Weihnachtsabend

Part 8

Chapter 83,820 wordsPublic domain

Bald waren sie im lebhaften Gewühl der spazierenden feinen Welt. Man flüsterte, man fragte, man erzählte sich um sie her von ihr. Es fanden sich Bekannte und Freunde. Endlich war die Eisbahn erreicht, und eine Stunde lang schwebte Elise unter lebhafter Theilnahme der Zuschauer, die ihre Gläser auf sie richteten, auf und nieder. Alfred sah verdüstert und geärgert zu; er wußte, wie ungeübt er war. Dafür fand sich der Assessor Stephani ein, der ein vollendeter Meister der Kunst, durch seine Leistungen allgemeine Bewunderung erregte, und an dessen Hand und Begleitung Elise den Ruhm theilte.

Der Geheimrath hatte seinen Wagen bestellt, in dessen behaglichem Raume endlich die Familie zurück fuhr. Alfred hatte keine Zeit mißlaunt zu sein. Seine Abneigung gegen die Eisbahn war nun zum Schweigen gebracht, der lächelnden, entzückten Braut gegenüber. Er fand gerechtfertigt was Wilkau darüber gesagt hatte, fand es nöthig, daß ein Bräutigam gefällig sein und billig überhaupt, daß man nicht Anderer Freuden störe, sondern im Beisammenleben sich schicke. Er war daher heiter und stimmte den Versicherungen der Geheimräthin bei, daß nicht eine Dame von Allen sich mit Elise messen könnte, die Kunststücke des Assessor Stephani aber wahrhaft erstaunenswürdig seien.

Nun, wenn sie für weiter nichts gut sind, sagte der Geheimrath, so haben sie uns doch jedenfalls frischen Appetit verschafft. Es wird uns, wie ich denke, erstaunungswürdig schmecken, darum so schnell als möglich an den Tisch. Ich komme sogleich nach, keine Minute sollt Ihr auf mich warten.

Er blieb bei diesen Worten stehen, um mit seinem Kutscher zu sprechen. Die Anderen stiegen die Treppe hinauf. Dann kehrte Herr von Wilkau zurück, horchte einen Augenblick auf das Zufallen der großen Glasthür an seiner Wohnung und wandte sich plötzlich, um bei Herrn Zippelmann zu klingeln.

Nach kurzer Zeit schob der würdige Rentier in eigener Person die Riegel zurück, nickte grinsend mit dem langen Kopfe, den er zur Thürspalte heraussteckte, und faßte dann schweigend die Hand des Geheimraths, den er in sein Zimmer führte.

Nur eine einzige Frage, sagte dieser, meine Familie erwartet mich. Sagen Sie mir, liebster Zippelmann, wie groß war doch die Summe, welche Herzer betrügerisch von Ihnen forderte?

Eigentlich, erwiderte Herr Zippelmann, wollte er etwas über 9000 Thaler von mir erpressen, er setzte jedoch in dem Vergleich, den er mir zuletzt anbot, die Summe auf 6000 Thaler herunter. Hehe! stellen Sie sich vor, er setzte sie herunter, nachdem ich den Prozeß gewonnen hatte. Ist es nicht ein Einfaltspinsel? Es ist gerade so wie mit der deutschen Einheit. Als Alles verloren war, boten sie die Kaiserkrone aus und wollten die durchaus noch an den Mann bringen. Es ist doch sonderbar, was ich überall für Aehnlichkeiten herausfinde. Was sagen sie dazu, Geheimrath? Hehe! ist es nicht so?

Und wann hat er Ihnen zuletzt den Vorschlag gemacht? fragte Wilkau.

Zuletzt? sagte Herr Zippelmann. I Gott alle Tage, erst heute wieder. Neulich wollte der Bengel, der Felix, mich mit Gewalt bereden, Wechsel zu unterschreiben, Alles fix und fertig gemacht, sechs Monate nach Dato, brauchte nur die Feder einzutunken. Hehe! blos einzutunken. Er hat geredet wie mit feurigen Zungen, und endlich geschimpft und geflucht -- gerade so wie bei der deutschen Einheit in Frankfurt die Vaterlandsretter. Erst Redlichkeit, Ehre, Seelengröße, Glück und Eintracht bis in den Himmel erhoben, aber wie das nichts half: Fluch allen Fürsten, Diplomaten, Kabinetten, Dynastien und deren Ehrgeiz, Engherzigkeit, Kniffen und Ränken, weil sie sich nicht berauben lassen wollten. Hehe! es war eine Lust, den Burschen anzuhören.

