Weltuntergang: Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 nach Christus
Part 12
Da ging ein Stöhnen, ein dumpfer Schrei des tiefsten Wehs über den Jammer aller irdischen Größe und doch auch einer gewissen grausigen Wonne durch die vielen Hunderte hin.
»Und nun,« fuhr der Mönch, sich hoch aufrichtend, fort: »Nun geschah mir das Ärgste. Ich wankte, meiner Sinne nicht mehr mächtig, dem blutüberströmten nackten Jüngling entgegen, ich streckte meine beiden Hände gegen ihn aus: -- da -- da traf sein Auge auf das meine, er erkannte mich und in wildem Schrecken schrie er: ›Wehe, weh! Ich kenne dich! Du bist Arn, der wilde, arge Arn, der Genosse so vieler meiner Sünden in Krieg und Jagd und Gelag. Ach, du heiliger Mann Gottes! Das ist derselbe -- man hat ihn erkannt, wie er davonjagte aus dem Thore von Florenz und hat es mir gemeldet -- der auf dem Marktplatz dort, auf Antrieb und in der Larve des Teufels, unter die Büßenden sprengte. Er trägt einen Dämon im Leib. Er ist besessen. Heiliger Mann Gottes, treibe den Teufel aus seiner Seele.‹
Und ohnmächtig sank der junge Kaiser zusammen.
Nun aber -- wehe! wie geschah mir! Alle, alle um mich her schrieen: ›Er hat einen Dämon! Er hat einen Dämon!‹ Und der fürchterliche, der hagere Heilige schritt gerade gegen mich heran und streckte die beiden knöchernen Arme gegen mich aus und bohrte mir die brennenden Augen in meine glanzgeblendeten, schmerzenden Augen und sprach in schauerlichem Grabeston: ›Ja, ich sehe es, mein Sohn: aber nicht Einen Dämon, vier Dämonen trägst du in dir von Jugend auf: den Saufdämon, den Wollustdämon, den Kampfdämon, den Spottdämon. Ich aber -- ich bin vom Herrn berufen sie von dir auszutreiben und deshalb hat dich der Herr hierher gesandt zu dieser Stunde. Auf, ihr Gerechten und Geheiligten, greift ihn, bindet ihn und geißelt ihn bis aufs Blut.‹
Ich schrie auf!
Aber nicht aus Furcht vor den Schlägen, die nun von zwanzig Geißeln auf mich niederhagelten: nein, wahrlich nein! Sondern ich schrie auf vor Entsetzen über mich selbst, vor Grauen über mein vergangenes Leben, aus Furcht vor den Teufeln in mir. Ich schrie, weil ich's fühlte, weil ich's denken mußte in meinem brennenden Hirn: ›Er hat Recht! Weissagend hat der Heilige, der mich nie gesehen, mein Inneres, und den Inhalt meines Lebens aus meinen Augen gelesen.‹ Und ich spürte, wie die Dämonen in mir sich bäumten und wanden, wie aufsteigende Schlangen. Und ich schrie mit letzter Kraft: ›Ja, ja, ihr Frommen! Der Heilige sprach wahr. Ein Wunder! Ein Wunder! Er hat sie erkannt, -- die Dämonen, von denen ich besessen bin dreißig Jahre. O treibt sie aus! O rettet meine Seele.‹
Das war das letzte, was ich hörte und wußte auf lange, lange Zeit.
Als ich meiner Sinne wieder mächtig war, lag ich in dem Krankensaal des Klosters des heiligen Michael und stak in der Kutte der schwarzen Brüder von Garganus.
