Weihnachtsabend

Part 6

Chapter 63,736 wordsPublic domain

Der Geheimrath nickte beifällig und der Kommissär fuhr fort: Später erschien auch der Exekutions-Direktor, ein uns wohlbekannter Mann. Der Assessor begleitete ihn, als er sich entfernte, und bald darauf verließ Herr von Gravenstein das Hotel, ging einige Straßen auf und ab, setzte sich dann in einen Wagen, und fuhr zu dem Magazin des Herrn Herzer.

Und was geschah dort? fragte der Geheimrath erwartungsvoll.

Er blieb sehr lange allda, sagte der Beamte, in den Bericht sehend, endlich fand sich der Exekutions-Direktor mit drei Gehülfen ein, welche am Hause warteten, bis Herr von Gravenstein heraustrat.

Die Beschlagnahme erfolgte also wirklich, rief der Geheimrath seufzend. Er ist doch sehr zu beklagen, der unglückliche Mann!

Herr von Gravenstein ging mit dem Direktor die Straße hinauf, sprach mit ihm eine Zeit lang, und entfernte sich dann.

Was sagen Sie? rief Wilkau hastig. Es geschah nichts? Sie gingen fort?

Sie gingen fort. Herr von Gravenstein speiste im Hotel, und ging dann wieder aus, wahrscheinlich um eine Wohnung zu suchen, die er auch in der Kurfürstenstraße gefunden hat. Er wurde dabei begleitet von dem Assessor Stephani, welcher vor dem Hotel ihn anrief, und zwischen den beiden Herren ging es sehr lebhaft her. Herr von Gravenstein erzählte etwas, was den Herrn Assessor sehr zu wundern schien. Unmöglich! rief dieser laut, Sie sind auf jeden Fall betrogen. Lassen Sie mich die Dinger doch näher betrachten. Herr von Gravenstein weigerte sich jedoch, ich hörte, daß er antwortete: Mag es sein, wie es will, ich habe die Bedingungen angenommen und werde sie halten.

Was halten? Was hat er angenommen? fragte der Geheimrath in lebhafter Unruhe.

Davon steht nichts weiter in dem Bericht, sagte der Kommissär achselzuckend. Die beiden Herren spazierten Arm in Arm weiter, besuchten dann das Theater und verfügten sich noch vor dem Schluß desselben in die Wohnung des Herrn Assessors, wo Herr von Gravenstein wahrscheinlich speiste, bald nach zehn Uhr aber sich entfernte.

Und in sein Hotel zurückkehrte, sprach der Geheimrath ungeduldig dazwischen. Ein ziemlich ungefährlicher erster Tag also.

Hier steht die Bemerkung, sagte der Kommissär, daß der junge Herr einen etwas weiten Umweg machte, um sein Hotel zu erreichen. -- Er ging nämlich mitten durch die Stadt bei dem Hause des Herrn Herzer vorüber, wo er längere Zeit still stand, vielleicht um dem Klavierspiel zuzuhören, was drinnen noch getrieben wurde.

Das ist eine seltsame Laune, rief der Geheimrath lachend. Wer spielte denn? Es wurde auch gesungen, nicht wahr?

Davon steht nichts hier, erwiderte der Beamte; aber man bemerkte einen Mann, der im Schatten der Häuser dem Herrn von Gravenstein langsam folgte und ihn genau zu beobachten schien.

Ein Mann, der ihn verfolgte? flüsterte der Geheimrath, seine Hand auf den Arm des Kommissärs legend. -- War es einer der beiden Taugenichtse? Einer der Mörder? Hat man ihn ergriffen?

Nein, sagte der Kommissär lächelnd, es war nicht nöthig. Er ging bis in die Mitte des Hotels mit, dann wurde er seinerseits beobachtet und verfolgt, und es ergab sich --

Was? Was?! fragte der Geheimrath.

Daß es der Herr Assessor Stephani war.

Stephani? -- Sonderbar.

Sehr sonderbar, sagte der Beamte.

