Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus

Part 3

Chapter 33,450 wordsPublic domain

»Deiner steigt besser und streicht gehorsamer zurück auf die Faust zur Atzung,« antwortete der Blonde; trüb war, gedämpft der Ton seiner Rede. »Ei ja,« rief Fulko, »er hat mir auch manch Federspiel zerzaust, bis er's gehörig lernte. Der Isländer ist nicht gut abgetragen: denn Freund Arn, der Jägermeister, der's besser als wir alle kann, ward vom Herrn plötzlich verschickt, bevor der teure Vogel stoßreif war. Aber nun, habt acht, Jungfrau Minnegardis! Die Stöberer springen ein.« »Da platschen sie ins Röhricht,« rief das Mädchen, und setzte in hellem Jagdeifer ihren Zelter in lustigen Trab. »Seht, schon müssen die vordersten schwimmen: da ist's schon tief.« -- »Ja, ein altes Weidmannswort scherzt: ›Reiher ist von höherem Stand denn Rüde‹. Aber jetzt -- den Rahmen herbei!« Die Ritter lösten den Vögeln beide Fesseln, nahmen sie von der Trage und setzten einen derselben je einem der Fräulein, -- Minnegard den Wanderfalk, Edel den Isländer -- auf den seidengestickten Handschuh der rechten Hand, so daß die scharfrandigen Krallen den Zeigefinger fest umschlossen; die Kappen blieben noch unbehoben.

Es war nun gar schön zu schauen, wie die beiden holden Reiterinnen in raschem Trabe den Fluß entlang dahinflogen, mit wehenden Federn, Locken und Mänteln, die stolzen Vögel auf dem anmutig gebogenen Handgelenk.

»Hört ihr?« rief Fulko. »Da schlagen die Stöberhunde den Reihergruß. Lüpft die Kappen! Werft eure Vögel, edle Jägerinnen!« Die Mädchen schnallten den Vögeln rasch die Kappenriemen ab, ließen die von dem plötzlichen Lichteinfall Geblendeten noch einen Augenblick in den Himmel schauen, wiesen ihnen dann Beute und Flug, sie in der Richtung der rasch enteilenden Reiher in die Höhe hebend, und schnellten sie mit kräftigem Schwunge des Gelenks in die Luft mit dem lauten Rufe: »Holî! Holî!«

Sofort hatten die Falken das steigende Wild eräugt und stiegen nach, pfeilschnell, mit gellendem Schrei, dem der kreischende Angstruf der Reiher »krätsch! kraitsch!« antwortete. Beide Flüchtlinge blieben auf dem linken Ufer und eilten flußaufwärts: die Berittenen hatten also nur die nebenherziehende breite Heerstraße einzuhalten, so konnten sie leicht folgen.

Herrlich war der Anblick der Flucht und der Verfolgung durch die Lüfte. Zuerst entleerten die beiden Sumpfvögel die Kröpfe des Fraßes, ihren Flug zu erleichtern: denn sie hatten mit Erfolg in dem Schilfwasser gefischt, stets gegen die Sonne stehend und watend, damit der hinter sie fallende Schatten die Fische nach vorn ihrem Schnabel zutreibe. Dann legte jeder den langen kegelförmig zugespitzten Schnabel mit den messerscharfen Schneiden auf den Kropf, streckte die langen Ständer gerade hinter sich und sausend ging es nun in die Höhe, immer höher, immer höher, dem Verfolger das Überfliegen unmöglich zu machen.

Denn der Falke konnte den viel größeren Feind nur zwingen, wenn er ihn überstieg und dann von oben her schlug, ihm zwischen den Flügelschultern und dem Ansatz des Halses den Haken des Schnabels mit dem scharf ausgeschnittenen dreieckigen Zahn des Oberkiefers einhieb, die beiden Fänge aber mit den kräftigen spitzen Krallen unter den ausgespannten Flügeln -- vor deren Bug -- in den Rumpf schlug und so schon durch den Druck von oben den keineswegs immer tödlich getroffenen Reiher zum sausenden Sturz brachte; der Falkenier eilte dann herzu und tötete oder fing den Verwundeten, während der Falke, wenn gut abgetragen, auf die Hand der Herrin zurückstrich.

