Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus

Part 2

Chapter 23,655 wordsPublic domain

»Doch! Ich hörte genug, um mehr hören zu müssen! +Wer+ hat recht?« Drohend, ahnungsvoll trat er näher. -- »Nicht doch,« wich der Welsche aus. »Lasset ab, Herr! Nicht gerne nenn' ich Euch diesen Namen. Er pflegt Euch zu ergrimmen!« »Graf Gerwalt!« rief Herr Heinrich und seine Augen blitzten. »Dacht' ich's doch! Was -- was hat er gewagt, von mir zu sagen?« »Es wird Euch erbittern!« warnte Berengar. »Oh nein,« knirschte der Bischof und zerbrach mit der starken Rechten die Armlehne von Eichenholz des hohen Stuhles, den er ergriffen, »ich bin ja ganz ruhig! -- -- Was hat er ...?« -- »Nun -- vor seiner Abreise -- er war ja nur ein paar Tage auf der Burg -- an der Brücke war's -- der Zollwart erhob den Zoll von den Mainschelchen, welche den Fluß zu Berg getreidelt wurden und meinte --: ›Nun wird der Zoll, wie jedes Gefäll in der Stadt, bald nicht mehr in des Herrn Grafen Jagdranzen, in des Herrn Bischofs Kirchenbüchse wird er wandern.‹ Da lachte der Graf, wie er zu Pferde stieg, -- er und sein Jagdtroß sperrten mir den Weg über die Brücke -- und meinte: ›Bah, es wird gehen wie immer zwischen uns. Wo ich gegen ihn vortrete--‹« -- »Nun? Was ...?« -- »›Tritt der Rothenburger zurück‹« »Ah, ah, ah!« schrie der Gepeinigte auf, wie von einer Natter gebissen. »+Das+ hat er gesagt? Er soll sich irren! Graf Gerwalt liebt es zwar, an sich zu reißen, was nicht ihm, -- was mir gehört: aber doch nur, wenn ich fern, wenn ich wehrlos bin gegen ihn. Doch Sankt Burchhards Recht soll er mir nicht entreißen. Und wehrlos? Noch bin ich's zwar -- nicht lange mehr will ich's sein! -- Wo ...?« Er schritt, hastig, heiß erregt, durch den Saal. »Wo stehen die Wenden? Du weißt: die Söldner, von denen wir sprachen?«

Der Archidiakon war nun dicht an den Tisch getreten: er legte beide Hände auf die hohe Lehne des Eichenstuhles und hielt sich fest daran: er drückte darauf, während seine Augen wachsam jedem Schritte, jeder Miene des Erbitterten folgten. »Mainaufwärts, wenige Tagemärsche. Noch auf deutscher Erde, aber nahe der böhmischen Mark. Sie sind von Markgraf Eckhard von Meißen -- nach tapferen Diensten -- entlassen. Ihr Führer, Zwentibold, verhandelt um neuen Dienst mit Herzog Boleslav von Polen. Kommt der zum Abschluß, dann ziehen sie nach dem fernen Osten ... --« -- »Nichts da! Wir müssen sie an der Hand, zur Verfügung bereit haben. -- Noch diese Nacht muß an sie ein geheimer Bote -- ein verlässiger Mann ... wen schicken wir?« Berengar folgte dem Gange des Bischofs durch die Halle: »Ich will gehen: ich selbst,« sagte er mit leiser, aber fester Stimme. -- »Du wolltest? Es ist halsgefährlich!«

