Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus
Part 18
»Dank euch, danke, gute Leute,« erwiderte der freundliche Greis, mit dem sanften, rosigen Gesicht, vom weißen Haar umwallt. »Bewegt! Ja, liebe Nachbarn! Welch Gemüt soll da nicht bewegt sein, bei so wunderbarer Führung durch den Herrn? Den Bruder hab' ich diese Nacht verloren und die alte Großmutter: und doch hab' ich Gott für reiche Gnade zu danken.« »Erzählt, erzählt!« drängten alle. »Ja, ja,« begann er langsam. »Wunderbar sind die Dinge verlaufen in dem kleinen taubenumflatterten Haus. Es war schon fast dunkel geworden, da sprach ich zur Großmutter: ›Mutter Ute, gebt mir Urlaub, mir und dem Kind Fullrun.‹ ›Wohin, mein Sohn?‹ fragte sie. ›Die Stunde des Gerichtes naht. Wir wollen sie doch miteinander erwarten und erleben.‹ ›Gewiß!‹ tröstete ich. ›Lange vor Mitternacht sind wir zurück. Ich habe noch eine dringende Arbeit.‹ ›Aber Wartold!‹ mahnte die Gute. ›In ein paar Stunden ist alle Menschenarbeit zunichte, und ihre Frucht vergeblich.‹ ›Nicht die meine, Mutter,‹ erwiderte ich. ›Sieh, unsere Lilien hier im Garten sind verblüht und versengt vor der Zeit. Es war gar so heiß in diesen letzten Tagen und so trocken hier oben und staubig neben der großen Straße. Ich gehe hinunter an den Fluß und hole frische aus meinem Neugarten dort. Soll ich die Stirnen der Seligen mit welken Lilien schmücken? Für meine Friedlindis ist nur das Schönste schön genug.‹ In dem weit abgelegenen Neugarten angelangt mit dem Kinde, konnt' ich mich lange nicht trennen von meinen Blumen, geraume Zeit, nachdem ich die schönsten ausgesucht und geschnitten. Auch die ich stehen ließ, sprengte ich -- zum Abschied! -- noch mit Wasser aus dem Fluß.
Als ich nun mit meiner Arbeit zu Ende war und allmählich an die Rückkehr dachte, da loderte in der Ferne südlich von unserem Höflein eine rote Flamme in den dunkeln Nachthimmel: bald folgte, immer näher rückend, der Heerstraße entlang, eine zweite, dritte: und während wir noch zagend berieten, was das zu bedeuten habe, drangen auch schon von der Stadt her die Waffenrufe der Wächter auf den Walltürmen, ja bald auch von der Straße her verworrener Lärm, Schreien, Waffenklirren an unser Ohr. Erschrocken barg ich mich und vor allem mein holdblühendes Kind in den dichten Gebüschen des Gartens: -- denn daß hier Räuber und Feinde drohten, war mir bald klar: ich dachte es seien die schlimmen Bauern! -- Hier lauschten wir, bis der Lärm, der unverkennbare, eines scharfen Kampfes vertoset war: jetzt erst wagte ich -- immer noch sehr vorsichtig -- den Rückweg einzuschlagen. Wir trafen unseren Hof unversehrt: so weit waren die Wenden nur auf ganz kurze Zeit vorgedrungen, wir fanden bloß die Spuren weniger Rosse im Sandweg des Gartens, der alten Frau thaten sie nichts zuleid.« »Aber wehe, trafen sie Fullrun!« rief Gericho. -- »Das nächste Haus, etwa dreihundert Schritte weiter südlich, stand in hellen Flammen: wie staunten wir, als wir die blinde Frau auf der Schwelle aufrechtstehend fanden: ihr weißes Haar flog im Nachtwind: sie wies mit der ausgestreckten Rechten auf die rote Flammensäule und rief: ›Seid ihr endlich zurück? Ich erwarte euch schon solange. Sehet ihr, sehet ihr? Alles erfüllt sich wie mein Konrad gesagt. Der Tag des Gerichts, der Tag des Herrn ist angebrochen. Hörtet ihr nicht das Gefecht? Und die Drommeten der Engel des Herrn? Ich hörte sie vorbeirasseln auf ihren Rossen, hörte ihre Waffen klirren: sie haben gekämpft gegen die Unholde des Abgrunds: grell schrillte deren Geschrei -- wie einst der Hunnen! -- in mein Ohr: sie waren schon ganz nah: -- ich meine, ich hörte sie im Garten. Die Teufel sind geworfen und geflohen. -- Dort aber -- dort -- von wo der Rauchqualm herweht -- dort -- ich seh' es mit den Augen der Seele! -- da nahet in flammenden Lohen, im weißen Gewande der Seligen mein Kurt, das Mägdlein trägt er -- wie damals -- auf dem Arm! Er holt mich! Er winkt! Er ruft mir. Ich komme. Du hast wahr gesprochen: im Sterben seh' ich dich wieder. Ich komme.‹ Und sie sank, ein selig Lächeln um die Lippen, zurück in meine Arme und war tot.« Und er weinte bittre Thränen, der alte Mann.
