Chapter 8
»Bitt schön, Herr Doktor.«
»Na na!«
»Sie haben aber doch gesagt, daß Sie zur Tante Hildegard gehn wern.«
»Und dort mit der süßen alten Jungfrau Whist spielen! Brr! Lieber soll sie mich enterben! Hab auch so zu leben -- Gott sei dank!«
»Ja, aber zur »Pfeife«!«
»Sie wollen also durchaus jede edle Neigung in meiner Brust ertöten?«
»Aber, Herr Doktor! Ich bitt Sie!«
»Na also, dann ...«
»Ja, aber Ihr lieber Freund Brugger wird gwiß bei der »Pfeifn« auf Sie warten!«
»Mein lieber Freund Brugger wird eben nicht bei der »Pfeife« auf mich warten. Und die, die heute bei der »Pfeife« auf mich warten, auf die pfeif ich.«
»Ja aber, wo ist denn der Herr Brugger heut?«
»Eingesponnen hat sich der Unglücksmensch.«
»Wa--as?«
»Eingesponnen hat er sich!«
»Bitt schön, was ist denn das, »eingesponnen«?«
»Wie sich eine Raupe einspinnt, das wissen Sie wohl?«
»Zu dienen, Herr Doktor!«
»Na sehn Sie, bei uns Junggesellen ist das umgekehrt: der flotte freie Falter »Hagestolz« spinnt sich ganz unvermerkt ein und kriecht eines Tages als abscheuliche Raupe »Ehemann« vor uns andern herum.«
»Is aber das grauslich!«
»Nicht wahr?«
»Warten Sie nur, warten Sie nur, bald spinnen Sie sich auch ein!«
»Ach lassen Sie jetzt das Variieren klassischer Zitate und verschaffen Sie mir lieber einen recht netten Armen -- eine ganze Familie meinethalben! Ich hab keine Zeit mehr zu versäumen -- es ist ja schon halb sechs!«
Er verschwand wieder in seinem »Salon«. Mit gehobenen Gefühlen sperrte er seinen Schrank auf, um daraus das nötige Geld zu entnehmen. Dabei pfiff er leise. Ja ja, er war ein Mann, der im Bewußtsein seines vollen Schrankes auf alles pfeifen konnte: auf seine Stellung als Ministerial-Vizesekretär, auf die ganze Welt. Er »diente« nur »um etwas zu sein«. Die Arbeit war ihm ganz Nebensache. Und solche Herren Ministerialbeamte brauchten auch gar nicht zu arbeiten. Es genügte, wenn sie alle Monate ihren Gehalt behoben, täglich dem Amte einen kurzen Besuch abstatteten, die anderen, die Arbeitsbienen, in ihrem Fleiße aufhielten und sich im übrigen der »Gesellschaft« widmeten -- und dem Vergnügen! So einer war der Doktor von Fritzburg. Und es war schade um ihn. In seinem Innern war er immerhin ein besserer Mensch, als all die »feinen« seichten Kerle, mit denen er in Verkehr stand -- als all die koketten seelenleeren und nichts weniger als spröden Damen, denen er den Hof machte -- wenn's ihn just freute! Ja! Einem echten Weibe war er eben noch nicht begegnet, der eitle Fant.
Als er gedankenvertieft -- ein ganz ungewöhnlicher Zustand bei ihm! -- durch die Straßen schritt, fiel ihm plötzlich der Müller ein. Der war etwas Einzigartiges von einem Menschen gewesen in seines Vaters vornehmem Hause. Eine Art »Mädchen für alles«. Er klopfte Teppiche, machte alle Gänge, schleppte unglaublich große Lasten und war immer voll Humor -- »an echta Weana.« Dieser prächtige Kauz wurde aber ganz plötzlich von der Köchin des Hauses eingefangen und von der Stelle weg geheiratet. »Aus dem Menschen will ich schon was machen!« hatte die Agnes damals mit unglaublicher Zuversicht gesagt.
»Na, was wird sie wohl aus ihm gemacht haben?« dachte Doktor Fritz spöttisch lächelnd, als er dieser Erzählung seiner verstorbenen Eltern gedachte. Er hatte sie, solange Mama lebte, zu Weihnachten stets aufgesucht, die arme kinderreiche Familie. Seit Mutters Tode aber ... Na, du lieber Gott! Ein junger lebenslustiger Mann hat eben anderes zu tun! Heute aber, heute will er wieder erscheinen bei den armen Teufeln -- als Engel des Wohltuns! Als großmütiger Geber, ein Spender, ders tun kann!
