Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis
Part 18
Darf man in der zoroastrischen uns überlieferten Literatur alte Tradition sehen, so hatte die Mythe der ~Eranier~ bereits eine ziemlich richtige Ansicht von der Erde und dem Weltall. Im Minokherd heißt es: „Himmel und Erde und Wasser und alles andere unter dem Himmel ist so geformt worden wie das Ei der Vögel, der Himmel ist über der Erde und unter der Erde einem Ei ähnlich durch das Händewerk des Schöpfers Ahura Mazda geformt, die Erde innerhalb des Himmels wie das Gelbe im Ei.“ Also das Weltall ist kugelförmig. Noch bedeutungsvoller ist eine Stelle im älteren Bundehesh. Dort wird im einunddreißigsten Kapitel von Himmel, Erde und den Gestirnen unmittelbar als stützenlos gesprochen. Der Himmel ist „ohne Säulen“, die Erde „hat keine Träger“, die Gestirne „schweben im Luftraum“. Weiter wird im Bundehesh erzählt, die Erde enthalte sieben Quartiere, Keschvaras, eines in der Mitte, sechs um dieses herum. Das nachfolgende, aus Windschmanns „Zoroastrische Studien“ entnommene Bild (jedoch mit Vertauschung zweier Quartiere) gibt die Lage der Quartiere gegeneinander und ihre Namen an. Nun wird im sechsten Kapitel, das den Lauf der Sonne in Tag und Jahr behandelt, mitgeteilt (ich habe die Ordnung beibehalten): „Wenn die Sonne aufgeht, erleuchtet sie das Keschvar Çavahi, Fradatatfsn und Vidadatfsn und die Hälfte Qaniras. Wenn sie an jener Seite der Finsternis untergeht, erleuchtet sie das Keschvar Arezahi, Vourubaresti und Vourazaresti und die Hälfte von Qaniras. Wenn hier Tag, so ist dort Nacht.“ Man sieht an der Abbildung, daß eine solche Beleuchtung nicht möglich ist, wenn die Erde nicht Zylinderförmig oder kugelförmig ist; das letztere würde mit der Angabe im Minokherd stimmen. Noch wird von der Erde folgendes erzählt. Es sind auf ihr mehrere wichtige heilige mythische Berge. Der Berg Harburc ist um die Erde und an den Himmel befestigt, er reicht sogar über die Region der Gestirne hinaus, bis zu den „anfangslosen Lichtern“. An ihm gehen Sterne, Sonne und Mond auf und unter. Das letztere ist schwer zu verstehen, zumal es im fünften Kapitel heißt: „Der Berg Taera ist in der Mitte der Welt, die Sonne umkreist ihn wie das Wasser rings um die Welt... Der Taera Harburc ist jener, an welchem ich Sonne, Mond und Sterne von zurück wieder kreisen lasse... Am Harburc geht jeden Morgen die Sonne auf und am Abend unter, der Mond, die Fixsterne und die Planeten haben ihr Band und ihr Gehen an ihm.“ Hiernach wäre zu schließen, daß der Harburc ein die Erde etwa in Richtung des Äquators umkreisendes Gebirge ist. Er könnte aber auch die Erde so umlaufen wie die Stützsäulen der griechischen Mythe. Für letzteres spricht, daß das dem Okeanos vergleichbare Meer Frhankart oder Voroukasha am Fuße des Harburc läuft und die Erde, anscheinend im Süden, zu einem Drittel umgibt. Zwei Flüsse gehen vom Nordpunkt (?) des Harburc aus, einer nach Osten, der Arg, der andere, Vas, nach Westen; beide münden im Meer Frhankart oder Voroukasha. So wird der Wasserring um die Erde (die bewohnte?) vervollständigt. Von Bedeutung ist auch der Strom, den die Wunderquelle Ardviçura Anahita (Anahita ist auch Göttin des Planeten Venus) aussendet. Letztere kommt vom Himmel auf einen aus Rubin bestehenden Berg herab, der bald Hugar Bulvend, bald Hukairya, oder Haraiti, oder Hara Berezaiti genannt wird. Auf diesem Berg befindet sich der Paradiesbaum und das Paradies, das Mithra (früher Yima) bewohnte, und von ihm führt der Weg über die Brücke Cinvat in den Himmel. Die Ardviçura strömt durch goldene Kanäle zur Erde in das Weltmeer und unter die Erde, und bildet so das belebende und reinigende Naß. Der Himmel ist aus Edelstein geformt, die Gestirne sind unter ihm, „zwischen Himmel und Erde“, angebracht. Die Sonne heißt auch „Rosselenker“, Aurvat-açpa. Tierkreis und viele Sterne sind mit Namen bekannt. Im übrigen besteht die Welt aus dem Lichtreich, der „bekörperten“ eigentlichen Welt, und dem Finsternisreich unter dieser. Diese selbst ist also in der Mitte, im Vai.
