Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus
Part 13
»He, Junker Blandinus! Bei Euerem Sankt Markus! Schon wieder einmal beim Kinderquälen und im Köterkampf?« rief Fulko. »Könnt Ihr denn nicht warten bis diese Kirsche reif? Noch ist sie zu sauer -- wenigstens für Euch. Ja so! Warten! -- In vierzehn Tagen ...! Gleichviel, laßt mir das dicke Kind zufrieden oder ...« »Tod und Teufel! Ich liebe das holde Geschöpf und würde sie zur Dogaressa machen, ging nicht -- leider! -- vorher -- zufällig die Welt unter!« rief der Venetianer, blitzschnell sich wendend und die schmale Stoßklinge herausreißend. »Was geht's Euch an, Provençale! Seid Ihr des Mädchens Muntwalt oder der meine? Zieht! Was habt Ihr mich zu stören? Zieht, sag ich.« Aber Herr Fulko hatte schon gezogen und wehrte ruhig, jedoch nachdrücklich die hitzigen Stöße ab, mit welchen der Erbitterte auf ihn eindrang. »Brav, brav,« lachte der Sänger. »Das war sogar recht hübsch, dieser Doppelstoß. Aber nun ist's doch genug.« Des Venetianers Klinge flog in die Luft, Fulko haschte sie behend vom Boden auf und reichte ihm mit anmutiger Verbeugung den reichvergoldeten Griff hin; beschämt steckte sie der Entwaffnete ein.
»Seht,« fuhr der Sieger gutmütig fort, »so gut wie jetzt habt Ihr mir in Eurem ganzen Leben noch nicht gefallen. Das war doch ein Anflug von Mannheit, wenigstens ein Flackerzorn, und ein ganz leidlich Fechten. Hätte Euch dabei das hübsche Kind gesehen, -- ich glaube, Ihr hättet stark bei ihr gewonnen. Glaubt mir, ich mein' es gut mit Euch, junger Löwe von San Marko. Es steckt was in Euch, Ihr seid gar nicht so übel. Nur laßt -- für die paar noch übrigen Tage -- die verfluchte Geckerei und Ziererei! -- Erst werdet ein Mann, eh' Ihr Weiber gewinnen wollt. Bei Sankt Amor, +ich+ schelte Euch nicht drum, daß Ihr verliebt seid im Angesicht des jüngsten Tages. Es wäre recht sündhaft von mir! Aber alles hübsch nach der Reihe. Nur der Starke ist des Schönen wert! Glaubt mir, merken die Mädchen, an Eurem Auftreten gegen die Männer, Ihr seid ein Mann, dann werden sie Euch nicht mehr auslachen, tretet Ihr auch gegen sie auf mit dem Begehr, weil mit dem Recht des Mannes. Hätt' ich nur mehr Zeit, zu predigen, und Ihr, mir zu folgen. Folgt mir doch noch diese Spanne Zeit. Und nun gerade erst recht in diesen Tagen. Wenn Ihr nun in Bälde steht vor Sankt Georg, dem Erzengel, der uns Ritter unter sich hat, und er Euch fragt: ›Junker Blandinus aus Venetia, was habt Ihr beschafft auf Erden? Womit habt Ihr die zwanzig Jahre, seit Ihr Hosen tragt, ausgefüllt?‹ Ihr müßtet ja doch vor Scham in die Erde sinken (wenn sie noch da wäre!), könntet Ihr nur sagen: ›Den Mädchen bin ich nachgelaufen -- und noch dazu oft sonder Erfolg!‹«
»Ihr ... Ihr habt nicht Unrecht, glaub ich,« sprach zögernd Blandinus, mit niedergeschlagenen Augen, -- »ich will's befolgen.« -- »Wollt Ihr? Das ist recht! Morgen zieht einmal mit mir aus wider die tollen Bauern. Ich stehe Euch dafür: der Mann findet ganz gehörig zu reiten, zu fechten und zu trinken, der auf Kampf und Abenteuer zieht mit Fulko von Yvonne.«
IV.