Bah! lachte Wilkau. Sie wissen, junge Herren treiben Scherz, beobachten sich, oder es mag Fürsorge gewesen sein; genug, mein lieber Nachbar, ich sage Ihnen den besten Dank und bitte Sie, die genaue Ueberwachung fortzusetzen. -- Den Eifer der Wächter und ihre großen Mühen kann ich freilich nicht belohnen, aber die _buona mano_, wie die Italiener sagen, kann ich mir nicht versagen.

Er reichte dem Beamten lächelnd die Hand, und drückte ein Zettelchen hinein, das wie eine Banknote aussah, welche der würdige Mann jedoch vorläufig gar nicht zu bemerken schien. -- Er empfahl sich mit einer devoten Verbeugung, und als er fort war, setzte sich der Geheimrath nachdenkend in seinen Arbeitsstuhl, rieb sich die Nase und murmelte allerlei Worte dumpf vor sich hin, bis er plötzlich nachdrücklich sagte: Jedenfalls ist Alfred auf schlechten Wegen. Was soll das Alles heißen? Die Beschlagnahme erfolgt nicht. Abends spät läuft er an dem Hause vorbei, hört das Geklimper und bleibt lange Zeit dort stehen. -- Ich kann es nicht denken, daß er von diesen Menschen sich angezogen fühlt. Aber was haben sie ihm angethan, wie haben sie ihn gekirrt? Ich bin auf's Aeußerste begierig. Der Assessor, ja, der Assessor, der muß uns helfen, das ist der Mann dazu.

Während der Geheimrath in seinem Zimmer nun weiter grübelte und über Alfreds Sentimentalität und Thorheit sich ärgerte, war auf der anderen Seite der glänzenden Wohnung die Geheimräthin auch nicht ohne Besuch. Sie saß vor ihrem Arbeitstische wie auf einem Throne, eine Feder als Zepter in der Hand, und vor ihr standen zwei arme Sünder um Gnade flehend, von denen der Eine wenigstens sehr verlegen und niedergeschlagen aussah.

Es war das Ehepaar aus dem Keller des fünfstöckigen Hauses, Anton Mertens und seine rüstige Gattin. -- Er hielt den Hut zwischen seinen Händen und drehte daran umher, während sein Kopf gar nicht in die Höhe wollte und sein sonst blasses Gesicht einen röthlichen Schimmer der Freude oder Schaam trug. -- Guste stand neben ihm und schien nicht wenig über das linkische Benehmen ihres Mannes erzürnt zu sein. Ihre Augen flogen wie Richtschwerter über ihn hin; es war deutlich zu sehen, was ihr auf den Lippen saß, aber sie wagte doch nicht einen Vorwurf oder eine Klage auszusprechen.

Ihr habt also endlich Einsehen gehabt und wollt vernünftig werden, sagte die Geheimräthin mit einem gütigen Kopfnicken. Nun, der liebe Gott weist auch die nicht zurück, welche zuletzt kommen, also werden wir es nicht anders machen wollen; aber das muß ich dennoch sagen, von Anton hat mich die Halsstarrigkeit tief betrübt. Ein Mensch, der uns so viel zu danken hat, hätte niemals mit solchem Trotze gegen uns sich auflehnen müssen.

Der Schuhmacher zuckte die Achseln und stieß einige brummende Töne hervor, die unter seinem Hute sich verloren.

Ach! liebe, gnädige Frau, bat Guste, ängstlich die Hände faltend, es steht ja in der heiligen Schrift: Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet!

Ja wohl, Auguste, das steht da, sagte die Geheimräthin, und eben deswegen, eben weil wir alle Christen sind und jeder Christ seinen Mitmenschen liebend aufheben soll, wenn er fällt, darum will ich auch Alles vergessen, wenn Anton jetzt ernstlich und eifrig vom Bösen sich zu dem Guten wendet und Beweise giebt, daß er bereut.

So rede doch, sagte Guste, indem sie ihren unbeholfenen Mann mit dem Ellenbogen ziemlich lebhaft anstieß. Er ist ganz niedergeschlagen über Ihren Zorn, liebe gnädige Frau, fuhr sie dann eifrig fort; mehr als einmal hat er schon bitterlich darüber geweint, daß Sie ihn für undankbar halten können, während er für seinen Wohlthäter durch's Feuer gehen möchte. Ist es nicht wahr, Anton.