»Welch schöner Tod!« schluchzte Rosbertha, sich an ihren Schatz schmiegend und die Augen wischend.
»Die schönsten meiner Lilien wand ich um ihre Stirn. Diese hier bring ich dem guten Herrn Bischof -- ach! für seinen Dom waren sie bestimmt: -- nun werden sie wohl seine Totenbahre schmücken.« »Und was ist mit Eurem Bruder?« fragte Gericho. »Der Knecht erzählte -- ist es wahr? ... er ist nicht gefunden worden unter der Rabenesche?« »Es ist so,« nickte Wartold. »Weder er noch Giero, sein Hund! Ihr wißt, der Baum steht nahe dem Fluß: -- es schien auch eine Blutspur über die Wiese an das Ufer zu führen. Aber vergeblich suchte ich mit dem Knecht und den Nachbarn das ganze Ufer ab, vergeblich mit den Mainschiffern -- die kennen gut die Wirbel und die Löcher im Bette -- auch den Fluß. Ich wollte doch so gern die Leiche in geweihter Erde bestatten, aber wir fanden nicht Mann, nicht Hund. Und schon -- gleich nachdem das fruchtlose Suchen vorüber war« -- -- er erschauerte und bekreuzte sich. »Nun? was geschah?« forschte Röschen in bangem und doch süßem Gruseln. -- »Nichts geschah, liebes Kind. Aber die Nachbarn, die Schiffer, alle, die davon hören, raunen -- -- --«
»Nun was raunen sie denn? Sagt's doch geschwind!« -- »Ihr wisset, der Rabenbaum ist der Sitz -- ist geweiht dem ... --« »Den man nicht nennen darf!« warnte das Mädchen und schlug rasch wieder ihr Kreuz. -- »Nun, eben dem soll -- sagen sie -- mein armer Bruder längst seine Seele geweiht haben. Und der -- sagen sie -- habe ihn geholt, samt seinem Hund, ewig mit ihm zu jagen. Ja, ein Schiffer, der sich im Mainschilf vor den Wenden verborgen hatte, will gesehen haben, wie noch vor vollem Sonnenaufgang zwei Raben --« »O weh!« schrie das Mädchen. »Das sind +seine+ Begleiter.« -- »Vom Feuerschein der brennenden Dächer grell beleuchtet über das tosende Schlachtfeld hin geflogen sind und auf der Esche aufgebäumt haben. So betet manchmal, liebe Nachbarn, betet für meines armen Bruders Seele.«
III.
In Vertretung des Bischofs hatten Hellmuth und Fulko alle erforderlichen Maßregeln getroffen.
Die Toten vor dem Südthor wurden bestattet, die Spuren und Schäden des Kampfes nach Möglichkeit getilgt. Hellmuth ritt als Herold, einen Drommetenbläser voran, durch die Straßen, verkündete den in der Stadt Verbliebenen, zu welchen doch nur wirre, abgerissene Kunde der Ereignisse dieser Nacht gelangt war, feierlich das Geschehene und forderte alle Burgensen auf, mit Weibern, Kindern, Knechten und Mägden in den Dom und in die übrigen Kirchen und Kapellen der Stadt zusammenzuströmen, wo überall Dankgottesdienst gehalten werden sollte. Sie sollten beten für die Erhaltung ihres tapfern Bischofs, der, ein echter Hirte, sein Blut gelassen in Verteidigung seiner Herde, -- und den nur ein Wunder Gottes noch vom Tode retten könne.
