Weihnachtsabend

Part 9

Chapter 93,825 wordsPublic domain

Da meine Zeit sehr beschränkt ist, erwiderte Wilkau, und was zwischen uns und jeder Annäherung liegt, keinem Zweifel unterworfen sein kann, so muß ich nochmals bitten, mir zu erklären, was Sie bewegen kann, mich hier heimzusuchen.

Bei diesen Worten richtete sich Herzer auf und seine Augen erhielten einen stolzen Glanz. In der nächsten Minute aber war dieser erloschen und mit sanftem Tone sagte er: Was mich bewegen konnte, den Mann aufzusuchen, der einst der Freund meiner Jugend war, ja, der mir oft betheuert hat, daß nichts unsere Freundschaft trennen könne, das ist der innere Glaube an seine Redlichkeit.

Der Geheimrath unterdrückte die Antwort, welche er geben wollte. Ich würde bitten, sagte er, zur Sache zu kommen.

Wohlan denn, erwiderte Herzer, so möge was Freundschaft heißt schweigen und nur die Gerechtigkeit sprechen. Ich schulde dem Herrn von Gravenstein ein Kapital, das er plötzlich von mir zurückgefordert hat. Doch das Alles ist hier bekannt genug, fuhr er stockend fort, ich will nicht eindringen in die Beweggründe derjenigen, die ihm die übelste Meinung von mir beigebracht haben.

Das ist nicht meine Sache, rief Wilkau, die Stirn faltend.

Lassen wir es, sagte Herzer sanft. Ich soll dies Kapital zahlen, ich muß es schaffen. Ich habe einen Prozeß verloren, den ein gewissenloser Verwandter durch einen Eid gewonnen hat, welchen er niemals hätte leisten sollen.

Was geht das mich an, fiel der Geheimrath unruhig ein.

Ich habe Alles versucht ein verhärtetes Gewissen zu rühren, erwiderte der Fabrikant, und vielleicht würde es mir gelungen sein, wenn nicht auch dabei ein Einfluß sich geltend gemacht hätte, der in erbitterter Leidenschaft mich zu verderben sucht.

Das heißt ich -- ich bin damit gemeint! unterbrach ihn der Geheimrath mit Heftigkeit.

Wilkau! rief Herzer, beide Hände erhebend, wie weit ist es mit uns gekommen, daß ich so Dir gegenüber stehen muß.

Ich trage keine Schuld daran -- ich nicht! versetzte der große, hartblickende Mann. Ich weise jede perfide Andeutung von mir.

Ich läugne meinen Antheil an der Schuld nicht ab, erwiderte Herzer. Ich bin wohl zu heftig gewesen -- habe die Verhältnisse nicht richtig beurtheilt -- habe Dir zu strenge Vorwürfe gemacht, statt zu bedenken, daß wir Alle Nachsicht nöthig haben und Niemand ein Ketzerrichter sein soll über Glauben und Meinung seiner Brüder.

Ein leises Lächeln lief über Wilkau's Gesicht. Was kann oder soll ich denn thun? fragte er ruhiger.

Ich will Deine Verwendung in doppelter Art in Anspruch nehmen, sagte Herzer, und bitte Dich inständig darum. Herr von Gravenstein steht Dir so nahe, daß es nicht schwer für Dich sein kann, ihn zu bewegen, mir das Kapital nur auf ein Jahr noch zu lassen, oder doch auf ein halbes Jahr. Ich bin nicht ruinirt, aber bedrängt und verstrickt. Bei meinem Worte! dem Worte eines ehrlichen Mannes, er soll keinen Pfennig an mir verlieren.

Ich glaube kaum, erwiderte Wilkau, daß meine Verwendung etwas nützen kann.

Alfred hat mir erklärt, daß er einen letzten Termin gesetzt hat.

So ist es, in drei Tagen, am Weihnachtsabend, soll ich zahlen.

Was man nicht kann, sagte Wilkau, kann man eben nicht.

Ich muß es, wenn Gravenstein es fordert.

Du mußt? fragte der Geheimrath. Nachdem Du Deine kostbaren Vorräthe glücklich nach Hamburg geschafft hast, sollte ich meinen, eine Beschlagnahme, selbst wenn diese erfolgte, könnte Dich nicht so sehr beunruhigen.

