Chapter 5
»Kinder! Kinder!« Mehr brachte er nicht heraus. Dafür aber küßte er zum erstenmal in seinem Leben ganz aus eigenem Antriebe seine zitternde Thilde und auch den wahrhaftig mehr als erstaunt dreinblickenden Neffen.
»Ja und Amen! Meinen Segen, Kinder!« Und dann an der offenen Tür: »Mutter! Frau, Frau! Schnell kimm! 's Christkindl is da! A Verlobung hat's bracht! A Verlobung!«
Die Mutter kam jetzt sehr erhitzt herbeigerannt.
»Still sein jetzt!« befahl Schoißengeyer fröhlich. »Erst den Baum anzünden! Dann _red_ i!«
Man gehorchte. Aber merkwürdig kleinlaut machten sich die drei an die Arbeit. Und allen dreien zitterten die Hände. »Ja 's Glück! 's Glück!« dachte Herr Schoißengeyer und stellte sich mit sehr viel Selbstbewußtsein neben den im vollsten Lichterglanze prangenden Baum. Jetzt aber kam das Zittern an ihn. Ja das Reden! Es ist halt doch immer eine eigene Sache das! Er wischte sich die Stirn ab, räusperte sich und begann endlich:
»Alsdann, daß i's kurz mach: ihr seid's verlobt ...« Er stockte: Wie die Drei da wieder lächelten! Hm! Wenn die Angst lachen könnt, just so müßt sie lachen, dachte er. Dann aber rief er beleidigt:
»Na! I red nix mehr! Oes lachts mi ja aus alle miteinander!«
»Aber nein, Vater!« sagte jetzt Thilde mutig. »Wir lachn ja nur, weil -- weil ... Weißt Vater, weil _du uns_ zwei _verloben_ willst ...«
»_Uns_ zwei! _Uns_ zwei! Was sagst denn das so? Und is das was zum Lachen?«
»Aber ja! Natürlich, Vater! Wir zwei, wir sind ja nämlich schon längst -- verheiratet ...«
»Wa--as ...?«
»Ja, Vater! verzeih -- das ist nämlich _mein_ Eduard -- der Eduard Flemming, der Maler ...«
Herr Schoißengeyer sah Thilde sehr bedenklich an und machte dann, gegen die Mutter gewendet, eine Handbewegung nach der Stirn, als wollt er sagen: »Mir scheint!«
Frau Marie aber trat zu ihm hin und sagte sehr lieb und sehr befangen: »Ja, Toni -- es ist so, wie sie sagt.«
»Macht's kan dummen Spaß mit mir! Hört's! Der Hannes, mein Bruder hat doch gschriebn!«
»War einverstanden!«
»Und der Rudolf, in Eduard sein Vater?«
»War einverstanden!«
Jetzt kam der kritische Augenblick: Herr Schoißengeyer wollte wild werden. Da aber sank Thilde wie bei ihrer Heimkehr zu seinen Füßen und blickte stumm zu ihm auf. Und stumm flehten ihre großen dunklen Augen. Und Eduard -- tat das gleiche. Und die Mutter -- tat das gleiche.
Da lachte Herr Schoißengeyer laut auf. Das klang zunächst geradezu fürchterlich: zornig, wild wütend und so recht eigentlich wie ein lautes heulendes Weinen. Dann aber wurde er milder, und endlich rannen dem guten alten Selbstling wirklich die Tränen über die erst zornesbleichen, dann schamrot brennenden Wangen.
»Verzeih uns halt allen,« flehte Frau Marie gerührt. »Wir stehn nit früher auf.«
»In Gotts Nam. I kann ja nit anders!« -- Nun wurde _er_ in _eine_ Umarmung eingeschlossen von den glücklichen Dreien.
Thilde war die erste, die sich loslöste. In frauenhaft freudiger Erregung und liebevoller Eile huschte sie ins Nebenzimmer. In frauenhafter _Ruhe_ und leuchtender Glückseligkeit kehrte sie in wenigen Augenblicken wieder. In ihren Armen aber trug sie ein süßes Etwas, eingehüllt in eine duftige Wolke von Spitzen und Schleiern. Mit einem liebwarmen Blick nach dem Vater sagte sie voll holder Scheu und voll schlichten Stolzes:
»Vater, da schau her! Da bring ich dir -- 's Christkinderl! Wir habens erst heut kommen lassen.«
Herr Schoißengeyer beugte sich über die Wolke von Spitzen und Schleiern -- und sah ein rosiges Kinderangesichtchen.