In der diesem Abend folgenden Nacht sprengte auf der Heerstraße von dem Südthor flußaufwärts ein ungeduldiger Reiter; immer wieder trieb er den ohnehin wacker ausgreifenden Braunen zu rascherem Lauf an. --
Die Höhen gegen Randersacker hin, auf denen heute ein edler Trank gewonnen wird, überzog damals noch dichtes Gehölz: im Unterschied von dem »Königswald« auf dem linken Ufer hieß es der »Grafenwald«: denn es gehörte zu dem Amtslehen des Grafen des Waldsassengaues. Etwa eine Stunde oberhalb der Allmänndewiese bog von der breiten Heerstraße ein schmaler Reitweg links nach Osten ab und schlängelte sich durch das buschige Gelände bis zu der Höhenkrone mit ihrem finstern Urwald hinan. Diesen engen Pfad schlug der nächtliche Reiter ein.
Er mußte der Örtlichkeit genau kundig sein: denn nicht eben leicht war durch Weißdorn- und Hartriegelgesträuch der schmale Streif des Weges zu verfolgen. Freilich warf der Mond, bereits über den Höhenzug emporgestiegen, von Osten her sein phantastisches Licht auf die Abhänge gen Westen, auf die Heerstraße und den silbern glitzernden, ruhig ziehenden Fluß.
Allein der Wind trieb unablässig ziehend Gewölk über die noch nicht gefüllte Scheibe, so daß das wechselvolle Licht, geraume Zeit völlig versagend, dann wieder plötzlich auf kurze Weile grell und blendend vorbrechend aus den schwarzgrauen Wolkenflügen, vielfach mehr störte als förderte. Alsbald sah sich der Reiter, wie der Pfad steiler anstieg, genötigt, abzuspringen und das Roß am Zügel langsam bergan zu führen: trotzdem stolperte es zuweilen über die Knorrwurzeln, welche, wie dunkle Schlangen, quer über den Waldweg liefen. »Gemach, Falk! hübsch bedächtig,« mahnte er das erschrockene Tier. »Sieh, bei Tage trägst du mich! bei Nacht, im Dunkel, wie billig, führ ich dich! Treue um Treue. Erschrick nicht! Das war nur ein Glühwurm! Aber freilich, es hauset mancherlei im nächtlichen Tanne, was mit eisigem Grausen auch an die Brust des Weidmanns rühren mag. Schon mancher zog zu Walde zur Nacht -- kam nicht mit heilen Sinnen wieder daraus hervor. -- Ruhig, Brauner! Das war eine fauchende Eule -- und was da rot leuchtet an dem alten Baumstumpf, das ist Morschholz. Vorwärts und scheue nicht! Wir sind nicht auf schlimmem Gang!« Nach einer scharfen Rechtsbiegung des Pfades ward oben auf der Höhe in einiger Entfernung ein schwach glimmendes Licht sichtbar. Dahin zog nun der Weg. --
Da schlug der Vorderhuf des Pferdes, das sonst ganz geräuschlos auf das Waldgras trat, an einen Stein: weit klirrte der helle Ton durch die schweigende Nacht: gleich erscholl lautes, wütendes Hundegebell von der Höhe her und in mächtigen Sätzen rannte ein gewaltiges Tier zornmütig auf die Ruhestörer herab: kaum war es abzuwehren durch den umgewendeten Speerschaft, welchen der einsame Wanderer ihm entgegenstreckte. »Giero! Treuer Herdenwart! kennst du mich nicht mehr?« rief er dabei beschwichtend. Da stutzte die grimme Rüde, schnob und schnupperte gegen den Wind und hüpfte gleich danach friedlich und freundlich an Mann und Pferd hinauf. »Schon gut, du wachbarer Freund! Besser zu viel Vorsicht als zu wenig. Nun komm hinauf zu deinem Herrn.« Bald standen nun, von dem freudig bellenden und meldenden Hunde geführt, Reiter und Roß auf der Höhe, wo in einer runden, wie es schien, schon lang bestehenden Waldlichtung an dem Fuß einer uralten gewaltigen Esche ein schwaches Reisigfeuer mehr Qualm als Licht verbreitete.
Neben der Glut lehnte an dem Stamme, hoch aufgerichtet, ein hagerer Mann in einem Mantel aus Wolfsfellen, eine ungeheuere Schürstange, wie sie die Köhler führen, in der Faust; er hatte nach oben geschaut, in den gerade wieder hervorgleitenden Mond; schweigend, nur mit leichtem Nicken des grauen Hauptes, begrüßte er den Ankömmling, der sein Pferd seitab, geschützt vor dem Zug des Rauchqualms im Südwestwind, an eine junge Buche band.