Meine Ehre, die Ehre meines Sohnes bürgt dafür, erwiderte der Fabrikant, dessen Gesicht sich röthete.

Hat Gravenstein keine weitere Bürgschaft? fragte der Geheimrath.

Herzer hielt mühsam an sich, es kostete ihm sichtlich große Ueberwindung. -- Ich glaube, sagte er, daß Herr von Gravenstein nichts Besseres haben kann, als was er besitzt. Ich werde zahlen und muß zahlen, und wenn ich Alles hergeben soll, was noch mein ist; aber ich bitte Dich dringend, mir zu helfen.

Wenn Herr von Gravenstein wirklich so hart sein sollte, selbst gegen Deine Fürsprache, fuhr er dann fort, als Wilkau schwieg, -- aber nein! es ist nicht möglich -- doch wenn es so wäre, nun so giebt es vielleicht noch einen andern Weg. -- Daß ich betrogen worden bin von Zippelmann, hast Du früher oft mir selbst gesagt; daß er falsch geschworen hat, ist mir wenigstens so gewiß, wie die Sonne am Himmel steht. Du hast große Macht über ihn. Mein Gott! ich verlange nichts, als diese fünftausend Thaler, oder wenn es nicht anders sein kann, will ich sie als Darlehn betrachten, verzinsen, wieder bezahlen.

Er legte seine heiße Hand auf die kalten Hände des großen Mannes, und sah ihm bittend in das undurchdringliche Gesicht. -- Laß Dich bewegen, Wilkau, fuhr er mit bebender Stimme fort. Es wird mir schwer, unendlich schwer, aber vergieb und vergiß, was uns trennte. Um unsrer alten Freundschaft, um Recht und Gewissens willen weise mich nicht ab.

Hat nicht Dein Sohn Felix, Deine Tochter und Du selbst, habt Ihr nicht Alle schon jede Mine springen lassen, um Zippelmann dazu zu vermögen? fragte Wilkau grollend. Dein Sohn hat ihm Wechsel vorgelegt.

Er suchte einen Vergleich zu schließen.

Aber er hat zuletzt den alten Herrn auf's äußerste beleidigt, fuhr Wilkau fort.

Er hat ihm einen Wahrheitsspiegel vorgehalten, erwiderte Herzer.

Und wo sind die Wechsel geblieben? fragte der Geheimrath mit einem eigenthümlichen, scharfen Ausdruck, indem er dem Fabrikanten durchbohrend in's Gesicht sah.

Eine dunkle Röthe loderte darin auf und verwandelte sich dann plötzlich in ein fahles Grau. Ich verstehe Deine Frage nicht, antwortete er mühsam.

Es war eigentlich nur damit gefragt, ob Zippelmann die Wechsel nicht von Dir angenommen, ob er sich auf nichts eingelassen hat?

Auf nichts! wiederholte Herzer vor sich niederblickend.

Eine kleine Pause entstand. Es regte sich unter der Stirn des Geheimraths ein Gedanke, der siegreich aus seinen Augen glänzte. Er betrachtete den gebeugten Mann mit stolzer Genugthuung; dann wandte er sich um, durchschritt das Zimmer, lächelte vor sich hin und kehrte zurück, indem er dicht vor Herzer stehen blieb.

Ja, so weit ist es mit Dir gekommen, sagte er. Du, so stolz und unbiegsam, auch Du hast Dich endlich bekehrt und lernst einsehen, was es heißt, das Gute und Vernünftige verachten.

Ich bitte Dich, Wilkau, ich bitte Dich, sage mir, ob Du mir helfen willst, erwiderte Herzer, mühsam athmend.

Ich will allerdings, sprach der Angeredete, aber ich kann nicht anders als unter einer Bedingung.

Welche Bedingung? Du willst -- nenne sie! sagte der Fabrikant.

Du kennst meine Ueberzeugung, meine Stellung, meine Verhältnisse; Du weißt auch, wie Gravenstein denkt. Es ist Gewissenssache für uns, dem Gesinnungsgenossen zu helfen; für den Mann, der immer noch im Geruch steht, einer der thätigsten Förderer fortgesetzter Wühlereien zu sein, darf ich nichts thun.

