Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus
Part 14
Da begaben sich seltsame Dinge vor und in dem Hause des reichen Kaufmanns, des Kornhändlers Renatus. An dem klugen Manne rächte sich nun der Christenglaube, den er nicht aus Überzeugung, den er aus heuchlerischer Selbstsucht und aus Feigheit angenommen hatte. Und damals war es nicht wie später mit dem einmal abgelegten Bekenntnis, also einer einzigen Lüge, abgethan. Wie alle andern Christen mußte der neugetaufte Jude all' die durch das ganze Kirchenjahr sich hinziehenden äußeren Bethätigungen des Glaubens mitmachen vor allem Volk. Täglich -- wo irgend thunlich -- mußte er die heilige Messe hören, alle vorgeschriebenen Fasttage einhalten, die öffentlichen Aufzüge durch die Stadt mit wallenden Fahnen und Umhertragung der hölzernen Heiligenbilder begleiten, alle die vielen anderen Feste mitfeiern, die öffentlichen Gebete einhalten und mindestens sechsmal im Jahre zur Beichte gehen. Scharf überwachte die Seelsorge der geistlichen Oberen den Neugewonnenen, strenger als die Altchristen: und wehe dem Jüdling, gab irgend seine Lässigkeit Grund, ihn des Rückfalls zu beargwöhnen!
So hatte denn auch Renatus viele Jahre lang all diese Christengebräuche mitgemacht, sorgfältiger noch als andere. Den Glauben an die Lehre seiner Väter hatte er abgestreift: der christliche Glaube aber hatte ihn nicht ergriffen, höchstens hier und da ein Stück christlichen Aberglaubens.
So hatte sein feiges Herz die Verkündung des nahenden Gerichtes mit Schrecken erfüllt: zwar glaubte er anfangs nicht unbedingt daran, wann er aber glaubte, war er der Verzweiflung nah.
Und als nun die Entscheidung immer näher herankam, da wuchs ihm von Tag zu Tag wie der Glaube, so die Angst.
Es war der Morgen des dreiundzwanzigsten im Brachmond angebrochen. Da sah Renatus mit stieren Augen, wie alles Volk, die vielen Hunderte, die ohne den leisesten Zweifel felsenfest an das bevorstehende Ende glaubten, sich in die Kirchen drängten, betend, singend, weinend, heulend vor Todesfurcht oder vor Gewissensangst. Und er mußte es erleben, daß auf dem offenen Platze vor seinem Hof, dem Kornhof, die Leute in dichten Haufen vor einem hochragenden Holzkreuz sich auf die Kniee warfen, an die Brust schlugen, das Haar rauften, vorbeigehende Priester mit Gewalt festhielten, ihnen nochmal zu beichten, ja laut sich solcher Sünden und Verbrechen anzuklagen, die sie nie zuvor über die Lippen gebracht.
Und er sah wie die Männer vorüberschreitenden Mönchen das Mönchsgewand abrissen, sich darein zu hüllen und so seliger zu sterben und sicherer vor den Krallen der überall unsichtbar in der Luft auf die arme Seele bei deren Ausfahren aus dem Munde lauernden Teufel.
Und er sah zuletzt, wie, in immer wachsender Herzensangst, reiche Frauen heraneilten, vor dem hohen Kreuz ihre Prachtgewande, Schapel, Schleier, Geschmeide von sich warfen, bis diese Opfergaben der Todesfurcht und Höllenfurcht zu einem gewaltigen hochgetürmten Haufen sich aufbauten.
Und er mußte es mit anhören und mit ansehen, wie endlich eine Stimme aus der Menge schrie: »Ins Feuer damit. Laßt uns alle diese Sünden verbrennen.«
Und alsbald ward der Haufe von Schätzen zum Scheiterhaufen!
Ein Knecht der nahen Schmiede rannte herzu mit brennendem Span, andere rissen das Stroh von des Kaufherrn Scheunendach herunter, brachen Planken und Bretter aus seinem Zaun, und warfen sie, die Glut schürend, auf die brennenden Kleider: bald stieg die rote Flamme hoch in die Lüfte.
