Weltreise. Erster Teil: Indien, China und Japan

l. Ufer und eine siebenstöckige Pagode künden die Annäherung an

Chapter 111,729 wordsPublic domain

(575 km) =Itschang=, Stadt mit 70000 Einw. (80 Europäer), Vertragshafen seit 1876, am l. Ufer, mit Mauern eingefaßt. Viele europäische Firmen haben hier chinesische Agenten. Deutsches Konsulat, deutsches Postamt wird von Hankau verwaltet. Bahn von Itschang nach Wanhsien im Bau, soll bis Tschungking geführt werden.-- Man besteige den Itschang gegenüberliegenden Berg, von den Fremden »die Pyramide« genannt; schöne Aussicht über die Umgebung.-- Tagesausflng (event. im Tragstuhl) nach dem (3 St.) Höhlentempel _Lungwang-tung_ (»Grotte des Drachenkönigs«) mit unterirdischem See.

=Von Itschang nach Tschungking= (740 km) bietet die Fahrt auf dem Yangtse (Eisenbahn, s. oben) wegen gefährlicher Stromschnellen oft große Schwierigkeiten. Nachdem frühere Versuche, eine Dampferverbindung herzustellen, fehlgeschlagen waren, hat von März bis Dezember 1910 der Flußlotse, der englische Kapitän Plant, mit dem chinesischen Dampfer Shutung (mit Prahm im Schlepp) einen etwa 14tägigen Verkehr aufrechterhalten (Fahrpreise für Bergfahrt, 6-9 Tage, I. Kl. $ 50, Talfahrt [2-4 Tage] I. Kl. $ 25). Vorausbestellung der Fahrkarten in Itschang ist zu empfehlen. Sehr lebhaft ist dagegen, weil der Yangtse die einzige Verkehrsader zwischen den östlichen Provinzen und der reichen Provinz Szetschuan (50 Mill. Einw.) bildet, der Dschunkenverkehr, der die gesamte Güterbeförderung und den größten Teil der Personenbeförderung zwischen Itschang und Tschungking besorgt; letztere erfolgt auf »Passagierbooten«, die die Strecke in der günstigsten Reisezeit (von Oktober bis Mai bei niedrigem Wasser) in 25-32 Tagen zurücklegen; Boote mittlerer Größe enthalten 3 Zimmer, Küche und Gepäckraum; der Fahrpreis beträgt 150-200 Taël. Konserven und Getränke sind aus Hankau mitzubringen, Fleisch und Gemüse ist unterwegs erhältlich. In Itschang empfiehlt sich die Mitnahme eines Rotbootes, d. h. Rettungsbootes (durch Vermittelung des Konsulats von der Ortsbehörde zu erlangen). Die Fahrt durch das tiefeingeschnittene Erosionstal ist landschaftlich äußerst lohnend; eine der von NO. nach SW. streichenden Bergketten nach der andern wird durchbrochen, ihre hohen Steilabstürze wechseln mit den flachen Einmündungen, der dazwischen liegenden Täler, Talengen mit Talweiten. _Friedr. Hirth_ (seinerzeit Seezolldirektor in Tschungking) berichtet von seiner Reise wie folgt: »Die Reise ist im ganzen kaum gefährlicher als eine Seereise, trotz der reißenden Stromschnellen, deren man täglich mehreren begegnet. Die Landschaft ist während eines großen Teils der Reise großartig und stets interessant. Man denke sich die Sächsische Schweiz mehrfach übereinander getürmt und die Elbe um das Drei-bis Vierfache verbreitert, um sich ein Bild von den berühmten '_Gorges_' von Itschang zu machen, so heißen bei den Engländern jene Engpässe, durch die sich der große Strom bis zu einigen Tagereisen oberhalb Itschang hindurchzwängt. Zwischen Itschang und Kweitschoufu überschreitet man die Grenze von Szetschuan. Die Mitte der Reise bildet die Stadt _Wanhsien_, ein wichtiger Knotenpunkt für den Handel in Ost-Szetschuan«, mit schönen Straßen, Läden, Tempeln und Pagoden, auf einem Hügel; Bahn nach Itschang im Bau, nach Tschungking und weiter nach Tschöngtu geplant; etwa 1000 Handwebstühle sind in der Stadt in Betrieb; in den nahen Bergen Kohlengruben. Ein Telegraph führt von Itschang über Wanhsien nach Tschungking und Tschöngtu und von dort über _Ja-tschou_ nach _Tachienlu_ (tibetanisches Grenzgebiet); von Tschungking nach _Suifu_.

(740 km) =Tschungking= (Unterkunft nur in chinesischen Gasthäusern), Stadt mit 610000 Einw., seit 1890 Vertragshafen, die Handelsmetropole der Provinz Szetschuan, liegt am l. Yangtseufer (über 2500 km oberhalb Schanghai) an der Einmündung des _Kialingkiang_ halbinselförmig auf einer 30 m hohen Felsplatte. Die Umgebung ist sehr malerisch, im S. am r. Ufer liegt der heilige Berg _Tuschan_, wo der mythische Kaiser Yü seine Gattin heiratete. --_=Konsulate=_: _Deutsches Reich_, Konsul Weiß; ferner Großbritannien, Frankreich, Japan und Amerika.-- _=Post=_: _Kaiserl. Chinesische Post_ und ein _Französisches Postamt_.--_=Krankenhäuser=_: _Deutsche Poliklinik_ (unter Leitung eines Stabsarztes); englisches, französisches und amerikanisches Missionshospital (letzteres mit Frauenabteilung).--_=Fremde Firmen=_: _Arnhold, Karberg & Co._ und _Carlowitz & Co._, beide deutsch; englische: _Mackenzie & Co._ und _British-American Tobacco Co._--_=Ladengeschäfte=_: ein französisches, das Konserven und Spirituosen vertreibt, ein amerikanisches, Apotheke und Gebrauchsgegenstände. --_=Klub=_: _Seezoll-Klub_ mit Billardzimmer. P u. T.-- Tschungking ist der Hauptflußhafen und -handelsplatz für das »Rote Becken« von Szetschuan, ein von schiffbaren Flüssen durchzogenes, dicht besiedeltes (40 Mill. Einw., 250 auf 1 qkm) Hügelland von 800-1000 m Durchschnittshöhe, das sehr fruchtbar ist und günstiges Klima hat. Seine Hauptprodukte, die von Tschungking zur Ausfuhr kommen, sind: Seide, Häute, Moschus, Rhabarber, Opium, Wolle, Borsten, Gallnüsse, Ziegenfelle; Einfuhr: Baumwollengarn, Wollenstoffe. Etwa 1600 Dschunken verkehren jährlich in Tschungking.

Der Yangtse wird oberhalb Tschungking bis _Pingshanhien_ (westl. von Suifu) befahren; er ist noch weiter schiffbar, aber unsicher wegen der Überfälle durch unabhängige Lolostämme. (Vgl. _H. Hackmann_, An den Grenzen von China und Tibet; Halle a. S. 1904.)-- Lohnend ist ein Ausflug von Tschungking nach der Provinzhauptstadt =Tschöngtu=, die auf einer der besterhaltenen Straßen Chinas in 10-12 Tagen zu erreichen ist, am besten im Tragstuhl (Tragkulis erhalten für die ganze Reise 4000 Käsch oder etwa $ 4). Die Gasthöfe sind verhältnismäßig sauber und billig, Kosten des Nachtlagers 300-1000 Käsch; Moskitonetz und Insektenpulver sind unentbehrlich. Tschöngtu, Sitz des Generalgouverneurs und der obersten Provinzialbehörden, mit etwa 600000 Einw., liegt nicht weit vom Fuße des das Rote Becken im N. begrenzenden Hochgebirges in einer sehr fruchtbaren Ebene, die etwa halb so groß ist wie die Oberrheinische Tiefebene. Es ist das »Paris Chinas« und gilt als die gebildetste, reinlichste und schönste Stadt des ganzen Reiches. Die Stadt zerfällt in die chinesische, die Tataren- und die (ehemalige) Kaiserstadt. In letzterer sind die Räume des Arbeitsamtes (einer Art Industrieschule). In der Tatarenstadt mandschurische Bevölkerung mit kleiner Mandschurengarnison. Die Zahl der Ausländer ist gering, da Tschöngtu nicht Vertragshafen. Außer drei Konsuln (deutschem, englischem und französischem) und einigen Ausländern (meist Japanern) in chinesischen Diensten wohnen dort nur Missionare. Mit den Missionen sind Hospitäler verbunden. (Vgl. _A. Genschow_, Unter Chinesen und Tibetanern, Rostock 1905.)

Etwa 60 km nw. von Tschöngtu, am Rande der Ebene, wo der Min aus dem Gebirge tritt, liegt =Kuanhsien=, berühmt durch das mehr als 2000 Jahre alte Bewässerungssystem, dem die Tschöngtuebene ihre Fruchtbarkeit verdankt. Von dort aus werden die unzähligen künstlichen Kanäle, die die ganze Ebene durchziehen, mit Wasser versorgt. Die Öffnung der Dämme bei Kuanhsien erfolgt im Frühjahr unter großem Zeremoniell. Dem Begründer dieser Bewässerungsanlage ist dort einer der prächtigsten Tempel Chinas errichtet worden.

Ausflug (etwa 5 Tage) nach dem heiligen Berge =Omi= (3380 m), einem der interessantesten und schönsten Punkte Westchinas.

Nordchina.

=Nordchina= unterscheidet sich in seinem ganzen Landschaftscharakter von Südchina sehr stark. Schon die Oberflächengestaltung ist ganz anders; denn während Südchina größtenteils aus Gebirgsland besteht, bildet den wichtigsten Teil Nord Chinas ein Flachland: die 300000 qkm einnehmende (Preußen 350000 qkm) _Große Ebene_, die das weit ins Nordchinesische Meer vorspringende, Bayern an Größe gleichende _Gebirgsland von Schantung_ umschließt. Erst westl. der Großen Ebene beginnt zusammenhängendes Gebirgsland. Mehr noch unterscheidet sich aber der Norden des »Reiches der Mitte« vom Süden durch seine Kahlheit. Außer Nutzbäumen (Obst- und Maulbeerpflanzungen) und Gräberhainen gibt es keine holzigen Gewächse mehr, alles ist ausgerodet. Nackt steigen die Granitberge von Schantung empor, waldlos das Gebirge im N. von Peking; kahl, einförmig, im Winter geradezu trostlos ist auch die Große Ebene. Sogar die Graswurzeln rauft der Chinese mit eigens dazu hergestellten Gerätschaften aus, denn die Bevölkerung ist dicht, der Winter kalt, die Kohle teuer und das Brennmaterial rar. Eine dritte Haupteigenschaft Nordchinas, sein Reichtum an Löß, jener lehmartigen, aber ungeschichteten und kalkreichen, äußerst fruchtbaren Bodenart, die in trockenem Klima durch Verwitterung entsteht und vom Wind fortgetragen und in Tälern und an Berghängen abgelagert wird, tritt dem Weltreisenden nur in der gelben Farbe des Gelben Meeres, des Hoangho, d. h. des Gelben Flusses, und des Peiho, entgegen. Der _Hoangho_ durchfließt vor seinem Eintritt in die Große Ebene diejenigen Gebirgsländer, die hauptsächlich von einer dicken Lößdecke verhüllt sind; er bringt daher so viel gelösten Löß in die Ebene mit hinaus, daß er nicht nur gelb aussieht und auch das Meer, in das er mündet, weithin gelb färbt, sondern daß er sein Bett immer wieder über seine Umgebung erhöht und, trotzdem er von den Chinesen in Dämme eingeschlossen wird, ständig die Neigung hat, seitwärts auszubrechen. Diese Neigung wird noch erhöht durch die starke Anschwellung, der er, wie der Yangtsekiang, allsommerlich unterliegt. So kann es nicht wundernehmen, daß der Hoangho in den letzten 2-1/2 Jahrtausenden neunmal seinen Unterlauf gewechselt hat; sein jetziges Bett, das am Gebirgslande von Schantung nördl. vorbeiführt, hat er erst seit 1852 inne; von 1280-1852 floß er südostwärts und mündete halbwegs zwischen Schanghai und Kiautschou. Solche Laufwechsel des Stromes und auch schon Dammbrüche bilden für die dicht bevölkerte Ebene natürlich immer furchtbare Ereignisse; bei dem letzten Ausbruch im Jahre 1887 wurden 22000 qkm (etwa = Westfalen oder Schlesien) überschwemmt, und 1,5 Mill. Menschen kamen ums Leben. So wertvoll also der Yangtse für China ist, so unnütz, ja verderblich ist ihm der Hoangho, um so mehr, als er wegen zu großen Gefälles auch im Unterlauf kaum schiffbar ist.

Das =Klima= Nordchinas ist wie das des übrigen Ostasien ein reines Monsunklima; im Sommer herrscht feuchtwarmer Seewind, im Winter kalter und trockner Landwind. Die Regenzeit fällt daher in den Sommer; der Winter ist, je weiter nach Norden, um so trockner. Die Temperatur bleibt im Sommer durch ganz Nordchina trotz seiner Erstreckung durch neun Breitengrade gleich hoch, nur an den Küsten wird sie durch die Seenähe etwas gemildert (Julitemperatur in Schanghai 26,9°, in Peking 26,6°, in Tsingtau aber nur 23,4°). Dagegen nimmt sie im Winter nordwärts stark ab (Januartemperatur in Schanghai 3,1°, in Peking-4,7°, in Tsingtau aber nur-0,4°, wieder wegen der Seenähe). Man sieht schon aus diesen wenigen Zahlen, daß das Klima nordwärts immer extremer, der Unterschied zwischen Sommer und Winter immer schroffer wird; unsre Kolonie Kiautschou ist klimatisch noch recht begünstigt.