Und heut haben Sie Besuch von seiner Schwester gehabt, fiel der Geheimrath ein. Ich habe sie gesehen; sie kam ohne Zweifel in derselben Absicht.

Genau so, rief Herr Zippelmann; immer dieselbe Mine, um mein Herz in die Luft zu sprengen. Hehe! wenn ich einige Jahre jünger wäre, stände ich für nichts.

Sie haben doch nichts zugestanden? fragte Wilkau.

Gott bewahre! betheuerte der Rentier. Was das anbelangt, bin ich so konsequent wie Schwarzenberg und Nikolaus. -- Aber was haben Sie mir Neues mitzutheilen?

Warten Sie noch kurze Zeit, theuerster Freund, sagte der Geheimrath, Sie sollen merkwürdige Dinge hören. Für jetzt muß ich fort, nur darum bitte ich Sie, lassen Sie sich auf keinen Fall mit Herzer ein.

Einlassen! ich? erwiderte Herr Zippelmann, ihn zur Thüre begleitend. Hehe! ich wollte, daß ich ihn aufhängen lassen könnte.

Am Abende, als Lampen- und Lichtschein aus allen großen und kleinen Fenstern schimmerten, saß auch Anton Mertens neben seiner Frau an dem kleinen Tische hinter der Glaskugel, und Beide arbeiteten so fleißig, wie damals in der Nacht, wo sie das Abenteuer erlebten.

Sie dachten auch Beide wohl daran, aber sie sprachen kein Wort. -- Der Schuhmacher sah ernsthaft auf seine Arbeit, es lag ein Aerger oder ein Kummer in seinem Gesicht. Er kniff Augen und Lippen zusammen und ließ sein langes Haar unbehindert über die Stirn fallen.

Nach geraumer Zeit fragte die Frau freundlich: Was ist Dir denn, Anton? Den ganzen Tag hast Du gebrummt und kein Wort erzählt, wie es Dir gestern im Verein gefallen hat und wie es Dir gegangen ist. Ich habe auch nicht weiter fragen wollen.

Oh! sagte er ingrimmig, gut, sehr gut ist es mir gegangen. Prächtige Musik, Concert, Gesang dazu. Geputzte Damen waren da, Herren auch, Dein Freund, der Professor obenan.

Mein Freund, der Professor! rief Guste lachend. Du kannst Gott danken, wenn der mein Freund ist.

Hättest ihn gestern reden hören können, murmelte Anton. Hat anderthalb Stunden in einem Athem gesprochen, aber ich will verdammt sein, wenn ich weiß, was er wollte.

Weil Du undankbar bist, sagte die Frau auffahrend. Er hat es mir heute geklagt, der liebe, gute Herr. Du hast den ganzen Abend gesessen wie ein Nachtwandler und hast Gesichter geschnitten, als hättest Du Wermuth genossen.

Also ist er hier gewesen? fragte Anton höhnisch. Der Kerl soll nicht hierher kommen.

Höre, Anton, erwiderte sie, sei vernünftig oder es wird nicht gut. Der Geheimrath kann uns alle Tage unglücklich machen, wenn er will, und nur weil die gnädige Frau gebeten hat, thut er es nicht. Der Herr Professor ist aber ihre rechte Hand, was der sagt geschieht; darum, mag er Dir gefallen oder nicht, so mußt Du freundlich zu ihm sein. Wer arm ist, muß sich bücken und so ein Mann hat es gern, wenn er geschmeichelt wird.

Lieber will ich in kochendes Pech fassen, rief der Schuhmacher wild.

Du bist ein Querkopf, lachte seine Frau. Pech haben wir genug, bleib davon, so weit Du kannst. Der Professor hat mir versprochen, Dir viele Arbeit zu verschaffen bei seinen vornehmen Freunden; aber Du mußt auch danach sein. Was haben wir denn von Deinen sauberen Freunden gehabt? Nichts als Aerger, nichts als Schaden und Unglück.

