu tun. Ich will auch meine Ruh' am Sonntag.«
Er gähnte ostentativ. »Bin müd zum Umsinken.«
»Ja, vom Skaten.«
»Nee -- vom Auteln. Du, Lies -- das Schnauferl ist noch mein Tod.«
»Das glaub' ich selbst.«
»Sei gut, Lieserl, geh in die Apotheke!«
Seufzend stand Lieselott auf. »Du gönnst einem doch keine Sekunde Ruh'!«
Nach einer Weile kam er ihr nach in die »Apotheke.«
Da war es bei herabgelassenen Jalousien kühl und still wie in der Kirche; nur eine Fliege summte durchs Zimmer und stieß ihren dicken Brummkopf schlaftrunken gegen die Scheibe.
»Fertig?«
»Ja -- gleich.«
Er zog sich einen Stuhl herbei und setzte sich rittlings darauf.
»Also Sonnabend!« sprach er mit nachdenklicher Betonung und sah ihr zu, wie sie mit flinken Fingern geschickt und emsig mit der blankgeputzten Wage und den winzigen Gewichtchen hantierte und die großen weißen Porzellanbüchsen und dickbäuchigen Glasflaschen wieder in Reih' und Glied auf die Regale setzte. Weiß Gott, ein Verlaß war schon auf das Mädel, gewissenhaft und pflichttreu bis in die Fingerspitzen -- keine andere würd's je so gut verstehen. Eigentlich jammerschade, daß ihr junges frisches Leben hier versauern sollte. Und wer war daran schuld? Kein anderer als er. Um seinetwillen hatte Lieselott erst neulich wieder einen Bewerber, den wohlhabenden Domänenpächter Wilpert, abgewiesen. Beinah' ein Bedauern ergriff ihn um die Schwester, die es, wahrhaftigen Gott, wert wäre, einen andern Platz im Leben auszufüllen. Für Mann und Kinder zu sorgen, glücklich zu sein und glücklich zu machen.
Statt dessen hatte er in barem, blankem Egoismus ihr junges tüchtiges Leben an sein eingerostetes Junggesellentum geschmiedet, amüsierte sich auf eigene Faust, und selbst wenn er -- »ihr zulieb« wie er sagte -- ein paar gute Freunde einlud, hatte sie doch nur die Last davon.
»Daß nur auch alles recht gut und reichlich ausfällt!« sagte er, die lästigen Gedanken abschüttelnd.
»Und dem Hausherrn keine Schande macht!« setzte Lieselott lachend hinzu und schloß die letzte Büchse. »Keine Angst! Tip-top von der Bouillon bis zum Mokka.« Noch einmal sprachen sie das ganze Menü durch, das für Sonnabend, wo »Doktors« eine ihrer kleinen gemütlichen Gesellschaften gaben, aufgestellt war.
»Weißt du was?« unterbrach er sie zwischen Aal und Rehrücken. »Wollten nicht Fräulein Wilten und ihr Vetter in dieser Woche kommen?««
»Ja -- sie fragten an, welchen Tag es uns passe.«
»So schreib ihnen doch, sie möchten Sonnabend kommen. 's geht schon in einem Aufwaschen hin -- und es macht sich besser, weißt du.«
»Hm.«
»Bist ja so einsilbig, Lieseken?«
Lieselott zuckte die Achseln. »Was soll ich groß dazu sagen? Meine Meinung kennst du.«
»'s ist wirklich 'n nettes Mädel. Und Knöppe hat sie auch.«
»Aber zum Flirten zu schade, das merke dir! Wie Unzählige hast du schon ›nett‹ und ›lieb‹ gefunden -- eine sogar ›herzig‹. Ach, Dicker, wenn du doch endlich mal Ernst machen wolltest! Ich hab's manchmal so satt und der Vater wird auch alle Tage älter und brauchte mich daheim.«
»Wollen sehen, was sich tun läßt. Also schreib nur, hörst du? Sie gefällt mir wirklich recht gut. Und die Aussichten wären nicht schlecht, hör' mal. Reuter wußte gut Bescheid. Einige Sechzigtausend hat sie jetzt schon, und mindestens Vierzig kriegt sie noch mal von dem Großalten. Hunderttausend -- hab' ja immer gesagt, billiger tu' ich's nicht.« Er dehnte sich -- »au, mein Schädel! Ich leg' mich jetzt drei Minuten aufs Ohr, sonst halt' ich's nicht aus. Nachher auteln wir irgendwohin.«
»Fällt mir nicht ein. Und dir wär's auch besser, du bliebest daheim und brächtest mal deine Bücher in Ordnung.« Sie wollte an ihm vorbeigehen, da hielt er sie am Schürzenzipfel fest.
