Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus

Part 6

Chapter 63,509 wordsPublic domain

»Und geplackt müssen sie doch nun einmal werden, nicht, Supfo?« lächelte der Bischof. -- »Gewiß, dafür sind's Juden. Sind ja das ›auserwählte Volk‹. So hat sie der Herr, nachdem sie seinem Sohn Gewalt und Unrecht gethan, auserwählt, Gewalt und Unrecht zu leiden. Das ist doch klar und höchst gerecht. Ihr Volk verleugnen diese Abtrünnigen und Euch, Herr Bischof, lügen sie vor, sie glauben: Untreue und Lüge aber bringt nicht Heil, sondern Schmach. Dagegen des Juden Mutter, -- das ist ein prächtig Weib! Seht, da tritt sie gerade hervor aus ihrem Hofthor.« Vor der Außenthüre des ansehnlichen Holzhauses erschien eine stattliche alte Frau mit edeln, vornehmen Zügen des tief gebräunten Gesichtes. Sie trug die phantastische, kleidsame, weitfaltige Gewandung der Orientalen. Ein gelbes Brusttuch von feinster Wolle verhüllte den Oberleib, gelb waren auch die spitzen Schnabelschuhe, die aus dem langen, dunkelblauen Rock hervorsahen; ein ganz enganliegendes, turbanähnlich gebundenes Kopftuch von schwarzer Seide verbarg sorgfältig jedes Haar der Witwe. Sie kreuzte ehrerbietig die Arme über der Brust, neigte, gleich einer Palme, das hohe Haupt vornüber und sprach mit niedergeschlagenen Augen: »Der Gott meiner Väter segne dich und behüte dich, großgewaltiger und -- was siebenmal mehr ist! -- großgütiger Herr Bischof. Und er lohne dir, daß du bist ebensogut als du bist gewaltig.« »Mit der großen Gewalt, Sarah,« erwiderte der Gelobte, »ist das so schwach bestellt wie -- leider! -- mit der Güte.« »Laßt Euch nicht irren, kluge und schöne Frau!« fiel Supfo ein. »Wären wir nur so fröhlich, als wir gut sind.« »Unnütze Reden!« verwies der Bischof. »Jawohl,« sprach die Greisin mit sanfter, wohllautender Stimme und schlug die langen, schwarzen Wimpern auf: -- die schönen dunkelbraunen Augen leuchteten immer noch -- »unnütz, denn man +kennt+ Eures Herzens Güte! Mein Eheherr Manasse, -- lang ruhet er, gesegnet sei sein Gedächtnis für und für und sein Name sei nicht vergessen in Israel! -- oft hat er es uns geschildert, Isaak, unserm Sohn, und mir, wann wir saßen in Frieden vor den brennenden Leuchtern und aßen vom Passahlamm und Ruhe waltete im Haus und ringsum im Lande und Sicherheit in der Stadt. ›Die Ruhe‹ -- hat er gesagt, -- ›und die Sicherheit verdanken wir nach Gott dem Herrn dem Mann, der da ist wie ein Turm der Stärke und ein Streitwagen von Erz, dem Löwen von Rothenburg. Der Graf ist fern, denn leer steht da oben die Grafenburg der Gewalt. Er steuert -- der Bischof -- dem Raub auf den Handelsstraßen und auf dem Flusse und er hat die bösen Buben gebändigt, die schlimme Rotte, die da plündern wollte mein Frachtschiff auf dem Main und einbrachen mit Beilen in das Haus unsres Friedens. Der Engel des Herrn ist mit diesem Bischof der Christen!‹ Und so hab' ich mich gewöhnt zu Euch, starker und guter und weiser Herr, emporzuschauen alle Zeit als zu einem Helfer in der Not. Und so bin ich hinausgeeilt aus meinem Witwengemach, wie ich von fern Euch kommen sah des Weges und stehe hier vor der Thüre meines Hauses, eine alte, kummervolle Frau, und greife Euren Mantel und lasse Euch nicht, bis Ihr mir habt geholfen in meinem großen Leid!« Und sie glitt langsam vor ihm nieder auf beide Kniee und haschte sein weites Obergewand mit ihrer magern Hand und küßte demütig dessen Saum.