Von den ~Indiern~ weiß ich nichts erheblicheres zu sagen; sie dichten eine Menge übereinander angeordnete Oberwelten, fast für jeden Gott eine, oder für jede Gestirnklasse eine, außerdem solche für Büßer, Fromme, Wahrheit usf. Unter dem Himmel kommt die Luftwelt, Dunstwelt. Diese Oberwelten insgesamt werden im Norden (?) von Elefanten getragen. Letztere stehen auf der Erde, die ihrerseits auf Elefanten ruht. Die Stütze dieser Tiere ist die Weltschildkröte, und diese wieder lagert auf der gewaltigen Weltschlange, die das ganze Universum umspannt und im unteren Teile im ungeheuren Meere ruht. Zwischen Erde und Schildkröte sind die Welten der Verfluchten, untereinander angeordnet. Das vorstehende Bild gibt die ganze Phantastik mit dem goldenen Berg Meru als Oberwelten. Wer von der Unentwirrbarkeit indischer Kosmogonie und Kosmographie einen Begriff haben will, lese den zweiten Abschnitt im Werk Adolf Bastians: „Der Buddhismus in seiner Psychologie.“ Es ist kaum möglich zu erkennen, was wirklich gedacht wurde. Die Indier haben eine schöne Mathematik und Astronomie besessen. Wie sie aber mythisch den Lauf der Gestirne erklärten, habe ich nicht erkunden können. Wunderlich ist (S. 212), daß die Götter vom Monde speisen, daher seine Abnahme, die in Zunahme durch einwandernde Seelen übergeht.
Wir wollen nur noch die Vorstellungen der Hebräer, Babylonier und Ägypter betrachten. In der ~Bibel~ wird von der Welt oft gesprochen, meist in der Weise wie sie durch die Schöpfungsgeschichte gegeben ist. Die Erde aus dem unteren Wasser hervorragend, darüber der Luftraum und der Himmel; an dem Himmel die Gestirne, über dem Himmel die oberen Wasser. Letzteres entspricht der babylonischen Vorstellung, worauf man viel Wert gelegt hat, aber auch Vorstellungen, die wir in Ozeanien (S. 17) und wohl auch in Ägypten (S. 181) finden, und sie liegen ja nahe. Die Erde ist fest. Im 104. kosmographischen Psalm heißt es: „Er hat die Erde auf ihre Vesten gegründet, sie wanket nicht in Ewigkeit.“ Und im Hiob, Kap. 38, spricht der Ewige: „Worauf doch wurden ihre (der Erde) Gründe eingesenkt, oder wer legte ihren Eckstein?“ Aber gerade in diesem Buche, Kap. 26, haben wir eine merkwürdige Angabe Hiobs, daß die Erde frei schwebe: „Den Norden spannte er über Leeres, hängte die Erde über das Nichts.“ Dort wird auch von Säulen des Himmels gesprochen, ob bildlich oder materiell, ist, wie in poetischen Werken so oft, schwer zu entscheiden. Doch steht der Himmel auch auf dem Saume des Weltozeans. Von den Wassern sagt der 104. Psalm: „Du hattest die Flut wie Gewand darüber (über die Erde) gedeckt, auf Bergen standen Gewässer. Vor deinem Dräuen flohen sie, vor deines Donners Stimme enteilten sie. Stürmten Berge hinan, Täler hinab, zum Raum, den du für sie gegründet; du setztest Grenzen, sie überschreiten sie nicht, nicht kehren sie wieder, die Erde zu bedecken.“ Die oberen Wasser „bilden das Obergemach“ im Himmel. Auch eine Unterwelt, Tachat, Scheol, ist vorhanden, nach Hiob, Kap. 26, unter den Wassern: „Die Schatten (Rephaim) entstehen (oder erbeben) unter den Wassern und deren Bewohnern. Nackt ist die Unterwelt vor ihm und keine Decke hat der Abgrund.“ Ebenso nach Kap. 38, Vers 16, 17: „Kamst du bis zu des Meeres Quellen, durchwandeltest den Abgrund der Flut? Sind dir enthüllt des Todes Pforten, die Pforten des Todesschattens siehst du?“ Die Gestirne kehren unter der Erde nach Osten zurück. Im Prediger (Kap. 1, Vers 5) wird von der Sonne gesagt: „Und aufgeht die Sonne und untergeht die Sonne, und zu ihrer Stätte keuchend, geht sie daselbst auf“. „Keuchend“ (wörtlich), weil sie in die Höhe steigen muß.
