Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus
Part 4
»Ein Held ohnegleichen!« rief der wortkarge Hellmuth begeistert und seine traurigen Augen blitzten dabei auf. »Eine Faust von Erz!« »Und ein Herz von Gold!« ergänzte der Sänger, den Becher frisch füllend und hebend. »Ich trinke auf sein Heil!« »Wir thun Bescheid,« fielen die andern ein und selbst Edels strenge Züge wurden freundlich: sie stieß mit dem frohen Paare an; Hellmuth machte gar nicht den Versuch, seinen Pokal ihrer Trinkschale zu nähern. »Allein auch er,« seufzte Minnegard, »hält es für Pflicht, dem letzten Wunsch der Mutter nachzuleben.« »Wäre nur Frau Heilfriede nicht so fern,« meinte Edel, mitleidig auf die Freundin blickend, »die vieledle Gräfin, die hilfreiche, die ratkluge. Sie fände wohl Rat auch für deine Not!« -- »Ja, die vielgütige Frau. Wie hat sie mir in Köln die Mutter ersetzt, solange ihr Gatte, Graf Gerwalt, des Deutzgau's waltete.« -- »Hat sie doch sogar mich, die Fremde, wie eine Tochter gehalten und gepflegt, als ich erkrankte, während mich Herr Heinrich dorthin gesandt hatte, dich zu besuchen.« -- »Und in hohem Ansehen stand sie bei dem Herrn Kanzler.« -- »Dagegen hier sah ich sie noch nie im Bischofshof.« -- »Sie weilt ja nun schon geraume Zeit mit ihrem Gemahl in Welschland.« »Und noch nicht gar lange ist's her,« ergänzte Hellmuth, »daß Graf Gerwalt diesen, den Waldsassengau, erhielt.« »Die heilige Gräfin, wie wir sie alle nannten,« fuhr Minnegard fort, »sah wohl mein Widerstreben; ich glaube, sie hat auch einmal bei Herrn Heribert für mich gesprochen Aber ohne Erfolg! So werde ich denn --« und hier spielte schon wieder ein schelmisch Lächeln um ihre Mundwinkel -- »in irgend einem weltvergessenen Klösterlein dereinst als ›heilige Äbtissin‹ für euch drei sündhafte Weltkinder beten. Vielleicht, Edel, läßt du dich dort vor meinem Altare trauen.«
»Ich werde mich nie vermählen,« sprach diese gepreßt und sah scharf in die Ferne. Gespannt folgten Hellmuths Augen diesem Blicke. »Oho!« lachte der Ritter von Yvonne und warf den krausgelockten Kopf in den Nacken. »So hat schon manch Jungfräulein gesprochen, das als Urgroßmutter starb. Die eine +soll+ nicht heiraten, die andere +will+ nicht! Ja, soll die Welt aussterben? Zwingen muß man euch zu eurem Glück, vielholde Thörinnen!« -- »Welcher Mann zwingt mich?« Scharf, wie drohend flog die Frage aus Edels stolzen Lippen und ein blitzender Zornesblick aus den hellgrauen Augen schoß auf Fulko. »Nicht ein Mann, aber eine Frau, strenge Edel von Edelhag,« erwiderte der rasch: »Frau Minne! Die ist doch noch mächtiger denn Euer Herzenstrotz.« »Und,« forschte sie bitter, »giebt es wirklich kein anderes Glück als Liebe und Ehe?« -- »Für das Weib -- nein!