Berengar zuckte die Achseln: »Ich trage dieses Haupt nur für Sankt Burchhard und für Euch.« -- »Gut! Dank! ... Aber höre! -- Noch nicht fest abschließen! -- Ich bin jetzt -- ein wenig -- erregt! In der Hitze soll man nichts beschließen. -- Nichts übereilen« -- »Aber auch nichts versäumen soll man! Die Söldner sind viel umworben. Auch der Magdeburger Erzbischof, Herr Gisiler, will sie dingen ...« -- »Die Wenden sollen warten! ... Nur noch kurze Zeit!« -- »Das thun sie nicht -- ohne Wartegeld.« -- »Freilich! Freilich! und die Kammer ist ...?« -- »Leer. Nur der fällige Betrag für die Armen -- das Drittel der Einkünfte ...« -- »Nein! Nichts da! Kein Schilling davon! Aber -- wie steht es denn mit dem Gelde für meine Bauten in der neuen Vorstadt?« -- »+Euerer+ Vorstadt: auf dem Sande?« -- »Jawohl! Das Waisenhaus und die Klosterschule ... freilich: der Verschlag, in dem jetzt beide untergebracht sind -- recht elend ist er. Aber bah! -- Menschenalter hindurch hat es genügen müssen: -- bessere ich es, ist's mein eigenstes Werk. Drängt sich mir nun Notwendigeres vor, so ...! Die Waisen, die Schüler können warten: die Wenden, -- du hast recht -- die warten nicht. Nimm das Geld für meine Bauten in der Sandvorstadt. Bezahle Zwentibold die Wartezeit.« -- »Es wird nicht reichen.« -- »So nimm die Summe für das geplante Siechenhaus bei Sankt Andreas überm Main dazu. Aber eile.« -- »Ihr sollt mit meinem Eifer zufrieden sein.« Er stand schon in den Vorhängen der Thüre. -- »Aber noch nicht abschließen: nur Wartegeld! hörst du?« Die Vorhänge rauschten. -- Ohne Erwiderung war Berengar verschwunden.

III.

Gar früh am Tage -- wie heute noch bei unseren Bauern auf dem Lande -- begann dazumal auch in den Städten das Leben.

Mit Sonnenaufgang und den Vögelein erhob man sich vom Lager: um elf Uhr pflegte das Mittagmahl gehalten zu werden: bald nach Einbruch der Dunkelheit suchte man den Schlaf: die recht spärliche Beleuchtung der Zimmer lud nicht dazu ein, Arbeit oder geselligen Verkehr im Hause in die Dunkelheit zu verlängern.

So war denn auch an dem schönen Maientage, der auf Berengars rasche Abreise folgte, das Leben in dem Städtlein früh erwacht. Bei der ersten Hahnenkraht war diejenige Rotte der speertragenden Bürger, die für diese Nacht die Reihepflicht der Wache an den Thoren, in den Türmen und auf den bezinnten Mauern getroffen hatte, abgelöst worden von der »Tagwacht«.

Und der »Morgengruß«, den, sobald die Sonne über die Höhen emporgestiegen war, die Türmer weithin über die Holzdächer der kleinen Siedelung aus ihren langen, gewundenen »Tuthörnern« schmettern ließen, weckte überall in den wenigen schmalen Gassen, in den zahlreichen »Höfen« der freien Plätze sofort rühriges Regen.

Die Runde der neu aufziehenden Wache bedurfte nicht langer Zeit, den ganzen Umfang der Umwallung abzuschreiten Denn das liebe, liebliche Würzburg war dazumal noch gar enge beschlossen: zählte doch die Umwallung, eingerechnet die Geistlichen, die Mönche, die bischöflichen Dienstmannen und die Reisigen des Grafen auf dem Marienberge, nicht mehr als etwa viertausend Bewohner.

Der Archidiakon hatte recht, als er die Gestalt der Stadt einer Bischofsmütze verglich. Denn sie bildete damals ein Fünfeck und dessen Grundlage der von Süd nach Nord, dann nach Nordwest gerichtete Lauf des Mains.

Eine Holzbrücke, wie bemerkt, gerade an der Stelle der heutigen schönen und breiten Steinbrücke, bezeichnete ungefähr die Mitte der ganzen, damals noch auf das rechte Ufer beschränkten Stadt: auf dem linken Ufer lagerten sich an den Fuß der alten Feste, um ein paar Kapellen und ein Kloster nur wenige Hütten armer Fischer. Die Siedelung auf dem rechten Ufer hatte erst vor etwa achtzig Jahren Erdwälle, hier und da durch steinerne Mauern verstärkt, und davor einen schützenden Graben erhalten zur Abwehr der ungarischen Raubreiter, die wiederholt so weit westlich gestreift und alles nicht ummauerte Land verbrannt und verheert hatten.

Damals hatte der bisher offene Flecken zugleich Stadtrecht empfangen; aber auch die neue »Stadt« war unter der Amtsgewalt des Grafen des Gaues, -- Waldsassen hieß er -- zu welchem sie gehörte, geblieben.