Und an meinem Pfühle saßen der Herr Kaiser zur Linken und der Herr Papst zur Rechten, zu meinen Häupten aber stand der Heilige, und sprach: ›Sehet, es ist geschehen, wie ich gebetet, wie ich geweissagt. Er sollte ja sterben müssen, sprach euer griechischer Arzt, Herr Kaiser, an »~sideratio~« wie er's nannte: -- Sonnenstich, das sollte das ganze Wunder sein! Ich aber fragte den gelehrten Spötter: Ei, hat die Sonne auch seine +Seele+ gestochen? Warum ist er geworden aus einem Saulus ein Paulus? Wahrlich, wahrlich ich sage euch: ich kleide diesen geretteten Sünder in das Gewand meiner schwarzen Brüder und er wird nicht sterben. Oder, wenn er stirbt, wird er nach dreien Tagen wieder auferstehen von den Toten. So sprach ich. Wohlan: es ist der dritte Tag -- er schlägt die Augen auf -- er ist genesen. Ausgefahren aber von ihm auf immerdar sind seine vier Dämonen.‹ --
Und er beugte sich über mich und sah mir in den Grund der Seele mit diesen überirdischen Augen und forschte feierlich: ›Ich frage dich im Namen des Herrn, mein Sohn: nicht wahr, du bereuest, du büßest und du glaubst an das Nahen des Gerichts?‹ Und bei dem Klange dieser Stimme kam mir zurück die Erinnerung an alles, was ich in der Höhle gehört, gesehen und erlebt, und erschauernd sprach ich: ›Ja, du Heiliger des Herrn, ich bereue, ich büße und ich glaube an das Nahen des Gerichts.‹ Da warfen sich der Herr Papst und der Herr Kaiser zu des Heiligen Füßen und umfingen seine Kniee und küßten sie und der Herr Papst rief: ›Heil mir, nun hab ich, was ich immer gewünscht zur Verscheuchung meiner Zweifel: nun hab ich eines deiner Wunder mit Augen gesehen!‹
Der junge Kaiser aber schluchzte unter Thränen: ›Wohl mir, daß ich nie an dir gezweifelt, du Heiliger des Herrn.‹ Und ich beichtete dem Propheten. Und als Buße -- ach wie geringe Buße! -- legte er mir auf, von Stund an nie mehr im Leben Fleisch zu essen und überhaupt nur jeden dritten Tags Speise zu nehmen und nie mehr Wein. Und sprach zuletzt: ›Du ziehest aus als des heiligen Vaters Sendbote und als der meine. Weil du verspottet hast das Nahen des Gerichts, sollst du das Nahen des Gerichts verkünden unter den Menschen deiner Heimat, in dem Land Italien aber nur auf dem Marktplatz zu Florenz: wo der Dämon des Hohnes aus dir sprach, soll der heilige Geist der Wahrheit aus dir sprechen. Und wenn dir in deiner Heimat die Weltlinge nicht glauben und dich verhöhnen, so wird das die gerechte Strafe sein deines Hohnes. Wenn sie dir aber glauben, wirst du noch vor dem Nahen des Gerichts erretten die Seelen Vieler und dadurch auch die eigene: denn jener Errettung wird dir der ewige Richter anrechnen als ein gutes Werk.‹
Und bald darauf erhielt ich des Herrn Papstes Brief und Siegel und diese schwarze Fahne und vom Herrn Kaiser diesen stattlichen Wagen und die vier Rappen und zog aus auf meine heilige Sendung. Und der Herr hat sie gesegnet von Florentia an, -- wo sie mein Carroccio ausspannten und den bekehrten Sünder im Triumph auf ihren Schultern über den Marktplatz in die Kirche trugen, -- bis hierher: ihr sehet diese Hunderte von Geretteten.