=Bodenwirtschaft.= Die Große Ebene sowohl wie das gebirgige Schantung sind dicht besiedelt, denn die Ebene ist, von einigen sandigen Strichen abgesehen, fruchtbar, und die feuchtheißen Sommer gestatten meist noch den Anbau empfindlicher Pflanzen, wie des Reises und der Baumwolle; außerdem werden eine Menge andrer Nahrungspflanzen (namentlich auch Bohnen), Ölpflanzen (Erdnuß) und Obstarten gezogen; der Teestrauch kommt nur im SW. der Großen Ebene noch fort, die Seidenraupenzucht ist weit verbreitet, doch wird der gewöhnliche, auf dem Maulbeerbaum lebende Seidenspinner im Gebirgslande Schantungs durch zwei andre Arten vertreten, deren Raupen auf Eichen leben und die sogen. Schantungseide liefern. Die Berghänge Schantungs werden, soweit sie nicht nackter Felsboden sind, mit Terrassenkultur bewirtschaftet. Die einzelnen Familien besitzen, wie in Südchina, meist nur sehr kleine Grundstücke, die entsprechend intensiv ausgenutzt werden.

An guten _Häfen_ sind auch die Küsten Nordchinas, die teils sandig und flach, teils felsig und steil sind, nicht reich, und von diesen ist wieder die Mehrzahl während einiger Wintermonate durch Eis gesperrt; »eisfrei« sind nur unsre Kiautschoubucht und das erst neuerdings benutzte Tschinwangtao am Nordostzipfel des Gelben Meeres, dem Golfe von Liautung. Der Hauptweg für den Warenverkehr zwischen Süd- und Nordchina war in frühern Zeiten der _Kaiserkanal_, der vom Kaiser Kublai Chan (1280-95), dem Gründer Pekings, angelegt wurde, von Hangtschou südwestl. von Schanghai bis Tientsin reicht, aber im Winter gleichfalls großenteils zufriert und stark verfallen ist. Der _Landverkehr_ erfolgt auf schlechten Straßen mit Lasttieren (Kamelen, Maultieren, Ponys), auf zweiräderigen, ungefederten, stark gebauten Karren, und für Waren auch auf Schubkarren, die zum Teil mit Segeln versehen sind. Der Weltreisende wird von diesen unbequemen Transportmitteln aber kaum Gebrauch machen müssen, da das _Eisenbahnnetz_ Nordchinas die wichtigsten Städte bereits sämtlich miteinander verbindet. Folgende Hauptlinien bestehen: von der Küste des Gelben Meeres (Tongku, nahe der Peihomündung) über Tientsin nach Peking; von Tongku nordostwärts über Schanhaikwan nach Mukden und den Häfen der Halbinsel Liautung; von Peking über das Nankaugebirge und Kalgan nach Suijuenwan in der Mongolei; von Peking entlang dem Westrande der Großen Ebene und zuletzt über das Waigebirge nach Hankau am Yangtse (S. 259); von Tientsin durch den Ostteil der Großen Ebene und den Westteil des Gebirgslandes von Schantung nach Pukou gegenüber Nanking (diese Strecke ist erst teilweise dem Verkehr übergeben, soll aber im Herbst 1912 fertig sein); endlich von Tsingtau nach Tsinanfu, der Hauptstadt Schantungs, die an der vorgenannten Strecke liegt.

13. Von Schanghai nach Tsingtau, Tientsin und Peking.

Vgl. die Karten S. 215 und 275.

=Reichspostdampfer der Hamburg-Amerika Linie= »Admiral v. Tirpitz« und »Staatssekretär Kraetke« jeden So. ab Schanghai über (390 Seem.) Tsingtau und (550 Seem.) Dairen nach (690 Seem.) Tientsin, Fahrzeit 4 Tage; Rückfahrt von Tientsin jeden Sa. oder So.--Ferner Dampfer »Gouverneur Jaeschke« und »Sikiang« jeden Mi. von Schanghai über Tsingtau und (500 Seem.) Tschifu nach Tientsin, Fahrzeit 5 Tage; Rückfahrt von Tientsin jeden Mi. oder Do. Im Winter (Dezember-März) ist der Hafen von Tientsin durch Eis geschlossen, dann laufen die Dampfer nach Dairen oder Tschinwangtao (von da mit Bahn nach Tientsin). Fahrpreise: von Schanghai nach Tsingtau I. Kl. $ 33, II. 20, hin und zurück $ 50 und 30; nach Tschifu I. 35, II. 20, hin und zurück 55 und 33; nach Dairen I. 45, II. 27,50, hin und zurück 67,50 und 41,25; nach Tientsin I. Kl. $ 60, II. 33, hin und zurück $ 90 und 50. (Der Wert des mexikanischen Dollars schwankt nach dem Silberkurs, z. B. Anfang 1903 = 1,66 M., Anfang 1907 = 2,40 M., zurzeit 2,35 M.).

=Eisenbahn= von _Tsingtau_ nach _Peking_ s. S. 271; der Landweg ist besonders im Winter zu empfehlen, wenn die Schiffahrt nach Tientsin durch Eis gesperrt ist.

Fahrt von _Schanghai_ nach _Wusung_ S. 246; die Yangtsemündung wird durch das nördl. Fahrwasser verlassen, das nahe an der 60 m hohen Insel _Schaweischan_ (mit Leuchtturm) vorbeiführt. Die niedrige Küste kommt bald aus Sicht, das Wasser bleibt aber gelb gefärbt, solange der Kurs die seichten Bänke nördl. vom Yangtse kreuzt. Nach etwa 30 St. taucht das _Lauschangebirge_ (S. 270) auf, dessen Ost- und Südseite fast unmittelbar aus dem Meere bis 700 m ansteigt; die Hauptkette hat über 1000 m Höhe, der höchste Punkt, der _Lauting_, 1130 m. Die Küste in der Umgebung der Kiautschoubucht ist kahl, ebenso sehen die vorgelagerten Inseln _Tschalientau_ (Leuchtturm mit starkem Blitzfeuer) und Taikungtau aus. Später erkennt man die Einfahrt in die _Kiautschoubucht_ zwischen dem _Kap Jaeschke_ an der Südseite, hinter dem sich ein 166 m hoher Hügel erhebt, und der niedrigen Halbinsel _Yunuisan_ an der Nordseite unmittelbar vor der felsigen Halbinsel, auf der die Stadt Tsingtau (S. 267) liegt, deren stattliche europäische Häuser aus großer Entfernung zu erkennen sind.

=Kiautschou.= Das am 14. November 1897 besetzte, der Verwaltung des Reichsmarineamts (Gouverneur: Kapitän z. S. Meyer-Waldeck) unterstellte deutsche Schutzgebiet umfaßt die große Kiautschoubucht bis zur Hochwassergrenze, die darin liegenden Inseln Yintau und Huangtau und die den Eingang zur Bucht bildenden Halbinseln sowie einige kleinere Inselchen; das ganze landfeste Gebiet ist nur etwa 550 qkm groß (Staat Hamburg 415 qkm). Eine 50 km breite »neutrale Zone« umgibt es. Der wichtigste Teil des Schutzgebietes ist die nördl. Halbinsel, nahe deren Spitze die Stadt Tsingtau angelegt worden ist. Die Kiautschoubucht selbst ist zwar groß u. vor Stürmen ziemlich geschützt, aber kein guter Naturhafen, da sie großenteils ganz flach ist; nur der Eingang und die diesem naheliegenden Teile sind tiefer, der Handelshafen ist auf der Innenseite der Tsingtau-Halbinsel durch Errichtung eines großen halbkreisförmigen Steindammes und Molen künstlich geschaffen. Tsingtau ist in erster Linie der politische Stützpunkt Deutschlands in Ostasien; doch hat es auch alle Aussicht, ein wichtiger Handelshafen zu werden, obgleich ihm die Wasserwege nach dem Binnenlande, die Hongkong bez. Kanton und Schanghai groß gemacht haben, fehlen; dieser Mangel wird aber zum Teil durch die Schantungeisenbahn ersetzt, die für den Zugang zum nördl. Teil der Großen Ebene eine breite, hinter der Kiautschoubucht sich öffnende Senke im Gebirgslande von Schantung benutzen konnte, und durch die Eisfreiheit des Hafens ausgeglichen. Das schon obenerwähnte, für nordchinesische Verhältnisse angenehme Sommerklima hat Tsingtau rasch zu einem beliebten Seebad für die Europäer ganz Chinas werden lassen.

In den wenigen Jahren, die seit der deutschen Besitzergreifung verflossen sind, ist unter den Gouverneuren Rosendahl, Jaeschke und Truppel an Stelle des armseligen, verseuchten Fischerdörfchens Tsingtau eine gesunde, mit allen modernen Einrichtungen versehene Europäerstadt mit zahlreichen öffentlichen Gebäuden und neben ihr, in der Nähe des Hafens, das Chinesenviertel Tapautau emporgewachsen. Die kahlen Berghöhen der Umgebung beginnen unter der Pflege der deutschen Forstverwaltung sich zu begrünen, und ein reger »Bergverein« sorgt für die touristische Erschließung des Lauschan mit dem Mecklenburghaus (S. 270).-- Vgl. _Gg. Wegener_, Das Kiautschougebiet (in Hans Meyer, Das Deutsche Kolonialreich, Band II).

Tsingtau.

Vgl. beifolgende Karte mit Plan.

=Ankunft zur See.= Der Dampfer steuert durch die 3 km breite Einfahrt zwischen Kap Jaeschke (l.) und Yunuisan-Leuchtturm (r.) in die Kiautschoubucht hinein, dann um die Tonne des Hufeisenriffs (r.) herum durch die Baggerrinne in den großen, neu angelegten Handelshafen, an dessen Kai festgemacht wird. Das Hafengebiet ist Freihafen; Tsingtau selbst gehört seit 1906 zum chinesischen Zollgebiet, doch ist Privatgepäck von Reisenden zollfrei. Zollabfertigung durch das chinesische Seezollamt an der Grenze des Freihafengebiets (C 2).

=Gasthöfe=: _Prinz Heinrich_ (Pl. B5), Kaiser-Wilhelm-Ufer; 90 Z., F. $ 1, Ged. 1,50, Pens. $ 5-10, monatl. von $ 100 an.--_Strandhôtel_ (D3), an der Auguste-Viktoria-Bucht (Kurhaus, geöffnet Mai-Oktober); 30 Z., F. $ 1, Ged. 1,50, Pens. $ 8-12, Monatspreise billiger. --_Central_ (Pl. B5), 30 Z., Pens. $ 5-6.--_Metropole_, Friedrichstr. 260; 15 Z., Pens. $ 3-4.--_Familienpension Luther_, Hohenloheweg, Pens. $ 6. Küche gerühmt.--_Pension Frau Mohrstedt_; _Pension Frau Röper_, beide billiger und Irenestraße.

=Restaurants=: _Hotel Kiautschou_, Ecke Friedrich- und Prinz-Heinrich-Straße. --_F. Vogt_, Friedrichstr.--_Zum Pschorrbräu_ (_Dachsel_), echte Biere, Küche gut, Tirpitzstr.--_Haase_, Friedrichstr. --_Zur Börse_, Schantungstr.-- _Lehmann_, Schantungstr.--_Bahnrestaurant_, Hohenzollernstr.--=Café=: _Keining_, Friedrichstr., auch Konditorei.

=Post, Tel. und Telephon= (Pl. B5), Albertstraße. Telegraphenkabel nach Schanghai und Tschifu.

=Wagen= liefern _J. Richardt_ und _A. W. Heinzel_, Speditionsgeschäfte.-- =Reitpferde= (chines. Ponys) ebenda.-- _Rikschas_ I. und II. Kl. sind reichlich vorhanden. _Automobile_ sind zu mieten.

_Eisenbahn_ (Bahnhof A5) von Tsingtau über _Kiautschou_ und _Weihsien_ in 11-1/2 St. nach (412 km) _Tsinanfu_ (S. 272); Zweigbahn nach _Poschan_. (Direktion der _Schantung-Eisenbahn_ in Berlin, Behrenstr. 14.) Die Strecke Tsinanfu-Tientsin (335 km) der _Tientsin-Pukou-Eisenbahn_ ist bis auf die Hoanghobrücke fertig (vgl. S. 275 und Reichskursbuch Nr. 706).

=Dampfer= (S. 265): jeden Di. u. Sa. nach Schanghai, jeden Di. u. Fr. nach Dairen und Tientsin. Einmal monatl. direkter Reichspost-(Lloyd-)Dampfer nach und von Deutschland. Außerdem Fahrgelegenheiten mit englischen, chinesischen und japanischen Passagierdampfern (Fahrpläne in den Tageszeitungen).--_Hamburg-Amerika Linie_, Agentur Friedrichstr.--_Norddeutscher Lloyd_, Agent Melchers & Co., Kaiserstraße (Tel.-Adr.: »_Nordlloyd, Tsingtau_«).

=Münzwesen und Geldverhältnisse= chinesisch, vgl. S. 219; deutsche Nickelmünzen zu 5 u. 10 Cents; chinesische 5-, 10- u. 20-Centsstücke werden nur mit 10-20 Proz. Verlust genommen. Silbergeld: Mexikanische Dollars; Banknoten der Deutsch-Asiatischen Bank zu $ 50, 20, 10, 5, 1.--=Banken=: _Deutsch-Asiatische Bank_ (Pl. B5), Kaiser-Wilhelm-Ufer (Zentrale in Berlin, Behrenstr. 14); Korr. der Berliner Disconto-Gesellschaft, der Deutschen Bank und der Allgemeinen Deutschen Creditanstalt in Leipzig.--_Hongkong & Shanghai Banking Corporation_, Agentur: Arnhold, Karberg & Co.

=Theater=: ein chinesisches.

=Klub=: _Tsingtau-Club_ (Einführung durch Mitglied erforderlich), am Kaiser-Wilhelm-Ufer.

=Fremdenführer=: »Führer für Tsingtau und Umgebung« von Dr. _Fr. Behme_ und Dr. _M. Krieger_ (4. Aufl., Wolfenbüttel 1911); in den Buchhandlungen in Tsingtau und auf den deutschen Dampfern zu haben (auch eine englische Ausgabe).