»Ach, süßes Schwesterherz -- das tust du mir nicht an!«
»Aber sicher. Die Wochenrechnung steht nicht in meinem Kontrakt. Du hast den ganzen Sonntagnachmittag -- mach dich nur drüber her.«
»Goldenes Seelchen! Komm, ich geb' dir auch 'nen Kuß!«
»Laß mich!«
Ohne weiteres nahm er sie um die Taille, zog die sich Sträubende herunter, küßte und streichelte sie und bettelte so herzbeweglich mit Mund und Blick, bis er sie glücklich herum hatte: erst autelten sie ein paar Stunden und abends holten sie gemeinsam die Wocheneintragung nach.
Wie Gott den Schaden bei Licht besah, arbeitete Lieselott abends allein über den Büchern -- und der Doktor saß wie gewöhnlich im »Bären«.
So ging es nun immer.
Nicht, als ob er nicht ein gewissenhafter Arzt und beruflich völlig auf seinem Posten gewesen wäre. Im Gegenteil: nicht dran zu tippen. Er studierte eifrig seine Fachschriften und machte fast jeden Herbst in Berlin einige Kurse mit, so daß er sich beruflich immer auf der Höhe hielt. Aber das übrige drum und dran. Lieselott behauptete: eine Frau, die den Unsoliden ans Haus zu fesseln verstände und ihm seine kleine Eskapaden abgewöhnte, täte ihm nötiger als das tägliche Brot; die Schwester, in ihrer nachsichtigen Liebe, ließe ihm gar zuviel durch die Finger gehen. -- Möglich, daß sie recht hatte! In philosophischen Augenblicken, die -- seit »Wittkopp« durch das Schnauferl ersetzt war -- jetzt sehr viel seltener kamen, sah er's auch selber ein. So auf einsamen Überlandfahrten -- ringsum nur Wald und Feld, nickende Ähren und schwermütig rauschende Kiefern, oder das tausendfältige Blühen der märkischen Heide, über sich den weiten blaßblauen Himmel der nordischen Tiefebene mit Vogelruf und Sonnenschein -- findet der hastende Mensch noch Zeit und Sammlung, in sich selber einzukehren, und ehrlich gestand er sich: Die erste beste nehm' ich nicht -- dazu hat Lieselott mich viel zu sehr verwöhnt. Eine Doktorsfrau muß Opfer bringen können. Erst recht die Frau von so einem alten ausgepichten Egoisten wie ich. Und dazu muß sie mich liebhaben, sehr lieb sogar. Aber woher nehmen und nicht stehlen?
Als tüchtiger Arzt mit ausgedehnter wohlhabender Landpraxis galt er für eine gute Partie. Und er selbst suchte eine reiche Braut. Ein Arzt, der an die Zukunft und Sicherstellung einer Familie zu denken hat, muß dies tun, sagte er sich. Und hübsch, gescheit und liebenswürdig sollte sie nebenbei auch noch sein -- woher sollte da wohl -- bei soviel vernünftigem Abwägen und so großen Ansprüchen -- noch die Liebe kommen?
