Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis

Part 17

Chapter 173,612 wordsPublic domain

Bei den ~Eraniern~ sagt Ahura Mazda dem Yima die Flut an. Aus hier gänzlich fehlenden Gründen soll harter Frost die Erde ergreifen und Schnee alles verhüllen. Um sich und alles andere vor den beim Schmelzen der Eis- und Schneemassen entstehenden Fluten zu schützen, soll Yima sich ein „Varem“, eine Wohnung, machen. Die ~Indier~ haben die Flutsage in mehreren Versionen, ihr Noah ist Manu (Manu = Mensch). Die Voraussagung der Flut, die Warnung und der Rat, ein Schiff zu bauen, wird diesem von einem Fisch (er wird als Gott-Fisch gedeutet, wie etwa der Ea der Babylonier), den er klein gefangen hat, und auf dessen Bitte, daß er nicht von anderen Fischen verzehrt werde, in einem Topf, dann in einem Loch aufwachsen läßt, bis er ihn ins Meer tut. Das Schiff wird an das „Horn“ des Fisches gebunden und dieser führt es zum nördlichen Gebirge. In einer späteren Sage nimmt Manu, wie Noah, auch Pflanzen und Tierpaare in das Schiff, und wird die Flut wie in der Bibel sieben Tage voraus verkündet. Als Grund für die Flut ist in der Mahabharata die Sühnung der Erde überhaupt angegeben. In einer anderen Sage aber, in mir nicht verständlicher Weise, die Rettung der Vedas und der sie bewahrenden sieben Rishis (Seher, Sänger). Die Rettung heiliger Schriften aus gleichem oder ähnlichem Anlaß spielt auch bei den Eraniern, Germanen und Babyloniern eine Rolle. Die von Zeus wegen der Frevel des „ehernen“ Geschlechts verhängte Flut, der Kasten (λάρναξ), den Deukalion-Noah auf Rat seines Vaters Prometheus baut und in dem er sich mit seiner Gattin Pyrrha nach dem Berge Othrys rettet, gehören der bekannten ~griechischen~ Flutsage an. Diese deukalionische Flutsage ist viel ausgeschmückt und später auch von Plutarchos und Lukianos mit orientalischen Zügen bereichert worden, wodurch sie sich der biblischen oder babylonischen näherte. Pausanias, in seiner Beschreibung Attikas, erzählt auch, daß die Athener im Umkreise ihrer Stadt einen Erdspalt zeigten, durch den die Flut abgelaufen sei. Vor die deukalionische Flut ist die ogygische zu setzen, die Boiotien betraf und Attika, und in der die sonderbaren Städte Athen und Eleusis am Kopaissee untergegangen sein sollen. Aber eine Sintflut war es nicht. Der alte Buttmann sieht in Ogyges den Okeanos, also den Wassergott überhaupt, und erklärt, freilich in seiner Vorliebe für seltsame Etymologien -- z. B. Tubalkain ist Vulkan -- auch Noah für einen Wassergott (wegen des hebräischen Nahar, das Fluß bedeutet). Eine Flutsage der ~Germanen~ ist schwer zu erweisen. Die jüngere Edda erzählt, daß, als die Götter (Odin, Wili, We) den Riesen Ymir, den wir schon kennen, töteten, aus ihm soviel Blut ausgeflossen sei, daß das ganze Riesengeschlecht ertrank. Ein Riese nur rettete sich mit seinem Weibe auf einem Boot (Lûdr) und erzeugte das Menschengeschlecht. Dieser Noah heißt Bergelmir. Jakob Grimm nennt diese Flutsage gegenüber der biblischen „roh und unausgebildet“. Diese germanische Sage erinnert jedoch an eine ähnliche der Babylonier, wo Ellil den Löwen Labbu tötet, und dessen Blut „drei Monate, einen Tag und zehn Stunden“ fließt. Flutsagen finden sich noch weit auf der Erde verbreitet. Bei den ~Litauern~ ist die Arche eine Nußschale, die der höchste Gott Pramzinas, der die Flut zur Vertilgung der Bösen herabgesandt hatte, da er Nüsse aß, aus dem Himmelsfenster auf die Erde warf.