Und nun strömten von allen Seiten Männer und Weiber herbei, und schleuderten Gewänder, Gerät, Schmuck, auch bares Geld, Urkunden, Schuldverschreibungen unter Schreien und Heulen in die gierig fressende Lohe.
IX.
Da ergriff es auch ihn mit der ganzen fortreißenden, ansteckenden Gewalt solch wahnwitzigen Thuns!
Er sprang mitten in den tobenden Haufen, unter jedem Arm ein paar vollgestopfte Ledersäcke, gefüllt bis zum Bersten mit goldenen Solidi, silbernen Denaren, kupfernen Pfennigen: er schnitt die Säcke mitten durch und ergoß den klingenden klirrenden Inhalt wie einen metallenen Regen unter die Leute: ja, zuletzt riß er einen kleinen Leinensack, den er sorgfältig verwahrt auf der nackten Brust nachts wie tags getragen hatte jahrzehntelang, von der Schnur ab, öffnete ihn und streute Perlen und Juwelen mit vollen Händen unter die Menge: wie blitzten, wie funkelten die lichten Steine in dem roten Glast der Flamme!
»Nehmt doch,« schrie er dabei mit scharf ergellender Stimme. »Nehmt, ihr Leute! Lest auf! Hier Gold! Da Silber! Hier Smaragden -- o schöne Smaragden aus Askalon! kostet mich der große da ... ach ich weiß nicht mehr, wie viel! Nicht ins Feuer werf ich's, wie die Närrinnen dort. Wie schlecht verstehen sie sich auf ihren Seelenprofit! Ich -- schau her, Jesus von Nazareth, und hör' auf mich! -- ich schenk es den Armen, zum Heil meiner Seele! Siehst du's auch wohl genau, Galiläer, in all dem Qualm? Diamanten sind sogar dabei und viele blaue Saphire! Ich bin der Schenker, ich, dein Renatus, du Sohn Gottes! Ich bin wohlthätig gegen die Armen, ganz wie du es hast befohlen, Rabbi. Ihr Leutchen, tretet's doch nicht mit Füßen! Kauft euch Brot, Wein, Fleisch! Siehst du's, Sohn Marias der Jungfrau, wie ich speise die Hungernden? Hier du, Alter, -- wie bist du zerlumpt! -- nimm diesen Topas und kaufe dir einen Mantel. Schau' her, Stern von Bethlehem und, du heiliger Geist, seht her wie ich kleide die Nackten. Hab' ich früher wohl genommen mehr als sechs oder zwölf! -- ach ja! es war manchmal wohl mehr, -- vom Hundert, -- ich mach' es jetzt gut millionenfach. -- Und, Herr Christus, hier -- schau hier! -- bist ja allgegenwärtig, sagen sie! Hier ist der Auszug aus dem Taufbuch -- weißt du? -- aus deiner großen Kirche zu Mainz« -- er riß ein Pergamentblatt aus dem Brustlatz und hielt es ausgebreitet mit beiden erhobenen Händen gen Himmel: -- »hier! hat's doch geschrieben deines Herrn Bischofs -- nein, Erzbischofs sogar! -- eigene Hand: -- wie heißt er doch gleich! Nun, Christus, du mußt es ja wissen! Willigis heißt er! Dein frommer großer Willigis selbst hat mich getauft. Ich +bin+ getauft: ich kann's dir beweisen! Also mußt du's gelten lassen. Und ich glaube auch an dich, o ja! Nicht immer hab' ich geglaubt. Aber heute -- jetzt -- glaub' ich. Ich zittere, aber ich glaube. Ich möchte lieber nicht glauben, aber ich muß!«
Nun wandte er den Blick vom Himmel wieder auf seine Umgebung: »Was!« schrie er und das dichte, kohlschwarze, struppige Haar sträubte sich ihm. »Was? Sie nehmen es gar nicht! Sie bücken sich nicht nach meinen Saphiren! Sie zertreten -- wehe, wehe geschrieen! meine Perlen, meine weißen Edelperlen, meine Zahlperlen aus Damaskus! Wie! Ihr stoßt gegen mich mit den Ellbogen? Ihr Undankbaren! Nehmt doch, gute, edle Herren, schöne Frauen, nehmt: -- wenn nicht für euch -- aus Barmherzigkeit gegen mich, daß ich kann ausrechnen morgen vor dem Zimmermannssohn, -- ach nein, vor dem Sohn Gottes, dem Messias! -- gegen kleinen Wucher großmächtige Wohlthätigkeit und abziehen von meinem armen winzigen Betrug zu Frankfurt dieses unsinnig reiche Almosen. Ach wehe! Sie hören gar nicht auf mich! Sie lassen's liegen -- im Kot! O Christus, ich kann doch nicht dafür, daß sie nicht wollen? Ich habe +gewollt+ -- Gutes thun.« Da brach er ohnmächtig auf das Gesicht nieder, Geifer und Schaum standen ihm vor dem Munde.