Die Brücke oder -- in ihrer Verlängerung -- der ihr im Osten gerade gegenüberstehende Dom schied die Stadt in zwei ungefähr gleich große Teile. Denn von der Brücke lief die Ringmauer mainaufwärts gen Süden, wandte sich dann in scharfer Biegung nach Osten bis an den Zwinger, das heißt den Zwingergraben, vor dem Wall, und bog von da nach Nordosten, die Wiesen östlich außerhalb des Grabens belassend. Von dort zog sich die Umwallung weiter gen Nordwesten, dann von Ost nach West, wandte sich dem dermalen noch sogenannten »inneren« Graben entlang dem Flusse zu und erreichte stromaufwärts von Nord nach Süd den Ort, von dem wir ausgegangen: die Mainbrücke.

So war also die ganze damalige Stadt eingeschlossen durch die Grenzen, die heute der Fluß im Westen, die Neubaugasse im Süden, die Kettengasse und die Theaterstraße im Osten, der innere Graben im Norden bilden. Auf dem linken, dem westlichen Ufer schaute von dem Marienberg die Burg des Grafen, das »Castellum Virteburch«, weithin über Stadt und Gau.

Die von dem Fünfeck der Umwallung umhegten Häuser bildeten nun aber sehr selten Straßen oder Gassen: waren es doch »Höfe«, ganz wie die Siedelungen der Landsassen draußen vor den Thoren im Gau, fast ausschließlich aus Holz aufgezimmert, nur etwa der Unterbau aus Stein: die vornehmeren »Höfer« liebten es wohl hier, ein paar Platten des wunderschönen fränkischen roten Sandsteins als Treppenstufen vor die alsdann etwas erhöhte Thüre des Wohnhauses zu legen. Dies war aber -- ganz wie auf dem Lande draußen -- stets umfriedet von einem manneshohen Hofzaun aus Pfahlwerk: der »Hofwehre«; das Hofthor mußte so weit sein, daß die zweispännigen breiten Wirtschaftswagen bequem ein- und ausfahren konnten. Denn Ackerbürger waren sie, diese ~burgenses~, und die Anfänge von Handel und Gewerk noch sehr bescheiden. So lagen auch innerhalb der Mauern weite Strecken von Wiesen, lagen Äcker, besonders aber Gärten, in welchen Wein, Obst, Gemüse gepflegt wurden.

* * * * *

Alsbald nachdem bei Sonnenaufgang von der Zinne des Brückenturmes der Thorwart seinen Morgengruß geschmettert, antwortete ein höchst friedlicher Schall: auf dem Widderhorn blies der Gemeindehirte seine Herde von blökenden Schafen und meckernden Ziegen zusammen. Er fing damit an im Nordwesten der Stadt, hielt vor jedem Hof und wartete, bis der Viehschalk die bereits aus der Stallthüre entlassenen und an dem verschlossenen Hofthore sich drängenden Tiere aus diesem zu dem Hirten hinausließ.

So zog er die Kreuz und die Quer an allen Höfen vorbei, bis er an das »Südthor« gelangt war. Wie im Norden und im Osten zog sich auch im Süden um die Stadt, hart vor Graben und Wall beginnend, ein breiter Gürtel von Wiesen und Gärten innerhalb des »Pfahlhags«, den an geeigneten Stellen ein paar Blockhäuser, aus festen Balken gefügt, verstärkten; hier wohnten kleine Leute, die als Taglöhner, Gärtner, Zeidler, Winzer, Fischer ihr Leben fristeten.

Gleich hinter den wenigen ärmlichen Lehmhütten und Holzhäuslein dieser werdenden »Vorstadt« begann die weitgestreckte, bis zu dem »Acker des Randahar« sich hinziehende »Allmännde«, das Gemeindegut der Stadt, bestehend aus Weide, Wiese und buschigem Wald, von den »Burgensen« besonders zur Weide für Rinder und Schafe verwendet; während manches Borstentier mit grunzendem Wohlbehagen in den häufigen Pfützen sich sielte, die, an Stelle von gepflasterten Straßen, Hof von Hof zu trennen pflegten.

IV.