Aber nicht gerade aufwärts stiegen die Reiher, sondern schraubenförmig, ähnlich den Lerchen, in immer höher und höher gezogenen Ringen: der schwere Vogel konnte nicht senkrecht oder sehr steil schräg fliegen, während der Falke schnurgerade, nur stets etwas höher zielend als sein Gegner flog, auf diesen losstürmte.

Übrigens kamen diesmal die beiden Paare in den Lüften und demgemäß die beiden Jägerpaare auf der Erde bald ziemlich weit auseinander. Edel hatte ihren Vogel früher geworfen als Minnegard: derselbe ersah daher den zuerst aufgestandenen grauen Reiher: dieser und sein Verfolger, der Isländer, gewann rasch starken Vorsprung in die Höhe und in die Weite vor dem Wanderfalk, der den zweiten etwas größeren Reiher -- weiß wie Schnee leuchtete im Sonnenglast dessen Gefieder -- stets vom Wasser ab nach dem Walde hin zu treiben suchte.

VII.

Edel und Hellmuth sprengten an dem anderen Paare vorbei und hatten bald Mühe, zu Pferd den raschen Fliegern zu folgen.

Lange vermochte der Isländer nicht, dem Feinde nachzukommen: endlich, endlich aber hatte er ihn überstiegen -- etwa um sechs Fuß -- und sofort stürzte er sich nun aus dieser Höhe auf seine Beute. Allein blitzschnell hatte der Reiher den bisher abwärts auf dem Kropfe getragenen starken, spitzen und langen Schnabel -- eine fürchterliche, oft den Augen des Jägers sogar, der den wunden Vogel greifen will, gefährliche Waffe -- senkrecht nach oben gekehrt: der Falke, der mit voller Wucht herabstieß, spießte sich dabei die Brust auf wie auf einem Speer, so daß die Spitze des Reiherschnabels ihm im Rücken zwischen den Flügeln hervordrang. Der Sieger aber konnte sich nicht von dem verendenden Feinde losmachen, nicht unter dem Drucke dieser Last den Schnabel aus der Wunde reißen und so taumelte er denn, den Rücken nach unten, sausend zur Erde. Kaum war er aufgefallen, -- zwischen der Straße und dem Fluß -- war Hellmuth schon zur Stelle, Edel folgte. Der Junker sprang ab, riß den toten Falken von dem Reiher los, faßte diesen mit der Rechten im Genick an beiden Fittigen und warf ihn hoch in die Luft: »Geh!« rief er dem hastig Enteilenden nach. »Du hast dich ritterlich gewehrt -- hast gesiegt: ich mag dich nicht unritterlich erwürgen. -- Ich habe doch recht gethan?« fragte er zu Edel hinaufblickend, die nun dicht hinter ihm auf dem schnaubenden Falben hielt. »Gegen Reiher seid Ihr ritterlich,« erwiderte sie herb, ohne eine Miene zu verziehen, wandte das Roß und ritt langsam zu dem anderen Paare zurück.

Auch dessen Beize war ausgebeizt. Gar bald hatte der Wanderfalk den großen, glänzendweißen Vogel überhöht, und ihn von dem Flusse, den er nun überschreiten wollte, ab- und auf das linke Ufer zurückgedrängt: auf den ersten Stoß gelang ihm das Schlagen: Reiher und Falk taumelten, aber der Falke rittlings auf seiner Beute sitzend, auf die blumige Wiese zur Rechten der Heerstraße. »Ruft ihn, ruft ihn rasch,« drängte Fulko die Jägerin, während beide heransprengten. »Er verliert sonst die Zucht und den Heimstrich.« »Hilô! Hilô!« rief Minnegardis freudig und setzte in vollem Jagen über den breiten Graben auf die Wiese: ihre schwarze Feder flog, ihre Locken flatterten. Entzückt folgte Fulko der zierlichen Gestalt der mutigen Reiterin.

