Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis
Part 19
Die Verzweiflung führt dann zunächst zu der ~Lebensweisheit der Unbekümmertheit und des Genießens~. Im „Prediger“ wird sie fortwährend empfohlen: „Siehe, was ich gesehen habe, das ist gut, daß es schön ist, zu essen und zu trinken und Gutes zu sehen für alle seine Mühe, die er sich müht unter der Sonne die Zahl seiner Lebenstage, die Gott ihm gegeben, denn das ist sein Teil.“ „Am Tage des Glückes fühle dich glücklich, und am Tage des Unglückes sieh’s an.“ „So preise ich die Freude, daß nichts gut ist für den Menschen unter der Sonne als zu essen und zu trinken und sich zu freun.“ „Denn so viele Jahre der Mensch lebt, ihrer aller freue er sich und gedenke der Tage der Dunkelheit, daß ihrer viele sein werden; alles was kommt ist nichtig.“ Gemildert werden diese Lehren durch die ethische Auffassung, daß die Freude ein Entgelt für die Mühsal ist, die der Mensch tragen muß, und daß bei allem der Mensch doch nichts Böses tun darf, sondern Gutes wirken muß. Eine Tradition schrieb den „Prediger“, selbstverständlich mit Unrecht, König Salomo zu. Die Azteken hatten im König Netzahualcoyotl (1470) einen ähnlichen Salomo: „Allen irdischen Dingen ist ihr Ende bereitet. Inmitten der fröhlichen Laufbahn ihres Glanzes und ihrer Eitelkeit geht ihnen die Kraft aus und sie werden zu Staube. Das ganze Erdenrund ist nichts als ein Grab, und alles, was darauf lebt, wird einst darunter begraben werden. Die Dinge von gestern sind heute nicht mehr und die Dinge von heute werden vielleicht schon morgen nicht mehr sein. Die einst auf Thronen gesessen, Versammlungen gelenkt, Heere befehligt, Länder erobert, göttliche Verehrung gefordert, der Macht der Herrschaft, dem Ruhm nachgejagt haben, wo sind sie jetzt? Verschwunden mit all ihrer Herrlichkeit, gleich dem Rauche, der aus dem Krater des Popokatepetl aufsteigt und spurlos verschwindet.“ So lautet die triste Weisheit des aztekischen Königs nach Ixtlilxochitl, als wenn er das entsetzliche Schicksal seines Volkes und seiner Nachkommen geahnt hätte. Und daran schließt er, wie der „Prediger“, die Mahnung: „Aber du, mein Freund, so freue dich der Anmut dieser Blumen, freue dich mit mir. Wirf nun Furcht und Sorge von dir, die uns den Genuß verderben bis ans Ende des Lebens. Sammle ja alle zusammen, welche Liebe dir verbindet, welche teuer dir in Freundschaft. Denn auf Erden ist nichts sicher als des Todes herbe Schneide. Auch im Wechsel ist die Zukunft.“ Phantasiebegabte Ethnologen haben bereits behauptet, die Azteken und Mayas wären die verlorenen zehn Stämme Israel. Also Tradition! Gleiche Anschauungen sollen sich im alten peruanischen Drama „Ollanta“ finden. Sicher haben die Literaturen der meisten Völker solche und ähnliche Ausbrüche von Menschenverzweiflung über das Leben. Wie die Indier darüber dachten, haben wir an anderer Stelle zu erörtern. Von den griechischen und römischen Lehren genügt es, zwei Äußerungen hervorzuheben. Herakles sagt in der Alkestis zu dem um seine Herrin trauernden Diener:
Den Menschen allen ist verhängt des Todes Los Und ihrer keinem noch wurde geoffenbart, Ob nur der Tage nächster sie am Leben trifft. Denn dunkel ist, wohin des Schicksals Wege gehn, Und nicht erlernbar, und die Kunst enthüllt es nicht ... Erheitre dich und trinke, rechne diesen Tag Für dein, das andre für des Schicksals Eigentum.
Und als Hauptspruch den schon benutzten (ähnlich auch von Epicharmos):
Sterblichen geziemt es, sterblich auch gesinnt zu sein.
