Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus

Part 17

Chapter 173,583 wordsPublic domain

Da sprengte Hellmuth, welchen der Bischof entsendet hatte, Nachricht von seiner rechten Flanke einzuholen, wo die Wenden auf den Wiesen, nach dem Vordringen ihrer Hornrufe zu urteilen, erheblich Raum gewonnen, auf die Straße zurück und meldete: »Nun geht's wieder da drüben! Es stand schlimm. Aber ein Häuflein Bürger, das eben eintraf und das ich und Gericho den wendischen Reitern entgegenwarfen, hat das Gefecht dort gestellt. Jung Gericho macht seine Sache gut. Allein Übles vernahm ich von unserm linken Flügel her. Dort scheinen ...«

Er konnte nicht vollenden.

Denn von eben dort, von Osten her, sprengte Blandinus, der zu gleichem Zweck entsendet worden war, auf die linke Seite der Straße: den Helm hatte er verloren, sein Gesicht war von Blut aus einer klaffenden Wangenwunde überströmt. »Herr Bischof, wir sind umgangen. Die feindlichen Pfeilschützen und Fußknechte haben die wenigen Bürger in den Weinbergen überwältigt. Baumeister Hesso, der starke, treue Mann, der sie befehligte, ist gefallen: ich führte die Weichenden zu einem letzten Stoße vor -- umsonst -- -- mich traf ...« Er wankte: Fulko hielt ihn aufrecht im Sattel.

Herr Heinrich drückte in bitterem Schmerze die Augen zusammen: »Zurück? In die Stadt? Nein! Weichen wir einen Fuß breit, -- sind wir verloren und der Feind dringt mit uns ein. Das soll nicht sein.« -- »Nein!« rief Hellmuth. »Um keinen Preis! Seht, dort hinten schart sich ein frischer, ein noch stärkerer Haufe Fußvolks zum Stoße gegen uns. Kommt zuvor! Laßt uns noch einmal einsprengen, so gut es eben geht, und dabei fallen, das Gesicht nach vorn!« »Jawohl,« rief Fulko. »Es muß doch endlich einmal gleich Mitternacht sein. Dann holen die Englein unsere Seelen hier und die Heiden holt, wie billig, der Teufel. Drauf und drein, Herr Heinrich! Auf Wiedersehen im Himmel, Minnegard.«

Und schon wollte der Bischof, zum Tode bereit, den Befehl geben zum letzten hoffnungslosen Ansprengen wider den entgegenstarrenden Lanzenrechen, als plötzlich, wie durch ein Wunder, das Gefecht völlig umschlug.

VIII.

Denn auf dem rechten Flügel der Wenden -- östlich der Straße -- in den Weingärten und von den Waldhöhen herab ertönte auf einmal wildes, wüstes, verworrenes Geschrei.

Freund und Feind stutzte, hielt ein im Kämpfen, wandte dorthin Augen und Ohren. Und schon stürzten die wendischen Pfeilschützen und Fußknechte, aufgelöst, in wilder Flucht, die Höhen herab, auf die Straße, in die rechte Seite der Ihrigen hinein, brachten diese in volle Verwirrung und warfen sie mit solcher Wucht auf die Mitte und diese auf die westlichen Nebenmänner, daß diese über die steile Straßenböschung hinunter in die Wiesen stürzten.