Gehorsam kam der kluge Vogel zurückgestrichen und ließ sich auf dem Handgelenk der Herrin nieder: vergnügt die beiden Schwingen leicht schlagend rief er ganz leise, -- nicht den gellenden Kampfschrei -- und sah mit seinen nußbraunen Augen in Minnegardens Antlitz: ein Falkenier brachte ihr eilig auf goldenem Stäblein ein Stück Rinderherz und hielt ihr den Zügel, während der Vogel aus ihrer Linken behaglich und mit leisem Dankrufe gierig kröpfte: dann ward er wieder gehaubt und auf die Trage zurückgebracht.

Nicht eher doch hatte der Falke seinen Gefangenen freigegeben, bis Fulko, vom Rosse gesprungen, denselben an beiden Schwingenknochen gefaßt hatte; er hielt ihn nun der Jägerin hin, die sich anmutvoll aus dem Sattel herabbeugte. »Welch herrlich Tier!« rief sie erfreut. »Welch leuchtend Weiß! Nie sah ich seinesgleichen!« -- »Es ist ein Silberreiher. Ich wollt' es nicht -- vor der Zeit! -- verkünden. Aber ich hatte ihn gestern abend angeschlichen.« -- »Er ist -- wie es scheint -- ganz unverletzt?« -- »Fast ganz. Nur wenig blutet hier der Hals. Das hab' ich ihn gelehrt, den klugen Greif, am Federspiel: -- für den Silbervogel! -- nur fangen, nicht morden!« -- »Oh! dann wollen wir das edle Tier freilassen! Nicht?« -- »Gewiß: Ihr seid ja seine Fängerin, nicht ich! Und ich: -- im voraus erriet ich Euer gütig Herz.« Er griff in die kleine von Stricken geflochtene Jagdtasche, die er am Wehrgurt trug. »Das mögt Ihr jetzt leicht sagen,« lächelte sie. »Ich beweis es, Herrin!« gab er zur Antwort. -- »Wie? Was wollt Ihr thun?« -- »Wie immer: Euren Willen -- Nur ein Andenken an diesen frohen Morgen soll Euch Euer schöner Gefangener lassen. Seht Ihr die beiden silberweißen Federn hier auf seinem Haupt?« -- »Wie stolz sie wallen! Schaut, sie reichen noch weit über seinen Rücken.« -- »Wie prächtig werden sie sich abheben von Eurem Jagdhut und von Eurem Haar.« Er zog nun mit sanfter Gewalt dem Vogel die beiden Kopffedern aus und überreichte sie der Jägerin, die sie freudig dankend nahm und sofort in dem Goldring ihres Hutes befestigte. Sie schmückte sich so gern! Für sich und für andere. Und jeder einfachste Schmuck ließ ihr so gut. Aber nun vollends diese stolze fürstliche Zier!

»Ihr seht aus wie die Königin von Avalon, dem Feenland!« -- »Wenigstens trägt keine Königin schöneren Schmuck.« -- »Und keine Kaiserin würdiger denn Ihr.« -- »Dank! Recht von Herzen Dank!« -- »Aber nun wollen wir ihm die Freiheit geben, dem Glücklichen, der Euch erfreuen und Euch zieren durfte. -- Seht, lange hab' ich vorgedacht für diese Jagd.« Und er zeigte ihr, was er aus der Netztasche hervorgeholt: es war eine kleine, runde Goldplatte an einer länglichen, rohrartigen, innen hohlen Schließe aus Silber: »Was hab' ich darauf ritzen lassen von Meister Aaron, dem kundigen Goldschmied zu Frankfurt? Schon vor Wochen ritt ich deshalb hinüber.«

Und das Mädchen las mit holdem Erröten:

»Mich fing die wunderschöne Minnegard Und gab mich wieder frei: Der Freiheit wenig Dank ihr ward: Denn wen sie fing, die holde Fei, Will, daß er ewig ihr Gefangner sei.«

»Ihr seid ein Schalk,« lächelte sie, »wie alle Sänger, aber ein feiner.« -- »Und was +Ihr+ seid, -- das singen und sagen alle Sänger der Erde nicht aus! -- Nun fliege, Reiher, und verkünde in allen Landen vom Maine bis zum Jordan Minnegardens Schönheit!« Er hatte nun das Silberröhrlein um den linken Ständer des Gefangenen zusammengedrückt, die Schnalle geschlossen und gab ihn jetzt frei: der Reiher reckte sich in die Höhe, hob den langen Hals, breitete dann die mächtigen Schwingen aus, stieß vom Boden ab, hob sich und flog, mit lautem frohem Ruf der Erlösung, schwirrend in die Höhe: bald war er im fernen Blau wie ein schimmernd weiß Gewölk verschwunden.

VIII.

Das Jagdgeleit ward nun entlassen, es kehrte in die Stadt zurück; die beiden Paare jedoch, gefolgt von einigen Dienern zu Pferd, wandten sich von der Heerstraße und dem Flußufer ab nach Westen die Hügel hinan dem schönen Walde zu, der jetzt der Guttenberger heißt, damals der Königswald genannt wurde.

Sobald der kleine Zug wieder beisammen war, gab Minnegard ihrem Zelter, aber auch dem Falben ihrer Genossin einen leichten Schlag mit der Gerte, die ihr Fulko von einer Weide gebrochen: »Ei,« rief sie, »gestrenge Edel, nun wollen wir sehen, welcher Reiterin Rößlein rascher läuft: deren Herz schlägt auch wohl mutiger.« »Rascher das deine, aber mutiger nicht!« erwiderte die Blonde ernst und schoß weit an ihr vorüber. Sie wollte sichtlich allein sein; Hellmuth folgte ihr nicht; er hielt den Hengst an und blieb so auch hinter dem anderen Paare zurück.