Und sicher fällt meinem Leser noch Horatius’ Ermahnung ein: „Quid sit futurum cras fuge quaerere, quam fors dierum cunque dabit, lucro appone.“ In einer Rezension des Gilgames-Epos der Babylonier (vielleicht aus mehr als 2000 v. Chr.) sagt Sabitu (eine Göttin, die am Rande der Welt wohnt) zum Helden:
Als die Götter die Menschen schufen, Setzten sie den Tod für die Menschen ein, Das Leben aber nahmen sie in ihre Hand. Du, Gilgames, dein Leib sei gefüllt, Tag und Nacht vergnüge dich! Täglich mache ein Freudenfest! Tag und Nacht tanz und juble usf.
Ähnliche Lehren finden wir in dem ägyptischen sogenannten Harfnerliede, dessen Inhalt aus etwa 1700 v. Chr. stammt. Es wird geschildert wie Menschen, Städte und Länder vergehen, und dann rät der Dichter:
Folge deinem Herzen, solange du lebst, Leg Myrrhen auf dein Haupt und kleide dich in feines Linnen, Gesalbt mit den ächten Wundern der Gottesdinge. Sei noch fröhlicher, laß dein Herz nicht ermatten, Folge deinem Herzen und deinem Vergnügen, Verrichte deine Sachen auf Erden und quäle dein Herz nicht, Bis jener Tag des Wehgeschrei’s zu dir kommt kommt -- Denn Osiris hört ihr Schreien nicht -- Und die Klage errettet niemanden aus dem Grabe.
Alles dieses klingt so allgemein menschlich aus urältester Zeit, und klingt noch heute.
Es ist nur ganz natürlich, daß der Mensch gerne sein Schicksal erkennen möchte. Die Chaldäer vornehmlich haben dazu die ~Astrologie~ geschaffen, die sich aber fast überall auf der Erde vorfindet, sei es daß die Gestirne, als Gottheiten, in ihrer Stellung bei der Geburt und später, ihren Willen kundtun, sei es daß höhere Mächte das Geschick wie Schrift am Himmel ordnen (S. 179). Es wird jedem Stern an sich eine Bedeutung für das menschliche Wesen und für die Welt beigemessen -- wer denkt nicht an den Stern bei Christi Geburt! -- und auch in Verbindung mit den anderen Sternen. Und es gilt, aus der Kombination der Sterne das Wahre zu erraten, oder am Himmel wie in einem Buche zu lesen. Das verstehen nicht alle, sondern nur gewisse Leute. Sonst hat die Menschheit noch die ~Orakel~ der Gottheiten ausgebildet, wofür die Griechen wohl die merkwürdigsten Beispiele besitzen. Oder ~Wahrsagungen~ durch Geister Verstorbener, oder von weisen Männern und Frauen, -- die Beschwörung der Hexe von Endor, zu der der gewaltige und unglückliche Saul wandert, gehört hierher. -- Auch Zeichen an Tieren, namentlich bei den in dieser Hinsicht recht törichten Römern, die sich von ihren eigenen Deutern verspotten lassen mußten, oder solche an Gewitter, Wind und allen möglichen Begegnissen spielen eine große Rolle. Von diesem allen zu sprechen ist nicht meine Aufgabe. Die „Geheimlehre“ ist eine sehr ausgebreitete Wissenschaft mit Horoskop, Beschwörung, Hölzchenwerfen, Kartenlegen und allem so sonderbaren Unfug, Zauber und Spuk. Sie hat noch jetzt, wie die vielen Prozesse zeigen, die dabei doch immer nur flagrante Fälle treffen, eine außerordentliche Bedeutung in vielen, nicht selten geistig sehr wenig gebildeten oder von Aberglauben durchsetzten Kreisen. Ich wüßte aus meinen Kreisen die unglaublichsten Dinge zu erzählen, wie ein, an sich ganz verständliches Drängen des Menschen, seine Zukunft und die Folgen seines Tuns und Lassens zu erkennen, zu größten Albernheiten ausartet. Wieviel Unheil die griechischen Orakel angerichtet haben, meist durch Zweideutigkeit, oft auch durch Dienstfertigkeit gegen eine Person oder einen Stamm, wie des delphischen Orakels gegen die Spartaner, ist bekannt. Aber die erleuchtetsten Geister der Griechen haben doch an sie geglaubt. Da ist es nicht zu verwundern, wenn Ägypter, Chinesen, Amerikaner, Indier usf. gleichfalls an solche Dinge glaubten, und daß Weissagungen zu Staatseinrichtungen wurden. Der delphische Gott hat fast die ganze alte Kulturwelt, bis tief nach Asien hinein und bis zu den Säulen des Herakles durch seine Aussprüche beherrscht. Wir kennen deren eine große Zahl. Und wie gerne denkt man an die Prophezeiungen der gewaltigen Propheten mit ihrer so immensen ethischen und religiösen Bedeutung! Und, in weitem Abstande freilich, doch zum Teil von poetischem Geist getragen, stehen die sibyllinischen Weissagungen, aus so viel späterer Zeit. Auch in den babylonischen, ägyptischen und anderen Texten haben wir Prophezeiungen, namentlich aber viele Beschwörungen von Göttern und Dämonen. So sehr bildeten diese einen Bestandteil des Lebens, daß sie sich zu Formeln verdichteten, in die, ähnlich wie bei den Bittliedern (S. 184), nur der jedesmalige Name des Gottes oder Dämons des ~Beschwörenden~, oder desjenigen für den etwas beschwört werden sollte, und die Bitte (z. B. um Heilung von der und der Krankheit) einzutragen war. So beginnt ein babylonischer Text:
Ich rufe euch an, ihr großen Götter, ... Gott und Göttin, Herrn der Erlösung, Wegen NN, Sohnes des NN, dessen Gott NN, dessen Göttin NN ist, Der krank und zerschlagen, voll Trauer und Kummer ist.
