Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus
Part 5
»Ja,« fiel Herr Heinrich eifrig ein. »Und welch' ein furchtbar Kampfesfeld für uns! Ich hatte treu davor gewarnt, von der breiten alten Straße oben auf den Berghöhen herabzuziehen auf den Schmalpfad unten an der See. Nun hatten wir's! Vorn und hinten die Araber zu Roß: auf den Felsen aber zur Linken -- wie steil stiegen sie empor! -- die arabischen Pfeilschützen zu Fuß, unsichtbar, unerreichbar: und hart zur Rechten -- das brausende Meer, gierig, jeden Ausgleitenden zu verschlingen.« »Wie viele starben damals,« fuhr Supfo fort, »des Herrn Kaisers Entkommen zu decken! -- Wißt Ihr noch, wie er zuletzt -- auf geliehenem Roß! -- in das Meer hineinsprang und schwimmend ein Schifflein erreichte?« -- »Da fielen alle um ihn her, Herr Richari, sein Lanzenträger, und die Markgrafen Berchtold und Günther, die Grafen Udo, mein Vetter, Gebhard, Ezelin.« -- »Landulf von Capua und Atenulf, die edeln Langobarden.« »Und sogar der alte ehrwürdige Herr Bischof Heinrich von Augsburg kämpfte dort und starb für seinen Kaiser. Beneidenswerter Tod für einen Bischof!« seufzte Herr Heinrich. -- »Da lag sie hingestreckt, seine ganze Stechschar. Nur Einer daraus stand noch aufrecht, seine Flucht zu decken. Aber zu Fuß, denn das eigne Pferd hatte er dem Kaiser aufgedrängt, da dessen Rotroß, von Pfeilen gespickt, unter ihm zusammengebrochen war. Und dieser, stets der vorderste am Feind, im Weichen der letzte, der hieß -- Heinrich von Rothenburg.« -- »Nein! der vorletzte hieß so. Denn der letzte, der den Schild über mich hielt, der hieß Supfo, der von der Taubermühle. So oft ich dich den linken Fuß ein wenig nachschleppen sehe, denk' ich des Schwerthiebes, den du damals für mich aufgefangen.« »Bah,« lachte Supfo, »der Heide, der den Hieb schlug, ist doch schlimmer daran. Zwar schleppt er den Fuß nicht nach, aber auch den Kopf nicht mehr mit! -- Ja, das waren noch Zeiten! Achtzehn Jahre sind's nun bald! -- Aber auch noch nach des Herrn Kaisers frühem Tode erging's uns gar gut. Wir sonnten uns unter der warmen, -- recht warmen! -- Gnade der schönen Kaiserwitwe. Weiß Sankt Kilian, Ihr und ich, wir beide regierten damals die Frau Regentin samt dem heiligen römischen Reich!«
Herr Heinrich mußte lachen.
»Als der falsche Vetter von Bayerland sie verriet, ihren Knaben stahl, das Reich an sich riß, viele, viele geistliche und weltliche Fürsten abfielen von der vereinsamten Witwe und ihrem guten Recht, da habt Ihr bei der vielschönen Griechin nahezu allein ausgeharrt, -- wie einst bei ihrem Gatten in der Schlacht -- ein Turm in ringsher brandender Flut, und habt endlich ihre Sache zum Siege durchgekämpft. Das war lustig. Fast jede Woche ein Gefecht! Und jed' Gefecht ein Sieg. Und die Sieger immer Ihr und Graf Gerwalt.«
Der Bischof schloß die Augen.
»Und in dem Hoflager der Regentin die edle, holde Jungfrau Heilfriede! Wie oft hat sie nach erfochtenem Sieg Euch den Helm mit Eichenlaub gekränzt! Euch oder Graf Gerwalt.«
»Was hast du von des Grafen Gerwalt Eheweib zu schwätzen?« -- Recht unwillig war das gefragt. -- »Und wozu riefst du mich an?«
»Zu nichts Bösem wahrlich! Ich wollt' Euch bitten, den Lautertrunk vom vorvorigen Herbst zu kosten: ich sag' Euch -- der ist fein geraten!« -- »Ist mir nicht danach zu Mut. -- Mich rufen Pflichten.« Und er wollte sich zur Thüre wenden, aber der Kellerer hielt ihn am langen porphyrroten Bischofsgewande fest.