»Steht auf, alte Frau,« mahnte der Kellermeister, sie aufrichtend, »wir mögen das nicht leiden. Sagt kurz, was oder wer Euch quält.«

»Es ist,« sprach sie, sich erhebend, aber den Saum nicht aus der Hand lassend, »Isaak, mein Sohn, mein einzig Kind. Was oder wer sonst könnte mich auch quälen auf der Welt? Hab' ich doch auf Erden nichts als ihn. Und ach! ihn hab' ich nicht mehr, seit ... Nun, seit er die Taufe nahm zu Mainz.« Der Bischof furchte die Brauen: »Daran, Jüdin, that er recht. Aber er wußte wohl, weshalb er nicht von mir das Sakrament erbat, sondern zu Mainz, wo Herr Erzbischof Willigis nicht so viel von ihm weiß wie wir leider hier von ihm wissen. Ich hätte ihm zur Bedingung gemacht -- vorher -- ein Gelübde, daß er nun auch innerlich den Christen anziehe und von sich werfe seinen jüdischen Wucher und Geiz.« »Jüdischer Wucher und Geiz!« stöhnte die alte Frau und ein so schmerzlicher, vorwurfsreicher Blick der dunkeln Rehaugen traf Herrn Heinrich, daß er leicht errötete und rasch einfiel: »Ich weiß, was Ihr sagen wollt. Euer Gatte -- Manasse -- hat in der großen Kornnot aus seinen Speichern die verhungernden Christen in allen Städten und Dörfern am Main gespeist von Staffelstein bis Mainz. Er war ein Wohlthäter der Armen: -- Gott möge ihm die Strafe seiner Verstocktheit mildern, Sankt Burchhard und Sankt Kilian mögen für ihn bitten, wie ich, deren unwürdiger Nachfolger, es dankbaren Herzens gar oft thue. Aber Euer Sohn ist ein ...« -- »Herr, er ist krank, glaubet mir. Er ist besessen von übeln Geistern! Wir haben ja zu eigen soviel Güter der Erde, -- der Herr hatte gesegnet meines Manasse Redlichkeit und Fleiß! -- daß wir wahrlich nicht sorgen müßten um unsere Lebsucht. Aber -- es ist wahr -- er ist so ... sparsam, mein armer Isaak, daß er sich nicht gönnet eine Neige Weines am Sabbath des Herrn!« »Und Euch, scheint's,« schalt Supfo zornig, die hagere Gestalt musternd, »Euch, seiner alten Mutter, auch an den andern Tagen keinen Bissen Fleisch.« -- »Vollends aber seit ein paar Tagen ist er ganz krank im Gehirn und wirr in seinen sonst so klugen, scharfen Gedanken. Denn er ist gar scharf, mein geliebter Isaak.« »Wir wissen's!« bestätigte der Kellerer. »Allzuscharf! Möchte seine Seele nicht sehen! Muß voller Scharten sein!« -- »Seit wann, arme Frau?« forschte der Bischof voll Mitgefühls. Ihn jammerte um die leidende Mutter und es ergriff ihn, über das ehrwürdige, schöne Gesicht langsam zwei große Thränen rinnen zu sehen. -- »Seit das Gerede überhandnimmt unter den Burgensen hier und seinen Geschäftskunden in andern Städten, die Welt werde demnächst untergehen. Das hat ihm ganz verstört die Gedanken. Er kann nicht mehr schlafen seitdem. Und immerfort, in der eifrigsten Arbeit, im Rechnen sogar oder wann er wiegt auf seiner Wage die Goldmünzen des Herrn Kaisers -- wobei ihn sonst nichts störte, ja nicht einmal Blitzschlag ins Haus des Nachbars Hesso: er wog ruhig fort. Jetzt spricht er dabei mit sich selbst wirre Worte und unterbricht sich und rechnet falsch -- der Isaak! -- und stiert vor sich hin und stöhnt: ›wenn's wahr ist, bin ich ein Narr gewesen vom Knaben an und Narretei war all' mein Thun, mein Raffen, Listen, Geizen! Wenn's wahr ist -- wüßt' ich's nur! -- noch heute werd' ich ein Schlemmer, ein Fresser, ein Säufer wie diese ...‹« »Diese Deutschen, sagte er wohl,« ergänzte scharfsinnig, aber grimmig, der Kellerer. -- »›Ein Spieler werd' ich, ein Kleiderthor, und halte mir Jagdrosse und Eberhunde und Reiherfalken und ... anderes! Ob's wahr ist!‹ stöhnt er dann wieder und rauft sich Haar und Bart, ›ob's wahr ist?‹ -- So quält er mich, -- aber was liegt an mir! -- so quält er sich selbst, meines Manasse Sohn, er quält sich Nacht und Tag mit Grübeln. Jetzt ist er fortgeritten gen Frankfurt, einzuheimsen den Gewinn von einem großen, großen Geschäft, das er hat gemacht in Goldkörnern, Silberbarren und edlem Gestein! Aber, o wehe wehe geschrieen! Es hat ihn nicht gefreut das reiche Geschäft! Und wie er mir vorrechnet den Gewinn, verrechnet er sich wieder! Zu seinem Schaden verrechnet er sich, der Isaak! Das war noch nie! Wie muß er sein ungesund! Und warum verrechnet er sich? Weil er mitten drin immer wieder stutzt und fragt: ›ob's wahr ist? Ob's wohl wahr ist?‹ Und als er steigen will auf das Pferd zu reiten nach dem Gewinn, steigt er daneben statt in den Bügel, weil er gen Himmel schaut und fragt ›ob's wohl wahr ist?‹ Und er findet und findet nicht Ruhe, bis er's weiß, so oder so. Ich bin eine unweise Frau, ich kann's ihm nicht sagen. Und es kann ja sein, daß es geht zu Ende: denn oft hat es gelesen Manasse aus den Rollen, daß die Welt wird einmal vergehen und Elias wiederkommen im feurigen Wagen. Aber Ihr, Herr Bischof, guter Mann und weiser, Ihr kennet die Schriften, Ihr wisset viel. So sagt nur ja oder nein, daß ich beruhige meinen wirren Sohn, wann er wird wiederkommen, und beschwichte sein fiebernd Gehirn!«