Andere Völker erzählen anderes, so Indianerstämme, Neger, Ozeanier, Peruaner usf. Richard Andree hat sich die große Mühe gemacht, alle Flutsagen zu sammeln und führt 88 auf. Aber in wirklichem Zusammenhang dürften nur die biblische und babylonische stehen, wie auch Andree meint. Von diesen wird letztere, wegen ihrer viel roheren Züge, wohl die ältere sein. Die dichterische Erzählung vom Regenbogen ist der Bibel eigen. Sonst werden Flutsagen zu verschiedensten Zeiten lokal entstanden sein, da ja Überflutungen und Überschwemmungen überall vorkommen und aus den verschiedensten Ursachen. Das Wesentliche ist das ethische Motiv und die Rettung eines Menschenpaares. ~China~ scheint eine Flutsage nicht ausgebildet zu haben. Die Überschwemmungen des Nils sind der Segen des Landes. Die des Hoangho jedoch der „Fluch Chinas“. Sie sind aber von je als natürlich angesehen worden, und uralt sind die Versuche, den Fluß einzudämmen. Ob ~Japan~ eine Flutsage hat, weiß ich nicht; bei den gewaltigen Beben (Japan ist das erdbebenreichste Land der Erde) und den damit oft in Verbindung stehenden Meerüberstürmungen sollte man Flutsagen erwarten.

Sehr wunderlich -- wenn der Gegenstand nicht so ernst wäre, fast wie eine Spotterzählung -- klingt eine aus etwa 1300 v. Chr. uns überlieferte ~ägyptische~ Sage aus dem „Buche von der Himmelskuh.“ Es ist eine Inschrift in einer Kammer Seti I. in Bibân el Moluk. Die Menschen müssen über den Gott Rā schlecht gesprochen und gegen ihn Anschläge gemacht haben. Das nimmt er ihnen gewaltig übel. Ganz im Stile eines Herrschers versammelt er, Rats zu pflegen, die anderen Götter, die sich völlig wie Hofschranzen ihm nähern. Der älteste Gott, Rā’s Vater Nun, wird zuerst gefragt und erwidert: „Mein Sohn Rā, du Gott, der größer ist als sein Schöpfer und gewaltiger als sein Erzeuger, bleib auf deinem Throne sitzen! Die Furcht vor dir ist groß, wenn dein Auge (es ist damit die Göttin Hathor gemeint) sich gegen die richtet, die dich lästern.“ Rā sagt nun: „Seht, sie laufen davon in die Wüste, aus Furcht wegen dessen, was sie gesagt haben.“ „Laß dein Auge hingehen, daß es sie für dich schlage, die boshaft gelästert haben“, ermahnt Nun. Hathor eilt hinter die Menschen nach der Wüste und tötet sie alle. Ein Teil ist aber nach Süden geflüchtet, diesen will Rā retten. Er läßt von Elefantine Didi (?) holen, dieses, sowie Getreide, von dem „Lockigen“ zu Heliopolis und seinen Dienerinnen mahlen und zu Bier verarbeiten und das Bier an den Ort bringen, wo Menschen noch weilen. Dann steht „die Majestät des Rā in der Frühe unter dem Schutze der Nacht auf, um diesen Schlaftrunk auszugießen.“ „Da wurden die Gefilde vier Spannen hoch mit der Flüssigkeit angefüllt, durch die Macht der Majestät dieses Gottes.“ Hathor aber, die hinkommt den Rest der Menschen zu töten, findet alles mit dem Bier überschwemmt. „Da trank sie und es schmeckte ihr gut, und sie kehrte trunken heim, ohne die Menschen erkannt zu haben.“ Eine wunderliche Menschenvernichtungs- und Flutsage! Die Flut aus Bier und zur Rettung des Menschenrestes! Übrigens ist doch Rā’s Weilen auf Erden nicht mehr. Die Göttin Nut als Kuh hebt ihn in die Höhe und bildet den Himmel, dort bleibt Rā.

Von viel größerer Bedeutung ist es natürlich, wenn nicht bloß die Lebewesen untergehen, sondern die ganze ~Welt~ vernichtet wird.