Wie sie da schauen werden die beiden Alten und der Rudi, der Pepi, der Poldl, der Gustl, der Franzl und ... noch einer -- na! Ist gleich! Und die kleine Mizzi! Ja, das war wirklich ein herziger Schneck gewesen, das!
Schon stand er in einem »Basar«, Abteilung »Kinderspielsachen«. Puppen, Schaukelpferd, Trommel, Hampelmännlein, Wurstel und der lieben lustigen Dinge mehr, waren bald gewählt.
»Aushalten!« rief da Doktor Fritz plötzlich. »Aushalten!«
Verblüffte staunende fragende Blicke der dienenden »Feen«.
»Ich kann das alles nicht brauchen. Bitte etwas für -- Erwachsene!«
Er hatte in seinem schönen Eifer nämlich vergessen, daß die »armen Kleinen« mittlerweile ja auch groß geworden sein mußten -- »Rudi« und »Pepi« mußten sogar älter sein als er! Vielleicht auch der »Poldl«.
»O bitte sehr!« sagten die »Feen« und wiesen nach einer Glastür. Er trat ein und stand in der Abteilung für »Erwachsene«.
»Das geht ja wie im Märchen«, dachte sich Fritzburg. Rasch, nervös, ohne viel Bedenken wählte er.
»Aber Zigarren!«
»O bitte sehr!« sagte nun die »Königin« der »Feen« -- sie gefiel ihm! -- »Johann, holen Sie dem Herrn Zigarren von drüben!«
»Der Herr« unterhielt sich einstweilen in seiner eroberungslustigen und siegessicheren Weise mit der »Feenkönigin«.
»Jetzt aber einen Wagen!«
»O bitte sehr! Johann, besorgen Sie dem Herrn einen Wagen!«
»Fiaker? Komfortabla?«
»Alles eins!«
Der Doktor machte der »Feenkönigin« das Kompliment, daß sie nicht nur zaubern, sondern auch bezaubern könne. Und ehe der grinsende Johann mit dem Wagen erschien, hatte er ein Stelldichein erwirkt. Ja, er war eben »ein verfluchter Kerl!« Ihm konnte _keine_ widerstehn! Keine? Hm! Nun ja! Vor kurzem hatte ihn eine gründlich ablaufen lassen im Abenddämmer drüben im Stadtpark. Dumme Gans! Auch _die_ wird nachgeben müssen! Er hatte es sich in den Kopf gesetzt! Sie konnte ihm nicht auskommen -- er kannte ihren täglichen Weg.
Der Einspänner, den Johann »brachte«, trat ein und fragte:
»Is weit, gnä Herr? I bin um siemi bstöllt.«
»Weit? Himmel Herrgott! Wo wohnen denn diese Leut nur gschwind!«
»Ja i waß nit!« sagte der Rosselenker »feanzerisch«. Die Feen lächelten.
»No wirds?« fragte der Kutscher jetzt schon ungeduldig. Als dem verzweifelten Doktor noch immer keine Adresse einfiel, schnalzte der Fahrgewaltige laut mit der Zunge und sagte lakonisch: »Dann suachn S' Ihna an andarn! Wüha Bräunl!«
»Halt! Also fahrn ma halt!«
»Nach Nußdorf naus?«
»Na, ins nächste Kaffeehaus! Dort werd ich im »Lehmann« nachschaun.«
»Den »Lehmann!« Wohnungsadressen!« rief Doktor Fritzburg dem händereibenden Kellner im »nächsten Kaffeehause« zu.
»Schackerl, den »Lehmann!« Was belieben sonst?«
»Was Sie wollen!«
Der »Lehmann« kam.
»Ma -- Me -- Mi -- Mo -- Mü -- -- Müller!«
So! Zwei -- drei Spalten voll »Müller!«
Wie hieß jener Müller nur? Richtig, Josef! Zehn -- fünfzehn -- zwanzig »Josef Müller«!
»Daß der Unglücksmensch aber auch Müller heißen muß!« rief der gepeinigte »Wohltäter« halblaut vor sich hin und schlug mit der Faust auf die unglaublich vielen »Müller« ein.