Bei diesen Worten hob Mertens das Gesicht auf. Er legte die Hand auf seine Brust und sagte treuherzig: Das war gescheut, daß Guste das sagt. Durch's Feuer möcht' ich gehen für meine Wohlthäter und Sie haben viel Gutes an uns gethan.

Ich will Ihnen gern die Feuerprobe erlassen, Anton, erwiderte die Dame gütiger gestimmt, aber das bitte ich mir aus, daß Sie sich in den Verein aufnehmen lassen.

Er soll gleich hingehen und sich melden, rief Guste eifrig.

Und dann versäumen Sie keine Versammlung, fuhr die Geheimräthin fort. Sie haben es nöthig, im Guten gestärkt zu werden; nicht einen Vortrag dürfen Sie auslassen.

Sorgen Sie nicht, gnädige Frau, ich werde schon darauf halten, fiel Guste mit einem gewissen entschlossenen und drohenden Tone ein.

Ich setze voraus, Anton, sagte die gnädige Beschützerin den bekehrten Sünder betrachtend, daß Sie freiwillig und aus wahrer innerer Ueberzeugung diesen Schritt thun, also mit frohem Herzen und jubelnder Lippe in unsere Reihen treten.

Den ganzen Morgen hat er gesungen, wie eine Frühlingslerche, rief Guste. Lache doch, Anton, zeige doch, wie Dir zu Muthe ist. Er freut sich inwendig, sagte sie mit wachsendem Eifer, er kann es nur nicht so von sich geben, wie er gern möchte, das ist immer meine Plage mit ihm. Sonst aber ist er von Herzen gut, ich kann nicht klagen. -- Zur Bekräftigung ihres Lobes fuhr sie mit der Hand über Antons Stirn und zog ihm bei dieser Gelegenheit den Kopf in die Höhe. Sehen Sie wohl, wie er sich freut, gnädige Frau, sehen Sie wohl, wie er lacht, fuhr sie fort. Er hat mir ja das feste Versprechen gegeben, Alles zu thun, was ich haben will. Ist es nicht wahr, Anton?

Der Schuhmacher machte ungefähr ein Gesicht wie Einer, der heimlich Ungarwein trinken wollte, doch unglücklicher Weise an die Essigflasche gekommen ist, sich aber den Irrthum auf keinen Fall merken lassen darf. Er zeigte seine weißen Zähne und verzerrte sein Gesicht in wunderlicher Weise, indem er mit dem Kopf schüttelte oder nickte, was nicht zu unterscheiden war.

Aber nicht allein ein treues und eifriges Mitglied sollen Sie sein, fuhr die Geheimräthin fort; der ganze alte Adam muß ausgezogen werden. Von dem bisherigen schlechten Umgange darf keine Spur übrig bleiben.

So ist es, sagte Guste, indem sie ihren langen Arm mit vieler Beweglichkeit ausstreckte. Der schlechte Umgang, die bösen Beispiele, das Zureden und die Verführung, die haben auf Anton gewirkt. Aber über meine Schwelle soll keiner mehr kommen; ich will mir schon Luft machen, wenn es so sein soll. Sage es noch einmal der gnädigen Frau zu, daß Du mit keinem von der ganzen Rotte mehr zu schaffen haben willst.

Nein, nein! murmelte der Schuhmacher, ich will mit gar nichts mehr zu schaffen haben. Alleweil aber laß es gut sein, ich denke Du kennst mich ja und die gnädige Frau auch.

Ah, lieber Professor! rief die Geheimräthin umblickend, weil sie die Thür knarren hörte. Kommen Sie näher, Sie kommen zur rechten Zeit.

Professor Viereck hatte sein rothes Gesicht durch den Thürspalt gesteckt, und schob jetzt seinen runden Körper hinterher. Wenn ich nicht störe, sagte er mit seiner gewöhnlichen Würde, aber ich muß durchaus nicht stören, sonst ziehe ich mich sogleich zurück. Einer meiner Freunde, Graf Buchwald, erwartet mich eigentlich zu einem Spaziergange.