Wenig weise wähn' ich das Weib, Welches weigert der Liebe den Leib Und süßem Sehnen die Seele: Freudlos verblüht sie, darbend verdorrt sie, Keinem zur Wonne, sich selber zum Weh!«
»Ich fand noch keinen,« sprach Edel laut und fest, »der meiner Liebe wert.« Dabei wandte sie das stolze schöne Haupt und sah mit zürnenden Augen Hellmuth voll in das Antlitz; es war der erste Blick, der ihm heute ward. Der senkte demütig den Kopf: »Ihr werdet nie einen finden,« sprach er leise, nickend. »Doch, doch!« rief der Junker von Yvonne. »Herr Hellmuth vom hohen Horst, trauter Genoß, -- das war -- mit Urlaub der herben Jungfrau dort sei es gesagt! -- das war herzlich thöricht geredet. Verdienen zwar kann der Mensch die Liebe überhaupt nicht:
Lenz, Leben, Liebe, Sonnenschein Kannst nicht als Recht verlangen: Drum mußt du fein bescheiden sein Und sie geschenkt empfangen.«
»Das ist hübsch,« rief Minnegard. »Ist gewiß provençalisch Gewächs?«
Der Sänger neigte sich höfisch und fuhr gegen Edel gewendet fort: »Aber dieser Spruch gilt von Weib wie von Mann. Die anders dächte, der sagte ich:
Der Starke ist der Schönheit wert Und gleich der Rose gilt das Schwert.
Und dir, du junger Aar vom hohen Horst, du Sieger in fast so viel Gefechten als du Jahre zählst: -- schon nennt man dich weit über Frankenland hinaus bis zu den Wenden den Rennespeer, den Junker Siegespeer! -- dir sag' ich: es lebt kein Mädchen noch so schön und noch so stolz-gemut, dessen du nicht würdig wärest!« »Eia wohl!« wollte Minnegard rufen, aber die Stimme versagte ihr: sie erschrak, so zornig klang nun Edels Frage, die sie Hellmuth zuschleuderte wie einen spitzen Speer: »Euer letzter Sieg, Herr Ritter, war der zu Worms im Lanzenstechen -- nicht?« Er errötete über und über; er ließ das Haupt noch tiefer auf die Brust sinken und erwiderte, ohne sie anzublicken: »Ich habe seither keine Waffe mehr geschwungen.« »Ja, allen Heiligen sei's geklagt!« schalt Fulko laut. »Ein Kopfhänger ist er seither worden! Kein Mensch begreift, warum? Nach dem glänzendsten Siege, der seit Menschengedenken in einem Stechen gewonnen ward, so erzählte der Herr Bischof.« »Jawohl,« bestätigte Minnegard. »Auch mir rühmte der Ohm -- weiß nicht, Herr von Yvonne, warum er uns beide damals zu Hause sitzen ließ! -- den Sieg des ›Rennespeers‹. Du aber, Edel, -- erzähle doch! -- du warst ja mit dem Herrn Bischof damals zu Worms.« »Jawohl,« fiel Fulko ein. »Wart nicht Ihr es, edle Jungfrau, die damals den Siegesdank zu reichen hatte?«
Die Frage blieb ohne Antwort. Denn ungestüm sprang Hellmuth auf. »Es wird schwül im Walde!« rief er und ging mit langen Schritten auf und nieder. Und zornig, schweigend, mit zusammengedrückten Lippen sah ihm Edel nach.
X.