Die ~babylonische~ Mythe weiß im Grunde auch nicht mehr von der Welt. Ihr allgemeines Weltbild ist, wie schon erwähnt, das der Bibel; es mag auch älter sein. Jeremias bringt in seinem Buche „Das Alte Testament im Lichte des alten Orients“ eine „babylonische Weltkarte“, die ich wiederhole. Er sagt: „Jedenfalls stellen die sieben Dreiecke die sieben entsprechenden Teile des den Himmelsdamm und die Erde umströmenden Meeres dar, und sie hängen mit den sieben Kreisen (s. unten) des Supuk (Supuk samê ist der Tierkreis) zusammen, der in den Himmelsozean taucht. Vielleicht sind auch die sieben Meere in Betracht zu ziehen, die in der indischen Kosmologie hervortreten, und die sieben Inseln im Meere bei Henoch, Kap. 77“, wir können hinzufügen: die sieben Keschvars der Eranier. Vom gleichen Autor entnehme ich noch die folgenden Angaben: Das All ist ein doppeltes sich entsprechendes. Das himmlische All hat die drei Teile: Himmelsozean, Tierkreis (himmlische Erde), Nordhimmel. Das irdische All die: Ozean (in der Erde und um die Erde), Erde, Lufthimmel (wo Meteore erscheinen und die Geister schweben). Die Wandelsterne, innerhalb des Tierkreises sich bewegend (an Zahl sieben mit Sonne und Mond), sind die Dolmetscher des göttlichen Willens. „Der Fixsternhimmel verhält sich dazu wie ein an den Rand des Offenbarungsbuches geschriebener Kommentar.“ Die Sterne heißen denn auch Sitir samê, „Schrift des Himmels“. Aus solchen und ähnlichen Anschauungen ist die berühmte chaldäische Astrologie hervorgegangen, mit allen ihren wissenschaftlichen Leistungen und, bis in unsere Zeit nachklingenden, Torheiten. Nach den sieben Planeten wird der Tierkreis als aus sieben konzentrisch übereinander gestellten Ringen bestehend (die sieben Kreise, von denen oben die Rede war) angesehen, „wie eine kreisförmige Treppe, ein riesiger Stufenturm“ (indisch?). „Die siebente Stufe führt in den obersten Himmel, den Himmel des Gottes Anu.“ Letzterer Himmel wird auch als der Fixsternhimmel betrachtet und als erster Himmel gezählt. Dieser Stufenhimmel ist in den Stufentempeln Babyloniens mit allen oder einigen Stufen nachgeahmt. Unter den sieben Stufen sind drei hervorgehoben, die von Sin (Mondgott), Samas (Sonnengott), Istar (Venusgöttin); diese bedeuten die Regenten des Tierkreises. Auf Siegelzylindern finden wir häufig Samas zwischen zwei Bergspitzen als „Himmelstor“ hervortretend. Aber weder von diesem Tor noch von dem Weltberg und dem „Länderberg“ habe ich mir eine Anschauung bilden können. Arrhenius („die Vorstellung vom Weltgebäude“) bringt nach einer Zeichnung von Faucher-Gudin eine Abbildung der babylonischen Welt. „In der Mitte liegt der Kontinent, der nach allen Seiten hin sich zum Weltberg Ararat erhebt. Das Land ist rings vom Ozean umgeben, auf dessen hinterer Seite die Wohnungen der Götter liegen. Über dem Weltberg liegt der Himmel wie eine Glocke (nach der Abbildung auf einem um den Ozean herumlaufenden zweiten Gebirge aufruhend). Der nördliche Teil war mit einem Rohr versehen (mit zwei Öffnungen). Aus der östlichen Öffnung trat die Sonne am Morgen hervor, erhob sich am Firmament, um am Nachmittag wieder zu sinken und schließlich beim Einbruch der Nacht in die westliche Öffnung des Rohres einzutreten. Während der Nacht schob sie sich durch das Rohr und trat am nächsten Morgen durch dessen östliche Mündung wieder heraus.