»Auch +das+ ist Pflicht, zu erproben, wie herrlich der milde Himmelsherr Eurer müheschweren, klugen, ja weisen Arbeit gelohnt hat. Viele Jahre sind's nun, seit Ihr, -- kaum waret Ihr hier eingesetzet -- befohlen habt, auch die unwirtlichen Hügelhalden im Norden der Stadt dem Weinbau zu gewinnen. Eitel Geröll und Gestein bis dahin! Den ›Stein‹ schalten die unzufriedenen Bauern den ganzen unnützen Berg, auf dem nur ein paar Ziegen kletterten. Aber die liebe Mittagssonne liegt darauf so lang und so heiß sie irgend kann! Die Blust der Trauben verweht dort nie ein rauher Wind: -- des Berges hoher und breiter Rücken schließt ihn aus. Schwer Geld hat's Euch gekostet, die edelsten Rebschößlinge tief aus Welschland zu beziehen: -- den ersten habt Ihr mit eigener Hand gepflanzt und gesegnet, und unverdrossen habt Ihr all die Jahre lang bei dem müheharten Winzerwerk selbst mitgearbeitet in Sommerbrand und in Herbstnebel. Zum erstenmal nun kelterten wir vor zwei Jahren dies welsche Gewächs auf ostfränkischem Boden -- treu und liebevoll, wie eines Liebchens, pflegte ich des Fasses! -- und nun kommt in den Keller und schmeckt, genießt, was Ihr da Köstliches geschafft. Es rollt wie flüssig Feuer durch die Adern. Noch späte Enkel werden Euch drum danken.« -- »Ich hab' gelernt, der Menschen Dank entsagen. Ich gehe, um ...« -- »Nein, Herr, bitte, bleibt nur noch ein weniges. Ich ... ich habe Euch im Keller etwas mitteilen wollen: -- es wäre gerade der rechte Ort dafür gewesen: auf einem Fäßlein sitzend und von Weinduft umweht -- so muß man das lesen und anhören. Denn es ist ...« er lachte herzlich. -- »Nun was ist's?« -- »Ein Brieflein von Arn!« -- »Wie? Von Arn? Aus Welschland? Wohl gar aus Rom? Was? An dich schreibt er und mich, der ich so schmerzlich auf Nachricht, auf Entscheidung warte, mich läßt er ohne Kunde? Das ist ja ...« -- »Nein, nein, Herr Graf, es ist kein Unrecht wider Euch: -- Ihr werdet's gleich selbst einsehen: aber, bitte, laßt Euch einen Augenblick nieder -- dort auf der Hallenbank.« -- »Ich nicht! Aber du! Dein Fuß! Verzeih mir, Freund, daß ich dich so lange stehen ließ.« Und fürsorglich geleitete er den Humpelnden an die Bank und ließ ihn auf dieselbe niedergleiten.
II.
»Wie gut er ist!« flüsterte der Runde. »Und immer so allein! So trübselig! Unter den verwünschten heiligen Pergamenten. Gott verzeih mir's: ich wollte sie wären lauter Fässer voll Stein und Leisten!« -- »Nun also! Was schreibt mein träger Bote?« -- »Vor allem, er ist noch nicht in Rom. Der Brief ist geschrieben in einem Dörflein hinter Florentia und erst vor einer halben Stunde brachte ihn ein Laienbruder aus dem Sankt Gundberts Kloster zu Onoldesbach (dem mußt' ich doch den Willkommbecher vom Fasse füllen!) dort, bei den guten Mönchen, liegt Arns Reitknecht wund: er stürzte mit dem Gaul schon auf dem Brennerberg und schleppte sich seither all den weiten Weg durch Bayerland und Schwabenland bis in unser liebes Franken. Darum währte das so lang. Nun hört, was der wilde Bayer schreibt: mir ist, ich seh' ihn vor mir und hör' ihn! Die armen Welschen, die ihn angehen wollen! Der Riese steckt zwei von ihnen, wie etwa Euer zwiebelgelber Berengar ist, unter jeden Arm und trägt sie ins Wasser wie junge Katzen.