=Verein zur Hebung des Fremdenverkehrs= (Vorsitzender _H. v. Kropff_) erteilt Auskünfte und gibt den _Führer des Verkehrsausschusses_ (Preis 30 Cents) heraus.--=Bäder=: Seebad mit Strandhotel (s. oben).--=Ärzte=: Mehrere Marineärzte; Zivilarzt Dr. _Wunsch_, Prinz-Heinrich-Straße; Zahnarzt _Buchinger_, Friedrichstraße.--=Rote Kreuz-Apotheke=, Prinz-Heinrich-Straße (Pl. B5). --=Krankenhäuser=: Vorzügliches _Marinelazarett_ mit Frauenpavillon; _Faber-Krankenhaus_, für Europäer (Pl. B4); _Faber-Hospital_ (C2), für Chinesen. =Buchhandlungen=: _Paul Lindner_; --_E. Rose_, beide Friedrichstraße.-- Deutsch-chinesische Druckerei und Verlagsanstalt _Walther Schmidt_, auch Buchhandlung, Friedrichstr. 410, gibt heraus die Tageszeitung: »Tsingtauer Neueste Nachrichten« nebst Wochenausgabe »Kiautschou-Post« (Redakteur H. v. Kropff).--=Photograph=: _F. Takahashi_, Friedrichstr.--_Photographische Gebrauchsgegenstände_ liefert die _Rote Kreuz-Apotheke_, Prinz-Heinrich-Straße. --Das Photographieren von Festungswerken ist wie in Deutschland verboten.

=Geschäftsadressen.= Optiker und Uhrmacher: _Fischer_, Ecke Prinz-Heinrich- und Albertstr.; Kleiderhändler: _Paul Heinrich_, Friedrichstr.; Warenhäuser: _Sietas Plambeck & Co._; _Schwartzkopf & Co._, Hohenzollernstr.; _Baumann_; _Grill_, beide Friedrichstr.; Konserven und Materialwaren: _Boedicker & Co._; _O. Linke_, Prinz-Heinrich-Straße; China- und Japanwaren in Lack, Seide und Porzellan: _Singtai & Co._, Friedrichstr.; _Cheap Jack & Söhne_, chinesisches Seidenhaus, Kiautschoustraße.

=Konsulate=: _Vereinigte Staaten von Amerika_, Diederichsweg, Konsul _Mac Nelly_; _England_, bei Firma _Cornabé, Eckford & Co._, Ecke Schansi- und Tsinanstr.; _Rußland_, Vizekonsul _Kropatschek_, Bismarckstraße.

=Tsingtau= (»grüne Insel«), die Hauptstadt des deutschen Kiautschougebiets, hat (1910) 38000 Einw., darunter 1600 Europäer (ohne 2500 Mann Militär), im Landgebiet wohnen 127000 Chinesen; die Stadt liegt auf 36° 4' nördl. Br. (wie Gibraltar) zwischen Hügeln auf der Halbinsel an der Ostseite der Kiautschoubucht. Sämtliche Hafenanlagen, städtischen Anlagen, Wege und Bahn sind deutsche Arbeit, mit deutschem Gelde geschaffen. Der _Handelshafen_ (BC1; _Großer Hafen_ genannt, im Gegensatz zum _Kleinen Hafen_ [B2], der dem Dschunken und Bootsverkehr dient) mit großem Schwimmdock nimmt Schiffe jeder Größe auf, seine Kaianlagen sind mit Bahngleisen, Warenschuppen und mit einer größern Reparaturwerft versehen. Die Stadt ist weitläufig und gesund angelegt; an der _Tsingtaubucht_ liegen das deutsche Geschäftsviertel (BC2, 3) mit dem alten Yamen, Lazarett und Kasernen (C3). Nördl. davon erstreckt sich bis zum Kleinen Hafen das Chinesenviertel _Tapautau_ (C2, 3) mit Markthalle und Missionsanstalten. Zwischen _Tapautau_ und dem Handelshafen sind die Lagerhäuser und Bureaus der großen Exportfirmen. Östl. vom Yamen liegt das Villenviertel an der _Auguste-Viktoria-Bucht_ (D3). In der _Tsingtaubucht_ (BC3) sind mehrere Landungsbrücken für Boote. Die Gesundheitsverhältnisse von Tsingtau sind dank der guten hygienischen Einrichtungen die besten an der ganzen ostasiatischen Küste geworden, daher und wegen des angenehmen Sommerklimas wird die Stadt von europäischen Badegästen aus allen Häfen Ostasiens als Seebad besucht. Die _Gouvernementschule_ (C5) ist ein Reformrealgymnasium (1910 mit 170 Schülern und 10 Lehrern) in 9 Klassen (Vorschule, Sexta bis Sekunda); Alumnat für Auswärtige bei einem Oberlehrer sowie in einzelnen Familien. Die deutsche _Mädchenschule_ wird von Franziskanerinnen geleitet. Die _Kiautschoubibliothek_ umfaßt bereits etwa 30000 Bände, im Lesezimmer liegen 70 deutsche und englische Zeitungen und Zeitschriften aus. Die _meteorologische Station_ (Direktor Dr. _Meyermann_; ein großes Observatorium, Geschenk des Flottenvereins, ist Anfang 1912 in Benutzung genommen) auf dem Wasserberg (BC4) gibt tägliche Wetterkarten heraus. Mehrere _Krankenhäuser_ sind von den Missionen eingerichtet.

_=Rundgang.=_ Vom Kaiser-Wilhelm-Ufer führt in der Richtung der _Tsingtau-Landungsbrücke_ (C3), in deren Nähe das Haus des Tsingtau-Clubs steht, die Friedrichstraße nach N.; an ihr liegt r. das 1902 eröffnete _Seemannshaus_ (B4), zur Erholung für die Mannschaften des Kreuzergeschwaders und der Garnison bestimmt. Westl. von der Tsingtau-Landungsbrücke liegt die am 25. Okt. 1909 eröffnete *_Deutsch-Chinesische Hochschule_ (B3), die nach Anmeldung beim Leiter, Prof. Keiper, dem frühern Dozenten an der Universität in Peking, besichtigt werden kann. Die Hochschule bezweckt, jungen Chinesen mit genügenden Vorkenntnissen ihrer Mutterschrift etc., was ein chinesischer Studieninspektor beaufsichtigt, staatswissenschaftliche, technische, medizinische oder land- und forstwissenschaftliche Ausbildung nach deutscher Lehrmethode und in deutscher Sprache zu geben. (Von 200 Angemeldeten bestanden 93 die Aufnahmeprüfung; 17 wurden dazu noch bedingt eingestellt, insgesamt 110; die Neubauten der Hochschule rechnen auf 520 Zöglinge.) Am Nordende der Friedrichstraße liegt r. die Markthalle (B4); hinter ihr beginnt das Chinesenviertel _Tapautau_ (B4), durch das die Schantungstraße zum _Kleinen Hafen_ (B2) führt, von dem man auf der Rechternstraße längs des Strandes zum großen _Handelshafen_ (BC1) gelangt. Vom _Bauhafen_ (C2) vor dem Handelshafen gelangt man auf der Westpaßstraße vorbei am _Faberhospital_ (C2) und der _evangelischen Missionsanstalt_ bis in die Nähe des _Gouvernementslazaretts_ (C2), doch benutze man den Fußweg, der vorher l. nördl. von Villa Crusen auf den _Diederichsberg_ (99 m) hinaufführt; oben bei der Signalstation (C4) *Aussicht über Stadt und Hafen. (Die Station zu betreten ist verboten!) Abstieg nach S. vorbei am _Diederichsstein_ (mit Felsinschrift zum Andenken an die Besitznahme durch den Admiral v. Diederichs); in der Nähe das neue _Gouverneurswohnhaus_ (D5), 1906/07 erbaut. Der Fußweg mündet unterhalb des Lazaretts, in der Nähe der neuen _evangelischen Christuskirche_ (C5), in die Bismarckstraße, von der r. am Hohenloheweg das stattliche _Gouvernementsgebäude_ (B5) liegt. Man folgt der Bismarckstraße, an der l. die alte Gouvernementsschule und ehemalige Kapelle, die neue Gouvernementsschule (s. oben) und unterhalb davon bei den »Fünfzehn Eichen« ein der Meeresgöttin geweihter _Tempel_ (C5) steht, worin eine Figur dieser Göttin nebst andern Figuren und Malereien sehenswert sind. Man biegt nun l. und folgt dem Kaiser-Wilhelm-Ufer zum alten _Yamen_ (C5), dem frühern Sitz des chinesischen, dann provisorischer Amtssitz des deutschen Gouverneurs, mit bemerkenswerter _Fengschuimauer_ (zum Schutz gegen Wind- und Wassergeister) vor dem Eingang; auf der Innenseite ein Bild des Ungeheuers Tan. Von da fahre man mit Rikscha nach S. und längs des Auguste-Viktoria-Ufers zum Badestrand (D3), wo im Sommer wöchentl. zweimal Nachm. die Militärmusik spielt; dahinter breitet sich das Villenviertel von Tsingtau aus. Vom Seebad führt die Iltispaßstraße über den Exerzierplatz und l. vorbei am _Europäerfriedhof_ (mit Denkmal des Gouverneurs Jaeschke und des Missionars und Sinologen E. Faber) am Fuße des _Bismarckbergs_ (D2), dann r. an den Iltiskasernen auf guten Wegen auf den _Iltisberg_ (E2; 4 km von Tsingtau) mit sehenswertem *Forstgarten und mehreren Aussichtspunkten sowie Granitfelsen (»Mausefalle« 2/3 km östl. von den Kasernen). Beachtenswert ist die durch die deutsche Marineverwaltung ausgeführte Aufforstung der früher kahlen Berge. Bückweg am _Bismarckberg_ entlang, über den Europäerfriedhof und an den (r.) _Bismarckkasernen_ (D2) vorbei durch die Ostlagerstraße zur Stadt zurück. Tsingtau, ursprünglich nur als Flottenstützpunkt gedacht, ist eine mustergültige Schöpfung der deutschen Marineverwaltung, die von deutschen Weltreisenden als »Kleinod unseres Volksgeistes« bezeichnet wird, das deutschen Baustil, deutsche Behaglichkeit, Sauberkeit und Ordnungsliebe im fernen Osten rühmlichst zur Geltung bringt. Kein Weltreisender sollte versäumen, diese zukunftsreiche deutsche Siedelung zu besuchen!

Ein =Ausflug= in den =Lauschan=, zwei Tage, zu Wagen (hin und zurück $ 12) oder zu Pferde, auf guter Fahrstraße, ist landschaftlich sehr lohnend und gewährt gute Einblicke in den Charakter des Berglandes von Schantung. Der Hauptast des Lauschan (»beschwerliches Gebirge«), der die höchsten Gipfel (Lauting, 1130m = Brockenhöhe, Steinerne Säge, Fünffingerspitze) trägt, zieht nordsüdl. an der Ostgrenze des Schutzgebietes entlang und fällt ostwärts steil zur großen Lauschanbucht ab. Westwärts sind ihm einige Seitenäste mit tiefen Tälern dazwischen vorgelagert. Trotz seiner geringen Höhe macht das Gebirge einen sehr unwirtlichen, beinahe alpinen Eindruck; steil steigen die nackten felsigen Hänge der Granitberge zu zackigen Graten auf, ihre untern Teile sind von mächtigen Trümmerhalden umhüllt. Kahl und waldlos ist alles, fast jede Vegetation ist den brennholzsuchenden Chinesen zum Opfer gefallen, nur ganz niedrige, struppige Kiefernholzschonungen bestehen hier und da. Auch in den Tälern findet man Grün nur in der Nähe der Ortschaften und um die Tempel und Klöster.

Nördl. über (4 km) _Taitungtschen_, durch malerische Dörfer und über Höhen nach (15 km) _Litsun_, großem Marktflecken mit Bezirksamt am gleichnamigen Fluß; von da östl. am r. Flußufer entlang über _Tschengtan_ nach (21 km) _Hsiaho_, dann über den Bergrücken östl. weiter nach (24 km) _Nanlungkou_, von da östl. über (26 km) _Hanho_ ins Lauschantal nach (28 km) _Tschiuschui_ und dann flußaufwärts, vorbei am Tempel (30 km) _Tschiuschui-an_ mit Bambushain bis zum (33 km) _Tempelpaß_ (447 m), wo in prächtiger Gebirgsgegend das =Deutsche Genesungsheim= (_Mecklenburghaus_, zugleich Gasthof mit mäßigen Preisen) für das Kiautschougebiet liegt; Aussicht aufs Meer und ins Lauschantal. Man übernachte im Genesungsheim und gehe am nächsten Morgen 2 km bergab ins Peischahotal nach (35 km) _Peitschiuschuimiau_, Kloster mit schönen Kiefern- und Bambuspflanzungen; südl. vom Kloster liegen sechs Landhäuser von Europäern. Man folgt nun dem Peischahotal aufwärts bis (37 km) _Schuangschywu_, dann steigt l. ein Fußweg zum (39 km) _Tempel Waldfrieden_ (Gelegenheit zum Übernachten, der Schlüssel zu den dem Bergverein Tsingtau gehörigen Räumen im Genesungsheim); von da auf bezeichnetem Fußweg zum (43 km) _Kuhpaß_ (961 m) am deutschen Grenzstein Nr. 5, dann südl. weiter zum (47 km) _Lauting_ (1130 m), dem höchsten Gipfel des Lauschan, schon außerhalb des Schutzgebiets; von da führt ein bezeichneter Fußweg zur (51 km) _Irenenbaude_, dem steinernen Haus des Bergvereins Tsingtau (bequeme Unterkunft, im Sommer geöffnet, sonst Schlüssel im Genesungsheim). Von der Irenenbaude führt ein bezeichneter Fußweg zum Genesungsheim zurück; von andern Wegen führt einer nach _Schuangschywu_, einer nach _Schatstykou_ südl. durch das _Prinzental_ und ein dritter nach _Tschiu-schui_ über den Mattenstock. Alle Wege im Lauschan sind rot-weiß-rot und mit Nummer bezeichnet.--Für Wanderungen im Lauschan benutze man die Wegkarte des »Bergvereins«; der Gebirgswart des Vereins (zurzeit Obersekretär _Bergemann_) erteilt gern Auskunft.