Der steil ansteigende Weg ward bald so schmal, daß zwei Pferde nur gerade zur Not nebeneinander Raum fanden. Dies machte sich Junker Fulko zu nutze. Gar bald hatte er seinen Rappen dicht neben Minnegards Weißrößlein gelenkt und nun wich er nicht mehr von ihrer Seite. Geraume Zeit ritten sie, nur stumme Blicke tauschend, nebeneinander hin, damit begnügt, Aug' in Auge zu senken. -- Da strauchelte das Tier der Reiterin -- allzuwenig achtete sie des Weges! -- über eine knorrige Wurzel, die den Pfad kreuzte: es drohte, auf die Vorderfüße zu fallen und seine leichte Last vornüber zu schleudern. Mit raschem Griff riß der Junker das Pferd empor und schob die Errötende in dem Sattel zurecht. Sie war wohl ein wenig erschrocken: aber sie lächelte schon wieder mit schalkhafter Fröhlichkeit: »Dank!« rief sie. »Waret Ihr nicht an meiner Seite ... --« -- »O dürft' ich's immer sein!« »Ausreden lassen!« schalt sie. »Waret Ihr nicht an meiner Seite, hätte mich dies Unheil nicht bedroht.« -- »Wieso?« -- »Ei, dann hätte ich wohl besser, zwischen den Ohren meines Rößleins durch, gerade vor mich auf den Weg geschaut, wie mich Herr Bischof Heinrich, mein geistlicher Reitlehrer und reisiger Beichtiger, gelehrt hat. Da Ihr mich in Gefahr gebracht, mußtet Ihr mich freilich auch beschützen.« -- »O könnt' ich Euch auf meinen Armen über alle Gefahren hinweg -- durch's Leben -- tragen.« -- »Gemach, Herr Ritter von Yvonne! Zunächst müßtet Ihr mich dann tragen -- in das Kloster, das zu schmücken ich bestimmt bin.« -- »Ihr seid noch nicht darin!« -- »Aber bald werd' ich's sein.« -- »Arme Minnegard!« -- »Und armes Kloster!« -- »Man kann Euch nicht zwingen.« »Ich zwinge mich selbst. War es doch der letzte Wunsch meiner sterbenden Mutter. Meine Oheime, die Bischöfe von Köln und von Würzburg, kennen diesen Wunsch und ...! Oder vielmehr,« lächelte sie, -- »weshalb wähnt Ihr, daß es des Zwangs bedürfe? Warum soll ich nicht gern eine Heilige werden?« »Weil's ein Frevel ist!« brach der Junker los, »eine Sünde wider die Natur, die Euch holdes Wunder, so wunder-anmutvoll geschaffen hat! O Minnegard, Ihr gleicht an holdem Reiz, an blühender Schöne der Alpenrose, die Euerer wie meiner grünen Heimat Berge schmückt. Ihr seid geboren, zu beglücken und beglückt zu sein! Schon Euch anschauen ist wie heiße Qual, so heiße Wonne, heiße Seligkeit! Und all dieser Reiz -- er soll verblühen? O viel edle Dame! Ich sah einmal -- zu Paris war's -- in der Basilika der heiligen Genoveva -- hinter einem Gegitter von Golddraht auf dem Seitenaltar schöne, wirklich wunderschöne vollblühende Blumen: Lilien, Rosen, Krokus, -- auch eine Alpenrose war darunter! -- Staunend trat ich näher: denn draußen lagen fußhoch Eis und Schnee: allein ach! meine Freude schwand! Gemacht waren sie, diese armen Blumen, aus Flitter, aus Lappen, auf Draht gezogen, seelenlos, duftlos: -- vielmehr ging ein Geruch von Staub, von dumpfem Moder von ihnen aus! -- Das, o holde Alpenrose, ist die Nonne! Und +Ihr+ solltet also vertrocknen? Diese leuchtenden Augen sollten nicht Liebe strahlen? Diese roten, weißen, weichen Lippen ...« -- »Hört auf, Herr Fulko von Yvonne! Vernähmen es die Leute, sie dächten, Ihr wüßtet drum, ob meine Lippen weich oder hart. Und davon wißt Ihr doch so wenig wie ...« -- »Ach ja! wie Ihr von meiner heißen Liebe!« -- »Ei, meint Ihr? Ich glaube, davon weiß ich doch ein wenig mehr!«

Und sie schaute ihn dabei so freundlich an und sie lächelte dabei so hold, daß er, kühn gemacht durch soviel Huld, fortgerissen von soviel Liebreiz seine verlangenden Lippen sehr nah unter ihren breitrandigen Jagdhut wagte. »Oho, Reitersmann!« rief sie, sich weit von ihm abbeugend. »Jetzt, -- so scheint's -- seid +Ihr+ gestolpert -- sehr stark sogar! Gemach! Sind das die gepriesenen Sitten der Provence? Oder sind's die Sitten in Poetenland? Man sagt, die Sänger brauchen den Mund mehr zum Singen denn zum Beten, mehr zum Trinken denn zum Singen und noch mehr als zum Trinken zum -- nun, zu was anderem! Ihr pflückt wohl jedes Röslein an Eurem Wege?« -- »O Minnegard, wer kann Euch sehen und noch nach anderem Reiz begehren? Und Küssen ohne Liebe: -- das ist niederträchtig!«