Rado, der graubärtige, hünenhaft lange und starkknochige Gemeindehirte, kam nicht so rasch hinweg von den meisten Höfen als er wünschte: -- denn ihm war nur wohl draußen in Wald und Heide: in der Stadt, diesem ummauerten Grabe, müsse er ersticken, schalt er.

Und er war ein Liebling der Leute, der Alte: Hausherr und Hausfrau, Knecht und Magd, zumal aber die Kinder ließen ihn nicht leicht los ohne ein paar Fragen. Er wußte gar so viel, so vielerlei, was sonst kein Mensch mehr wußte: von Jagd und Fischfang und Viehzucht, von gesunden und kranken Tieren. Das Wetter verstand er ganz genau vorher zu sagen, manche meinten, geheimnisvoll nickend, weil er es selbst -- ein wenig -- mache.

Und alte Geschichten vollends wußte er zu erzählen -- von seiner verstorbenen Mutter her -- und Mären und Sagen, daß Kinder und Große offenen Mundes lauschten; und Segen: Wundsegen, Jagdsegen, Kampfsegen, Reisesegen, Biersegen, Viehsegen, Fischsegen -- in mannigfaltigster Auswahl: seltsam nur, daß er sie alle plötzlich vergaß, trat in den Kreis seiner Hörer ein »Geschorener«, wie er unwillig sagte. Herr Heinrich schalt wohl oft darüber, aber er lächelte dazu und ließ ihn gewähren: denn der Hüne war in jungen Jahren ein gar treuer und trefflicher Waffenknecht der Rothenburger Grafen gewesen und hatte -- so sagte man -- dem Vater Herrn Heinrichs das Leben gerettet in Welschland.

Während nun der Hirt von Knecht und Magd und Kind an dem Hofthor aufgehalten ward mit Frag' und Antwort, wartete der vorwärtsdrängenden Herde gar oft -- und auch heut' -- ein anmutvolles Kind mit dicken, langen, dunkelblonden Zöpfen, die durch die lebhafte Kleine stets in Bewegung gehalten wurden, daß die hellblauen Bändlein an deren Enden hin- und herflatterten. Sie zeigte weit über ihre vierzehn Jahre hinaus voll und üppig entwickelte Formen, aber sie war so mutwillig und so kindlich wie die springenden, bockenden Zicklein ihrer Herde.

Als der Alte aus dem letzten Hofe vor dem Thor der Sandvorstadt zurückkam, fand er die Kleine aus vollem Halse lachend: lachend, daß ihr aus den hellgrauen Augen die Thränen über die dicken, runden Kinderbacken liefen. Sie hielt sich vor Lachen kaum aufrecht an dem langen, gebogenen Schäferstab, den sie einstweilen dem Alten abgenommen hatte.

»Was hast du, Fullrun?« fragte der. »Dich reiten wohl wieder die Elben!« »Es ist zum Zerspringen!« keuchte sie, sich mit der umgewandten Linken über die Augen fahrend. -- »Was?« -- »Schau ihm nur nach, Ohm! Da -- links hin! -- humpelt er davon. Sieh nur, wie er ausschaut! Ganz weiß vom trockenen Straßenstaub. Wie der Müller aus der Au! Nur nicht so sauber!«

Der Alte reckte die hohe Gestalt und hielt die Hand vor die buschigen Augenbrauen: denn die Morgensonne blendete von dort her: »Ei, das ist ja Junker Blandinus, der Sohn des Dogen aus Venetia, der jüngst erst ankam, Korn zu kaufen von dem Juden Renatus. Was hat der hier -- in deiner Nähe wieder! -- gesucht?« Und er nahm ihr den Stab aus der Hand und hob ihn drohend, daß sein langer Mantel, aus drei Wolfsfellen zusammengenäht, von seinen Schultern zurückwallte. »Weiß nicht, Ohm. Aber was er auch suchte: -- gefunden hat er was anderes. Er ist immer um die Wege, mit seinem seidenen Mäntelein und dem bunten gezipfelten Wams. Wäre gar nicht so übel im Gesicht, putzte er sich nicht so weibisch heraus. Kaum warst du im Hammerhof verschwunden, da bog er flugs um die Ecke der Wirsinge und stand vor mir. ›Jungfrau Fullrun!‹ flüsterte er in seinem welschen weichen Ton, ›segne Euch Sankt Amor!‹ ›Ich heiße die runde Runel und mein Schutzheiliger heißt Sankt Kilian!‹ rief ich. ›Wer ist Euch wohl der Liebste auf der Welt nach Euren Gesippen?‹ fragte er und machte ganz verschwommene Augen. ›Schnufilo!‹ erwiderte ich rasch ohne Besinnen. Denn es ist ja auch wahr. ›S--Se--ch? -- Schn--ufilo?‹ wiederholte er lispelnd. ›Wo ist er? Ist er ein Ritter, daß ich ihn bestehen mag? Ich durchspeere ihn!‹ ›Durchspeeren? -- Meinen Herzens-Schnufilo? Nun wartet! Komm!‹ schrie ich ›faß, Schnuf, faß!‹ Und grimmig bellend sprang der herzige Schnuf herzu und fuhr ihm an die Waden.