»Nun Rado, kam ich noch zu rechter Zeit?« -- Hastig entflog die Frage. »Du weißt: gleich durft' ich dir nicht folgen: es war noch zu hell; und der Bischof, der mit seiner Streifschar zurückkam, noch ganz nah. Ich fürchte, er erkannte mich, wie damals in Eurem Hof. Gar manchen Ritt im Zickzack macht' ich noch, meine Spur zu verbergen, falls er mir einen seiner Reiter nachgesandt hätte. Und doch -- streng schärftest du's ein -- mußt' ich die Stunde einhalten.«
Der Alte, den Schürbaum weglehnend, nickte.
»Nur zu ziemender Zeit, An bestimmter Stätte, Geschieht mit Gedeihen Weihevoll Werk!
So der Spruch der Ahnen. Wir haben noch Zeit. Seht Ihr, Junker Hellmuth, dort rechts vom milden Herrn Mond das kleine Sternchen? ›Hollespang‹ heißt er: und ist unserer lieben weißen Frau Holle Busenspange. Er darf nur mehr drei Handbreiten von dem Mondrand abstehen. So müssen wir noch warten. Und fragt jetzt, was Ihr noch zu fragen habt: denn
wann das Werk begonnen, darf es nicht wirren Wort und Widerwort.«
V.
»Wie soll ich dir danken, Rado, treuer Rado? Du erfüllst den letzten heißen Wunsch meines Lebens, der mir noch übriggeblieben!«
»Danken? Ihr? Gar nicht! Euer Vater hat mir vorausgedankt für alle Zeiten. Die vielen Jahre, die ich, von den Rothenburger Herren ihm als Waffenträger zugeteilt, ihm dienen durfte in Jagdfahrt und Heerfahrt, -- das waren die besten, die ich gesehen.
Seit er gestorben, Herr Heinrich Pfaff und ich Hirt der Burgensen geworden, -- wenig Freude habe ich mehr am Leben. Nur daß ich im Wildwald hausen darf als Jäger und Köhler -- neben der Herden-Hut -- das thut mir wohl in der Seele. -- Und wißt Ihr, was mir das Liebste war an Euerm Vater? Nicht, daß er mir Lohn und Beuteanteil gab mit vollen Händen, -- nein, daß er sich so gern von mir erzählen ließ von -- von den Alten -- Ihr wisset schon! ... Und daß er davon vieles glaubte, was ich von meiner Mutter überkommen. Mein Bruder Wartold, Großmutter Ute bekreuzen sich dabei, Fullrun ist zu kindjung und mutwillig. Aber Wartold wird's schon erleben, -- gar bald! -- daß ich recht habe. Und daß auch Ihr, obwohl des Bischofs Lieblingsritter, mir glaubt ... --« -- »Manches, Rado! Beileibe nicht alles! Ich bin ein guter Christ und will es bleiben. Ich glaube dir von deinen Sachen nur ...« »Was Euch anzieht, was Euch gefällt,« schmunzelte der Alte. »Ihr werdet nicht bereuen, daß Ihr glaubt: ›reich lohnt Woden treue Freundschaft,‹« brummte er leis in den grauen Bart. »Und seht:« fuhr er laut fort, »Eins hat mir -- all diese Monate her! -- so gut gefallen von Euch.« -- »Nun?« -- »Daß Ihr etwas +nicht+ gethan, +nicht+ von mir verlangt habt!« -- »Bin gespannt!« -- »Keinen Minnezauber!« »Rado!« rief der Jüngling und errötete über und über. -- »Nun, ich sage nichts weiter. Aber wer Euch und -- Eine im Winter selbander zur Jagd reiten sah, -- Aug' in Auge! -- und Euch jetzt beisammen sieht, der merkt was. Und doch verlangtet Ihr nicht -- wie so viele -- von mir einen Liebeszauber.« »Niemals!« rief Hellmuth. »Lieber dreimal drüber sterben als ihren keuschen Willen brechen -- durch Zauber!« -- »Ja, das eben ist mein Hellmuth, den ich vom Kind an kenne und seine lichte Seele: sie ist durchsichtig wie ein klarer Waldquell und kein trüber Fleck darin. Ihr leidet so schwer.