Aber keine Heuchler, keine Freunde, die uns streicheln und schmeicheln, so lange wir thun, was sie haben wollen; wenn wir aber irgend nicht wollen, uns wie Verbrecher behandeln.

Na, Du Narr! rief Guste, so thue doch was sie haben wollen, dann ist ja Alles gut. Was kannst Du denn überhaupt machen? Und wer hilft Dir, wenn Du im Elende bist? Die großen Herren aus dem souveränen Volke etwa? Sie lachte höhnisch auf. Nicht einmal meine beiden feinen Tücher habe ich wieder bekommen von der lumpigen schlechten Weibsperson. Und daran bist Du Schuld. Du ganz allein bist daran Schuld!

Als Anton dies Thema anschlagen hörte, schwieg er still und ließ geduldig noch ein halbes Dutzend erbitterte Zornreden über sich ergehen.

Als aber kaum die letzte ihr Ende erreicht zu haben schien, ließ die Klingel draußen an der Eingangsthür sich hören. Frau Mertens schwieg daher auch, sah durch die Glasscheiben in den kleinen Laden und sprang dann sogleich mit erheitertem Gesicht dienstfertig auf.

Da kommt der Herr Professor, flüsterte sie halblaut. Daß Du vernünftig bist, Anton, ich sage Dir, daß Du Dich wie ein anständiger Mann benimmst.

Sie öffnete die Thür und lächelte dem vornehmen Besuch entgegen, dieweil Professor Viereck mit herablassender Würde ins Zimmer trat. Huldvoll erwiderte er das Lächeln der hübschen jungen Frau, indem er langsam an seinen Hut faßte und ihn abnahm. -- Guten Abend, sagte er dann, guten Abend, mein lieber Mertens.

Es ist ja der Herr Professor, Anton! rief Guste dazwischen, als ihr Mann nicht schnell genug aufstand.

Ich wollte alleweil die Arbeit fortlegen, versetzte der Schuhmacher so freundlich, als er vermochte. Sie halten es mir zu gut, Herr Professor.

Ich liebe die Arbeit und liebe die Arbeiter, erwiderte dieser in seiner pathetischen Weise. Ein fleißiger Mann, ein rechter Mann, und wo die Frau emsig die Finger rührt, wo sich das Herbe mit dem Zarten, wo Starkes sich und Mildes paarten, da giebt es einen guten Klang.

Anton hatte seine Arbeit wieder genommen und sah den Professor von der Seite an, der seinen großen grauen Mantel ablegte, und indem er den Stuhl nahm, den Frau Mertens für ihn zurecht stellte, sein rundes Gesicht ihr zuwandte.

Was das schön klingt, wenn Sie sprechen, sagte Guste, man wird ganz hingerissen.

Es sind die Worte nicht, erwiderte der Professor mit Würde, es ist der Geist, der die Worte beseelt.

Ja, wir armen Leute, seufzte Guste, so etwas kommt selten an uns.

Kennen Sie Schiller, Frau Mertens? fragte der Professor.

Schiller? erwiderte sie. Der Demokrat, der Schlosser aus der Weberstraße? Anton kannte ihn früher einmal, aber er hat nichts mehr mit ihm zu thun. Wir können es beide versichern.

Der Professor lachte laut und lange, dann faßte er in seine Binde und sagte beruhigend: Seien Sie ohne Sorge, ich glaube es. Es ist lieblich diese Naivität zu sehen, die so unschuldig und darum so reizend ist. Nein, liebe Frau Mertens, ich meine einen anderen Demokraten, der freilich auch mancherlei Schlösser und Schlüssel dazu gemacht hat.

Der Herr Professor meint den großen Dichter, Friedrich Schiller, sagte Anton von der Arbeit aufblickend.

Friedrich von Schiller, sprach der Professor belehrend. Also Sie kennen ihn?

Im Handwerkerverein habe ich oft seine Gedichte lesen hören, auch manche Lieder wurden gesungen. Zum Beispiel das schöne Lied an die Freude, fügte er mit einem leisen Seufzer hinzu.