Ihr aber, o Bischof und ihr Priester von Würzburg und ihr Bischofsmannen und Bürger und Bauern -- o thuet desgleichen wie diese. Verstocket nicht eure Herzen! Ihr seht das Wunder vor Augen: das große, das der Heilige gethan hat an Arn, dem argen Sünder. So befolgt denn des Herrn Papstes, des Herrn Kaisers, des heiligen Nilus Gebot. Büßet, büßet und glaubet, das Gericht ist nah: um Mitternacht dieser Sommersonnwend -- noch wenige Wochen sind's -- geht die Welt in Flammen auf und der jüngste Tag bricht an.«
Da stürzte der Mönch bewußtlos zusammen: Schaum trat ihm vor die Lippen: seine Kraft war erschöpft: er sank mitsamt seiner riesigen schwarzen Fahne in die Arme eines seiner Genossen: die drei andern aber setzten wieder die Posaunen an den Mund und bliesen und schmetterten, als erschallten schon jetzt die Posaunen des Gerichts: sie hieben auf die schwarzen Rosse ein: diese zogen an -- vorwärts rollte langsam der schwere hohe Wagen und ihm folgte singend und schreiend und heulend alles Volk, die Hunderte von Ankömmlingen, und die Tausende von Bürgern und Bauern -- alles wälzte sich unaufhaltsam gegen die Stadt zu: der Bischof und sein Gefolge vermochten weder seitwärts auszuweichen noch den gewaltigen Strom der wild Erregten, der Verzweifelnden aufzuhalten: willenlos wurden sie mit fortgetragen von dem wogenden Gewühl.
Viertes Buch.
I.
Jetzt gab es Arbeit für den Bischof von Würzburg, geistliche und weltliche! --
Die Wirkungen des Glaubens an das demnächst hereinbrechende Weltende waren im ganzen Abendland gewaltig. Freilich nicht überall gleich starke: In Italien, im Süden von Frankreich wurde die Bevölkerung, an sich von lebhafterer Empfindungsweise und leichter erregbar, in größeren Mengen und leidenschaftlicher ergriffen, weil so nahe den Quellen, von denen die Verkündung ausströmte: süditalische Einsiedler, zuletzt auch Rom. Die kühleren Deutschen nahmen die Sache kühler, mit häufigerer Bezweifelung und, auch wo sie glaubten, mit festerer Haltung auf; in manche Landschaften des Nordens und Ostens war das Gerücht kaum gelangt.
Allein wo, wie im Würzburgischen geschehen war, ein Bote, unmittelbar von Papst und Kaiser und heiligem Wunderthäter entsendet, ein Bote, befeuert von schwärmerisch verzücktem, felsenfestem Glauben, selbst durch ein Wunder erst zu diesem Glauben bekehrt, das schaurige Wort verkündete, -- da war die Wirkung eine furchtbare, eine fortreißende. Nicht einer und nicht eine, die den Aufzug des Mönches und seine Bußmahnung auf jener Festwiese gesehen und gehört, verharrte im Unglauben, hegte noch Zweifel; sogar der alte Rado raunte Hellmuth zu: »Ja, zur Sonnwend! Ist richtig! Ich wußt' es längst. Die Welt geht unter, -- aber +anders+ als die Pfaffen wähnen.«
Supfo hatte wichtiger Geschäfte gewaltet und an jenem Nachmittag den Keller nicht verlassen.
Noch am selben Tage hatte sich der Zug des Mönches durch die Stadt hindurch den Fluß hinab weiter gewälzt: der Bischof hatte, mancherlei Wirren in der Gemeinde besorgend, die baldige Entfernung des starken Haufens in jeder Weise begünstigt und beschleunigt.
Eines der ersten Geschäfte Herrn Heinrichs, sobald er in seinen Hof zurückgelangt war, bestand darin, daß er einen Eilboten in die Gegend von Bamberg sandte, wo er noch die Lagerung der wendischen Söldner vermutete, mit dem strengen Befehl an Berengar, die Verhandlungen abzubrechen, das etwa bereits Bezahlte zu opfern und schleunigst zurückzukehren. Es hatte keinen Sinn mehr, für Sankt Burchhard eine Grafschaft zu erkämpfen, die in wenigen Wochen in Feuer aufging.
Im übrigen aber hielt der tüchtige, klar-verständige Mann streng darauf, daß, unerachtet der frommen Vorbereitung durch Gebet und Bußen, jeder seine obliegenden weltlichen Pflichten streng und genau wie immer erfülle, gleichwie er selbst mit bestem Beispiel darin voranging: er sah voraus, was die Erfahrung der nächsten Tage schon bestätigte, daß die Wirkungen jenes Glaubens keineswegs bloß fromme, wohlthätige, sittliche sein würden.