« -- »Bald ist nun ja auch diese Qual zu Ende. -- Aber sage, wie kommt es, daß du, der sonst allzuwenig den Worten der Priester glaubt, gerade diese Verkündung gleich von Anfang -- lange bevor der Papst durch den Mönch es gebot! -- so gläubig, ja so eifrig, so gierig aufgenommen hast? Was nur die Allergelehrtesten und Allerfrömmsten der Kirche ergrübelt hatten ... -- ...« »Hm,« lachte der Alte. »Und wie lang ist's her, daß die das lehren?« -- »Noch nicht Jahr und Tag.« -- »So? -- Nun da weiß ich's etwas länger -- so seit vierzig Wintern etwa! Mich hat's die Mutter gelehrt, als ich meinen ersten Fuchs geschossen. ›Ei,‹ sagte sie, ›ein wacker Werk. Du hast Herrn Loges Heer gemindert.‹ ›Herrn Loges Heer?‹ forschte ich. Und nun hob sie an zu erzählen, was sie von ihrer Mutter gehört und die wieder von ihrem Ahn. Ich glaube,« grübelte er vor sich hin, »unsere Sippe wußte es von je.« »Aber was, was wißt Ihr?« unterbrach Hellmuth ungeduldig. »Das andre ist mir all gleichgültig: nur das will ich nun endlich genau wissen, von den letzten Geheimnissen, was Ihr immer so dunkel angedeutet, wo und wie ...?«
»Hei, ist so kurz nicht zu sagen. Setzt Euch. Hier! Ins trockene Eschenlaub. Nehmt die Lederflasche. Der Wein, den in der Bergleiste Frau Sunna kocht, die heiße Herrin, ist feurig. Und da -- in meinem Netzranzen, das ist Wildeberfleisch. Und nun gebt acht!« Er trank einen langen Zug und hob an: »›Heilige und Teufel ringen dann‹, sagt der Bischof? Mag ja wohl sein! Riesen und hohe Helfer sagen wir. Die ringen und kämpfen unablässig miteinander um die Herrschaft der Welt und um die Seelen der Menschen: so sagt der Bischof, so sage auch ich. Einst endet die Welt, so sagen wir beide. Aber wie endet sie? Das weiß der Bischof nicht --: auch der Papst nicht und der irrsinnig gewordene Arn -- schad' um ihn! den hätten wir als dritten mitgenommen, hätte ihm nicht die welsche Sonne das Gehirn verbrannt, der Tod sieht ihm aus den hohlen Augen: ich glaub's nicht, daß er die Sunnwend noch erlebt! Also Arn, der wußt es auch nicht: sonst hätte er's doch neulich gesagt. Wir aber wissen's seit grauer Vorzeit der Ahnen: die Welt geht unter -- freue dich, mein tapfrer Hellmuth! -- in einem ungeheueren herrlichen Heldenkampf, wie er noch nie gestritten ward auf Erden.«
Der Ritter sprang auf: »Den kämpf ich mit!«
Wohlgefällig ruhten die Augen des Alten auf dem edeln, leuchtenden Antlitz des schönen Jünglings, im Glanze des von der raschen Bewegung aufflackernden Feuers. »Das sollst du, mein Liebling, an meiner Seite. Das eben gönn' ich dir -- dir allein -- seit Herr Hezilo sich hat scheren lassen. Den letzten Sieg, den auf dieser alten Männererde lichte Helden gewinnen gegen dumpfe Unholde, -- +du+ sollst ihn mit ersiegen helfen.« -- »Aber wann? Wo? Wie?« -- »Gemach! Heute will ich das selbst erst erkunden. Deshalb hab' ich dich heute nacht hierher beschieden. Aber noch ist's nicht an der Stunde. Schau hinauf -- Hollespang steht noch zu weit rechts.« »Ich erinnere mich,« sprach der Junker nachdenkend. »Ja, ja! Von einem Kampfe, der dem Gericht vorangehen wird, sprach auch einmal einer der Dompriester. Aber da müsse -- als Führer der Frommen -- zuvor Elias wiederkommen.«
»Wer ist der Held? Hab' nie von ihm gehört!«
»Ein Prophet der Juden. Und werde der gewaltig streiten.«
Ziemlich ungläubig zuckte der Alte die breiten Schultern unter dem Wolfsfell. »Würde mir andern Herzog küren. Vernimm nun die alte Sage von diesem Kampfe, wie sie mich die liebe Mutter gelehrt.«
VI.