Die tobende Menge, die sein kaum geachtet hatte, würde ihn zertreten haben: aber da warf sich, aus dem Hofthor hervoreilend, in den dichtesten Haufen eine hohe Gestalt in dunklem Gewand: furchtlos sprang sie unter die Rasenden, ergriff mit beiden Armen des Bewußtlosen Haupt und zog ihn -- ihn aufzuheben vermochte sie nicht -- quer über den Platz und durch das Hofthor, das sie sorgfältig hinter ihm verschloß. Sie besprengte seine heißen pochenden Schläfe mit Wasser aus dem nahen Brunnentrog: da schlug er die Augen auf.
»Er lebt!« frohlockte die alte Frau. »Er lebt, mein Isaak, meines Manasse Blut! Gott meiner Väter, ich danke dir: deine Gnade währet ewiglich! -- Zwar wie wird er rasen übermorgen, wann er sieht, die Welt, Jehovahs weises Werk, ist nicht untergegangen -- denn ich habe nachgelesen in den Rollen und kann es nicht finden darin und kann es nicht glauben! -- und er hat geworfen all sein Geld und Gut auf die Straße! Er wird verfluchen sich und Gott und die Welt, und mich wird er schlagen, grausam schlagen! Aber! -- nun ist er eingeschlafen! -- wie schwer er atmet! -- aber verzweifle nicht, mein armer Liebling. Nun ist es doch gut, daß die alte Mutter -- wie hast du oft gescholten ihre Dummheit! -- dir nie hat aufgedeckt den großmächtigen Schatz, den dein Vater hat vergraben als Notpfennig tief unter dem alten Birnbaum im Wurzgärtlein! Das wird dich trösten in deiner Trübsal und du wirst streichen der alten Mutter Kinn, daß sie dich errettet von dem Bettel. Und wirst erkennen, daß es nichts ist mit dem Glauben der Christen und daß sich geirrt hat der große Bischof in Rom und geirrt hat auch der gute Herr Bischof hier, als er ihm folgte. Und wirst einsehen, daß da ist kein anderer Gott als der Gott deiner Väter, Jehovah ist sein Name, der hat über dich gebracht, wie einst über Hiob, diese Prüfung zu deiner Läuterung. Verloren hast du viel Geld, aber zurückgewinnen wirst du deinen Glauben. Und wirst thun nach dem Rat deiner alten Mutter und abschütteln von deinen Schuhen den Staub dieses Landes, wo wir doch immer, ob wir nun verleugnen unsern Glauben oder ihn bekennen, werden bleiben Fremdlinge und Verachtete, in diesem wilden Volk der Gojim, der Waffengewalt, und wirst nehmen den Wanderstab und wirst mit mir wandern an den Jordan, wo die Palmen rauschen, und wirst begraben mit frommen Händen deine alte Mutter am Jordan unter rauschenden Palmen.«
* * * * *
Als bald darauf Fulko und Blandinus -- denn der war in den Waffendienst Herrn Heinrichs getreten -- mit einer Schar von bischöflichen Reisigen erschienen, die rasende Menge auseinandertrieben, und das Feuer, das bereits das Holzkreuz ergriffen hatte und den Kornhof schwer bedrohte, löschten, da vernahmen sie aus den geschlossenen Läden des Judenhauses einen leisen eintönigen Gesang. Sie verstanden die hebräischen Worte nicht: allein sie lauschten, tief ergriffen, dieser eigenartigen fremdartigen feierlichen Weise; der Sinn der Worte aber war:
»Ich halte treu an meinem Gott: Drum leid' ich von den Heiden Spott. Jedoch aus Spott und Herzeleid Löst mich der Herr zu rechter Zeit. Ich bau auf dich, Herr Zebaoth, Mein Gott ist stark, mein Gott ist groß Und süß ruht sich's in Abrams Schos.«
X.