Und bei solcher Beschwörung wurden, harmlos genug, Blüten, Früchte, Wolle usf. verbrannt. Eine der großen babylonischen Beschwörungen unter dem Namen Ea und Atrahasis (S. 161), betrifft Unheil und Sünde, die das ganze Land ergriffen haben, und Plagen, die Ellil gesandt hat, richtet sich aber wesentlich auf Hilfe für schwangere Frauen. Ea und Atrahasis scheinen die Helfenden zu sein. Selbst die Gottheiten benutzen bei ihrem Tun Beschwörungsformeln; in demselben Text bilden (symbolisch?) Ea und die Göttermutter Mami oder Aruru Wesen aus Lehm, dabei spricht Mami eine Beschwörung und speit auf den Lehm. Bei dieser Beschwörung spielen sieben „Mütter“ (man denkt unwillkürlich an die Mütter im „Faust“) eine Rolle. Selbst Ormuzd bedient sich einer Beschwörungsformel, des Honover, gegen Ahriman und stürzt ihn dadurch zu Grunde. Die ungeheure Bedeutung des Spruches bei den Indiern habe ich mehrmals hervorgehoben. Und der Römer konnte ohne ~Abwehrformeln~ überhaupt nicht leben; wie auch gegenwärtig der Bauer, und nicht bloß dieser, gegen Beschreien, bösen Blick, Katzen, die ihm über den Weg laufen u. a. Abwehrformeln murmelt oder sich bekreuzigt.
Mit derartigen Anschauungen hängen dann die der ~Dies nefasti~ zusammen, der Tage, die an sich voll Unheil sind, und an denen nichts unternommen werden darf, sowie ihrer Gegensätze, der ~Dies fasti~, der guten Tage. Die Kalender in allen Teilen der Erde hatten die Aufgabe, diese Tage anzumerken. Und Priester und Wahrsager wurden bei großen und kleinen Unternehmungen benutzt, durch Vogelschau, Opfer und sonstige Anzeichen festzustellen, ob der betreffende Tag dazu auch geeignet sei. Die Geschichte der Völker ist voll von Beispielen dafür. Auch die Sabbatvorschriften, für die die Bibel einen so menschenfreundlichen und edlen Zweck angibt, die Ruhe von Mühe und Arbeit für sich und alle anderen, selbst für das arbeitende Vieh, beziehen sich anderweitig vielfach auf schlimme Tage. Ein babylonischer Text, den man als Sabbatvorschrift bezeichnet und der in der Tat für den 7., 14., 19., 21. und 28. des Schalt-Ellul das Kochen von Fleisch, das Anziehen eines Hemdes, das Opfern, das Fahren, das Wahrsagen, das Behandeln von Kranken, jede Unternehmung verbietet, wie etwa am Sabbat der Hebräer, beginnt aber mit der Überschrift: „Ein böser Tag“. Es ist also kein Sabbat, kein Sonntag, der ja ein feierlicher und glücklicher Tag sein sollte und war und ist. Auch die Folge im Monat zeigt dieses; zwischen dem 14. und 19. sind nur fünf, zwischen dem 19. und 21. gar nur zwei Tage. Und unsere „Freitage“ und „Dreizehnten“! Selbst die gleichfalls auf der ganzen Erde verbreiteten ~Speiseverbote~ gehören bis zu einem gewissen Grade hierher, soweit sie nicht einheimischen Anschauungen ihre Entstehung verdanken. Doch kann ich darauf nicht eingehen.