Und wieder wollte sich die Weinende vor ihm niederwerfen. Er hielt sie fest am Arm und sprach: »Frau, Ihr thut mir leid in der Seele! +Ihr+: -- merkt! -- nicht Euer Sohn, den auch die letzten Dinge der Menschheit nur schwanken lassen zwischen dem alten sündhaften Wucher oder neuem sündhaften Sinnentaumel! Pfui über den Juden und schade um das vergeudete Taufwasser! -- Höret denn, gute Frau, -- +Ihr+ wäret würdig christlicher Gemeinschaft! -- Ich selbst habe davon keine Wissenschaft. Allein ich habe das Haupt der Christenheit befragt: bald muß der Bescheid eintreffen. Dann werd ich ihn allem Volke dieser Stadt, dieses Bistums, verkünden. Bis dahin aber sagt Euerm Sohn: ›der Herr Christus hat nicht Freude an denen, die da nehmen die Taufe, aber nicht lassen vom Wucher. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: man kann nicht Gott dienen und dem Mammon‹. Das hat der Herr schon Eurem Volke offenbart: -- aber mit dieser Offenbarung hat er von allen seinen Worten den wenigsten Glauben gefunden in Israel. Ihr jedoch, gute Sarah, Euch rate ich: nehmet die Taufe. An Euch werden die Heiligen Freude erleben! Mag das Gericht nun nahe sein oder fern: rettet Euere unsterbliche Seele!« Und er löste mit sanfter Gewalt sein Gewand aus der Hand der Greisin, die es immer noch festgehalten hatte, und schritt hinweg von ihr mit gütigem Nicken des Kopfes.