Die Sonne dieses Tages neigte sich zur Rüste, die Wipfel der Buchen des Königswaldes wunderschön vergoldend.
In tiefster Erregung durchschritt der Bischof nach Erledigung aller geistlichen und weltlichen Geschäfte -- auch in den Nächten hatte er zuletzt nicht mehr geschlafen -- lange den geräumigen Büchersaal.
Ein blaues Wölklein von gar süßem Geruch schwebte kreiselnd durch den Saal und verzog sich langsam durch das offene Fenster: neben dem mit Urkunden hoch bedeckten Schreibtisch ruhte auf hohem Erzgestell ein zierlich gearbeitetes Kohlenbecken, in welchem auf rotglühenden Kohlen Weihrauch glimmte: der Bischof hatte befohlen, denselben für den Abendgottesdienst bereit zu stellen.
Oft und oft ließ er im Wandeln den Blick durch das Fenster auf den freien Platz, auf den Strom, die Brücke, die ragende Feste und die Hügelkette im Westen schweifen.
»Wie schön war sie doch, diese Welt, welche morgen in Flammen aufgeht!« Er seufzte tief: dann schloß er fromm: »aber nicht mein Wille, -- dein Wille, o Herr, geschehe!« --
Supfo trat ein, offenbar, jemand zu melden.
Rasch schritt Herr Heinrich auf ihn zu: »Berengar, -- nicht wahr?« Der Alte schüttelte schweigend den Kopf. »Oder doch Nachricht von ihm? Auch nicht! Einer meiner Boten -- es ist der vierte, den ich nach ihm ausgesandt ...?« -- »Ritt eben ein; aber er hat Berengar sowenig gefunden, wie seine drei Vorgänger. Kein Mensch weiß, wohin die Söldner, in deren Lager er gesucht werden sollte, sich gewandt haben.« »Es ist auch gleichgültig,« sprach der Bischof vor sich hin. »Ich wollte nur, er sollte wissen, daß mich der ganze Plan ... Was willst du aber, Supfo? Du blickst so ernst -- wie ich es kaum je an dir gesehen. Fängst du doch endlich auch an, des Gerichtes zu gedenken? Es ist wahrlich an der Zeit.« Aber Supfo schüttelte noch stärker als zuvor das Haupt und sprach: »Ich melde Besuch, Herr Hezilo.«
»Habe jetzt nicht Zeit für Besuch und Unterhaltung.« -- »Wird nicht sehr unterhaltend werden, rat' ich.« -- »Wer ist's?« -- »Eine Frau. Bittet um eine Unterredung.« -- »Nein doch. Soll anderwärts Unterredung suchen. Oder vielmehr, sie soll gar nicht Unterredung suchen, sondern nachdenken über das nahende Ende.« -- »Gerade darüber will sie mit Euch reden.« -- »Ah, sich trösten lassen? Soll nachher in die Abendpredigt kommen. Oder in die Mitternachtsmesse, wie die andern auch. Soll sich geistlich vorbereiten.«
»Das eben will sie. Ihr +müßt+ sie hören, diese Frau: sie will Euch beichten.« -- »Beichten! Dann freilich! Führe sie herein! -- Kennst du sie?« Der Alte hatte die Frage wohl nicht verstanden; gar eilig war er hinausgehumpelt. Noch einen friedlosen Gang durch das Gemach: »Beichte hören! Andrer Sünden würdigen ... im Namen des Heilands den Reuigen, den Büßenden vergeben! Und ich? Ich selbst! Wer verzeiht +mir+ im Namen des Heilands meine Erinnerungen, -- die ich nie gebeichtet, weil ich sie nicht für Sünde hielt, und die mich auch jetzt noch nicht loslassen? Wer verzeiht mir die unbereute ...?«
Er brach ab, -- mitten im Schritt -- mitten im Wort.