Du meinst -- stammelte Herzer und fieberhafte Röthe lief über seine Stirn.

Ich meine, sagte Wilkau, Du sollst öffentlich Dich lossagen, Dich öffentlich zu uns bekennen.

Ich verstehe, murmelte der Fabrikant; o, ich verstehe!

Entschließe Dich, fuhr der Geheimrath fort. In diesem Falle will ich Gravenstein zu bestimmen suchen, will selbst versuchen, Zippelmann zu dem Vergleiche zu bewegen. Die Wechsel, ich sage die Wechsel, sollen acceptirt werden, und wenn Alles fehlschlagen sollte, will ich selbst mich verbürgen.

Schande und Schmach über mich; sprach Herzer mit erdrückter Stimme.

Schande so wenig als Schmach ist es, rief Wilkau, da zu stehen, wo ich stehe und so viele Ehrenmänner.

Mit einer heftigen Bewegung ergriff Herzer seinen Hut. Er richtete sich stolz auf, sah den Geheimrath durchdringend an und sagte ruhig: Du hast gewußt, was ich antworten muß. Du hättest nichts Besseres ersinnen können. Ich gehe und werde Dich nie mehr belästigen.

So geh! rief Wilkau ihm nach. Ich wußte es wohl, ein Mensch, wie Du, ist unverbesserlich und wird niemals klug werden!

Es mochte um die neunte Stunde sein, als Herzer in dem großen Wohnzimmer gedankenvoll auf dem Sopha saß, den Kopf auf seinen Arm gestützt. Er sah unverwandt in die Flamme der Lampe, welche auf dem Tisch brannte, und schien nicht auf die Klänge zu hören, die aus einer dämmernden Ecke des Zimmers kamen. Seine Tochter saß dort am Flügel und ließ ihre Empfindungen zu Tönen werden, welche bald in einzelnen klagenden Accorden, bald in einer Reihe melodischer Verbindungen sich bewegten.

Lange Zeit war zwischen den beiden Personen kein Wort gewechselt worden, bis Clara nach ihrem Vater umblickte, der aufgestanden war und die Hände auf den Rücken gelegt, mit großen Schritten hin und her ging.

Sein würdiges, ernstes Gesicht war sorgenvoll und unruhig. Zuweilen schüttelte er seinen ergrauten Kopf, und hob ihn lebhaft auf, als sei er unmuthig über seine Gedanken, wenn er aber in die Nähe des jungen Mädchens kam, nickte er ihr zu und betrachtete sie mit freundlichen Blicken.

Wo ist denn Felix? fragte er endlich, als er bemerkte, daß seine Tochter ihr Spiel eingestellt hatte.

Seit Nachmittag schon ist er fort und noch nicht wieder heimgekehrt, gab sie zur Antwort. Du bist betrübt, Vater?

Nicht über Dich, mein liebes Clärchen, erwiderte er, ihr die Hand auf die Stirn legend, indem er an dem Instrument stehen blieb.

Sie sah zu ihm auf und schlang die Arme um seinen Hals. Mein armer Vater, flüsterte sie zärtlich, Du bist so gut und wahr, und doch so verfolgt vom Mißgeschick.

Das ist der Lauf der Welt, mein Kind, sagte Herzer. Kein wilderes Thier als der Mensch; kein grausameres, wenn es gilt, den Nebenmenschen zu hassen, zu höhnen und zu quälen.

Du bist bei Wilkau gewesen, fuhr sie fort. Ich habe Dich nicht gefragt. Felix hat es auch nicht gethan, wir wußten Beide, daß es ein unglücklicher Versuch war.

Vergessen wir es, rief der Fabrikant. Vergessen wir ihn, ich will alle diese Versuche aufgeben.

Und Alfred von Gravenstein hast Du auch gesprochen?

Nein, sagte Herzer, was kann es nützen. Er ist verlobt mit der eitlen leichtsinnigen Elise, er ist ihr willenloses Geschöpf.

Schmähe ihn nicht, Vater, fiel Clara lächelnd ein, dieser Gravenstein hat wenigstens doch ein menschliches Rühren gezeigt.