›Oh -- ~ohimè~ -- Eine ~bestia~? Ein ~monstro~!‹ Nun trat der Schwarzkopf wieder näher: die dunkeln Locken -- 's ist wahr -- lassen ihm nicht übel! Aber sein Haar stank süß von Salben! Ich hielt mir die Nase zu! -- So!« Und sie machte es dem Alten vor: -- so drollig, daß er lachen mußte. »Und wisperte: ›Wißt Ihr auch, schöne Runa, wie man in Venetia küßt?‹ ›Nein,‹ sagte ich. ›Ich küsse überhaupt nur Schnuf und Schnee.‹ ›S--ch--nee? Ist das auch so eine Beißbestia?‹ forschte er, besorgt um sich blickend. ›Nein, hier mein Mailämmlein.‹ ›So will ich Euch küssen lehren!‹ lächelte er und machte einen Schritt. Aber -- o Sankt Kilian sei gepriesen! -- er trat, nur auf mich guckend -- auf das Ferkelein, das da -- nun wieder! -- in der Pfütze liegt. Laut aufquiekend fuhr ihm das zwischen die langen Beine -- er stolperte und fiel bäuchlings in den weißen Staub daneben. Nun fuhr auch Schnuf ganz erbost wieder gegen ihn und zerriß ihm den langen erdbeerroten Flattermantel. Fluchend sprang er auf und entwich eilfertig.«

»Kommt er wieder,« drohte Rado, »lehr' ich ihn, wie man im Waldsassengau -- haut! -- Auf, Thorwart, auf mit dem Gitter!« -- Und nun flüsterte er ganz andächtig, gen Himmel blickend:

»Unsern Ausgang Geleite der graue Wandrer, weise der Wege. Die Wölfe wehr' er Von Herde wie Hirt.«

»Hier, Giero, hier!« Er pfiff dem mächtigen grauen Hund: der trieb in unablässigem Umkreisen die zerstreuten Schafe und Ziegen auf dem weiten Platze rasch zusammen, so daß sie nun in guter Ordnung durch das geöffnete Thor und dann über den an eisernen Ketten herabgelassenen schmalen Steg über den Graben trippelten. Draußen begrüßte das kluge Tier freudig in lustigen Sätzen und laut bellend die Freiheit. Einverstanden klopfte ihm der Alte den Kopf. Fullrun folgte zuletzt; sie trug über den geländerlosen Steg gar sorgsam auf ihrem vollen linken Arm ein schneeweißes Lämmchen, das sie aus der blökenden Menge gegriffen hatte: mit der Rechten hob sie den Saum ihres rotbraunen Röckleins bis über den Knöchel des unbeschuhten Fußes: im Morgenwind flog das krause kurze Haar an ihren Schläfen: mit vollen Zügen sog sie den frischen Hauch des Morgens in die junge Brust.

V.

An demselben Morgen trabte, nachdem die Frühmesse in dem Dom zu Ende, ein bunter Reiterzug den freien Platz hinab auf die Mainbrücke zu.