A. Von Tsingtau über Land nach Peking.

Von _Tsingtau_ bis (412 km) _Tsinanfu_ mit der =Schantung-Eisenbahn= in 11-1/2 St. für I. Kl. $ 14, II. $ 7; keine Rückfahrkarten (vgl. Reichskursbuch 706). --Von Tsinanfu bis (335 km) Tientsin mit der =Tientsin-Pukou-Eisenbahn= in 10-3/4 St., tägl. in jeder Richtung ein Zug; bis Fertigstellung der Hoanghobrücke bei Tsinanfu Überfahrt über den Fluß auf Fähren (vgl. Reichskursbuch 706). Von Tientsin bis Peking s. S. 277.

Die _Schantung-Eisenbahn_ soll für unsre Kolonie die fehlende Schiffahrtsstraße ins Hinterland ersetzen, den Ausfuhr- und Einfuhrhandel aus der Provinz Schantung und dem nördl. Teil der Großen Ebene nach Tsingtau lenken und vor allem auch die Kohlenlager von Fangtse und Poschan erschließen. Die Schantung-Eisenbahngesellschaft, die die Bahn erbaut hat und seit 1. Juni 1904 betreibt, beutet als »Schantung-Bergbaugesellschaft« auch die Kohlenfelder aus. Das Gebirgsland von Schantung öffnet sich gerade im Hintergrunde der Kiautschoubucht zu einer hügeligen Senke, die einen bequemen Zugang nach Tsinanfu, der Hauptstadt Schantungs, gewährt.

Die =Provinz Schantung=, die man durchfährt, ist, trotzdem sie großenteils gebirgig ist, außerordentlich dicht bevölkert (im Durchschnitt 258 Bewohner auf 1 qkm, in Deutschland nur 120); trotzdem sie als metallreich gilt, beruht ihr Hauptreichtum doch auf der Landwirtschaft, die außer Nahrungsmitteln auch Baumwolle und Opium hervorbringt, dem Obstbau und der Seidenzucht. Die Bevölkerung ist kräftig, intelligent und dem Fortschritt zugeneigt. Die beiden großen chinesischen Philosophen Kungfutsze und Mengtse entstammen ihr. Zahlreiche, von Karren und Schubkarren reich belebte Straßen durchziehen das Land. Die einzige Industrie ist die Strohflechterei, die auch stark exportiert.

Vom Bahnhof in Tsingtau (S. 267) an der Prinz-Heinrich-Straße (B3) fährt die Bahn um das Nordende der Stadt am Kleinen Hafen und großen Handelshafen vorbei, dann längs der Küste der Kiautschoubucht über den Haipofluß nach dem Dorf--(8 km) _Syfang II_; gute Gartenschänke (_Paradiesgarten_, Molkerei [Kusserow]), Ausflugsort der Tsingtauer; in der Nähe schöner Totenhain.--Weiter nach (18 km) _Tsangkou_, Dorf mit Gartenlokal (Bang), bequemem Ausflugsort, in dessen Nähe die große Seidenspinnerei der Deutsch-Chinesischen Seidenindustriegesellschaft (Kolonialgesellschaft) liegt, die jetzt außer Betrieb ist, doch neu verpachtet werden soll.--Die Bahn wendet sich dann in großem Bogen, viele reiche Dörfer berührend, westl. und erreicht nach 2-1/4 St.

(81 km) =Kiautschou=, unansehnliche Stadt mit etwa 84000 Einw., außerhalb des deutschen Schutzgebiets, aber in der neutralen Zone. Vom Bahnhof führt ein Weg zum Nordtor; innerhalb dessen l. ein Wohnhaus für die Bahnbeamten, gegenüber die evangelische Mission (Missionar Töpper), r. ein kleiner Tempel; jenseit des Bahnhofs liegt die ehemalige Kaserne der deutschen Besatzung. Vom Nordtor sw. gelangt man in einen schönen Park (Lotos, Bambus etc.), dann zum _Tempel des Gottes der Reichtümer_, von da zum Tempel der Himmelskönigin, ferner zum _Literaturtempel_ und dem verwahrlosten (meist geschlossenen) _Kungfutszetempel_ mit Drachen auf den Dachfirsten. Das Yamen des Unterpräfekten liegt nahe dem Westtor, in seiner Nähe die Prüfungshalle. Außerhalb des Osttores der _Tempel des Kriegsgottes_. Im NW. der Stadt die katholische Mission.

Hinter Kiautschou durchläuft die Bahn fruchtbare Gegend mit hübscher Landschaft.--(107 km) =Kaumi=, lebhafte Marktstadt, 20 Min. vom Bahnhof, mit hohen Mauern, sehenswerten Läden, Tempeln und schönem *Mandarinengrab. 15 Min. vom Gasthof liegt auf einem Hügel mit Park die Kaserne der ehemaligen deutschen Besatzung, in der jetzt ein chinesischer Hauptmann sowie die deutsche evangelische Mission (mit Schule und Krankenhaus) wohnen.--Bei (183 km) Stat. =Fangtse= liegt 20 Min. südl. das große Kohlenbergwerk nebst Wäscherei und eine Brikettfabrik der deutschen Schantung-Bergbaugesellschaft. Die Kohle eignet sich leider nur zum Hausbrand, nicht zum Verbrauch auf Schiffen.--Die Bahn führt durch das Tal des Weiho, überschreitet diesen und seinen Nebenfluß Yunho auf eisernen Brücken. Man sieht Obstpflanzungen, bewaldete Hügel und einen schönen Zypressenhain bei _Nanliu_; die Dörfer werden dichter, die Häuser sehen wohlhabender aus.-- (196 km) =Weihsien=, lebhafte Handelsstadt, von Mauern umgeben, mit deutschem Postamt und amerikanischer Missionsstation (Lou tao yüan); der Pailangho fließt mitten durch die Stadt. Die Gewerbe sind straßenweise geordnet.--Dann führt die Bahn über (220 km) _Tschanglo_ nach (255 km) =Tsingtschoufu=, Stadt mit 35000 Einw., Stammsitz der Ming-Dynastie mit amerikanischer Mission. Vom Bahnhof führt eine breite Straße in die Hauptstraße der Chinesenstadt, in deren Nähe die Mandschustadt liegt. Im Kloster _Tschinglungtse_ (4 km) eine große *Tempelanlage.--Die Bahn führt nun über (270 km) _Tschotien_ nach (302 km) _Tschangtien_.

=Zweigbahn= von hier nach (43 km) =Poschan=, nach v. Richthofen der industriellsten Stadt in China in schöner Landschaft. In Poschan sind alte Kohlenbergwerke, ferner eine Glasfabrik nach europäischem Muster (gläserne Schnupftabakfläschchen von Poschan sind berühmt); auch wird dort der Schmelz für das Pekinger »Cloisonné« gewonnen. Die deutsche Schantung-Bergbaugesellschaft besitzt in _Hungschan_ (7 km nw. von der Bahnstation _Tsetschuan_, 32 km von Tschangtien) einen Förderschacht für Fettkohle.

Die Hauptbahn läuft über (320 km) _Tschoutsun_, Haupthandelsplatz für Schantungseide, Tussah genannt, nach (406 km) _Tsinanfu-Ost_, dann um die Stadt herum nach (409 km) _Tsinanfu-Nordwest_ bis zum Endpunkt der Bahn, dem (412 km) _Westbahnhof_ von

=Tsinanfu= (_Hotel Trendel_, am Westbahnhof, mäßig, Pens. $ 5; Gasthaus des Schlächtermeisters _Stein_, nahe dem Bahnhof, bescheiden, sauber, gelobt), Hauptstadt der chinesischen Provinz Schantung und wichtige Handelsstadt der Kreuzungsstelle des Hoangho mit dem Kaiserkanal, Sitz des Gouverneurs, mit etwa 360000 Einw., Hochschule, Rechtsakademie, Lehrerseminar, Gewerbeschule (mit Ausstellung der in der Schule hergestellten Gegenstände), Polizeischule, Kadettenschule und Arsenal; die Stadt hat elektr. Licht und Telephon. _Deutsches Konsulat_, Konsul Dr. Betz.

=Zeitteilung=: Bei eintägigem Aufenthalt besichtige man die heißen Quellen, den Lotosteich und mache einen etwa vierstündigen Ausflug zum Tausend-Buddha-Berg.

Sehenswert sind der *=Lotosteich= (_Ta ming hu_) im N. der Stadt mit Tempeln und Ahnenhallen am Rand und auf den Seeinseln und hübschen Ausblicken (Bootsfahrt); die _Provinzialbibliothek_ mit alten Relief- und Inschriftensteinen am Seeufer; das Provinziallandtagsgebäude; die *=heißen Quellen= (Pai tu tsuan), in denen das die Straßen durchfließende heiße Wasser entspringt, mit altem Quellentempel, worin ständiger Markt abgehalten wird, in der südl. Vorstadt; ganz im S. die weitläufige Anlage der Englischen Baptistenmission mit Medizinschule und Museum; vor dem neuen Westtor (_Pu li men_) der stattliche Neubau des Ober- und Landgerichts, dahinter das Mustergefängnis, an der zur Handelsniederlassung am Westbahnhof führenden Straße; in der Niederlassung liegen das _Deutsche Konsulat_ (Konsul Dr. Betz), das große Verwaltungsgebäude der Tientsin-Pukou-Eisenbahn, das _Sanatorium Dr. Kautzsch_, Niederlassungsamt; _Deutsches Postamt_ im Westbahnhof. Bank: _Deutsch-Asiatische Bank_ (Korresp. der Deutschen Bank).

=Kleinere Ausflüge= in die Berge im S. zum *=Tschien fo schan= (_Tausend-Buddha-Berg_), buddhistischem Wallfahrtstempel über der Stadt mit hübschem Blick auf die Umgebung bis zum Hoangho; in hochromantischer Talschlucht im Gebirge; nur mit Führer zu Fuß durch die Berge in 3-1/2 St. oder zu Pferd auf Umweg um das Gebirge herum in 2-1/2 St.

=Ausflug= zur =Geburtsstadt und dem Grabe des Kungfutsze=. Von Tsinanfu mit der Südlinie der Tientsin-Pukou-Bahn in etwa 3 St. nach (etwa 70 km) _Taianfu_ (Bahnhofshotel) mit den sehenswerten Tempeln der _Pihiayüen kün_ und des _Taimiau_. Von da Besteigung des *=Taischan= (1550 m), des schönsten Punktes von Schantung, hochberühmter, alter heiliger Wallfahrtsberg, Aufstieg 4 St., Abstieg 3 St.; mit Bergsänften für Tag und Träger 1000 Käsch (etwa $ 0,40) und Trinkgeld, vier Träger erforderlich. Der Weg führt von Taianfu an der Ostmauer des Taimiau entlang nach der Stadtmauer, außerhalb nach W. durch den großen Ehrenbogen _Taitsungfang_ (16. Jahrh.), der den Anfang des berühmten Treppenwegs (etwa 6000 Stufen) zum Gipfel bildet, dann zwischen Zypressen, Tempeln, Toren, Gedenksteinen und Raststellen bergauf; viele Ausblicke in zerklüftete Gebirgslandschaft. Der obere Teil der »Treppe zum Himmel« schmiegt sich wie eine Riesenschlange an die steile Felswand; oben hinter dem ersten Tor hält _Kuanti_, der Kriegsgott, die Wacht. Auf einem Sattel zwischen zwei Kuppen sind Unterkunftshütten: die Hochfläche ist übersät mit Tempeln; der schönste Tempelpalast mit hohen Toren, Trommel- und Paukenturm, Höfen und Pavillons ist der Himmelsmutter (_Pihiayüen kün_) geweiht: auf schwerem Sockelbau mit Freitreppe erhebt sich ein Kungfutszetempel; alle Anlagen überragt der Tempel des Edelsteinkaisers (_Yühuangti_) auf dem höchsten Gipfel am Nordrand des Berges. Herrlicher Blick auf den Fluß _Tawönho_, die Stadt Taianfu in der Ebene und das Trümmerfeld ähnliche Gebirge nach O., N. und W. vom »Lebensgipfel« aus. In der Nähe berühmte Felseninschrift aus der Zeit der Tang-Dynastie (7. Jahrh.); man kann im Gebirge in einem Kloster übernachten. Von Taianfu gelangt man weiter mit der Bahn nach (etwa 130 km) _Yentschoufu_, von da zu Pferd oder zu Fuß nach (18 km) *=Küfu= am Fuß des großen Schantunger Gebirgsdreiecks, wo _Kungfutsze_ (Confucius) 551 v. Chr. geboren wurde und 478 starb; den größten Teil der Stadt nimmt die großartige Anlage des _Kungfutszetempels_ ein. Durch fünf Vorhöfe und hallenartige Tore, mit Inschriften und Gedenksteinen geschmückt, führt der breite Weg zum Hauptheiligtum _Tatschengtien_ (»Zur großen Harmonie«) des Kungfutszetempels mit gelb glasiertem, doppeltem Dach, auf dessen First Fabeltiere die bösen Geister fernhalten; die marmornen Monolithsäulen des Tempels (16. Jahrh.), auf denen Wasser, Berge und Wolken mit den beiden nach dem Edelstein greifenden Drachen in erhabener Arbeit gemeißelt sind, stehen auf 3 m hoher Plattform; die Tempelhalle ruht auf roten Hartholzsäulen; in der Halle stehen fünf geschnitzte Schreine mit Opfertischen, im mittlern erhebt sich die goldglänzende Statue des Kungfutsze mit kaiserlichen Insignien, am seltsamen Zeremonienhut 12 grün- und rotseidene Quasten mit Perlen, zu den Füßen die Seelentafel mit Inschrift: »Tschescheng siensche Kungtse schen-wei« (d. h. des allerheiligsten hehren Lehrers Kungtse geistiger Thron).

