Wenn Landsleute sich begegnen, und andere Novellen

Part 1

Chapter 13,631 wordsPublic domain

Produced by The Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des Buches.

Wenn

Landsleute sich begegnen

und andere Novellen

von

Jassy Torrund

Leipzig

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

Übersetzungsrecht vorbehalten

Wenn Landsleute sich begegnen.

Nie in ihrem ganzen Leben war Leonie Wilten so grenzenlos überrascht und enttäuscht gewesen -- und dennoch nicht ohne das Gefühl einer leis und heimlich aufzuckenden Freude, wie an jenem Frühlingsabend, wo die Großeltern, von ihrem gewohnten Spaziergang heimkehrend, ihr den ins Haus geschneiten Gast vorstellten.

Die beiden Gäste vielmehr: den ~Dr. med.~ Erdmann und dessen Schwester, die mit eigenem Automobil in der Kreisstadt waren und auf dem Heimweg, weit draußen auf der Chaussee, eine gründliche Panne erlitten hatten.

Großvater Neuhaus, der alte Automobilhasser, der alle Welt und den alle Welt kannte, war mit halb schadenfroher Neugier hinzugetreten und hatte im Dämmern des Märzabends den ihm flüchtig bekannten Arzt eines weitentlegenen Kirchdorfes erkannt und ihm ohne Besinnen Hilfe und Unterstand angeboten. Beides hatte ~Dr.~ Erdmann dankend angenommen und mit Hilfe von ein paar Arbeitern das verunglückte Vehikel in Großvaters Schuppen geschleppt. Er hatte dann um Wagen und Pferd nach Hause telephoniert, sich ein wenig gesäubert -- denn er und Lieselott, seine Schwester, hatten schon eine halbe Stunde angestrengt und im Schweiße ihres Angesichts über dem widerspenstigen Auto gearbeitet, ehe Hilfe kam -- und nun erschienen die beiden späten unerwarteten Gäste im hellen behaglichen Speisezimmer von »Haus Friede«, wo der gedeckte und mit großem Schneeglöckchensträußen geschmückte Abendtisch schon bereit stand. Sie wurden dem Haustöchterchen und ihrem Vetter Luz Neuhaus vorgestellt und erzählten in lebhaftem Durcheinander, lachend und scheltend, ihr Abenteuer. Vor drei bis viertehalb Stunden konnte der Einspänner mit dem braven Füchslein, das schon so oft die Sünden des eigensinnigen Schnauferls gutmachen mußte, nicht da sein. Man hatte also vollauf Zeit, recht bekannt und vergnügt miteinander zu werden. Improvisierte Feste sind oft die allergelungensten, und dieser ins Haus geschneite Abendbesuch war im wahren Sinne des Worts ein Fest für die sehr einsam lebende Familie des großen Ziegeleibesitzers.

Der kleine Unfall brachte die bisher einander Fremden schnell und zwanglos nahe, und das Gespräch glitt leichtbeschwingt vom Hundertsten ins Tausendste. Man grub gemeinsame Beziehungen aus, erzählte die neuesten Anekdoten und Varietéwitze, lachte und plauderte, und während all dieser Zeit zerbrach Leonie Wilten sich den feinen klugen Kopf, wann und wo sie diesen ~Dr.~ Erdmann mit der langen weißen Narbe über Stirn und Schläfe schon gesehen hätte. Denn eben diese Narbe haftete zäh und fest in ihrer Erinnerung, die mußte sie schon einmal im Leben gesehen haben, nur daß sie damals viel breiter und noch frisch und rot war, während sie jetzt wie ein schmaler weißer Strich über das sonnverbrannte Gesicht des Landarztes lief. Aber wann? aber wo?

