Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus

Part 16

Chapter 163,654 wordsPublic domain

Pfeilschnell sauste das edle Tier durch die Wiesen gegen die Stadt dahin: es wieherte den schmetternden Trompeten feurig entgegen.

III.

Es waren noch etwa zwei Stunden vor Mitternacht.

Im Dome standen der Bischof und seine Geistlichen und so viele Gläubige, als der Raum zu fassen vermochte, Kopf an Kopf gedrängt, versammelt: auch in allen andern Kirchen und Kapellen hatte, nach Anordnung des Bischofs, nächtlicher Gottesdienst stattgefunden, ein paar Stunden nachdem die Vesperfeier vorüber war: auch sie waren sämtlich überfüllt.

Zu Hause blieben fast nur die Kranken, die Bett oder Haus nicht verlassen konnten und oft, aber nicht immer, ein Pfleger -- oder meist eine Pflegerin! -- welche die Pflicht, bei den Siechen auszuharren, höher anschlugen als den Trost, das Ende in der Kirche, in der schützenden Nähe der Heiligtümer zu erleben.

Nur Eine Ausnahme kam vor: -- der Bischof selbst hatte sie befohlen.

Die Führer der Thor- und Wallwachen, die er -- in Abwesenheit des Grafen -- ordnete, waren am Morgen vor ihn getreten und hatten ihn gefragt, ob sie nicht mit ihren Leuten heut, am letzten Tag der Welt, ihr kriegerisch Werk einstellen und in den Kirchen der Andacht aller andern sich anschließen dürften?

Bei Herrn Heinrich hatten auf diese Bitte hin der Bischof und der Kriegsmann einen scharfen Kampf geführt; aber der Kriegsmann hatte gesiegt. Er hatte die Stirne gefurcht und gesprochen: »Nein! Die Landbrenner sind nah! Jeder auf seinem Posten. Der Bischof vor dem Altar, der Turmwärter auf dem Turm. Findet uns der Herr dort, so findet er uns da, wohin wir gehören. Bis zum letzten Augenblick -- die Pflicht des Dienstes, des weltlichen wie des geistlichen.«

Mit stillem Kopfnicken hatte er, lange bevor er die Messe begann -- die letzte, die er zu lesen hatte! -- von dem Ankleidezimmer aus die Gräfin mit ihren Frauen die Steinstufen des Doms hinaufschreiten sehen. »Sie hält Wort,« sprach er gerührt; den Grafen Gerwalt sah er noch nicht, er vermißte auch noch Minnegard und Edel: aber er zweifelte nicht, sie würden rechtzeitig, wie er geboten, erscheinen.

Die Messe war gelesen, auch die Predigt zu Ende, in welcher der Bischof ernst, aber ohne weich zu werden, in mannhaften tapfern Worten zu seinen Hörern sprach, dem Feldherrn vergleichbar, der seine Sturmschar ermahnt, dem sichern Tode kühn entgegenzuschauen. --

Der Dom hallte wider von dem lateinischen Gesang der Priester und der Chorknaben, in welchen hin und wieder die Latein- und Sanges-Kundigen aus der Gemeinde einfielen. --

Wallend und wogend zogen dichte Wolken des Weihrauchs durch den von Öllampen und Kienspänen nur schwach beleuchteten einschiffigen Holzbau: -- bloß der Hauptaltar, wo der Bischof nun segnend stand, strahlte in der Helle zahlloser Wachskerzen. --

Da plötzlich schmetterte durch die offene Thür -- denn die Menge der Andächtigen drängte vom Chore durch die ganze Kirche und auch durch die Thüre hinaus bis auf die Stufen und auf den Platz vor dem Dom -- derselbe eherne Trompetenschall, welcher das wonneberauschte Liebespaar aufgeschreckt hatte.

Auch hier würde wohl die Vorstellung des Posaunentons des Weltgerichts -- heute allen die nächstliegende -- die Menge ergriffen und in dem dichten Gedränge Schrecken und Entsetzen verbreitet haben. --

Aber Herr Heinrich kam dem zuvor.