Ich habe eine Bitte an Sie, sagte die Dame, ihm die Hand reichend. Hier ist ein Mann, den ich Ihnen empfehle, der Schuhmacher Mertens. Er ist zeither auf üblen Wegen gewandelt, hat jedoch sein Unrecht eingesehen und wünscht in unsern Verein aufgenommen zu werden. Ich kenne ihn genau und glaube, daß ich sein Gesuch befürworten darf. Nehmen Sie sich seiner an, lieber Professor, und bewirken Sie, als Vorstand, das Nöthige, damit er bei der nächsten Versammlung schon Ihren lehrreichen und stärkenden Vortrag nicht versäumt.

Der Professor hatte, während die Geheimräthin sprach, unverwandt den verlegenen Anton angeblickt, der sich mit größter Anstrengung zwang, einige scheue Blicke auf die großen funkelnden Brillengläser und die stolze Gestalt seines neuen Beschützers zu werfen. Einige Male nickte der Professor gravitätisch und mit hohem Ernst, dann wurden seine Züge gütiger; er faßte sich in die Halsbinde, rückte diese zurecht und sagte zuletzt mit liebreicher Stimme: Es macht mir in Wahrheit viel Vergnügen, daß ich, ehe ich meinen Freund, den Grafen Buchholz, besuchte, bei Ihnen eingetreten bin, um die Bekanntschaft dieses wackeren Mannes zu machen. Ich biete Ihnen meine Rechte dar, rief er vortretend mit großer Wärme, indem er seine Hand ausstreckte, es ist die Rechte eines Deutschen. Händedruck bedeutet deutsche Treue; Biederkeit ist das Erbtheil unseres Volks. Stehen Sie fest, theurer Freund! Wie heißen Sie?

Anton Mertens, stammelte der Schuhmacher verwirrt, denn seine Hand wurde tüchtig gequetscht.

Stehen Sie fest, Anton Mertens! rief der Professor, die Zeit ist darnach, daß wer Beine hat, fest stehen muß; aber lehnen Sie sich an Ihre Brüder, lehnen Sie sich an mich an, wenn Sie wanken. Ich stehe wie eine Säule unerschütterlich und werde Sie halten.

Sie sind immer gütig, sagte die Geheimräthin, und Anton kann gewiß nichts Besseres thun, als sich Ihnen ganz anvertrauen.

Kommen Sie zu mir, sprach der Professor, Sie müssen eingeschrieben werden und Ihre Karte erhalten. Was ich thun kann, soll geschehen. Für einen Menschen, für einen Bruder, für einen Freund sind meine Arme immer offen.

Edler Mann! sagte die Geheimräthin gerührt. Sehen Sie jetzt ein, Anton, was es heißt patriotische Grundsätze haben und zu Männern zu gehören, die ihre Mitmenschen mehr lieben wie sich selbst?

Eine Antwort wurde dem armen Anton erspart, denn bei den letzten Worten der Geheimräthin trat Elise rasch in das Zimmer, gefolgt von Alfred von Gravenstein, der lächelnd sagte: verurtheilen Sie mich nicht ohne Gehör, Elise, Niemand hat mehr dabei verloren als ich selbst.

So geht denn jetzt, sprach die Geheimräthin zu ihren Schützlingen, aber vergessen Sie nicht, Anton, Nachmittag die Karte zu holen und allen Ihren Pflichten nachzukommen. Mit einigen verlegenen Verbeugungen und nachdem sie an verschiedene Stühle und Tische gestoßen, entkamen Mertens und seine Frau glücklich aus dem Zimmer.

Ich sage zu Alfred, es sei kein gutes Zeichen für uns, daß wir gestern den ganzen Tag vergebens auf ihn hofften, rief Elise, sich zu ihrer Mutter wendend. Wir hatten darauf gerechnet, weil wir glaubten, ein Gravenstein hält stets sein Wort. Ein nöthiger Besuch wurde aufgeschoben, um mit unserem theuren Vetter eine kleine Spazierfahrt zu machen und Weiteres zu verabreden. Es ist freilich Thorheit in dieser ungläubigen Zeit noch zu den Gläubigen gehören zu wollen; ja selbst unser Vertrauen zu der deutschen Treue wird von nun an wankend, obwohl unser Freund, der gelehrte Professor, drauf schwört, daß diese eigentlich noch immer so hehr und rein dastehe, wie zu den Zeiten Heinrich des Voglers.