Lieselott Erdmann beschrieb mit drolliger Empörung und fast dramatischer Anschaulichkeit eine der zahlreichen Pannen, die sie und ihr Bruder im letzten halben Jahr, seit er glücklich-unglückseliger Autobesitzer war, erlitten hatten. Zerstreut hörte Leonie zu, während unter der Schwelle ihres Bewußtseins beständig die Frage bohrte: Wann? wo? -- als wenn den tiefsten Hintergrund ihres Hirns ein undurchdringlicher Vorhang verhüllte, den sie trotz aller Mühe nicht imstande war zu lüften. Jeder weiß, wie aufreizend und gedankenabsorbierend solch vages Erinnern ist -- und nur höflichkeitshalber warf Leonie die Frage dazwischen: »Also um ein einziges kleines verlorenes S--tiftchen?«

Es passierte ihr sonst selten, daß sie den scharftrennenden St-Laut der nordwestlichen Provinzen, den halbvergessenen Dialekt ihrer Heimat, anwandte, und ~Dr.~ Erdmann, der soeben den beiden Herren eine flüchtige Skizze der neuesten Bremsvorrichtung für Bergfahrer aufzeichnete, wandte sich überrascht um.

»Sie sind doch wohl keine Hiesige, gnädiges Fräulein?«

»Meine Enkeltochter ist in Schleswig-Holstein geboren -- bitte weiter, lieber Doktor!«

Die Aufforderung des alten Herrn blieb unbeachtet.

»Dann sind wir ja beinah' Landsleute! -- ich bin nämlich ein Oldenburger Kind,« rief der Doktor erfreut.

»_Landsleute!_«

Das war's. Wie auf ein Stichwort zerriß der Vorhang in Leonies Hirn von oben bis unten -- und ein kleines, längstvergessenes Erlebnis der Vergangenheit schob sich mit einem Ruck erlöst und lebendig in den Vordergrund.

Tief atmete sie auf und ward im selben Moment wie mit Blut übergossen.

So sah der Mann aus, ihr Helfer und Erlöser aus banger Not? -- ihr ritterlicher »Landsmann«, den sie einst im fernen fremden Lande getroffen und der sie ...

Sie dachte den Gedanken nicht zu Ende, alles Blut ebbte zum Herzen zurück und _das_ war der Moment, wo sie die große Enttäuschung empfand.

Jahrelang hatte sie auf ihn gewartet, ihn wiederzusehen gehofft, den Helden ihrer Backfischträume, ihren Lohengrin, ihren Gralsritter, kühn und zart zugleich, den idealschönen schlanken Jüngling mit der blutroten Narbe auf der weißen Stirn und dem weichen blondgelockten Haar, das ihm das Aussehen eines Dichters gab -- und nun dieser wohlbeleibte Vierziger -- dafür taxierte sie ihn -- mit fast kahlem Schädel und dem lebemännisch gestutzten Prinz Heinrich-Bart -- ein und derselbe -- diese beiden so himmelweit verschiedenen Köpfe!

Und dennoch -- wenn sie näher zusah -- ja, die Augen waren noch dieselben: braun, mit einem goldig aufleuchtenden warmen Schimmer und jenem undefinierbaren Ausdruck, der sie ihr einst so lieb und unvergeßlich gemacht. Und dann die Narbe -- und die Landsmannschaft!

Aber Leonie wollte ganz sicher gehen.

Nachdem der Großvater noch einiges gefragt und ~Dr.~ Erdmann beiläufig erzählt hatte, daß er in Breslau und Greifswald studiert und nach bestandenem Staatsexamen zufällig den erkrankten Landarzt in Groß-Lutschine vertreten hätte, um nach dessen Tode halb wider Willen seine Praxis zu übernehmen und so in diesem verlorensten Winkel der Mark Brandenburg hängenzubleiben. Er, dessen Wünsche und Hoffnungen eigentlich immer auf die Universitätskarriere gerichtet waren, seit Jahren nun schon hier ansässig und so eins geworden mit seinem Beruf und dem Landleben, daß er seine hochfliegenden Pläne längst verschmerzt hatte -- warf Leonie heuchlerisch die Bemerkung hin: »Schade nur, daß die Gegend hier gar so flach und reizlos ist -- wenn's wenigstens Hügel und Seen gäbe wie daheim! Oder Berge wie in Schlesien -- Sie kennen das schlesische Gebirge wohl nicht?«

»O doch, ich kenne beides: das Riesengebirge wie die Sudeten. Einen großen Teil meiner Universitätsferien verlebte ich bei einem Jugendfreunde meines Vaters in Mittelwalde. Na ja -- Berge sind ja ganz schön und nett, um drauf herumzukraxeln -- aber für einen Schnauferlbesitzer und Landdoktor ist halt doch das Flachland das bequemste Terrain -- und Heide und Kiefernwald haben auch ihren Reiz,« sagte er heiter, und wieder gab das Lächeln seinem stark gewordenen Gesicht mit den schlaffen Zügen etwas Jugendliches, denselben treuherzig liebenswürdigen Ausdruck von einst, dessen Leonie sich so gut, ach! so gut erinnerte.