Bei den ~semitischen Stämmen~ kenne ich nur einen Hinweis des Babyloniers Berossos darauf, den Seneca erhalten hat. Die Welt soll verbrennen, wenn die Planeten im Krebs sich zusammenfinden, „so daß eine gerade Linie durch die Kreise aller gehen kann“. Das ist astrologische Ansicht, nicht Mythe, doch weben sich bei den Babyloniern freilich Astrologie und Mythos durcheinander. ~Weltuntergang~ und ~Weltbrand~ sind sonst spezifisch ~arische~ Anschauungen. Denjenigen ~Indiern~, die die Welt nur als eine Täuschung (Maja) oder als einen Traum Brahmas ansehen, ging die Welt unter, sobald der Gott die Täuschung erkannte oder vom Traum erwachte. Eine Stelle in der Bhagavad-Gîtâ lautet:

Wer weiß, daß schon ein Tag bei Gott der Weltenalter tausend macht, Und tausend Alter eine Nacht; der Sterbliche kennt Tag und Nacht. Wann einstens Gottes Tag anbricht, dann tritt, was dunkel war ans Licht; In Finsternis verlischt das Licht, sobald die Gottesnacht anbricht. Und jedes Wesen, das entstand, verschwindet, wann die Nacht anbricht, Doch kehret wieder, was verschwand, wann anbricht Gottes Tageslicht.

So schwer der Sinn zu durchdringen ist, so wird doch zweifellos von höheren Weltzeitaltern gesprochen; Zeitaltern des Lichtes wechselnd mit Zeitaltern der Finsternis. Die gewöhnlichen Weltenalter betragen ein Kalpa, gleich 432 Millionen Jahre. Je nach Verlauf einer solchen Kalpa geht die Welt unter und wird neu gebildet. Es ist die Lehre der Râmânuga-Schule des Vedânta, die wir noch genauer kennen lernen werden. Gottes Tag und Nacht betrügen je tausend solche Kalpa, wenn in der obigen Stelle unter Weltenalter die Kalpa verstanden sind. Vielleicht aber sollen die tausend Weltenalter selbst eine Kalpa sein, dann würde nach der obigen Stelle die Welt abwechselnd eine Kalpa bestehen und darauf eine Kalpa nicht bestehen. Der Untergang (Mahapralajas) betrifft nicht nur die ganze Welt, sondern auch alle Götter, bis auf den Einen und Einzigen. Einen Untergang der Welt kannten auch die ~Eranier~: der Komet Muspar, indem er auf die Erde stürzt und alles schmelzt, verbrennt sie. Es steht dieses allerdings mit der Reinigung der Welt von Bösem in Verbindung. Allein, es heißt im Bundehesh doch auch ausdrücklich: „Ahura wird auf seinem herrlichen Thron ohne Schöpfung sein, denn Werke wird er nicht vollbringen, während jene (die Amesha-Çpenta?) den Toten bereiten.“ Den Weltbrand der ~Griechen~ -- der durch Phaethon veranlaßte, gehört nicht wohl hierher -- werden wir später kennen lernen.

Wir wenden uns sogleich zu den ~Germanen~, von denen wir darüber die eingehendsten Nachrichten haben. Der Weltuntergang (ragna rök, der Waltenden Verrauchung) ist in der Edda als ein Kampf, der Kampf der Götter gegen Surtur (der Schwarze, Hüter des Feuerlandes Muspelheim) geschildert, in dem jene untergehen und die Welt verbrennt. Die Wala in der Voluspa erzählt:

Von Osten fährt der Kiel; Kommen werden Muspills Söhne übers Meer, Aber Loki steuert. Fifl’s (Loki’s) Söhne fahren Mit dem Wolf allesamt, Zugleich ist der Bruder Byleists (Loki’s) bei der Fahrt. -- Surtur fährt von Süden Mit flammendem Schwert, Es blitzt von dem Schwerte Die Sonne der Schlachtgötter; Die Felsberge stürzen, Riesinnen schreiten einher, Es betreten die Menschen den Helweg; Der Himmel aber klafft.

