Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus

Part 15

Chapter 153,781 wordsPublic domain

Aber diesmal erweichte sie ihn nicht, die rührende Stimme, den grimmen, seit langen Jahren verhärteten Groll des Mannes. Einen Augenblick noch blieb er vor ihr stehen mit festverschlungenen Händen: dann wandte er sich jäh von ihr ab und stürmte in raschen Schritten -- in abgebrochenen Sätzen redend -- den Saal auf und nieder. »Kann es anders sein? -- Bedenkt doch! -- Ihr habt es wohl all vergessen -- in diesen langen Jahren -- an der Seite des schönen Gemahls? Ich nicht! Ich war nicht -- abgezogen durch neues Liebesglück! -- Merkt auf, ob ich's noch weiß. Und straft mich Lügen -- gleich! -- thu' ich Euch unrecht -- nur mit Einem Wort. -- --

Jahrelang kannten wir uns -- am Hofe der Regentin ... Ihr stets in der hohen Frau Geleit: -- auch ich nur selten fern von ihr. Denn sie hielt viel auf Euch. Und auch -- ein wenig -- auf mich. Seit ich zuerst Euer Antlitz geschaut ... -- Genug! -- Ihr merktet es bald -- leugnet es nicht! -- mußtet es merken! Und nach vielen Monden treuen Werbens -- durft' ich annehmen -- durft' ich wenigstens hoffen: ... Frau Gräfin: sagt es offen, wenn es Einbildung eines eitlen jungen Thoren war. Durfte ich nicht hoffen -- ich sei Euch nicht ganz ... o wie sag' ich nur?«

Er stand jetzt wieder dicht vor ihr.

Da löste sie langsam die langen, schmalen Hände von dem Gesicht, wandte ihm voll das blasse Antlitz zu, schlug die Augen groß auf und sprach mit traurigem Blick: »Ja. Ihr durftet annehmen, ich liebe Euch. Denn es war die Wahrheit. Und ich konnte -- Ja: mehr! Ich +wollte+ es auch nicht -- weiter verbergen.«

»Hei! Das gesteht Ihr also zu? Und doch, und doch, Verräterin, verraten und verlassen!«

»O Herr Heinrich ...!« -- »Nun, beim Zorne Gottes, der uns morgen richtet! Ist das +nicht+ Verrat? Ihr liebtet mich, sagt Ihr? Seltsame Liebe! Sechs Wochen aus den Augen -- für immer aus dem Sinn!« -- »Herr Heinrich -- war das Heilfriedens Art?« -- »Nein! Freilich nicht! Gewiß nicht! Ich hätte geeidet als Euer Eidhelfer und Euer Kämpfer -- allein! -- gegen eine Welt von Speeren: -- ›Kein steter, kein verlässiger Herz hat je in Weibesbrust geschlagen.‹ Daher ja die Verzweiflung! Es war nicht nur der Schmerz um Euch: -- nicht nur Euch, den Glauben an die ganze Menschheit hab' ich ja verloren. War mir doch bei der Kunde, als fielen alle Sterne vom Himmel: +Dieses+ herrliche Geschöpf -- +dieses!+ -- verhehlt mir nicht mehr ihre Liebe. Das war zu Ostern. Ich ziehe aus in der Regentin Dienst wider die Wenden. Ich wußte, kehrte ich siegreich zurück an den Hof nach Regensburg, -- die Herzogswürde war mir zugedacht. Als Herzog wollt' ich um die Hand Heilfriedens werben. Zu Pfingsten bin ich, sieggekrönt, zurück und sie -- -- ist fort und des Grafen Gerwalt Weib. O pfui! Wie grenzenlos abscheulich!« Und er stürmte wieder durch den Saal.