›Unsern huldvollen Gruß und geistlichen Segen zuvor ...‹« »Der Unverschämte!« lachte der Bischof. -- »Unserem lieben und getreuen, aber durstigen Supfo. ›Meinem gnädigen Herren, dem Bischof, hast du sofort zu melden, daß nichts Entscheidendes zu melden ist.‹« -- »Noch immer nicht! Ja freilich, wenn er erst bei Florenz ist!« -- »Verzeiht, Herr Hezilo, der Brief ist ja viele Wochen alt: -- wegen des Boten, der lange Zeit schon zu Wilten am Fuße des Brennerberges liegen bleiben mußte: -- einstweilen muß der Bayer längst am Tiberstrom angelangt, ja er kann schon bald wieder zurück sein! -- ›Dem hochehrwürdigen Herrn Bischof -- oder wie ich lieber sage -- denn so durft' ich sagen in den schönsten Jahren meines Lebens! -- dem tapfern Herrn Grafen also Gott zum Gruß voraus. Aber dann gleich Weidmannsheil und Weinfreude vollauf!
Schon einige Male hab' ich ihm durch Boten Nachricht gesandt, wie es mir ergangen auf meiner frommen Fahrt, zu der er mich unfrommen Jägersmann auserkoren hat. Wundert mich nur, daß er mir nicht Rado, den Heiden, mitgegeben hat als Begleiter. (Grüße mir den Alten und er soll mir noch ein paar Stück Wild übriglassen im Grafenwald!) Hat meine Aussendung Herrn Heinrich der heilige Geist eingegeben, so war der gerade in sehr guter Laune. Denn mir geht's soweit ganz gut. Lieber zwar ritt ich mit Junker Hellmuth auf die Wolfsjagd oder säße mit dir, Freund Kugilo, in dem geheimen Kellerverschlag, wo du Schlauer die Griechenweine birgst, und mit dem lustigen Junker Fulko: -- grüß' ihn schön, und sag' ihm, ich habe zwischen Main und Arno keine zweite Minnegard gesehen, ja keine, die würdig wäre, jener ersten den Strumpf über den feinen Knöchel zu streifen.‹« »Ich werd' ihm!« unterbrach heftig der Bischof. »Du unterfängst dich nicht, dem kecken Provençalen ...! So weit ist das schon? Nun, warte Jungfräulein! Das führt dich noch rascher ins Kloster.« Supfo wollte etwas einwenden, aber dies zornige Antlitz vertrug jetzt kein Widerwort; so fuhr er fort: »›Als daß ich hier im heißen Welschland erkunden soll, -- höchst überflüssigerweise! -- ob nicht demnächst die Welt untergehen wird. Es fällt ihr gar nicht ein. Sie schaut gar nicht danach aus! Zwar wahr ist: je weiter man gen Mittag reitet, desto häufiger findet man diesen dummen Wahn in den Köpfen der Leute und desto verbissener und versessener sind sie darauf. Aber das macht nicht die größere Weisheit, sondern die größere Hitze, bei der ja die klügsten Rüden, die oft viel gescheiter sind als die Menschen, toll werden. In Augsburg glaubte noch kein Mensch daran: -- nur ein paar Nonnen! -- in Bozen schon viel mehr Leute, auch Weltliche: in Mailand ist noch kaum ein Vernünftiger -- ausgenommen Herrn Heinrichs Bruder, der Herr Erzbischof Kanzler Heribert: -- der sagte mir: er glaube es erst, wenn's der Herr Papst befehle ...‹« Der Bischof nickte: »So schrieb mir Heribert, und also halt' ich's auch.« Der Runde legte das Pergamentblatt nieder auf seine Kniee und sah ihn an -- mit einem vielsagenden Lächeln. »So -- --?« fragte er gedehnt. »So? -- Ich ... ich halt' es anders.« -- Rasch, wie um einer Frage zuvorzukommen, las er weiter. »›Vollends aber in dieser sonst gar lieblichen Stadt Florentia! -- ich kenne sie gut von früher! -- jedoch davon alsbald. Es ist mir also immer gut gegangen, Freund Supfissimo, wie man dich hier zu Lande nennen würde, abgesehen von der landesgebräuchlichen grausamen Hitze: die verträgt mein zottiger Kopf und mein vollblütiger Leib gar schlecht. Denn siehst du: die unsinnige Hitze macht unsinnigen Durst, der unsinnige Durst macht ein Trinken, das auch nicht alle Tage sinnig bleibt und dann macht das starke Trinken wieder noch stärkere Hitze und so geht es in der Runde fort wie beim Rosenkranzbeten.