Im Schrein l. Jenfutse, der Neffe, und Tsesetse, der Enkel des Weisen, r. die andern Hauptschüler Tsengtse und Mengtse (Mencius). Um den Haupthof liegen mauerumzogene Unterkunftshäuser für die Kaiser und ihr Gefolge, in denen sie sich fastend auf die Opfer vorbereiteten, ferner kleine Tempel für die Eltern und Vorfahren des Weisen, Hallen für die geweihten Musikinstrumente, Übungsräume für die Musikanten etc.

Kleiner ist der Tempel des Jenfutse, hinter dem in einem noch viel kleinern Tempel der Frau des großen Schülers geopfert wird. Nahebei eine gute chinesische _Herberge_. In Küfu residiert das gegenwärtige Haupt der Familie, der _ »heilige Herzog« Kun_ (_yen scheng kung_), der 74. direkte Nachkomme des Kungfutsze. (Ausführliche Schilderungen und Abbildungen der Sehenswürdigkeiten auf dem Taischan und in Küfu in: »_Studien und Schilderungen aus China_«, Nr. I: _Der Taischan_; Nr. II: _Heiligtümer des Konfuzianismus_; Verlag der katholischen Mission in Yentschoufu, zu haben in den Buchhandlungen in Schanghai und Tsingtau.) Der Weg von Küfu zum einfachen und schlichten Grab des Weisen führt durch den *_Geisterweg_, dessen Allee aus der Zeit der Han-Dynastie (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.) stammen soll. Marmorbogen, mit Löwen geschmückt, überspannen den Weg, an dem Kioske mit Inschriften stehen. Man gelangt in einen urwaldähnlichen Totenhain; die spitzen Grabhügel der Verwandten des Kungtse sind dicht überwachsen. Durch einen alten Ehrenbogen und über eine spitzbogige Brücke erreicht man ein Torgebäude, hinter dem der Ehrenweg beginnt, der an den großen Steinfiguren der »hochehrwürdigen Oheime« zu seiten einer Rauchopferschale vorbei zum Grabhügel des »_Allerheiligsten_« führt, der, mit Gestrüpp bewachsen, einen großen, nach S. gerichteten Grabstein voll altertümlicher Schriftzeichen mit schwerem Opfertisch zeigt--das *_Grab Kungfutszes_, umgeben von den Gräbern seiner nächsten Verwandten.

Sehr anstrengend, aber lohnend, ist der Rückweg von Küfu in östl. Richtung über das Gebirge nach Poschan (S. 272) mit einräderigen Reisekarren (wheelbarrows, in Pidgeon: bibalos), von je zwei Kulis gezogen; drei Tagereisen bis Poschan, auf schmalen Gebirgspfaden, an Abgründen vorbei, über den Poschanpaß (mit steinerner Ehrenpforte), auf sehr schlechten, mit Steingeröll übersäten Wegen. Unterwegs viele schöne Ausblicke. In Poschan sehenswerte Glasbläsereien und Töpfereien. Rückfahrt von Poschan mit der Schantung-Bahn nach Tsingtau.

_Kungfutsze_, der bedeutendste Staats- und Sittenlehrer Chinas, griff, um der Zerrissenheit Chinas in viele kleine Einzelstaaten abzuhelfen, auf den altchinesischen Ahnenkultus und die alten Schriften der chinesischen Weisen zurück, erklärte als vornehmste Pflicht den unbedingten Gehorsam des Sohnes gegen den Vater, des Untertanen gegen den Kaiser als Statthalter Gottes; außerdem lehrte er die Tugenden Menschlichkeit, Rechtlichkeit, Schicklichkeit, Weisheit und Treue. Die weitgehende chinesische Elternverehrung ist durch ihn noch gefördert worden. In verschiedenen Büchern stellte er die Aussprüche der Kaiser des Altertums und ihrer Ratgeber zusammen. Trotzdem er kein Religionsstifter war, wurden nach seinem Tode ihm zahllose Tempel geweiht und Gedenkopfer dargebracht. Einer der schönsten Tempel Chinas ist in Küfuhsien ihm zu Ehren errichtet und mit Inschriften, Vasen und Schnitzereien aller Zeiten geschmückt. In der Stadt führen etwa vier Fünftel der Einwohner seinen Namen, darunter der Herzog von Kung, der sein direkter Nachkomme ist.--_Mengtse_ (_Mencius_), der berühmteste aus der Schule des Kungfutsze hervorgegangene Philosoph, geb. 372 v. Chr., gest. 289, hat seine Lehren in frischer, lebendiger Form in sieben Büchern zusammengefaßt, die zu den klassischen Schriften Chinas rechnen (auch ins Englische und Französische übersetzt). Seine Nachkommen werden seit zwei Jahrtausenden in dem Nachbarorte _Tschouhsien_, der Heimat des Mengtse, in einem heiligen Wald von Eichen und Zypressen begraben.

=Von Tsinanfu nach Tientsin= weiter mit der Tientsin-Pukou-Bahn (S. 271), einer wichtigen Bahnlinie, die künftig Schanghai über Nanking (Überfahrt über den Yangtse mit Fährdampfer nach Pukou S. 256), Tsinanfu und Tientsin mit Peking verbindet, die Bahn ist auf der nördlichen, mit deutschem Geld und von deutschen Firmen gebauten Hauptstrecke (Tsinanfu-Tientsin) bereits im Betrieb, trotzdem die Hoangho-Brücke, deren Fundamentierung ungeheure Schwierigkeiten machte, voraussichtlich erst Ende 1912 betriebsfertig wird (Fährdampfer über den Hoangho vgl. S. 271). Die Nordstrecke zwischen Tsinanfu und Tientsin berührt keine großen Städte und führt durch den Nordteil der Großen Ebene über 30 meist kleine Stationen; etwa 120 km nördl. von Tsinanfu trifft die Bahn bei _Tötschou_ den Kaiserkanal (_Nan yün ho_) und hält sich dann bis Tientsin nahe östl. von ihm.

Tientsin.

Vgl. den Plan auf beifolgender Karte.

Der =Bahnhof= liegt am l. Peihoufer nahe der eisernen Brücke, die in die Fremdenniederlassungen führt. Man beachte, daß man in Stat. _Tientsin Settlement_ aussteigt; der zweite, nördliche Bahnhof _Tientsin City_ liegt am Nordende der Chinesenstadt.

=Gasthöfe=: _Astor House_ (Pl. 1; deutsche Leitung), Victoria Road, im Englischen Viertel, gegenüber dem Victoriagarten, gelobt, Pens. $ 5-10, für ein Ehepaar $ 12.--_Imperial Hotel Ltd._, Rue de France, 50 Z., Pens. $7.--_Hôtel de la Paix_ (Pl. 2), Rue du Consulat, 40 Z., Pens. $ 5-8.--_Queen's Hotel_, Victoria Road, 20 Z., Pens. $ 4-7.

=Post=: Deutsches Postamt (Pl. 7).-- =Telegraph.=--=Wagen=, =Rikschas= und =Reitpferde= sind zu haben.--=Eisenbahnen=: _Nordchinesische Bahn_ nach Peking, Tongku, Mukden und Yingkou (S. 328); _Tientsin-Pukou-Bahn_ im Betrieb bis Tsinanfu (S. 272) mit Anschluß nach Tsingtau (S. 267) und bis Taianfu (S. 273).--=Dampfer= vgl. unter Tongku, S. 279. Dampfer-Agenturen: _Norddeutscher Lloyd_, Melchers & Co. (Telegr.-Adresse: Nordlloyd-Tientsin); _Hamburg-Amerika Linie_, Carlowitz & Co.

=Elektr. Straßenbahn= durch die Chinesenstadt, die österreichische, italienische, russische, französische und japanische bis zur englischen Niederlassung.

=Banken=: _Deutsch-Asiatische Bank_ (Pl. 3), Korresp. der Allg. Deutschen Credit-Anstalt in Leipzig; _Hongkong & Shanghai Banking Corporation_ (Pl. 5), beide Korresp. der Deutschen Bank; _Chartered Bank of India_ (Pl. 4), alle drei Korr. der Berliner Disconto-Gesellsch.

=Konsulate=: _Deutsches Reich_, Konsul Legationsrat Knipping; Vizekonsul Freih. v. Grote.--_Österreich-Ungarn_, Konsul M. Kobr und Dr. F. Stumvoll. --=Deutscher Klub=: _Concordia_, in der deutschen Konzession; _Tientsin Club_, Victoria Road.

=Deutscher Arzt= und drei Krankenhäuser für Europäer sowie ein Lazarett des Deutschen Ostasiatischen Detachements mit Tollwut-Impfstation.-- =Deutsche Apotheke=: _S. J. Betines & Co._ --=Deutsche Buchhandlung=: _Aug. Michels;_ Zeitungen: »Tageblatt für Nordchina«; »Peking and Tientsin Times«; »Courrier de Tientsin«.--=Photograph=: _F. Scholz_.--=Photographische Gegenstände=: in der Deutschen Apotheke. --=Geschäftsadressen=: _E. Lee_; _Wolff & Kierulff_ (beide deutsch); _Hall & Holtz_ (englisch); _A. H. Jaques_ (engl.), alle drei Victoria Road, für allgemeine Ausrüstung.

=Geschichtliches.= Tientsin ist die Hauptstadt des Vizekönigs der Provinz Tschili; hier wurden 1858 und 1860 die ersten Handelsverträge mit europäischen Mächten abgeschlossen. Infolge chinesischen Vertragsbruchs wurde 26. Aug. 1860 die Stadt von den Engländern und Franzosen genommen. 1870 Niedermetzelung der Europäer.

Im Boxeraufstand wurden die europäischen Niederlassungen vom 17. Juni bis 13. Juli 1900 von chinesischen Truppen belagert; an den heftigen Kämpfen nahmen die Marinemannschaften der Seymour-Expedition teil, die am 10. Juni zum Entsatz der belagerten Gesandtschaften in Peking ausgezogen war, aber durch chinesische Truppen zum Rückzug nach Tientsin gezwungen wurde, wo sie am 26. Juni nach schweren Verlusten wieder eintraf. Die deutschen Streitkräfte zählten 21 Offiziere, 4 Ärzte, 757 Mann (Schiffsbesatzungsteile und 3. Seebataillon); außerdem kämpften in Tientsin 3500 Russen, 1800 Engländer, 500 Amerikaner, 300 Franzosen, 150 Japaner, 100 Italiener, 75 Österreicher. Am 11. Juli standen 12650 Mann europäische und japanische Truppen in der Stadt, denen es bald gelang, die chinesischen Belagerungstruppen zu vertreiben. Seitdem war Tientsin Hauptstützpunkt für die Unternehmungen gegen Peking und wurde erst 1902 den Chinesen zurückgegeben.

=Tientsin=, wichtigste Handelsstadt Nordchinas, seit 1860 dem Fremdhandel geöffnet, liegt auf 39° 10' nördl. Br. (etwa wie Lissabon) am Zusammenfluß des Peiho mit dem Hunho (Hsiho); von O. mündet der Lutaikanal, von W. der Kaiserkanal bei der Chinesenstadt in den Peiho, so daß Tientsin der wichtigste Stapelplatz für den Durchgangshandel aus den Provinzen Tschili, Schensi, Schansi, Kansu, Turkistan, Mongolei und einen Teil der Mandschurei ist. Das Hinterland hat die Größe Europas mit etwa 100 Mill. Einw. Tientsin hat etwa 800000 Einw. 1909 liefen 952 Schiffe mit 1159000 Reg.-Ton. den Hafen von Tientsin an. Der untere Peiho ist nur für kleine Dampfer und Dschunken befahrbar. Die _Chinesenstadt_ (Altstadt) ist ein Rechteck, früher rings von Zinnenmauern umschlossen, die von der provisorischen Regierung (1900-02) zum Teil niedergelegt wurden, um breiten Straßen Platz zu machen. In den großen Vorstädten auf beiden Flußufern und an den Kanälen ist der Sitz des lebhaftesten Handelsverkehrs. Alle chinesischen Stadtteile sind schmutzig und ungesund, doch haben sich die hygienischen Verhältnisse seit der europäischen Verwaltung durch Anlage eines Wasserwerks etc. verbessert. Die deutschen Reichspostdampfer der Hamburg-Amerika Linie gelangen bei günstigem Wasserstand bis zu den Fremdenniederlassungen der Stadt; der Peiho, dessen Mündung bei Tongku (S. 279), der Hafenstadt von Tientsin, etwa 75 km osö. liegt, friert zwischen Ende November und Mitte März zu, als Hafen für Tientsin und Peking dient in dieser Zeit Tschinwangtau (S. 329). Der Kaiserkanal ist nur für Fahrzeuge mit 1 m Tiefgang schiffbar.-- Die _Fremdenniederlassungen_ (_Tientsin Settlement_) der Deutschen, Engländer, Franzosen und Japaner liegen am r. Peihoufer, gegenüber und südl. vom Bahnhof, zu dem über den Fluß eine eiserne Brücke führt. Die Russen, Italiener, Österreicher und Belgier haben ihre Konzessionen am l. Ufer. Die 1896 begründete deutsche Niederlassung (mit Kriegerdenkmal für die im Jahre 1900 Gefallenen) ist die südlichste und hübscheste der ganzen Villenstadt, von der das englische Viertel mit Rathaus und kleinem Museum im _Anglo-Chinese College_ hauptsächlich Geschäftsviertel ist. Die französische Niederlassung wurde während des Boxerkriegs fast ganz zerstört; in ihr liegt ein Krankenhaus und das chinesische Zollamt. Die japanische Niederlassung liegt in der südlichsten Vorstadt der chinesischen Stadt.--_=Rundfahrt=_ durch die Chinesenstadt mit Rikscha, Wagen oder Straßenbahn; die Werkstätten der Handwerker, meist straßenweise dieselben Gewerke, sind vielfach sehenswert. Gelegenheit zu Einkäufen von Fellen, besonders von Tigern und Leoparden. Es ist nicht ratsam, nach Sonnenuntergang sich in der Chinesenstadt und ihren Vorstädten aufzuhalten. Sehenswert sind außer dem _Yamen_ des Vizekönigs etwa noch der dem Gedächtnis Lihungtschangs gewidmete Tempel sowie verschiedene Theater und Versammlungshallen der großen Gilden. Vom Turm des Astor House Hotel überblickt man Stadt und Umgegend.