Und wieder, wie im Lustspiel, war das richtige Stichwort gefallen: _Mittelwalde_.

Kein Zweifel -- er war's!

Mein Gott, wie das alles lebendig wurde! Wie die alten Zeiten heraufstiegen, beschworen von dem einzigen Wort: Landsleute!

Aber nicht jetzt, während Leonie sich unterhalten und die Pflichten des Haustöchterchens wahrnehmen mußte, hatte sie Zeit, ihren Gedanken Audienz zu geben und längstvergessene Blicke und Worte aus der Tiefe ihres Erinnerns heraufzubeschwören. Erst spät in der Nacht, als das brave Füchslein »Wittkopp« den ~Dr.~ Erdmann und seine Schwester abgeholt und beide das Versprechen eines baldigen Gegenbesuches in Groß-Lutschine mitgenommen hatten -- und als Leonie allein in ihrem Zimmer am Fenster stand und in die tiefe Finsternis der Märznacht hinausstarrte, zogen wie in einem Kaleidoskop die Bilder der Jugendzeit an ihr vorüber.

Damals -- vor fünfzehn oder sechzehn Jahren, hatten die guten Nönnchen von Mariahilf noch ziemlich unklare Begriffe übers Reisen, kannten ein Kursbuch wohl nur vom Hörensagen, und wenn die Klostermädel in die Ferien fuhren, brachte Verondl, die alte »weltliche« und ach! so rührend weltungewandte Bonne sie zur Bahn, löste jedem ein Billett, und nun: Fahrt zu in Gottes Namen! Und legte den Ausgelassenen der guten kleinen Mater Helenens Abschiedswort noch einmal dringend ans Herz: »Daß ihr mir unterwegs aber brav den Rosenkranz betet und hübsch gesittet die Augen niederschlagt, und um Jesu und aller lieben Heiligen willen mit keinem fremden Menschen anbändelt!«

Die übermütigen jungen Dinger, selig ihrer Freiheit, quiekten vor Wonne und pfefferten ihre zahmen Tauchnitzbände, die erlaubte Reiselektüre, ins Gepäcknetz und der Rosenkranz blieb zutiefst in der Tasche stecken. Statt dessen frisierten sie sich alsogleich im Coupé wechselseitig nach der neusten Mode und der Devise: je toller, je besser -- und erzählten einander heiß und eifrig ihre kleinen Schulmädelerlebnisse und die wundersamsten Geschichten von harmlosem vetterlichen Flirt.

So fuhren einmal ihrer acht oder neun, jede mit ihrem Billett in der Tasche, aber allesamt nur mit einem einzigen für alle acht oder neun Reisekörbe gültigen Gepäckschein versehen -- Verondl expedierte bequemlichkeitshalber alles Gepäck in Bausch und Bogen -- nach Kamenz, dem großen mittelschlesischen Knotenpunkt. Dort trennten sich ihre Wege, einige wurden hier schon abgeholt, andere mußten noch mit der Post weiter. Der ältesten, einer angehenden Seminaristin, waren die jüngeren alle anvertraut.

Leonie fuhr zu ihren Großeltern in die Grafschaft Glatz. Daheim in Neustadt war just ein Brüderchen zur Welt gekommen, und die Mama brauchte Ruhe und Schonung. Damals hatte Großvater noch die Pachtung Charlottenhof, erst viel später kaufte er die große Ziegelei im Brandenburgischen, die ihn zum reichen Manne machte.