Sofort erkannte sein an solchen Ruf gewohntes Ohr die Eigenart dieses Grußes. Er ermaß auch blitzschnell die Gefahr, welche ein falscher Schreck über die vielen Hunderte, in engem Raum zusammengepferchten, höchst erregten Menschen bringen mußte.

So rief er denn mit seiner lauten Stimme, die gewohnt gewesen, mit dem Ruf des Befehls das Toben der Reiterschlacht zu überdröhnen: »Bleibt ruhig, ihr Gläubigen! Das ist nicht der Beginn des Gerichts! Ich habe befohlen, mit der Turmtrompete ... Hört ihr? Es ist die Trompete vom Sandturm -- jetzt auch vom Brückenturm! -- zu melden, wann sich das Raubgesindel gegen die Stadt heranzieht. Es sind Brandräuber!«

Da brach sich durch die Menge vor den Stufen ein ganz Gewaffneter Bahn -- er schob die Bürger, die Frauen, links und rechts kräftig zur Seite -- schon hatte er den Altar erreicht. »Auf, Herr Bischof! Hier Euer Schwert. Nehmt! Eure Sturmhaube! Euer Roß steht draußen gesattelt. Feinde vor der Stadt! Es brennen schon mehrere Höfe mainaufwärts. Kommt und helft!« Es war Blandinus, voll glühenden Eifers: Nie war sein schön Gesicht so schön gewesen, wie es jetzt unter der Sturmhaube hervorglänzte. »Helft! Rettet! Herr Bischof!« riefen die Bürger. »Was sollen wir thun?« »Hierbleiben! Beten!« schrieen die Weiber.

Aber Herr Heinrich richtete sich auf zu seiner vollen Höhe, riß das Schwert aus der ihm dargereichten Scheide, warf diese weg, und, hoch die Klinge schwingend, rief er: »Fechten sollt ihr! Nicht beten! Eure Stadt, Sankt Burchhards Weihtum, schirmen! Fallt ihr so, so fallt ihr schön und büßet manche Sünde. Wie können wir besser unsre letzte Stunde verleben, als im Kampfe für Sankt Kilians Heiligtum? Folgt, ihr Bürger Würzburgs, folgt euerm Bischof! Hinaus vors Thor und wehe den Kirchenräubern! Sankt Kilian und Sankt Burchhard ziehn euch voran!«

Und er stürmte die Stufen des Altars hinab der Domthüre zu.

»Sankt Kilian und Sankt Burchhard! Steht uns bei!« riefen die Krieger und folgten ihm.

IV.

Das kühne Vorgehen des streitbaren Bischofs sollte sich aber doch gar bald als allzukühn erweisen.

Zwar die Dienstmannen und Reisigen waren rasch zur Stelle und folgten sofort eifrig ihrem heißgeliebten Führer: Blandinus, dem der Befehl in der inneren Stadt übertragen war, hatte sie rasch gesammelt: aber Hellmuth und Fulko konnten nicht zur Stelle sein: ihnen hatte ja Herr Heinrich die gefährlichste Wacht: die in den beiden entlegensten Blockhäusern des Pfahlhags flußabwärts und flußaufwärts anvertraut.

Und das Häuflein, an dessen Spitze jetzt der Bischof durch das Südthor und die Sandvorstadt sprengte, war doch nur recht klein: zwanzig Rosse und vierzig Fußknechte: mehr waren es nicht.

Die Bürger aber zeigten zwar guten Willen, waren auch nicht übel gerüstet und in den Waffen geübt. Allein es währte recht lange, bis sie diesmal in genügender Stärke beisammen waren und ihrem Bischof hinaus nacheilen konnten, der sofort mit seinen Dienstmannen allein dem Feinde entgegengesprengt war.

Unbewaffnet waren die Burgensen alle -- den Canones und dem Landfriedensrecht gemäß -- in den Dom und in die übrigen Gotteshäuser gekommen: nun mußten sie erst in ihre oft weit entlegenen Höfe zurück, sich mit Schutz- und Trutzwaffen zu versehen, meist unter dem Widerstreben, den Bitten und Thränen ihrer Weiber und Kinder, die sie im Angesicht des nahenden Gerichts nicht von ihrer Seite, nicht aus dem Hause, am wenigsten vor das Thor hinaus zum Gefecht ziehen lassen wollten.