»Was manan S' denn für an Müller, Herr Nachbar?«, fragte jetzt ein behäbiger Herr vom Nebentische sehr freundlich.
An der Tür erschien aber schon das unheimlich große runde blaurote Gesicht des ungeduldigen Einspänners.
»Gnä Herr, Zeit is! I vasam sunst mei bstöllte Fuahr!«
»Gleich! Gleich! Welchen Müller, fragen Sie? Ja, mein Gott! Sie kennen ihn ja doch nit!«
»No, sagn können Sies ja doh! Dös kost ja nix! I kenn nämli an Josef Müller.«
»Der, den ich meine, hat eine Menge Kinder: Rudi, Pepi, Poldl, Gustl, Franzl und ein Mäderl, Mizzi heißts.«
»Und a Frau, geltn S', a recht a riegelsame resche Frau, die nach jedn zehntn Wurt sagt: »No wia-r-i halt sag!«
»Ja, die is! Die ists!«
»Na, alsdann! Warum sagn S' denn dös nit glei?«
»Bitte, wo wohnt denn der Mann?«
»In Margaretn drentn, wo er schon seit dreißg Jahr wohnt. In der Gartengass'n Numaro 5.«
»A, richtig ja!«
»No also! An andersmal mirkn S' Ihna die Adreß von Ihnari Kundschaften besser!«
»Der Kerl schaut mich gar für einen Ladenschwengel an!« dachte der gute Doktor erheitert und doch ein wenig gekränkt. Seine Intelligenz war beleidigt worden.
»Fahr ma, gnä Herr?«
»Ja, fahr ma!«
»Nit amal bedankn kann si der Lackl!« rief ihm der gefällige Auskunftgeber laut und zornig nach.
Nun mußte der durch den Einspänner rasch hinausgedrängte »Wohltäter« hell auflachen. Mit Aufwand aller Beredsamkeit und Anpreisung eines »aber schon _sehr_ feinen Trinkgeldes« konnte er den brummigen Kutscher bewegen, noch vor einer Delikatessenhandlung stehn zu bleiben. Als sie endlich in der stillen Gartengasse anlangten, schneite es lustig.
Der Hausmeister erschien dienstbeflissen und half die schwere Menge »Packln« hinauftragen. _Hinauf?_ Ja, die Müllers wohnten jetzt im ersten Stock! »Na freilich, in so einem Haus kann man sich das schon leisten!« dachte Fritzburg etwas hochmütig. Als aber der durch das Trinkgeld geradezu liebenswürdig gemachte Hausmeister in das dunkle Vorzimmer hineinrief: »Gnä Frau! Gnä Frau! Es is wer kumma!«, war ihm das denn doch zu viel. Die ehemalige Köchin -- »gnä Frau!« Er hätte beinahe laut aufgelacht, hatte aber dazu keine Zeit finden können: durch die rasch aufgerissene Tür stürmte eine ziemlich groß gewachsene Frau auf ihn zu und drückte ihm mit dem hellfreudigen Rufe: »Grüaß di Gott, Gustl!« einige kräftige Küsse auf die Lippen, daß es nur so schmatzte.
»Aber Frau Müller! Was tun S' denn?«
»Jessas Maria! Wer is eppa denn?«
»Ich bins! Wissn S', der Fritzburg, der kleine Fritzerl aus der Maximilianstraße.«
»Was? Der klane Fritzl? Den i auf'n Händn tragn hab, und der allweil in Lutschl nöt mögn hat und allweil »Mima« statt »Mama« gsagt hat? Na wia-r-i halt sag!«
»Ja, der!«
»No, is aber dös liab von Ihna! Da muß i Ihna ja glei noh a Bußl gebn!«
»Halt! Sie zerbrechen mir ja alles! Da schaun S' her!«
Nun ging ein Fragen los, ein Bewundern und Verwundern, ein Lachen und Freudengeplapper, ein Gerührtsein und verzücktes Schluchzen. Das besorgte alles Frau Müller -- der gute Doktor brauchte bloß zu staunen, rang nach Atem und wünschte in Gottes Namen lieber bei der etwas weniger lebhaften Tante Hildegard zu sein oder wenigstens bei der »Pfeife«. Wie da loskommen?! Und wenn die andern auch so, so -- »lebhaft« wären! Du lieber Gott!