Im ganzen nimmt die Freiheit des Menschen zu, wie die Zahl der Gottheiten abnimmt und der monotheistische „Knecht Gottes“ ist sicher freier als der polytheistische „Bildner“ seiner Gottheiten. Das liegt auch daran, daß nicht, wie unter Menschen, mit der Macht des Einzelnen die Unterdrückung und so oft auch die Ausnutzung wächst, sondern daß der Glaube an die Fürsorge aus dem donnernden und gefürchteten Gott einen, wenn auch strafenden, doch gütigen Vater im Himmel macht, trotz der vielen Erfahrungen, die hier so bewegend widersprechen.
22. ~Nachleben und Jenseits (Eschatologie) der Kulturvölker.~
Wir kommen zu einer recht schwierigen und umfangreichen Untersuchung, aber einer von der höchsten Bedeutung. Wie die Naturvölker über ~Nachleben~ und ~Jenseits~ denken, habe ich oft und eingehend auseinandergesetzt (auch Abschnitt 14). Wir haben es jetzt mit den Kulturvölkern zu tun. Daß auch bei ihnen Reste naturmenschlicher Anschauungen auf diesem Gebiete in reichlicher Zahl sich finden, habe ich gleichfalls schon dargelegt und mitgeteilt. In der Tat ist im Grunde jedes Nachleben mit irdischem Fühlen, Denken und Bedürfen an sich naturmenschlich, und nur die hinzukommenden ethischen Motive und ethischen Veranstaltungen können Kulturelles begründen. So sehen wir denn auch im allgemeinen rein Naturmenschliches mit Kulturellem gepaart und gemischt. Drei Hauptanschauungen müssen wir vor allem unterscheiden. In der einen Anschauung ist der Gestorbene für immer tot, höchstens, daß er am Ende der Zeit auferweckt wird. Nach der zweiten kann er als Dämon, Gespenst, Geist usf. aus gewissen Gründen die Erde noch besuchen. Es handelt sich dann nur um Naturmenschliches, das wir schon kennen. In der dritten Anschauung stirbt der Mensch nur, um in anderer Gestalt wieder zu kommen. Das allgemeine Leben ist kein einmaliges, sondern ein von Ewigkeit her bestehendes Kommen und Scheiden der Seele, bis zum Eingehen in die letzte Ruhe (Seelenwanderung, Metempsychose). Das ist dem nächsten Abschnitt vorbehalten.
Wir betrachten die erste Anschauung und müssen dabei sogleich ein Volk gesondert behandeln, weil bei ihm die größten Zweifel noch ungelöst vorhanden sind: die alten ~Hebräer~. Der bekannte Pentateuchausdruck für das Sterben ist: „Sich zu den Vätern versammeln“. Wie das animistisch gedeutet werden kann, ist bereits ausgeführt (S. 106). Sonst finden wir die Angabe, die Seele oder der Geist, Nephesch oder Ruach, als das von Gott dem Staubgebildeten Eingehauchte, verlasse den Menschen im Sterben; der Leib werde zur Erde. Der „Prediger“ in seinem Pessimismus sagt: „Allen Lebenden ist Hoffnung, denn es ist besser um einen lebenden Hund als um einen toten Löwen“. Und er spricht den Toten jeden Anteil ab „an allem, was unter der Sonne geschieht“. Selbst den Lohn empfangen sie nicht, „sie wissen nicht das geringste“. Das wäre also absoluter Tod. Aber wie unsicher sich der „Prediger“ fühlt, zeigt die Äußerung: „Alles geht an einen Ort, alles ward aus dem Staube und alles kehrt zurück zum Staube. Wer kennt den Geist (Ruach) der Menschensöhne, ob er in die Höhe (Maala) steigt, und den Geist des Viehs, ob er hinuntersinkt zur Erde (Arez)“. Und diese Unsicherheit finden wir fast überall bei den alten Hebräern. Der Aufenthaltsort des Toten ist der Scheol, Tachat; aber es ist schon nicht gewiß, ob wir darin einen Hades, Orcus zu sehen haben oder nur das Grab des Betreffenden. Das erstere scheint das allgemeinere, doch sind die Epitheta auf Grab wie auf Totenreich anwendbar: die „Öde“, die „Verborgenheit“, „einsame Gruft“ usf. Im Hiob, Kap. 10, wird vom „Land der Finsternis