»Halt an, Freund!« rief Fulko. »Du darfst nicht entweichen mit deiner Lebensgeschichte. Beichte!« Hellmuth erwiderte nicht, er strich nur das schlichte, kurze, dichte Blondhaar aus den heißen Schläfen. »Jawohl,« pflichtete Minnegard bei und haschte ihn, da er wieder an ihr vorüberstürmte, am braunen, lang nachflatternden Mantel. »Steht! Und steht Rede!« »Ist bald geschehen,« erwiderte gelassen der Traurige. »Heiße, wie ihr wisset, Hellmuth ...« -- »Trübmuth solltest du heißen!« -- »-- vom hohen Horst. Fern, aus dem Lande der Ostfalen stammte der Vater. Der trat in den Dienst Sankt Burchhards zu Würzburg. Als des Bistums Dienstmann bin ich geboren und trage seit der Schwertleite des Bistums Waffen. Das ist alles.« »Nein,« rief der Ritter von Yvonne, »+wie+ du sie trugst, -- +das+ ist die Hauptsache. Noch zählst du nicht dreißig Jahre und seit vierzehn Jahren hast du in keinem Gefechte gefehlt auf deutscher, welscher, wendischer Erde, darin Sankt Burchhards Fähnlein geflattert und jedesmal ... --« »Bist du nun fertig, Lobposaune?« schalt der Sachse, kurz vor ihm Halt machend. »O nein, noch lange nicht!« lachte der Provençale. »Denn du wirst noch lange ruhmreich weiterkämpfen in Ernst und Spiel.« -- »Glaubst du? In einem Spielkampfe spiel' ich nie mehr mit. Ich hab's gelobt. Nur in den nächsten Ernstkampf, der bevorsteht, -- in den reit' ich noch ein.« -- Und als er wieder fern von den anderen war auf seinem hastigen Gang, fügte er bei: »und nimmermehr heraus!« -- »Und du, schöne Edel, vielgestrenge Vetterin, -- willst du uns auch nicht mehr Worte gönnen als dieser eiserne Rennespeer?« -- »Noch wenigere. Ihr wißt, ich bin von der Spindelseite eine fern versippte Niftel der Herrn von Rothenburg, aber aus Nordalbingien von der Eider stammen mir die Ahnen, von den Markgrafen von Esesfeld. Weit von hier im Nordgau lag meines Vaters Volkfried Lehen, nahe der Wendenmark. Sie brachen gar oft ein, die wilden Berunzanen. Und einmal trafen ihre weitgeschleuderten vergifteten Wurfdolche den Vater vor der Burg am Edelhag bei Wolframsdorf ...«
»Ja, sind gar arg liebe Leute!« meinte Fulko, grimmig lachend.
»Sie drangen mit den Fliehenden in die Burg und verbrannten sie mit meiner armen Mutter: -- Muthgard hieß sie, nach einer Ahnin -- und allem, was darin lebte. Nur mich flüchtete, aus der Wiege mich reißend und aus den Flammen, ein treuer Knecht in den Taubergau zu meinen Gesippen nach Rothenburg. Dort und, seit Herr Heinrich Bischof ward, hier, haben sie mich mit milder Hand geborgen. Die Heiligen werden es den Gütigen vergelten!« -- Sie schwieg eine Weile. Dann fuhr sie, weich geworden, fort, in das Ohr der Freundin flüsternd: »Du +sollst+ ins Kloster, Liebe, und ich -- +will+.« Minnegard erschrak. »Du wolltest -- noch vor kurzem -- so wenig davon hören wie ich!« -- »Jetzt aber will ich! Der Herr Bischof scheint -- -- anderes zu wünschen. Dürft' ich mit dir tauschen! So wär' uns beiden geholfen.« »Aber wohl nicht allen,« lächelte das Kind der Alpen, mit einem heiteren Blick auf Hellmuth. Jedoch das Lächeln verflog ihr sofort, sowie sie Edels Auge, das sie suchte, feindlich den Schritten des Junkers folgen fand. Sie trachtete eifrig, das dunkle Gewölk solcher Stimmung zu verscheuchen: -- lachte sie doch selbst so gern und hörte sie doch so gern andere fröhlich lachen! --