Matt sprach sie, kaum vernehmbar: »Ja. Fort war sie. -- Und war des Grafen Gerwalt Weib. -- Wißt Ihr auch, warum?« »Tod und Verderben!« fuhr er auf. »Welcher Hohn! Weil sie jetzt -- war er doch auch jünger und schöner! -- auf einmal den Grafen Gerwalt liebte!« Und er blieb wieder hart vor ihr stehen und schoß flammende Blitze auf sie herab. »Nein,« sagte sie ruhig und sah ihm voll und fest in die zornigen Augen. »Weil Kaiserin Theophano befahl.«

Er taumelte zurück. »Wie? Was? ... Und darum?«

»O Herr Heinrich,« begann sie liebreich-sanft und beinah heiter in allem Weh. »Nein, Ihr seid wahrlich nie ein eitler Mann gewesen, der sich die Gunst der Frauen eingebildet hätte. Ihr sahet sie ja nicht an vielen von uns, als sie mit Händen zu greifen war. Und nun vollends +Sie+! Ihr allein merktet nicht, was der ganze Hof wußte.« -- »Aber was denn? Was?« -- »Die Kaiserwitwe Theophano -- die wunderschöne Griechin -- verwitwet im sechsundzwanzigsten Jahre -- die herrliche, glühende Frau -- sie hat Euch geliebt aus aller Macht ihres Wesens.«

»Die Kaiserin? Unmöglich!«

»Und die schöne, stolze, heiße Frau in ihren blauschwarzen diademgleichen Flechten,« fuhr sie ruhig fort, »sie entdeckte, der Graf von Rothenburg, der von so vielen geliebte Held, zeichne vor allen Frauen und Jungfrauen des Hofes aus das schlichte blonde, arme Edelfräulein von der Heide, aus dem Lande der Westfalen. Sie konnt' es nicht begreifen. Sie hatte recht: denn ich begriff auch nicht, warum? Und deshalb -- so dachte sie wohl -- achtet er gar der Frau Kaiserin nicht und sieht nicht ihre brennende Liebe. Sie war meine Wohlthäterin, die Erzieherin meiner verwaisten Jugend. Sie ließ mich kommen, sie öffnete mir ihr Herz. ›Du mußt ihm aus den Augen,‹ sprach sie, ›blondes Kind. Du mußt ihm unerreichbar werden. Dann -- ist er mein. Du wirst nicht so selbstisch sein, ihm den Weg an meiner Seite -- den sichern Weg zu höchstem Erdenglanz und Ruhm -- zu versperren. Aber auch +du+ sollst nicht leiden. Behüte! Graf Gerwalt liebt dich, ich weiß es. Er ist ein schöner wackrer Mann, ein Held wie jener. Du wirst sein glücklich Weib. Heinrich aber -- er wird wozu ihn Gott vorausbestimmt hat durch hohe Gaben --: Regent des deutschen und italischen Reiches und mein Gemahl.‹ Sie befahl. Ich gehorchte. Durft' ich, -- ich armes Ding! -- dem Aufflug des Adlers zur Sonne im Wege sein?« »Um Gottes willen!« schrie der Gequälte auf. »Geopfert um meinetwillen?« Und er warf sich leidenschaftlich vor ihr nieder auf die Kniee.

Sofort sprang sie auf.

Weit trat sie weg von ihm zur Thüre.

»Steht auf, Herr Bischof! Sofort: oder ich verlass' Euch.«

XIII.

Er stand schon wieder.

Hochaufgerichtet stand er, die geballte rechte Faust auf die Tischplatte gestemmt, die flache Linke auf das wild pochende Herz gedrückt, glühendes Rot im Gesicht.

»Verzeiht, Frau Gräfin ... -- nein: Heilfriede, vergieb, daß ich auf die Kniee sank! Ich bin's so sehr gewöhnt, vor Heiligen zu knieen. Und du -- du +bist+ eine Heilige! -- Und ich blinder, wildherziger Mann habe dich all diese Jahre ... gehaßt? O nein! Ich konnte nicht! Aber verachten wollt' ich dich und deine Treulosigkeit. ›Die schöne Verräterin‹ nannte ich dich so gern in meinen schlummerlosen Nächten. Ach der Spruch:

›Nicht Feuer und nicht Gift im Blut Schmerzt wie verratne Liebe thut,‹ --

er war zu meinem Nachtgebet geworden. O dich verachten -- diese Wollust that so bitter weh! Vergieb mir, Heilfriede! Kannst du mir vergeben?«