»Um Gottes willen, was ist denn das?«
»Das ist unser Kinderl, Vater! Toni heißt's wie du -- ist aber ein Mäderl.«
»Was! A Kind habt's aa schon und i waß nix davon?«
»Ja, weißt Vater -- schau, was hätt's denn auch gnützt? Und dann -- sag's du, Eduard!«
»Ja, Vater, siehst, das war so. Grad damals hab ich mir dacht: so geht's nimmer weiter. Da muß was gschehn! Und da ist mir der ganze tolle Plan eingefallen, dich so im gutem, weißt ...«
»Herumzkriagn! Nit wahr? Den altn Dickschädl den! Wirst dir denkt habn.«
»_Denken_ kann man sich so etwas schon ... und du -- du darfst's auch sagen!«
»Hm! Du! Na wart nur! Hahaha! Das wird angfeucht! So was! Hohohaa! Aber schen war das von enk alle nit, daß ...«
»Ja mein Gott, Vater, schau! Wie anders wärn wir denn zum Ziel kommen auf gute Weis? Thilde tät sich noch immer die Augen ausweinen -- und jetzt ist sie glücklich! Und wir alle -- du auch! Leugne es nur nicht!«
»In Gotts Nam ja! Ich auch!«
An diesem Abend wurde wieder ausnahmsweise Rüdesheimer »angestochen« -- aber nicht bloß _eine_ Flasche. Und schließlich war es nicht der Rüdesheimer allein, der »angestochen« war.
Assistent Frickenberg.
Er hatte soeben ein Telegramm aufgenommen. Ein Privattelegramm. An sich selbst. Es brachte ihm sein moralisches Todesurteil, riß grausam die letzte feste Stütze um, auf der seine Daseinsfreude, sein ganzes Lebensglück noch ruhte: die Hoffnung. Die letzte schwache verzweifelnde Hoffnung ...
»Nein!«
Nichts sonst enthielt die Henkersdepesche.
Alle Freuden und Sorgen, aller Glücksjubel und all die Seelenqualen von der Rosendämmerzeit der Kindheit bis herauf zum blühenden frohbewußten Mannesalter, alles Licht seiner Seele, die Wärme seines Empfindens -- alles, alles war ausgelöscht, war zerstoben und begraben durch dieses eine kalte entsetzliche »Nein!«
Die Apparate klapperten unaufhörlich. Die Nadel der Bussole schwankte und pendelte. Langsam -- schneller; ermattend -- aufflackernd: der getreue Pulsschlag des regen funkenentsprungenen Lebens in dem weitgedehnten starren Drahtgespanne.
Mit jenem Blicke, der wohl sieht, aber nichts der Seele, nichts dem innen quellenden Leben vermittelt, sah er über die Ruhelose hinweg zu den hohen wunderlich gestalteten vielgezackten Felsenbergen empor. Sie standen schön und klar in herrlicher Winterpracht -- ein steingewordener launenhafter Schöpfergedanke. Und hinter den Bergen ein Winterabendhimmel mit seinen ersten flimmernden Glanzsternen und seinem blassen kalten Farbenzauber, der vom Sonnentode kündet und zugleich scheue Träume spinnt von kommenden Frühlingsfreuden ...
Er sah in die Stille des Abendhimmels empor. Und sein Auge blieb unbeweglich hangen an dem funkelnden Abendstern, der Venus. In ihm aber blieb es starr wie dort droben all die absonderlichen Zinnen und Zacken und Grate. Auch in seiner Seele tiefsten Tiefen war es Winter geworden -- und Nacht. Und keine Frühlingshoffnung durchwärmte sie -- keine Hoffnung auf den kommenden Tag ...