“ Woher der gelehrte Verfasser den Sonnentubus genommen hat, kann ich nicht sagen. Bequem ist er zweifellos, aber in keinem der mir zur Verfügung stehenden Texte und Abbildungen finde ich auch nur eine Andeutung davon. Im übrigen ist die irdische Welt in allen Teilen ein Abbild der Himmelswelt, was auch die Ägypter annahmen und wovon (in Umkehrung) wir ja Beispiele bei den Naturvölkern fanden. Das meiste von diesem Besonderen steht, wie man sieht, trotz äußerer Ähnlichkeit in striktem Gegensatz zu der biblischen Anschauung; der Himmel hat in dieser mit der irdischen Welt nicht das geringste zu schaffen, und das ganze All ist nichts Gott gegenüber. Gott hat den Gestirnen die „Satzungen“ gegeben.
Auch der ~Ägypter~ Welt bestand aus den bekannten drei Teilen, Himmel, Erde, Tiefe (Pet, Ta, Dat). Der Himmel ist der Ausgespannte, der Verhüllende, der Hohe, der Gewölbte (Kapu) usf. Er ruht auf vier Säulen oder wird von der Luftregion (Shu) gestützt und trägt die Gestirne und ihre Gottheiten. Der Tempel wird als ein Abbild des Himmels angesehen und dementsprechend ausgebaut und geschmückt. Brugsch führt viele Beispiele an. So ist also „für die auf Erden lebenden Bewohner der Himmel eine prächtige Tempelhalle, ein Dom, unter dessen glanzvollem Dache sie sich ihres Daseins freuen“. Mit einem Himmel überdacht werden auch die Grabkammern; aber dieser Himmel ist schwarz, es ist der untere Himmel, an dem die Sonne nächtlich hinzieht. Mitunter scheinen sich die Ägypter mehrere Himmel übereinander gedacht zu haben; die doppeltgekrümmte Figur in der nächsten Abbildung, welche Himmel, Luft und Erde durch Personen darstellt, erscheint zweimal oder dreimal wiederholt, als Sonnenhimmel, Mondhimmel usf. Die Sonne fährt auf ihrem Himmel auch im Sonnennachen (na-n-Rā), der vom Urgott Nun (auf einem Bilde, aus dem Urgewässer hervorragend) getragen wird. Im Hiob wird der Himmel als Spiegel bezeichnet, bei den Ägyptern als Eisen. Eisen (ba) steht mitunter geradezu für Himmel („Rā fährt oder schwimmt oder wandert auf dem Eisen“), wie umgekehrt das „Eisen des Himmels (ba-n-pet)“ für Eisen überhaupt benutzt wird. Der mythische Name der Erde (Ta) heißt Qeb. Das soll Biegung, Krümmung bedeuten. Ob den Ägyptern aber die runde Gestalt der Erde bekannt war, oder ob Qeb lediglich die Unebenheiten kennzeichnen soll, ist ungewiß. Auch „Schwäche“ soll in dem Worte liegen, und die Erde wird auch als schwacher, alter Mann dargestellt (wie in der obigen Abbildung) oder als leidendes Weib. Die untere Welt ist das Nachtsonnenreich der Welt, unter der Erde und unter den Wassern. Wir kommen auf sie zurück. Figürlich wird sie als zusammengekrümmte Gestalt, Osiris, gebildet. „Die untere Hemisphäre zusammengekrümmt enthält seine (des Osiris) Gestalt“, heißt es in einer Inschrift. Die