So sammelten sie sich heute nicht, wie herkömmlich war, an den vorherbestimmten »Schar-Orten«, sondern einzeln, paarweise oder in ganz kleinen Häuflein, wie sie sich auf dem Wege zu der Sandvorstadt zufällig gefunden, trafen sie vor dem Südthor weit, weit hinter dem Bischof auf der Heerstraße oder auf der Allmännde ein, die nun gar bald zum Schlachtfeld werden sollten.

Bevor wir aber dieses betreten, müssen wir nachholen, was auf demselben unmittelbar vorher sich begeben hatte.

V.

Um dieselbe Zeit, da nördlich der Stadt Frau Minne Ritter Fulko und schön Minnegard einander entgegengeführt hatte, eilte im Süden der Stadt auf der großen Heerstraße gegen das Südthor zu eine weiße Gestalt.

Ein lichter Schleier flatterte ihr nach, so hastig schritt sie: im Glanze des Mondes, den nur selten ziehend Gewölk verdeckte, leuchtete das freiflutende, hellblonde Haar -- es war aufgegangen: das zusammenhaltende blaue Band hatte sie bei dem raschen Aufbruch verloren. Sie drückte den weiten hellgrauen Mantel über der Brust zusammen. Ihr Auge spähte scharf vorwärts: aber nicht auf die Vorstadt am Ende der Heerstraße war es gerichtet, sondern links ab von der Straße, wo, nahe dem Flusse, das äußerste Blockhaus des Pfahlhags vor dem Südthor ragte.

»O Gott,« betete die Eilende, »laß mich noch recht kommen. Nun Ein Wort zu ihm -- von ihm! Dann will ich ja gern in den Dom. Wie spät mag es schon sein? Ich konnte die Zeit nicht genau erkunden! Wartete ich länger, mußte ich in Begleitung der andern Frauen gehen und dann mit ihnen gleich in den Dom. Mag es wohl schon bald Mitternacht sein? Barmherziger Heiland, o verschiebe die Stunde des Gerichts nur so lang, bis ich ... Du blickst in mein Herz, heilige Jungfrau! Du weißt, mich treibt nicht sündiger Liebe Verlangen -- nicht an seine Hand will ich rühren! -- nie würde ich aus +solchem+ Sehnen die scheue Scham überwinden, und zerspränge mir darüber das Herz in der Brust. Nein! Nicht nach solchem steht mein Begehren! Ich will ja nur -- -- -- du weißt, Gott, was ich will. Darum hilf mir! Bald -- bald bin ich ja dort. Sehe ich doch schon das schmale Thor, das in das Blockhaus führt. Gleich muß der Wiesensteig links abbiegen hier unten von der Straße ... Ah! Was ist das? Dies Thor ...?«

Sie konnte nicht vollenden.

Mit Schrecken nahm sie wahr, wie das Blockhausthor, nach welchem Ziel ihres eilenden nächtlichen Ganges sie so sehnsüchtig ausgeschaut hatte, sich von innen öffnete und wie aus demselben auf dem engen Wiesenpfad, der ein wenig hügelan auf die Heerstraße führte, ein Reiter ihr in den Weg sprengte.

»Weh mir -- wenn man mich erkennt, anhält, -- aufhält!«

Sie wankte: sie stützte die Hand auf einen breiten Grenzstein rechts an der Heerstraße, der hier die Markung der Stadt von den Äckern des Randahari trennte. Schon hatte der rasche Reiter die Hochstraße erreicht: ungestüm jagte er heran -- sein Helm glänzte und strahlte hell im Mondlicht -- ein langer dunkler Mantel flog ihm nach von den gepanzerten Schultern: -- sie hoffte, er werde an ihr vorbeisausen: sie glitt ganz hinter die breite Steinsäule -- schon hörte sie das Schnauben seines Rosses -- schon sah sie ... »Ah! Er! Gott ich danke dir!« rief sie frohlockend und sprang, beide Arme hoch gen Himmel erhebend, aus ihrem Versteck hervor.