Es war allbekannt, die kurzen Wurfmesser der Wenden waren vergiftet. Und als der Wunde schon während er, von Blut überströmt, auf einem breiten und langen Standschilde von sechs seiner Reisigen behutsam in die Stadt zurückgetragen wurde, das Bewußtsein verlor, da gaben seine Getreuen ihn verloren. Und man wagte doch nicht die tödliche Klinge aus der Wunde zu ziehen: man fürchtete, alsdann werde der Bischof, der schon sehr viel Blut verloren, sich rettungslos verbluten. Man hatte das Lager des bleichen Mannes in dem geräumigsten luftigsten Gelasse des Dombaues, der Bücherei, aufgeschlagen: man wußte, sie war -- nach dem Waffensaal, aus dessen Vorräten die Bürger waren ausgerüstet worden -- der Lieblingsaufenthalt Herrn Heinrichs gewesen. Wie viele Nachtstunden hatte er hier durchwacht, den schweigenden Gang der Sterne verfolgend, ein stiller, einsamer Mann, »wachend und betend« und doch gar oft »in Anfechtung fallend«!
Der Wunde fand die volle Besinnung nicht wieder: auch nicht, als er sanft von dem Schild herab auf ein Pfühl in der Bücherei gelegt wurde; wohl war es ihm einmal, gleich beim Eintritt in die Stadt -- noch unter dem Thorbogen -- gewesen, als beuge sich ein bleiches, schönes Frauenantlitz auf ihn herab, als fühle er eine leise Berührung ihres Mundes: -- dann hatte er eine große, große Erleichterung des Atmens verspürt -- aber er sagte sich gleich selbst, das sei ein Gebilde seiner Träume, des Wundfiebers.
Lange, lange Zeit lag er so. --
In dem Bischofshause sammelten sich, nachdem die weltliche Arbeit des Tages erledigt und der schuldige Dank dem Himmelsherrn dargebracht war, die nächsten Zugehörigen des wunden Mannes. Es waltete nicht nur in der Bücherei, auch in den andern Räumen des Hauses jene bange, atemverhaltende Stille, welche die Sorge um das Leben eines geliebten Kranken verbreitet; wer einmal ihren beengenden Druck lasten gefühlt auf der Seele, vergißt sein nie mehr.
* * * * *
In einem Vorsaale der Bücherei saßen Hand in Hand die beiden Liebespaare: sie sprachen in bangem, leisem Flüsterton.
»Wie traurig!« klagte Fulko. »Wir andern alle dürfen uns der geschenkten Welt erfreuen. Ist es doch, als habe Gott der Herr die Erde zum zweitenmal für uns geschaffen! und nur Er -- der Beste von uns allen! -- soll sich nicht mit uns des gesicherten Daseins erlaben.« »Ja, aber, Liebster,« koste Minnegard, verschämt das Köpflein an seiner Schulter versteckend. »Nun steht die Welt immer noch! Und die Welt und alle Leute werden schelten: -- -- -- es ist schreckbar, +wie+ sie alle schelten werden! Und wenn sie erst +alles+ wüßten, wie der liebe Gott es weiß, dann würden sie gar nie mehr aufhören!«
Fest sah Edel dem Geliebten in die Augen: »Ich sage der Welt und dem Herrn Bischof, bevor er stirbt, alles. Und fürchte mich nicht.« Er drückte schweigend ihre Hand.
»Ja, das ist keine Kunst, streng Schwesterlein,« lächelte die Braune. »Erstens hat der Herr Bischof dich nie zur Nonne bestimmt: -- was will er Besseres für dich als einen Eheherrn wie dieser junge Ritter Georg? Und zweitens« -- sie stockte, sie errötete, und schmiegte das Haupt wieder an die Brust des Geliebten. »Nun, was, mein Liebling?« -- »Kann's nicht sagen.« -- »Nur mir ins Ohr -- ins Herz vielmehr.« -- »Die andre hat wohl nicht soviel zu gestehen: -- oder doch im stillen zu bereuen: nein,« brach sie leidenschaftlich aus, »nicht soviel zu bereuen, nein, selig zu bejubeln!« Und sie küßte ihn heiß auf den Mund und umschlang seinen Nacken mit beiden Armen.