ganze Welt scheint vom Urwasser Nun eingeschlossen zu sein, wie sich aus einer Abbildung bei Brugsch, „Religion und Mythologie der alten Ägypter“, S. 216, entnehmen läßt. Das entspräche etwa der biblisch-babylonischen Auffassung. Wenn aber auf der Abbildung auch ein Rand des Wassers außerhalb der Welt sichtbar ist, so würde das mehr an den Okeanos der Griechen erinnern, hinter dem ja auch die Welt, im Tartaros, sich fortsetzt. Indessen kann es sich auch um eine Willkür des Malers handeln. Das All wird unter dem Bilde des Skarabäus dargestellt.
21. ~Leben und Gottheit.~
Die ~Anschauung vom Leben~ richtet sich nach dem Grade der Freiheit Gott oder den Göttern gegenüber und nach dem Grade des Vertrauens. Die arischen Stämme scheinen noch am wenigsten abhängig von ihren Göttern gewesen zu sein, aber wohl auch am wenigsten vertrauend auf sie. Aus ihrer Mitte ist der Buddhismus hervorgegangen, in dem die Götter, wenn ihr Dasein nicht geleugnet wird, doch als sehr geringwertig für die Menschen angesehen werden. Hier gilt der extremste Grundsatz nach einer Seite hin; das Leben des Menschen ist bestimmt durch ihn selbst, er ist selbst Meister seines Geschickes (S. 211 ff.).
Fünf Gesichtspunkte sind es vor allem, nach denen das Leben mit seinen inneren und äußeren Vorgängen beurteilt wird: ~Zufall~, ~Freiheit~, ~Fürsorge~, ~Vorausbestimmung~, ~Zwang~. Die genaue Untersuchung dieser Gesichtspunkte gehört in die Metaphysik und Ethik. Auch entfallen hier, wo wir von den aus der Religion fließenden Anschauungen sprechen, der erste und fünfte Gesichtspunkt; es bleiben nur die drei mittleren Gesichtspunkte, und sie setzen das Verhältnis des Menschen zur Gottheit fest. Wenn bei religiöser Anschauung Willensfreiheit herrschen soll, so muß Verantwortlichkeit gegen die Gottheit bestehen. Der Egoismus führt dann auch zu Anforderungen an die Gottheit. Beide können mit dem Leben abgetan sein, oder auch sich über das Leben hinaus fortsetzen. Im ersten Falle hat der Mensch alles Unheil, das ihn im Leben betrifft, als Strafe für freiwillige Missetat zu betrachten, alles Gute als Belohnung für Wohlverhalten. Das letztere nimmt er meist ohne zu danken hin; er wird immer irgendeine schöne Tat finden, für die er Belohnung glaubt sich erwarten zu dürfen. Denn das rein ethische Wohltun aus Trieb der Seele und Freude daran ist gar selten und schaltet eigentlich die Gottheit aus. Aber eine Strafe sieht der Mensch nicht immer als verdient an. Dazu gehört wahre, herzensinnige Frömmigkeit und Zerknirschung, wie wir sie in den Hymnen, Psalmen und Kirchenliedern oft so ergreifend ausgedrückt finden. Hier vermischt sich die Anschauung mit der von der Fürsorge der Gottheit für den Menschen. Das Leben wird der Gottheit vertrauensvoll überlassen. Was diese bietet, wird in Demut angenommen, was sie verhängt, in Demut ertragen; vielleicht als Belohnung, vielleicht als Buße, immer aber als Ratschluß des Höchsten, der schon weiß, warum. Ich brauche aus dem Monotheismus keine Beispiele anzuführen. Aber auch der Polytheismus kennt solche Anschauungen:
Zeus, wer du auch seist, Hoher, Unerforschlicher, Ob Geist der Menschen, ob Naturnotwendigkeit, Ich fleh dich an; denn du lenkst auf stiller Bahn Hinwandelnd, alles Menschenlos zum rechten Ziel.