Die Hengste der Männer und auch zwei zeltende Paßgänger für Frauen -- mit zierlich gegitterten hohen Seitenwänden an den weichen Sätteln aus spanischem Leder -- waren neben der Kirche von mehreren Knappen in Bereitschaft gehalten worden. Als das gemeine Volk aus den weitgeöffneten schön geschmiedeten Doppelthüren und über die vier roten Sandsteinstufen des Eingangs hinab sich verstreut hatte, wurden die Pferde dicht an die kniehohen »Roßsteine« geführt, die, an dem Dom, wie an gar manchem Eckgebäude angebracht, das Aufsteigen und Absteigen reitender Damen erleichterten.

Ein schlanker Jüngling von nicht allzuhohem, aber zierlichem Wuchs und von auffallend anmutvoller Haltung geleitete gar höfisch, nur an den Fingerspitzen ihren hellgelben Reithandschuh berührend, ein schönes junges Mädchen die Stufen des Domes hinab. Das veilchenfarbene Barett, geschmückt mit dem weißen Gefieder der Silbermöwe, stand gut zu dem dunkelbraunen dichten Gelock des jungen Ritters mit dem etwas helleren Bart, der überall das feine Gesicht umrahmte. Das enganliegende Wams, von gleicher Farbe wie das Barett, zeigte vorteilhaft die geschmeidigen, wohlgestalteten Glieder: die zarten Gelenke der Hände und der Knöchel schienen nicht deutsche oder doch nicht ungemischt deutsche Abkunft zu bekunden.

Lebhaft sprach er zu der jungen Dame, feurig blickte er ihr -- und recht nah! -- in die großen Augen von hellstem sonnig goldenem Braun, welche unter blonden, nicht allzustarken Brauen hervor freundlich und freudig in die schöne Welt hineinleuchteten. Ihre Wangen waren hold wie vom Flaum des Pfirsichs überzogen: die frischen, ein wenig aufgeworfenen Lippen lächelten gar gern und zeigten dann zierlich gereiht die weißesten Zähnlein. Ein Reiterhut von weißem weichstem Filz mit sehr breitem Rand und schwarzer Feder wiegte sich keck auf dem ganz hellbraunen, aber leicht von einem roten Schimmer durchleuchteten Haar. Gar anmutvoll war die Bewegung ihrer schmalen langen Hand, mit der sie das weitflutende weiße Wollkleid aufhob, wie die feinknöcheligen Füßlein über die Steinstufen vorsichtig hinabglitten. Herzhaft lehnte sie dabei den vollen warmen Arm auf den des Ritters; der führte sie an den weißen iberischen Zelter mit hellrotem Sattel- und Zaumzeug, der, ungeduldig harrend, mit dem rechten Vorderhuf gescharrt hatte und nun, die schöne Herrin erkennend, sie freudig begrüßend laut wieherte.

Der Junker hielt ihr beim Aufsteigen die Hand unter den Schuh und umspannte dabei den feinen Knöchel erheblich fester, als die Sicherheit der Reiterin gerade würde erheischt haben. Diese zürnte aber nicht, sondern sowie sie sich sicher im Sattelsitz fühlte, neigte sie ihm das wunderschöne Antlitz zu in gar holdseligem Lächeln: er erglühte vor Glück über soviel Huld, seine dunkelgrauen Augen blitzten und freudig schwang er sich auf seinen feurigen friesischen Rapphengst.

Hinter diesem Paar schritt langsam ein zweites die Domstufen hinab: gleich jung, gleich schön, aber in ganz anderer Haltung und Stimmung, so schien es. --

Zwar der Ritter, dessen blondes Haar dicht aus der ehernen Sturmhaube quoll, ließ die blauen Augen gar sehnend ruhen auf dem schmalen, blassen, nur ganz zart rosig überhauchten Antlitz der Dame; aber diese preßte den kleinen, stolzen Mund fest zusammen, schlug die Augen unerbittlich nieder und furchte streng die Brauen, deren tief dunkelbraune Farbe scharf abstach von dem fast weißgelben Geriesel ihres gewellten Haares, das unter der himmelblauen runden Seidenkappe hervor auf den gleichfarbigen langen Mantel frei, gelöst, flutete; dieser Gegensatz der fast schwarzen Brauen zu dem weißblonden Haar verlieh dem höchst vornehmen, edeln, aber marmorkalten Antlitz eigenartig fesselnden Reiz: wer diese stolzen, feinen Züge einmal geschaut, -- er mußte ihrer gedenken für und für. Die ganze schlanke hohe Schilfgestalt schien ein schönes, aber herbes Rätsel; man mußte nachgrübelnd fragen, welch Geheimnis das junge Herz so streng verschlossen hüte? Denn die hellgrauen Augen, die sie selten aufschlug, schienen auch dann nicht in die Welt, schienen nach innen zu schauen, fest entschlossen, um keinen Preis zu verraten, was sie in diesen Tiefen erblickten.