»Steht, beim Zrnbog! steht! meine Brüderlein,« schrie den flüchtigen Pfeilschützen eine schrille Stimme zu. Und ein Führer, auf schwarzem Roß, in ganz schwarzer Gewandung und Rüstung, warf sich ihnen entgegen, den Nächsten über den Haufen reitend, den zweiten an der Schulter packend und mit eisernem Griffe festhaltend, daß er wohl stehen mußte. »Steht doch! Es ist ja schon alles gewonnen!« »Ja, steht, ihr Memmen!« schrie Berengar herzureitend. »Habt ihr den Teufel gesehen, daß ihr so lauft?« »Wie? du bist's, Kratochwyl?« rief der auf dem Rappen. »Bist doch wahrlich kein Feigling! Hab' dir ja den ganzen rechten Flügel anvertraut! Wer jagt euch denn so?« »Der Teufel,« keuchte der Wende atemlos. »Wirklich der Christenteufel -- wie der Christenpfaff gesagt hat. Wir hatten die Bürger vor uns zurückgeworfen -- schon zweimal! -- hatten fast schon den Kamm der Höhe erstiegen, -- da plötzlich brach aus dem dichtesten finstersten Buschwald in unsere rechte Flanke -- hoch von oben herab -- ein rasender Riese -- nicht gar viele hinter ihm! -- Aber ein Riese! In Wolfsfellen! Das muß der Teufel selber sein! Unverwundbar! Die Pfeile prallten von seiner Wolfsschur ab. Er sprang mitten unter uns: ›Hilf, Woden! Woden hilf!‹ schrie er unablässig und bei jedem Schrei schlug er mit einem fürchterlichen Balken, den er mit beiden Händen schwang, einen, auch zwei von uns zu Boden. Da zog ich mein Wurfmesser -- du weißt, ich fehle nicht -- und warf's ihm seitwärts in den Kopf. Es traf: es blieb stecken. Aber er fiel nicht! Vorwärts sprang er gegen mich und -- ich sterbe. Flieh, Zwentibold! Es ist der Teufel!« Und er fiel um und war tot.

Zwentibolds geübtes Auge ersah, daß er die Flucht seines zersprengten rechten Flügels nicht hemmen konnte. Rasch entschlossen befahl er seinem Mitteltreffen, vorzurücken und die Fliehenden hinter sich vorüber fluten zu lassen, wohin sie wollten.

Er warf einen Blick nach vorn, überzählte die geringe Schar der deutschen Reiter, fand, daß von den Seinen immer noch genug in Ordnung standen, sofort vorgeführt zu werden, und befahl mit gellendem Hornruf den Vorstoß. Jetzt erst zog auch er den krummen Säbel. »Nun hat's Sinn, daß auch der Feldherr ficht,« rief er Berengar zu. »Drauf, meine Brüderlein! Wir sind immer noch fünf gegen einen. Werft den Bischof dort und seine paar Reiter und euer ist die reiche Stadt. Plündert sie und brennt sie nieder!«

Ein gellendes Geheul -- wie von Rudeln hungriger Wölfe -- ward ihm zur Antwort. Vorwärts sprengten und rannten die Wenden und da die Deutschen, die neue Wendung erkennend, im selben Augenblick anritten, prallten beide Scharen sofort zusammen. Gewaltig war der Stoß. Gab den Deutschen die Wucht der Hengste und der Waffen großen Vorteil, -- voll aufgewogen ward er durch die starke Übermacht der Wenden. Ein wildes, heißes Ringen auf der Straße: -- nach Osten, die Hügel aufwärts, gab es kein Ausweichen für die Gäule -- so drängte alles von der Mitte nach Westen gegen den Fluß hin: da stürzten die Rosse und die Reiter und die Fußknechte der Wenden, oft, wie Käfer, aneinander zu Klumpen geballt, in dichten Massen hinunter auf die Wiese. Zwentibold merkte, daß dort die Seinen schwere Verluste litten; er bahnte sich den Weg hierher; Berengar war dicht hinter ihm. Beide ersahen an der Spitze der Deutschen hier einen Gewaltigen auf weißem Roß, der mit sausenden Streichen seines langen Schlachtschwerts hoch von oben herab die Fußknechte wie Mohnköpfe niedermähte. »Der Bischof!« riefen beide wie aus einem Munde. Und alsogleich fielen sie beide ihn an.