=Von Tientsin nach Peking= (140 km) mit der _=Nordchinesischen Eisenbahn=_, tägl. 3 Züge in 3 St. (Reichskursbuch Nr. 706). Der Bahnhof Tientsin Settlement liegt neben der russischen Niederlassung; jenseits liegt ein großes Gräberfeld, um das die Bahn im Bogen über die Brücke des Lutaikanals und durch den Außenwall nach Stat. _Tientsin City_ führt. Man sieht l. das Arsenal von _Hsiku_ (Schauplatz der Kämpfe des Seymourschen Korps am 22. Juni 1900), erreicht (11 km) _Peitsang_ (Kämpfe am 21. Juni und 5. Aug. 1900) in öder, melancholischer Landschaft. Dicht vor (26 km) _Yangtsun_ überschreitet die Bahn den Peiho; man sieht Dörfer, Getreide-(meist Mais-)Felder, dazwischen zahllose Erdhügel, die Gräber sind, auch strichweise Grün und gelangt über (41 km) _Lofa_ nach (60 km) _Langfang_, dem äußersten Punkt, den Seymour erreichte; heftige, zwar siegreiche, aber erschöpfende Kämpfe am 14. und 18. Juni 1900, unter Beteiligung deutscher Marinetruppen (»the Germans to the front«).--Bei (95 km) _Huangtsun_ beginnt das mit Mauern eingehegte Gebiet des kaiserlichen Wildparks _Nun-yüan_ (»Südgarten«), volkstümlich _Haitze_, der reich an Hirschen und Damwild war und fast bis Peking reicht; dient als Truppenübungsplatz.-- Bei (112 km) _Fêngtai_ zweigt nach SW. die Bahnlinie Paotingfu-Hankau ab (S. 299). Bald erblickt man l. Berge und dann l. die Mauern der Chinesenstadt, deren alter Bahnhof _Machiapu_ vor dem Südtore nicht mehr benutzt wird, die Bahn durchbricht die Südmauer der Chinesenstadt, geht durch deren schwach bebauten östl. Teil, biegt in der NO.-Ecke der Chinesenstadt nach l. und läuft westl. außerhalb der Mauer der Mandschustadt zum Endbahnhof am Wassertor (140 km) _Peking-Tschiën-mönn_ (S. 280) dicht beim Gesandtschaftsviertel.

B. Von Tsingtau über See nach Peking.

Der Dampfer (vgl. S. 265), von Tsingtau (S. 267) mit nö. Kurs abfahrend, umsteuert das niedrige SO.-Vorgebirge von Schantung, auf dem ein Leuchtturm vor den Riffen warnt; in der Nähe liegt der _Iltisfriedhof_, wo die Besatzung des in nächster Nähe im schweren Taifun 23. Juli 1896 gestrandeten deutschen Kanonenboots »Iltis« ihre Ruhestätte hat; der Friedhof hat schmiedeeisernes Gitter mit Kaiseradler, in der Mitte eine Porphyrsäule. Dann erblickt man die scharfen, zerklüfteten, bis 277 m hohen felsigen Hügel des _Schantungvorgebirges_ (_Tatschingschan_) und steuert mit WNW.-Kurs in das _Gelbe Meer_ zwischen Nordchina und Korea. Westl. vom Schantungvorgebirge liegt im Schutze einer Insel der Hafen von

=Weihaiwei= (_King's Hotel_, 60 Z., Pens. $ 6; _Clark's Hotel_), englischer Freihafen ohne Handelsbedeutung. Ursprünglich chinesischer Kriegshafen, wurde Weihaiwei im Februar 1895 vom Marschall Oyama von der Landseite erobert und blieb bis 1898 als Faustpfand in japanischem Besitz; 1898 wurde es von der chinesischen Regierung an England verpachtet, das aber seit dem Bündnis mit Japan und der Vertreibung Rußlands aus der gegenüberliegenden Halbinsel Liautung (Hafen Port Arthur) nur wenig Wert mehr auf diese Besitzung legt, um so mehr, als der Hafen selbst schlecht und die Verbindung mit dem innern China sehr mangelhaft ist. Der Ort ist aber gesund und hat angenehmes Sommerklima, er dient daher ähnlich wie Tsingtau als Erholungsort und Seebad. Die Stadt liegt auf einem Bergabhang an der Westseite der Bucht. In der Umgebung sind heiße Schwefelquellen.

Von Weihaiwei steuert man auf die _Kungkungtauinseln_ zu, die der Reede von Tschifu vorgelagert sind; auf der größten Insel steht ein Leuchtturm. Die Schiffe ankern auf der Reede innerhalb der Inseln so nahe den Landungsbrücken, als ihr Tiefgang es gestattet; der Hafen ist durch keine Mole geschützt und das Landen bei Nordwind schwierig und oft unmöglich (der Bau eines Wellenbrechers ist begonnen).

=Tschifu= (_Chefoo_), chinesischer Vertragshafen in der Provinz Schantung, seit 1862 dem Fremdhandel geöffnet.

=Gasthöfe=: _Astor House Hotel_ (österreichischer Direktor, französischer Koch), mit Terrasse am Strande, neu, empfehlenswert, Z. von $ 3,50 an.-- _Beach Hotel_, mit Terrasse am Strande, Pens. $ 4-8.--=Deutsches Postamt= mit =Telegraph= und Kabel nach Tsingtau, Tientsin, Schanghai etc. =Telephon= unter chinesischer Verwaltung.--=Sampan= (Boote) 10-25 c. von der Reede an Land. Die Gasthöfe schicken ihre Boote zu den Postdampfern.--=Eisenbahn= über _Töngtschoufu_ an der Miautau-Straße nach _Weihsien_ (S. 272) mit Anschluß an die Schantungbahn ist geplant.-- =Dampfer= nach Tsingtau, Tientsin (tägl.), Schanghai (tägl.), Korea (Tschimulpo, Fusan), Dairen, Japan und Wladiwostok. Agentur des _Norddeutschen Lloyd_: Anz & Co. (Tel.-Adr.: Nordlloyd-Chefoo). --_Hamburg-Amerika Linie_ (Tel.-Adr.: Halinie-Chefoo), Agentur: H. Diederichsen & Co.; Postdampfer Schanghai-Tsingtau-Tschifu-Tientsin wöchentl.--=Banken=: _Deutsch-Asiatische Bank_, Agentur: Anz & Co.; _Russisch-Asiatische Bank_, Korr. der Deutschen Bank.--=Deutscher Konsul= Dr. Lenz, 10 Min. von den Landungsbrücken auf dem Jentaihügel, nahe der _Signalstelle_ (Sturm- und Schiffsmeldesignale). Österreichischer Vizekonsul Baron v. Babo.--Französisches =Hospital=.--Internationaler =Chefoo-Club=. _Custom-Club._

Das =Klima= von Tschifu ist an sich gesund, aber Fieber und Dysenterie kommen auch unter den Europäern vor; Cholera und Pocken sind in der Chinesenstadt stets zu finden. Man meide das Brunnenwasser und das rohe Obst. Im Mai herrschen heiße Südwinde (bis 40° Wärme), Juli bis August heiße Regenzeit, im Winter häufig heftige Schneestürme, im Februar bis 10° Kälte.

Die Stadt Tschifu, sehr schön von Bergen umgeben, hat 75000 Einw., darunter 300 Europäer; das Europäerviertel liegt am Strand an und auf dem Signalhügel. Als Tschifu im Jahre 1862 dem Fremdhandel geöffnet wurde, hatte es wegen einer durch den Hoangho verursachten Überschwemmung, einer Störung im Betrieb des Kaiserkanals und des Taipingaufstandes Aussichten auf eine gute Entwickelung. Diese Hoffnungen haben sich wegen der mangelhaften Verbindungen mit dem Innern Chinas nicht erfüllt, und in neuester Zeit ist Tschifu vom günstiger gelegenen Tsingtau rasch überflügelt worden. Der Handel mit Rohseide, Seidenstoffen (Pongées), Spitzen (in Seide und Baumwolle) belief sich 1909 auf etwa 200 Mill. M. 38 Seidenspinnereien. Schule der China-Inland-Mission mit 300 Schülern. Mehrere Missionsanstalten. Berühmte Obstkulturen, Weinbau (The Chang yu Pioneer Wine Co., Leiter ein Österreicher, Baron v. Babo). Die zum Teil ummauerte Chinesenstadt ist schmutzig und wenig sehenswert. Spaziergang auf die höchste Hügelkuppe (405 m) mit kleiner Pagode bei Tschifu bietet *Aussicht über das Meer und das gebirgige Hinterland. Im Sommer wird Tschifu von europäischen Badegästen und amerikanischen, französischen und chinesischen Kriegsschiffen besucht. Tschifu ist Durchgangshafen für die nach N. fahrenden Dampfer.

_=Dampferfahrt.=_ Aus dem Gelben Meere dampft man von Tschifu durch die mit Inseln reich besetzte Straße von Petschili in den _Golf von Petschili_ (_Tschili_), dessen nördlichster Teil _Liautunggolf_ heißt. Im Winter kann die Fahrt sehr kalt und stürmisch sein; meist benutzen die Dampfer die _Tschangschan-Durchfahrt_, wobei die Große Bambusinsel (Tatschuschan) etwa 4 Seem. und die Kleine Bambusinsel (Siautschuschan) r. und die Insel _Tschangschan_ l. bleiben und dann das Blinkfeuer der Insel Hauki nahe passiert wird. Das Land an der Peihomündung ist so flach und niedrig, daß man nur die Schiffe auf der Reede, das Feuerschiff und r. den Leuchtturm auf der Insel Schaluitien sieht. Kleine Dampfer werden vom Lotsen über die _Takubarre_ gebracht, während große auf der _Reede_, 8 Seem. seewärts von Taku, ankern; die Reisenden werden mit Dampfbarkassen in 1 St. an Land gesetzt. Bei der Einsteuerung in den Fluß sieht man die am 17. Juli 1900 während der Wirren eingenommenen _Takuforts_, bei deren Beschießung sich das deutsche Kanonenboot »Iltis« unter Korvettenkapitän Lans hervorragend auszeichnete; die durch Kapitän z. S. Pohl eroberten Forts sind jetzt gänzlich zerstört und dürfen nicht wiedererbaut werden; hinter dem alten Südfort am r. Ufer liegen die Lotsenhäuser der europäischen Takulotsen. Nach zwei scharfen Biegungen in der flachen Flußniederung des Peiho (vgl. beifolgende Karte), wo viele wagerecht drehende Windmühlen (Salzmühlen) die seichten Salzbecken mit Seewasser zur Salzgewinnung speisen, nahebei hohe Salzlager, vorbei am großen Fischerdorf _Taku_, erreicht man

=Tongku= (_Station Hotel_; _Hôtel du Louvre_, französische Küche, 12 Z., Pens. $ 6; _Bahnwirtschaft_), Hafenstadt für Tientsin und Peking, zugleich Ausgangspunkt der Bahnlinien nach Peking und Yingkou (Inkau), ein schmutziges Nest, in dem vorläufig noch deutsche, englische, japanische und französische Truppenposten stehen. Passagierdampfer landen an den Anlegebrücken nahe dem Bahnhof. Agentur des _Norddeutschen Lloyd_ in Tongku (Taku): Melchers & Co. Außer den S. 278 angeführten deutschen Dampfern nach Tschifu, Tsingtau und Schanghai laufen japanische, englische und chinesische ebendahin und nach Nagasaki, Kobe, Dairen, Antung (am Yalu), Tschimulpo und Hongkong. Man beachte, daß die nach Japan verkehrenden Dampfer meist klein, daher bei schlechtem Wetter recht unbequem sind; Weltreisende sollten möglichst die Vorschläge S. 249 beachten, also von Berlin mit der Bahn über Peking-Hankau nach Schanghai reisen und von da mit großem Postdampfer nach Japan. Da außerdem für die Fahrt Tientsin-Japan meist wenig Kabinen I. Klasse verfügbar sind, muß man frühzeitig vorausbestellen.

=Von Tongku nach Peking= mit der _=Nordchinesischen Bahn=_ in 1-1/2 St. für I. $ 1,6o, II. $ 1. (Die meisten Bahnbeamten sind Chinesen.) Haltestellen sind _Hsinho_ und _Künliangtschöng_; nach schneller Fahrt durch die im Winter eintönige, im Sommer meist mit Kauliang, einer bis 3 m hohen Hirseart, bestandenen Ebene der Peihoniederung am l. Ufer des Flusses erreicht die Bahn (43 km) Stat. _Tientsin Settlement_.--Weiter nach Peking vgl. S. 277.

14. Peking und Umgebung.

Vgl. beiliegenden Plan.

=Ankunft.= Die beiden Kopfstationen der _Nordchinesischen Bahn_ und der _Peking-Hankau-Bahn_ liegen östl. und westl. vom Haupttor Tchiën-mönn. Vom Mukdenbahnhof erreicht man das Hôtel des Wagons-Lits zu Fuß in 3 Min. durch das »Water Gate«. Vom Hankaubahnhof fährt man in Rikscha 10 Min. zum Hotel durch das Tchiën-mönn. Hausdiener der Gasthöfe sind am Bahnhof.