Schweigend, sinnend, zögernd, wie widerstrebend, schritt sie nun die Stufen hinab: sie waren noch feucht vom Morgentau: -- sie glitt ein wenig aus: -- der Jüngling hielt ihr rasch den rechten Arm hin: aber sie achtete dessen nicht: noch schärfer die langgestreckten Brauen furchend richtete sie sich -- allein -- rasch auf zu ihrer vollen Höhe, schritt sicheren Fußes fürbaß und winkte, auf der letzten Stufe angelangt, einen grauhaarigen Knappen herbei: der mußte ihr auf den Rücken ihres Falben helfen. Dem Jüngling klirrte laut Schuppenbrünne, Wehrgut und Schwertknauf aneinander, wie er sich nun hastig auf das starke Streitroß schwang, einen braunen Flanderer schwersten Schlages.

Die beiden Junker ritten jetzt an die Seite der beiden Edelfräulein und nun ging's in raschem Trab hinab an die Brücke: -- deren Thor ward von den Wächtern ehrerbietig aufgethan: -- nun über die dröhnenden Balken und drüben aufwärts auf dem linken Ufer, wo sich der Leinpfad zum Schleppen für die Mainschelche hinzog.

Ein Holzverhack sperrte den schmalen Weg zwischen dem Fluß zur Linken und dem steil abfallenden Felsen des Marienbergs zur Rechten: jenseit eines engen Durchlasses in dem Verhack wartete der beiden Paare ein Häuflein von Jägern mit Pferden, Hunden und Falken: denn der Falkenjagd, der Reiherbeize galt dieser Morgenritt.

VI.

Das Jagdgeleit bestand aus nur Einer »Rotte«: das heißt dem Falkenmeister und drei Falkenieren; alle vier waren beritten; die letzteren hielten abwechselnd den Falkenrahmen, eine leichte viereckige Trage, aus weißem Holze zierlich geschnitzt, auf welcher zwei Beizvögel, mit einer langen Kette unter dem Flügelbug und einer kurzen um den rechten Lauf und Fang angefesselt, saßen: zierlich stand den schlanken Vögeln die Falkenhaube, ein Käppchen von rotem Leder aus Cordoba, oben mit weißen Federn, unten mit kleinen silbernen Schellenkügelein geschmückt: ein schmales Lederriemchen hielt die Haube, über Kopf und Augen gezogen, unter der Kehle festgeschnallt. Den Berittenen folgten zu Fuß drei Hundekoppeler, von denen jeder zwei Stöberhunde an der Koppelleine führte: mächtig zerrten sie vorwärts, die starken, grauhaarigen, hochbeinigen Rüden aus Ungarland: aber scharf erzogen, gaben sie bei aller Jagdgier nicht Laut.

»Was habt Ihr heute für Vögel auf den Rahmen gesetzt, Herr Fulko?« fragte die Braunlockige, anmutvoll den Kopf und den breitrandigen Hut nach ihrem Begleiter zurückwendend. »Geht es auf hohen oder auf niederen Flug?« »Wer mit schön Minnegardis jagt -- und für sie, -- denkt nur an hohen Flug,« erwiderte der Junker mit weicher, wohllautender Stimme. »Die Falkeniere haben Reiher angesagt in den Altwassern des Mains, nahe der Fähre bei den Höfen der Heitinge: sogar einen --, nun, nicht vor der Jagd von der Strecke plaudern, sonst verfällt sie dem +wilden+ Jäger! Heute wollen wir erproben, Freund Hellmuth, ob des Herrn Bischofs isländischer Girofalk besser arbeitet oder mein Wanderfalk: ich holte ihn, gerade flügge geworden, selbst aus dem Horst auf dem Geiersberg im Spechteshart.«