IV.
Schon fielen sie seitlich ein, die Strahlen der sinkenden Sonne des langen, langen Sommertages durch die Öffnung des Bogenfensters: -- der dunkelgelbe Vorhang war zurückgeschlagen --: ein goldiger Streif spielte auf dem dunkelfarbigen Kopfpolster und berührte das bleiche Antlitz des stillen, blassen Mannes: -- da holte der auf einmal tief und voll Atem und schlug die Augen weit auf.
»Wo bin ich?« fragte er matt. »Nicht im Sarg! Nein. Es ist hell. Nicht im Jenseits -- nein -- das ist -- was da hängt -- o Gott! es ist mein Schwert! -- Ringsum die Wände -- meine Bücherei. Ja, ja! Die Welt steht! Mitternacht war ja auch schon vorbei. Gott -- ich danke, daß du die Heiden von der Stadt gewehrt -- ich sah sie fliehen! -- nun will ich gern sterben.« »Nein, Herr Bischof, nicht sterben. Leben sollt -- leben +werdet+ Ihr jetzt,« sprach da eine wunderliebliche Stimme und über ihn neigte sich ein sanftes bleiches Antlitz und zwei Thränen fielen auf seine Wangen. »Heilfriede! Nein, das war diesmal kein Traum. Und wir sind nicht gestorben -- beide?« Sie schwebte leise an die Thüre des Vorsaals und winkte den dort Harrenden, einzutreten. »Gestorben? Nein. Gerettet seid Ihr, Herr Bischof!« jubelte Fulko und küßte seine Hand. »Gerettet durch diese Frau!« rief Edel. »Das ist gar keine Frau,« besserte Minnegard, »das ist eine Heilige.« »Ein Engel auf Erden,« schloß Hellmuth. »Und es war auch kein Traum,« lächelte die stille Frau, die nun zu seiner Linken kniete und ihm einen Heiltrunk reichte, »daß Ihr mich schon vor Stunden gesehen.« »Wir zagten, wir verzweifelten ob Eurer Wunde --« begann Fulko. »Wir fürchteten das Gift, und wußten -- auch der Klosterarzt nicht -- Hilfe,« klagte Edel. »Aber Frau Heilfriede!« fuhr Minnegardis freudig fort. »Weiß Gott, wie sie auf einmal, -- schon im Thorbogen -- da war,« rief Fulko. »Sie beugte sich sofort über Euch,« ergänzte Hellmuth. »Und obwohl der Klosterarzt verbot, das Messer zu entfernen, zog sie es sanft heraus. Viel Blut floß nach! Und dann ... Ja dann! Obwohl der Arzt sie warnte, es gebe Gift, das nicht nur im Blut, auch im Magen den Tod bringe --« »Kein Wort sprach sie,« rief Fulko, »ihren Mund preßte sie auf Euren Hals und sog die Wunde aus in tiefen Zügen.«
Da schaute Herr Heinrich verklärten Blickes auf zu der Errötenden; die schlug die langen blonden Wimpern nieder.