=Gasthöfe=: _Grand Hôtel des Wagons-Lits_ (deutsche Leitung), I. Haus, mit allem Komfort, 100 Z., Pens. $ 8-12, oft überfüllt, daher telegraphische Vorausbestellung (»Wagonlits-Peking«) dringend anzuraten.--_Hôtel du Nord_ (deutscher Inhaber O. Ludwig), beim Tore Hatamönn, billiger, aber (sehr primitiv) in alten Chinesenhäusern.-- _Hôtel de Pékin_ (italienische Leitung), am Nordglacis.--Chinesische Gasthöfe sind für europäische Reisende unbewohnbar. Chinesische Speisehäuser (stets ungemütlich und schmutzig) zeigt der Führer. Vorher zu Hause essen!

=Telegraph= in der Telegraph Lane (vgl. Plan).

=Postanstalten=, deutsche, französische, japanische, russische, im Gesandtschaftsviertel.

=Wagen= besorgen die Gasthöfe, ebenso =Rikschas=.

=Automobile= zu Fahrten zum Sommerpalast (1 St.), Zoologischen Garten (1/2 St.).

=Führer= (Erklärungen mit Vorsicht aufzunehmen) besorgen die Gasthöfe, desgleichen =Reittiere= und =Tragstühle= zu Ausflügen.

=Eisenbahnen=: _Nordchinesische Bahn_ (Imperial Railways of North China) nach Tientsin (S. 277) und nach Mukden (S. 324) mit Anschluß an die _Südmandschurische Bahn_ (Reichskursbuch 706) über Charbin-Irkutsk-Moskau nach Berlin (S. 301); die _Mongolische Bahn_ (Imperial Peking-Kalgan Railway) nach Suiyüan (S. 295) und die _Peking-Hankau-Bahn_ oder _Peihan-Bahn_ (Reichskursbuch 706; Imperial Ching-Han Railway) nach Hankau (S. 259 u. 299).

=Geld= s. S. 219. Viel falsches Silber- und Kupfergeld ist im Umlauf.--=Banken=: _Deutsch-Asiatische Bank_; _Hongkong & Shanghai Banking Corporation_; beide Korresp. der Berliner Disconto-Gesellschaft, erstere auch der Deutschen Bank in Berlin und der Allgem. Deutschen Creditanstalt in Leipzig. Ferner (seit 1910) _Russisch-Asiatische Bank_; _Yokohama Specie Bank_; _Banque de l'Indo Chine_, sämtlich in der Gesandtschaftsstraße.

=Theater=: In der Chinesenstadt, die besten in dem 1900 niedergebrannten Stadtteil sw. vom sogen. Kaisertor in der Straße Dà-schi-laol und ihren Parallelstraßen. Theater alten Stils am Fleischmarkt Jóū-schi, sö. vom Kaisertor. Beste Plätze auf der Galerie; Mitnahme eines Führers ratsam.

=Reisebureau= der Schlafwagengesellschaft im Hôtel des Wagons-Lits.-- Führer: _Boy-Ed_, Peking und Umgebung, $ 2,20, und andre Führer in englischer Sprache im Hotel des Wagons-Lits käuflich.

=Gesandtschaften= (meist an der Gesandtschaftsstraße): _Deutsches Reich_, Gesandter Se. Exzellenz Wirkl. Geh. Rat Graf v. Rex (Sommersitz in Peitaiho). --_Österreich-Ungarn_, Ritter v. Kuczynski.

=Deutscher Arzt=: Stabsarzt Dr. _Gelinsky_, deutscher Gesandtschaftsarzt.-- =Deutsches Krankenhaus= und Militärlazarett nördl. der deutschen Offiziershäuser. --=Deutsche Apotheke=: _J. Betines & Co._ im amerikanischen Hospital an der Hatamönnstraße, gegenüber Hôtel du Nord. Französisches Krankenhaus _St.-Michel_ in der Gesandtschaftsstraße.

=Geschäftsadressen.= Deutscher Photograph: _M. Hartung_, gegenüber deutschem Offizierskasino; japanischer (gut) _Yamamoto_, neben Direktion der Peking-Hankau-Bahn;--Reiseausrüstung etc.: _Kierulff & Co._ (deutscher Inhaber Krüger), Gesandtschaftsstraße; _H. Bahlke_ (deutsch), Hatamönnstraße, neben Hôtel du Nord; _L. Wanniek_ (Österreicher), ebenda;-- chinesische Geschäfte in der Hatamönnstraße und in der Chinesenstadt.

=Zeiteinteilung= für 10 Tage. 1. Tag: Gesandtschaftsviertel und Abendspaziergang auf der Mauer.--2. Tag: östliche Mandschustadt bis zum Gelben Tempel.--3. Tag: westliche Mandschu- und Kaiserstadt.--4. Tag: Chinesenstadt.--5. und 6. Tag: Ausflug zum kaiserlichen Sommerpalast (geöffnet jeden 5., 15., 25. chinesischen Datums, 3 Tage vorher bei Gesandtschaft einschreiben) und in die Westberge. --7.-10. Tag: Ausflug nach der Großen Mauer und den Minggräbern. --Ganz flüchtige Reisende brauchen 2 Tage für Peking, 1 Tag Sommerpalast und 3 Tage für den Ausflug zur Großen Mauer und den Minggräbern. Vgl. auch Zeiteinteilung auf S. 294.--Zu genaueren Studium der Stadt nehme man mindestens 4 Wochen Aufenthalt.

[Hand] Für _=Umschreibung der chinesischen Laute=_ mit lateinischen Buchstaben befolgt jeder Schriftsteller über chinesische Dinge sein eignes System. Im folgenden sind die chinesischen Worte in der praktischen Umschreibung nach dem System Sir Thomas Wade's wiedergegeben, dessen Hauptregel ist: die Vokale wie im Deutschen, die Konsonanten wie im Englischen zu sprechen. Da viele Abweichungen vorkommen, ist die Aussprachebezeichnung in eckigen Klammern [] beigefügt; man merke: alle Laute wie im Hochdeutschen mit folgenden Besonderheiten: y = j in Jahr, jung; j = französisch j in Journal, Jongleur; h = ch in Bach, Loch; ch = ch in China, Chemie; ie stets getrennt sprechen i-ĕ (nicht wie langes i), ebenso ou, das entweder ŏ-ū oder ō-ū lautet; w wie englisch w (nicht wie deutsches w).

* * * * *

=Geschichtliches.= Die ältesten Nachrichten sind vom Jahr 1121 v. Chr., als ein Nachkomme des berühmten Kaisers Huang Ti mit der Stadt _Chi_ [Dyi] belehnt wurde. Vom 8.-3. Jahrh. v. Chr. ist Chi die Hauptstadt des Königreiches _Yên_ [Yĕn]. Unter der Tang-Dynastie (618-907 n. Chr.) heißt die Stadt _Yu-chou_ [Yó-djŏu]. 936 wurde sie von den aus Liaotung hereinbrechenden Kitan-Tataren erobert, die als Liao-Dynastie über Nordchina herrschten und die Stadt im Gegensatz zu ihrer nördlichen Hauptstadt _Liaoyung Nanking_ = »Südliche Hauptstadt« nannten. Seit jener Zeit ist Peking mit kurzen Unterbrechungen die Residenz geblieben. Als 1125 die Chin-[Dyin]-Tataren die Liao vertrieben hatten, wurde Peking unter dem Namen _Chung-tu_ [Djúng-du] ihre Hauptstadt. 1215 vertrieb der mongolische Eroberer _Djingis Khan_ die Chin und machte Peking zur Hauptstadt einer Provinz seines Reiches. Sein Enkel _Kublai Khan_ verlegte 1264 die Residenz der mongolischen Kaiser von Karakorum nach Peking und erweiterte 1267 die alte Stadt, die er _Ta-tu_ [Dá-du, »Große Hauptstadt«], mongolisch _Khanbaligh_, »Stadt des Khan«, nannte. Zugleich errichtete er ein System von Peking ausgehender, fester Straßen. Der Grund, einen so exzentrisch gelegenen Platz zur Hauptstadt des gewaltigen Reichs zu machen, mag in der sichern Lage der Örtlichkeit beruht haben. Vom Meere her drohten in frühern Zeiten keine Gefahren, und nach N. und W. genoß Peking schon durch die schwere Überschreitbarkeit des in diesen Richtungen liegenden Gebirgslandes einen guten natürlichen Schutz, der durch das großartige Befestigungssystem der »Großen Mauer« noch erhöht wurde. 1368 vertrieb _Hung Wu_, der erste Kaiser der einheimischen Ming-Dynastie, die Mongolen aus China und änderte den Namen des eroberten Peking in _Pei-p'ing-fu_ [Bè-ping-fú], residierte aber selbst in Nanking. 1409 verlegte der dritte Mingkaiser _Yung Lo_ die Residenz von dort nach _Pei-p'ing-fu_, das nun zum erstenmal den Namen _Peking_ (chines. Pei-ching [Bé-dying]) erhielt. Dieser Name ist in Europa allgemein bekannt geworden durch die zu jener Zeit zum erstenmal eintreffenden Jesuitenmissionare, die den Namen Peking ihren Karten einverleibten. Die Chinesen selbst nennen Peking einfach _Ching_ [Dying] = »Hauptstadt«; amtlich heißt es _Shun-tien-fu_, und in der gelehrten Schriftsprache hat es seinen alten Namen _Yên_ behalten. 1644 wurde die Stadt von den Mandschu beim Sturze der Ming-Dynastie geplündert, 1662 und 1730 von Erdbeben heimgesucht. 1728 gründeten hier die Russen eine Kolonie Peking; englische Gesandte residierten hier zeitweise seit dem Opiumkrieg (S. 216), französische, italienische, deutsche folgten 1861. Am 12. Okt. 1860 wurde die Stadt nach leichten Gefechten und einem Bombardement der Nordmauer vom Gelben Tempel aus den englisch-französischen Truppen für einen Tag geöffnet. Man begnügte sich mit einem kurzen Demonstrationsmarsch durch die An-ding-mönn-Straße, zerstörte aber den Sommerpalast, um die Ermordung der englischen Parlamentäre zu rächen. Anfang Juni 1900 erreichte die Boxerbewegung Peking. Vom 12. Juni bis 14. Aug. war die Stadt von allem Verkehr mit der Kulturwelt abgeschnitten (vgl. S. 276). Nach der Einnahme blieb Peking über 1/2 Jahr von den verbündeten Truppen besetzt. Neuerdings soll der Sitz der republikanischen Regierung nach Nanking verlegt werden.

