Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus

Part 9

Chapter 92,317 wordsPublic domain

»Ein guter Gesell,« lachte Fulko. -- »Aber ach, meine Gesellin! Nun ist es heute abend wieder nichts! Ohne den Bischof läßt uns die Tugendverwalterin und Unschuldbeschließerin und geheime Obervestalin -- wie heißt sie doch? aus Schottland stammt sie -- richtig: Malwine! -- dadrüben gar nicht über die Schwelle am Abend. Und wie heiß hatte ich mich gesehnt, wieder einmal in das süße, klare, holde Gesicht zu schauen! Ist ja wenig genug, weiß die heilige Aphrodite! für mein wildes Begehren. Aber als der Teufel einmal sehr durstig war, trank er Wasser. Sind wir daher doch auf das Zabelspiel gekommen. Kenne keinen Zug! Aber dabei konnten wir uns doch an den Abenden manche gute Weile einander gegenüber setzen, uns -- recht nahe! -- in die Augen schauen und manchmal stießen unsere Finger durch Zufall aneinander, während wir auf dem Brett die Steine rückten. Denn dergleichen mußten wir schon zuweilen thun. Jüngst trat Herr Heinrich an unsern Marbeltisch im Erker, wo wir schon drei Stunden saßen -- die ganze Vesper hatten wir darüber versäumt -- und sprach: ›Nun, wie steht das Spiel?‹ Heilige Eulalia von Barcelona! Wir hatten in all' der Zeit ja erst einen Zug gethan. Und das lose Mädchen hatte mir, während ich ihr die Rechte drückte und ihr selig in die Augen sah, ganz verstohlen mit der Linken meinen König vom Brette genommen und in ihrem leer getrunkenen Goldbecher in Gefangenschaft gesetzt! Es war schrecklich. Lächelnd befreite ihn der Gütige, hob ihn heraus, stellte ihn auf seinen Platz und fragte: ›hoffentlich ist dies nicht noch immer das erste Spiel?‹ Er war so freundlich, mir das Lügen zu sparen: er schritt hinweg, ohne meine Antwort abzuwarten. Ein prächtig Herz! War wohl auch einmal jung und heiß. Und noch jünger war Frau Theophano ...« »Gieb acht,« warnte Hellmuth. »Man hört da draußen auf dem Gang, was hier so laut gesprochen wird.« »Nun,« lachte Fulko, »das flüstert man vom Danevirke bis Salerno! War sie doch Witwe! Wär' ein schönes Paar geworden! -- Aber das Zabelbrett war auch sonst so willig! Konnte meinem holden Schatz stets abends meine den Tag über gedichteten Minnelieder darunter durchschieben. Wie geschickt zog sie mit den wachsweißen langen schmalen Fingerlein die Blätter auf der andern Seite heraus! Und hui! waren sie verschwunden in ihrem lang herunterhängenden Ärmel. Jetzt müssen meine armen Reime wieder Messe hören!« -- »Wie das?« -- »Nun ja! Morgen früh in der Kirche halte ich sie ihr wieder vor das zierliche Näslein und sie singt daraus die lateinischen Psalmen. Ist aber gefährlich! Neulich stand der fürwitzige Venetianer hinter mir, guckte über meine und ihre Schulter, las ein paar Zeilen und fragte mich lachend, ob ich das hohe Lied Salomonis in das Deutsche übersetzt hätte? Nicht schlecht! Lache doch, Hellmuth! Oder trinke wenigstens! Thu' Bescheid. Unserer Herrinnen Minne.« Aber Hellmuth schob kopfschüttelnd den Becher zur Seite. »Nun, willst du nicht reden, so höre wenigstens. Du hattest immer Freude an meinen Versen.« »Gewiß, Freund. Denn du kannst sagen, was ich nur fühlen und -- leiden kann. Zwar schmerzt es, zu hören, welch' Glück erwiderte Minne gewähren mag: aber es ist ein Weh, das wohl thut mitten im Schmerz. Bitte, beginne.« Fulko war ein Dichter: zweimal ließ er sich nicht bitten. Er trank erst herzhaft, griff dann in den Brustlatz, holte ein paar Pergamentblättlein hervor und las:

Du hast gesiegt, du starke Liebe! Hinweg, Besinnung und Bedacht! Und ob sie ins Verderben triebe: -- Nimm ganz mich auf in deine Macht!

Die Vorsicht sprach: »das wird nicht frommen,« Die Sitte sprach: »vernimm mein Wort:« -- -- Da ist der Strom der Liebe kommen Und ohne Wahl riß er mich fort.

So trage mich, du heil'ge Welle, Und, wenn du dies Verlangen stillst, -- In Todesnacht, in Himmelshelle, -- Ich folge dir wohin du willst.