Großmama hatte geschrieben: »Du nimmst dir ein Billett bis Wartha, so weit geht jetzt die neue Bahn, die letzte Strecke mußt du mit der Post fahren, und in Glatz holt dich der Wagen ab.« Aber an Verondl schienen alle Fortschritte der Kultur spurlos vorüberzugehen, in konservativem Eigensinn und weltfremder Ahnungslosigkeit beharrte sie bei ihrer Meinung: »Papperlapapp -- was die Grafschafter Mädel sein, die sein noch allemal bis Kamenz gefahren, so wird es auch diesmal wohl stimmen,« und also lautete auch Leonies Billett wie das der andern nur bis Kamenz, und ihr Gepäck wurde gleichfalls bis dorthin expediert.

Station Kamenz. Hu, war das ein Hasten und Drängen auf dem großen Bahnsteig, Stoßen und Werfen mit Koffern und Körben, ein Schreien von Schaffnern und Kellnern, Kommen und Gehen von Zügen -- den Klostermädeln wurde himmelangst. Aber die Seminaristin wußte Rat: »Kommt nur, jetzt trinken wir erst mal gemütlich Kaffee, und ich besorg' euch derweil die Postbilletts. Gebt mir alle eure Portemonnaies.«

Ihrer vier saßen um den Kaffeetisch, die übrigen waren schon von ihren Leuten in Empfang genommen -- da stürzte die Älteste wie eine erschreckte Henne auf ihre Küchlein los: »Jesses, Leonie, du mußt augenblicklich weiter, dein Zug geht ja bis Wartha! Da steht er zum Glück noch -- fix, fix!«

Und Leonie lief, daß ihr die kurzen Röcke um die Beine flogen, der Schaffner packte und schob sie ins erste beste Coupé -- ein Pfiff, ein Ruck -- der Zug ging ab. Neben ihm her rannte die Seminaristin: »Leonie, Leonie, wohin soll ich dir denn deinen Korb nachschicken?«

»Charlottenhof bei Glatz,« schrie Leonie zurück -- dann verschwand das letzte bekannte Gesicht -- Büsche, Bäume, Häuser flogen an ihren Augen vorüber -- sie wandte den Blick und sah sich unter lauter fremden Menschen, noch dazu lauter Herren -- o Schreck und Entsetzen! -- der Schaffner hatte die Verspätete Hals über Kopf ins Rauchabteil geschoben.

Was würden die Schwestern sagen, wüßten sie dies! Zagend hob das erschrockene Klosterkind die Augen -- alles nur fremde ernsthafte Gesichter, die sie gleichgültig anstarrten oder ihre Zeitung lasen -- bloß ihr gegenüber ein hübscher blondhaariger junger Mensch, der halb lächelnd, halb neugierig auf sie schaute. Sie blickte an sich nieder -- da saß sie, hochrot, atemlos, zusammengekauert wie ein Häuflein Unglück, in der einen Hand ihren Schirm und das krampfhaft geballte Taschentüchlein, mit dem sie wohl eben noch ein erschrockenes Tränchen abtupfen gewollt, in der andern ihr Billett, das die Seminaristin ihr im letzten Augenblick zwischen die Finger gedrückt hatte. Sie griff in die Tasche, um es ins Portemonnaie zu stecken -- Herrgott, die war ja leer, nichts drin als der Rosenkranz, der verräterisch klimperte, als wolle er sich für das Vergessensein rächen. Sie wurde noch röter und heißer vor Schreck, wie mit Blut übergossen -- mit weitaufgerissenen entsetzten Augen starrte sie ihr freundliches Gegenüber an: Jesus Maria, ihr Portemonnaie war fort -- sie hatte keinen Pfennig Geld bei sich! Wovon um Himmels willen sollte sie ihr Postbillett bezahlen? Hier im fremden Lande, wo sie keine Menschenseele kannte, wo sie ganz allein und verlassen war?