Aber Du leichtfertiges Mädchen, sagte die Mutter, es wird Alfred unmöglich gewesen sein, sein Versprechen zu erfüllen.

Mama, sagte Elise, ich lasse mich mit Unmöglichkeiten oder Möglichkeiten durchaus nicht ein. Es ist sehr bequem heut zu Tage diplomatisch die Achseln zu zucken, und wo die Erfüllung gegebener Versprechungen gefordert wird, zu sagen: Die Möglichkeit dazu ist nicht vorhanden. Ich verlange, daß ein Versprechen kein leeres Wort bleibt, sondern daß es gehalten werde.

Das klingt ganz rebellisch! lachte die Geheimräthin.

Hochverrätherisch! sagte der Professor, die Augenbrauen emporziehend.

Ich finde, es klingt ganz allerliebst, fiel Alfred ein, und von der allgemeinen Wahrheit darin ist obenein nichts abzuläugnen; aber ich hatte nur bedingungsweise versprochen, wenn ich es irgend vermöchte mich einzufinden. Zu meinem Bedauern habe ich davon abstehen müssen.

So beichten Sie wenigstens was Sie hinderte, sagte Elise.

Verdrießliche Geschäfte hatten mich so verstimmt, daß ich unbrauchbar für alle Gesellschaft war, sagte Alfred. Zudem suchte ich eine Wohnung, was Mühe machte, endlich aber war Herr Stephani so gütig mich aufzusuchen und den Abend mit mir zu verleben. Ich habe wenigstens von Ihnen viel gesprochen, liebe Elise, da ich nicht das Glück haben konnte Sie zu sehen.

Ueber Elisens Stirn flog ein hellerer Schein, der ihr blasses Gesicht überhauchte. Gut, sagte sie, wir wollen christlich alle Schuld ausstreichen, dagegen aber bekennen, daß, nachdem wir vergebens gewartet, uns der Abend sehr interessant vergangen ist. Herr Professor Viereck leistete uns Gesellschaft, und wenn irgend Etwas vollen Ersatz für den Verlust bieten konnte, so war es seine geistreiche Unterhaltung.

Ich habe die Ehre zu bemerken, rief der Professor, wonnevoll grinsend, daß Niemand geistreich sein kann, der nicht dazu angeregt wird; gerade so wie die Nachtigall nur schlägt in der süßen Frühlingsnacht, oder die Lerche sich in die Lüfte schwingt, wenn die lichte Morgensonne sie dazu reizt.

Ach! theuerster Professor, sagte Elise, wie beneide ich Sie um diese Fülle von wundervollen Einfällen, Bildern und Gedanken. Mit welcher Leichtigkeit vermögen Sie den größten Kreis zu fesseln und über alle Gegenstände mit derselben Begeisterung zu sprechen.

Bitte recht sehr! erwiderte der Professor, selbstgefällig lächelnd, meine geringe Gaben werden wirklich zu hoch angeschlagen.

Sie würden gewiß kommen, wenn Sie zu kommen versprochen hätten.

Wenn ich es versprochen hätte, würde mich nichts abhalten, rief der Professor energisch, indem er einen triumphirenden Blick auf Alfred warf.

Eben so ritterlich wie zartsinnig! sagte Elise, ihm die Hand reichend.

Der Professor führte diese feine schmale Hand mit ungemeiner Zierlichkeit an seine Lippen, indem er seinen linken Fuß nach hinten schob, als sei er bereit sein Knie zu beugen, und seinen Hals gewaltsam zurückdrückte, um einen süßschmachtenden Blick auf die schöne junge Dame zu werfen. Sein Lächeln war dabei so holdselig und seine linke Hand ruhte so fest auf seinem Herzen, als schwebe er im seligsten Himmel eines entzückenden Traumes. Mit deutscher Treue! sprach er, mit patriotischer Hingebung, mit dem Hochgefühl der Freiheit eines loyalen Unterthans, wie mein Freund, der Baron Hellwitz, sagt. Machen Sie die Probe, Fräulein Elise. Bestimmen Sie über mich, ich werde niemals fehlen. Niemals! verlassen Sie sich darauf, niemals!