Um den Sturzbach ihrer Rede wenigstens abzulenken, fragte er nach den »Kindern«.
Da erfuhr er denn zu seinem sprachlosen Erstaunen, daß der »Rudi« nicht etwa ein armer Taglöhner oder Dienstmann, sondern -- Professor sei. Der habe ein recht liebes Frauerl, »das kan Stolz net kennt.« Der »Pepi« aber -- der Medizin-Doktor war, habe eine, die so »gar net zu uns paßt«. »Liawi Kinderln« aber hätten sie beide. Nur seien jene des Professors »so viel brav«, während die vom »Pepi« »grad tun, als warns die reinen Grafn«. Der käme auch seltener zu ihnen, der »Pepi«. Er tät schon mögn -- aber ... »Ja, mein Gott, a Doktor braucht a reichi Frau! No, wia-r-i halt sag!«
»Na und der Poldl -- der Leopold, wollt ich sagen?«
»Ja, der Poldl!« Die Mutteraugen leuchteten. Der sei Elektrotechniker, gut angestellt und so tüchtig, »daß 's a wahre Freud is.« Der Gustl hingegen sei Bahnbeamter -- und den habe sie eben jetzt erwartet. Er müsse jeden Augenblick kommen.
»Und der Franz?« fragte Fritzburg immer gespannter.
Der Franz war »Wasser-Inschenir« beim Magistrat -- »aa a ganz tüchtiger Kampl.«
»Und der -- wie heißt der kleine Jüngste?«
»Den Edi meinen S'?«
»Ja, den Edi! Richtig, Edi!«
»Ach der! Der macht uns wohl a kleins bißl Sorgen.«
»Ist er leicht gar mißraten?«
»A beilei! Aber a wengerl flott is er halt! Er is noh Student, wissn S' auf der Universität.«
»Na, das macht nix -- Ihre Kinder können gar nit schlecht sein!«
»Das is schon richti,« sagte Frau Müller einfach und seufzte leise auf. »Aber a Schlankl is der Edi doch -- wissn S', er tut dichten!«
»Aha! Deshalb!«
»Ja, die Dichter sein halt alle a weng »Lumpn« -- und dös fürcht i halt!«
»Aber Frau Müller! Und was ist es denn mit der Mizzi, der Ganz-Jüngsten?«
»Ja, die Mizzi! Ja, die Mizzi!«
Dem Herrn Ministerial-Vizesekretär wurde es förmlich warm ums Herz, als er das glückliche Mutterantlitz betrachtete, das lächelnde, das freudestrahlende Mutterangesicht. Wie lange, lange ists her, daß er nicht mehr in das liebe sanfte Angesicht seiner Mutter schaute? Ach ja!
»Was ist denn die?« fragte er warmfühlig.
»Die? Die ist Bürgerschullehrerin! Sie, Herr Doktor, die müssn S' sehn! Da wern S' schaun!«
»Ist sie so hübsch?«
»Ach was, »hübsch«! Pah -- »hübsch«! Eine Schönheit is 's! Marand Josef! I versünd mi ja grad! No wia-r-i halt sag!«
»Das is ka Sünd, Frau Müller. Und wissn S' -- schöne Mädls, die seh ich auch gern -- ja-a!«
»Glaubs schon. Aber das sag ich Ihnen glei: spassn laßt die Meine nit! Die waß, wers is!«
»I bin wirkli schon neugierig! Na, und was is 's denn eigentlich mitn »Herrn« Müller?«
Der sei jetzt »Pensionist«, wie der Professor immer lachend sage. Alle Kinder helfen zusammen, um den Eltern, die sich früher um sie gerackert und geplackt hätten, das Dasein so angenehm wie möglich zu machen. Die Schwiegertochter Anna, »in Professor sei liabs Frauerl« vergöttere ihre Schwiegermutter geradezu ... Jawohl!
Endlich kam der gute behäbige Müller nach Hause und endlich auch -- Mizzi. Als der Doktor die erblickte, gab es ihm einen »damischen Riß« -- das war ja jene eine Einzige, die ihn ablaufen ließ, als er ihr »nachstieg«, ihr »zusetzte« und endlich -- frech war mit ihr! Wie eine beleidigte Königin hatte sie sich damals vor ihm aufrichtet und ihn mit einer Gebärde und mit einem Blick abgewiesen, dem er gehorchen _mußte_.