Sie trat nun langsam von der Thüre wieder in die Mitte der Halle zurück. »Ich hab' mir's wohl gedacht,« erwiderte sie traurig. »Ihr kanntet mich doch nicht genug, an mich zu glauben auch gegen den Anschein. +Ich+, Herr Heinrich, würde nie so an Euch gezweifelt haben.« -- »O sprich, daß du mir verzeihst!« Sie lächelte wehmütig: -- es ließ ihr unendlich schön. »Stände ich hier, wenn ich Euch nicht vergäbe?« -- »Dank!« -- »Ist doch kaum etwas zu vergeben! Daß ein ungestümer Mann, gekränkt in seinem Stolz von einem Weibe, das ihn aufgab, diesem nicht gute Beweggründe beilegt, sondern Schwäche in seinen vorwurfsvollen Gedanken, -- das ist wohl so der Lauf der Welt. Aber +Ihr+ ahnt nicht, was +ich+ empfand, als mich, statt der Nachricht Euerer Verlobung mit der Regentin, wie ein Donnerschlag die Kunde traf am fernen Rhein: ›Graf Heinrich von Rothenburg hat der Welt entsagt.‹ Er!« Hier leuchteten die sonst so mattblickenden blauen Augen zum erstenmal auf in freudigem Stolz. »Der allerersten Helden des Reiches einer -- mir -- so lange Zeit! -- der Erste! Er nahm die Weihen! Ward Priester! Umsonst, umsonst -- so sagt' ich mir -- habe ich mein Herz verleugnet, mein Leben geopfert, ihr und ihm. Weder die Herrin, vor der ich aus Dankbarkeit zurückstand, noch Er, dem ich den Weg zu kaiserlichem Glanze bahnen wollte, hat Vorteil davon! -- Ach, in jenen Nächten ist mein Haar ergraut. Und ich sagte mir doch auch, welches Weh allein es sein konnte, das den heldenhaften Mann dahin getrieben, das siegvertraute, das geliebte Schwert sich abzugürten.« -- »Ja, Heilfriede, auch +das+ that weh.« »O so vergebt +Ihr+ mir!« rief sie nun in überraschendem Ausbruch des Gefühls, »daß ich +Euere+ Liebe nicht als so stark erkannt, wie sie es war. Aber seht: darum ließ mir die Sorge um Eure Seele keine Ruhe! Sollten wir vor Gott treten -- Ihr belastet mit diesem sündhaften, grundlosen Hasse gegen mich und ich ohne Eure Verzeihung, daß ich Eure Liebe unterschätzt? Alles, alles sagte ich meinem wackren Mann in diesen Tagen auf unserer Rückreise aus Welschland: alles! Und er ließ, ja er hieß mich dennoch zu Euch eilen.«

»Ich dank' ihm! Sagt ihm das!« In rascher Aufwallung des Edelgefühls kam das hervorgesprudelt. Zögernd fügte nun der jahrelang genährte Groll hinzu: »Das heißt: wenn ein Dankeswort von mir bei Graf Gerwalt gute Stätte findet.«

»O Herr Heinrich! Ihr habt ihm noch viel, viel mehr zu danken!«-- »Hei ja, gar manchen Span, Streit und Verdruß! Ein Glück, daß er, seit er diesen Gau erhalten, immer jenseit der Alpen weilte. Saß er da oben auf dem Marienberg und ich hier -- es wäre wohl Blut geflossen. So hab' ich mich nur mit seinen Amtleuten herumzuzanken gehabt. Wo ist er? Wann folgt er Euch nach?« -- »Heute Nacht oder morgen in aller Frühe. Er hat noch in seinem andern, im Rangau Geschäfte.«

»Auch über diesen,« schalt der Bischof, »gab es immer Zank und Hader!« -- »Gerade deshalb hat er ...! Aber nein! Ihr würdet mir nicht glauben. Und bevor der Erfolg eintreten kann, stehen wir alle drei vor Gott. Dort -- auf Wiedersehen, Herr Heinrich!« -- »Heilfriede! Wohin?« -- »Nach Haus' -- in die Burg -- so gebot mein Gemahl -- ihn dort zu erwarten.« -- »Gut! Gehorcht ihm. Aber noch eine Bitte -- die letzte im Leben.« -- »Sprecht!« -- »Wann nun die letzten Dinge hereinbrechen -- wann die Posaunen erdröhnen der Engel des Gerichts -- dann, Heilfriede, laß uns die Ankunft des Herrn gemeinsam erwarten. Im Dom, am Hauptaltar, im Schutz aller heiligen Reliquien, versammle ich, lang vor Mitternacht, die Gemeinde um mich -- so viel der Gläubigen die Kirche fassen mag. -- O Heilfriede, in solch schirmender Umgebung, an solch heiliger Stätte erwarte auch du das Ende. Steige rechtzeitig herab von der Burg und --«

»Mein Gemahl ist bis dahin sicher hier. Gern wird er mit mir Euren frommen Vorschlag annehmen. Versöhnt, befriedet, vereint, Hand in Hand wollen wir dann alle drei das Ende erwarten ... -- Und nun noch« -- ihre Stimme zitterte -- »Euren Segen, Herr Bischof!« Und sie beugte demütig vor ihm das bleiche Gesicht.