Nun sehen Sie, sagte der Professor zu der jungen Frau, so wird es mir Vergnügen machen Ihnen diese Gedichte nächstens mitzubringen und einige davon vorzulesen.

Ah! wie gütig Sie zu uns sind, rief Guste dankbar nickend.

Ich glaube, daß ich sehr gut vorlese, fuhr Viereck herablassend fort. Ich thue es zuweilen den Damen beim Thee zu Gefallen, wenn ich darum ersucht werde. Neulich beim Baron Leichtwitz habe ich den Hamlet gelesen, und bei dem Oberst von Arnstein den Faust. Den kennen Sie wohl nicht?

Faust? erwiderte Frau Mertens, die ihre Augen bewundernd auf den Professor heftete, den kenne ich wirklich nicht persönlich.

O! Natur, himmlische Natur! rief der Professor, wie beglückst Du Deine Wesen. Sie sollen den Faust kennen lernen, ich verspreche es Ihnen, aber was ich sagen wollte und weßhalb ich eigentlich heut hereingetreten bin, das ist eine besondere Angelegenheit.

Er wandte sich zu dem Schuhmacher, der sich um Nichts zu kümmern schien, sondern, den Kopf gebeugt, emsig fortarbeitete. Mein lieber Mertens, fuhr er fort, Sie haben gestern zwar nicht ganz nach meinen Wünschen in der Vereinsversammlung Ihren Eifer bethätigt, aber dennoch sah ich zuweilen Ihre Theilnahme und Freude und Ihr inneres Wohlbehagen auf Ihrem Gesicht. Habe ich nicht Recht, wenn ich denke, daß Sie sich erwärmt fühlten in dieser Gesellschaft der würdigsten und der besten Männer.

O, ja! o, ja! antwortete Anton. Warm wurde ich, um's ganze Herz herum warm.

Das ist die Macht der Wahrheit! rief der Professor, energisch die Hand erhebend, indem er auf den Arbeiter liebevoll niederblickte. Warm um's ganze Herz herum! Diese Aeußerung werde ich mir notiren und nächstens vortragen im Verein, als einen überzeugenden Beweis, welche schöne Früchte unsere Bestrebungen reifen sehen. Warm um's ganze Herz herum! Dies von einem einfachen, schlichten Manne mit Begeisterung ausgerufen, ist hinreißend. Ja, der wahre Patriotismus ist Poesie. Sie sind ein Poet, Mertens!

Sakerment, nein! rief Anton, der nicht recht wußte, sollte er lachen oder sich ärgern. Alleweil bloß ein Schuhmacher, der aber seine Sache auch versteht.

Ich werde diese Angelegenheit ordnen, fuhr der Professor fort, indem er sich in dem Stuhl ausstreckte, die Füße kreuzte und die Däume in die Achselöffnungen seiner Weste steckte. Ich werde dem Vereine einfach erzählen, welche Wirkung die erste Versammlung auf Sie gemacht hat. Dann treten Sie vor, reden was Ihr Herz spricht, wenige warme, treuherzige Worte und ich bin überzeugt, daß Ihr Geschäft die Folgen davon verspüren wird. Treue wird belohnt, Treue muß belohnt werden!

Reden! rief Anton erschrocken, eine Rede halten? O, Sakerment! lieber will ich mir die Zunge abschneiden.

Kehren Sie sich nicht daran, Herr Professor! rief Guste triumphirend dazwischen. Ich will ihn schon dahin bringen, daß er reden muß, wenn noch ein Funken Vernunft in ihm ist. Du sollst und mußt reden, Anton!

Recht so, theure Frau, sagte Viereck mit einem begeisterten Zunicken. Die sanfte Ueberredungskunst der Frauen steht als Schutzgeist neben dem widerstrebenden Mann.

Er müßte ja blind sein, wenn er nicht einsieht, daß Sie nur unser Bestes wollen, sagte sie.

Und das will ich auch, rief der Professor. Ich sehe hier eine Familie, die es verdient. Eine muthige, treffliche, entschlossene Frau, die unter mancherlei Sorgen zeigt, daß die Natur ihr ein edles, treffliches Herz gegeben hat.

Ach, nicht doch! Herr Professor, nicht doch! flüsterte Guste beschämt.