»Schaut links, Herr Heinrich!« schrie Hellmuth und fing mit dem Schild einen sehr starken Säbelhieb Zwentibolds, während Fulko mit dem Schwert einen Speerstoß Berengars zur Seite schlug, daß der Schaft zersprang. Aber da stürzte, von dem Lanzenstoß eines Fußknechts getroffen, Fulkos Rappe und begrub den Reiter unter sich. Sofort riß Berengar das Schwert aus der Scheide und hieb auf Herrn Heinrich ein. Aber der -- nun gewarnt -- schwang ausholend mit aller Kraft -- denn er war jetzt sehr zornig! -- die Klinge hoch in die Luft und hieb ihm den Schwertarm samt Hand und funkelndem Schwert hart an der Schulter, gerade wo er aus der Brünne trat, so säuberlich ab, als wär' er niemals dort angewachsen gewesen. Aufbrüllend vor Schmerz schlug der Verstümmelte rücklings aus dem Sattel.

Allein nun warf sich Zwentibold auf den Bischof.

Seines bisherigen Gegners Hellmuth, mit dem er blitzschnelle funkensprühende Hiebe getauscht, hatte er sich soeben entledigt, indem er des Gegners Roß durch einen tückischen Hieb über die Vorderbeine zu Fall gebracht. »Hierher, Brüderlein! Alle zu Hauf! Auf den Bischof! Auf den Schimmel!« schrie er.

IX.

Und nun wäre Herr Heinrich -- bei aller Kraft des Armes und aller Tapferkeit des Herzens -- doch verloren gewesen. Blandinus, der ihm beispringen wollte, stürzte, aus nächster Nähe von einem Wurfspeer mitten auf die Brünne getroffen, aus dem Sattel. Der nächste der bischöflichen Reiter, der den Schild über seinen Herrn hielt, ward von Zwentibold über das Gesicht gehauen; und während Herr Heinrich alle Mühe hatte, sich der raschen Doppelhiebe des Fürsten zu erwehren, erschaute er die spitzen Speere von vier Fußknechten gegen sich und sein schon mehrfach verwundetes Roß gezückt. Er sah den Tod vor Augen. »O Heilfriede!« dachte er noch, »Gott sei mir gnädig!«

Aber da ergellte ein wilder Schrei vieler Feinde von seiner linken Seite: -- er verstand die Worte nicht: -- jedoch auf einmal sah er von der Anhöhe des Weinbergs zu seiner Linken in gewaltigem Satz auf die Straße herabspringen eine Hünengestalt -- und eine furchtbare Waffe schmetterte nieder auf das Roß Zwentibolds. »Hilf, Woden!« scholl es nun ganz nah an seiner Seite, und der Ankömmling schlug mit einem zweiten Streich den nächsten Lanzenknecht nieder. Die drei andern ließen zwar noch nicht ab: sie packten des Bischofs Roß am Zügel und zielten auf den Reiter mit den Speeren. Aber dem einen fuhr mit wütendem Gebell ein grauer Wolfshund an die Kehle und gleichzeitig fielen die beiden andern vor den hochgeschwungenen Schwertern Hellmuths und Fulkos, die sich inzwischen unter ihren Gäulen hervorgearbeitet hatten.

Jedoch auch Zwentibold stand schon wieder, katzenbehend, auf seinen Füßen und wollte -- zum drittenmal -- Herrn Heinrich anfallen. Allein er kam nicht dazu.

»Halt, Schwarz-Riese: -- du bist mein. Hilf, Woden!« scholl es ihm entgegen und Rado hob den furchtbar wuchtigen Schürbaum. -- Der Slave duckte sich, sprang zurück und kauerte hinter einem toten Gaule nieder auf den Boden. »Warte, Langer, du kommst später. Dein Bischof hat den Vortritt.« So zischend nahm er den Säbel zwischen die Zähne, riß ein kleines, kaum fingerlanges Messer aus dem Wehrgurt, faßte das Hornheft mit nur den ersten drei Fingern der Rechten und warf die dünne Klinge gegen Herrn Heinrich. Schwirrend, pfeifend durchschnitt sie die Luft -- und traf. Gerade, wo zwischen dem Halsrand der Brünne und dem Sturzrand der Sturmhaube eine schmale Lücke klaffte, oberhalb des Schlüsselbeins, drang die scharfe Spitze in den Hals. Der Getroffene glitt langsam nach rückwärts aus dem Roß, das Schwert aber ließ er nicht aus der Faust.