Gegenüber der maßlosen Aufregung der Gemüter, der Furcht vor Tod und Hölle, die zu unthätigem Brüten, zu leidenschaftlichen Ausbrüchen, zur Lockerung aller hergebrachten Bande, zur Vernachlässigung aller Gewohnheiten und Geschäfte verführte, war das einzige Heilmittel die strenge treue Erfüllung jeder Pflicht, auch der weltlichen. Unermüdlich schärfte er das wie in seinen nun täglichen Predigten, so im Beichtstuhl und im Verkehr mit Geistlichen und Laien ein.
Und wahrlich: es that not!
Die meisten freilich, die Frauen und Mädchen fast ausnahmslos, und auch der weitaus größte Teil der Männer wurden durch die Erwartung des nahenden Endes zur Zerknirschung, Reue und Buße getrieben. Und die Furcht vor dem Zorne des allwissenden Richters bewog Unzählige, nach der sehr bedenklichen Sittenlehre nicht der Kirche zwar, wohl aber der Zeit, die Heiligen zu bestechen, ihre Fürsprache bei dem Herrn dadurch zu gewinnen, daß sie den Heiligen: das heißt deren Kirchen, Klöstern und frommen Stiftungen Geschenke zuwendeten soviel sie nur konnten. Viele, viele Tausende errichteten damals Schenkungen an die Kirchen von Land und Leuten, von nutzbringenden Hoheitsrechten, von Häusern und Feldern, von barem Geld, von Gold- und Silbergerät und Schmuck. Auch dem Bischof von Würzburg wurden jetzt für Sankt Kilian, Sankt Burchhard und andre Heilige solche Vergabungen in einer kaum zu bewältigenden Fülle aufgedrängt. Wenig Freude hatte Herr Heinrich an diesen Äußerungen einer Frömmigkeit, die dem Schenker den Genuß nur auf drei Wochen noch entzog, dem Heiligen nur auf drei Wochen zuwandte und durchaus nicht in Selbstverleugnung, sondern in jämmerlicher Furcht vor den Höllenqualen ihren Beweggrund hatte.
Allein ausschlagen durfte er das Dargebrachte nicht: -- das verboten die Canones! -- Auch würde die Zurückweisung die Leute erbittert, zur Verzweiflung, zu wüstem vergeudenden Genuß getrieben haben. In solchen Mengen aber drängten sich Schenkungsurkunden und geschenkte Fahrhabe zusammen, daß er außer dem Bischofshaus auch noch andre verfügbare Räume zur Aufnahme anweisen mußte. Auch das bisher von den beiden Mädchen bewohnte Haus ward hierzu bestimmt: die Freundinnen mußten sich trennen. Denn der Bischof bestand darauf, daß der Eintritt Minnegardens in das Kloster nun doch noch zu geschehen habe. Das Widerstreben der Weinenden, die geltend machte, nun könne es doch darauf nicht mehr ankommen, ob sie nächstens als Weltkind oder als Nonne sterbe, wies er gütig, aber bestimmt zurück. Er würde, gestand er ihr, wäre der Bescheid des Papstes anders ausgefallen, ihr vielleicht nachgegeben haben, da er längst erkannt habe, wie wenig das Alpenkind zum Kloster neige und dafür tauge, wie so ganz auf andre Dinge ihr Sinn gerichtet sei. Aber nun, da alle solche Hoffnungen und Wünsche doch ausgeschlossen, nun sei es Pflicht, den letzten Wunsch der Mutter zu erfüllen: auch teilte er den allgemeinen festen Glauben der Zeit, es sterbe sich viel seliger im Nonnen- oder Mönchsgewand denn in weltlicher Tracht; er machte mit dieser Versicherung freilich wenig Eindruck auf das Mädchen! Schon daß sie sterben müsse, bevor sie in das Himmelreich eintreten könne, fand sie recht hart; sie hatte gemeint, nachdem der Herr die Menschen, die er lebend antreffe, lebend richte, könnte er sie wohl auch gleich lebend mit in den Himmel nehmen. Da hatte sie denn zu lernen, daß jenes Leben ein andres als das auf Erden und daß nur wenigen Auserwählten verstattet sei, ohne den Tod zu schauen, in den Himmel einzugehen.