Ah, Felix! rief Herzer, indem er sich zur Thür umwandte, durch welche sein Sohn hereintrat, wo bist Du gewesen?

Auf der Jagd nach armen Seelen, lachte der junge Mann, oder was diesmal Eines und dasselbe ist, auf der Königsjagd.

Clara faßte ihren übermüthigen Bruder am Arm und sagte im tiefsten Tone: Sie begleiten mich auf der Stelle; Ihre verbrecherischen Aeußerungen müssen näher untersucht werden. Königsjagd! arme Seelen! Hochverrath, Aufruhr, Mord! Fort mit ihm!

Wie, mein Schwesterchen, sind das Reminiscenzen? rief Felix. Aber thue, was Du willst, ich werde mich glänzend vertheidigen. Wer kann mir Mangel an Patriotismus vorwerfen, wenn ich mir die erdenklichste Mühe gebe um fünftausend Mal das Bildniß des geliebten Landesvaters zu besitzen.

Und wenn ich nicht irre, sagte Clara, so beweist Deine übermüthige Laune, daß Du begründete Hoffnungen hast, diese patriotische Liebhaberei belohnt zu sehen.

Gott sei Dank, ja! erwiderte Felix vergnügt, indem er sich in einen Stuhl warf, es ist mir gelungen. Ich habe die Zusicherung eines achtbaren Mannes erhalten, der mein Freund und Agent für ein großes Haus ist. Er sah ein, daß unsere Lage keinesweges gefährlich sei; ich vertraute mich ihm an, erzählte ihm den ganzen Handel von Schufterei und Erbärmlichkeit und erhielt die Zusicherung, daß er auf ihn gezogene Wechsel auf vier Monate laufend, im Belang von 5000 Thalern annehmen werde.

Wir sind also glücklich aus der Klemme, fuhr er fort. Diese Papiere lassen sich leicht verkaufen, und Gravenstein soll übermorgen sein Geld haben. Ein hübscher Weihnachtsabend wird es für den jungen Herrn sein, wenn er damit der reizenden Braut alle Gelüste ihres Herzens erfüllen kann. -- O! sie wird ihn mit den zärtlichsten Blicken belohnen, sie wird so geistreich und liebenswürdig sein -- bah! fort damit, unterbrach er sich dann, genug wir werden von der ganzen Plage befreit werden und haben nur zu sorgen, daß wir in vier Monaten unsere Pflicht erfüllen, was so schwer nicht sein wird.

Armer Felix, sagte Clara, ganz vergessen hast Du noch nicht, was einst ein schöner Traum Deines Lebens war.

Man vergißt nie den Schmerz um Täuschungen, erwiderte er, und es ist so leicht, getäuscht zu werden. -- Siehst Du, Clara, es gab eine Zeit, wo ich Elisen gläubig verehrte und beinahe so lieb hatte, wie ich Dich habe. Ohne ausgesprochene Worte war ich mir meines Glückes bewußt. Aber diese schönen Tage währten nicht lange. Auch ohne die Zerwürfnisse der Väter wäre der letzte gekommen, denn ich sah bald ein, daß ich der Rechte nicht sei. Meine Einfachheit trat ihren Wünschen und Neigungen zu grell entgegen, ich wurde mit jedem Tage unmöglicher; ich war ein formloser, roher, ungehobelter Bursch, der überall mit der Thür ins Haus fiel, und nun gar, als der Sturm losbrach und mein Bart wuchs! Er lachte auf, indem er die Fülle seines Haares zerzauste. Nein, sagte er dann, das Gleiche zum Gleichen, das ist das richtige Rechenexempel des Lebens. Der Junker paßt zum Fräulein, mögen sie glücklich sein, ich wünsche es ihnen von Herzen.

Sie werden sich gegenseitig betrügen, sprach Herzer vor sich hin.

Wer weiß, rief Felix. Gravenstein ist ein stolzer, straffer Mann, beschränkt in seinen Vorurtheilen, dennoch ein Mann von Ehre in seiner Art, der streng hält, was er verspricht, aber von seinem Schuldner wie von seiner Frau ganz dasselbe fordert.