Ja, so ist es! fuhr er mit Energie fort. Die Kleider thun es nicht, Rang und Stand auch nicht, aber die Natur thut es. Noch gestern habe ich dies meinen Freunden, ich habe es Grafen und Baronen ins Gesicht gesagt.

Siehst Du wohl! sagte Guste, und da sagen sie noch, es sind Aristokraten!

Menschenliebe! rief der Professor, reine, edle Menschenliebe, das ist das große Heilmittel aller Schmerzen und Trennungen, welche diese Welt bedrücken. Wir wollen helfen denen, die mit uns sind.

Das ist unsere Aufgabe, sagte er nach einer Pause, während welcher er die Arme kreuzte und sich völlig beruhigte. Sie wissen, Frau Mertens, daß wir eine Weihnachtssammlung machen; ich habe Sie auf die Liste gesetzt, damit freudige, schöne Feiertage bei Ihnen einkehren. Sie werden es doch nicht übel nehmen, sagte er lachend, wenn das Komité, dem ich die Ehre habe anzugehören, sich dafür erklärt, daß der treugesinnten Familie Mertens zehn Thaler oder vielleicht auch zwanzig Thaler, ich werde schon sehen, was sich thun läßt, als eine brüderliche Weihnachtshülfe zugesandt werden?

Ach lieber, verehrter Herr Professor, sagte Guste voll Seligkeit die Hände faltend, wie können Sie denken; so bedanke Dich doch, Anton, und sitze nicht da wie ein Stock.

Keinen Dank, sagte der Professor mit beiden Händen winkend, keinen Dank meine Freunde. Menschenliebe ist der höchste Lohn und dieser wird mir -- bei dem letzten Worte sank plötzlich seine Hand nieder, der Laut kam abgebrochen hervor, starren Blickes schaute er nach den Glasscheiben der Ladenthür, zu welcher er zufällig sich umgewendet hatte. Die dunkle Gestalt eines Mannes schien dort zu stehen und rasch zurückzuweichen. Auch der Schuhmacher hatte den Kopf aufgehoben, er warf die Arbeit fort und sprang auf. Es war mir doch so alleweil, rief er, als hörte ich die Klingel anschlagen.

Der Professor schien von einem gewaltigen Erschrecken befallen zu sein, er war sichtbar blaß geworden. Es kam mir so vor, sagte er, während Anton hinausging, als sähe ich einen Kopf dicht hinter den Glasscheiben, der mit seinen boshaften Augen mich betrachtete und wie ein Teufel aus seinem roth ausgeschlagenen Mantel heraussah.

Lieber Gott! wer kann es denn sein? redete die Frau. Anton spricht mit ihm. Es wird nichts so Schlimmes sein, guter Herr Professor.

Mag es sein, wer es will, sprach Viereck mit neuem Muth, selbst wenn es der sein sollte, der mir dabei zufällig einfiel, selbst dieser elende Taugenichts würde mich nicht erschrecken können.

Im Augenblick machte Anton die Thür auf, und draußen fiel der nacheilende Lichtstrahl auf einen weitflatternden Mantel, in welchen der Fremde sich einhüllte und schweigend die Kellertreppe hinaufstieg.

Wer ist es? was will er? fragten Beide dem Schuhmacher entgegen.

Alleweile sage nichts mehr, Guste, rief Anton ganz belebt vor Freude. Hier sind Deine beiden Tücher, so rein und weiß, als wäre nie ein Blutfleck darin gewesen, und dazu -- er drehte sich auf dem Hacken um, wie Einer, der sich seiner Dummheit plötzlich bewußt wird, warf das Haar von seiner Stirn und sagte dann etwas kleinlaut: dazu vielen Dank für alle Güte und Liebe.

Blutflecken? fragte der Professor. Wer hat denn sein Blut hier vergossen?

O! erwiderte die Frau schnell gefaßt, es hatte nichts zu sagen. Eine fremde Dame, die wir nicht kennen, hatte sich an den Kopf gestoßen. Ich lieh Ihr die Tücher und meinte schon, wir würden nichts davon wiedersehen.

Und der Mann, welcher eben hier war, hat die Tücher wiedergebracht?