Nun schloß auch der Wunde die Augen: -- aber er konnte doch nicht hindern, daß sie weinten; er griff nach ihrer Hand; sie ließ sie ihm willig. »Aber auch ich werde nicht sterben,« sprach sie beschwichtigend. »Viele Stunden ist's her. Längst hätte das Gift gewirkt. Ich aber -- ich bin ganz wohl. Ach, und ich bin so glücklich.« -- »Wie ... wie war doch alles ... vorher? Nach unsrer Unterredung? -- Was hab' ich doch ... dann -- vor dem Gefecht -- noch gethan?« Da fiel sein im Saal umhersuchender Blick auf das Räucherbecken. Er stieß einen jähen Schrei aus und fuhr empor aus den Decken: er wollte sich aufrichten: aber matt sank er zurück. »Um Gott!« stöhnte er. »Nun steht die Welt noch! Und ich -- ich Unseliger! Was hab' ich gethan! Weh mir! Sankt Burchhards Recht -- den Beweis! -- hab' ich zerstört. Die Schenkung ... die Urkunde Kaiser Karls hab' ich verbrannt!« Und er hob die beiden geballten Fäuste und wollte sie sich in das Antlitz schlagen. Schrecken ergriff die andern: aber zwei weiche Hände haschten die Fäuste und zogen sie sanft hernieder auf die Bettdecke: »Daran habt Ihr sehr recht gethan, Herr Heinrich,« sprach die herzgewinnende Stimme. »Ich wollte Euch gerade bitten, es zu thun. Denn sie war falsch.« »Was? Was sagt Ihr?« rief Heinrich. »Unmöglich! Jener ... Berengar ... verstand sich scharf auf Urkunden.« -- »Jawohl. Nur allzu scharf! Er verstand auch, sie zu fälschen. Gemäß Eurem Gebot ward auch er in die Stadt getragen. Ich sah nach seiner Wunde; ich sagte ihm, er müsse sterben. Und nun sterbend, in den Qualen des Todes, zitternd vor der Hölle, hat er all seine Schuld bekannt und bereut. Er hatte mit Zwentibold abgeschlossen: -- er glaubte nicht an das Ende der Welt: er wollte die Wenden in die Stadt lassen und Euch ermorden. Er starb, nachdem er mir aufgetragen, Euch zu bitten, sein Machwerk zu zerstören.« »Ihr wollt mich ...? Nein, dieses Antlitz kann nicht täuschen,« rief der Bischof und atmete beseligt auf. -- »Die Schenkung Kaiser Karls war falsch: Ihr wart im vollen Unrecht gegen meinen Mann. Aber eine andre Schenkung -- eines andern Kaisers -- die ist echt. Eine Ersatzurkunde -- für die verbrannte falsche -- ist Euch erworben.« -- »Ihr ... Ihr habt ...?« -- »Nicht ich. Und nicht aus meiner Hand sollt Ihr sie nehmen. Aus einer andern Hand. -- Herr Heinrich,« flüsterte sie in sein Ohr -- »der Herr hat so große Gnade an Euch gethan ...« -- »Durch seinen lichtesten Engel!« -- »Ihr könnt jetzt nicht Groll in der Brust tragen.« -- »Nein. Ich vergebe dem toten Fälscher.«
»Auch nicht gegen Lebende Groll. Herr Heinrich: unten im Waffensaale steht mein Mann. Er traf bei Sonnenaufgang auf dem Schlachtfeld ein, mit dem Aufgebot der nächsten Gaue: -- er hatte von dem Zug der Wenden auf Würzburg gehört, war ihnen auf dem Fuße gefolgt und hat die Flüchtigen in den Main gesprengt. Er wartet. Er hat Euch was zu bringen. Aus Italien. Vom Kaiser Otto. Er selber hat's bewirkt, -- schon vor vielen Wochen -- und mitgebracht. Es ist was Freudiges! Freude wird Euch nicht schaden -- wird Euch gut thun. Darf ich Graf Gerwalt rufen?«
Er konnte nur stumm nicken.
»Aber vorher noch,« sprach die ernste Frau jetzt gar holdselig lächelnd -- »vor den Staatsgeschäften -- eine Stärkung. Sagt, ihr tapfern Junker -- ihr wißt doch sicher, wo hier im Bischofskeller der beste Wein liegt?«
Beide waren schon an der Thüre! Die Gräfin und die Mädchen folgten ihnen.
V.
»Supfo, Supfo!« rief Hellmuth lautschallend durch das Haus. »Wo ist Supfo? Wo steckt der dicke Schalk?« »Ich hab' eine Ahnung!« lachte Fulko und eilte durch die Vorhalle auf die Fallthüre zu, welche die Kellertreppe schloß.
Da ward diese Thüre von unten aufgestoßen und auf der obersten Stufe erschien Supfo, ein strahlendes Lächeln auf dem stark geröteten hübschen rundlichen Gesicht; auf seiner linken Schulter lag, behaglich schnurrend Mucia, die Kluge, in der Rechten trug er einen mächtigen erzgetriebenen Krug, aus welchem ein starker, herzerfreuender Duft aufstieg.