Zumal ich doch die edle Gottesgabe, die hier wächst -- fast schwarzrot ist der starkduftende Feuerwein! -- wahrlich nicht wie diese erbärmlichen Welschen mit sündhaftem Wasser verschänden werde. Nun, und im Rausch giebt's dann manchmal einen gelinden Raufhandel. Denn mich macht der Rausch nicht weinerlich, sondern minnegehrend wider die Weiblein und kampfgehrend gegen die Mannsleut' --‹ Ich muß schon sagen,« unterbrach sich der Dicke hier, »einen gar frommen Boten habt Ihr an den heiligen Vater geschickt. Der wird eine Freude haben an Arn aus Bayerland! -- ›Trittst du aus den kühlen, kellergleichen Weingewölben auf den glutheißen, in grellstem Sonnenbrand bratenden Marktplatz so einer welschen Stadt, dann glaubst du ohnehin, du stehst mitten in einer sausenden Windmühle: so geschwind drehen sich Säulen und Kirchen und Bettelbuben und Heiligenbilder und Cypressen und Marktweiber um deinen armen Schädel. -- Nun, und da bin ich auch schon manchmal einem schwarzlockigen, glutäugigen Mägdlein oder auch einer Ehefrau -- man kann's doch nicht immer gleich erraten, zumal sie hier ihre Ringhand mit Handschützen zudecken! -- nachgestolpert ... --‹«
Hier sah sich zur Abwechselung der Bischof zu einer Unterbrechung veranlaßt: »Nun warte, Bayer! Geht die Welt +nicht+ unter, sollst du mir fasten und dursten, daß dir die Üppigkeit vergeht.« »Hilft nicht. Kommt nicht wieder!« meinte Supfo trocken und las weiter. »›Schon in Verona, in Mailand hab' ich daher leider manchen Degenstoß auffangen und zurückgeben müssen, wenn mir so ein neugieriger Vater, Bruder oder wenig duldsamer Ehemann dabei in den Weg lief. Aber in dieser schönen Stadt Florentia: -- das gab einen Spaß ohnegleichen! Schon lange erzürnte mich, daß, je tiefer ich in das schöne Land hineinreite, desto mehr die Hitze zu- und der Verstand abnimmt, so daß sie mir achselzuckend ›barbarische Wildheit‹ an den Kopf werfen, weil ich an jenes Gewäsch vom Weltende nicht glaube.
Hatt' ich mich da in meiner Herberge den ganzen Abend herumgestritten mit zwei edlen Florentinern und zwei Mönchen von Cluny -- die nicht zu trinken, sondern zu bekehren in die Weinherbergen gingen, tranken zwar doch bei der Bekehrung, aber ich mehr als alle vier! -- und als der eine Pfaff boshaft wurde und von ›dummen Deutschen‹ und ›groben Bayern‹ sprach, erklärte ich, ihn hinausthun zu müssen: -- und zwar, weil's näher sei, zum Fenster: -- es war nämlich im Erdgeschoß und nicht gar zu hoch -- und da ich es ihm einmal versprochen, ließ ich ihn auch nicht lange warten. Sein Genosse entwich kreischend durch die Thüre. Aber da die beiden florentinischen Valvassori dem andern helfen wollten, hatte ich sie diesem vorausschicken müssen. Nun, so was bringt das Blut in leise Wallung. Und wie ich nun den Schlaf suchen will auf meinem elenden Lager -- ungleich weniger Strohhalme denn Flöhe barg der Sack, der also richtiger ein Floh- denn ein Strohsack würde geheißen haben, von anderem Getier, nicht so groß wie Skorpione, aber viel häufiger, zu schweigen! -- da ertoset ein unglaublich Heulen und Winseln auf dem weiten Platz vor meinem Fenster, als ob tausend Teufel tausend alte Weiber zwackten. Ich springe mit einem Salzachfluch ans Fenster und seh' im Mondschein und im Licht von düster rotflammenden Pechfackeln einen langen, langmächtigen Zug von Pfaffen und Laien und Männern und Weibern und Kindern und gewaffneten Valvassoren und schön geputzten Edelfrauen und zerlumpten Bettlern, alles einträchtiglich nebeneinander, und all das wälzt sich, betend und singend, gegen die alte Basilika mir gegenüber. Und trugen eine Menge Wachskerzen und Fackeln und Kreuze und Bandièren und Heiligenbilder: und heulten aus eitel Furcht vor dem nahenden Tod und Teufel und Weltgericht, daß es die Steine erbarmte; oder doch die Hunde von Florenz, denn die heulten mit gottsjämmerlich. Und scholl's da durcheinander auf Latein und auf Welsch und sangen: ›Wehe! Reue! Buße! Besserung! Glaube! Der Diabolus droht. Das Weltgericht! Und vorher geht umher der Antichrist.‹