Er aber winkte ihr abwehrend mit der Hand. »Wer bin ich, daß ich dich segne? Der Sünder die Heilige! Dich +hat+ der Herr gesegnet aus der Maßen. Selig sind, die reinen Herzens sind, denn ihrer ... ach, +dein+, Heilfriede, ist das Himmelreich!«

Und der starke Mann brach laut aufschluchzend zusammen über dem Tisch. »Leb wohl! Auf Wiedersehen am Ende, Hezilo!« hauchte sie. »Heilfriede! Deine Hand! Nur deine Hand --« Er sprang stürmisch auf.

Sie war verschwunden. Wieder lehnte er sich vorgebeugt, seiner selbst kaum mehr bewußt auf den Schreibtisch.

Dabei streifte sein langfaltiger Ärmel eines der Pergamente, es glitt herab von der Tischplatte und fiel gerade auf das offene Becken der glühenden Kohlen.

Hastig raffte er es auf, schon war es leicht angebrannt.

»Kaiser Karls Verleihung!« rief er erschrocken. »Beinahe ...! Nun, und +wenn+ sie verbrannte?« lächelte er. »Wie thöricht doch die Gewohnheit macht! Übermorgen verbrennt sie ja doch! Mit allem was sie mir -- dem Bistum -- schenkte. O du unselig Pergament! Durch deine zierlichen Buchstaben hat mich der Welsche bezaubert, durch dich hat er mich immer wieder angetrieben, wann ich nachgeben wollte. Zwar für Sankt Burchhards Recht ... ach nein, nein, es ist ja all nicht wahr!

Heinrich, gesteh' dir's doch endlich -- an +diesem+ Tage -- selber ein, dir und dem Allwissenden, den du ja doch nicht täuschen kannst, wie du dich selbst so lange, so gern getäuscht hast. Die Lust, Land und Leute zu beherrschen, gegen +ihren+ Gatten -- lauter Sünde hat dich dabei getrieben! Unheilsurkunde! Hätt' ich dich doch nie entdeckt! Wärst du doch verbrannt mit allen andern damals vor vielen Jahren! Oder jetzt verbrannt -- in diesen Kohlen, -- eh' ich dich nochmal sehen mußte!

Dämonisches Geschreibsel!« Zornig zerknitterte er es in der Rechten. »Wieviel Sünde hast du in mir angerichtet! Ich hasse dich, ich verfluche dich -- nicht erst übermorgen -- gleich sollst du verbrennen! Durch +meinen+ Willen! Durch +meine+ Hand! Und so wie ich dich zerstöre, so thu' ich von mir -- zu Ehren jener bleichen Heiligen -- allen Haß gegen Gerwalt und jedes -- jedes! -- sündige Verlangen!«

Und in fiebernder Erregung, seiner Sinne nicht mehr mächtig, riß er das zähe Pergament mit den beiden starken Händen mitten durch und warf die beiden länglichen Streifen in die glühenden Kohlen.

Hoch loderte sofort die helle Flamme auf. Mit seltsamer Lust sah er das noch: dann stürzte er besinnungslos, ohnmächtig auf den Estrich nieder.

So fand ihn Supfo, der den schweren Fall gehört hatte und besorgt herbeieilte.

Fünftes Buch.

I.

Der furchtbare Tag war angebrochen und nahezu abgelaufen ohne irgendwelche Störung der Ruhe in der Stadt.

Das war bei der gewaltigen Aufregung aller Gemüter nur den weisen und kräftigen Anordnungen zu danken, die der Bischof schon lange für diese bangen Stunden vorbereitet und nun ins Werk gesetzt hatte. Unter Supfos treuer Pflege -- er hatte dabei des Steinweins nicht gespart! -- erholte sich die starke Natur Herrn Heinrichs bald von der Betäubung, in welche ihn der rasche Wechsel so mannigfaltiger Erregungen gestürzt hatte; er begab sich noch am Abend zu rechter Zeit in den Dom und waltete dort seiner heiligen Pflichten.