und Todesschatten“ gesprochen, auch vom „Land des Grauens, ein Dämmerungsdunkel, wo es graut wie Dämmerungsdunkel“. Im Jesaias werden die „Pforten der Unterwelt“ (Schaare Scheol) genannt. Und die Toten heißen „Bewohner der Nichtigkeit“. Solche und ähnliche Angaben deuten wieder mehr auf eine besondere Unterwelt. Die Geschiedenen werden meist als Rephaim, die Kraftlosen, Matten bezeichnet oder als Zalmaweth, Schatten, Bilder; letzteres fast genau den griechischen εἴδωλα entsprechend. Und überhaupt gleichen diese Anschauungen in merkwürdiger Weise den griechisch-römischen, ohne die späteren Ausschmückungen. Von Lohn oder Strafe sind in den alten Schriften keine rechten Spuren zu finden. Bei bewußt- und empfindungslosen Seelen würden sie auch keine Bedeutung haben. Um so höher muß man eigentlich Anschauungen einschätzen, wenn sie die Menschheit Recht, Sitte und Liebe lehren wollen, ohne Drohen mit ewigen Strafen und ohne Verheißung ewigen Lohnes. Auf Auferstehung der Toten deuten Aussprüche wie Jesaias 26, 19: „So mögen aufleben deine Toten, meine Leichen wieder erstehen: Erwachet und jubelt, Bewohner des Staubes! Denn Tau auf Pflanzen ist dein Tau, aber die Erde wirft Schatten nieder“. Erst nach der Rückkehr vom Exil scheinen sich die Ideen von Hölle und Paradies zu bestimmten Anschauungen ausgebildet zu haben. Schon solche Stellen wie Psalm 17, 15: „Ich aber werde schauen in Gerechtigkeit dein Antlitz, der Wonne Fülle haben, wenn ich erwacht, an deinem Bilde“. Psalm 16, 10, 11: „Denn nicht überläßt du meine Seele (Naphschi) der Gruft (Scheol), lässest nicht deine Frommen schauen die Grube (Tachat). Den Pfad des Lebens wirst du mir kundtun; Fülle der Freuden ist vor deinem Antlitz, Wonne in deiner Rechten immerdar“. Psalm 26, 9: „Raff meine Seele nicht mit Sündern hin, mit Blutmenschen nicht mein Leben“ u. ä. deuten darauf hin. Man weiß nur von wenigen Psalmen, wann sie gedichtet sind; manche meinen übertrieben, alle seien erst nach dem Exil entstanden. Genauere Angaben finden sich in den Apokryphen und den Pseudepigraphen. In dem zweiten Makkabäerbuch (wohl kurz vor Christi Geburt geschrieben, vielleicht schon um 100 vor Chr.) handelt Kap. 7 von dem Martyrium der sieben Brüder, die die katholische Kirche unter ihre Heiligen aufgenommen hat (die Reliquien werden im Kölner Dom gezeigt), und dabei von Auferstehung und Leben im Himmel. Im Kap. 12 wird erzählt, wie Juda’s Leute bei den bei Adullam gefallenen Juden „unter dem Hemde Zaubermittel von den Götzen aus Jamnia gefunden hätten“. Um das zu sühnen, sammelte Juda Geld und sandte es als Opfer nach Jerusalem, „indem er auf die Auferstehung Bedacht nahm. Denn hätte er nicht erwartet, daß die in der Schlacht Gefallenen auferstehen würden, so wäre es Torheit gewesen, für Tote zu beten. Sodann zog er in Betracht, daß dem in Frömmigkeit Entschlafenen der herrlichste Gnadenlohn aufbehalten sei“. Zwischen 150 vor Chr. und 40 nach Chr. soll das „Buch der Weisheit Salomonis“ verfaßt sein. Darin heißt es von den Gottlosen: „Und nicht erkannten sie Gottes Geheimnisse, Noch hofften sie einen Lohn des heiligen Wandels, Und wollten nichts wissen von einem Ehrenpreis für makellose Seelen. Denn Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit geschaffen. Und ihn zum Bilde seines eigenen Wesens gemacht. Durch den Neid des Teufels aber kam der Tod in die Welt. Es erfahren ihn aber die, welche jenem angehören, der Gerechten Seelen aber sind in Gottes Hand, und keine Qual kann sie berühren. Nach dem Wahne der Unverständigen scheinen sie tot zu sein“. Nun kommt etwas, das wie Glaube an Fegefeuer klingt: „Denn wenn sie auch nach der Anschauung der Menschen gestraft werden, ist doch ihre Hoffnung ganz von der Unsterblichkeit erfüllt. Und nachdem sie eine kurze Qual überstanden haben, werden sie große Wohltaten erfahren, denn Gott hat sie nur geprüft und hat sie seiner würdig befunden“. Das wird noch weiter ausgeführt, und wie sie zuletzt auch die Heiden richten und über die Völker herrschen. Es heißt dann: „Die Gottlosen aber werden ihren Gesinnungen gemäß Strafe erleiden.