Sage mir doch, fragte der Vater sich an den Sohn wendend, welche Mittel waren es denn, durch welche Du ihn bewegt hast, uns Geduld zu schenken?

Mittel, Vater? erwiderte Felix, weiß es Gott! meine Mittel waren gering genug. Ich stellte ihm unsere Lage vor, bat ihn mit Offenheit daran zu glauben, daß wir pünktlich zahlen würden, und daß er sein Geld am zehnten Tage spätestens haben sollte, was ich mit meinem Worte verbürgte.

Mit weiter nichts? fragte Herzer.

Vater! rief der Sohn lebhaft betroffen. Ihre Augen begegneten sich, es entstand eine Stille. Unruhe oder Mißmuth schickten ihre Schatten über das Gesicht des jungen Mannes. Plötzlich aber erhellten sich seine Züge wieder und mit der unbesorgten Ruhe und Heiterkeit, die der Grundton seines Wesens zu sein schien, sagte er: Besorge nichts, Du hast nicht den geringsten Grund, besorgt zu sein. Gravenstein hat mir zugesichert, bis übermorgen zu warten, ich werde halten, was ich übernommen habe. Alles löst sich daher, wie es sein muß; am Weihnachtsabend aber wollen wir einen funkelnden Christbaum aufrichten, und dankbar an den denken, der geboren wurde, um von den Pharisäern gekreuzigt zu werden, dieweil wir ihnen glücklich entrannen.

Herzer schwieg zu dieser Erwiderung. Sein Auge ruhte noch eine Minute lang auf seinem Sohne, der etwas in sein Taschenbuch schrieb, dann schien er seine Gedanken mit einem Entschluß von sich abzuthun, denn seine Mienen hellten sich auf und lächelnd reichte er Felix die Hand. -- Ich weiß, sagte er, daß Du verständig und tüchtig bist, daß Dein Rechtsgefühl und Deine Ehre immer an dem richtigen Platz stehen. Meine Kinder! Ihr seid ja mein einziges Gut. In dieser trüben Zeit fühle ich erst recht, was es heißt, von meinen Kindern geliebt und getröstet zu sein.

Nach einem herzlichen Familiengespräch über Mancherlei, was das häusliche Leben betraf, wurde der Abendtisch bereitet und mit wirthlicher Anstelligkeit von Clara versorgt. Man sah, wie geläufig ihr die kleinen Mühen waren, wie sich alles schickte, was sie angriff und wie sorgsam und mit ordnender Hand sie dies Hauswesen leitete. Im schwarzen Kleide, das zierliche Häubchen auf dem dunklen Haar, sah sie wie eine blühende junge Frau aus, was endlich auch der Vater in seiner Freudigkeit aussprach und weitere Scherze daran knüpfte.

Was mich zumeist freut, sagte er, ist, daß ich Dich noch habe, mein Clärchen; daß noch Keiner gekommen ist, den Du lieber hättest als mich, und um den Du den alten Vater verlassen möchtest.

Nie werde ich Dich verlassen, erwiderte sie.

O! sage das nicht, Kind, fuhr er fort, das Schicksal könnte Dich beim Wort nehmen, wie es gern zu thun pflegt. Ein Mädchen soll ja auch Vater und Mutter verlassen, um mit dem Manne zu gehen, den ihr Herz gewählt hat, und so thöricht bin ich nicht, um nicht zu wissen, daß es so sein muß.

Ich werde mit Keinem ziehen! sagte Clara lächelnd.

Ei was! rief Herzer, Du willst doch nicht sitzen bleiben? Du bist freilich nicht so, wie Andere, nicht so, wie Fräulein Elise zum Beispiel, sehnst Dich nicht danach, von jungen Herren umtänzelt zu sein und heute dem, morgen jenem zu gefallen, bis Einer an der Leimruthe fest klebt.

Nun, fiel Felix lachend ein, die Leimruthe ist doch so übel nicht. Alfred von Gravenstein ist ein Vogel, den Viele gern gefangen hätten.

Er will Dich necken, Clara, sagte der Vater, als ob der blondhaarige, finsterblickende Baron Dir Neid einflößen könnte.

Felix weiß wohl, daß es nicht der Fall ist, erwiderte Clara.