Nach durchwachter und durchbeteter Nacht schritt er in feierlichem Aufzug, gefolgt von seiner ganzen Priesterschaft und allem Volk, durch die Straßen, zum letztenmal Gott zu danken, seine Gnade und die Fürbitte der Heiligen anzurufen. Zwar ward gemeldet, daß räuberische Bauern auch an diesem Tage selbst noch sich ziemlich nahe der Stadt gezeigt hätten: -- aber auch hiergegen hatte Herr Heinrich wachsame Vorkehrung getroffen auf den Warttürmen.

So war der wunderschöne Sommertag friedlich, feierlich, erwartungsvoll hingegangen.

* * * * *

Nun deckten bereits blaue Schatten die fernen, waldigen Höhen an dem Oberlaufe des Flusses, während in der Stadt auf den Türmen im Umkreis der Mauern die roten Pechpfannen der Türmer glühten; auch stromabwärts glomm hier und da ein Licht aus den auf den beiden Ufern verstreuten Höfen: die Leute wachten in bangem Gebet die Mitternacht heran.

Schon damals setzte sich wie heute auf dem rechten Mainufer die von Süden herziehende große Heerstraße unterhalb der Stadt gen Norden hin fort: im Osten stieß sie dicht an die mit Reben bepflanzten Anhöhen; aber links, gegen den Fluß hin, erstreckten sich in jener Zeit noch Wiesen und Buschwerk.

Wonnesam ist und berauschend die laue Mittsommernacht zu Würzburg und, wie des Lenzes in jenem gesegneten Mainthal, wird, wer je dort einer Mittsommernacht genoß, ihrer dankbar gedenken.

Und diese Nacht, welche da als die letzte ihren weichen dunklen Schleier werfen sollte auf die Erde, -- diese Nacht war wunderbar vor den andern vieler Jahre! --

Der Mond stand nahezu voll am Himmel: von den Osthöhen aufschwebend warf er sein bleiches Licht zauberhaft auf den Fluß, auf die ragenden Mauern der Burg im Westen; leichtes fast durchsichtiges Gewölk, von rötlich gelben Rändern umsäumt, zog manchmal, vom lauen Südwest getragen, über die leuchtende Scheibe, durch solchen Wechsel des vollen und des gedämpften Lichts den Reiz geheimnisvoll erhöhend.

Jener weiche, warme Südwest -- hauchend, als wär' es Atmen des Himmels -- führte auf seinen leisen Schwingen den wunderbaren, den süß berauschenden, den entzückenden Duft der Rebenblüte von den Weingärten des Burgbergs, zumal der Burgleiste über den Fluß nach Nordosten. -- Zur Sonnwend gerade stehen dort die Reben in voller Blust und ihr Duft ist keinem auf Erden vergleichbar! Es ist eitel Poesie, süße, feurige, heiße Liebeslust atmende Poesie, was die trunkenen Sinne da einschlürfen in einer Berauschung, viel feiner und beseligender als im Trunk des Rebensaftes selbst.

Durch jenes Strauchwerk an der Straße und über die Wiesen hin flogen Leuchtkäfer in reicher Menge, mit ihrem grünlichen Licht das Phantastische, Ahnungsvolle dieser halbdunkeln Stunden noch steigernd.

Das Buschwerk aber bestand zum größten Teil aus wilden Rosen, die so schön, so starkstämmig, so zahlreich wie dort im sonnigen Mainthal wohl nirgend mehr gedeihen auf deutscher Erde.

Vielfach hatten zwar die Rosen schon abgeblüht: aber der überaus warme und doch feuchte Sommer hatte an vielen Büschen eine zweite Blüte hervorgelockt: und der honigduftende süße Hauch der Wildrose mischte sich hier mit dem feineren herberen der Rebe.