Er nahm nicht die erste beste -- auch nicht die Zehnte und Zwölfte und war siebenunddreißig Jahre alt und ein eingerosteter Junggesell geworden, als er bei jener abendlichen Panne im März Fräulein Leonie Wilten kennen lernte. Gut gefallen hatte sie ihm gleich, und was er später über ihre Vermögensverhältnisse hörte, tat seinen freundschaftlichen Gefühlen erst recht keinen Abbruch.
Um Ostern hatte man sich wieder getroffen, zufällig, bei einem ersten Frühlingsausflug. Das Wetter war nach langen griesgrämigen Schnee- und Regenwochen verlockend schön, die Waldhänge waren blau von Veilchen und die Amsel sang im Morgen- und Abenddämmern ihre wonnetrunkenen Lieder; die Sonne lachte, wie nur eine frühaufstehende Ostersonne Ende April strahlen und lachen kann. Kein Wunder also, daß alle Welt unterwegs war und des Doktors Schnauferl sich mit dem Landauer des Ziegeleibesitzers an einem halben Wegs gelegenen vielbesuchten Ausflugsort traf. Man improvisierte ein Picknick, sang Mailieder und pflückte Veilchen und Anemonen am sonnigen Waldhang -- es wurde der gemütlichste Sonntagnachmittag, den man sich denken konnte, und Fräulein Leonie machte dem ~Dr.~ Richard Erdmann einen noch viel nachhaltigeren Eindruck als das erstemal. Als man sich spät in der Nacht trennte, nahmen Erdmanns das felsenfeste Versprechen der Neuhausschen Enkel, bestimmt im Monat Mai ihre Gegenvisite abzustatten, mit nach Groß-Lutschine. Und gleich in der zweiten Maiwoche hatten sie sich richtig angesagt, und Lieselott ersuchte sie telephonisch, am Sonnabendnachmittag vier Uhr den üblichen »Löffel Suppe« mitzuessen.
Nun war der Sonnabend da, die Kochfrau waltete ihres Amts und Lieselott steckte nach einem letzten Revidiergang ihre schweren blonden Zöpfe fest und war eben -- hochrot vor Eile und Aufregung -- im Begriff, die hellseidene Bluse zu schließen, als ihr Bruder in Hemdsärmeln hereinstürmte: »Um Himmels willen -- die Gäste kommen ja schon!«
Aber es war nur ein Schreckschuß; ein Bauernwagen aus der Nachbarschaft brachte einen verunglückten Hütejungen mit gebrochenem Arm, den der Doktor zurechtrichten sollte. Lieselott, schon im ~Full dress~, mußte helfen, band eine große Schürze um und tat wie immer ruhig und besonnen ihre Pflicht. Zwischendurch fragte Richard: »Ist auch alles fertig? Habt ihr denn auch oben ins Gastzimmer einen Leuchter hingestellt?« -- denn einige der Gäste sollten über Nacht bleiben. Da mußte Lieselott trotz des Stöhnens ihres armen Patienten lachen. So lang die Woche war und so viel Arbeit ihr oblag -- um nichts hatten Seine brüderlichen Gnaden sich gekümmert. Nicht mal um Wein und Zigarren -- nun fragte er, um doch etwas zu tun, nach dem Leuchter.
Sie beruhigte ihn -- und kaum waren der Patient und seine Mutter geschient und getröstet entlassen, als wieder ein Wagen vorfuhr: diesmal ein herrschaftlicher, der die am weitesten wohnenden Gäste, Fräulein Wilten und ihren Vetter, brachte -- die grad noch drüberzu kamen, wie das arme alte Auszüglerweib den Doktor, der ihren Jüngsten umsonst geschient und verbunden hatte, noch auf der Treppe bis in den Himmel lobte und pries.