Nun folgt der Kampf der Götter: Odin steht gegen den Wolf Fenrir, von dem er verschlungen wird, Thor gegen die Midgardschlange, die ihn vergiftet, Freyr gegen Surtur, von dem er getötet wird. Zuletzt sinkt die Erde ins Meer, die Sterne fallen vom Himmel:

Es wütet Feuer und zehrende Flamme, Hoch leckt die Lohe gegen den Himmel selbst.

Andere nordische Sagen stimmen mit der obigen Erzählung überein, nur daß sie mehr ausführen. In ~Deutschland~ selbst haben wir die Götterdämmerung in dem Althochdeutschen, im neunten Jahrhundert aufgezeichneten Lied Muspilli. Elias steht anstelle der Asen, der Antichrist und Satanas für Loki und Surtur. Elias wird verwundet und das weitere lautet in der Übersetzung von Johannes Scherr: „Die Berge entbrennen, kein Baum bleibt stehen auf der Erde, die Wasser trocknen aus, das Meer verdampft, in Lohen vergeht der Himmel, der Mond fällt hernieder, Midgard flammt auf, kein Fels steht fest. Der Tag der Vergeltung fährt über die Lande, fährt über die Völker mit Feuer. Da kann kein Verwandter dem anderen helfen vor dem Muspille.“ Einzelnes stimmt auffallend mit dem Bericht der Wala.

Der zerstörten alten Welt (nur das Meer bleibt) muß eine neue folgen. Auch nach germanischer Sage ist diese neue Welt besser als die frühere. Die Wala schaut:

Heraufkommen seh ich Zum anderen Male Aus dem Meer eine Erde, Eine wieder grüne; Es fallen die Fluten, Ein Aar fliegt darüber, Welcher am Felsen Nach Fischen jagt. Es versammeln sich die Asen Auf Idafelden Und von Moldthinur (die Midgardschlange?), Der wuchtigen, sprechen sie Und erinnern sich da An frühere Taten Und an Fimbultyrs (Odins) Uralte Runen Da werden sich dann Die wundersamen Goldenen Tafeln (Runentafeln?) Im Grase finden, Welche sie damals In der Urzeit hatten. Es werden ungesät Die Äcker da wachsen, Alles Übel wird weichen; Baldr wird kommen; Vereint werden Hodr und Baldr Unter den Dächern des Hropt (Odins), Die beiden Kampfgötter ... Einen Saal sah ich stehen, Schöner als die Sonne, Mit Gold gedeckt, Auf Gimles (Himmels-) Flur, Da sollen die fröhlichen Scharen (guten Menschen?) wohnen, Und Freude genießen Bis ans Ende der Tage.

Nach Vafthrudnismal in der älteren Edda heißen die neuen Asen Vidar und Veli, Modi und Magni, Nachkommen von Odin und Thor, die nicht mit der Welt untergegangen sind. Aber Baldr ist ja die poetischere und höhere Figur mit seinem blinden Bruder Hödr. Das neue Menschenpaar ist Lif und Lifthrasir; sie hatten sich während des Weltunterganges (?) in Hoddmimirs (der Weltesche) Grün geborgen, ihre Speise war Morgentau. Als Sonne leuchtet nach der jüngeren Edda eine Tochter der früheren Sonne. Damit vergleiche man den Weltuntergang und Weltneubau nach der Offenbarung Johannis, namentlich Kap. 6, 7 und 20, 21. Man wird sehr erhebliche Ähnlichkeiten zwischen beiden Erzählungen finden. Auch die Sybillinischen Orakel, Buch V, 345 ff., gehören hierher.