Hellmuth und Fulko fingen den Sinkenden auf.

Gleichzeitig aber sprangen Rado und Zwentibold widereinander, beide in tödlichem Haß, nicht sich zu decken, nur zu treffen bedacht. -- Und beide trafen. Dem Alten hatte die geschweifte Säbelklinge die dicke Sturmhaube aus dreifachem Wolfsfell durchschnitten und war noch tief in den Schädel gedrungen: -- dem Slaven aber war die schwarze Pelzmütze und der schwarze Kopf in Eins zusammengeschlagen.

Das waren fast die letzten Streiche, die geschlagen wurden in diesem Gefecht. Denn die Söldner auf der Heerstraße entscharte der Schreck, als sie den Führer fallen sahen, dem sie blind in abgöttischem Vertrauen zu folgen so lange gewohnt waren. Ohne ihn zu kämpfen, waren sie nicht fähig.

Zugleich trafen nun von Osten, von den Höhen und Halden herab, jene Bürger ein, die unter Rados Führung den rechten Flügel der Wenden zersprengt hatten. Sie fielen den auf den Wiesen westlich von der Straße noch im Gefecht mit Gerichos Schar ausharrenden Feinden in den Rücken und nun floh alles, was noch fliehen konnte zu Roß und zu Fuß eilfertig flußaufwärts, eifrig verfolgt von den Siegern.

Das sah noch Herr Heinrich, den seine Ritter unter einer alten Eiche, die am Wege stand, gebettet hatten. --

Er sah's mit strahlenden Augen und faltete die Hände um den Kreuzgriff seines blutigen Schwertes: »Herr Gott,« sprach er, »dich loben wir. Sieg! Sankt Burchhards Stadt gerettet! Nun will ich gerne sterben. -- Und seht -- seht dorthin, meine Freunde! Dort im Osten flammt es lohend auf! Das -- das sind die Flammenboten -- das sind die Cherubim des Herrn, der zum Gericht herniedersteigt.«

»Nein!« jubelte Fulko laut aus voller Brust, mit erhobenem Schwerte deutend. »Das ist Sonnenaufgang! Mitternacht muß ja längst vorüber sein! Wir dachten nur nicht dran im Drang des Kampfes! Vorüber ist der gefürchtete Tag -- und die Welt: -- sie steht noch! -- Es war ein Wahn! -- Herr Gott, wir danken dir aus tiefster Seele! Nein, du wolltest sie nicht vernichten, deine alte, liebe, schöne Welt!« Und er warf sich auf die Kniee und hob dankend, frohlockend, beide Arme gen Himmel.

Da fiel der erste Strahl der Sonne über die Höhen auf sein Antlitz: trillernd stieg aus den Wiesen eine Heidelerche in den noch grauen Himmel. --

Und Hellmuth und Blandinus und alle, die nicht die Wunde hemmte, thaten desgleichen, warfen Schwert, Speer und Schild von sich, und aus vielen hundert Kehlen in die dämmernde Morgenfrühe hinauf -- deutsch und lateinisch durcheinander -- klang der alte Lobgesang:

Gnade, du, nicht in Zeit ~Nunquam resolvitur,~ Nein, in Unendlichkeit, ~Nunquam revolvitur~ Immer erneut: ~Credens in te:~

Herr Gott, wir danken dir, ~Gratias agimus,~ Herr Gott, dich loben wir ~Gratias canimus~ Ewig wie heut! ~O domine!~

Sechstes Buch.

I.

Prachtvoll ging die Sonne des jungen Tages auf über dem Mainthal: der Himmel strahlte in wolkenloser Bläue: auf wieviel Glück und Freude sah er hernieder!

Viele Tausende von Menschen, die mit Entsetzen, mit Furcht vor schwerer Strafe durch den allwissenden Richter die Mitternacht herangewacht hatten, lagen nun auf den Knieen und priesen, unter strömenden Thränen, die oft von seligem Lächeln, ja von lauten Jubelrufen unterbrochen wurden, die Gnade des großen, des barmherzigen Gottes, der seinen Geschöpfen nach wie vor die süße Lust des Atmens belassen und vergönnt hatte.