Und in den Rosenbüschen schlugen und schmetterten ihr feurig Lied ungezählte Nachtigallen! So laut, so lustheiß, so jauchzend in beglücktem Minnewerben! So stark, wie noch in keiner Nacht dieses Sommers! Es war, als ahnten die klugen Vögelein, die zwar an den Untergang der Welt nicht glaubten, daß sie nun bald verstummen mußten für ein Jahr: und als wollten sie noch einmal aus vollster Kraft den Wonnejubel der Liebe hinausschmettern in die blaue, die leise atmende Nacht! --

All das: das silberne Mondlicht -- der laue Wind -- der Reben- und Rosenduft -- das heiße, brünstige Lied der Nachtigall -- wirkte zusammen zu einer süßen, weichen lustvollen Berauschung der Sinne und der Seele. -- --

II.

Der Zauber dieser Stunde befing wohl auch den einsamen Reiter, der aus dem äußersten flußabwärts vorgeschobenen Blockhaus der Pfahlbefestigung in raschem Trabe gegen die Stadt geritten kam.

Er hatte den Helm abgenommen und ließ die laue kosende Nachtluft, den schmeichlerischen Wind, der ihm entgegenkam, frei durch seine dunkeln Locken streichen. Er hielt nun das schwarze Roß an, sprang ab und führte es am Zügel: »Still, Orco, tritt sacht auf! Sie dürfen uns nicht kommen hören, die frommen Frauen, sonst ...! -- Ich hielt es nicht mehr aus! Ich mußte! Es riß mich fort so unwiderstehlich -- wie dort der heiße Sang dem kleinen Vöglein aus der Seele bricht. Diese Nacht! Nie sah ich ihresgleichen! Du mußt -- du mußt mein werden vor dem Ende. Magst du wollen oder nicht! Aber du wirst wollen: -- wollen +müssen+! -- denn du liebst mich! Wie lautete doch das Lied, das ich gestern auf diese Nacht, auf diese Stunde gedichtet?

Morgen um die zwölfte Stund', Heia, geht die Welt zu Grund! Doch nicht eh' bis Minnegard -- -- Leib und Seel'! -- mein eigen ward! -- Diese Nacht, Wann Hut und Wacht Liegt in Betgeheul und Jammer, Dann erbrech ich deine Kammer: Magst erglühen, magst erblassen, -- Eher nicht will ich dich lassen Bis du mein! Dann brich herein, Ew'ge Pein! Wirft von deinem roten Mund Gott mich in der Hölle Schlund: Du warst doch mein!

Aber der liebe Gott wird's selber einsehen, daß ich nicht anders konnte. Was hat er sie so schön geschaffen und mich so heiß? Und ich hätte ja ganz gern des Bischofs Segen dazu erbeten, wenn ... Aber halt! Was ist das? Wer kommt da mir entgegen? Eine dunkle Gestalt -- ein Weib -- ganz allein -- heute! in dieser Stunde! -- Sie winkt mit der Hand. Bei Sankt Martin zu Tours! Wahrhaftig -- sie ist's! sie selbst. -- Minnegardis!« »Fulko!« schallte es zurück. Und er eilte ihr entgegen, das Tier nach sich ziehend. Hell trat der Mond aus Gewölk, da sie sich erreichten. »Geliebte! Du -- hier?« rief er und faßte ihre beiden Hände. »Wen suchst du?« -- »Dich!« -- »Aber wie konntest du ...?« -- »Ich ahnte, du würdest, +müßtest+ kommen in der letzten Stunde der Welt. Ach, ich wußte es!«