»Ja Supfo! Wo wart Ihr denn die ganze Zeit?« -- »Da, wo ich hingehöre, ihr Gelbschnäbel!« -- »Supfo -- ist es möglich? -- Ihr habt? -- während des Untergangs der Welt ...?« -- »Na, ist sie untergegangen?« -- »Aber sie sollte doch.« -- »Nicht doch! Sie sollte eben +nicht+! Hab' ich's euch nicht vorausgesagt? Mucia und ich, wir wußten es besser.« -- »Aber Supfo! -- Wann seid Ihr denn da hinunter?« -- »Vorgestern Abend.« -- »Und die ganze Zeit verschlafen?« -- »Das ist Verleumdung. Nur die zweite Hälfte.« -- »Und das Sturmblasen von allen Türmen! Das Hinaussprengen der Reisigen, den Auszug und den Einzug? Ihr hättet wirklich die Posaunen des Gerichts auch verschlafen.« -- »Haben sie geblasen? -- Was ich that in der ersten Hälfte der Zeit? Nun, der Griechenwein ist zu Ende. Das ist die Neige -- diesen Vollkrug hab' ich für den Herrn Bischof und für euch gespart. -- Wer war nun der klügste Mann in ganz Würzburg?« Und er lachte, daß ihm das runde Bäuchlein bebte, bis ihm Fulko erzählte, aus welchen Gefahren und Sorgen sie sich eben erst geborgen wußten. Da humpelte der Dicke -- unglaublich rasch -- die Treppe hinauf und an Herrn Heinrichs Lager und sank dort auf die Kniee und weinte, weinte Thränen des Schmerzes und der Freude durcheinander.
* * * * *
Während Hellmuth den Grafen Gerwalt aus der Waffenhalle holte, wartete die Gräfin mit den beiden Mädchen und Fulko im Vorsaal.
Da trat Minnegard an Frau Heilfriede heran und begann, ziemlich kleinlaut: sie schlug die Wimpern nieder -- denn allzu glücklich für eine zage Bitte und geheimen Glückes zu süß bewußt leuchteten -- sie fühlte das -- ihre minneseligen Augen: »Was soll nun werden aus ... aus uns beiden armen jungen Paaren? Wir hatten uns ganz darauf eingerichtet, daß heute nur der liebe Gott, der -- leider Gottes! -- doch ohnehin alles weiß, mit uns rechten werde können über das, was wir Mädchen diese Nacht gethan -- oder doch: erlitten« seufzte sie, »und vielleicht nicht ganz heftig genug abgewehrt: -- wer konnte aber heute Nacht um Hilfe gegen Entführer schreien? Es hätte doch niemand darauf gehört!« Da lachte Fulko. »Mein süßes ... Kind. Deiner Mutter Klosterwunsch galt nur für die alte Welt: -- die ist heut' Nacht versunken: -- nicht bindet er für die neue, die uns der Herr Gott heute geschenkt.« »Das würde der Herr Bischof schwerlich gelten lassen,« meinte die Frau Gräfin, drohend den weißen Finger gegen Fulko hebend: »aber getrost. Herr Heinrich steht so tief in der Schuld des gnädigen Himmelsherrn, --« »Und in der Eurigen,« riefen die drei andern. -- »Daß er auch ein Übriges an Güte thun muß -- und wird. Seid ganz getrost. Ich -- ich führe eure Sache -- aller vier.«
»Dann ist sie gewonnen!« jubelte Minnegardis, warf sich an ihre Brust und küßte sie stürmisch. »Wie sollen wir Euch danken?« fragte Edel, tief gerührt. -- »Mein Dank ist -- euer Glück. Ich war auch einmal jung. -- Da kommt mein Mann. Nun zu ihm ... zu Herrn Heinrich.«
* * * * *
Am Lager Herrn Heinrichs stand Graf Gerwalt, eine stattliche, mannhafte Kriegergestalt in voller Waffenrüstung, nur ein paar Jahr jünger als der Bischof, aber sein blondes Haar war weit weniger ergraut. Er hielt des Wunden Hand gefaßt und sprach: »Ihr habt mir nicht zu danken. Was ich gethan, ich that's nicht Euch zu lieb' -- ich that's fürs Reich. Ich kam zu der Einsicht, daß, wie die Dinge hier in der Stadt und im Gau nun einmal liegen, Bischof und Graf, auch wenn sie beide nicht solche Streitköpfe sind wie wir, auch