Wo heute in Würzburg nahe der Brücke der stattliche »Vier-Röhren-Brunnen« steht, da scharen und verweilen sich am Morgen und am Abend gar gern die Mägde, nachdem sie das Wasser in ihre auf dem Rücken getragenen »Butten« geschöpft haben. Gar oft läuft die Butte über, weil zwar sie mit Wasser gefüllt ist, aber noch nicht das harrende Mägdelein mit den Neuigkeiten -- meist nicht so lauterer Art wie Brunnenwasser! -- welche ihr die Nachbarsmagd, die Freundin, zuträgt; oder mit den Koseworten, die ihr der schon lang hier ihrer wartende Schatz zu sagen hat.

Damals schon war an derselben Stelle ein tiefer Ziehbrunnen gegraben, der reichlich Wasser spendete: ein paar Lindenbäume standen im Kreis um das runde Gemäuer aus rotem Sandstein herum und in den Ästen eines derselben war das Holzbild Sankt Kilians, in grellsten Farben gemalt, unter einem vorspringenden dreieckigen Schutzdach angebracht.

Dieser Brunnen und seine schattige und zugleich geweihte Umgebung war auch damals schon ein Lieblingsort der Würzburger, die schon damals erstaunlich viel über sich selbst -- und zumal über andere Leute! -- zu plaudern hatten; hier und auf den Stufen, die zu der nahen Brücke hinanführten, drängten sich die Leutchen zusammen, wann es etwas zu erzählen gab. Und es gab immer etwas zu erzählen zu Würzburg, obwohl -- streng genommen -- nicht gerade sehr viel dort, in der frommen und weinfrohen Stadt, sich zu ereignen pflegte.

Aber heute, -- am fünfundzwanzigsten des Brachmondes des Jahres eintausend, -- da gab es allerdings einiges zu erzählen! Und es ist den Würzburgern von damals kein Vorwurf daraus zu machen, daß sie diese Gelegenheit, sich einmal auszusprechen, sich nicht entgehen ließen, sondern recht ergiebigen Gebrauch davon machten. Das wichtigste von allem war ihnen, daß sie überhaupt noch vorhanden waren; auf diese erfreuliche Thatsache kamen sie immer wieder zurück.

Um den Brunnen und auf den Stufen der Brücke und auf dieser selbst wogte eine mächtig bewegte Menge, Männer, Weiber und Kinder, Bürger, Geistliche, Mönche, Reisige des Bischofs -- alles durcheinander. Es litt die Menschen nicht in der Einsamkeit, nicht in den engen Häusern: das Gemüt, von so gewaltigen, widerstreitenden Eindrücken der Furcht, des Grauens, der aufatmenden, aufjauchzenden Erlösung durchzittert, suchte nach dem Ausdruck seines aufs tiefste erregten Innern. So liefen denn die Leute überall zusammen und wurden nicht müde zu reden von der überstandenen Angst, von dem wilden Kampf mit den Wenden, von der Gewißheit der Errettung. Zumal auf der Mainbrücke standen die Menschen dicht gedrängt, sahen flußaufwärts und flußabwärts und hinan zu der ragenden Burg und freuten sich, daß sie noch lebten, und zeigten einander, wie schön und freundlich alles sei, die bewaldeten Hügel und die rebenbewachsenen Gelände und der helle glitzernde Sonnenschein auf dem lieben alten Main! So schön, meinten sie wohl, sei's noch gar nie gewesen in der trauten Heimat. --