ruft die unglückselige Hekabe bei Euripides aus. Ähnlich heißt es in dem schönen babylonischen Klagelied an Istar:
Du schaust auf den Unglücklichen und Zerschlagenen, Leitest ihn täglich rüstig.
Damit in Verbindung steht dann die für alle Religion so absolut notwendige Anschauung, daß die Gottheit sich erbitten läßt, unverdiente Gnaden erweist, verdiente Strafe erläßt. Im Polytheismus wird sogar eine Gottheit gegen die andere angerufen. In jenem Istar-Liede sagt der Flehende:
Löse meine Brust und schaffe mir Fülle! Lenke meinen Schritt, daß ich Froh und frei mit den Lebenden die Straße ziehe! Gib du Befehl, daß auf deinen Befehl der erzürnte Gott wieder gut werde, Daß die Göttin, die sich zürnend abgewandt, wieder gut werde.
So wird Istar auch der „Stern der Klagen“ genannt, und dieses trotz der Schilderung ihrer willkürlichen, absoluten Übermacht, die Freunde verfeindet und auf dem Schlachtfelde herrscht. Seltsam, mehr wunderlich, klingt die fast stehende Versöhnungsformel an die Gottheiten, daß „ihr Herz sich beruhigen möge“ oder „sie selbst sich beruhigen mögen“, wie überhaupt die babylonischen Texte soviel von der Unruhe der Gottheiten sprechen, ja von ihrem Lärmen, wodurch auch so viel Kampf und Streit zwischen ihnen entsteht; so der kosmogonische Kampf Apsus und Tiamats gegen sie. Vielleicht treffen unsere Übersetzungen nicht den richtigen Sinn. Es sind auch Kollektivlieder für jede beliebige Gottheit gedichtet und bekannt. Wenn der Mensch sein Wohlverhalten dem Gotte vor Augen stellt, so geschieht das nicht selten in der Weise, daß er sagt, die und die Sünde hätte er nicht begangen. Das 125. Kapitel des ägyptischen Totenbuches ist dafür sehr charakteristisch. Die Vorschrift lautet: „Was NN (als Toter) spricht, wenn man zur Halle der beiden Wahrheiten (S. 189) gelangt, nachdem NN sich losgemacht hat von allem Bösen, das NN getan hat, um das Antlitz aller Götter zu schauen“. Und nun kommen die Bekenntnisse. „Ich habe nicht falsch gehandelt gegen die Menschen“ usf. Dreiundsechzig solche negative und kaum zehn positive, unter den letzteren freilich das so schöne:
Ich habe dem Hungernden Brot gegeben, Und dem Dürstenden Wasser, Und dem Nackten Kleider.