Er erschrak: er schlug hastig ein Kreuz: denn er glaubte, sie zu erkennen, die Frauengestalt, die ganz geräuschlos über die Schwelle geglitten war, hart an der Thüre stehen blieb und nun den langfaltigen dunklen Schleier zurückschlug. »Hilf, Sankt Kilian!« flüsterte er, während ihm das Blut heiß vom Herzen in die Wangen schoß. »Es ist ein Blendwerk des Versuchers. Ach, gut kennt er die Schwäche meines ...« -- Lauter sprach er nun: »Es ist ja nicht möglich!« -- »Doch. Es ist. Ich bin Heilfriede.« Unsagbarer Wohllaut klang aus dieser sanften, lieblichen Stimme, die wie aus dem Mund einer Verklärten zu tönen schien. Etwas Verschleiertes, Verhülltes, wie ein stets im Verborgenen gehütetes Heiligtum lag in der Stimme. Und verschleiert auch war der Blick dieser sanften, lieblichen Augen von mattem Blau unter langen, langen blonden Wimpern: nicht traurig war der Blick, aber so friedlich, so wehmutvoll befriedet, so weltentrückt!
In das lichtblonde, leicht gewellte Haar hatte das häufige Silberweiß nicht das Alter gestreut: die zarte Frau hatte offenbar das vierzigste Jahr noch nicht erreicht: diese blassen, weich gerundeten Wangen waren so jugendlich: nur gar so bleich, so farblos, so nonnenhaft! Der Zug der Augenbrauen war kaum sichtbar angedeutet durch einen Halbkreis von Blond: aber die sanfte Weichheit dieses Antlitzes ward auch von dem bloßen Anschein der Schwäche weit ferngehalten durch den Ausdruck des kleinen, fein geschnittenen, aber festgeschlossenen Mundes, der Willenskraft und lang geübte Willensmeisterung bekundete. Wie sie so dastand, die schmächtige, nur mittelgroße, zarte Gestalt in dem grauschwarzen Schleier, im dunkelveilchenfarbenen Mantel, der das Untergewand völlig verhüllte, glich sie einem stummen, wunderschönen, seelenbeschwichtenden Heiligenbilde. -- -- --
Herr Heinrich war regungslos stehen geblieben, weit von ihr: er lag völlig unter dem Banne des von ihr ausstrahlenden Zaubers, dieser rührenden Sanftmut, dieser stillen Ergebung, dieser heilig verklärten Anmut. Lange, lange schauten sich die beiden sprachlos an: sie fanden keine Worte: vor tiefem stillem Weh oder war's vor geheimer Wonne?
XI.
Endlich that Herr Heinrich, fortgerissen von der Gewalt des Gefühls, einen raschen Schritt ihr entgegen: er hatte ihr die ausgestreckte Hand hinreichen wollen. Allein mitten in der Bewegung hielt er inne: er ließ den rechten Arm schlaff herabfallen. »Frau Gräfin ...!« brachte er nun leise hervor, kalt, beinahe feindlich. Grimm und Erbitterung malten sich auf seinen durchgeisteten, von Schmerz durchzuckten Zügen: er furchte finster die gewaltige Stirne.
Jedoch wie er nun in die sanften Augen der stillen blassen Frau einen feuchten Schimmer treten sah, der sie noch schöner und noch viel rührender machte, -- da versagte ihm die Kraft, zu zürnen und in ganz anderem Tone fuhr er traurig, tief aufseufzend, fort: »Ach wie lang ist's her, daß wir uns nicht gesehen!« -- »Fünfzehn Jahre.« -- »Das ist lang.« -- »Ja. Denn es ist das ganze Leben.« Gegen den Ton dieser Stimme -- Herrn Heinrichs Jugend klang daraus hervor! -- gab es nicht Trotz, nicht Groll, nicht Widerstreben. Er wies mit der Hand auf den erhöhten Platz an der Wand unter dem dunkelroten Baldachin. Aber die Frau blieb an der Thüre stehen; sie sprach nicht. So mußte er aufs neue beginnen. Und das war so schwer! -- Milder hob er an: »Was ...? Was führt Euch zu Heinrich von Rothenburg?« Da richtete sie die Augen fest auf ihn und sprach mit Nachdruck: »Zu dem Bischof sendet mich mein Gemahl.« Jäh fuhr Herr Heinrich zurück: »Ah so! -- Freilich! Ich hätte mir es denken können!« schloß er herb.