Sie stürzte ans Fenster -- weit, weit dahinten lag das Kamenzer Schloß -- näher und näher rückten die unbekannten Berge, auf die sie sich so grenzenlos gefreut hatte, und die sich jetzt auf sie zu stürzen, ihr das Herz abdrücken zu wollen schienen. Sie bückte sich, suchte auf dem Boden, riß ihren Schirm auf, schüttelte das Taschentüchlein auseinander -- nichts -- nichts! Und nun entsann sie sich schreckensvoll deutlich: Dora Dunker, die Seminaristin, hatte ihr das Portemonnaie ja überhaupt nicht wiedergegeben, hatte in Angst und Eile wohl selber darauf vergessen.

Lieber Gott -- ach lieber guter Gott, was nun?!

Die arme kleine Dreizehnjährige, die zum erstenmal in ihrem Leben allein auf Reisen war, vergaß alles Selbstbewußtsein ihrer »höheren Töchterwürde« und brach in Tränen aus. Sie weinte fassungslos, lautschluchzend, wie Kinder weinen. O wenn Mama und Papa dies wüßten, wie's ihrem Kinde in der weiten wildfremden Ferne ging! Das Heimweh überwältigte sie und preßte ihr das Herz zusammen.

Erstaunt blickte einer oder der andere auf das weinende Kind, jemand redete sie an, in einer fremden Sprache, die sie nicht verstand. Fast alle Insassen des Abteils waren Russen oder Polen, die in die schlesischen Bäder reisten.

»Warum weinen Sie, Fräulein -- Fräulein Leonie?« fragte plötzlich eine freundliche Stimme. Der junge Mann ihr gegenüber beugte sich weit vor, seine Stirn mit der blutroten Narbe, seine treuherzigen braunen Augen waren dicht vor ihrem Gesicht. Sein lockiges Haar fiel ihm über die Stirn, er strich es hastig zurück und wurde rot wie ein Mädchen. Das kleidete ihn gut und gab der schüchternen kleinen Pensionärin Mut, ihm zu antworten. In stockenden Worten vertraute sie ihm ihr großes Unglück an.

Er lachte hellauf und legte die Hand beruhigend auf ihren Arm. »Wenn's weiter nichts ist!« sagte er leichthin, »das Billett von Wartha nach Glatz kostet einen Taler, den borg' ich Ihnen mit dem allergrößten Vergnügen.«

Leonie atmete auf. O wie dankbar war sie ihrem jungen Retter! Wie ein Heiland kam er ihr vor, einer, der sich ihrer Not erbarmte hier unter all den fremden Leuten, die nicht mal ihre Sprache verstanden.

In Wartha besorgte er ihr richtig ein Billett und brachte ihr außerdem noch ein großes Glas Limonade. Wie gut die schmeckte nach der heißen staubigen Fahrt!

»Hier bauen sie jetzt den großen Tunnel für die Eisenbahn,« sagte er. »Wir aber fahren noch mit der Postkutsche über den Berg ins Glatzerländchen hinein -- es lebe die Romantik, die nun bald tot und begraben sein wird -- schade!«

Wie hübsch das klang! Es erinnerte sie an die Literaturstunde bei der klugen lieben Mater Theresia -- ach, wenn sie selber nur auch irgend etwas Kluges und Schönes hätte sagen können! Statt dessen sagte sie ganz prosaisch: »In Glatz holt mich sicher der Großpapa ab, da kann er Ihnen gleich den Taler wiedergeben. Wenn nicht ...«

»Hole ich ihn mir selbst in Charlottenhof,« sagte er lustig. »Ich hab' ja Ihre Adresse gehört, als Sie einstiegen, Sie sind mir also ganz sicher.« Und beide lachten. O himmlische Ferienzeit!

Leonie war noch niemals mit der Post gefahren, es dünkte sie herrlich, der Postillon blies: »So leben wir, so leben wir alle Tage ...« und die Köpfe von dem dicken Ehepaar gegenüber stießen unsanft aneinander, als die gelbe Kutsche über das vorsintliche Straßenpflaster hinausstolperte.

Leonie und ihr ritterlicher junger Freund saßen rückwärts, und er erzählte ihr dies und das. Namensnennung erschien allen beiden wohl als unnütze und überflüssige Zeremonie, genug, daß sie wußte, er studierte in Breslau Medizin und führe zu einer Silberhochzeitsfeier nach Mittelwalde. Auf der Rückreise wollte er sie dann vielleicht in Charlottenhof besuchen. Ach, wenn er's nur täte! Sie hoffte brennend, daß Großpapa sie nicht selber abholen und ihr junger Freund somit nach Charlottenhof kommen müsse, um sich seinen Taler wiederzuholen.