* * * * *

Die Eiche rief zum Wolkensitz: »Ich trotze dir, du starker Blitz.« Der aber sprach: »Du ziehst mich an! Sieh, ob dein Trotz dir helfen kann, Ich bin ein rascher Freiersmann:« -- Und Schlag und Glut und Wetterschein: -- In Flammen ward die Eiche sein.

Die Uferrose sprach zum Fluß: »Du flehst umsonst um meinen Kuß:« Der aber sprach: »Hilft denn kein Flehn, Sollst du ein andres Werben sehn, Jetzt, Rose, ist's um dich geschehn.« Er stieg empor in stolzer Lust Und riß sie fort an seine Brust.

Das ist der Liebe Prob' und Macht, Wenn sie in echtem Mann erwacht, Daß sie des echten Weibes Herz, Und hüllte sich's in dreifach Erz, Doch mit sich fortreißt sternenwärts Und zur Geliebten siegbewußt Und triumphierend spricht: »du mußt.«

* * * * *

Wenn aus der Erde dunklem Schose Zur Schönheit aufgeknospt die Rose Und wenn sie dann in Wonnetagen, Indes die Nachtigallen schlagen, Ihr ganzes süßes junges Leben Dem Kuß der Sonne hingegeben, -- Erfüllt hat auch die schönste Rose Die schönsten ihr bestimmten Lose.

* * * * *

So sind bestimmt des Menschen Lose: Nur höchstem Mut wird höchster Preis; Am Abgrund blüht die Alpenrose Und dicht beim Tod das Edelweiß!

Er schloß ab und that einen tiefen Trunk.

XIII.

»Das Edelweiß!« wiederholte Hellmuth. »Sechsmal würd' ich sterben, könnt' ich dadurch sie -- nicht gewinnen, -- ach! nur versöhnen! Danke dir, mein Fulko. Deine Verse sind --« -- »Bah, Verse sind's! Nicht Küsse! Bittere Tinte und trocken Pergament! Das ist all' nichts, gar nichts! Ich halt' es nicht mehr aus! Immer bloß das verfluchte Reimen von ihrem roten Mund und heißen Kuß! Morgen -- ganz in der Frühe -- paß ich's ab! Wenn sie aus der Kemenate tritt -- immer allein: -- Malwine, die Verwalterin des Anstands, hütet alsdann die Tugend noch im Traum: und Jungfrau Edel verbetet sich immer um ein Weilchen! dann trete ich hin vor diese Minnegard und fasse sie und frage sie nicht lang und küsse sie, daß sie -- nun, nicht gerade ganz erstickt, aber recht beinahe.« Da sprang Hellmuth auf, legte die Hand auf des Freundes Schulter und rief: »Nein! Um Gottes willen nicht! Thu's nicht! Wag' es nicht!« -- »Warum nicht? Ich mein', ich kann es wagen!« -- »Thu's nicht, mein Fulko! Willst du so elend werden wie -- ach! wie mich viel, viel bescheidneres Wagnis gemacht hat?« Und er schlug die geballte Faust vor die Stirne. Der andre zog ihm mit sanfter Gewalt Arm und Hand herab: »Hellmuth, tapfrer Gesell! Sprich! Sprich's doch endlich einmal aus: was ist geschehen zu Worms? -- Du weißt, ich bin getreu und verschwiegen!« -- »Ich weiß es! Und darum sollst du -- du allein von meiner Schuld, -- meiner schweren Schuld! -- erfahren!« Er seufzte tief. »Bin gespannt! -- Alle Augen hier im Bischofshaus sahen nicht bloß, daß du ... auch, daß sie dir -- allmählich! -- gut ward. Herr Heinrich selbst sah's auch und hatte wahrlich nichts dawider! ›Ein schönes Paar und trefflich gepaart,‹ rief er mir einmal aus dem Sattel zu, als ihr auf dem Rennweg uns entgegengesprengt kamt. ›Der liebe Gott scheint sie für einander geschaffen zu haben.‹ So werdet +Ihr+ sie nicht scheiden wollen? fragte ich rasch. ›+Ich?+ Junge Liebe scheiden? +Ich+ doch gewiß nicht! -- Es sei denn‹, -- warnte er und sah mir scharf ins Auge -- ›daß zwischen Wunsch und Erfüllung steht -- ein Kloster.‹ Und als der Bischof nach Worms nur euch beide mitnahm, da sagten wir: die kommen zurück mit den Ringlein am Finger. Aber wie kamt ihr zurück! Sie wie die Eisjungfrau und du wie ein in ihren Armen Erfrorner. Was ist geschehen, sprich, an jenem Tage deiner schönsten Siege?« -- »Ach, ich verfluche sie. Sie haben mir all' das Unheil angerichtet. Sieh, Fulko: du weißt, eitel und eingebildet bin ich wahrhaftig nicht ...« -- »Behüte! Deine Bescheidenheit ist dein größter Fehler. Könntest mir drei Viertel abgeben, -- wär' uns beiden geholfen.« -- »So hätt' ich auch wahrlich nie gewagt, mir einzubilden, die stolzeste der Jungfrauen werde mir, bevor ich feierlich beim Bischof um sie geworben und dessen Ja wie das ihre erhalten, das geringste Zeichen von Gunst gewähren.« »Verkehrt,« meinte Fulko und trank seinen Becher aus. »Einmal muß man doch anfangen! Weib will gewonnen sein durch Wagen.« -- »Als ich nun aber in dem Lanzenstechen alle -- wirklich alle! -- Gegner aus dem Sattel gehoben -- zuletzt auch Siboto, den zähen blonden Friesen, und den starken Richard, den Grafen zu Winklarn, -- nie noch hatte ich die beiden zwingen können! -- und als nun rings die Drommeten schmetternd meinen Sieg verkündeten und die Herolde mich auf dem schnaubenden Roß dreimal durch den Kampfkreis führten und alles Volk mir ›Heilô!‹ und ›Siegô!‹ zujauchzte, und der Herr Bischof mir huldvoll zunickte von seiner Altane herab an Edels Seite und als ich nun heranritt, aus ihrer weißen Hand den Preis, den dreifach gewundenen Eichenkranz mit der goldenen Schnur, mir auf das Haupt setzen zu lassen, als ich sie nun vor mir sah, schön wie nie zuvor, strahlend vor Anmut und -- wie ich wähnte! -- auch ein klein wenig vor stolzer Freude an mir, als sie sich über mich beugte, als ich den zarten, leisen Druck ihrer beiden lieben Hände auf meinem Haupte fühlte, -- da schlug ich entzückt die Augen zu ihr auf: durch mein Herz jagte das Blut in wilden Sprüngen: -- die Hitze des Kampfes tobte noch nach in meinen Adern -- und all' der Lärm, der Glanz ringsum, die Freude, daß +sie+ meinen Sieg gesehen -- all' das zusammen berauschte mich! Sehnsüchtig, -- aus aller Kraft der Seele! -- suchte ich nach ihrem Auge, nach nur Einem Blick! --