Luz Neuhaus verzog spöttisch den Mund und bemerkte trocken: »Wenn er's oft so treibt, dürfte er keine großen Schätze sammeln,« wofür seine Cousine ihn nicht eben mit einem freundlichen Blick bedachte.
Oben an der Tür wartete schon die Hausfrau, um ihre Gäste zu begrüßen.
Lieselott bestand ihre oft geübte Rolle auch heut wieder mit Glanz. Nichts fehlte und alles ging wie am Schnürchen, die ganze Gesellschaft amüsierte sich köstlich. So gut, daß selbst Luz Neuhaus, der steife Englishman, wie seine Cousine ihn nannte, auftaute und der hübschen lustigen Hausfrau in seiner etwas phlegmatischen Art den Hof machte.
Alle Wetter! -- in der steckte doch noch Feuer, Rasse -- die war anders wie seine tugendreiche Cousine mit ihrer ewigen Ernsthaftigkeit. ~Dr.~ Erdmann revanchierte sich dafür ausgiebig; er und besagte Cousine kamen sich in diesen kurzen Stunden um sehr vieles näher. Ein Glück nur, daß die bildhübsche kokette Frau des Kreisbaumeisters, Erdmanns letzte und außergewöhnlich andauernde Flamme, heut anderweitig engagiert war, weil ein Hauptmann v. Schütze, ein Vetter der Erdmanns, als schneidiger Courmacher vorhanden war, der ihr, ihrer Meinung nach, zehnmal besser zu Gesicht stand als der behäbige Doktor.
Hin und her spannen sich zarte Fäden.
Nicht allzu fest, das gestatteten die gastlichen Pflichten der Wirte nicht, aber schon war eine neue Begegnung beim großen Johannimarkt in der Kreisstadt verabredet.
»Was meinen Sie zu _der_ Kreuzung?« fragte lakonisch und vielsagend der Kreisbaumeister, dem es naturgemäß ein beruhigender Gedanke war, den Doktor, diesen Schwerenöter und dauerhaften Courmacher seiner Frau, anderweitig festgelegt zu sehen.
Der Rechtsanwalt folgte dem deutenden Blick.
»Nicht übel. Zudem -- hier heißt's wirklich: alle beide oder keiner. Solange der Bruder nicht fest engagiert ist, heiratet Lieselott ganz sicher nicht, dafür kenn' ich sie. Na, die Wilten ist ja ein gescheites Frauenzimmer, die soll ihn wohl fest an die Kandare nehmen.«
»Damit er ihr nachher mit seinem Schnauferl um so gewisser durchgeht,« spottete der Ehemann. Beide lachten. Man saß bei Kaffee und Zigarren zwanglos um kleine Tische gruppiert. Während der Hausherr sich eifrig und halblaut mit Leonie unterhielt, fühlte diese wiederholt heimlich in die Tasche, wo ihr Taler steckte, den sie heut seinem Eigentümer zurückerstatten wollte. Doch das »wie« war immer noch die ungelöste Frage. Unauffällig mußte es geschehen, und doch wollte sie ihn nicht einfach irgendwo hinlegen, daß sich nachher die Dienstboten ein willkommenes Extra-Trinkgeld daraus machten. So hörte sie ein wenig zerstreut den Worten ihres Nachbars zu. Nebenan in der Fensterecke saßen ein paar behäbige Pächter und schimpften laut über die hohen Löhne und schlechten Zeiten. »Uff!« stöhnte der eine, eben aus Marienbad Zurückgekehrte, der dem leckeren Aalgericht wohl mehr als dienlich zugesprochen, »nichts auf der Welt ist umsonst und der Tod kostet erst recht einen Haufen Geld, -- das kann man in den großen Bädern erleben.«
»Schadet nix, das bezahlen die lachenden Erben,« gab der andere zurück. »Aber auch das armselige bissel Leben und Pläsier was man so auf der Welt hat -- zum Beispiel, was meinen Sie? hat mein Schreiber nicht neulich die kleine Wirtschaftselevin um den Hals genommen und geküßt? Der Kerl war betrunken, weiter nichts -- aber das Mädel geht hin und verklagt ihn, und er wird zu zwanzig Emchen verknackst. Fast wie in Amerika. Nicht mal 'nen Kuß mehr umsonst!«
Alles lachte über den komischen Zorn des bekannten Bonvivant und vermutete, daß hinter dem Schreiber wohl der Gutsherr selber stecken mochte.