Bei dem dritten und letzten Niemals war der Professor feierlich ernsthaft geworden, wobei er die Hand wie zum Schwure erhob und seinen Körper gebieterisch ausdehnte. Eben so ernsthaft nickte ihm das Fräulein zu. Dann aber wendete sie sich zu Alfred und brach in ein lautes, unauslöschliches Gelächter aus, als sie in sein anmuthiges Gesicht sah. Folgen Sie mir, mein mißgerathener Vetter, rief sie, ich muß weitere Aufschlüsse von Ihnen haben, auf der Stelle mich von Ihren bösen Gedanken überzeugen, und ohne Zögern ergriff sie Alfreds Hand und öffnete die Thür des anstoßenden Kabinets.

Ich kann es nicht länger ertragen, ohne zu ersticken, flüsterte sie. Leben Sie wohl, theurer Professor, ich glaube an Ihr Niemals, es klingt in meinem Herzen wieder und macht mich höchst glücklich und traurig. Hier drückte Sie die Thür zu, warf sich auf einen Stuhl und sagte mit krampfhaftem Lachen: Es giebt nichts Närrischeres wie diesen aufgeblasenen Pinsel. Lachen Sie, Alfred, aus Erbarmen! Lassen Sie mich nicht allein lachen.

Der Professor hörte mit gespitzten Ohren das schallende Gelächter, wie es durch die Thüre drang. Es fiel ihm nicht im geringsten ein, daß er ausgelacht werden könnte, aber er ärgerte sich über den schweigsamen Vetter, und dachte dabei mit Selbstgefühl an den letzten Blick, den Elise von der Thür aus ihm zugesandt hatte. Es scheint eine lustige Beichte und ein recht vergnügliches Examen zu sein, sagte er endlich. Herr von Gravenstein kann also auch lachen, er sieht gewöhnlich sehr ernsthaft aus.

Er ist wirklich fast zu ernsthaft für seine Jahre, erwiderte die Geheimräthin, aber Sie, lieber Professor, mit so vielem Talent zur Geselligkeit und Fröhlichkeit begabt, bei Ihnen ist es doch seltsam, und gar nicht recht, daß Sie -- ja wie soll ich doch sagen -- daß Sie nicht irgend ein Wesen dauernd beglücken.

Beglücken! rief der Professor mit einem Seufzer, indem er den Kopf in seine Hand stützte. Es ist dies ein inhaltschweres Wort.

Allerdings ja, fuhr die Dame fort, aber Ihnen kann die Auflösung nicht schwer werden.

Sagen Sie das nicht, gnädigste Frau, fiel er ein, indem er bedenklich den Kopf schüttelte und starr vor sich hinsah. Ich bin schwer zu befriedigen.

Das muß so sein, erwiderte sie lächelnd, aber auch für den verwöhntesten Gaumen wird ja die Speise gefunden.

Halten Sie mich für keinen Gourmand, rief er betheuernd. Um Himmels Willen! nein, ich bin durch und durch Natur und Gesundheit. Ich würde gern heirathen. Warum sollte ich nicht heirathen? Jeder gute Staatsbürger muß heirathen. Jeder Christ und Mensch hat zarte Triebe empfangen.

Also warum thun Sie es nicht? fragte die Geheimräthin.

Oh! sagte der Professor, mit der Hand in die Binde fahrend und herablassend lächelnd, Sie können wohl denken, gnädige Frau, daß ich bei meinen zahlreichen Bekanntschaften in höheren Kreisen mancherlei Gelegenheit habe, Parthien zu machen.

Ich wundere mich auch nur, daß es noch nicht geschehen ist, sagte die Dame schalkhaft.

Ich fand nie vereint, was ich suchte, rief der Professor mit einer abweisenden Handbewegung. Hier war Reichthum, dort Geist, hier Schönheit, dort Liebenswürdigkeit, Talent, Name, Familie, aber die schöne Verschlingung zum Ganzen fehlte.