Andere Völker sind ähnlich verfahren. Bei allen aber werden nicht selten Zweifel an der Hilfe der Gottheit geäußert, entweder weil diese dem Menschen zu fern steht und sich um ihn nicht kümmert, oder weil der Mensch sich zu niedrig dünkt Gott gegenüber. Wie oft ist dem letzteren Gefühl in Psalmen, aber auch in den anderen Schriften der Bibel Ausdruck verliehen: „Was ist der Mensch, daß du sein gedenkest“ usf. Bei den Ariern finden wir mehr den Zweifel an dem Wollen der Gottheit; Euripides bietet eine Menge von Beispielen. Hekabes Ausruf: „Ihr Götter! Zwar unnütze Helfer seid ihr uns; doch ist es tröstlich anzuflehen die Himmlischen, wenn unsereinen heimsucht das Mißgeschick“, gehört noch zu den mildesten.
Weit verbreitet ist sogar die Anschauung von der Gottheiten „~Neid und Mißgunst~“ gegen die Menschen. Wie sie untereinander Neid und Mißgunst hegen und dadurch zum Kampf gegeneinander getrieben werden, daß ein Göttergeschlecht das andere stürzt, hat in furchtbaren Worten Aischylos im Prometheus geschildert. Dann wie die Gottheiten nach Willkür herrschen, ganz wie Tyrannen auf Erden:
Ach, neue Herrn sind im Olymp Am Ruder jetzt; neuem Gesetz gemäß regiert Ohne Gesetz Zeus jetzt. Das früher Gewaltige jetzt vertilgt er’s.
Und dann:
Auf die armen Menschenkinder nahm Er keine Rücksicht; ganz zu vertilgen ihr Geschlecht, Ein anderes neues dann zu schaffen, war sein Plan.
Prometheus, der dies von Zeus sagt, rettet die Menschen. Das steht nicht fern von der Art wie Ellil bei den Babyloniern verfährt, daß Ea wenigstens für wenige Retter sein muß. Namentlich erregt Glück den Neid der Götter. Und wer etwa sich darin überhebt, muß es schwer büßen. Niobes Tragödie spricht noch jetzt zu uns aus den herrlichen und rührenden Darstellungen, die wir bewundern. Selbst die Bibel hat Anklänge, daß Gott dem Menschen nicht alles gewähren will, wie in der Paradiessage und in der Sage vom Turmbau zu Babel. Doch tragen solche Erzählungen auch den Stempel der Erklärung für Erscheinungen im Leben der Menschheit. Warum der Mensch mühselig sein Leben verbringt, warum er stirbt, warum er so zerstreut und vielsprachig auf Erden weilt. Andere Völker haben aus gleichem Grunde andere Sagen erfunden.
So ist die Freiheit des Menschen doch keine unbedingte und die Fürsorge der Gottheit keine vollkommene. Darum ist es dem Menschen auch ein vertrauter Gedanke, daß er über sich überhaupt nicht zu bestimmen habe, daß, wie seine Geburt, so auch sein ganzes Leben durch die Gottheit vorausbestimmt ist und sein Tod. Was ihm Gutes zukommt, was ihn Böses berührt, hat die Gottheit schon vorgewirkt. Dieses entweder absolut oder relativ (vom Schicksal S. 136 ff.). Wie weit die absolute Vorausbestimmung geht, sehen wir in dem grämlichen „Prediger“: „Denn auch daß ein Mensch esse und trinke und Gutes genieße für alle seine Mühe, ist eine Gabe Gottes. Ich weiß, daß alles was Gott tut, das wird ewig sein, hinzuzufügen ist nichts und davon zu nehmen ist nichts, und Gott tat es, daß sie sich fürchten vor ihm.“ „(Ich weiß) daß, was den Menschensöhnen begegnet und was dem Vieh begegnet einerlei Begegnis für beide sei; wie der Tod dieses, so der Tod jener, und einerlei Geist in allem, so daß der Vorzug des Menschen vor dem Viehe nichts sei, denn alles ist eitel.“ Daraus folgt dann das berühmte: „Nichtigkeit der Nichtigkeiten, alles ist nichtig.“ So scharf wie im „Prediger“ findet sich der Pessimismus freilich selten ausgesprochen, außer etwa bei Philosophen. Aber über Gebundenheit und Machtlosigkeit klagt der Mensch überall.