=Peking= (»nördliche Hauptstadt«), Hauptstadt des chinesischen Reiches mit 1017209 Einw., Residenz des Kaisers, unter 39° 45' nördl. Br. (etwa wie Madrid), 37 m ü. M., in der nördl. Ausbuchtung der Großen Ebene, 150 km vom Meer, nahe dem mauerartigen Abfall des Nankougebirges, zwischen den Flüssen Hunho und Peiho und von drei Bächen durchflossen, die, zum Kanal vereinigt, bei Tungtschou in den Peiho münden. Das Klima ist ziemlich stark kontinental (vgl. S. 264), der Winter so kalt wie in Ostpreußen, der Sommer so heiß wie in Konstantinopel; die Regen (633 mm im Durchschnitt) drängen sich auf die Sommermonate (namentlich Juli und August) zusammen, den größten Teil des Jahres über herrscht arger Staub, die Luft ist fast stets dunstig. Hunho und Peiho sind von Dezember bis Februar gewöhnlich zugefroren. Die Stadt, deren Mauer eine Fläche von 63,5 qkm umschließt, war nur noch ein Schatten früherer Pracht, ist aber jetzt in neuem Aufblühen begriffen, hat neben alten schlechten auch viele neue gute Straßen, dabei viele Ruinen einst bedeutender Bauwerke (meist 1900 zerstört), elende Häuser; große Flächen sind verödet oder nicht bebaut. Peking besteht aus zwei durch eine 9 m hohe und sehr breite Mauer getrennten Teilen: der von den Fremden so genannten _Tataren_- oder _Mandschustadt_ und der _Chinesenstadt_. Als 1644 die Mandschu Peking erobert hatten, verteilten sie das Gebiet der Nordstadt unter sich und zwangen die Chinesen zur Auswanderung nach der Südstadt; heute wohnen aber viele Chinesen in der Tatarenstadt. Die Chinesen selbst nennen die erstere _Nei-ch'êng_ [Nétschong], »Innere Stadt«, und die letztere _Wai-ch'êng_ [Waí-tschong], »Äußere Stadt«. Die nördlichere _Tataren_- oder _Mandschustadt_ bildet ein nahezu regelmäßiges Rechteck mit einer 23,6 km langen Mauer von 13 m Höhe und oben 11 m Breite, die von 9 Toren durchbrochen wird, von denen drei zur Chinesenstadt führen und über denen, wie über den vier Ecken, 30 m hohe Pavillons aufsteigen. Doch sind die meisten verfallen, ebenso wie die Wälle und der 18 m breite Graben. Die Tatarenstadt besteht aus drei Teilen: den innersten Kern bildet die _Rote Verbotene Stadt_ (Tzĕ-chin-ch'êng [Dsè-dyin-tschong]), so genannt nach der sie umschließenden roten Mauer; es ist die Residenz des Hofes, umgeben mit breitem Wassergraben. Um die Verbotene Stadt zieht sich die gleichfalls durch eine Mauer abgeschlossene _Kaiserstadt_ (Huang-ch'êng [Huáng-tschong]), in der sich meist Behörden und Beamtenwohnungen befinden; sie ist dem freien Verkehr eröffnet mit Ausnahme der Westseite, wo Militärposten den Eingang zu den Kaiserlichen Westgärten absperren. Im W. der Kaiserstadt liegt die neue Reichsuniversität, die aber in etwa 2 Jahren auf ein umfangreiches Gelände vor der Nordmauer der Tatarenstadt übersiedeln soll. Um die Kaiserstadt lagert sich dann als dritter Gürtel die eigentliche _Innere Stadt_. Hier liegen im SO., nahe der Mauer, die 1900 zum Teil zerstörten Gesandtschaftsgebäude Deutschlands, Österreich-Ungarns, Rußlands, der Vereinigten Staaten, Englands, Spaniens, Japans, Frankreichs, Italiens, der Niederlande und Belgiens; der Ketteler-Gedenkbogen (S. 284); die Sternwarte, das Waiwupu (Ministerium des Auswärtigen), das neue Parlament (an Stelle der alten Prüfungshallen; S. 289), die ungeheuern Vorratskammern für den Reis der Bannerleute, der große Lamatempel, der Tempel des Confucius, die Halle der Klassiker, der Paukenturm und Glockenturm, im W. der Tempel der Kaiser, der Tempel der weißen Pagode. Ferner der Neubau des Palais des Prinzregenten. Eine 1901 neuaufgebaute Südkathedrale _Nan-tang_ liegt am Schun-dschĭ-mönn, eine Ostkathedrale _Dung-tang_ nördl. vom Gesandtschaftsviertel. Die englischen und amerikanischen protestantischen Missionen haben mehrere Krankenhäuser. Nahe dem Waiwupu errichtete die chinesische Regierung 1883 die Schule der westlichen Wissenschaften (Tungwênkuan) mit europäischen Dozenten, Bibliothek und Druckerei, auch _Peking-Universität_ genannt, die aber 1900 mit allen Bücherschätzen abbrannte. --Die _Kaiserstadt_ umschließt mit 4-6 m hohen, oben 16 m dicken und 7 km langen Mauern mit vier Toren zwei künstliche Seen, aus deren Ausschachtungen zwei Hügel, darunter der 66 m hohe, aussichtsreiche _Kohlenhügel_ (S. 287) gebildet sind. Hier die neue katholische _Kathedrale St. Sauveur_ (seit 1883), der _Peitang_ (Bétang = Nordkathedrale), Sitz des apostolischen Vikars von Peking und Nordtschili, ein Seminar, Schule, Buchdruckerei und ein Hospital der Schwestern de la Charité. Die ältern chinesischen Bauten, zum Teil 1900 zerstört, haben meist modernen Bauten, wie den Kasernen der Gardetruppen, Schulen und Regierungsgebäuden, Platz machen müssen. Die Dächer des Palastes sind gelb (die Farbe des kaiserlichen Hauses).--Die innerhalb der Kaiserstadt gelegene _Rote Verbotene_ _Stadt_, benannt nach der sie umgebenden roten Ziegelmauer, hat vier reichgeschmückte Tore, vier große Repräsentationshallen für verschiedene Staatsaktionen, Privatgemächer, Paläste der Frauen und Prinzen, Wohnungen der zahlreichen Dienerschaft (ca. 3000), Kasernen der Leibgarden, Gärten, Ställe, die Bureaus des Staatsrats und des Großsekretariats etc., eine kaiserliche Bibliothek (1900 verbrannt). --An die Tatarenstadt schließt sich südl. die _Chinesenstadt_ mit einer aus Chinesen und Mandschus gemischten Bevölkerung, wo alle Warenhäuser und Verkaufsbuden, die große Buchhändlerstraße und auch die Tempel des Himmels und des Ackerbaues liegen; der erstere gilt für den schönsten Tempel Chinas.--Die Straßen sind rechtwinklig angelegt; die schönste, jetzt modern makadamisiert, führt vom Südtor der Chinesenstadt bis zu dem der Verbotenen Stadt. Peking beginnt jetzt eine Selbstverwaltung und hat schon ein städtisches Wasserwerk; die Ordnung wird durch ein starkes Polizeikorps aufrechterhalten. Die Garnison besteht aus einem Teil der Gardedivision, deren Rest bei den Sommerpalästen liegt. Zwei Divisionen moderner Truppen stehen im Jagdpark südl. Peking und im Nordpark bei Tching-ho an der Kalganbahn. Die europäischen Gesandtschaften haben seit den Wirren 1900/01 Wachen eigner Truppen, die während der Revolution 1911/12 verstärkt wurden.--Die Industrie beschränkt sich auf Porzellan, Cloisonnée (die beste Werkstätte von Yang-Tien-Li ist in einer Nebenstraße nördl. vom Kettelerdenkmal), Edelsteinschleiferei, seit 1906 auch ein Elektrizitätswerk. Nicht unbedeutend ist der Buchhandel.

_=Rundgang.=_ Wegen der großen Entfernungen muß man auch in der Stadt Wagen oder Rikschas benutzen. Beim Besuch der Sehenswürdigkeiten hat man mit der orientalischen Aufdringlichkeit der Chinesen gegen Fremde zu rechnen, daher tut man gut, sich eines vom Gasthof empfohlenen Führers zu bedienen; kleine Trinkgelder (10 c.) öffnen alle Türen; ob eine Sehenswürdigkeit zugänglich ist oder nicht, erfährt man im Hotel.--Vom Bahnhof gelangt man durch das _Wassertor_ in das _Gesandtschaftsviertel_; geradeaus führt die Kanalstraße r. am _Deutschen Postamt_ vorbei und r. in die Gesandtschaftsstraße (an der Ecke das Grand Hôtel des Wagons-Lits), wo man r. bald die _Deutsche Gesandtschaft_ erreicht, in deren Garten ein Kreuz zum Andenken an den am 20. Juni 1900 ermordeten Freiherrn v. Ketteler steht. Gegenüber liegen die Japanische und Französische Gesandtschaft, beide mit Postämtern; weiter östl. an der Gesandtschaftsstraße die deutschen Offizierswohnhäuser; r. die deutsche _Walderseekaserne_. In der Schwarzhoffstraße (l.) das _deutsche Militärlazarett_. Am Ostende der Gesandtschaftsstraße liegt in der Hatamönnstraße das _Hôtel du Nord_ und in dessen Nähe die amerikanische Mission nebst Krankenhaus. Nun biege man l. in die Hatamönnstraße ein, die in gerader Linie nach N. durch die ganze =Mandschustadt= führt; an ihr liegt r., an der Nordostecke des Gesandtschaftsviertels, der _Östliche Triumphbogen_ (»der östliche einfache Bogen«, [Dung-dan paí-lŏū]), dann folgt 0,5 km nördl. der _Ketteler-Ehrenbogen_, 1903 vom chinesischen Reich zur Sühne erbaut an der Stelle, wo der deutsche Gesandte ermordet wurde; l. der _Palast des Prinzen Yü_, r. in einer Querstraße das _Waiwupu_ (Auswärtiges Amt). In der Hatamönnstraße, 1,5 km nördl. weiter, liegen die _vier Triumphbogen_ (»die vier östlichen Bogen« [Dung-ssĕ paí-lŏū]), in deren Nähe l. der 1902 abgebrannte Lamatempel _Lung-fu-ssĕ_ (»Tempel des unendlichen Glücks«, 1451 erbaut); hier Wochenmärkte am 9., 10., 19., 20., 29. und 30. Tage jedes chines. Monats. Am Nordende der Hatamönnstraße liegt etwas westl. der =Kungfutszetempel= (_Confucius_, chines. _Kuo-tzĕ-chien_ [Guò-dsĕ-dyién], »Akademie des Landesphilosophen«), einfach und vornehm gehalten, mit zahlreichen Votivtafeln.

Die alten Zypressen in den Höfen stammen noch aus den Zeiten der Yüan- und der Ming-Dynastie (1206- 1368, 1368-1644). Im Frühjahr und im Herbst wurden in der Haupthalle den Manen des alten Weisen und seiner Schüler von den höchsten Beamten Opfer dargebracht, und jeder Kaiser opfert einmal nach seinem Regierungsantritt persönlich und stiftet darauf eine aus vier goldenen Zeichen auf blauem Grunde bestehende Votivtafel. Seitdem Kungfutsze 1906 von der Kaiserinregentin Tzĕ-hsi Himmel und Erde gleichgestellt wurde, muß der Kaiser oder sein Vertreter jährlich einmal opfern. Die Votivtafeln der neun Herrscher der gegenwärtigen Dynastie hängen in der Haupthalle, in deren Mitte vor einem Opfertische die _Seelentafel des Kungfutsze_ (chinesisch K'ung Tzĕ [Kúng Dsĕ], d. h. der Meister K'ung) steht, mit der mandschurischen und chinesischen Inschrift: »Seelentafel des allerheiligsten Vorfahren und Lehrers Kungfutsze«. Die Seelentafeln seiner vier Hauptschüler stehen paarweise davor. _Tsêng tzĕ_ [Dsóng-dsĕ] schrieb die »Große Lehre«, das erste der vier kanonischen Bücher; _Mencius_ (Mêng-tzĕ [Móng-dsĕ]) das nach ihm benannte vierte dieser Bücher; _Tzĕ ssĕ_ [Dsĕ-ssĕ] verfaßte die »Lehre von der Goldenen Mitte«und _Yĕn Hui_ (Yen-húi) die »Gespräche des Kungfutsze«. Die Seelentafeln sechs weniger berühmter Philosophen stehen auf jeder Seite, darunter die des Chu Hsi (Dju-chi), des bekannten Denkers der Sung-Dynastie im 12. Jahrh.-- Auf jeder Seite des Vorhofes liegt eine Halle mit den Seelentafeln berühmter Philosophen der Schule des Kungfutsze. Auf der Oststeite die Tafeln von 78 tugendhaften, auf der Westseite die von 54 gelehrten Männern; 86 davon waren Schüler des Meisters.

Im _=Hofe=_ sechs viereckige rote Pavillons mit Dächern von Ziegeln im kaiserlichen Gelb und Steininschriften im Innern. Darauf berichten die großen Mandschukaiser K'ang Hsi, Yung Chêng und Ch'ien Lung ihre Eroberungen im 18. Jahrh.: 1704 K'ang Hsi: Eroberung der westlichen Mongolei; 1726: Yung Chêng: Eroberung von Kukunor; 1750 Ch'ien Lung: Eroberung des Landes der Miao in Hunan u. Kweitschou; 1760 Ch'ien Lung: Eroberung der Dsungarei; 1760 Ch'ien Lung: Eroberung von Turkestan; 1777 Ch'ien Lung: Unterwerfung der eingebornen Stämme in Szetschuan.--Im Torwege zu diesem Hofe liegen die berühmten _Steintrommeln_ (die schwarz und unscheinbar aussehenden Originale hinter einem rot angestrichenen Holzgitter auf der Nordseite des Tores); sie werden zuerst im 7. Jahrh. erwähnt, sollen 2500 Jahre alt sein und das älteste erhaltene chinesische Schriftdenkmal darstellen. Sie enthalten in altertümlicher Schrift eine poetische Darstellung der Jagdzüge des Königs Hsüan Wang. Kaiser Ch'ien Lung hat aus weißem Marmor Nachbildungen der alten Trommeln anfertigen und südl. vom Tor aufstellen lassen.

Im _=Vorhofe=_ wurden ehemals die alle drei Jahre wiederkehrenden höchsten literarischen Examen in Mattenzelten abgehalten. Zur Erinnerung an jedes Examen wurde eine Steintafel mit dem Namen der jeweilig Graduierten errichtet, die hier den Titel eines »chin-shih« (dyín-schĭ) erwarben. Die ältesten drei Tafeln stammen noch aus der Zeit der Yüan-Dynastie (1206- 1368). Es ist jedenfalls das älteste Doktorenalbum der Welt.

Westl. anschließend an den Kungfutszetempel liegt die von den Fremden so genannte =Klassikerhalle=, chines. _Pi-yung-kung_ [Bi-yung-gúng], etwa »Palast der vollendeten Harmonie«, erbaut vom Kaiser Ch'ien Lung (1736-96). Am Eingang zum innern Hof ein schöner Torbogen mit farbigen glasierten Ziegeln und Kacheln. In den offenen Hallen, die den Hof umziehen, ist der authentische Text der neun Klassiker auf weißen Marmortafeln eingegraben. In dem Pavillon inmitten des Hofes pflegte der Kaiser seine eignen Gedichte und Aufsätze den höchsten Gelehrten des Landes jährlich einmal vorzulesen. Unter seinen Nachfolgern ist das Gebäude nie mehr benutzt worden. (Trinkgeld in jeder dieser Anlagen 10 c. die Person; unverschämte Mehrforderungen sind gelassen zu ignorieren). --3 Min. östl. liegt der von den Fremden so genannte =Lamatempel=, chines. _Yung-ho-kung_ [Yùng-hōŏ-gúng], »Palast des harmonischen Friedens«, eine weitläufige, prächtige Anlage, ursprünglich das Kronprinzenpalais des spätern Kaisers Yung Chêng (1723-1736), bewohnt von etwa 400 Lamas der tibetischen Gelben Kirche, sämtlich mongolischer Abkunft (keine Chinesen!), unter der Leitung tibetischer Oberpriester. Haupt des Klosters ist ein sogen. »Lebender Buddha« (Hūo-fōŏ), d. h. die jeweilige Reinkarnation eines tibetischen Heiligen; doch residiert dieser seit Jahrzehnten in Dolonnor (acht Tagereisen von Peking) in der Mongolei und besucht nur gelegentlich im Winter die Hauptstadt. Der wirkliche Leiter des Klosters ist ein tibetischer Abt. Die Anlage enthält schöne Hallen, Pavillons mit kaiserlichen Inschriften, tibetische Gebetsmühlen, sehr schöne Altarschnitzereien und in der letzten Haupthalle ein angeblich aus einem einzigen Stück Sandelholz gefertigtes, 14 m hohes Monumentalbild des aufrechtstehenden »Bodhisattva Maitrêya«, des buddhistischen Messias, der als fünfter und vollendeter Buddha unsrer Kalpa, des gegenwärtigen Weltzeitalters, erscheinen wird, um unsre Welt zu erlösen. Da die Größe der menschlichen Natur mit wachsender Sittenreinheit zunimmt, wird der Bodhisattva erst zum Buddha werden, wenn unsre Nachkommen so groß sind wie sein Bild! Sehenswert sind die dreimal täglich stattfindenden Gebetsübungen der Mönche (Messelesen in tibetischer Sprache. Wunderbare tiefe Stimmen, tiefes d!). Nicht hineingehen und nicht stören! Bei jeder Halle die Person höchstens 10