Ja wohl, Herr, das hat er, antwortete Anton.

Wissen Sie, wie er heißt?

Wie er heißt? Er hat es mir nicht gesagt.

Aber wie er aussieht, fuhr der unermüdliche Frager fort, indem er den Schuhmacher mißtrauisch musterte, das werden Sie doch sagen können? Er ist groß, nicht wahr? Breitschulterig, hat eine etwas dicke Nase, funkelnde große Augen und trägt einen Bart, so recht, wie er sein muß, rund ums Gesicht.

Anton hörte aufmerksam zu und sagte dann bedächtig: Ich kann's nicht behaupten, ich habe ihn zu wenig darauf angesehen und sehen können.

Hm! sprach der Professor ärgerlich, indem er aufstand, ich werde heut nicht weiter in Sie dringen, aber gut wird es sein, wenn Sie mir morgen die Wahrheit gestehen. Mit dem Menschen dürfen Sie keinen Umgang haben, wenn Sie der guten Sache anhängen. Auf morgen also und dann erzählen Sie mir, was er von Ihnen will.

In der Frühe des nächsten Morgens verlangte der Kommissarius den Geheimrath zu sprechen, der ihn in seiner wohlwollenden Art empfing.

Nun, mein lieber Herr Nachbar, sagte er, ihm die Hände drückend, haben Sie nochmals herzlichen Dank für Ihre gütige und umsichtige Ueberwachung meines lieben Alfred. Daß seine Verlobung mit meiner Tochter stattgefunden hat, wird Ihnen bekannt sein, und da nichts Verdächtiges mehr vorgekommen ist, so möchte ich glauben, es sei keine Vorsicht weiter nöthig.

Ich bin in der That ganz derselben Meinung, erwiderte der Beamte.

Aber noch Eines, fuhr Wilkau vertraulich fort, eine Frage: Kennen Sie den Fabrikanten Herzer?

Eben deswegen, sagte der Kommissar lächelnd, möchte ich mir eine Bemerkung erlauben. Dieser Herr Herzer ist uns wohl bekannt und seiner Gesinnung wegen widmen wir ihm einige Aufmerksamkeit. Wir wissen zum Beispiel, wer bei ihm ein- und ausgeht, und halten namentlich auch seinen Sohn unter Aufsicht, der aus Amerika zurückgekommen ist.

Nun? fragte der Geheimrath erwartungsvoll.

Wir müssen sagen, daß er sich ruhig verhält, fuhr der Beamte fort. Besonders in der letzten Zeit ist nichts vorgefallen. Die Familie ist sehr häuslich, es wird viel musicirt und, fügte er mit einem fixirenden Blick auf den Geheimrath hinzu, es finden sich dazu selbst zuweilen Zuhörer unter den Fenstern ein.

Ah, Sie haben mir erzählt, sagte Wilkau, daß Herr von Gravenstein sich sogar einmal dies Vergnügen gemacht hat.

Nicht einmal, gab der Kommissär zur Antwort. Er hat es wiederholt.

Ein eigenthümlicher Geschmack, rief der Geheimrath spottend.

Auch gestern Abend ist es der Fall gewesen, fuhr jener fort.

Gestern Abend? Alfred war bis gegen 11 Uhr bei uns.

Er ging von hier aus dort hin, und dann vor dem Hause auf und ab.

Aber es war eine wilde, kalte Nacht, sagte der Geheimrath erstaunt.

Es schneite ein wenig und war ziemlich dunkel. Plötzlich wurde ein Fenster geöffnet.

Wie, ein Fenster geöffnet?

Eine Gestalt beugte sich heraus und eine leise Stimme sagte: Hier ist die Antwort, aber fort! fort! Damit flog ein Papier, das an etwas Schweres gebunden war, auf die Straße. Das Fenster wurde schnell geschlossen; Herr von Gravenstein ging langsam näher, hob das Fallende auf und entfernte sich dann.

Das ist eine Täuschung! rief der Geheimrath bestürzt. Herr von Gravenstein kann es nicht gewesen sein.

Er ging in seine Wohnung und wurde bis zur Thür begleitet, erwiderte der Kommissär mit unerschütterlicher Bestimmtheit. Wir täuschen uns so leicht nicht, gnädiger Herr.