Sein Auge blitzte in edlem Zorn, Glut schoß ihm in die Wangen: er ließ ihm sehr schön, dieser heilige Zorn der Reinheit. Sie sah zu ihm empor mit warmem Blick. »Dank Euch, Herr Fulko! Das war ein schönes Wort. Nie werd' ich's Euch vergessen! Ihr seid ... Doch nein! Wozu braucht Ihr zu wissen, wie Ihr seid? Könnt' Euch am Ende eitel machen! Und unter Euern vielen, wimmelnd vielen Fehlern hab' ich die Eitelkeit -- noch! -- nicht entdeckt. Nicht mal auf Eure Liedkunst seid Ihr eitel. Und das gehört doch sonst wohl zum Dichter wie zum Pfau das Radschlagen? Ihr geizt mit Eurer Kunst. Man muß Euch überlisten, sollt Ihr singen! Deshalb hab' ich Euren Waffenträger bestochen, -- ich verhieß ihm ein Küßlein meiner Zofe: (denn sie lieben sich!) -- heute unter seinem Mantel versteckt Eure kleine welsche -- wie sagtet Ihr jüngst? Die Citole! -- mitzunehmen. Seht Ihr ihn dort hinten reiten? Da guckt an seinem Halse das blaue Tragband hervor. Sind wir im Waldesgrunde gelagert, dann, Herr Sänger von Yvonne, singt Ihr uns ein Lied. Nicht wahr? Ich bitte!« -- »+Ihr+ -- +mich+ -- bitten? O vielsüße ...!« -- »Gemach! Ihr sprecht zu einer künftigen Äbtissin. Singt Ihr uns?« -- »Gern. Aber -- den anderen nicht. Dir, dir allein!« Verweisend hob sie den Zeigefinger. »Man sagt: ›Euch, Jungfrau Minnegardis.‹ -- Ein altes Lied? Das ich schon kenne?« -- »Nein. Ein neues.« -- »Wann gedichtet?«

»Noch gar nicht!« -- »Ja, wie wollt Ihr dann Euer Wort lösen?« -- »Wie? O Herrin:

Lieg' ich nun bald im Moos zu deinen Füßen, In deines Auges Himmel will ich schaun: Begeistrung wird mir in die Seele taun, Aus meinem Lied dein eigner Reiz dich grüßen!«

IX.

Alsbald waren nun die ersten Bäume des »Königswaldes« oben auf der Hügelkrone erreicht: schlanke hochstämmige Buchen waren es meist schon damals, wie sie heute an jenem schönen Fleck deutscher Erde den Wanderer erfreuen.

Aber dazumal war der noch nicht durchforstete Urwald noch viel häufiger und dichter mit Unterholz und Buschwerk bestanden: daher nisteten dort viel zahlreicher als heute die Vögel, deren noch zwei Jahrhunderte später Herr Walther sich erfreuen mochte. Als die kleine Schar die Raststätte, eine runde Lichtung, erreicht hatte, auf welcher schon während der Jagd vorausgesandte Diener über das weiche, hier in der Waldeskühle noch vom Tau funkelnde Moos Decken gespreitet und Körbe und Krüge für einen kurzen Weidmannsimbiß bereit gestellt hatten, stiegen die beiden Paare von den Pferden und lagerten sich auf der sammetweichen Waldwiese. Die Diener stellten das »Lägel« Wein, die Zinnbecher und die mitgeführten Speisen zurecht und gingen dann mit den Rossen seitab.

Freudig glitzerte die Morgensonne des schönen Maientages durch die Wipfel der hohen Buchen und warf auf den Waldboden ein goldiggrün Gegitter. Die Bienen, den Sonnenschein suchend, flogen häufig um den Agelei und die großblumigen Blauglocken, die an hochaufgeschossenen Stielen nickten. Würzigen Harzduft atmeten im Sonnenbrand die dunkeln Tannen, die hin und wieder neben der milden »Frau Buche« wie ernste waffentragende Kriegsmänner Wache zu halten schienen. Aus den dichten Wipfellauben scholl bis herunter in der lauschenden jungen Paare Ohr das kosige Girren und Gurren der Wildtaube und weither aus der Tiefe des Buchwaldes klang der Goldamsel metallischer Ruf. Gar schön war's und freudig auf der stillen, sonnigen Waldwiese.