Allein beharrlich, eigensinnig, trotzig -- ach! oder war es süße jungfräuliche Scham? -- hielt sie die langen, langen, die feierlichen Wimpern gesenkt. Ich flehte leise: ›Edel! Einen Blick -- nur Einen,‹ hauchte ich. -- Umsonst! -- Da ergriff mich Stolz, Trotz, heiße Wut: -- ich wollte mir den Blick erzwingen, wie ich mir den Sieg erzwungen. Mit der Rechten griff ich -- kein Mensch konnte es gewahren, der dichte Kranz und ihr vorflutend Haar verbargen völlig meine Hand -- ganz leis an ihr Kinn und hob es mit Gewalt empor: ›Einen Blick!‹ wiederholte ich dringend! --« -- »Nun? Da sah sie auf?« -- »Ach ja! Da sah sie auf! Da +erhielt+ ich einen Blick, aber welchen Blick! Wie blaues Feuer blitzte mir Zorn, Haß, Empörung, Verachtung entgegen aus den sonst so sanften Augen. -- Sie bog sich zurück, soweit sie irgend konnte, ach! mir war, zwei scharfe Pfeile flogen durch mein Herz! Ich wankte im Sattel: -- in Verzweiflung sprengte ich aus der Stechbahn: -- draußen glitt ich besinnungslos vom Gaul! ›'s ist die Hitze, die schwere Rüstung‹, hieß es. Ach wär' ich nicht mehr aufgewacht! -- Seitdem hab' ich sie verloren für Zeit und Ewigkeit. Nie -- ich kenne dieses Herz von Diamant! -- niemals verzeiht ihr gekränkter Mädchenstolz.« Und er brach zusammen auf der Bank und stützte die Stirn auf die Hand. »Hm! Armer Freund!« sprach Fulko nach einer Weile. »So hat sie dich denn wirklich nie geliebt? -- Denn liebt ein Weib, -- ein +echtes+ Weib -- und ich will das dieser herben Edel nicht bestreiten, -- so verzeiht es, unter Thränen, ja im Zorne lächelnd, der Kühnheit des Geliebten. Und was ist es denn, was du gewagt? Gar nichts! -- Nein, Hellmuth,« -- er sprang auf -- »dein Geschick kann mich nicht warnen. Nein! Geht wirklich demnächst die Welt zu Grunde, dann ...! Bei einem Kuß laß ich's dann nicht bewenden. Dann, schöne Minnegardis, wirst du mein, magst du darüber grollen oder nicht. Liebst du mich aber -- wie ich's hoffe! -- mitten im Grolle wirst du verzeih'n und -- selig sein in diesen Armen. -- Komm, Hellmuth, laß uns schlafen. Es wird spät.«