Sinnentot, hörte er kaum noch das nervenaufregende pochende und hämmernde ungeduldig-drängende und zornige Klappern der Apparate -- draußen aber das Lied, das fröhliche jubelnde, ihn unbewußt höhnende Lied, das klang an sein Ohr, dem lauschte er unwillkürlich. Es war ein schönes helles Frühlingslied -- jenes von Uhland, mit dem hoffnungsfrohen Verse: »Nun muß sich alles, alles wenden!« Es schien, als sänge unsichtbar, hoch vom Himmel hernieder, der Frühling selber der erstarrten Natur ein Trostliedlein, ein Lied der Hoffnung. Er kannte den Sänger und wußte: auch _der_ durfte hoffen. Auf ein großes, auf ein reiches allgesichertes Glück. Der dort draußen, der trägt sein Glück in sich, so tief, so lebenswarm, so weltendaseinsfroh, wie einst er selber ... Doch jener konnte sein Lieb heimatfreudig und besitzstolz in ein gesichertes Heim führen, er stand seelenruhig auf festem Grunde ... Und sein Lieb, es hatte alles was _sie_ hatte, die erst noch so Blühende -- sie, die jetzt drüben bleich und fiebernd liegt in dem unheimlich großen und fast leeren Zimmer mit seinen dunklen flüsternden Ecken -- alles: Seele, Herz, Gemütstiefe, Schönheit und frohen Sinn. Aber jene hatte auch reichlich, was die Seine nicht gehabt und auch er nicht: Geld ...
Sie setzten ihre Lebensfreude und ihre Hoffnungen, ihr ganzes stolzes Glückesträumen in den scheinbar festen sicheren Grund ihrer jungen großen Liebe -- und in ihre blühende Gesundheit. Aber dem gabenreifen fruchtersehnenden Boden fehlte der goldene fördernde und erhaltende Dünger: das Geld ... Und allmählich wucherten auf ihrem verdorrenden Lebensacker, dem Unkraute gleich, Sorgen und Kümmernisse. Und sie wuchsen und wuchsen und drängten die unbefangenen glücksfrohen Freuden zurück in die verschwiegensten Tiefen ihrer Seelen. Noch so jung, wußten sie beide schon, daß sie glücklich -- gewesen.
Und _er_, der hätte kommen können, um hilfefreudig alles zum Guten zu wenden, er, der mit vollen Händen tausendfach hätte geben können, was ihm fehlte -- er ließ durch den blitzesschnellen Funken sagen: »Nein!«
Durch ihr jungblühendes Liebesparadies war an der Seite der bleichen Not die Versuchung gezogen -- und hatte gesiegt! Und ihre mächtige Bundesgenossin war -- die Liebe ... Sie hatten gesiegt über Pflicht und Ehre ...
Dort hatte sie ihn hingedrängt, die bittere Not, dort zur Kasse. Und die Versuchung hatte sie geöffnet und gesprochen: »Nimm!« Und die Liebe flüsterte: »Um deines kranken Weibes willen, das stirbt, kannst Du ihm nicht bieten, was es haben _muß_!« Und sanft und zuversichtlich sprach -- es klang so seelenwärmend und zukunftssicher -- die Hoffnung: »_Er_ wird helfen! Er _muß_ helfen! Dem _Menschen_ muß er helfen als Mensch, will er auch nicht den Neffen retten als erzürnter starrköpfiger Oheim!«
Und der antwortete auf seinen Verzweiflungsbrief: »Nein!«
Er war also nicht bloß ein kleinlicher Starrkopf, der alte Soldat und reiche Gutsbesitzer, der dem Neffen gram war und ihn enterbte, weil er den »glänzenden« Waffenrock auszog und das geliebte geldarme, aber seelenreiche Mädel zu seinem Weibe machte: er war ein herzloser Geldmensch, ein Unmensch, grausamer als das Unrecht, unerbittlicher als der Haß ...
Und daß er, der hilflose Assistent, ein Besiegter war jener dunklen zwingenden Mächte -- es konnte täglich, es konnte stündlich entdeckt werden ... Und dann ...
»Herr Assistent, Sie werden gerufen ...« Es war der alte Stationsdiener Püregger, der ihn angesprochen hatte.
Frickenberg stand auf, langsam, unsicher, tastend, wie aus tiefem Rauschschlafe.