»Nun,« sprach einer der jungen Bürger, -- dem alten Bezzo auf die Schulter klopfend, »gar manchem kamen die Wenden zum Verderben, aber Euch kamen sie zur Erleuchtung.« »Und mir zum Glück« rief Gericho, sein Liebchen um die Hüfte fassend. »Freilich,« lächelte Rosbertha, sich an ihn schmiegend. »Sonst hätt' der Vater nie eingesehen, wieviel mehr du wert bist als der dicke Spedilo mit all seinem Gelde.« »Nun ja,« rief Bezzo gutgelaunt, »wie konnt' ich glauben, daß mein bester Freund ein solcher Tropf ist? Wir standen nebeneinander auf der Wiese gegen die wendischen Reiter: -- im ersten Anlauf ritten sie uns über den Haufen! -- ich lag unter einem erstochenen Gaul, der mich schier zu Tode drückte. Da lief Spedilo an mir vorbei.« »Nach Hause!« lachte Gericho, unterbrechend. -- »›Hilf mir, Nachbar,‹ keuchte ich, ›hilf mir hervor. Ich ersticke.‹ Was antwortete mir der Lump? ›Schad' nicht! Erstickt ist auch gestorben.‹ Und lief weiter. Aber dieser wackre Bursche da -- oft gab ich ihm zu Unrecht harte Namen! -- er sah mich von fern, brach sich Bahn mitten durch die Wenden, riß mich unter dem Roß hervor, deckte mich mit seinem Leib und -- rettete mein Leben.« »Ja, und Hieb und Stich traf ihn dabei,« klagte Rosbertha zärtlich. »Bah, Kopf und Herz und auch beide Arme blieben ganz,« lachte Gericho, umschlang und küßte sie.

»Aber sagt,« forschte der Alte, »noch weiß ich immer nicht -- wir standen ja am weitesten rechts ab -- wie kam es denn, daß von links her der alte Rado -- gerad' noch zu rechter Zeit! -- den Wenden in die Flanke brach, mitten aus dem Grafenwald hervor?« »Ja,« erwiderte Gericho, »das hab' ich auch nur zum Teil herausgebracht aus den letzten Worten, die er mit Junker Hellmuth -- Gott segne seine Klinge! -- tauschte. Als sie den Herrn Bischof auf den Schild gelegt hatten, kniete Herr Hellmuth -- ich kam gerade dazu -- neben dem Alten nieder und wollte seiner Wunde pflegen. Da sprach der: ›Laßt's gut sein! Ich fahre zu Ihm! Dem Sieghelfer. Gut hat er diesmal geholfen. Lange, lange harrte ich auf Euch, Junker, an der beredeten Stelle, -- Ihr kamt nicht --‹« »Versteh' ich nicht,« meinte Bezzo. -- »Versteh's auch nicht. Aber der Junker verstand ihn; er antwortete: ›Mich führte höhere Pflicht in die Stadt zurück.‹ Und Rado fuhr fort: ›Plötzlich entbrannte tief unter mir -- auf der Straße, -- bald auch neben mir in den Weinbergen der Kampf. Ich sah -- wie wir's vorausgeschaut -- die schwarzen Scharen von Süden gen Norden vorstürmen: -- immer mehr Raum gewannen sie! -- Da lief ich zu den Bürgern, nördlich von mir, die in den Weinbergen nur noch schwer standhielten, raffte ein Häuflein, das mir gern folgte, zusammen, eilte mit ihnen in den Wald und auf Pfaden, die nur dem Luchs, mir und noch Einem bekannt, führte ich sie den Unholden in Flanke und Rücken. Und Woden half: er that das übrige.‹« »Woden!« flüsterte Rosbertha und bekreuzte sich, »den darf man gar nicht nennen.« -- »Der Junker und ich sahen wohl, daß der Alte dem Tode nahe sei: denn er redete nun ganz wirr: daß er den Schwarzen, den Rauchriesen nun doch glücklich erschlagen habe. -- Und der Junker erfüllte die letzte Bitte des Alten, daß er nicht, wie alle Verwundeten, in die Stadt gebracht werden solle -- auch die Feinde, so hatte der Herr Bischof noch befohlen -- zur Heilung und, falls sie stürben, zur Bestattung: -- sondern vier Bürger trugen Rado auf seinen Wunsch an den Main hinab unter die alte Rabenesche. Sein grauer Hund, aus tiefer Wunde blutend, wich nicht von seiner Seite.«