»Nun,« rief sie mit ihrer glockenhellen Stimme, »Herr Fulko von Yvonne, nun ist's an Euch. Da werden wir wohl viel mehr Worte und viel weniger Wahrheit hören. Seid Ihr doch ein Sänger: -- oder wie sagt man jetzt oft? -- ein Dichter!« -- »Gelogen ist nicht gedichtet, schönes Fräulein. Ja, wer lügt, der ist kein Sänger. Und mein Wahlspruch lautet: Wahre Schönheit ist schöne Wahrheit.« -- »Nicht ganz übel! -- Nun, so sagt uns denn auch schön die Wahrheit über -- Euch! Nämlich! ...« -- Sie schwieg beharrlich. -- »Was will dies nämlich?« -- »Nämlich: -- -- ich kam einmal in Euere Kammer! ...« -- »Nun?« -- »Nämlich der Herr Bischof schickte mich: -- denn er wußte, Ihr waret fern: -- mit den Junkern Hellmuth und Blandinus saßet Ihr, wie gewöhnlich um die Mittagszeit, im schmalen Rebgarten des Hatharlin, der den besten Wein verzapfen soll, unter seinen grünen Bäumen ... --« -- »Weiß Dame Abonde, dort trinkt sich's gut mit fröhlichen Gesellen!« »Der Herr Bischof, der selbst noch zuweilen die Laute zupft wie in seinen Welttagen, gebot mir, Euere Citole zu holen. Oder vielleicht auch« -- sie errötete -- »erbot ich mich dazu an Supfos des Kellermeisters Statt. Denn längst war ich ein wenig neugierig, wie es wohl bei ... Nun -- ich fand Euere große, große Truhe offen.« -- »Hab' leider keine Ursach', sie zu schließen!« -- »Und fand -- bei Eurer welschen Laute! -- gar sonderbare, mannigfaltige Herrlichkeiten. -- Beutestücke wohl? Siegeszeichen?« -- »Was meint Ihr da?« »Ei nun, welke Blumen, darunter noch in der Welke gar schöne, mir unbekannte, wohl an Durance und Garonne aufgeblüht, ganze oder auch in der Mitte geteilte Schapel, seidene Bänder, buntfarbige Schleifen, goldene Knöpflein, Ringlein und Spangen und allerlei solch' Zeug. Wenn +die+ erzählen könnten, -- was würden wir da alles erfahren!« drohte sie mit dem Zeigefinger.
»Daß Fulko von Yvonne mit Schwert und Laute durch gar manches Herren Land geritten ist vom Pyrenäenberg bis über den Main, daß er in gar mancher Schloßhalle und mancher Kemenate gesungen und unverdientes Lob gewonnen, auch gar manch' üppige Frau, manch' schlanke Maid gesehen und schön gefunden und ihr das auch vorgesungen, -- aber nur Eine geliebt hat. Wollt Ihr deren Namen wissen, Jungfrau Minnegard?« »Behüte! Mädchen sind nicht neugierig,« fiel sie hastig abwehrend ein, aber sie lächelte und errötete. »Jedoch ein anderes wüßten wir gern von Euch: Euer Wesen schillert zwiefach: seid Ihr ein Welscher oder ein Deutscher?« -- »Beides, o wißbegieriges Fräulein. Ich verbinde beider Völker Tugenden.« -- »Oder doch Laster! Aber erzählt!« -- »Mein Vater war ein Neckarschwab; er kam auf einem Kriegszuge unter Kaiser Ott dem Roten nach Frankreich: das schöne Land gefiel ihm: er blieb nach dem Friedensschluß darin, nahm Lehen von Kaiser Otts treuem Verbündeten, dem Grafen Gottfried vom Ardennerland, zog mit diesem in allerlei Fehden tief in den Süden bis in die Provence und erstürmte dort einmal das feste Schloß Yvonne, das hoch von steilem rotem Fels durch Rebgelände niederschaut auf die wild schäumende Durance, nahm den Burgherrn, Graf Eudo von Yvonne, gefangen und machte mit dem Graukopfe wenig Umstände ...« »Pfui, wie unmenschlich!« schalt Minnegard. -- »Nun, das ist doch zuviel gesagt. Er that ihm gar nicht weh dabei, als er ihn ... --« -- »Schweigt! Wie grausam!« -- »Zu seinem Schwiegervater machte.« Da lachte die Braune hellauf und selbst das andere Paar konnte sich des Lächelns nicht erwehren.