»Von wem?«
Der Alte zeigte schweigend auf den rufenden Apparat. Sprechen _konnte_ er nicht, der Blick seines Vorgesetzten, sein Aussehen -- es war zum Erbarmen! Einst freilich hatte er ihn nicht recht leiden mögen, den so leicht erregbaren, im Dienste unerbittlich strengen, kurzangebundenen jungen Herrn. Als er ihn aber vor einigen Wochen ungesehen beobachten konnte, wie er gestützten Hauptes dasaß und ein unbezwingliches Erschaudern, ein Weinkrampf schier seinen kräftigen Körper durchrüttelte -- da tat er ihm bitter leid. Und seither hatte er ihn auch lieb -- den Leidensgenossen! Den _jungen_ gebildeten Leidensgenossen, der so viel mehr und reicher denken konnte als er, der Alte, Ungebildete. Und _denken_! In Not und Gram und Kummer und Verzweiflung! O, er kannte das! Da kommen die stürmischen Qualgedanken und rütteln wie die siegessicheren Feinde an den Pforten der Vernunft oder schleichen sich wie Schlangen heran und zeigen verlockende Bilder gewaltsamer gesetzverpönter Selbsthilfe -- oder Bilder verzweifelnder Erlösung ... Es ist dann gerade, als tät' einer winken: »Komm, mach' schnell! Mach' ein Ende!« ... Ja, das kannte er, der stille Alte, der knorrige Graubart. Darum konnt er jetzt nicht sprechen, darum blieb sein tiefgefurchtes wetterzerrissenes Gesicht starr und unbeweglich.
Frickenberg setzte sich an den Apparat. Eine Flut ungeduldiger Worte des erregten Kollegen der nächsten größeren Station las er gedankenlos ab, _hörte_ sie förmlich mit der zornigen Stimme jenes wohlbekannten Erregten.
»Zug 17 kreuzt mit Zug 268 dort. Zug 3 fährt dem Zug 15 dort vor.«
Gewohnheitsgemäß spielte er auf dieses Diensttelegramm die üblichen Bestätigungen ab, trug die Depesche gewohnheitsgemäß in das »Telegraphen-Journal« ein -- dann klapperten die Apparate verdrossen weiter, die Bussolennadel zitterte, bebte, schwankte und pendelte. In ihm aber blieb es noch immer still. Seine Seele hörte nicht und empfand nicht.
Drei grelle Glockenschläge.
»Das Signal vom Achtundsechziger« sagte Püregger, um den in sich Versunkenen aufzumuntern.
Frickenberg stand auf, setzte die rote Kappe zurecht und schritt zur Tür.
»Den Mantel, Herr Assistent! Es ist sehr kalt draußen. Sie könnten sich leicht erkälten.«
»Und wenn ...?« Es zuckte über sein bleiches Gesicht -- es sollte wohl ein Lächeln sein. Dem Alten tat es im Herzen weh. Und des Beamten starrer Blick beunruhigte ihn. Er sah drein wie ein Betrunkener, wie einer, der nicht recht ...
Der Zug kam. Es wurde verschoben. Lange, unwillig. Es war ja so kalt und Weihnachtsabend. Frickenberg mahnte nicht, trieb nicht an, ließ alles gehn, wie es ging. Erstaunt sahen ihn die Zugbegleiter an. Was hatte er denn heute, der »schneidigste Assistent« der Strecke? Einer lächelte dem anderen verständnisinnig zu und wünschte sich selbst einen recht heißen, recht starken tiefen Trunk ...
Da kam die Zugmaschine wieder, glutäugig pustend und schnaubend, in hastiger Ungeduld und eingehüllt in eine wirbelnd wallende, jäh zerstiebende Dampfwolke. Und ihr voran auf den eisglitzernden Schienen lief ein glühend roter Schein, schlangenartig, züngelnd, nach ihm langend. Und er ging den zuckenden schillernden Schlangen entgegen -- es zog ihn widerwillig hin, unbezwinglich ... Wie im Zorn gellte die Lokomotive -- er wankte zurück. Drüben das matterleuchtete Fenster -- nein! _Jetzt_ nicht! Nicht ohne sie! Sie war ja bereit.