»Woher?« -- »Aus meinem eignen Herzen und Verlangen! Ich erfuhr, du hast Wache in dem Blockhaus da unten. Da wußte ich, du würdest versuchen, mit List oder Gewalt zu mir zu dringen, in meine Kemenate bei den Religiosen. Aber ich wußte auch, es könne dir nicht gelingen.« -- »Ich bin auf dem Weg und mein Schwert ...« -- »Wäre nicht nötig gewesen. Ich erwartete dich und hätte dir den Laden der Kemenate selbst geöffnet.« -- »Nun also!« -- »Aber ich sollte ja fort! Der Bischof ließ mir sagen, er werde mich noch vor der zehnten Stunde durch die Runde der Wachen abholen lassen in den Dom. Dreißig Speeren konntest du mich nicht entreißen! Und darum -- o ich sollte wohl vor Scham vergehen! -- darum, weil du nicht zu mir dringen konntest -- deshalb, du geliebter Mann, kam ich zu dir! Drang ich, flog ich dir entgegen. Denn, wisse das, du heiß Begehrter: ich liebe dich über alle Maßen. Und nicht sterben will ich, bevor du das erfahren und gefühlt. Ich muß, ich muß! Es reißt mich dir entgegen mit unbezwinglicher Gewalt, so notwendig wie hier die Rose duftet, dort das Vöglein singt. Dein will ich sein und dir gehören -- unscheidbar Eins in Ewigkeit. Und wird -- wie sie lehren -- in der Ewigkeit nicht geküßt und gefreit, -- so will ich dich küssen und kosen in der letzten Stunde, da die Welt noch steht. Will mich der gütige Himmelsherr drum strafen, -- -- so mag er's thun. Ich aber thu', was ich nicht lassen kann. Ich kam, um dein zu werden, ach nur im Tod: nicht mit dir zu leben, nur mit dir zu sterben. Ich liebe dich, komm an dies Herz und fühl's, wie ich dich liebe.« Und weit öffnete sie beide Arme und stürmisch umschlang er sie. Und er küßte sie, daß ihr der Atem verging. »Komm,« -- flüsterte er dann -- »hier auf der offenen Heerstraße -- man wird dich vermissen -- suchen ...«

Ein leichter Sprung und sie waren westlich von der Straße im dichten Gebüsch: -- das kluge Roß sprang hinterdrein: -- er schlang den Zügel um den nächsten Baum: »Nun, treuer Orco, halt Wacht! und warne, kommt jemand.« Der Rappe wieherte lustig und nickte mit dem Kopf, als hab' er alles verstanden. -- -- --

Und -- nun alles still ringsum ... ganz still.

Der Mond lugte nur selten und schonend durch das dichte Gebüsch auf die weiche Wiese. Ein Leuchtkäfer flog über ihre Häupter hin und ließ sich dicht neben Minnegardens Locken nieder auf das Gras. »Unsre Hochzeitfackel!« flüsterte er.

Und der laue Wind trug ganze Wolken Wohlgeruchs von Rebenblüt' und Rosen ihnen zu.

Und laut, schmetternd, jubelnd, schlug die Nachtigall im nahen Busch ihr triumphierend Siegeslied der Minne. -- -- --

Sonst rings alles ruhig um sie und weihevoll: rings alles still: auch sie sprachen nicht vor eitel Seligkeit und eitel Liebe. -- -- --

* * * * *

Plötzlich wurden die Glücklichen aus ihrer süßen Versunkenheit aufgestört durch einen dröhnenden ehernen kriegerischen Ruf.

Erschrocken fuhr Minnegard auf unter seiner heißen Liebkosung, strich das gelöste wirre Haar aus den brennenden Schläfen zurück und rief: »Horch! Was war das? Die Posaune des Gerichts? Bricht das Ende herein? Ich fürchte es -- nun -- nicht mehr. Denn du wardst mein und höchste Seligkeit. Und nicht den strengen Richter: Hand in Hand mit dir tret' ich vor ihn hin und jauchze: ›Ja, ich liebe ihn, ewig werd' ich ihn lieben! Strafe mich, Herr, wenn es Sünde war. Aber ich thät's nochmal!‹«

»Still, Kind! Laß mich horchen! Richtig. Das -- es ist auch noch lange nicht Mitternacht! -- Das ist nicht die Posaune der Erzengel: -- das ist das Wächterhorn vom Brückenturm. Aber es bläst den Waffenschrei!«

Er machte sich los aus ihren Armen und lauschte.

»Horch! In der Runde antworten die andern Türmer. Es ist der Notruf: ›Feinde!‹ Und schau -- dort -- in der Ferne -- unweit der Stadt -- vor der Sandvorstadt -- flammt Feuerschein auf. Das sind Mordbrenner, räuberische Bauern.«

»Wie? In dieser Nacht? Kurz vor dem Ende?«

»Gleichviel! Es scholl der Waffenschrei: Herr Heinrich ruft seine Ritter. Nicht vergeblich soll er Fulko rufen! Auf, mein süßes Lieb, du mein holdes Eigen: -- rasch in den Sattel! So ist's recht! Halte dich an der Mähne! Hier bin ich schon hinter dir im Sattel. Noch einen Kuß! Und noch -- und noch Einen -- den letzten wohl! Und nun, renne mein Rößlein! Fulko und Minnegard darfst du tragen aus seliger Lust in seligen Tod.«