»Gewiß! Ihr konntet nicht annehmen, ich suche Euch gegen, ohne meines Gatten Willen.« -- »Es hieß ... man ließ mir sagen ... Ihr wolltet beichten?« -- »Ich will beichten. +Euch+ will ich, muß ich beichten, keinem andern. Das sagte ich meinem Mann; und dazu schickt er mich.« Der Bischof war aufs höchste überrascht: aber er wollte es um keinen Preis verraten; kühl erwiderte er, leicht die Achsel zuckend: »Seine Pflicht! -- Christenpflicht!« -- »Mich zu +Euch+ als Beichtiger ziehen zu lassen, zu +schicken+? -- Nein, das verlangte keine Pflicht von ihm.« Herr Heinrich entgegnete nicht. Er strich nur einmal langsam mit der umgewandten linken Hand über die stolze Braue: »So beginnet,« sprach er tonlos.
»Ich beginne damit, zu gestehen, daß ich mir gerade +Euch+ als Beichtiger ausgesucht habe nicht nur meinetwillen, auch -- ja mehr noch! -- um Euretwillen. -- Nein: die ganze Wahrheit muß gesagt sein: +nur+ um Euretwillen habe ich Euch zum Beichtiger ausgewählt und von meinem Mann erbeten.«
Jetzt konnte Herr Heinrich sein Erstaunen nicht mehr verbergen: »Und auch das ... das habt Ihr ihm gesagt?« -- »Gewiß.« -- »Und er hat ...?« -- »Er hat erwidert: ›Ja. Geh zu ihm. Sag' ihm alles. Alles, was du soeben +mir+ gesagt. Wenn etwas auf Erden ihm wohlthun kann und seine Seele retten ...‹« »Graf Gerwalt soll für +seine+ Seele sorgen!« donnerte der Bischof sehr zornig. Aber ruhig schloß sie: »›... so wird es das sein.‹ Also sprach mein Mann.« -- »Ich will nicht hören, was mir Graf Gerwalt sagen läßt -- durch Euch.« -- Trotzig schritt er durch den Saal. Geduldig wandte die Frau das schmale Gesicht so, daß sie ihm überall hin folgen konnte mit den Augen. --
»Nicht Er,« sprach sie ganz sanft, »meine Seele spricht -- unter seiner Verstattung -- zu Euch. Bald stehen wir -- wie alle -- vor dem Richterstuhl des Herrn. Ihr glaubt doch zweifelfrei daran? Sagt mir das offen, bevor ich weiterrede. Euch glaub' ich unbedingt darin, wie -- wie in allen Stücken. Nur weil übermorgen +doch+ alles klar und offen wird zwischen Eurer Seele und der meinen -- nur deshalb« ... hier überflog die bleichen Wangen ein leiser Hauch von zartem Rot -- »konnte ich mich soweit überwinden. Stehen wir übermorgen vor Gott? Sprecht: Ja oder Nein? Wenn Nein, bleibt meine Beichte ungebeichtet.« -- »Ja. Habt Ihr nicht all meine Vorbereitungen in der Stadt gesehen?« -- »Ich treffe soeben erst ein. -- O Gott sei Dank für dieses: Ja!« Sie faltete die Hände und sah nach oben.