Die Menschheit hat immer gerne an kommende bessere Zeiten geglaubt. War die Welt in Sünde und Gewalttat versunken und in Ärmlichkeit und Verkommenheit, so sollte die Gottheit eingreifen, nicht bloß strafend wie früher, sondern helfend und schaffend. Die Indier haben zu diesem Behufe die ~Inkarnationen~, ~Awatars~ (S. 139), einer Gottheit (Wischnu’s) erdacht, semitische Völker den ~Messias~, andere Völker Wiederkehr lange vergangener Wohltäter oder von Göttern auf Erden. An diesem Glauben sind die Peruaner und Mexikaner zugrunde gegangen, da sie in solchen Bluthunden wie Pizarro und Cortes mit ihrem spanischen Gesindel diese erwarteten Wohltäter und Götter (Viracocha bei den Peruanern, Quetzalcoatl bei den Mexikanern) sahen. Aber die Juden haben sich an dem Messiasglauben gewaltig aufgerichtet und ihm ihre Erhaltung durch Jahrtausende zu danken. Und das Christentum ist durch ihn Weltreligion geworden. Kaum ein Gedanke der Menschheit hat sich von so enormer Bedeutung, ideeller und praktischer, erwiesen, wie dieser vom Messias, den der zweite Jesaias so liebevoll ausführt, der Indier so phantastisch begabt. Steigen wir von der hohen Messiasidee herab, so sind es Helden und Herrscher, deren Wiederkehr vom Volke erwartet wird, und die inzwischen irgendwo verborgen oder schlafend vorgestellt werden. Unser Friedrich I., Barbarossa (eigentlich nicht er, sondern Friedrich II.) gehört hierher als die markanteste Gestalt. Aber andere Völker der Erde besitzen ähnliche Gestalten. Stanley -- „Through the dark Continent“ -- erzählt aus den Sagen von Uganda, daß der erste König Kintu als milder und Blutvergießen scheuender Herrscher im hohen Alter, da er seine Nachkommen allen Grausamkeiten frönen sah, mit seinem Weibe geflohen sei. Das Volk war überzeugt, daß er sich verborgen halte, und alle späteren Herrscher suchten ihn. Einem der spätesten, dem siebenundzwanzigsten (Mtesa war der fünfunddreißigste), Ma’anda ward es zuteil, ihn mit seiner Gefolgschaft in einem tiefen Walde sehen zu dürfen. Er sollte nur mit seiner Mutter und dem führenden Bauern kommen. Sein treuer Katekiro folgte ihm aber, um ihn vor etwaigem Verrat zu schützen. Kintu erkannte des letzteren Anwesenheit und machte Ma’anda Vorwürfe. Als Katekiro darauf hinter einem Baume vortrat, tötete Ma’anda ihn durch einen Speerwurf. Da entschwand Kintu mit allen um ihn.

20. ~Weltbau.~

Was die ~Gestaltung der Welt~ betrifft, so hängt diese naturgemäß nicht unmittelbar mit der Mythe zusammen, sondern mit dem äußeren Schein. Gleichwohl darf man von mythischen Kosmologien sprechen als von solchen Anschauungen über die Welt, die nicht auf wissenschaftlicher Untersuchung oder Meinung beruhen, sondern, wie die Mythen von den Gottheiten, behauptet werden, und die den Mythen und Sagen zugrunde gelegt werden. Da ist allen Völkern gemeinsam die ~zentrale Stellung der Erde~. Die Erde ist die Mitte der Welt. Meist wird sie von Wasser umgeben gedacht. Ihre Gestalt ist die einer Scheibe (rund oder eckig), eines Zylinders (auch Würfels) oder eines gewaltigen Gebirges oder einer konvexen Schale. Sie schwimmt auf Wasser oder ist durch Säulen, Menschen oder Tiere unterstützt, oder hängt an Wurzeln des Weltbaumes. Der Himmel ist einfach oder, entsprechend der Zahl der gesondert sich bewegenden Gestirne -- sieben Planeten (Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn, Mond, Sonne) und die Fixsterne insgesamt -- und der etwa angenommenen Götterwohnsitze, mehrfach gedacht. Alle Himmel sind solide und umgeben die Erde wie Glocken. Die Gestirne sind Leuchten, auch Götterwohnsitze oder gar Körperteile der Götter (Augen, Antlitz, Leib); sie bewegen sich auf den Himmeln von Ost nach West und kehren auf unsichtbaren Wegen von West nach Ost zurück. Es liegt nicht in der Natur der Mythe, konsequent zu sein und auf die Einzelheiten in den Erscheinungen zu achten. Bemerkt sie Abweichungen gegen die gedachten einfachen Verhältnisse, so sind eben die Götter frei und können sie beliebig veranlassen. Daher eine Wiedergabe der Erscheinungen nur in den großen, allgemein wahrnehmbaren Zügen, und vielfache Verworrenheit und unbekümmertes Widersprechen in der Beschreibung.