»Wenn es nicht anders geht, machen wir ein Ende.«
So sagte sie vergangene Nacht. Und nun war er am Ende ...
»Gehn ma?« fragte der Zugführer, auf die Uhr schauend.
Frickenberg nickte, zog seine Uhr hervor, verglich sie auch mit jener des Maschinführers und rief Püregger zu, das Signal zu geben.
Langsam kroch der schwere Zug die Steigung hinan. Die Wagenräder klirrten, rollten, kreischten, klapperten, sangen. Die mächtige Bergmaschine keuchte schwer und tief und sandte gewaltige Feuerwolken in die sinkende Dämmerung hinein. Hochauf flogen dicke weiße zitternde Ringe. Darunter wogte und wallte, quirlte und kreiste es und mengte sich ineinander blutig rot, gespenstig weiß und abscheulich schwarz -- vielgestaltig, blitzschnell wechselnd, phantastisch, dämonisch.
Frickenberg starrte auf das oft geschaute Bild hin, als sei es ihm etwas Neues, Fremdes. Und in ihm kam ein Gefühl auf, als drohte ein Unglück.
Kaum war der Signalwagen über den Ausfahrtswechsel, als zwei Glockenschläge die kalte dünne Luft durchzitterten, grell, hastig, drohend, wie schadenfroh jauchzend. Und wieder zwei und wieder -- das Signal für den Zug 17! Für den Personenzug, der hier in der Station mit dem eben ausfahrenden Güterzug kreuzen sollte und in der kürzesten Fahrzeit kam, da er verspätet war.
Die nahe unabsehbare Gefahr machte ihn rasch zum Herrn der verhängnisvollen Lage.
»Geben Sie »Alle Züge aufhalten!« rief er Püregger zu und entriß ihm die Laterne.
Dann rannte er schnellbeinig, kraftsicher dem Zuge nach. Er sprang über Wechsel hinweg, über Schienen und Schotter, über Gräben und Leitungsdrähte und schwang die Laterne in mächtigem Kreise -- das rettende Signal, das den Zug zurückrufen sollte, ehe es zu spät, ehe er das während des Verschiebens auf »Halt« gestellte Distanzsignal überfahren und in den tiefen, in scharfer Biegung liegenden Felseinschnitt kam -- dort war der Zusammenstoß unabwendbar. Er sah mit dem scharfen Auge des Verzweifelten im Dunkel den Stockmann auf seiner Bremse stehn -- mit dem Rücken gegen ihn. Nahm dieser Mann das Signal nicht auf, dann ... Er rief, schrie, pfiff, schwang unausgesetzt die Laterne, stürzte, eilte mit verletztem Knie weiter und weiter.
Die vereisten Schienen erschwerten glücklicherweise die Ausfahrt sehr und verlangsamten sie -- vielleicht erreicht der Zug nicht früher ... Nein! das nützte nichts! Dort droben stand das Distanzsignal -- und zeigte auf »Frei!« Frei für den einfahrenden Personenzug -- frei für den Siegeszug des Verhängnisses und des Todes ...
Eine Sekunde stand er wie gelähmt. Unversehens streifte seine Hand die Rocktasche. Ein rascher Griff, ein Blitz und scharfer lauter Knall -- der Revolver, der sein Erlöser werden sollte, war zum Retter geworden für all die Ahnungslosen in dem nahenden Zuge: der Stockmann hatte den Schuß gehört, wandte sich um, sah das hilfeheischende Signal, gab es weiter, sprang ab, lief vor -- und endlich, endlich schwankten die bedeutungsvollen Lichter den Zug entlang ... Eines -- zwei -- drei ... Schrill gelte der erlösende Pfiff der Lokomotive. Es klang wie ein Schreckensschrei. »Achtung! Bremsen an!«
»Zurück! zurück!«
Frickenberg stand, einen Fuß auf die Birne des Einfahrtswechsels gestützt, wie angewachsen, wie angefroren, so aufrecht, so starr und so bleich. Der lange Zug polterte an ihm vorbei auf das schützende Nebengleis.