Und ich weiß es vielleicht noch besser, rief Herzer, denn eine Seele wie die Deine kennt weder den Neid, noch wird sie sich von falschem Schimmer blenden und betrügen lassen.

Auch die reinste und edelste Seele kann getäuscht und betrogen werden, sagte Felix, indem er ernsthaft auf seinen Teller blickte. Giebt es nicht viele Fälle, wo die heiligsten Schwüre gebrochen, die Neigung eines liebenden Herzens mit nichtswürdigem Verrath vergolten wurde?

Es giebt allerdings solche Fälle, sagte Herzer, aber immer sind es schwache, eitle oder leidenschaftliche Mädchen, die sich an einen Mann hängen, dem sie blind vertrauen, der ihrem Hochmuth oder ihren sinnlichen Begehren schmeichelt, und dessen Falschheit sie erliegen, weil sie es kaum besser verdienen.

Du urtheilst sehr hart, sagte Clara ruhig zu ihm hinblickend.

Das ist mein Stolz, fuhr der Vater fort, daß ich nicht so über Dich zu urtheilen habe. Du kannst nicht betrogen und verrathen werden; Du würdest mit Deiner freien, muthigen und klaren Erkenntniß der Verhältnisse und Menschen Dich nicht von einem Manne berücken lassen, der Deiner nicht werth wäre.

Mir fällt eben eine Geschichte ein, die ich vor einiger Zeit gehört habe, sprach Felix. Ein schönes und liebenswürdiges Mädchen lernt einen jungen Mann kennen, der sich viele Mühe giebt, ihr zu gefallen. Sie trifft ihn in gesellschaftlichen Kreisen. Er ist geistvoll, schwärmt für alles Schöne und Edle, aber seine Verhältnisse zwingen ihn, sich vorsichtig zu benehmen; denn sein Vater ist ein hoher Staatsbeamter, er hängt von ihm ab, und hat nur Aussicht, Unabhängigkeit und Stellung zu gewinnen, wenn er seine wahre Meinung verbirgt.

Er heuchelte also, wie es Viele thun! sagte der Fabrikant.

Das Mädchen glaubt ihm und seinen Gründen, fuhr Felix fort. Sie verbirgt dem strenggesinnten Vater ihre Neigung und ihre Zusammenkünfte. Sie hofft, daß sich bald die Verhältnisse ändern, daß die Freiheit wiederkehren und ihr Geliebter dann glänzend hervortreten werde.

Die Thörin! rief Herzer, habe ich nicht Recht?

Statt dessen aber befestigt sich die Reaktion und geht weiter. Der junge Herr ist klug genug dies zu erkennen; er hört auch, daß das Mädchen, die er für reich gehalten, es nicht ist, weil ihr Vater viel verloren hat. Von jetzt an faßt er seine Entschlüsse. Er bemüht sich der Regierung seinen Eifer und seine Ergebenheit zu bezeigen, und was die junge Dame anbelangt, so macht er die nichtswürdigsten Versuche ihre Liebe zu benutzen, um sie zu entehren und dann zu verlassen.

Was ihm natürlich auch gelungen ist, fiel Herzer ein.

Was ihm nicht gelungen ist, sagte Clara sich aufrichtend.

Ihr Gesicht hatte sich geröthet, ihre Augen glänzten vor Bewegung, sie blickte ihren Vater lange und fest an, der langsam die Hände faltete und mit Gewalt zusammenpreßte.

Du kennst diese Geschichte also auch? fragte er.

Ich kenne sie genau, erwiderte Clara. Sie verhält sich ganz so, wie Felix sie erzählte.

Eine lange Pause folgte, endlich stand Herzer vom Tische auf und trocknete sich die Stirn. -- Was ich thöricht bin, sagte er lächelnd, ich könnte mich fast vor Eurer Geschichte ängstigen, weil ich mir den Gram und Zorn des Mannes vorstelle, der solche Noth an seinen Kindern erlebt. O! man kann Vieles an Kindern erleben, viel Freude und viel Leid, aber laßt uns nur an die Freude denken. Meine Sorge ist Euer Glück, mein ganzes Herz ist voll Sehnsucht, Euch glücklich zu wissen, und kein Opfer wäre mir zu groß, wenn ich wüßte, daß eine Gefahr Euch bedrohte und ich könnte sie abwenden.