»Einst endet das All, es welket die Welt, wann wilde Gewalten ruchloser Riesen reißen die kräftigen Ketten, darin sie gefesselt gute Geister. Und es wollen die Wilden, die wütigen Wölfe, die dräuenden Drachen sich der Seelen bemeistern der Menschen.
In Feuer und Flammen hebt sich ein Buhurd: vom hohen Himmel steigen, stolz und strahlend wie Sterne, uns Helden als Helfer herab und auf Erden ringen, rennen und reiten alle Edeln, die Waffenwerks weise. Wird da wild ein kühnes Kämpfen, ein arges, entbrennen, wie nimmer noch Augen ersahen auf Erden. Es hallet ein Heerhorn, ein gellendes, goldnes, das da wahret der Wächter des Wegs zu den himmlischen Hallen. Von drüben dumpf dröhnet der Riesen Ruf: nun treffen die Tapfern in Eil' aufeinander.
Es naht eine Natter, ein wütender Wurm, mächtig aus dem Meer, aus Wogen und Wellen windet und wälzt er sich in Schlangenschuppen ans steile Gestade: giftigen Geifer speit er in Sprudeln. Es schwimmt ein Schiff, schwarz und schrecklich: gräßliche Geister stehen am Steuer, setzen die Segel, rühren die raschen Ruder: Reihen von Riesen lädt es ans Land. Krächzend krähet der heis're Höllenhahn: es heult der Helhund. Der Helwolf hat die Bande gebrochen: die Fessel fiel, rasend rennt er und reißt, was er erreicht. Da beben die Berge, da brechen die Bäume, entwurzelt erdröhnen uralte Eichen und Fichten im Fall. Es ächzen die Elben, die zottigen Zwerge, unter den fallenden Felsen. Es birst der blaue Himmel, der hohe, es birst die Brücke, der reichfarbige Regenbogen, darauf die Stolzen herabgestiegen. Unter all dem Dröhnen und Donnern doch dauert der Drang der ringenden Recken: aus den Fugen fällt die weite Welt, nicht stört das die Starken im Stürmen: fort fechten sie freudig, unter den Trümmern noch trotzig einer wankenden Welt.«
»Fort fechten sie freudig, ... unter den Trümmern noch trotzig einer wankenden Welt --« wiederholte Hellmuth leuchtenden Auges und drückte fest die Faust um den Schwertgriff.
»Es rasen die Rosse der helmfrohen Helden, die wild wiehernden Hengste, hoch hauenden Hufs: Speere zerspellen: zerschrotene Schilde, zerhackte Helme, zerbrochene Brünnen decken dicht die alte Erde, die eine einzige Walstatt wurde. Aber ach! Allmählich werden die Wilden, die argen Unholde, Meister der Menschen: es wanken und weichen die schimmernden Scharen der guten Geister, der hohen Helfer.
Und die ermüdenden Menschen mähet und fället furchtbar der Feinde finsterer Führer, das schwarze Scheusal, der Rauchriese, ganz gehüllt in Rauch und in Ruß. Auf dem Rappen rennt er in die Haufen der hellen Helden. Soll er denn siegen?«
»Nein,« knirschte Hellmuth, »nicht, solang ich Hand heben mag.«
»Da rufen die Recken, die bitter bedrängten, blutend aus Verch-Wunden, sie rufen um Rettung: ›komm, kehre du Kühnster der Kühnen, uns, du Waltender, wieder! Was wichst du von uns? Was weilte dich, Wandrer, im Walde? Was barg dich im Berge? Siegvater, siehe die Drangsal der Deinen!‹
Und horch! Da hallet es hin durch die Himmel! Gellender gellt das helle Horn: und es läuft durch die Lüfte wie Rauschen von Raben und ein Jauchzen, ein Jagen von raschen Rossen! Und siehe, da sauset, im mächtigen Mantel, im herrlichen Hochhelm, auf dem großen Grauroß, mit dem spitzigen Speer uns zur Hilfe heran der herrliche Held: Kaiser Karl, den in hohler Höhle des Berges geborgen zäher Zauber: verwunschen war er, als wilder Jäger zu jagen. Aber in äußerster Not nun naht er!