»Was gibt's?« rief der Zugführer atemlos und machte große erschreckte Augen, vorwurfsvolle.
Frickenberg wies stumm nach der Höhe. Dort tauchten die roten Lichter der Personenzugs-Lokomotive auf. Ein scharfer warnender Pfiff und der heute ungewöhnlich lange Zug mit seinen zwei schnaubenden dampfenden Maschinen sauste und donnerte an Frickenberg vorbei in die Station.
Aus all den hellbeleuchteten Wagenfenstern sahen fröhlich lachende und plaudernde erwartungsungeduldige Menschen -- ahnungslose festfreudige Menschenkinder ...
Ein Grausen packte Frickenberg. Er sah sie unter rauchenden Trümmern liegen, die erst so Fröhlichen alle -- wimmernd, stöhnend, hilfeschreiend ... Und viele still -- tot ...
Püregger kam heran, steif und starr, das tiefgefurchte wetterbraune Antlitz leichenfahl ... Er war vorhin zum Apparat geeilt. Es fiel ihm das Signal nicht ein. Er suchte nach dem Buche das es enthielt, und fand es nicht. In seiner steigenden Angst und Verwirrung tat er den verhängnisvollen Griff, der das Distanzsignal wieder auf »Frei!« stellte, gab aufs Geratewohl ein auffallendes Glockenzeichen und wankte mit dem erdrückenden Bewußtsein, ein falsches gegeben zu haben, wieder hinaus.
Für Frickenberg war sein Erscheinen die lebendige Mahnung zur Erfüllung seiner Pflichten. Er kam ihnen nach, so gut es ging, fast wortlos, gewohnheitsmäßig, ohne Willkür. Er war wie erstarrt und glich noch mehr einer wandelnden Leiche als der alte Püregger.
Als der Zug voll heiterer Menschen draußen war, und er stumm den Lastzug mit seinem verdutzten und erschrockenen Personale abgefertigt hatte, kam der Stationsvorstand erregt auf ihn zu.
Was es gegeben habe?!
Frickenberg glotzte ihn an, ohne eine Miene zu verziehen, unfähig, ein Wort hervorzubringen.
»Herr, Sie sind besoffen!«
Der andere stand still, regungslos. Er hatte ja getrunken in den erregten Stunden der Erwartung jener Entscheidung, die schon nachts hätte kommen können, jede Stunde kommen mußte und immer nicht kam. Es waren Ewigkeiten des Erwartens und der Seelenmarter. Da trank er viel, sehr viel. Aber es griff ihn nicht an. Seine seelische Erregung war stärker als die geistige des Weines. Und jetzt war er wie gelähmt, wie ausgehöhlt im Innern.
»Ich ziehe Sie vom Dienste ab, Herr Assistent! Gehn Sie! Haben Sie mich verstanden?«
Er ging, wankte. Den Stationsplatz hinab _mußte_ er. Auch durch die Einfahrtshalle ... Von dort führte links ein dunkler Gang zu seiner Wohnung. Er wandte den Kopf zur Seite, schlich vorbei, auf die Straße hinaus -- den Rock offen, die rote Kappe tief im Genicke. Der Schnee knisterte und knirschte unter seinen Füßen. Ein leichter feiner Nebel lag über der Gegend. Und weithin spannen die bleichen Mondesstrahlen liebliche Träume. Weihnachtsträume, Weihnachtsmärchen. Er ging seinem Schatten nach, starrte ihn an, wie etwas Fremdes, Ungewöhnliches, bückte sich danach und schob sich mühsam wieder in die gerade Haltung. Dort vorn beim Magazine glitzerte und schimmerte etwas farbenmild im Mondscheine. Liegnitzer Ziegel. Schöne glatte kristallartige Bausteine ... Die gehörten dem, der heute das Frühlingslied in den Winterabend hineingesungen -- dem Glücklichen ... dem doppelt Reichen! Der wird sich im kommenden Frühjahre eine Villa bauen dort droben bei dem lauschigen Waldhange. Und in das schöne glitzernde Haus wird er sein trautes, mit Seele und Geld gesegnetes Liebchen einführen als glückliches geldsorgengefeites Weib. Eine schöne stattliche Villa mit Türmchen und Erker ...