Und Sie wollen nicht verwöhnt heißen! lachte die Geheimräthin.

Gnädige Frau, sprach der Professor sich stolz aufrichtend, indem er sie durch seine Brillengläser starr ansah, ich habe die Ehre, Ihnen zu bemerken, daß es Wesen giebt, deren Herz, obwohl voller Natur und Gefühl, doch niemals im Staube das Ebenbürtige suchen kann. Wie der Adler sich aufschwingt und alles kleine Gewürm unter sich verachtet, so sind auch die süßen Empfindungen dieser geläuterten Wesen nur erregbar, wenn sie von den Kreisen und Schwingungen einer höheren Harmonie berührt werden. Sie kennen die Chladnischen Klangfiguren, gnädige Frau. Jeder rauhe, grobe Ton verwandelt die Masse und verschlingt sich darin zu eckigen, rohen Gestalten, während die zarten Töne wunderbar schöne Sterne und Strahlen bilden, die in sanften Wellenlinien und Kreisen sich vereinigen. -- Es giebt eine Aristokratie schöner Seelen! seufzte er, seine Stirn reibend, und was zu ihr gehört muß nach Idealen streben oder entsagen.

Nun ich hoffe doch, lieber Professor, sagte die Geheimräthin, der etwas bange wurde bei seinen starren Blicken und seltsamen Geberden, daß Sie so leicht nicht entsagen, sondern Ihr Ideal finden werden oder vielleicht sogar gefunden haben.

Nie! rief er mit Energie, aber doch, wer weiß! Das Glück ergreift den Sterblichen oft in der dunkelsten Minute seines Lebens und wenn ich wüßte -- hier öffneten sich seine runden Augen so weit als möglich, sein breites rothes Gesicht nahm einen verklärten Ausdruck an und seine Blicke ruhten abermals mit so stierem Entzücken auf der Geheimräthin, daß diese sehr unruhig zu werden begann und einen Versuch zum Aufstehen machte.

Bleiben Sie, theuerste Frau, bleiben Sie, rief der Professor, seine Hand ausstreckend. Es ist eine große erhabene Minute.

Sie erinnern mich daran, sagte die Dame mit einem verzweifelten Entschluß, daß ich mir vorgenommen habe, Ihnen eine vertraute Mittheilung zu machen.

Vertrauen gegen Vertrauen, erwiderte er. Tauschen wir unsere Seelen aus.

Sie sind unser treuer, bewährter Freund, fuhr die Geheimräthin fort, ich weiß, daß wir auf Ihre Hingebung und Verschwiegenheit wie auf Ihren Rath und Ihre thätige Hülfe rechnen können.

Mit deutscher Treue und patriotischer Standhaftigkeit! erwiderte der Professor, feierlich seine Rechte auf die Brust legend.

Es handelt sich um Elisen, flüsterte sie, nach der Thür blickend.

Handelt sich um Elisen! widerholte er. Ich konnte es denken.

Um ihre Verheirathung. Wir glauben bemerkt zu haben, daß Elise von einer Neigung ergriffen ist, der wir keinen Zwang anthun wollen, da es sich um das Glück unseres einzigen Kindes handelt.

Ein stummes Kopfnicken und Lächeln war die Antwort des Professors.

Sie wissen, daß wir frei von Vorurtheilen sind, sagte Frau von Wilkau, nur verlangen wir, daß Elisens Wahl auf einen edlen, würdigen Mann falle, dessen patriotische Gesinnung ihm die Achtung der Welt sichert. Zu unserer großen Freude ist der Gewählte ein Stern am Himmel des Vaterlandes, auf den wir mit Stolz blicken können.

Das ist zu viel, vielleicht viel zu viel! sprach der Professor, demüthig sein Haupt neigend. -- Nein, gnädige Frau, man darf kein Verdienst überschätzen; jeder menschliche Wille, auch der stärkste findet sein Ziel.

Wie dem auch sein mag, fuhr die Geheimräthin fort, so ist es gewiß, daß wir gern unsere Einwilligung geben. Wir erwarten nur die Erklärung, welche, wie wir hoffen dürfen, heut morgen erfolgen kann.