Der ~Griechen~ mythischen Ansicht erste literarische Mitteilung finden wir bei Homer. Die Erde ist eine Scheibe vom Strome Okeanos umflossen und vom Himmel überdeckt. Aus dem Okeanos steigen die Gestirne empor und in ihn tauchen sie unter, sofern sie überhaupt auf- und untergehen und nicht, wie die Bärin, „niemals in Okeanos’ Bad“ sich hinabtauchen. Fern im Westen, hinter dem Okeanos, ist der Eingang zu Hades’ Reich, das sich jedoch unter die Erde hinziehen muß. Denn wie im Kampfe der Götter vor Troja Poseidon die Erde erschüttert, springt „des Nachtreichs Fürst Aïdoneus“ voll Schreck in die Höhe und schreit:

Daß ihm von oben Nicht die Erd’ aufrisse der Landerschüttrer Poseidon, Daß nicht Menschen erschien’ und Unsterblichen seine Behausung.

Diese Behausung ist „Fürchterlich, dumpf, voll Wustes, wovor selbst grauet den Göttern“. Weiter, wohl darunter, findet sich Erebos. Und noch weiter, und so tief unter Hades’ Reich wie die Erde vom Himmel entfernt, der Tartaros, der furchtbarste Ort, wo die Titanen Japetos und Kronos, von Zeus verbannt, gefesselt in tiefster Finsternis sitzen. Im Westen, am Rande der Erde, jedoch diesseits des Okeanos, wenn nicht als Inseln im Okeanos, liegt auch das Elysische Gefild, „wo der bräunliche Held Rhadamanthys wohnt, und ganz mühelos in Seligkeit leben die Menschen“. Aus allen diesen Angaben hat man entnehmen wollen, daß Homer die Welt eigentlich als Kugel ansieht, deren eine Hälfte erleuchtet über der Erde, deren andere Hälfte ewig dunkel unter ihr liegt. Was den Okeanos anbetrifft, so ist er bei Homer ein Strom. Neuere Untersuchungen glauben jedoch, daß die vorhomerische Bedeutung den Himmelshorizont gebe, Okeanos früher überhaupt der Himmelsgott gewesen sein möchte. Die Etymologie mit der deutschen „Woge“ entfiele dann freilich. Es soll Okeanos dem Sanskritwort açayana entsprechen und „umfassend“, „anliegend“ heißen. Ich sehe nicht recht, warum das nicht auch der homerische Okeanos soll sein können, der ja auch die Erde umfaßt, ihr anliegt. Die Götterwohnung ist auf dem Olympos, über den Wolken, deren Tore die Horen öffnen und schließen; und Helios leuchtet den Göttern wie unten den Menschen. Hesiods Anschauungen von der Welt stimmen mit denen Homers im wesentlichen überein, er ist nur in seinen Mitteilungen etwas detaillierter. So hinsichtlich des Tartaros, daß ein Amboß neun Tage und Nächte fallen müßte, um von der Erde zu ihm zu gelangen, daß selbst ein Sturmwind in einem vollen Jahre ihn nicht zu durcheilen vermöchte, daß auf ihm die Erde gewurzelt ist und der Boden der Meere. Das sind recht stattliche Abmessungen, denn im Sinne Hesiods umgerechnet wäre die Weite des Tartaros mehr als dreißig Erden- und die Tiefe gar zwanzig Sonnenweiten. Der Himmel wird nach Hesiod von Atlas getragen, nach Homer, in einer freilich noch nicht geklärten Stelle, trägt Atlas die Säulen, die den Himmel stützen und von der Erde ab halten. Diese Säulen laufen wohl rings (ἀμφίς) um die Erde herum. Aber dann schwindet freilich Atlas als Person, der doch Kalypso zur Tochter besaß. Man hat auch Atlas als das Meer erklärt (etwa Okeanos?). Stützen für den Himmel, Gebirge, auch rings umlaufende, finden wir auch anderweit. Unerklärlich für die Mythe ist der Aufgang der Gestirne, nachdem sie untergegangen sind. Von der Sonne wird erzählt, sie fahre nächtlich auf dem Okeanos in einem Nachen, Becher, von Westen über Norden um die Erde herum, nach Osten zurück. Es mag aber auch gedacht sein, daß die Gestirne unter der Erde zurückkehren. -- Das Weltbild der Argonautensage schließt sich dem vorstehend Beschriebenen an; man hat noch, was wahrscheinlich auch Homer und Hesiod annahmen, einen Meeresarm oder Stromweg vom Schwarzen Meere nach dem atlantischen oder arktischen Meer ziehen lassen, so daß Europa für sich zur Insel wird.