Die warmblütige Tochter der Alpen empfand voll den Zauber des Ortes, der Stunde: ihre fröhlichen hellbraunen Augen suchten den feurigen Blick Fulkos: -- sie hatten nicht lang zu suchen: -- er lag im dichten Gras zu ihren Füßen. Denn den beiden Fräulein war über das hoch aus dem Boden ragende Wurzelgedräng einer breitstämmigen Buche als erhöhter Sitz ein weicher Teppich aus Lombardenland gespreitet worden, so daß die beiden Jünglinge tiefer lagerten.

Auch Edel spürte wohl, daß Hellmuths Auge unablässig nach dem ihren suchte; doch unerbittbar hielt sie die langen Wimpern niedergesenkt, und mußte sie dieselben aufschlagen, verstand sie es meisterlich, seinen Blick zu vermeiden.

Fröhlich den blinkenden Zinnbecher schwenkend rief Minnegard: »Wie wohlig ist's doch hier im Walde! Frisch, aber doch nicht kühl, sonnenhell, aber nicht sengend! Und alles in Laub und Blumen so jugendfroh! Das lieb' ich! Es scheint, -- in solcher Stunde -- das Leben noch so leicht, so einfach selbstverständlich! Und doch! -- Was mußte nicht alles geschehen, bis gerade wir vier Menschenkinder an dieser Stelle, zu dieser Stunde zusammentrafen, zwei gute Gesellen, zwei herzvertraute Gesellinnen!« Und sie griff mit der rundlichen warmen Rechten nach Edels langen, schmalen, kühlen Fingern.

»Das ist noch nicht genug!« rief Fulko. »Auch jeder Gesell muß sich eine Gesellin gewinnen; was meinst du, Freund?« Aber Hellmuth schwieg: denn Edel runzelte die Stirn.

»Es ist so kurz erst,« begann die Braune aufs neue, »daß wir alle vier zusammengetroffen sind in dem freundlichen Städtlein am gelben Main. Wir wissen noch gar zu wenig voneinander. Wie wär' es, wenn wir hier einander erzählten, was uns hergeführt und wie wir früher gelebt? Eine Waldbeichte! Die Tauben da oben -- hörst du ihr zärtlich Gurren, Edel? -- singen die Waldmesse dazu.« »Ja, beichten wir!« fiel Fulko bei. »Aber Ihr, schön Minnegard, macht den Anfang. Ihr habt gewiß von uns vieren das meiste Unheil in der Welt angerichtet. Uns anderen wird's dann leichter.« »Mein junges Leben,« lachte sie, die weißen Zähnlein zeigend, »ist gar bald auserzählt. Geboren bin ich fern im schönen Hochgebirg des Bayerlandes, wo, an den Schroffen des Wettersteins, die Partnach schäumend durch die Felsen bricht, die Kanker murmelnd durch die Büsche zieht, die Alpenrose bis herab zum Thalgrund blüht: dort ragt ein altes Schloß seit grauer Zeit: -- des Werto Fels: das ist mein Heimatthal, auf jener Burg stand meine Wiege. Früh starb die gute Mutter, bald folgte ihr der Vater, Herr Werinher von Rothenburg, des Königs Graf im Sundergau. Da ward mein Muntwalt sein Bruder, der Herr Erzbischof Heribert von Köln; der ließ mich zu sich bringen an den Rhein. Als ich den achtzehnten Winter vollendet hatte, teilte er mir mit, der letzte Wunsch meiner Mutter habe mich dem Kloster bestimmt: dieser Wunsch solle mir heilig sein. Ich erschrak! Thränen brachen mir aus den Augen. Das Kloster, das mich aufnehmen soll, darf ich mir wählen.«

»Gut, sagt mir's vorher. Ich steck's in Brand,« grollte Fulko leise.

»Ich erbat vor allem Aufschub. Und da der Oheim als Reichskanzler den Herrn Kaiser auf unabsehbar lange Zeit nach Welschland über die Berge zu begleiten hatte, gab er für immerdar die Vormundschaft über mich ab an seinen jüngeren Bruder, den Herrn Bischof Heinrich, und sandte mich hierher. +Diesen+ Oheim lob ich mir! Ist's ein Mann!«