Mit seiner linken Hand umfaßte er die Tochter, die Rechte reichte er seinem Sohne. Dann küßte er Clara's Stirn und sagte mit Heiterkeit: Man muß sich oft vor seinen eigenen Gedanken hüten, die unsere ärgsten Feinde sein können. Ich habe noch Einiges zu arbeiten und bin müde, zwei Dinge, die sich schlecht vertragen. Geht also für heut, und gute Nacht. In einer Stunde denke ich auch zu schlafen; morgen aber wollen wir sogleich Dein Wechselgeschäft ordnen und je eher je lieber Gravenstein befriedigen.

Er zündete ein Licht an und ging aus dem Zimmer in das Comptoir. Felix blieb bei seiner Schwester am Tische sitzen, ihre Hand ruhte in seiner Hand. Er verfolgte mit seinen Augen ihre Blicke mit rührender Besorgniß und Zärtlichkeit. Dann streichelte er ihre Stirn, legte den Arm um sie und betrachtete sie wieder, bis er seinen eigenen Gedanken nachging, die ihn in lange Betrachtungen versenkten. Es währte geraume Zeit, ehe ein Wort gewechselt wurde. Was ahnet er? sagte der junge Mann endlich vor sich hin.

Ich glaube Alles! antwortete Clara leise.

Alles! wiederholte er auffahrend, nein! nein! Aber, bei Gott, Clara! es liegt Etwas auf meiner Brust, was ich fort wünschte. Zum erstenmale in meinem Leben habe ich die Augen nicht aufschlagen können vor meinem Vater, und doch habe ich nichts gethan, dessen ich mich schämen müßte.

Was ist es also? fragte Clara.

Still! sagte er, frage mich nicht. Ich wollte, ich schwämme auf dem blauen Wasser und Du säßest dort bei mir, ich wollte es Dir erzählen. Sagtest Du nicht heut, daß Du mir etwas mittheilen wolltest?

Clara besann sich einige Augenblicke und schüttelte dann lächelnd den Kopf. Es ist nichts, sagte sie.

So schlaf, mein Clärchen, und behüt' dich Gott!

Gute Nacht, mein geliebter Bruder, erwiderte sie. -- Die Geschwister umarmten sich zärtlich, dann entfernte sich Felix, und das junge Mädchen war allein.

Sie hörte aufmerksam auf die Schritte ihres Bruders, der den Vorsaal öffnete und die Treppe hinaufstieg, dann blieb sie an der Thür zum Comptoir stehen, klopfte endlich an und legte die Hand auf den Drücker, als sie keine Antwort erhielt. Aber sie überzeugte sich sogleich, daß ihr Vater diesen Ort der Arbeit schon mit der Ruhe seines Zimmers vertauscht habe, und schob nun die Riegel vor, indem sie zugleich den Schlüssel umdrehte.

Clara war jetzt sicher, ungestört allein zu sein, und ohne Zweifel suchte sie sich vor jeder Ueberraschung zu behüten; aber Alles, was sie vor hatte, erweckte ihr keine Unruhe. Sie schien jeden Schritt vorher überlegt zu haben, den sie ohne Zaudern jetzt ausführte.

Nachdem alle Thüren verschlossen waren, ging sie aus dem großen Zimmer in ein finsteres Nebengemach und aus diesem in ein drittes. Nach einigen Minuten kam sie zurück, einen dunkeln weiten Mantel über dem Arme und eine Kappe in der Hand. Sie legte Beides auf einen Stuhl in der Ecke, setzte sich dann an den Tisch und zog aus einem Körbchen eine Häkelarbeit hervor, deren buntes Farbengemisch, verschlungen mit blitzenden Stahl- und Goldperlen, sie eine Zeit lang beschäftigte. -- Nur zuweilen hielt sie einen Augenblick ein, um nach der großen Stutzuhr hinüber zu schauen, die auf dem Pfeilertisch stand; endlich aber ließ sie die Hände sinken und neigte ihr schönes weißes Gesicht tief nieder, um es mit dem Ausdruck stolzer Entschlossenheit wieder zu erheben.