Mizzi hatte draußen erfahren, welcher »Wohltäter« drinnen im Zimmer sei. Freudig trat sie über die Schwelle -- wie erstarrt stand sie vor dem rasch erkannten »galanten Herrn«.
Mit feinem Takte, den er bewundern mußte, verwischte aber das schöne stattliche Mädchen rasch das Peinliche der Lage und benahm sich den ganzen Abend wie eine »vollendete Dame«.
Es kam Gustl, der Eisenbahner, Edi, der Dichter, Poldl, der Elektrotechniker, und später auch der »Herr Professor«, ein fideles fesches Haus, wie alle andern. Mizzi spielte in wahrhaft künstlerischer Weise Klavier, Edi königlich die Geige und die anderen Brüder sangen, beinahe wie die Opernsänger. Lustig wars und so gemütlich, so anheimelnd, so ungezwungen harmlos, daß sich Fritz, als er spät nachts durch die stillen Straßen auf dem weißen weichen mondscheinbeglänzten Schneeteppich heimwärts duselte, mit Wehmut und Freude sagen mußte, so unbefangen frohe Stunden habe er schon lange nicht mehr erlebt -- so warm gemütliche aber wohl noch nie! Er kam sich innerlich so arm vor gegen diese heiteren prächtigen natürlichen Menschen. Und neben dem stolzen schönen Mädchen -- so klein, so unwichtig und ganz und gar unsicher.
Nächsten Tages aber war er auf Mizzi wütend. Es kam ihm zum Bewußtsein, wie herablassend milde sie ihn behandelte, wie vornehm nachsichtig -- ihn »den Wohltäter aus Laune und Langweile«. Als sie ihm dieses böse Wort sagte, lächelte ihr rosiger Mund, ihr großes leuchtendes Blauauge aber blickte ernst dabei, abweisend -- schier mitleidig!
Das verdroß ihn. Aber in seinem Innern wurde ein Sehnen wach. Und es wuchs mit jedem Tage und trieb ihn hinaus in die stille schmale Gasse, in der die alten kleinen Häuser neben modernen Zinskasernen so bescheiden traulich stehn -- steinerne Erinnerungen an das alte gemütliche Wien. Er log sich selbst vor, daß er ja nur Edi, den Dichter, besuchen wolle, »der wirklich ganz nette Sachen mache und die Geige spiele, wie nicht bald einer«. Tief verletzt durch des stolzen Mädchens vornehm abweisendes Wesen, ging er jedesmal mit dem festen Vorsatze davon, _niemals_ wieder zu kommen.
Alle Qualen der Eifersucht, all die bittere Pein des Verschmähten mußte er durchleiden. Edi, der Dichter, sah das lange mit an. Endlich -- es war an einem lauen Frühlingsabend -- sagte er zu dem älteren Freunde ernst:
»Ich sehe, du leidest durch sie. Aber glaub mir, du bist ihr nicht so gleichgültig, als sie tut. Ich kenne sie genau. Sie kann nur nicht die Ueberzeugung gewinnen, daß du _wirklich_ gut bist, daß du wohltätig sein könntest aus dir selbst heraus, kurz, sie hält dich für einen etwas seichten Menschen -- und die mag sie nicht. Ich rate dir: sei fest, mannhaft trotzig, zeig es ihr nicht, daß du leidest durch sie und gib dich ganz, wie du bist -- das heißt, streife alles Gemachte und Gezierte ab und schau in dich hinein, ob du wirklich ein ganzer Kerl bist -- ein ganzer _Mann_. Und lerne _arbeiten_! Dann kanns nicht fehlen!«
Diese Rede erfüllte ihn anfänglich mit geheimem Ingrimm. Der »junge Bursche«, der »grüne Junge«, wagte es, so zu ihm zu sprechen -- zu ihm, dem Ministerial-Vizesekretär! Er glaubte _herabgestiegen_ zu sein zu all diesen »Vorstadtsleuten« und fühlte mit jedem Tage mehr, daß sie _alle_ über ihm standen, daß selbst die beiden wackeren Alten trefflichere Menschen waren, als so manche aus der »feinen Gesellschaft«, in der er verkehrte.