Die alte Frau sah ihm lange nach. Dann sprach sie, kopfschüttelnd und mit der Hand über die Augen wischend: »Ich glaube es nicht, daß wir Kinder Israel verdammt sind. Wäre es aber so: -- lieber mit Manasse in der Hölle, als mit Isaak im Himmel der Christen. Ich will beten für uns und für die Christen -- für den armen Isaak und für den guten Bischof -- zum Gott meiner Väter!«

Und sie schritt langsam zurück in den Hof.

V.

Von dem Hofe des Kaufmanns hinweg übernahm zunächst Herr Heinrich die Führung des Rundganges. Er wollte nach dem Stand der neuen Bauten sehen in der Vorstadt vor dem Südthor »auf dem Sande«, die er als sein eigenstes wohlthätiges Werk betrieb; vor allem den großen Bau des Klosters und der Kirche -- nur diese war bereits vollendet -- die er dort den Apostelfürsten Sankt Peter, Sankt Paul und dem frühest berufenen Blutzeugen: Sankt Stephan, zu Ehren gestiftet hatte.

Schwer fiel es dem Bauherrn aufs Herz, als er sich jenseit des Thores der Baustätte näherte, von der her sonst, weithin vernehmbar, der fröhliche Klang des Beilschlags, der Reihengesang der Arbeiter, der Befehlsruf der Werkmeister ihn begrüßte, daß statt dessen eine Grabesstille waltete.

In die Luft hinauf stiegen die hohen Gerüste: -- aber sie waren leer, verlassen; sie schienen zu trauern; die halbfertigen Holzwände sahen wie vom Feinde zerstört aus. Nur ein einsamer Mann schlich, die Verödung betrachtend, über den leeren Bauplatz; als er den Bischof von weitem erkannte, wollte er hinter einem großen Bretterhaufen verschwinden. Aber Herr Heinrich hatte ihn erkannt und rief ihn an: »Hallo! Haltet an, Hesso! Was lauft Ihr vor Eurem Bauherrn davon, Werkmeister?«

Der Angerufene, eine starke stattliche Männergestalt mit treuen Augen in dem gebräunten Gesicht, machte Halt, zog ehrerbietig, aber mißmutig den kurzrandigen Filzhut und erwiderte trübselig: »Werkmeister ohne Werk: -- Bauherr ohne Bau.« Verstimmt und verdüstert entgegnete der Bischof: »Nun -- eine kurze Unterbrechung! Wird soviel nicht schaden! Bald dürft Ihr wieder hauen und hämmern lassen hier, Meister Hesso.« Der Mann zuckte die breiten Achseln. »Schade! Wir waren so gut im Zuge. Die Arbeiter willig und geschickt. Nun haben sich die besten schon verlaufen. Und der Bau des neuen Münsters zu Sankt Johannis Ehren und des Stiftes in der Nordvorstadt, der Hochvorstadt, des Siechenhauses und des Waisenhauses und der Schule! Alles unterbrochen! Warum? Weil kein Geld in der Kammer sei, log der verfluchte Welsche. Aber am gleichen Tage hatte er Speere, Sturmhauben, Brünnen für die bischöflichen Dienstmannen gekauft und bar bezahlt bei dem Waffenschmied Gericho im Eisenhof! Als er nun mit seinen Lügen hier auf das Gerüst trat und die Arbeiter ablohnte und fortwies, -- gern hätt' ich ihn im Namen und zu Ehren der heiligen Petrus, Paulus und Stephanus herabgeworfen von den Balken« -- »Geduld! sag' ich Euch. Ihr müßt warten.«