Heftig erschrak das Roß, aber nicht der Reiter. »Edel!« rief er, bändigte kraftvoll das scheuende, hochsteigende Tier, brachte es zum Stehen, sprang nun ab und schritt ihr, den Zügel in der Hand, entgegen. »Jungfrau Edel« -- in höchstem Erstaunen sprach er -- »was thut ... was wollt Ihr hier -- allein ... zu +dieser+ Stunde? Was sucht Ihr?« »Euch!« rief das Mädchen »Nein doch: +dich+, Hellmuth, +dich+!« Und beide Hände fest ineinanderringend ließ sie sich vor ihm auf die Kniee gleiten. »Laß mich! Nicht deine Liebe such' ich mehr -- ich weiß, ich habe sie verwirkt -- aber deine Verzeihung. Ich kann nicht sterben, kann nicht vor den ewigen Richter treten mit dieser unverziehenen Schuld auf meiner Seele, der schweren Sünde der Herzenshärtigkeit, des verstockten Stolzes, der grausamen Mißhandlung ... Ich habe dich gequält ... gepeinigt, ich habe dein stummes monatelanges Flehen um Verzeihung eines ach! so leichten Fehls, -- eines Fehls aus Liebe! -- mit Füßen in den Staub getreten! O es war so schlecht von mir, so eitel, so sündhaft! Aber sieh: nun -- in der letzten Stunde meines Lebens -- lieg' ich, Edel, die stolze Edel, vor +dir+ im Staub -- nein, laß mich! Ich stehe nicht auf, bis ... Und ich flehe dich an: verzeihe mir! Verzeihe mir um des Heilands willen, der, ein Wunder wirkend, dich mir hier entgegengesandt hat in +dieser+ Stunde! Ich sprang aus dem Fenster der Kemenate in den Garten. Ich wußte, wo du zu finden warst. Ich konnte es nicht mehr ertragen -- ich lief dir entgegen -- es schob mich vorwärts wie mit unsichtbaren Engelshänden: das Wort, das in diesen Tagen unablässig uns verkündet ward: -- ›Bereue! Büße!‹ -- es mahnte mich unwiderstehlich, die schwerste Schuld meines Lebens zu büßen: die Schuld gegen dich und deine große, deine rührende Liebe. Ich hätte dich im Blockhaus aufgesucht vor allen deinen Reisigen und dich dort laut angefleht, wie hier in der heiligen, nur von Gott erschauten Einsamkeit: Hellmuth, verzeihe mir!«

Schon hatte er sie vom Boden aufgerissen. »Edel! +Ich+ Euch -- ich +dir+ verzeihen? Nein, vergieb +du+ mir. Die Liebe riß mich fort. Doch du kannst das nicht fassen! Denn was weißt du von Liebe!« »Ich?« -- Sie errötete über und über, wie sie nun mit unendlicher Anmut das edle langgestreckte weiße Antlitz zu ihm emporhob: es leuchtete geisterhaft im Glanz des Mondes, umrahmt vom blonden Haar: -- sie richtete einen langen Blick auf ihn aus den tiefen grauen Augen. -- Dann senkte sie die dunklen Wimpern und fragte: »Was immer Euch in dieser letzten Stunde der Welt in die Nacht hinausgetrieben hat, was immer Ihr suchtet -- gewiß war's nicht Edel?« -- »Wie durfte ich das wagen? Nein! Den Tod, den Heldentod in herrlichem Reiterkampf. Denn wisset -- von dorther -- von Süden -- nahen alsbald furchtbare Feinde.« »Den Tod? O so laß mich ihn teilen!« rief sie leidenschaftlich ausbrechend. »Du hast mir verziehen -- und du liebst mich noch immer -- ich sehe dir es an: so gewähre mir die letzte Bitte! Im Leben hat mein sündhafter Stolz uns getrennt: laß nun im Tode meine Demut uns vereinen. Vergönne mir, mit dir zu sterben.« Und überwältigt von allbezwingender Liebe sank sie an seine Brust, das schmale Köpflein vorwärts beugend wie eine tauschwere Blume. »Edel! Geliebte! Ist es wirklich? Bist du +meine+ Edel?« -- »Ja! +Deine+ Edel! Aber nur im Tode dein!« Und er küßte sie auf die weiße Stirn: er wagte es nicht, sie auf die so festgeschlossenen, schmerzumzuckten Lippen zu küssen.