Von den ~Römern~ haben wir eine eigentliche mythische Kosmographie nicht; die Dichter wandeln in griechischen Bahnen.

Die Welt der ~Germanen~ ist dreiteilig: obere Welt, mittlere Welt, untere Welt, jeder Teil wieder aus drei Teilen bestehend; und von den neun Teilen spricht die Edda an verschiedenen Stellen. Nach Simrock sind diese: Muspelheim (Feuerwelt), Asenheim oder Asgard (Götterwelt), Liosalfaheim (Lichtelfenwelt) als obere Welt; Jötunheim (Riesenwelt), Midgard oder Mannheim (Menschenwelt), Wanaheim (Wanenwelt, Welt der Neben-, Halb- oder Untergötter) als mittlere Welt; Swartalfaheim (Schwarzelfenwelt), Niflheim (Nebel-, Eiswelt, Gegenwelt zu Muspelheim), Niflhel (Helwelt, Totenwelt) als untere Welt. Die drei Hauptwelten werden von je einem Zweige (oder einer Wurzel) des Weltbaumes Yggdrasil gestützt; für diesen Baum soll auch die Irminsul, deren Nachbild Karl der Große bei den alten Sachsen gestürzt hat, stehen. Die Welt der Germanen ist hiernach reicher gegliedert als die der Griechen und poetischer gestaltet. Übrigens bestehen zwischen den verschiedenen Teilen der Welt auch Verbindungen, wie von Asgard zur Erde die Brücke Bifröst (bebende Ruhe), auf der Richard Wagner am Schluß des „Rheingold“ unter so wunderbarer Musik die Götter von der Erde nach Walhall (eigentlich ein Saal in der Götterburg Gladsheim) ziehen läßt. Um die Erde windet sich der Weltwurm, Midgards ormr, Jakob Grimm sagt: „offenbar das Weltmeer“. Also der Okeanos? Noch sind die drei berühmten Brunnen zu erwähnen, die in den drei Welten Asenheim, Jotunheim und Niflhel unter den Zweigen des Weltbaumes hervorsprudeln: Urdbrunnen, Mimisbrunnen, Hwergelmir (der rauschende Kessel). Am ersten Brunnen „halten die Asen und Nornen ihr Gericht“, den zweiten hütet der weise Mimir (nicht der Mime Wagners, sondern ein halbgöttliches Wesen, das mit dem Brunnenwasser täglich Weisheit trinkt, und dem Odin ein Auge als Pfand in den Brunnen versenken muß, bevor er aus diesem gleichfalls Weisheit und Zukunftschauen trinken darf), am dritten sitzt Nidhöggr mit anderen Schlangen. Der Himmel wird wie bei den Griechen als die Erde deckend oder umfassend gedacht. Die Gestirne haben jedes seine Stätte (oder seinen „Stuhl“, oder seinen „Tisch“), die wandelnden unter ihnen Rosse und Wagen. Die Sonne ist das „Feuerrad“ (fagra-hvel in der Edda) oder der „leuchtende Schild“ oder „Wuotans Auge“ oder „Gottes Antlitz.“ Der Mond wird auch als „Schein“ bezeichnet. Der Sonne und des Mondes Lauf um die Welt wird als Flucht vor zwei Wölfen (Sköll und Hati) gedacht, die sie verfolgen und sie zuzeiten verschlingen (Finsternisse!). Die Mondveränderungen werden Zwergen zugeschrieben, „wir wissen nicht näher wie“, sagt Jakob Grimm. Wir wissen auch nicht, wie sich die Germanen die Rückkehr der Gestirne von Westen nach Osten gedacht haben.