So ward die Tieftraurige untergebracht in das Haus der »Religiosen«, das nördlich der Stadt vor dem Holzthor, aber innerhalb des Pfahlhags auf dem rechten Ufer flußabwärts an der heutigen Straße nach Veitshöchheim lag: hier ward sie von den frommen Frauen für die Einkleidung vorbereitet, die -- nach Anordnung des Bischofs -- von diesem selbst in dem Dom in der letzten Stunde vor Mitternacht vorgenommen werden sollte.
Edel bezog mit Malwine, der alten Pflegerin, ein kleines, dem Bischof gehöriges Häuslein, das, gerade dem Religiosenhaus entgegengesetzt, flußaufwärts vor dem Südthor und der Sandvorstadt in der Nähe der großen Festwiese, aber auch außerhalb des Pfahlhags lag. Sonder Abschied hatte Fulko die Geliebte müssen ziehen lassen; denn er wie Hellmuth wurden gleich in den nächsten Tagen nach jenem verhängnisvollen Schützenfest von Herrn Heinrich sehr häufig außerhalb der Stadt im Gau verwendet. Der waffenfrohe Bischof fand nämlich neben der unablässigen geistlichen auch weltliche, kriegerische Arbeit in diesen Wochen. Denn keineswegs alle Seelen wurden durch den Gedanken des nahen Endes zerknirscht: es gab doch auch gar viele rohe, kraftstrotzende Männer, in der Vollkraft der Jahre, in welchen umgekehrt die Flammen der Genußgier noch einmal wild aufloderten bei der Vorstellung des baldigen Erlöschens für immerdar. Von wahnsinnigem Drang nach Erdenlust jeder Art ergriffen, betäubten sie ihre Angst vor dem Tod und fröhnten zugleich ihrer Sinnengier in wüsten und verbrecherischen Thaten gegen alle Gebote der Kirche und gegen alle Gesetze des Reichs.
In der Stadt selbst hielt Herr Heinrich solche Ausbrüche nieder mit eherner Faust. Es war dem tapfern Manne sehr erwünscht, daß die Abwesenheit desjenigen, der durch sein Amt berufen war, den Landfrieden zu wahren, des Grafen, mit fast all seinen Reisigen in Italien, dem Bischof die Erfüllung dieser Pflicht zwar keineswegs von Rechts wegen aufzwang, aber doch ermöglichte und nahelegte.
Wie in anderen Teilen Deutschlands hatten sich im Waldsassen- und Rangau bei Würzburg, zumal aber auch in den armen Gegenden des Spessart, dann im Maingau, wohin der Mönch Monitor seine aufregende Verkündung zunächst getragen hatte, bewaffnete Scharen zusammengerottet. Sie suchten mit Raub und Brand die nächsten Herrensitze, ja auch Klöster heim, sie erbrachen hier die vollen Weinkeller, die strotzenden Vorratskammern ihrer Herren -- die oft ihre Peiniger gewesen waren -- oder ihrer reicheren Nachbarn und nahmen sich mit der Faust zu einem letzten Rausch, zu einer letzten Völlerei, was ja doch in wenigen Tagen dem Untergang geweiht war: auch manche Weiber und Mädchen rissen sie zu wilden, schamlosen Reigen und oft zu schlimmeren Dingen fort.
Es waren meist Unfreie, die ihren Herren entlaufen waren, entsprungene Gefangene, Landstreicher, Waldgänger, Räuber, unzufriedene verarmte Kleinbauern. Schwer aber fiel es Herrn Heinrich aufs Herz, als ihm gemeldet wurde, auch viele jener Bauleute seien darunter, die er plötzlich aus Arbeit, Brot und Lohn entlassen hatte.