Es war ganz still um dieses Paar; hier sang keine Nachtigall. --

Plötzlich schlug an beider Ohr von Süden her ein schriller gellender Hornruf. »Horch! Was war das?« rief Edel, erbleichend und sich hoch aufrichtend. Beide wandten sich nun flußaufwärts nach der Richtung des Schalles. Alles still. Da flammte in der Ferne rote Lohe auf. »Der Weltenbrand!« rief Edel. Aber im selben Augenblick antworteten dem ersten Hornruf zwei, drei lautere dem Paar erheblich näher. »Nein!« rief Hellmuth. »Gut kenne ich den wilden Ton! -- Das sind wendische Hörner! Sie blasen den Kriegsruf. Und schau: dort brennt ein zweites -- wie rot! -- ein drittes Feuer auf -- dort liegen die Höfe des Randahar -- es sind ihre brennenden Strohdächer. Das sind wendische Plünderer! Sind ja Heiden, glauben nicht an das Weltgericht. Und horch nur! Ich meine ...« Er warf sich zu Boden und drückte das Ohr fest auf die harte Heerstraße. Sofort sprang er wieder auf. »Kein Zweifel. Reiter sprengen heran! Viele, sehr viele! Die Erde dröhnt von Hufengestampf. Das sind nicht die himmlischen Heerscharen und nicht die Teufel der Lüfte. Auf, Edel, rasch! In diese Hände darfst du nicht fallen.«

Er hob sie auf das Pferd und schwang sich hinter ihr in den Sattel. »Wohin? Was willst du thun?« fragte sie. »Ich warne die Stadt und Herrn Heinrich.« Und schon jagte der treue Falk sausend zurück nach dem Südthor. Funken stoben unter seinen klirrenden Hufen aus den Kieseln der Straße, weithin flog Edels weißer Schleier nach.

VI.

So war es Hellmuth gewesen, welcher zuerst den Turmwart des Südthors gewarnt und auf die nahenden Feinde merksam gemacht hatte.

Er führte die bleiche schweigende Edel in die nahe Kirche in jener Vorstadt der Heiligen Petrus, Paulus und Stephanus. Hier, dicht bei dem Südthor, fanden sich alsbald viele Frauen und Mädchen der Stadt aus den nächsten Höfen, aus dem Dom und den andern Kirchen zusammen: denn hier war man sicher, zufrühest Nachricht von dem Gefecht zu erhalten, sowie den Bischof und die Seinen bei ihrer Heimkehr zuerst zu begrüßen. Hierher führte auch Fulko die Geliebte, die er schon außerhalb des Nordthors vom Rosse gehoben und gar sittsam durch die von den zusammenlaufenden Bürgern belebten Teile der Stadt geleitet hatte; bereits vorher war hier aus dem Dome mit ihren Frauen der beiden Mädchen mütterliche Freundin, die Gräfin Heilfriede, eingetroffen.