Daß sie ein Klostermädel sei, brauche sie gar nicht erst zu sagen, hatte er lachend gemeint. Das säh' man ihr ja auf zehn Schritt Entfernung an. Aber das möcht' er grad besonders gern leiden!

Bis jetzt hatte Leonie in anerzogener Schüchternheit noch nicht viel gesprochen, allmählich aber taute sie auf, wurde lebhafter und stach mit ihren heimatlichen spitzen S-t und S-p lustig in der deutschen Sprache herum. Da fragte er: »Sie sind doch gewiß aus Hannover, Fräulein Leonie?

»Nein, aus Neus-tadt in Hols-tein.«

»Aber da sind wir ja Landsleute!«

»Nein, wie reizend!« rief sie erfreut. »Haben Sie es gleich gemerkt?«

»Auf der S-telle,« kopierte er.

»Aber Sie s-prechen doch gar nicht so?«

»Ich hab' mir's leider schon abgewöhnt.«

»Ach, das sollte ich ja auch, Mère Angèle sagt mir alle Tage, es klänge so abscheulich affektiert -- aber ich kann's doch nicht!« klagte Leonie und flog mit ihrem Kopf gegen seine Schulter, weil die Postkutsche plötzlich anhielt. Der Postillon öffnete den Schlag: »Wollen die Herrschaften vielleicht aussteigen? Itze kimmt nämlich dar gruße Berg.«

Ächzend krochen die zwei Dicken heraus. Leonie wollte ihnen folgen, da hielt jemand ihre Hand fest. »Nein, bitte, bleiben Sie doch, Fräulein Leonie! Wir haben unser Billett ehrlich bezahlt und wir zwei sind ja so schlank und dünn, uns spüren die vier Postgäule gar nicht.«

Leonie guckte hinaus, richtig schirrte der Postillon zwei kräftige Vorspannpferde vor seinen Wagen, vierspännig fuhren sie den Berg hinauf -- das war Leonie in ihrem ganzen Leben noch nicht passiert! Mit einem wohligen kleinen Seufzer sank sie ins Polster zurück und der Wagen ratterte langsam bergan.

»Jetzt wird's erst gemütlich,« sagte ihr junger Beschützer. »Erzählen Sie mir von zu Hause, Fräulein Leonie -- ist's da hübsch?«

Sie dachte, er müsse es doch eigentlich selber wissen, wie hübsch es in Holstein sei, aber sie genierte sich, ihn zu fragen, aus welcher Gegend oder Stadt er stamme, und erzählte von der holsteinischen Schweiz und den Seen, von der Ostsee und dem weißen Strande und den kühlen Buchenwäldern ihrer Heimat. Er hörte still zu und sah sie mit seinen schönen guten Augen an -- und dann auf einmal sagte er: »Ich freue mich doch zu sehr, daß wir zwei Landsleute uns hier in der Fremde getroffen haben!«

»Ach ja,« erwiderte Leonie und seufzte tief auf -- »was hätt' ich wohl anfangen sollen ohne Sie?«

Und wieder sah er sie an, sein Blick ging wie eine Liebkosung über sie hin, sie dachte: ob sie ihm wohl ein klein bißchen gefiele? und fühlte sich stolz und beseligt in dem Gedanken.

»Wissen Sie auch, was zwei Landsleute tun müssen, wenn sie einander in der Fremde begegnen?« fragte er.

»Nein,« sagte das arglose Klosterkind und blickte ihm mit großen fragenden Augen ins Gesicht. Er lächelte unmerklich und beugte sich etwas vor.

»Sie müssen sich einen Kuß geben,« sagte er ernsthaft.

Dem armen Kinde wurde schwül und angst, aber gleich darauf sonderbar feierlich zumute.