Gute Nacht, Schlaf! sagte ich. Flöh' im Stroh, vor dem Fenster Weiber, Hunde, Pfaffen heulend um die Wette -- mir ward's zuviel. Gut' Nacht, Florentia, denk' ich. In hellem Zorn lauf' ich hinunter in den Stall -- ziehe meinen Hengst heraus -- den Reitknecht hatte ich schon vorausgeschickt nach Germinianum: denn der hatte -- er ist aus Passau und ein wenig grob! -- mit dem Wirte einen unerheblichen Raufhandel gehabt: -- drei Zähne, aber nur florentinische! -- Und will auf und davonreiten noch in der Nacht. Suche aber den Wirt, weil ich die Zeche immer zahle, wie hoch sie sei. Alles leer! Wirt und Wirtin und Kammermagd und Stallknecht: -- alle halfen wohl da draußen das Ende der Welt herbeiheulen. Und wie ich durch all die kleinen engen Kammern laufe -- (in wahren Mauslöchern hausen sie, diese Welschen! Warum? Liegen immer auf der Straße) ... Jetzt weiß ich aber nicht mehr, wie ich den langen Satz angefangen habe, denn auch hier in Germinianum ist der Wein ziemlich stark: ich mußte ihn sogar auch in die Tinte träufen (~atramento~ sagen sie hier), und ist immer im Eintrocknen, wegen Hitze der Natur und Seltenheit des Schreibens ... also hier geht es mit den Worten nicht ganz zusammen, wohl weil die Tinte -- nicht ich! -- des Weines allzuviel getrunken, aber du wirst es schon verstehen -- also daher finde ich keine Seele. Aber in einer Gewandkammer, in die der Mond voll hineinscheint, wär' ich schier erschrocken. Denn da hing einer. An einem Thürhaken. Sah aus wie der leibhaftige Teufel, etwa wie ihn die Buben bei uns am Ostersonntag auf der Bleichwiese vor der Stadt verbrennen im Osterfeuer. Schwarze Tarnkappe mit zwei Gemshörnern, schwarze Kapuze, glühendrote Augen, rote Zunge, lang heraushängend aus bleckenden weißen Beißzähnen -- Fledermausflügel an den Schultern -- langer schwarzer Mantel, der die ganze Gestalt verhüllt -- eine zweizinkige Feuergabel lehnte daneben. Die Welschen haben solche Mummerei im Hornung. Ein lustiger Gesell hatte wohl für manchen vertrunkenen Krug Chlavintowein den kostbaren Seidenmantel als Pfand zurückgelassen. Die Verlarvung sehen und laut aufschreien vor Spaß war eins bei mir! Flugs stak ich drin: vom Hirn bis zum Knöchel der Teufel. Flugs auch saß ich auf meinem schwarzen Gaul und, die Zackengabel schwingend, jage ich, was das Roß nur laufen kann, schreiend, wie auf einer Salzburger Hochzeit, plötzlich in den heulenden Zug. Von der Seite her kam ich: ganz ungesehen, bis ich mitten drin war unter den heulenden und zähneklappernden Weibern und Pfaffen. Da schrie ich in meinem besten Florentinisch: ›Ja! Ja! Der Teufel! Der Teufel! Ihr habt ihn gerufen. Jetzt kommt er, euch holen!‹ O Supfo mein! Hättest du das mitangesehen! Du hättest dir das Bäuchlein gehalten vor Lachen! Hättest du den Schrecken gesehen, den ich, der Eine Mann, der verachtete Barbar aus Deutschland, all diesen überklugen, feingeistigen Welschen einjagte. Auseinander stoben sie wie ein Flug Sperlinge, darein der Habicht stößt.