»Ja, das blieb nicht die einzige Unmenschlichkeit, die er ihm anthat. Schon zehn Monate danach erhob er ihn -- aus lauter Ehrfurcht für sein graues Haar! -- zu noch höherer Ehre, indem er ihn --« -- »Nun?« -- »Zu meinem Großvater machte. Meine Mutter aber, Frau Jolanthe, war die wunderschönste Frau über all Septimanien, Aquitanien und Provence. Noch jetzt ist sie gar hold zu schauen, wie Ihr bald selbst sehen und gestehen werdet, Jungfrau Minnegard. Gott segne ihre lieben Augen. Heil mir: ich hab' sie niemals im Leben weinen machen.« -- »Das -- das war ein hübsches Wort -- das beste, was ich noch von Euch gehört. Aber was schwatzt Ihr da von Sehen? Wie sollte Eure Frau Mutter an den Main kommen?« -- »Aber +Ihr+ kommt -- sicher! -- an die Durance. -- -- Der Vater sandte mich schon früh von Yvonne an die Lehnhöfe zu Orleans, zu Paris, zu Givet: -- denn ein Junker, meinte er, wird nirgends schlechter erzogen als daheim. Von Givet aus geleitete ich unseren Lehnsherrn, Graf Gottfried, zu dem jungen Kaiser, der damals noch in Deutschland weilte, erhielt Urlaub, unsere schwäbischen Gesippen am Neckar zu besuchen, ward auf dem Rückwege hier von Bischof Heinrich, altem Waffenbruder meines Vaters, väterlich aufgenommen und ... --« »Und es scheint Euch hier nicht übel zu behagen,« meinte Minnegard. »Schon recht lange erfreut Ihr den Main und uns durch Euren Anblick.« »Der Bischof hat ihn gar lieb gewonnen, den Schalk,« sprach Hellmuth, die Hand auf des Freundes Schulter legend, »wie wir alle. Wir lassen ihn gar nicht wieder fort.« -- »Ja, ich lasse mich erbitten, noch zu bleiben. Denn ich muß dabei sein, wenn Jungfrau Minnegard den Schleier nimmt. Ganz notwendig muß ich dabei sein.« »Wie schadenfroh!« schalt diese. -- »Ich meine ja nicht den +Nonnenschleier+: -- den +anderen+ meine ich!« flüsterte er ihr ins Ohr, sich so nahe vorbeugend, daß sein braun Gelock ihre Wange streifte. »Jetzt ist's Zeit, aufzubrechen,« rief sie. »Es wird immer heißer hier im Walde.«
Hellmuth und Edel sprangen hastig auf: sie fanden das Beisammen kaum zu tragen; sie schritten dem Rastorte der Rosse zu. Aber dem anderen Paare schien's nun nicht so zu eilen: -- auch dem Mädchen auf einmal nicht. »Ihr habt noch ein Wort einzulösen,« mahnte sie, ruhig sitzen bleibend. -- »Ich weiß: ein Lied!« -- »Nun wird es zu Tage kommen, daß Ihr gar nicht, wie Ihr geprahlt, aus dem Stegreif dichten +könnt+.« -- »Doch! Aber -- wenn's Euch dann nur auch gefällt. Ihr müßt's dann nehmen, wie mir's aus der Seele bricht. Und bei mir heißt's: Feuer in die Leier oder Leier ins Feuer.«
»Nur zu! Fangt nur an. Ich fürchte mich nicht vor dem Feuer. Ich gleiche der Schwalbe: die Kälte verscheucht mich, die Wärme zieht mich an. Da! Nehmt!« Sie reichte ihm die kleine, zierliche, welsche Laute, die sie schon vorher neben sich bereitgelegt hatte. Er strich einmal über die Saiten, hob das schöne Gesicht in recht bedrohliche Nähe zu dem ihrigen, sah ihr tief, suchend, in die haselbraunen Augen und hob an:
»Zu deinen Füßen lieg ich hier Und schau' dir in die Augen: O könnt' ich all dein Wesen mir Heiß in die Seele saugen!
Du trägst empor zu Sternenhöhn Die glanzbeglückten Sinne: Du bist so schön, so zauberschön, So wonnig wie Frau Minne.
Streifst mein Barett nur an dein Kleid, Durchrieselt mich's wie Feuer: Du meine Qual und Seligkeit, Du mehr als Gott mir teuer!