Endlich gestand er sich das alles ehrlich ein. Und allgemach vollzog sich nun in ihm eine schöne tiefe Wandlung: er erlebte die Auferstehungsfreuden seines inneren Menschen. Und daraus erwuchs ihm die Kraft, um das prächtige warmherzige Mädchen ernstlich und mannesstolz zu ringen. Es war ein harter, für ihn oft verzweifelter Kampf, ein Kampf, der ihm die Seele, die darbende verarmte Seele, im tiefsten Grunde aufwühlte und läuterte. Endlich errang er sie. Es war am Weihnachtsabend, ein volles Jahr nach seinem ersten Besuche, als sie ihm als köstliches Weihnachtsgeschenk das Geständnis machte:
»_Seelisch_ gehöre ich dir längst an. Ich wäre aber _nie_ die Deine geworden, hätte ich gefunden, daß wir nicht zusammenpassen. Lieber hätt ich mit mir gerungen, lieber wär ich allein geblieben! Glaube mir, ich habe mit dir gelitten. Aber ich konnte dir die Qual nicht ersparen. Sie war notwendig!«
Ja, sie _war_ notwendig! Er hat dies nicht nur ihr zugestanden, sondern auch -- mir.
Am Wege.
Wie ist das gewesen? Wie ist das nur gewesen ... Weit, weit zurück wanderten seine Gedanken. Bis in die Tage der Jugend, in die sonnigen stillen, ach so schönen, schönen Tage der Jugend ...
Seine Hand glitt von dem liebreizenden Blondköpfchen des Wirtstöchterleins langsam herab. Und die Kleine, die ihm diese Erinnerungen in der Seele wachrief, so daß sie aufstanden wie aus langem Schlaf, die liebe Kleine sah scheu und großäugig zu ihm auf. Sah, wie sein Blick weltfremd in unfaßbare Fernen ging, und der lange angegraute Bart über seiner Brust seltsam zitterte. Da er sich nicht regen wollte, schlich sie langsam zur Tür. Dort schaute ihre scheue Hoffnung nochmals und wieder und wieder zurück. Endlich huschte sie hinaus. Und hatte sein vergessen.
Der Mann aber dort in der dunklen Ecke lauschte der Erinnerung. Und die sprach: So wars: die Lichter brannten noch auf dem kleinen Tannenbaum, da war sie herübergekommen aus dem großen Hause, das sie das Schloß nannten. War gekommen, so hold, so still und so scheu, wie vorhin da das blonde Wirtstöchterlein. Und vorher, wie oft, wie so oft war sie da gekommen zu ihm, dem großen Knaben, und hatte sich von ihm erzählen lassen von all den wundersamen Dingen, die seine dämmernde Kinderseele schaute und schuf. An jenem Weihnachtsabend aber war das ganz seltsam. Da kam sie so still und so feierlich. Und hatte ihn flüsternd gefragt: Weißt du, wo das Glück wohnt?
Er sah in die Ferne und sah bunte Märchenwelten aufsteigen. Dort, dort wohl wohnte das Glück. Wo denn wohl sonst? Sie aber sprach wieder leise: »Das Glück wohnt bei euch.« Da fielen die Märchenwelten in seiner Seele jäh in Nacht und Finsternis. Und er sah nach der kleinen blonden Freundin -- schier böse. »Wer, wer sagt dir das, Elsa? Wer sagt Dir das?«
Und von ihren Lippen kam es zaghaft: »Die Mutter.«
Wie sie das sagte damals! Ihre Seele weinte dabei. Und langsam, langsam stiegen aus den bangen Kinderherzen die Tränen in die großen scheuen Augen.
So war das damals. Und sie hatte geweint dabei. Hatte geweint, weil in ihrem großen schönen Hause das Glück nicht wohnte. Dort wohnte der Unfrieden. Auf leisen Sohlen schlich das Leid dort durch die vielen schönen Zimmer, wo so viel, o so unausdenkbar viel Glück und Freud' hätten wohnen können. So dachte er damals und war dem stolzen herrischen Manne gram, durch den die stille blasse Frau, der kleinen Freundin Mutter, so viel hatte erdulden müssen.