Dennoch, erwiderte der Geheimrath im strengen Tone, muß es ein Irrthum sein; aber sei dem, wie ihm wolle, ich danke Ihnen für diese Mittheilung und bitte Sie, Ihre Beobachtungen aufs genaueste fortzusetzen. Könnten wir nur den Inhalt des Briefes erfahren.

Wahrscheinlich werden wir aus den Wirkungen sehen können, was er enthielt, sagte der Beamte. Herr von Gravenstein wird nach dem Inhalt handeln.

Was meinen Sie? Was denken Sie? fragte Wilkau.

Ich denke, versetzte der Beamte lächelnd, daß es sich sicher um ein kleines Abenteuer handelt. Die Gestalt am Fenster ist eine weibliche Gestalt gewesen; die Stimme war sanft und furchtsam, es ist keine andere junge Dame dort im Hause als Fräulein Herzer.

Sie glauben? fiel der Geheimrath ein.

Es soll ein sehr schönes junges Mädchen sein, lächelte der erfahrene Mann achselzuckend. Was kommen nicht für Dinge in der Welt vor, und junge Herren, selbst wenn sie verlobt sind, haben doch häufig noch Augen für andere Schönheiten.

Machen es doch die Verheiratheten oft noch schlimmer.

Der Geheimrath schüttelte zu dieser Beruhigung den Kopf. Nach der Hochzeit, sagte er halblaut, mag man eher Entschuldigungen dafür finden, aber vorher sind solche Thorheiten weit gefährlicher.

Er dachte noch einen Augenblick nach und sein Gesicht nahm den starrsten Ausdruck des Hasses an. Diese verworfene Familie! murmelte er vor sich hin, es ist empörend, wenn ich Alles bedenke. Mein theurer Freund, sagte er dann laut, in Ihren Händen ruht ein wichtiges Geheimniß, dessen Bekanntwerden mir sehr unangenehm sein würde.

Seien Sie ganz unbesorgt, erwiderte der Beamte.

Das bin ich nicht, aber ich rechne auf Ihre Hülfe, fuhr Wilkau lebhaft fort. Beobachten Sie ihn genau, forschen Sie aus, was das Papier enthält.

Ich wette darauf, bemerkte der Kommissär, daß es die Einwilligung zu einem Besuch oder die Erlaubniß dazu war.

Wohl möglich! -- o! wohl möglich! rief der Geheimrath. Bringen Sie mir Gewißheit darüber, ich will Ihnen dankbar sein. Ich muß Beweise haben, um überlegen zu können, was weiter geschehen darf; aber mit äußerster Vorsicht, ohne alles Geräusch, die tiefste Stille und Verschwiegenheit.

Der Kommissär versprach Alles, aber als er hinaus war, faßte der Geheimrath mit beiden Händen an seinen Kopf, den er wild schüttelte. Wenn ich mir das denke! rief er, wenn ich in diesen Abgrund blicke, möchte ich rasend werden.

Er hörte die Thür öffnen und ließ die Arme sinken, indem er die Aufregung aus seinen Mienen zu entfernen suchte, aber als hätte er ein Gespenst erblickt, wich er zurück, indem er den Kopf anstarrte, der durch den Spalt herein sah.

Ich bitte um Verzeihung, sagte eine tiefe, zitternde und demüthige Stimme. Ich fand den Vorsaal offen, ein Herr, der herauskam, sagte mir, daß ich -- Dich hier finden würde, und da ich Niemanden fand, da es mir lieb war, wenn ich ohne alle Zeugen wenige Worte mit Dir sprechen könnte, so trat ich ein.

Herr Herzer, erwiderte der Geheimrath mit vernichtender Kälte, indem er sich verbeugte, ich irre mich nicht, Sie sind es. Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuchs?

Der Fabrikant schüttelte mit einem traurigen Blicke den Kopf. -- Ich habe geglaubt, sprach er tief Athem holend, daß der Anblick eines alten schwergebeugten Freundes eine andre Wirkung auf Dich machen würde. Aber wie Du willst, es steht bei Dir, auch jetzt noch mich hart abzuweisen.