»+Ich+ kann warten. Aber die Waisen, die Schulknaben in dem feuchten Loch am Main und die Siechen, die nun auf den Gassen im Stroh liegen? Die können nicht warten, Herr Bischof. Jedoch Speere und Brünnen für die bischöflichen Dienstmannen: -- das eilte wohl! Uns bedroht ringsum kein Feind weit und breit!« »Hört doch auf,« mahnte Supfo. »Ihr seht -- Ihr sagt da ...« -- »Ich sehe, der Herr Bischof zürnt, aber ich sage die Wahrheit! Und das Schlimmste ist -- die Armen!« »Wieso?« grollte Herr Heinrich. »Ihr Teil ward nicht angetastet.« -- »Nein, aber durch die plötzliche Einstellung all dieser -- sechs -- großen Bauten haben doch recht viele Brot und Lohn verloren. Wohl waren viele Bauleute Unfreie des Stifts -- allein gar mancher kleine Freie fand doch auch bei der Arbeit Lohn und Brot für Weib und Kind. Die hungern nun! Sind aus der Stadt gelaufen, rotten sich zusammen im Gau, stehlen und rauben.« »Wie Wetter Gottes fahr' ich unter sie,« rief Herr Heinrich. »Ich will sie! Wenn der Graf des Waldsassengaus schläft ...« -- »Er schläft nicht, der wackere Herr Gerwalt, aber er ist fern, in Welschland. Wißt Ihr das nicht, Herr Bischof?« »Die Bauten werden bald wieder aufgenommen, sagt das den Leuten. Und den Gauräubern sollen meine Ritter Hellmuth und Fulko den fehlenden Herrn Grafen mehr als ersetzen, das gelob' ich.« Unmutig schritt er davon, ziellos, weiter gen Süden.

»Nichts für ungut, Herr Bischof!« rief ihm der Werkmeister nach. »Aber nehmt sie bald wieder auf, Eure Bauwerke: sind gott- und menschen-gefällig.« »Gott und Menschen gefällig,« wiederholte der Enteilende bei sich. »Jawohl. Zweifellos. Und das Werk, dem ich diese Bauten geopfert, wird den Menschen nicht gefallen. Und Gott? --«

Erregt hastete er weiter, immer gerade aus nach Süden. Der treue Supfo hatte mit seinen klugen Augen schon bei den ersten Worten des Baumeisters das Gewölk gesehen, das aufstieg auf der hohen Stirne Herrn Heinrichs. »Auch hinter diesem Unheil steckt,« brummte er, »-- wie hinter allem! -- Berengar. Ich muß den Herrn auf andere Gedanken bringen. -- Ei sieh da!« rief er. »Was verschwindet da so fluchteilig, links, hinter dem Buschwerk, vor dem Graben? Ich meine, ich kenne sie, diese fliegenden Zöpfe mit den roten Bändern! Da könntet Ihr schon wieder ein gutes Werk thun, Herr Bischof Heinzelein!« -- »War der Bursche, der nach dem Maine zu davonstob, nicht Gericho, ehedem meines Hellmuth Waffenträger, jetzt Waffenschmied in dem Eisenhof?« -- »Jawohl! Und das hübsche runde Kind, das da entsprang, das war die braune Rosbertha, die Tochter des Bezzo, der da ein Gärtlein hat und eine kleine Verzapfung östlich vom Südthor.« -- »Hm! Was thaten die beiden da drüben?« -- »Ei, was werden sie groß gethan haben? Dort ist ja der Ziehbrunnen des Wolfilo. Gericho hat wohl dem zarten Kind geholfen, den schweren Eimer heraufzuwinden.« »Du mußt deinen Bischof nicht anlügen, Supfilo,« lächelte Herr Heinrich. »Zumal ich als junger Knab' zu Rothenburg auch wohl einmal hinter einem Ziehbrunnen stand. Der Eimer wartete schon ganz ruhig auf dem Brunnenrand. Aber der Bursche stand immer noch bei ihr hinter der Brunnenmauer. Recht nah stand er. Und hielt sie, glaub' ich, an der Hand.«