Männer wie Weiber, Ritter wie Pfaffen, die Kerzen, die Fackeln, die Kreuze, die Fahnen warfen sie weg, über den Haufen rannten sie sich, alles drängte, die Kirche, den rettenden Altar mit seinen Heiligenknochen zu gewinnen. ›Der Teufel! Der Diabolo! Der Antichrist! Der Dämon!‹ schrieen sie durcheinander. ›Gleich greift er mich. Er hat mich schon.‹
So sprengte ich zwei-, dreimal von links nach rechts und von rechts nach links quer durch den langen Zug, der in seinen Windungen sich mehrfach über den weiten Marktplatz hin dehnte. Und nicht einer hatte den Mut zu stehen, meinem Gaul in den Zügel zu fallen. Nachdem ich, der Eine Salzburger, etwa zweitausend Florentiner in die Flucht der Todesangst gejagt, sprengte ich davon, und riß mir, als ich an das römische Thor gelangt war, die Teufelslarve ab. Hier ward ich eine kleine Weile aufgehalten. Der Thorwart hatte meine Entmummung gesehen und leider kannte mich der Mann von meiner letzten Fahrt durch Florenz: und nicht gerade von meiner tugendlichsten Seite: denn er hatte damals eine Nichte gehabt, eine dralle Dirne von üppigem Wuchs und Wesen. Der unchristlich lang nachtragende Oheim stürzt also, sobald er mich erkennt, auf den Platz vor dem Thore mit gefälltem Speere: ›Halt,‹ schreit er, ›ruchloser Arn, du trägst mit Recht des Teufels Gewand.‹ Und wirklich mußte ich ihm erst den Speer aus der Hand und die Sturmhaube vom Kopfe schlagen, bevor ich an ihm vorbei ins Freie jagen konnte. Die Zeche blieb -- zu meinem großen Kummer! -- unbezahlt: ein halbes Brot, ein Käse und siebzehn Krüge Wein. Der Teufel, für den sie mich genommen, mag sie zahlen, kommt er einmal wirklich nach Florenz.
Nun Gott befohlen, Supfo. Trinke den Griechenwein nicht allen allein aus, bevor ich wieder zurück bin. Ich komme durstiger aus diesem Lande der Heiligen heim als ich hineingeritten. Noch heute geht's nach Rom weiter. Ich freue mich auf den heiligen Vater. Aber noch viel mehr auf die unheiligen Römerinnen, die stolzbusigen, wie man sie nennt, und auf den Wein der Campagnatrauben. Das soll der feurigste sein. Gegeben in einer Taverna zu Germinianum, wo es auch wieder Flöhe hat. Aber es sind doch andere. Es grüßt dich Arn von der Salzach, Jägermeister zu Würzburg und Teufel zu Florenz.‹«
III.