Man sagt, bald wird die Welt verwehn In Brand und Funkenstieben: Doch nicht in Glut kann untergehn Mein noch viel heißres Lieben.
Die Liebe, die ich -- unerkannt! -- Fühl' hier im Herzen schlagen, Sie wird dich durch den Weltenbrand, Ein Flammenmantel, tragen!«
Bei der letzten Zeile sprangen beide, heiß bewegt, auf: die Laute flog in das Moos, und wer weiß, was das Rotkehlchen, welches neugierig aus der Weißdornhecke auf das Paar hervorguckte, würde zu sehen bekommen haben, -- hätten nicht gerade in diesem Augenblick die Diener den Zelter des Fräuleins herangeführt.
Zweites Buch.
I.
Der Herr Bischof von Würzburg war nicht recht mit sich zufrieden.
Er sagte sich das, wie er an einem heißen Nachmittag in der Bücherei auf und nieder wanderte. »Schon all diese Zeit her ist mir nicht geheuer, seit ich Berengar entsendet habe; eigentlich doch mehr nur: habe ziehen lassen. Und ich hab' ihm streng eingeschärft, noch nicht abzuschließen mit den wilden Wenden. Ich scheue mich, sie in den Gau hereinzurufen, am Ende gar in die Stadt einlassen zu müssen. Wenn diese Heiden ...« Er blieb plötzlich stehen und griff mit der Hand an die heiße Stirne.
»Ah bah,« fuhr er, wieder ausschreitend, fort, »ich habe doch schon oft schlimmes Kriegsvolk in Zucht gehalten, werd' auch mit diesen fertig werden. Der erste, der stiehlt, hängt. -- Es ist nicht das! -- Aber gegen den Kaiser! Gegen den deutschen König! Gegen diesen Jüngling: -- er, seine Mutter, sein Vater haben mich mit Huld, mit Ehren überhäuft. Undank wird er's nennen. Er -- und die Welt! Ich trotze dem lauten Wort der ganzen Welt, wenn das stille Wort hier -- hier in der Brust mich freispricht. Und es +muß+ mich freisprechen. Ich +muß+ Sankt Burchhards Rechte wahren! -- Wäre doch Arn zurück mit der Entscheidung des Papstes. -- Ja: die Entscheidung! Wäre ihre Stunde doch da! -- Inzwischen verzehrt mich die Ungeduld! -- Immer beten! -- Kann's nicht! -- Und auch nicht immer lesen! -- Es ist so eng, so dumpf, so staubig hier unter all den alten Pergamenten! -- Ich bin büchermüde. Menschen will ich sehen! Hinaus ins Freie! Aber was draußen thun? Fechten darf ich gar nicht mehr. Jagen soll ich nur zahm und selten. Der Bischof, der Priester soll --! O Weh und Pein! Der Priester! Warum Priester, warum? Ah falsches, treuloses Weib! Was hast du zu verantworten! Was hast du angerichtet in mir, Verräterin!« Und er drückte die geballte Faust vor das Auge.
»Der Priester, -- der Bischof -- was kann er thun draußen unter den Menschen? Ihnen wohlthun! Ja, und das will ich! ›Seelsorge!‹ Schönes Wort! ›Herzenssorge‹ wäre auch gar schön, aber wer auf Herzen baut --! Ah was! Fort damit.
Geht es dir schlecht, soll's andern desto besser gehen! Hinaus, Heinrich, und hilf, wo du kannst!«
Er stieß den halbgeschlossenen Laden auf und blickte über die Stadt hin gegen den Main.
»Die Sonne geht zu Gold. Bald sinkt sie hinter die Buchenwipfel des Königswaldes. -- Aber noch ist's Zeit genug, Gutes zu wirken, bevor der Tag verronnen ist. Es kommt die Nacht, da niemand mehr wirken mag. Die Nacht! Am Ende gar -- für diese Welt -- bald die ewige Nacht.«
Er schritt aus dem Büchersaal in das Vorgemach, dann auf den breiten Gang, in welchen die Holztreppe mündete, stieg diese herab und wollte sich der Hauptthüre zuwenden, die aus dem Bischofshause ins Freie -- in der Richtung nach Westen, gegen die Brücke hin, -- führte.