»Ein betender Engel!« mußte der Bischof denken. »Aber welche Freude in diesen Zügen? -- Ihr -- ersehnt, so scheint's, den Tod?« -- »Von ganzer Seele!« -- »Lange schon?« -- »Seit ... seit vielen Jahren.« -- »Und die drohenden Schrecken des Weltbrands?« -- »Ich fürchte sie nicht. Ich segne sie. Sie allein haben mir diese Stunde gebracht. Das Wort der Erlösung -- ach! nicht nur für mich -- so selbstisch bin ich nicht! -- für +Euch+ -- -- von bittrem Leid.«
Vornehm richtete er sich auf zu seiner ganzen Höhe: »Wer sagt Euch,« fragte er stolz, »daß ich leide oder litt?« Sie wollte ein rasches Wort erwidern: aber sie erschrak über ihr eigenes Wort, faßte sich und verbesserte sanft: »Oder doch von bittrem Groll. Leugnet Ihr auch den?« »Nein, das wäre gelogen!« lachte er grimmig. »Bin kein Erzengel, nur ein Mensch, ein Mann. Und bin's geblieben, auch als ich Priester und Bischof ward.« -- »Nun seht, Herr Bischof, daß Ihr +nicht+ mit der schweren Todsünde dieses Hasses, dieses unversöhnten Grolles auf der Seele vor den allwissenden Richter tretet, deshalb, o glaubt es mir, Herr Bischof Heinrich, -- +nur+ deshalb steh ich hier: hört es: nur Eure Seele zu retten.«
Er schüttelte finster den Kopf: »Das ist keine Beichte. Habt +Ihr+ keine Schuld auf der Seele?«
Aber ohne auf die Frage zu achten, fuhr die Frau in wachsendem Eifer fort: »Diese Sorge, diese Angst um Euch hat mich ergriffen von dem Tag an, da ich das nahende Ende erfuhr: diese Qual um Euer ewig Heil hat mich rastlos umgetrieben Nacht und Tag. Sie hat mich -- ich bin sonst scheu, wie Ihr vielleicht noch wißt, Herr Heinrich! -- fortgetragen über alle Bedenken -- hierher zu Euch getragen -- wie auf Flügeln: die Sorge, die heiße ... Sorge um +Euch+. Beichten konnte ich, nachdem ich meinem +Manne+ gebeichtet -- +das+ war nicht leicht! -- jedem Priester. Aber +diese+ Beichte, die ich +Euch+ anvertraue -- o Gott! -- sie soll ja nicht, wie Beichte sonst, der Beichtenden Seele retten, -- sondern die +Eure+! Euch retten und erlösen -- bevor der Richter richtet! -- von dem dumpfen Haß und bitteren Groll gegen meinen Mann und -- ach! -- gegen mich!« Rasch machte sie einige Schritte -- dann sank sie unter Thränen auf den vorher abgelehnten Sitz.
Auch er war tief, mächtig bewegt: die edle Empfindung dieser reinen Frauenseele hatte ihn erschüttert. Er trat dicht vor sie hin, schaute scharf auf sie herab und hielt seine beiden zuckenden Hände fest ineinander geschlossen: »Graf Gerwalt zu hassen, ihm zu grollen, -- prüf' ich mich -- als Christ -- im Angesicht des nahen Todes -- dazu hab' ich kein Recht. Wir streiten uns um Zoll und Brückengeld, -- um Grafenbann und Bischofsrecht: -- wir sind beide aus recht hartem Holz -- da setzt es denn harte Stöße. Aber deshalb Haß und Groll? Nein! Er glaubt im Recht zu sein, wie ich. -- Und ... das andre? Das vor fünfzehn Jahren ...?«
Sie seufzte und zog den Schleier vor die Augen.
»Beim Donnerstrahl, ich kann's +ihm+ nicht verdenken! Nicht Freunde waren wir: -- nur Waffengenossen, Jagdgefährten, Bechergesellen -- oder Nebenbuhler um Ruhm und Glanz und Lebensfreude. Daß er die schönste Jungfrau liebte, die wir -- beide -- jenseit und diesseit der Alpen -- gesehen, daran that er recht. Und daß er ihre Hand nahm, als sie ihn vorzog, daran that er wahrlich nicht unrecht. Also -- will ich -- nur als Mann, gar nicht als Priester -- fragen -- also warum Haß und Groll gegen -- +ihn+?« -- »Aber gegen +mich+, nicht wahr?« Das brach aus ihrer Brust wie aus dem Felsen der Quell, wie aus dem Vulkan das Feuer -- weil sie +müssen+.
»Ah!« Und mit herzzerreißendem Klageton schlug sie die Stirn gegen die Holzwand und bedeckte den Kopf mit den beiden durchsichtigen Händen.
XII.