Daß so er -- er selbst! -- die Scharen jener Mordbrenner verstärkt habe, -- das legte ihm die rasche, kraftvolle Dämpfung der Unruhen noch besonders als Pflicht auf das Gewissen.
So gab er sich denn mit heißem Eifer wie mit altbewährter Stärke und Umsicht dieser kriegerischen, staatlichen Aufgabe hin. In einer kampffreudigen Predigt in der in diesen Tagen immer bis auf den letzten Fleck gefüllten Domkirche forderte er alle wehrfähigen Bürger der Stadt und des Gaues auf, sich zu waffnen: -- er stellte ihnen die eigne reiche Waffensammlung zur Verfügung -- und zusammen mit seinen Dienstmannen unter Führung seiner Ritter die Umgegend zu durchstreifen, die bedrohten offenen Landsitze, Dörfer und Klöster zu schützen, die Banden aufzusuchen und zu zerstreuen.
Seine flammende Beredsamkeit -- »wie ein Herzog sprach er, nicht wie ein Pfaff,« meinte Fulko begeistert -- hatte guten Erfolg: wohl ein paar hundert Bewaffnete sammelten sich alsbald um den Bischofshof: hatte er doch solches Thun für gottwohlgefälliger und verdienstlicher noch denn Fasten und Beten erklärt! Und eine Freude und heiß erwünschte Erholung von den jetzt fast erdrückenden geistlichen Geschäften war es ihm, gelegentlich selbst, hoch zu Roß, die Sturmhaube auf dem Haupt, das Schwert in der Faust auszuziehen -- nicht gerade ganz im Geist der Canones! -- an der Spitze einer solchen gewaffneten Schar und eine Rotte von Räubern und Landbrennern auseinanderzusprengen, wie sie Aschaffenburg im Nordwesten, Kissingen im Südosten bedroht und geschädigt, aber auch im Waldsassengau in der Nähe von Würzburg selbst Holzkirchen, Helmstädt, Utingen, Römlingen, Fotingen, Birkenfeld, Himmelstadt, Steinbach, Trifenfeld heimgesucht hatten mit Gewalt und Plünderung. Da hatten außer dem Bischof selbst seine Junker die Hände voll kriegerischer Arbeit. »Es ist all nicht genug,« schalt gleichwohl Hellmuth. »Sie halten nicht Stand, die feigen Schächer. O nur noch Ein tüchtig Einhauen vor dem Ende!«
II.
Aber neben allen geistlichen und weltlichen Aufregungen dieser Wochen irdischen Daseins gingen doch die Dinge des täglichen Lebens, dessen Erfordernisse und Bedingungen -- in seltsamem Gegensatz zu jenen außerordentlichen Geschehnissen -- ihren hergebrachten Gang: die Leute sahen dem Ende entgegen: aber einstweilen wollten sie doch schlafen und trinken und -- wenn sie nicht gerade das Fasten sich vorgesteckt hatten -- auch essen.