Dort hinter dem Magazine stand eine Reihe Lastwagen. Er blieb stehn, lange, an das Gitter gelehnt, und lächelte seltsam. Die Geister des Weines wurden allgemach Herren über seinen Willen, über seine Sorgen und seine grausam überspannten Nerven ... Leuchtende Trugbilder stiegen vor ihm auf, lockende, beglückende ... Er sah in den Wagen dort _seine_ Ziegel und wollte sich ein Schloß erbauen, just über jener Villa, ein Schloß mit hohem schlankem Turm und einer flatternden Fahne darauf ... Dort wollte er stehn mit Frida, seinem Weibe, und singen -- so froh und hell, so jubelnd, wie jene dort unter ihm ... Jenes schöne liebe Frühlingslied ...
Als er schwankend weiter ging, die Hände auf dem Rücken, den Kopf gesenkt und ein geistlos-schalkhaftes Lächeln auf den Lippen -- da summte und tönte, jubelte und schmeichelte das Lied um ihn her, klangrein und lockend, glücksfroh und unablässig. Und sachte und eroberungslustig führten es die siegreich gewordenen Weingeister in seine leere unbehütete Seele. Aber schnell, wie ein Kind aus ödem finsterem Hause, sprang es über die verzerrten Lippen wieder zurück: in lauten heiseren Tönen störte es die Stille der heiligen Nacht und erstarb zitternd im raschen frostklaren Wiederklange ...
So kam er in den Ort. Leute erschienen neugierig an den christbaumschimmernden Fenstern, traten aber lachend oder geärgert und empört über die leichtfertige Störung wieder zurück. Manches harte Schimpfwort folgte ihm nach. Es mochte ihn ja niemand recht leiden im ganzen Orte. Er war so wortkarg, schloß sich niemand an und galt daher für stolz -- der Herr von Habenichts! Unaufgehalten kam er singend an das andere Ende des kleinen Ortes und wieder ins Freie. Ein schriller kurzer Pfiff machte ihn endlich verstummen. Er sah nach der Station hinüber. Dort hielt heute ausnahmsweise der Schnellzug.
Bei dem Anblicke der beleuchteten Wagenfenster überkam ihn ein plötzliches Angstgefühl. Er wurde sich dessen bewußt, wehrte sich dagegen und schritt steif, trotzig, gewaltsam aufrecht wie ein Volltrunkener, der flüchtig zum Bewußtsein seines Rausches kommt, die Straße entlang, leise vor sich hinpfeifend, ängstlich in die Ferne lauschend.
Wieder ein kurzer Pfiff dort drüben und ein namenloses Erschaudern in seiner furchtbezwungenen Seele. Fernher hörte er das Schnauben und Pusten des Zuges. Plötzlich verstummte es. Er wagte nicht, sich umzuschauen, und pfiff sein Liedchen lauter. Es nützte nichts: er hörte es kommen über den hartgefrorenen Schnee. Es huschte und sprang, es pfauchte und hauchte, griff aus mit langen hageren Beinen und langte nach ihm mit dürren gierigen Armen ... Er ging unbewußt schneller, lief, stürmte dahin wie ein Verfolgter, querfeldein, die Höhe hinan, dem Walde zu. Endlich stürzte er und blieb liegen in dem kalten knisternden Schnee. Der kühlte ihm die heiße schweißtriefende Stirne.
Wie er so dalag, sah er sich im Geiste als kleinen Knaben in fliegender Angst durch jene lange dunkle Allee jagen, durch die ihn die wilde Gespensterfurcht einst so oft in solch sinnlose wahnwitzige Flucht getrieben. Und er sah das liebe einsame düstere Vaterhaus mit seinen großen tönenden Hallen und seinen unheimlichen Kellerräumen, durch die nächtlich Geister schlichen. Um diese angsterzeugten Bilder schlossen sich und sammelten sich nun wieder die verwirrten Gedanken. Er mußte des Vaters gedenken, des wortkargen finsteren Mannes, und der lieben guten Mutter, des holden Sonnenscheines in jenem düsteren Hause, der Sonne seiner verträumten freudenarmen Jugend.