»'s ist gut, daß die Küsse nicht immer so hoch im Kurse standen!« rief der Rechtsanwalt und schlenkerte seine Finger, als hätt' er sie verbrannt. »Herrgott, was hätten wir in unserer Jugend blechen müssen! All' die kleinen niedlichen Mädel -- und nicht 'n Pfennig hat's einen gekostet! Haben sie alles für umsonst getan, und aufs Dutzend immer noch einen zugegeben -- was, Dicker?«
Das Gespräch schien den Doktor unangenehm zu berühren, er suchte es durch eine gleichgültige Bemerkung abzulenken. Aber der Rechtsanwalt, Erdmanns Jugend- und Studienfreund protestierte.
»Ach was -- nun laß mal dein Auto, Dicker, und bekenne Farbe: Wieviel Schulden hättst _du_ wohl heut noch abzuzahlen, solltest du für jedes Küßchen in Ehren zwanzig Emchen blechen?«
»Gar keine,« sagte Erdmann kurz.
»Na, tu nur nicht so, du Tugendfritze!« widersprach der andere. »Von einem wenigstens weiß ich sicher. Hat dich allerdings bare drei Mark gekostet, und warst doch damals noch ein junger Bursch in den ersten Semestern, dem jeder ›Böhm‹ leid tat, den du nicht in Bier und Zigarren anlegen konntest.«
»Ich --? Ih Gott bewahre! Was dir nicht einfällt!«
»Na, na, schieß nur mal los und beichte, du!«
»Bei Gott, ich hab' keine Ahnung. Laßt doch die alten Geschichten, Kinder, wir sind ja hier nicht unter uns Pastorentöchtern.«
»Ach die Damen -- denen macht's gerade Spaß. Erzähl nur, Dicker!«
»Erzählen, Doktor!« baten die Damen. »Ach bitte, erzählen Sie einen Schwank aus Ihrem Leben.«
»Ich weiß keinen.« Ärgerlich warf der Doktor seine Zigarette in den Aschenbecher und griff nach einer neuen.
»So -- und das niedliche kleine Klostermädel, dem du vorgeschwindelt, du seiest ihr Landsmann? Der du drei Mark gepumpt und hinterher einen Kuß als Belohnung verlangt hast?«
»Unsinn! Die Sache verhielt sich ganz anders.«
Leonie Wilten saß steif und hochaufgerichtet in ihrem Sessel, ihre Hände waren eiskalt, in ihren Ohren gellte es wie Trompetenstöße, und ihr feines Gesicht unter tiefdunklen Scheiteln ward abwechselnd rot und blaß. Was würde sie zu hören bekommen?
»So erzähl doch, Richard!« bat jetzt auch Lieselott. »Davon weiß sogar ich nicht mal etwas.«
»Na ja,« sagte der Doktor ergeben. »Dann muß ich wohl -- schon damit mein Renommee in den Augen der Damen nicht allzu großen Schaden leidet.« Heimlich blickte er auf Leonie, deren Haltung und Miene er sich nicht recht erklären konnte. Während alle übrigen Damen, Lieselott einbegriffen, heiter und erwartungsvoll dasaßen, blieb sie ernst wie der Tod. War sie, die nicht mehr Junge und sonst so Verständige, in diesem Punkt noch spröd' und prätentiös wie eine Sechzehnjährige, die in ihrer Naivität verlangt, Männerherzen müßten sein wie ein unbeschriebenes Blatt? Lächerlich!