Der Bischof schüttelte den Kopf, aber er mußte doch lachen. »Es ist nur ein Glück, daß mir der wilde Bayer die Entscheidung des heiligen Vaters schriftlich zu bringen hat. Seinem mündlichen Bericht ...!« »Nun ist's schon recht,« rief Supfo heiter, sich erhebend von der Bank und das Pergament wieder in den Gürtel des Schurzfells steckend. »Der freche Brief hat doch was Gutes gewirkt: Ihr habt gelächelt, Herr Hezilo, und die böse Falte auf der Stirn, mit der Ihr kamt, hat sich verzogen. Wißt Ihr was? Wollt Ihr mir nicht in den Keller folgen, so verstattet, daß ich mit Euch gehe. Meine Gesellschaft ist doch noch besser als die Eurer Gedanken in der Einsamkeit.« -- »Du hast weit mehr recht hierin, als du ahnst! -- Komm mit!« -- »Gleich, teurer Herr, gleich! Aber da, nehmt, bitte, diesen Schattenhut: -- ich habe ihn für Euch erstanden auf dem letzten Markt von den Dalmatinern -- er hängt nun immer hier an der Hallenthüre für Euch bereit -- er ist von feinem Stroh, gar leicht und luftig: -- die Sonne schießt noch heiße Pfeile über den Main herüber. Wo steht mein Krückstock? Da in der Ecke. Ich schreite doch besser damit und manchmal gilt's, ein bissig Schwein von den Waden zu wehren! So!« Er öffnete die breite Thüre der Halle. »Im Namen Gottes!« betete der Bischof im Hinausschreiten. »Er segne unsern Ausgang.« Beide stiegen nun die Sandsteinstufen hinab auf den freien Platz vor Bischofshaus und Dom. »Wohin zuerst?« fragte der Kellermeister. -- »Ich will einen Rundgang der Seelsorge machen und der guten Werke; es gilt gleich, wo wir beginnen: führe du. Du kennst der Menschen Not und Wünsche gut, fast besser als ich, was traurig zu gestehen,« schloß der Bischof seufzend. »Ja freilich,« meinte Supfo und schlug die Richtung von dem Domplatz nach links, nach Süden, ein. »Für die letzte Zeit mag's zutreffen. Ihr zieht Euch ja immer mehr in Euch selbst zurück. Oft seh' ich noch nach Mitternacht vom Hof aus in der Bücherei Euer Öllämplein glimmen. Immer beten!« -- »Wenn's doch gebetet wäre!« -- »Oder höre unten in unserm Schlafzimmer Eueren Schritt ob meinem Haupte rastlos -- rastlos -- auf und nieder! Seit Ihr diesen schwarzhaarigen Welschen ...« -- »Schweig, Supfo. Ich weiß, du hassest ihn bitter. Das ist unchristlich.« -- »Aber unvermeidlich! Der hagere Kerl mit seinem graugelben Gesicht -- wie ein unreif verfaulter Apfel! -- sein Anblick schon zieht mir das Wasser im Mund zusammen wie der Saure von Dürrbach.« -- »Er hat sich als mein -- und was viel mehr ist -- dieses Bistums eifrigster Freund bewährt.« -- »Wer's glaubt wird selig, -- oder angeführt! Er ist glücklich fort seit ein paar Tagen. Sankt Kilian schenk' ihm eine lange Reise! -- Seht hier, Herr Bischof, könnt Ihr gleich anfangen mit guten Werken!« Und er blieb stehen.
IV.
»Was? Hier?« rief der Bischof unwillig. »Bei dem Hause des Geizhalses, des Kornwucherers? Wenig erbaut bin ich vom Treiben dieses Renatus.«
»Nennt ihn doch nicht Renatus. Isaak heißt der Jud'.« -- »Er ist getauft.« Supfo lachte. »Tauft ihn nochmal! -- deshalb führt' ich Euch her! -- Aufs erstemal half's wenig, aber besser: laßt es ganz bleiben! Wein kann man wassern, nicht Blut.« -- »Ich verbiete dir, so von dem heiligen Sakrament zu sprechen.« -- »Verzeiht mir, Herr. Aber ist's nicht so? Der Glaube wird danach -- vielleicht, vielleicht auch nicht! -- geändert: aber das Geblüt? Wisset Ihr noch in Neapolis, der schönen Stadt, des Herrn Kaisers Mohren aus Äthiopia? Die Welschen hatten ihn bei ihrem Mummenschanz vor Aschermittwoch mit weißem Mehlkleister überstrichen -- fingerdick! Aber sowie er schwitzte beim Tanzen und Springen, da bröckelte die weiße Tünche ab von Stirne, Wangen und Händen und allüberall kam die angeborne schwarze Haut wieder zum Vorschein. Gedenkt Ihr's noch? Nun seht, gerade so steht's mit dieses Juden Taufe. Wird der Mensch in ihm warm und rührt sich, -- bröckelt der Christ ab und der Jude kommt zum Vorschein. Da lob' ich mir die Ungetauften: -- unter denen sind die Besten!« -- »Du sprichst unchristlich. Die Taufe bringt ihnen das Heil.« -- »Ja, aber nur, wenn sie daran glauben, wenn sie das Sakrament deshalb suchen. Wenn sie's aber suchen, weil sie sich ihres Volkes schämen und lieber mit den Christen die Juden placken wollen als sich mit den Juden von den Christen placken zu lassen ...«