Der Blonde erhob sich nun ebenfalls. »Ich schlafe nicht. -- Auch +ich+ habe mir ausgesonnen -- bin nur über eins dabei nicht aufgeklärt! -- wie +ich+ die letzte Stunde dieser Welt verbringen, wie ich sterben werde. Nicht so süß umarmt wie du und nicht so weich gebettet: -- aber auch nicht übel umarmt und auch nicht übel gebettet: -- hart, jedoch herrlich. Allein vorher muß ich noch manches erkunden. -- Schlaf wohl! Ich reite aus!« -- »So spät! Wohin? Zu wem?« »Zu wem?« lächelte Hellmuth grimmig. »Nicht zu einem Liebchen. Vielleicht -- zum wilden Jäger!«

Und klirrend in seinen Waffen schritt er hinaus.

XIV.

Angesehene Leute fanden in jenen Zeiten auf ihren Reisen fast immer Unterkunft bei Gastfreunden; auf dem flachen Land in Burgen der Ritter oder in Höfen der bäuerlichen Landsassen, in Klöstern oder in den -- freilich noch seltenen -- Städten in den Häusern der Burgensen. Die schmutzigen Herbergen in den Dörfern und Städten aufzusuchen und darin zu nächtigen, vermied man gern: es ging gar unsauber, wüst und lärmend darin her. Häßlich und unbehaglich sah es denn auch aus in einem solchen Leuthaus des Nordgaues südlich der Eger nahe der Mark der böhmischen Berunzanen. In der großen Schenkstube lag auf den löcherigen Dielen schmutzig Schilf; und nicht nur von ehrlichem Ruße waren die Wände aus ungehobeltem Kiefernholz so dunkelfarbig geworden; ein paar rote Flecken in dem Schmutz des Bodens verrieten verdächtige Ähnlichkeit mit der Farbe des Blutes.

Um den viereckigen Schenktisch -- dessen Platte ein mittendurch zersprungener Schieferstein bildete, sie ruhte auf vier geschrägten Balken -- saßen auf niedrigen Schemeln, rohen Eichstrünken, zwei Männer in eifrigem, oft im Flüsterton geführtem Gespräch. Die lange nicht mehr gesäuberte, hohe, schmale enghalsige Zinnkanne und zwei Becher aus leichtem Tannenholz enthielten ein gelblich braunes, säuerlich riechendes Getränk; nur einer der Gäste sprach ihm zu: der andere -- in geistlicher Tracht -- schob mit widerwilliger Handbewegung seinen Becher so weit von sich hinweg, daß der Geruch des Nasses ihm nicht mehr in die Nase steigen möchte. »Ihr trinket gar nix, Archidiakon?« fragte der eifrige Zecher in einem Deutsch, dem slavische Zischlaute einen seltsamen Anklang liehen. »Verbietet's ein Gelübde? Oder eures Magens Eigenart?« »Mein Gaumen gebietet mir und meines Wesens Eigenart, nur Wein, -- guten Wein -- zu trinken, nicht dies Gärgebräu, das zu einer gewissen Ähnlichkeit mit kahnigem Traubensaft verdorben ist und das diese deutschen Barbaren Bier nennen.« »O, ist nix schlecht,« meinte der andere und füllte sich den Becher aufs neue. Obwohl es ein warmer Sommerabend war, bestand seine Tracht aus Pelz: sein enganliegendes, bis an die nackten Kniee reichendes Wams war aus vielen hunderten von schwarzen Maulwurfsfellen zusammengenäht; um die Hüften hielt es ihm ein breiter Dolchgurt aus mattem schwarzem Leder zusammen: die Waden steckten in Strümpfen aus dem gleichen schwarzen Rauhwerk: die Schuhe wurden ersetzt durch strohgeflochtene Sohlen und ein Kreuzgeschnür von dunkeln Riemen. Die sammetschwarzen und sammetweichen, jeder Biegung der geschmeidigen Glieder sich eng anschmiegenden Fellchen sahen aus wie die angewachsene Haut selbst des Wenden und gaben ihm bei seinen weichen, katzengleichen Bewegungen Ähnlichkeit mit einem schwarzen Panther.