»Nun ja, soll er das arme Kind etwa in den Brunnen stürzen lassen?« Herr Heinrich mußte doch wieder lachen. »Und welch' gut Werk hätte ich hier zu thun? Das Mägdlein verwarnen, den Burschen schelten --?« -- »Bewahre! Hilft so wenig wie bei Arn!« -- »Und dem Vater Bezzo die Augen aufthun.« -- »Ja freilich! Aber nicht darüber, daß die beiden jungen Leute sich gern haben, -- so dumm, das nicht zu sehen, ist der Bezzo auch nicht! -- sondern darüber, daß es sündhaft ist, das frische junge Blut, statt es dem hübschen tapfern Gericho zu geben, dem alten Stedilo zu verkuppeln, dem reichen Büttner, nur weil er fromm und reich ist, der dicke. Er hat nämlich nicht eine thatfreudige Frömmigkeit an sich, sondern eine feige, sozusagen eine muffige! Und nicht eine liebliche Rundlichkeit hat er: wie ... nun wie sie Sankt Urban seinen Lieblingen gewährt, sondern sozusagen: eine aufgedunsene, eine Wanstigkeit. Ihr solltet ... --« -- »Supfilo, ich bin nicht junger Minne Feind und Verfolger. Nein, mich freut's, wenn treue junge Liebe siegt, -- wenn solche wirklich lebt, außer in Fulkos Liedern! Aber du kannst doch wirklich deinem Bischof nicht das gute Werk auflegen, junge Maide wider väterliche Muntschaft aufzustacheln!« -- »Das wäre hier gar nicht mehr nötig. Nur ein wenig -- stützen. Aber ich vertraue, der Alte lernt noch rechtzeitig frisches Mark und feiges Fett unterscheiden.« -- -- »Er sah schon wieder recht ernst darein,« sagte er nach einem raschen Blick der hellen runden Augen zu sich selbst. »Ich darf ihn nicht ins Grübeln versinken lassen --« Er spähte ziemlich ratlos umher: da fiel sein Blick auf einen Schwirreflug von weißen Tauben, die jetzt, bei stärker einbrechender Dämmerung des Brachmondtages, aus den nahen Feldern nach ihrer Heimstätte flüchteten. Die lag in dem spitzen, hochragenden Giebel eines alten braunen, vielfach mit Moos geflickten Strohdaches: rechts, westlich von der großen Straße, die damals schon wie heute auf dem östlichen Mainufer flußaufwärts nach Süden führte. Dort fielen sie ein: blendend blitzte dabei in den letzten Sonnenstrahlen ihr helles Gefieder. --

»Dorthin!« dachte der Treue. »Frau Ute! Und Wartold mit seinen Blumen! Das wird ihm gut thun. Und sie -- das liebe, schlimme Kind! Und ein wenig Ärger über den andern? -- Ei was, wird ihm auch gut thun, so ein gesunder streitbarer Ärger. -- Und im geheimen mag er den Alten doch ganz gut leiden -- noch aus der alten, das heißt der jungen, fröhlichen Zeit.« Er begann nun: »Ihr solltet doch wieder einmal einsprechen da, -- da vorn mein' ich, wo die Tauben einfielen, bei der alten Mutter Ute. Trägt ihr hartes Los so fromm! Aber manchmal ein wenig Trost thut ihr doch recht wohl.« -- »Ja! -- Und ein paar Worte Christentums können nicht schaden in dem alten Hirtenhaus. Dem Heidenhaus! Ist die letzte Trutzburg der halb vergessenen Unholde, an welche die Leute hier zu Lande glaubten, bevor Sankt Kilian sie erleuchtete. Wohl, laß uns in Rados Haus gehen. Dort braucht's wirklich Seelsorge!« »Wenn der Alte still hält dazu,« dachte Supfo. Aber er sagte es nicht.

VI.

Rüstig ausschreitend hatten beide bald das Pfahlbürgerhüttlein erreicht.