Der Zauber zerfiel und stolz und strahlend, wie er weiland gewaltet in hohen Hallen, führt er freudig die Seinen zum Siege! Und siegen darf an seiner Seite, wer ihm die Seele selber brachte im Bündnis, im treuen Vertrag, auf ewig zum Opfer! An seiner Seite darf er die dräuenden Drachen bestehen im Streite und fällen die Feinde. Wir siegen! Wir siegen! Es fliehen die Feinde, es weichen die Wilden. Wohl verbrennt in breitem Brande die alte Erde. Doch es taucht aus den Tiefen, den nächt'gen, aufs neue wonniger wieder eine werdende Welt und hoch dann und herrlich mit dem hehren Helden haus' ich im Himmel mit allen Edeln immer und ewig.«
Er sprang auf und hielt inne, mehr verzückt als erschöpft.
VII.
Hellmuth wollte sprechen: -- aber der Alte kam ihm zuvor: »Still! Nun sollt Ihr nicht mehr hören, Ihr sollt sehen. Schaut hinauf, das Sternlein ist dem Mondrand nah. Die Stunde kam.«
Er bückte sich und hob, nicht ohne Anstrengung, unter den hohen, mächtig gewölbten Wurzeln der alten Esche eine Rasenscholle aus: -- erst jetzt gewahrte der Jüngling, daß sie auf drei Seiten eingeschnitten war -- und holte darunter ein Stück Fell hervor: -- es war ein Hamsterpelz: -- darin lag gehüllt ein etwa zwei Hände breiter rundlicher Gegenstand. Der Alte wickelte ihn sorgfältig heraus und wies ihn dem Überraschten dar: es war eine dunkle, ganz glatte Metallscheibe in ehernem Rahmen: einen in sich gerollten Drachen stellte der umrahmende Erzreif dar.
»Ein Spiegel?« rief Hellmuth erstaunt.
»Ja! Aber nicht der Eitelkeit: -- der Wahrheit. Ein Zukunftspiegel! In unserer Sippe vererbt von Geschlecht zu Geschlecht! Alle andere Fahrhabe teilte die liebe Mutter, als sie zu sterben kam, ganz gleich unter uns beiden Brüdern. Aber diesen Spiegel gab sie mir voraus! Sie schickte den Bruder, der so kircheneifrig war, hinaus, griff unter das Kopfpolster und reichte dies Erbstück mir --, weil sie wußte, ich würde davon schweigen gegen die Geschorenen. ›Und so haben's,‹ sagte sie, ›die Ahnen gehalten von Geschlecht zu Geschlecht: immer nur Einem -- dem Treuesten! -- haben sie das Erbe der Vorzeit vertraut.‹ -- Und sie lehrte mich auch, wie ich des Spiegels zu gebrauchen habe. Einst war er wohl zu eigen den drei seligen Fräulein auf der Karlsburg da unten am Main: Sankt Kilian soll sie von ihren Herrscherstühlen im Goldsaal des Schlosses vertrieben und sie verwunschen haben in den tiefen Ziehbrunnen unten im Burghof. Aber der einsame Hirt, der im Abenddämmer an der Halde die Ziegen weidet, hört sie noch manchmal leise singen aus der Tiefe und ein Sonntagskind mag sie wohl auch in heißester Mittagsschwüle da oben im hohen Grase des Burghofs überraschen, wie sie ihr Goldhaar strählen mit goldenem Kamme. Und ein Urahn von uns hat den Spiegel gefunden, da er einst hinabstieg in den Brunnen, weil ihn das leise Singen und Rauschen lockte. Und die Mutter sagte, das Ende der Welt wird kommen in einer Sommer-Sunnwendnacht. In der Sunnwendnacht eines Jahres, da am Tage der letzten Rauchnacht -- heilige drei Könige nennen's die Pfaffen jetzt -- also mitten im Winter! -- ein mächtig Gewitter wird aufsteigen über dem Stein zur Mitternachtseite der Stadt und wird der Blitz schlagen -- gerade zu Mittag -- in diese uralte Heidenesche hier.«