»_Müssen_ sie das wirklich? Ach nein!« meinte sie ungläubig. Dies war eine schwere und wichtige Sache -- ach, wenn nur eins von den ältern Mädeln dagewesen wäre und ihr gesagt hätte, was sie tun solle!

»Es ist ein alter heiliger Brauch!« sprach er von der erhabenen Höhe seiner zwei- oder dreiundzwanzig Jahre herab und nickte ihr ermunternd zu. »Sonst hat man sein Vaterland nicht richtig lieb!«

Ach -- sie und ihr liebes Holstenland, ihre Heimat, nicht liebhaben? Hatte sie nicht eben erst davon geschwärmt und sich mit Sehnsucht daran erinnert, wie schön und herrlich es dort in den grünen rauschenden Buchenwäldern sei?

»Also bitte -- liebe kleine Landsmännin!« drängte er.

»Ja, wenn es denn sein muß« -- ergeben faltete sie ihre Hände, sein feierlicher Orakelton wirkte hypnotisierend, sie ward ganz willenlos und litt es geduldig, daß er sich herüberbeugte und sie küßte. Sehr leise und sanft, sie spürte den Hauch und Druck seiner Lippen und das komische Kitzeln seines kleinen weichen Schnurrbärtchens -- und schloß die Augen.

Das war so süß, so feierlich! Ach, es war doch eine reizende Sitte, daß sich zwei Landsleute in der Fremde einen Kuß geben mußten!

Ein klein wenig befangen waren sie nachher aber doch alle beide, nur hin und wieder fiel ein Wort, wie traumverloren -- und fast wie eine Erlösung dünkte es Leonie, als die zwei Dicken auf der Höhe des Warthaberges wieder einstiegen. Was die nur hatten, und weshalb die Frau ihr so strafende Blicke zuwarf? Ob sie etwas gemerkt hatten von dem Kuß? Sie zuckte die Achseln und warf die Lippe auf, recht wie ein kleines schnippisches Schulmädel: Pöh -- was wußten die von der Landsmannschaft und dem wunderhübschen Brauch? Verstohlen guckte sie ihren Freund an -- der nickte ihr zu. Wie himmlisch war's, so ein kleines, heimlich süßes Geheimnis zu haben! Wovon kein Mensch etwas wußte -- das sie später nicht mal der guten Großmama beichtete. Von der Hilfe ihres freundlichen Landsmannes und dem geliehenen Taler erzählte sie wohl -- von dem Landsmannschaftskuß nicht ein Sterbenswörtchen.

Der Abschied war kurz und herzlich. In Glatz wartete schon Großvaters alter Johann Nepomuk, der sie nach Charlottenhof holen sollte. Großvater war bei der Heuernte und Großmama hatte sich den Fuß verstaucht, so daß keines von beiden abkommen konnte. Und Leonie freute sich dessen wie ein Schneekönig, ihr junger Freund hatte hoch und heilig versprochen, sie in längstens drei Tagen in Charlottenhof zu besuchen. Fröhlich riefen sie einander »Auf Wiedersehn« zu, er stand und schwenkte sein buntes Mützchen und Leonie blickte sich wohl hundertmal nach ihm um.

Er war nie nach Charlottenhof gekommen.

Auch nach acht Tagen, auch nach vier Wochen nicht. Leonie sah ihn niemals wieder.

Bis heute! Und nun hätte sie weinen mögen, wie ein Mensch sich so verändern konnte. War das der schlanke schöne Jüngling von einst, der damals die sterbende Romantik der Bergpost beklagt? Derselbe, der ihr so ritterlich beigestanden, der sie so zart und andächtig auf die Lippen geküßt hatte? Dieser behäbige Landdoktor, der im Automobil in der Welt umherkutschierte und aussah, als hätte er in seinem Leben schon ungezählte Liebeshändel angebändelt und ungezählte Mädchenlippen geküßt? Dessen Devise wohl auch, wie bei den meisten, Wein, Weib -- Pläsier war -- so wenigstens sah er aus! Wie einer, dem von seiner Jugend und vom Idealismus seiner Jugend keine Spur mehr geblieben ist.

Und der das kleine Klostermädel, das er einst in übermütiger Laune geküßt, bis in den Tod vergessen hatte!