“ Hier, und noch an anderen Stellen, haben wir also Unsterblichkeit, Auferstehung, Belohnung nach dem Tode, Läuterung, Strafe der Sünder. Alle Elemente, aus denen später das Christentum die gewaltigen Dichtungen von Paradies, Hölle, Fegefeuer, Auferstehung und Jüngstem Gericht geschaffen hat. Die Unsterblichkeit ist jedoch noch an die Erfüllung von Gottes Geboten geknüpft. Und schon im Daniel (vor 100 vor Chr.) heißt es in Kap. 12: „Und viele, so unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen, etliche zum ewigen Leben, etliche zu ewiger Schmach und Schande. Die Lehrer aber werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die so viele Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne, immer und ewiglich“. Bald ist auch die Hölle als Gehinom bekannt und das jüngste Gericht und ebenso die Totenbrücke (S. 192). Der Talmud namentlich bildete die Lehren weiter aus. Interessant dafür ist eine Legende. Ein römischer Kaiser fragte den berühmten Jehuda Hanassi, wie das wäre; der Körper könne doch ohne Seele nichts, und die Seele sei doch an sich ohne Leidenschaft; wer büße denn für Missetat. Da antwortete der Talmudist mit einer Erzählung: Ein König hatte einen Garten mit herrlichen Früchten und ließ ihn, um ganz sicher zu sein, von einem Blinden und einem Lahmen bewachen. Aber der Lahme stieg auf des Blinden Schultern, und indem er dessen Schritte lenkte, kamen sie an die Früchte und stahlen sie. Wer war schuld? Der Blinde, der die Früchte nicht sehen oder der Lahme, der nicht zu ihnen gelangen konnte? Der König erkannte die List und bestrafte beide. „Ganz so wird es auch Gott beim Jüngsten Gericht machen. Er wird die Seele wieder in den Körper versetzen, damit sie gemeinsam der Strafe teilhaftig werden für die Untaten, die sie eben gemeinsam verübt haben.“ Daß die Bibel Menschen kennt, die weggenommen werden, wissen wir von Henoch und Elias. Ich habe von dem vielen nur weniges anführen können. Was steht nicht alles in dem wunderlichen und zum Teil so schönen Buche Henoch (167-64 vor Chr.), an das die Apokalypse so sehr erinnert! Und wie vieles in den älteren Büchern noch bis auf Jesaias! Und sicher sind die späteren Ideen vom Leben nach dem Tode nicht ohne Anhalt an Lehren der Bibel oder von Werken, die uns verloren gegangen sind, entstanden, wenn man bedenkt, wie außerordentlich abweisend die Juden gegen jedes Fremde, namentlich Heidnische, stets gewesen sind, trotz aller äußerlichen Drangsale. Die Ideen des ~Christentums~ vom Leben nach dem Tode brauche ich nicht auseinanderzusetzen; wir kennen sie alle, haben sie in der gewaltigen „Göttlichen Komödie“ und in unzähligen malerischen Darstellungen.
Ea-bani, Gilgames’ Freund, träumt einen schweren Traum; ein Dämon führt ihn in die „Behausung der Finsternis, die Wohnung Irkallas (des Totengottes)“
Nach der Behausung, die man betritt ohne wiederum hinauszugehen, Nach dem Wege, dessen Bahn sich nicht zurückwendet, Nach der Wohnung, dessen Bewohner das Licht entbehren, Wo Erde ihre Nahrung, Lehm ihre Speise; Bekleidet sind sie wie Vögel mit Flügelkleide Und das Licht schauen sie nicht, in Finsternis wohnen sie.