Als der Bischof das Thor hinter sich gelassen hatte und nun auf der Heerstraße ungestüm vorwärts sprengte, -- vor ihm mit brennender Fackel Blandinus -- da drängten Hellmuth und Fulko von rechts und von links ihre schnaubenden Rosse an seine Seite. »Gut, daß ihr da seid. Willkommen, tapfre Junker, im letzten Gefecht,« rief er ihnen freudig zu. »Herr Heinrich,« erwiderte Hellmuth, »wollen wir nicht warten, bis von den Bürgern einige heran sind?« Höchlich erstaunt, ohne im Vorwärtsjagen einzuhalten, sah der Bischof zu ihm hinüber: »So redet Hellmuth vom hohen Horst? Um eine kleine Rotte schlecht gewaffneter Bauern zu zersprengen ...?« -- »Herr, es sind nicht Bauern. Und nicht eine kleine Rotte! Da! Hört Ihr das Horn? Wenden sind's.« »Gewiß die Söldner Zwentibolds!« rief Fulko. »Das wolle Gott nicht!« stammelte der Bischof und erbleichte, ... aber nicht aus Furcht. »Da vorn -- rechts -- brennt schon wieder ein Hof!« rief Blandinus mit der Fackel deutend. »Das ist, mein' ich,« riet Fulko, »das Haus des Zeidlers Wulfilo, des Nachbars von Frau Ute. Arme Fullrun, wie mag es dir ergangen sein! Halt, holla! Hier geblieben, Signor Blandinus!« und er fiel dem Venetianer in die Zügel, der bei jenem Namen, laut aufschreiend, den Gaul spornend, nach rechts hin über die Wiesen davonjagen wollte: »Jetzt heißt's, beisammen bleiben! Wollt Ihr allein die Wenden schlagen?« »Das Kind wird Gott beschützen,« pflichtete der Bischof bei, »wir kämen zu spät.« »Da! Da sind sie schon!« rief Hellmuth. »Jawohl,« lachte Fulko, das Schwert ziehend. »Jetzt hat sie der Teufel schon da.« »Weiß Gott, die Wenden!« stöhnte der Bischof dumpf. »Und wie viele!« rief Fulko. »Jetzt, Freund Hellmuth, jetzt heißt's fechten.« »Ja! Gott sei Dank! -- Das wollen wir,« antwortete der mit blitzenden Augen. »Wohlan!« sprach der Bischof. »So mögen sie denn zum letztenmal auf Erden schmettern, die deutschen Drommeten. Bald schallen die himmlischen Posaunen darein!«

Noch nicht gleich kam es zum Zusammenstoß: die vorausgeschickten Reiter der Slaven jagten zurück, offenbar, ihrem Führer Meldung zu bringen. Und der Bischof gebot Halt, seine Fußknechte nachkommen zu lassen. Wie er das Ganze übersah, mußte er erkennen, daß sein kleines Häuflein doch in recht schlimmer, aufs höchste gefährdeter Lage war.

Was von einer erlesenen Reiterschar gegen einen wenn auch viel zahlreicheren Haufen schlecht gerüsteter Bauern, die nur zu Fuß fochten, zu wagen gewesen wäre, das erwies sich als undurchführbar gegen diese trefflich und mannigfaltig bewaffneten, zum Teil gut berittenen Soldknechte, die unter ihrem mit wilder Begeisterung verehrten Häuptling seit einem Jahrzehnt im Dienste gar vieler Fürsten auf wendischer, deutscher, welscher, byzantinischer Erde gefochten und gar oft gesiegt hatten.

»Der Wende,« rief Fulko »-- Gott verdamm ihn! -- versteht den Krieg. Schau, Hellmuth, wie klug benützt er seine große Übermacht! -- Auf wieviele schätzest du sie?« Hellmuth hob sich hoch in den Bügeln, bog das behelmte Haupt vor und spähte nach allen Richtungen: »Die links von uns in den Weinbergen und im Gehölz kann ich nicht schätzen. Aber da auf der Straße vor uns und rechts in den Wiesen-- das sind eher vier- als dreihundert.«

»Schau -- man sieht es deutlich im Mondlicht! -- hier auf der breiten Straße schart er seine Reiter zusammen, viele Glieder tief, unsern Anprall abzuwehren.« -- »Aber auch das Umgehen hat er gelernt! Sieh, westlich von der Straße -- über die Wiesen hin -- läßt er andere Reiter vortraben, uns in der Flanke zu fassen.« -- »Und wo bleiben unsere Bürger? Noch gar wenige sammeln sich auf der Wiese.« -- »Und seine Fußknechte,« ergänzte der Bischof, »und Pfeilschützen schickt er östlich von der Straße in die Weingärten und in den Buschwald der Höhen, uns von links zu packen. Ja, von dort könnten sie sich zwischen uns und die Stadt werfen und uns auch vom Rücken fassen.« Er gebot den Junkern, hier zu halten, und ritt langsam voraus, seine vordersten Reiter zu ordnen. »Nun, die links werden aber nicht viel ausrichten,« meinte Hellmuth, »bergan, auf den Schmalpfaden zwischen den Weinbergen. Ein Häuflein entschlossener Männer genügt ...«

»Sind aber immer noch nicht da, auch zur Linken nicht, die lieben Bürger von Würzburg!« -- »Oder doch nicht genug. Jetzt hab' acht, Herr Heinrich winkt mit dem Schwerte!«

VII.