bei friedfertigem Sinn -- unablässig in Hader über die Grenzen ihrer Rechte kommen werden, kommen müssen. Deshalb hab' ich -- und allerdings auch, weil ich den Rothenburger Heinrich als einen Mann kenne, der Land und Leute trefflich zu leiten und -- wir haben's diese Nacht wieder erlebt! -- zu schirmen weiß, bei Kaiser Otto mit Hilfe Eures klugen Bruders, des Herrn Kanzlers, durchgesetzt, was fortab -- nun, ich lese Euch seine Urkunde vor«; und er ließ sich von Frau Heilfriede ein Pergament reichen mit dem großen kaiserlichen Siegel und las:
»In dem Namen der heiligen unzerteilten Dreifaltigkeit Otto der Dritte, ein Knecht Jesu Christi und römischer Kaiser, Mehrer des Reichs, nach dem Willen Gottes, unsres Seligmachers und Erlösers. Was von unserer Majestät zu Erhöhung der Kirchen Gottes und seiner Heiligen gegeben wird, das, so hoffen wir, wird sonder Zweifel zur Stätigung unseres Reiches und uns zur Freude des ewigen Lebens ersprießlich sein. Darum sei kund allen unsern gegenwärtigen und künftigen Getreuen, daß wir um Willen der Bitten des ehrwürdigen Erzbischofs und Kanzlers unsres Reiches, Herrn Heriberts, auch auf verständige und für des Reiches Nutz zuträgliche eindringliche Vorstellung des tapfern Herrn Gerwalt, bisher Grafen des Ran- und Waldsassengaues und dazu aus besonderer Ehrung der wackern Dienste in Krieg und Frieden, die uns Herr Heinrich, weiland Graf von Rothenburg ob der Tauber, nunmehr aber Bischof von Würzburg, geleistet hat, diesem Herrn Bischof Heinrich und all seinen Nachfolgern zu Ehren des allmächtigen Gottes, Seligmachers der Welt, und der kostbarlichsten Martyrer Sankt Kilian, Sankt Coloman und Sankt Totnan geweihet haben, geschenkt und gewidmet zwo Grafschaften, genannt Waldsassen -- mitsamt Stadt und Weichbild von Würzburg -- und genannt Rangau in dem Lande, das man das Morgenfrankenland heißt, gelegen, die wir mit allem Zwang, allen Satzungen und unserm königlichen Banne, mit Ordnung und Gerichtsbarkeit, nichts ausnehmend von dem allen, was die Grafen oder sonst irgend ein Mensch von Herkommen und Gewohnheit wegen haben sollen, und dies alles mit aller Nutzbarkeit den obgeschriebenen Martyrern zu eigen gegeben und aus unsern Rechten und unsrer Herrlichkeit in des ehrwürdigen Bischofs Heinrich und seiner Nachfolger Recht und Herrlichkeit gänzlich übertragen haben: nämlich in der Gestalt, daß gemeldeter, ehrwürdiger Bischof Heinrich und alle seine Nachfolger die vorgenannten Grafschaften wie immer es ihnen gefallen wird für und für ordnen, selbst verwalten oder einen andern als Grafen damit belehnen mögen, ohne daß wir, unsere Nachfolger oder sonst männiglich Eintrag und Widerspruch erheben mögen. Und damit diese unsere kaiserliche Übergabe nun und hinfort desto beständiger verbleibe, haben wir diesen Brief mit eigener Hand gefestigt und zu besiegeln geboten. Gegeben den dreißigsten Tag des Maien, nach der Menschwerdung des Herrn im tausendsten Jahr, in der dreizehnten Römer Zinszahl, in unseres des dritten Otten Königtum dem sechzehnten und unseres Kaisertums im fünften Jahr. Gegeben zu Rom: seliglich. Amen.«
Herr Heinrich reichte ihm die Hand und suchte sein Auge, gewaltig hob sich ihm die Brust in tiefem Atmen. Es dauerte geraume Zeit, bis er sagen konnte: »Dank! -- Heißen Dank! Und war mir doch geweissagt, ich würde nicht sterben, bevor ich meinen schlimmsten Feind erschlagen! Ich meinte, das ... war ...« »Nicht ich!« sprach Graf Gerwalt und strich ihm über die Stirne.