Und die, die hatte gesagt, bei ihnen, in ihrem kleinen Häuschen wohne das Glück. Der Knabe konnte das nicht fassen. Der Jüngling begriff's. Ja, das Glück wohnte bei ihnen, wohnte so lange ungetrübt bei ihnen, als der Vater lebte, und hatte ihm so lange ungetrübt geblüht, bis der Vater von drüben, der herrische Mann, zwischen ihn und Elsa getreten war. Stolz gab er ihm zu wissen: für so armer Leute Sohn sei ihm seine Tochter zu gut. Er solle lassen von ihr, wolle er nicht haben, daß er rauher käme als dies erste Mal -- es wäre denn, so fügte er spöttisch hinzu, er käme als reicher Mann wieder. Da rief der Trotz aus dem Jüngling: ja, das werde er! Er werde erst wiederkommen zu ihm, wenn er ihm ebenbürtig sei in den Stücken, die ihm, dem Geldstolzen, so über alles gingen. Er werde erst wiederkommen, bis er so reich, reicher sei als er selber.
Und so war er den Weg gegangen, den harten Weg, den der Bettelstudent gehn muß durch all die Lehrschulen, bis sie ihn reif erklärten für die Schule des Lebens. Das bescheinigten sie ihm mit dem Diplom eines Ingenieurs. Der Staat bot ihm eine bescheidene Stelle. Er schlug sie aus. Er mußte ja den Weg gehn, der zum Reichtum führt. Und der ist lang und hart und mühselig, ist ein Weg in die Irre, wenn nur immer die eigene Tüchtigkeit die Führerin ist und nicht auch das blinde Glück. Und so wanderte er. Und mit ihm wanderten treu und unverdrossen Sorge und Enttäuschung. Vor ihm her aber zogen immer Sehnsucht und Hoffnung. Und lockten und lockten. Immer wieder, immer und immer wieder.
Und zu Hause warteten sie. Mutter und Braut. Die stille blasse Frau im Schlosse drüben war zu müde geworden. Sie hatte nur auf den Tod gewartet. Den Erlöser. Weit, weit weg war er damals von der Heimat -- und viel, o viel weiter noch von seinem Ziele. Da endlich, endlich lächelte ihm das Glück. Weit draußen war's, in den Niederlanden. Und endlich, endlich gelang das Große, das Ersehnte: er konnte seiner Gesellschaft eine Erfindung zur Verfügung stellen, die einen Geldstrom in ihre Kassen lenkte und ihn selbst zum reichen Manne machte. Noch ließen sie ihn nicht frei. Noch mußte er an der Spitze des ins Riesenhafte gewachsenen Unternehmens bleiben. Erst wenn alles in den festen Bahnen strammer Ordnung und sicherer Gewöhnung sei, könne er frei werden. Kaum, daß sie ihn über die Weihnachtsfeiertage ziehen ließen. Seiner Sehnsucht nach ...
Verwundert blickte er um sich. Und traulich nicht -- schier fremd grüßte ihn die kleine dürftige Wirtsstube, die einstens den armen Bettelstudenten so froh gegrüßt hatte. Ein Fremder in der Heimat. Niemand kannte ihn. Und niemand sollt' ihn erkennen! Freude rief's in ihm und Trotz. Sie, sie sollten ihn zuerst begrüßen -- seine Berge! Und dann Mutter und Braut.
Da hörte er draußen in der großen Gaststube die Männer durcheinander sprechen. Dies und das. Nicht was sie sprachen, wollt' er erlauschen -- nur erfreuen wollt' er sich an der solange, lange entbehrten heimatlichen Mundart. Eben wollt' ihn diese Freude hinausziehen zu den Männern. Da hörte er einen sagen: »Also hat sie's halt auch dermacht, die alt' Brunnerin.« -- »Ja ja,« sagte drauf bedächtig ein anderer, »hab's schon g'hört. Gestern is verstorben. A recht a traurig's Weihnachten das.«
Da war der Mann drinnen bleich geworden. Sein Herz stand schier still. Er ging zu den Männern hinaus.
»Meint ihr die Frau Brunner drüben, die in Almau?«
»Dieselbige, wuhl.« Sie sahen erstaunt nach ihm.
Er aber warf den Pelz um seine Schultern und ging hastig zur Tür hinaus. Die Männer, die am Postschlitten arbeiteten, um die gebrochene Kufe wieder brauchbar zu machen, schauten ihm staunend nach. »Wird ihm halt doch die Zeit lang worden sein und er geht ein Stückerl voraus.« So meinten sie.