Da erbleichte der Jüngling: »Das ist dies Jahr! Am Tage der heiligen drei Könige kam ein Gewitter von Norden und schlug zu Mittag in diese Esche: -- ich stand ganz nah dabei, auf Wölfe pirschend, und sah es.« -- »+Deshalb+, nicht weil die Geschorenen es predigen, glaub' ich an das Ende der Welt, in diesem Jahr, in jener Nacht. Zwei Stunden vor Mitternacht, so lehrte die Mutter --, beginnt der Kampf.« -- »Gut. Die Stunde weiß ich nun: -- aber wo?«
»Das zu erfragen kam heute die Nacht: -- nach dem Stand der Gestirne. Nun laßt mich gewähren und schweigt.«
Und der Alte streifte den geflochtenen Bundschuh von der linken Sohle, trat barfuß auf die Breitfläche seines nackten Weidmessers, das er vor sich niedergeworfen hatte, streifte den Mantel von dem rechten Arm zurück, riß Gras, Kraut und Erdschollen aus dem Boden neben den Wurzeln der Heidenesche, streute sie auf sein graues Haar und hielt den runden Spiegel derart empor, daß die Strahlen des Mondes schräg hineinfielen, Hellmuth aber wie er selbst auf die Metallscheibe blicken konnten. Er drehte sich dabei langsam im Kreise und winkte dem Jüngling, ihm zu folgen. Lange schwieg er. Zuerst hatte er den Spiegel gen Norden -- nach der Stadt zu -- gehalten: man sah nichts. Dann drehte er ihn gen Westen dem Flusse zu: -- lange hielt er hier inne. Weiter drehte er ihn gen Osten -- nichts zeigte die Scheibe. Endlich wandte er sie gen Süden, -- flußaufwärts.
Alsbald fuhr er zusammen. »Seht Ihr?« raunte er leise. »Es zuckt durch meine Hand! Von dorther! Von Mittag -- nein, von Südost also -- reiten sie an da unten -- auf der großen Heerstraße!«
In dieser Richtung jagte der rasche Wind dunkles Gewölk wechselnd mit Helle über die Mondscheibe hin: -- phantastisch wirre Gestalten: -- und demgemäß verdunkelte und erhellte sich der Spiegel.
»Schaut!« Dem Alten zuckte und bebte vor Erregung die starke Hand. »Allen voran der Schwarze! Auf schwarzem Gaul! Den gilt es, vor allen zu treffen! Und hinter ihm -- seht nur! -- die ganze dunkle Schar, zu Roß, zu Fuß! Schaut wie sie wimmeln und drängen! Danke dir, Mutter! Nun weiß ich's gewiß! Ich werde nicht fehlen! In mancher Sturmnacht hab' ich's geschrieen in die Wolken hinauf: ›Hör' es, Herr Wode oder wilder Jäger, oder Kaiser Karl oder wie immer du heißest, der da oben brausend hinfährt über meinem Haupt: ich kämpfe für dich im letzten Kampfe. Dafür gieb mir Weidmannsheil und treffende Pfeile.‹ Hoch aus den Wipfeln, lachend, gleich der Eule, rief er Gewährung hernieder: -- nie fehlte mein Pfeil. So fehle auch ich nicht in seinem letzten Kampfe.«
»Noch ich,« sprach Hellmuth ernst. »Merke: keinem andern als dem Himmelsherrn gelob' ich meine Seele. Aber in dem Kampf, der -- auch die Priester sagen's ja! -- in der Sunnwendnacht gekämpft wird auf Erden gegen Satan und all sein Heer -- den Kampf kämpf' ich mit, Alter: wir reiten zusammen in die Teufel! Zur rechten Stunde bin ich da unten -- wo der Reitweg abbiegt -- zur Stelle.«
Und von ihm hinweg schreitend zu seinem Roß, sprach er zu sich selber: »Das höchste Glück der Welt -- es war, in Edels Arm zu ruhn. Es blieb versagt! Das zweite ist der Siegeskranz von höchster Ritterschaft: -- den will ich mir ertrotzen. Sankt Georg soll gestehen: ›nie sah ich Ritter ritterlicher streiten‹ und -- noch einmal -- jenseit des Grabes -- soll mich Edel müssen krönen.«
VIII.
Näher und näher kam der verhängnisvolle Tag der Sonnenwende, der Johannes dem Täufer geweihte vierundzwanzigste des Brachmonds.