Der Bischof hatte, jener Dreiteilung der Feinde zu begegnen, auch von seiner ohnehin so schwachen Schar einen rechten und einen linken Flügel abzweigen müssen.

Er sandte Boten über Boten in der Richtung gegen die Stadt zurück, die Bürger zur Eile zu mahnen und sie, wie sie einzeln oder in kleinen Häuflein herankamen, jenen beiden Flanken zuzuteilen. Er gedachte, durch das beste, alterprobte Mittel deutscher Kriegskunst -- seit nämlich die schwer gepanzerte Reiterei (zuerst in den Ungarnkriegen) wichtiger geworden war als das alte nur zu Fuß kämpfende Aufgebot des Heerbanns -- gegen alle Feinde: durch das Ansprengen seiner eng aneinander geschlossenen schwergerüsteten Ritter und berittenen Heerknappen auf den mächtigen Streithengsten die Wenden auf der Heerstraße über den Haufen zu rennen, so durch einen gewaltigen Stoß ihre Mitte zu durchbrechen und die Schlacht zu entscheiden. Mit dem alten Feldruf der Deutschen: »Christus! Kyrie eleuson!« sprengte er, hoch das Schwert schwingend, auf seinem leuchtend weißen Dänenhengst an der Spitze seiner Panzerreiter auf die Wenden an und ein.

Es erging -- anfangs -- wie er gehofft: die schwächeren Gäule der Slaven und die geringere Körperkraft ihrer Reiter hielten den deutschen Ansturm nicht aus: das erste Glied war sofort überritten, das zweite -- in der Mitte wenigstens -- durchbrochen: aber in der dritten Reihe kam der Anprall zum Stehen.

Jetzt kreuzten sich deutsches Ritterschwert und slavischer Streitkolben: das Gefecht stand.

Und das war sehr schlimm für die kleine Reiterschar, deren einzige Siegeshoffnung in raschem Niederreiten der Übermacht bestanden hatte.

Da ersah Herr Heinrich im roten Licht einer Pechfackel einen feindlichen Führer in reicher Rüstung mit geschlossenem Helm, der sich soeben von seinem gestürzten Gaul -- Hellmuth hatte ihn überrannt -- los machte und behend auf ein anderes Pferd schwang, das ihm ein Wende zuführte. »Vorwärts!« scholl es aus dem Mundloche des Visiers hervor. »Nieder mit den Deutschen.« Und die Wurflanze in der Hand wirbelnd ritt er wieder in die vorderste Reihe.

»Die Stimme kenne ich!« rief Herr Heinrich, spornte das Roß gegen den Feind, schwang grimmig das Schwert und schmetterte einen solchen Streich auf den reich vergoldeten Helm, daß dieser klirrend in zwei Stücke auseinander sprang. »Berengar!« schrie der Bischof. »Wie konntest du es wagen? Gegen meinen Befehl ...?« -- »Befiehl du deinen deutschen Knechten, nicht mir!« gab er zurück und hob scharf zielend den Speer zum Wurf.

Allein da wurden sie getrennt, auseinander gerissen durch den Stoß einer frischen Rotte Fußvolks, die, auf den Befehlsruf eines nicht sichtbaren Führers, aus der vierten Reihe der Slaven mitten auf der Heerstraße mit gefällten Lanzen vorbrach und die deutschen Reiter sofort schwer bedrängte. Diese konnten auf der von gefallenen Pferden und liegenden wie kämpfenden Menschen vollgestopften Straße nicht mehr vorsprengen, also ihr wirksamstes Kampfmittel nicht mehr gebrauchen. Und ein Roß der Bischöflichen nach dem andern brach zusammen: denn die wendischen Lanzenknechte stießen nicht auf die gepanzerten Reiter, sondern auf die Pferde. Nur mit äußerster Anstrengung gelang es Fulko, der sich stets ein wenig vor Herrn Heinrichs Schimmel hielt, die zahlreichen Speerschäfte niederzuschlagen, welche dies weithin sichtbare Ziel vor andern bedrohten.