Der starke Wolfshund vor dem Zaun schlug an, wie sie sich von Osten her dem kleinen Nebenpförtlein näherten: gleich darauf stob eilfertig zu dem großen Hofthor ein Reiter hinaus und verschwand alsbald gen Süden im Staube der Straße. Herr Heinrich schaute ihm merksam nach: er hielt die Hand vor die Augen: denn die jetzt wagrecht einfallenden Strahlen der Sonne blendeten ungeachtet des Schattenhutes; er sah nur den Mantel des Reiters noch flattern. »Ich meine fast, das war -- auf seinem braunen Hengst -- mein Junker Hellmuth. Was hat der hier zu suchen?« Der Kellerer machte sein ahnungslosestes Gesicht: -- der Frager sah ihm nämlich scharf in die Augen. »Nun? Du weißt doch sonst gar viel von ihm -- steckst immer mit ihm zusammen und mit dem lustigen Provençalen.« »Das macht: der steckt gern bei meinem Lauterwein,« schmunzelte Supfo. »Aber Junker Hellmuth ... Kaum trinkt er noch! Und lachen hab' ich ihn schon seit unser lieben Frauen Verkündigung nicht mehr hören.« »Was sucht der hier?« wiederholte Herr Heinrich, nachdenklich. »Schon einmal traf ich ihn hier um die Wege. -- Heda, halt, Rado!« rief er dem Hirten im grauen Wolfsmantel zu, der des nahenden Bischofs offenbar ansichtig geworden und gleichwohl beflissen war, durch eine schmale Lücke im Zaun zu entweichen. Er pfiff seinem großen Hund und enteilte gar hastig. »Komm, Giero!« rief er alsdann, diesem über den zottigen Kopf streichend, wie das Tier auf der Straße in mächtigen Sätzen neben ihm her sprang, »wir gehn zu Walde, zur alten Esche ... zu unserm wahren Herrn! Seit der Held von Rothenburg ein Geschorener geworden! ...«

Der Bischof schüttelte das Haupt: »er entläuft dem Hirten seiner Seele! In der Schlacht entlief er nie. Damals folgte er mir blind.« »Und würde Euch auch heute gerne folgen in die Schlacht: -- viel leichter denn in den Beichtstuhl!« meinte der Runde und schloß das Zaunpförtlein hinter dem Bischof.

Gegenüber der Verwahrlosung und Unreinlichkeit, in welcher die Häuser der geringeren Leute fast ausnahmslos lagen, berührte in diesem bescheidenen Höflein das Auge gar wohlthätig die Reinlichkeit und Wohlgepflegtheit des ganzen Anwesens. Die Wiesenfläche vor dem Wohnhäuschen war durchschnitten von säuberlich mit rotem Sand bestreuten Wegen: daneben zeigten sich in dem Gras ausgeschnitten -- regelmäßig mit der Schnur gezogen -- bald längliche, bald kreisrunde Beete, in welchen Blumen, oft auch nicht deutscher Heimat, glänzten und dufteten, während an dem gen Mittag gekehrten Holzzaun Spalierbäume von Edelfrüchten, sorgfältig aufgebunden und liebevoll gewartet, nebeneinander in Reih' und Glied standen.

Wohlgefällig wies Herr Heinrich seinen Begleiter darauf hin: »Welcher Fleiß! Welche Reinlichkeit! Leider selten bei unsern Gauleuten!« »Ja, ja,« nickte der Kellermeister. »Auch ganz leidlichen Wein züchtet der alte Wartold ... für einen Laien in der edeln Winzerei. Ein ungleich Brüderpaar. Der Gärtner gerade so sanft, friedlich, fromm ...« -- »Als Rado der Jäger -- denn er jagt, fürcht' ich, mehr die Wölfe als er die Schafe hütet! -- wild und rauh und unfromm. Muß einmal den Archidiakon über ihn schicken. Der ist schärfer als ich. Mich erweicht immer das Gedenken an die alte Zeit. Aber Berengar mag ihn ...« -- »Laßt den beiseite, lieber Herr. Der treibt die Leute leichter aus der Kirche denn hinein.«

VII.