Herr Heinrich hörte einmal, wie er die Eingangshalle des Erdgeschosses durchschritt, seines treuen Supfo Stimme gewaltig schelten: laut drang aus der Tiefe des Kellergewölbes seine schallende Rede an die Oberwelt, verbrämt mit manchem nicht gerade bischöflich gedachten Kernfluch. Das bewog den Seelenhirten, zu verweilen und an seinem Kellermeister im Vorüberwandeln ein wenig Seelsorge zu treiben. Er blieb stehen, beugte sich über das Geländer der steinernen Kellerstufen und rief hinab: »Aber Supfo! Schämst du dich nicht? Es wird wohl dein Werk, was immer es sei, auch ungeflucht von statten gehen. Aber nichts als: ›Donner!‹ und ›Donnerstrahl!‹ Was bringt dich denn so auf?« »Nun, Herr Hezilo!« antwortete der Runde, der langsam ein paar Stufen entgegen humpelte. »Wenn +das+ einen Christenmenschen nicht aufbringen soll! Was haben sie gethan, diese Eselfüllen von Kellerjungen? Den köstlichen Trank vom Stein schon aufgespundet. Jetzt hält er sich kaum mehr zwei Jahre!« -- »Aber Supfo! In zwei Wochen ist ja alles aus!« -- »Ja -- ja! -- Jawohl! -- Aber nichtsdestoweniger! -- Wie habt Ihr erst gestern wieder so schön gepredigt in der Vesper (-- wie jetzt schon so oft, daß ich's auswendig weiß!)? ›Geliebte in dem Herrn! Vor allem fahret fort, eure Pflicht zu thun in allen Stücken, im kleinen wie im großen‹ (der Steinwein ist aber nichts Kleines!) ›als ginge es noch immer so fort wie von je.‹«
»›Ohne doch (fügte ich bei) durch solche Geschäfte euere Gedanken ablenken zu lassen von dem nahen Ende.‹ -- Du aber scheinst ein sehr gutes Gewissen oder -- noch immer! -- einen herzhaften Vorrat Leichtsinn zu besitzen.« »Beides, lieber Herr,« beteuerte der Kellerer treuherzig, die Hand auf sein Schurzfell legend in die Grenzgebiete zwischen Herz und Bauch. »Was hast du denn aber da?« forschte der Bischof sich tiefer bückend. »In der großen Kiste, die du dort in den Nebenkeller schaffen lässest?« -- »Das? Das ...? Das kleine Kästlein, meint Ihr? O ... das ... das ist nichts ... von Bedeutung.« -- »Was ist darin? Kirchengerät?« -- »O nein, im Gegenteil -- sozusagen! Es sind Schläuche -- von ... von dem Griechenwein, den weiland Frau Theophano, -- Gott hab' sie selig! (werdet sie ja auch nun bald wiederschauen: ob sie wohl noch so schön ist?) -- Euch oder vielmehr, wie es in ihrem Schreiben hieß, Sankt Burchhard (der aber schon lange -- zu Lichtmeß waren es zweihundertsechsundvierzig Jahre! -- seinen letzten Trunk gethan), also doch wohl Euch verehrt hat. Der Griechenwein steht hier der Kellerarbeit im Wege und ...« »Lauter überflüssig Thun!« schalt der Bischof und schritt zum Thor hinaus, im nahen Dom wieder Beichte zu hören. »Ganz unnütz!« »Wer weiß?« meinte Supfo und sah ihm verschmitzt lächelnd nach.
III.
Wenige Tage danach -- es war schon dunkler Abend -- kam Junker Fulko von einem Streifzug in der Umgegend -- mainaufwärts -- gegen die Landschädiger zurück. Er hatte sein Häuflein in dem Thore der Vorstadt auf dem Sand entlassen, Orco, seinen schönen Rapphengst, dem Roßwart übergeben und schritt nun in tiefe -- ach! nicht mehr hoffnungsfreudige -- Gedanken verloren durch die schmale Gasse, die innerhalb der Umwallung von Ost nach West an den Fluß führte; er wollte sich von da allmählich an das Religiosenhaus heranpirschen, zu versuchen, ob es nicht endlich gelinge, einen Blick auf oder von Minnegard zu erhaschen; bisher war die Hut der frommen Schwestern nicht zu durchbrechen gewesen! Er summte den Anfang eines werdenden Liedchens vor sich hin in der Dämmerung:
»Wes Auge je dein inne ward, O zauberschöne Minnegard ...«
Da drang aus der noch engeren Quergasse, welche die Straße von Nord nach Süd kreuzte, lautes Gekläff eines Hundes, dazwischen durch der Streit zweier menschlicher Stimmen, zuletzt etwas wie ein Hilfeschrei: und das war nicht eines Mannes Stimme.
Im Augenblick stand der Ritter in der ziemlich dunkeln Gasse: an deren Südende sah er gerade noch zwei blonde Zöpfe fliegen, während ein zottiges Grauhündlein, mit zornigem Gebell vorstoßend, den Rückzug seiner Herrin deckte.