Allein in der Mitte der Vorhalle ward er angerufen von einer Stimme, die aus der Unterwelt emporzudringen schien. »Hezilo! Herr Graf! -- Hochwürdiger Herr Bischof, wollt' ich sagen.« -- »Du, Supfo? Was soll's? Was willst du?«
Und er wandte sich zur Rechten, wo einige Stufen in die Keller des Hauses hinunterführten. Auf der obersten derselben tauchte jetzt dort eine behäbige drollige Gestalt auf, die aus lauter aufeinandergesetzten Kugeln aufgebaut schien.
Kugelform hatte das grüne Mützlein aus steifem Wolltuch, das, vorn höher als hinten, etwas schief auf dem rundgeschorenen Grauhaar des runden Kopfes saß. Aus dem ganz glattgeschorenen Gesicht traten die stark geröteten Wangen halbkugelig hervor unter den runden vergnügten Äugelein, die frisch und hell in die Welt schauten; unter dem hellbraunen Schurzfell erhob sich ein Bäuchlein, das sich der Kugelgestalt nach Kräften zu nähern trachtete und auch die roten Wadenstrümpfe zwischen Knie und Knöchel hatten Mühe, ihren geschwellten Inhalt zu bergen. Fröhlich, treuherzig und dabei recht gescheit, ja schelmisch-witzig war der Ausdruck der angenehmen Züge: auch Herrn Heinrich schien der Anblick zu vergnügen: heiter ward seine bewölkte Stirne, während er auf die Antwort des dicken Männleins wartete. Diese kam etwas langsam, denn der Rundliche hinkte ein wenig beim Ersteigen der Stufen und schnaufte ganz gewaltig. »Uf! Heiß ist's im lieben Würzburg im Brachmond sogar im kühlen Keller.« »Ja freilich,« drohte der Bischof lächelnd, »wird dem Kellermeister warm, wenn er so fleißig seines Amtes waltet -- im Vorkosten! Aber was willst du?« -- »Was ich will? O Hezilo, lieber Herr, -- das krieg' ich doch nie wieder.« -- »Was ist's?« -- »Meinen Hezilo von ehemals möcht' ich wieder haben! Den aus der guten Rothenburger Zeit. Hei wie wir jagten mit dem alten Rado in dem waldgrünen Taubergrund! Den +Grafen+ Heinrich möcht' ich wieder haben, den jagdfrohen, waffenfrohen, weinfrohen, frauenfrohen ...« Hier furchte der Bischof die hohe Stirn. »Den weltfrohen Liebling von Jung und Alt, von Mann und Weib!« »Ja, Vielgetreuer,« seufzte Herr Heinrich, »der ist gestorben und begraben! Lange schon!« -- »Ich weiß! Ich weiß! Weiß auch den Todestag, die Todesstunde -- zu Pfingsten war's. -- -- Hätt's nie von ihr geglaubt! Der arme Herr!« brummte er unhörbar. »Schad' um Euch, Graf Hezilo! Was war's für eine Freude, mit Euch leben im Frieden, und im Krieg erst recht! Wißt Ihr noch den schlimmen Julitag von Squillace? Wetter und Strahl, dort in Kalabrien war's doch noch heißer als hier am Main! Da Ihr -- Ihr allein den Herrn Kaiser Ott den Jüngeren -- noch seh ich ihn vor mir in seinem jugendlichen welligen roten Bart! -- vor der Gefangennehmung gerettet habt? Sie glauben falsch, diese Saracenen, aber dreinschlagen thun sie ganz richtig. Auf einmal waren sie da, wie vom Himmel heruntergeflogen, unzählbar viele! Nichts sah man mehr -- vorn, hinten und links -- als ihre weißen Flattermäntel fliegen! Es war wie ein unabsehbar Schneegestöber.«