»Da schaut!« rief Rosbertha. »Wer fährt dort davon -- gegen das Ostthor hin -- in dem Wagen, -- dem leinwandüberzogenen?« »Das ist Isaak, der Jude,« antwortete Bezzo. »Aber Vater, er ist ja getauft,« mahnte Rosbertha. -- »Bah, scheint nicht geholfen zu haben auf die Dauer.« »Wieso?« fragte Gericho. »Er fehlte nie in der Dommesse.« -- »Wohl! Aber jetzt -- wißt ihr's noch nicht!« »Nein! Was denn?« fragten viele Stimmen zugleich. »Heute früh,« erzählte Bezzo, »kam seine Mutter zu meinem Röschen da --« »Die wackre Frau!« rief das Mädchen. »Hat mir oft die frühverstorbene Mutter ersetzt.« -- »Und teilte ihr mit, sie und ihr Sohn verließen für immer die Stadt, ja sogar das Reich. Sie gingen nach Jerusalem. Ihr Sohn ... --« »Er war oft recht wenig freundlich gegen sie!« schalt Röschen. -- »Ja, aber jetzt sei er ganz lammfromm und so voll Ehrfurcht und Gehorsam gegen seine alte Mutter! Und die Alte übergab meiner Tochter eine Schrift: für den Herrn Bischof -- es kann ja niemand zu dem Sterbenden! -- darin verschenkt Renatus seinen Hof in der Stadt und alles, was drin steht und liegt: aber an wen? Nicht an die Heiligen, nicht an seine Glaubensgenossen, die Christen! Nein! Der Herr Bischof soll alles verkaufen und der Erlös soll eine Stiftung werden zur Unterstützung armer -- Juden in Stadt und Bistum. Da grüßt die Alte nochmal mit der Hand aus dem Wagen! Nun, gute Fahrt nach Jerusalem!«

»Ob der Herr Bischof das wohl so ausführt?«

»Gewiß! Wenn er mit dem Leben davon käme. Aber ...« -- »Man sagt, es steht sehr, sehr schlecht!« -- »Ja! Das Messer, das seinen Hals traf, soll vergiftet gewesen sein. Er muß sterben!«

»O der arme, brave Herr!« klagte Rosbertha. »Der herrliche Held!« rief Gericho. -- »Seine beiden Junker pflegen ihn.« -- »Und Herr Blandinus.« -- »Nein. Der liegt selber wund danieder.« -- »Wo? Im Bischofshause?« -- »Nein! Bei Wartold draußen. Er eilte, sowie der Bischof zurückgebracht war, dorthin. Der Knecht Wartolds erzählte es mir, der in die Stadt lief, einen Arzt zu erbitten von den grauen Mönchen.« »Ja, ja,« lächelte Röschen. »Der Junker strich immer hinter der runden Runel drein.« »Blandinus kam eilends, um zu sehen, was aus ihr geworden,« fuhr Gericho fort. »Als er sie heil und unversehrt fand, atmete er tief auf und brach zusammen. Er hat sich in dem Strauß -- hätt's ihm nicht zugetraut! -- manchen Hieb und Stoß geholt. Nun liegt er draußen in dem Gärtnerhaus und die schlimme Runel pflegt ihn und weint dabei, daß ihr die hellen Thränen über die dicken Backen laufen und Schnufilo -- sonst eben nicht sein Freund! -- leckt ihm die Hände. So erzählte der Knecht, selbst voll Staunen. Ja, ja! es hat sich gar manches gewendet mit der Sonne in dieser Sonnwendnacht.«

»Aber sagt,« fragte Bezzo, »wie konnte es nur geschehen, daß die Leute in dem Gärtnerhof verschont blieben, während doch die Wenden ... --?« »Da kommt der alte Wartold selbst!« rief Gericho. »Mit einem großen, wunderschönen Strauß von Lilien,« sprach das Mädchen. »Kommt, Vater Wartold, Ihr seid müde. Man sieht's an Eurem Schritt. Setzt Euch ein wenig zu uns, hier, auf den Brunnenrand. Wir rücken zusammen. Erzählt uns doch, wie es Euch ergangen. Ihr seid gar seltsam bewegt.«

II.